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In dem Roman „1984“ von George Orwell, der in einem autoritären Polizeistaat spielt, gibt es die sogenannte Gedankenpolizei. Die verfolgt nicht nur Leute, die irgendwas Verbotenes getan haben. Schuldig macht sich schon, wer nur an etwas Verbotenes denkt – ohne die geringsten Anstalten, es wirklich zu tun. Der Text, der heute Morgen in den Katholischen Gottesdiensten zu hören ist, den könnte man auch so verstehen. Er findet sich in der sogenannten Bergpredigt Jesu, in der er seine Lehre wie in einem Grundsatzprogramm zusammenfasst. Da heißt es dann zum Beispiel: Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. (Mt 5,27f). Das ist starker Tobak. Hört sich auf den ersten Blick an wie ein Fall für Orwells Gedankenpolizei. Doch wie so oft in der Bibel steht auch hinter diesem Satz ein tiefer gehender Gedanke. Dass nämlich ein Vergehen, oder eine Sünde, wie es die Bibel nennt, fast immer im Kopf beginnt und nicht erst mit der eigentlichen Tat. Heißt in diesem Fall: Dass ich allein durch die Vorstellung, mit einer anderen Frau eine Affäre zu beginnen, schon das in Frage stelle, was ich meiner Frau mal versprochen habe. Und man kann ja weiterdenken: Die bloße Idee etwa, ich könnte bei der Arbeit doch mal Geld unterschlagen, beschädigt schon das Vertrauen, das der Arbeitgeber mir entgegenbringt. Wer etwas Falsches also nur in Erwägung zieht, ist moralisch schon nicht mehr integer. Auch wenn er oder sie sich nichts zu Schulden kommen lässt.
Trotzdem gibt es ziemlich gute Gründe, warum etwa unser Strafrecht ein Tatstrafrecht ist. Warum ich also nur wegen tatsächlich begangener Straftaten vor Gericht lande, und nicht für irgendwelche dunklen Gedanken. Wer das aufgäbe würde schnell auf einer schiefen Ebene landen, die – wie in Orwells Roman - in einem Überwachungsstaat endet.
Für die, die ihm folgen wollen, wünscht sich Jesus allerdings einen höheren Maßstab. Als Christ soll ich versuchen, moralisch integer sein. Innerlich so gereift, dass ich gar nicht in Erwägung ziehe, etwas Übles zu tun. Auf der Stufenleiter der moralischen Entwicklung ist das ziemlich weit oben. Ein hoher Anspruch, an dem ich selbst auch immer wieder mal scheitere. Aber ist er deshalb unrealistisch? Nicht lebbar? Nein! Es ist keine Vorbedingung um Christ zu sein. Aber ein Ziel, an dem ich mich als Mensch und als Christ ausrichten kann und wachsen darf.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43866„HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.“
Ist das nicht schön? Ein wunderschöner Text; aus einem alten Gebet der Bibel– aus Psalm 36.
Ehrlich gesagt: im ersten Moment denke ich bei dem Psalm gar nicht so sehr ans Beten. Ich muss eher an eine Fahrt durch die Berge denken, die ich vor ein paar Jahren gemacht habe. Oder an meinen letzten Spaziergang übers freie Feld: an frische Luft, an einen weiten Himmel und weiße, luftige Wolken.
„Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist…“ – da geht der Kopf doch fast unwillkürlich nach oben. Und ich denke, genau deswegen ist es eben doch ein Gebet: weil man aufatmet. Der Druck lässt nach. Und auch wenn meine Sorgen – überhaupt Nöte und Ängste - nicht einfach so verschwinden –im Gebet höre ich, spüre ich: Gott ist größer als diese Sorgen, weiter, tiefer. Im Psalm selbst klingt das so:
„Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe. HERR, du hilfst Menschen und Tieren.“
Gottes Gerechtigkeit – die reicht von der höchsten Bergspitze bis hinunter in die tiefste Tiefe! Meinen kleinen Horizont sprengt das bei weitem. Und im Gebet höre ich, spüre ich: Nichts, was wir Menschen anrichten oder woran wir leiden kann Gott etwas anhaben. Er wird für Recht und Gerechtigkeit sorgen.
Ja: „Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist…“ Trotzdem gibt es auch Tage, da bleibt mein Himmel grau – trotz dieser Worte. Ich werde nicht automatisch zuversichtlich, wenn ich Psalm 26 spreche. Bete ihn an solchen Tagen aber trotzdem gern. Ich sehne mich danach, aufzuatmen. Und will die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich der Himmel wieder weit über mir spannt.
An den grauen Tagen spreche ich die Worte des Psalms gern noch ein bisschen weiter. Denn weiter heißt es da:
Herr, bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht. (Psalm 36, 6-10)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43830Es ist noch früh heute Morgen, aber ich mute Ihnen dennoch direkt ein Fremdwort zu: „makarios“. Makarios ist griechisch und heißt übersetzt „selig“. Und wer heute einen katholischen Gottesdienst mitfeiert, wird dieses Wort in den so genannten Seligpreisungen ganz oft hören. Da heißt es zum Beispiel: „Selig sind, die Frieden stiften“ oder „Selig die Trauernden“ (Mt 5,1-12a).
Makarios bedeutet aber nicht einfach nur „selig“. Es ist viel mehr und meint eigentlich eine Seligkeit, die alles umfasst. „Makarios“, „selig“ bin ich, wenn alles einfach passt. Wenn es nichts mehr auszusetzen gibt. Wenn ich aus tiefstem Herzen zufrieden bin, unabhängig davon, wie meine Lebenssituation gerade ist. Selig sein – das gehört ganz eng zu der Vorstellung, wie es bei Gott sein soll.
Bei der katholischen Theologin Annette Jantzen[1] habe ich etwas ganz Interessantes gelesen. Es gehört in die Kategorie „Spezialwissen“. Sie schreibt, dass das Wort „makarios“ in der Bibel außer in den Seligpreisungen nur noch in der Szene vorkommt, in der sich Maria über ihre Schwangerschaft freut. Maria sagt da über sich selbst: „von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“ (Lk 1,48)
Selig sein, bedeutet doch dann: in Maria, aber auch in mir und in allen Menschen steckt ein göttlicher Kern, der wachsen und geboren werden wird. Wie ein Kind. Das kann ich nicht selbst machen, sondern ist ein Geschenk. Ein Versprechen, dass Gottes Seligkeit grenzenlos ist und dass es in mir passiert, ohne dass ich dafür etwas tun muss.
Das im Hinterkopf, lese ich die Seligpreisungen nochmal anders. Gerade den Menschen, die leiden, traurig, arm, verfolgt oder einsam sind, ist Gottes Nähe zugesagt. Gerade mitten in der schweren Lebenssituation findet Gott mich. Dann wächst Gottes Nähe in mir, nicht immer spürbar, aber einfach präsent.
Diese Präsenz Gottes in meinem Leben ist so schwer und gleichzeitig so schön zu glauben. Vielleicht kann ich es mir immer wieder bewusst machen, wenn ich glückselige Momente erlebe, wenn ich ein bisschen „makarios“ bin: Ja, Gott ist tatsächlich in mir.
[1]4. Sonntag im Jahreskreis A // zum Evangelium | Gotteswort, weiblich (aufgerufen am 21.01.2026)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43782Die Bibel erzählt, dass Gott uns Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat. Und Jesus unterstreicht das nochmal: In jedem Menschen, der dir begegnet, begegnet dir Gott höchstpersönlich. Manchen Menschen will ich aber gar nicht begegnen. Ich lebe ganz bequem in meiner kleinen Welt zusammen mit denen, die meine Meinungen und Werte teilen. Ich denke: So kann es bleiben, ziehe deshalb manchmal eine schützende Mauer um meine Welt – und merke es nicht mal. Dann zeigt Gott mir sehr humorvoll, dass seine Welt weiter ist als meine Grenzen.
Neulich wieder: Mein Mann und ich haben in Frankfurt einen alten jüdischen Friedhof besichtigt. Zurück auf der Straße sind uns zwei Tätowierte entgegengekommen, mit Kampfhund an der Leine. Sofort war ich auf Rückzug hinter meine innere Mauer. Nur schnell vorbei an denen. Aber die beiden sind stehen geblieben, haben uns angesprochen – freundlich und neugierig. Was denn das für ein Friedhof hier sei, auf dem so viele Grabsteine umgefallen sind. Und sie haben interessiert zugehört, was wir zu erzählen hatten darüber, dass er in der Zeit des Nationalsozialismus verwüstet worden ist. Weg war sie, meine innere Mauer. Oder wenigstens habe ich mal drüber geschaut. Und habe mal wieder gelernt: Gottes Welt ist weiter als meine Grenzen.
Gott zeigt auch dem Apostel Petrus sehr humorvoll, wie eng seine Grenzen sind. Kurz vor dem Mittagessen schickt Gott Petrus einen Tagtraum: Petrus sieht den Himmel offen und sein Mittagessen auf einem Tischtuch herabschweben. Aber Gott serviert ihm etwas, das er als frommer Jude nie essen würde. Tiere, die als unrein gelten: Schweine, Meerestiere, Schlangen – Petrus schüttelt es vor Ekel und sofort verkriecht er sich hinter die innere Mauer. Aber Gott fordert ihn nachdrücklich auf: „Iss! – Was ich rein gemacht habe, das sollst du nicht unrein nennen!“ (Apostelgeschichte 10,15) – Zum Glück ist dieser Tagtraum bald vorbei, aber damit noch nicht Gottes Lehrstunde zur inneren Grenzöffnung für Petrus. Direkt danach lädt ihn ein römischer Hauptmann mit Namen Kornelius in sein Haus ein. Das unreine Haus eines Nicht-Juden hätte Petrus als frommer Jude bis gestern nicht betreten – es hätte ihn geschüttelt vor Ekel. Aber jetzt versteht er: Wen Gott rein gemacht hat, den darf ich nicht unrein nennen. Ich soll Gott begegnen, in diesem Menschen, in Kornelius. Ja, Gottes Welt ist weiter als meine Grenzen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43750Mit Wasser getauft sind viele. Noch immer. Die meisten als Kind. Ich seit 61 Jahren. Aber mit Geist getauft? Das Sonntagsevangelium heute wirft diese Unterscheidung auf. Johannes tauft mit Wasser, Jesus mit heiligem Geist. Was bedeutet diese Unterscheidung? Wörtlich sagt Johannes der Täufer: Er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft[1].
Wer schon einmal bei einer Taufe dabei war, erinnert sich an das Wasser, das der Priester über das Haupt des Taufbewerbers ausgegossen hat. Wasser kann man sehen und jeder versteht, was es bedeutet. Wasser reinigt und erfrischt. Es ist unser Lebenselixier, auf das wir nur für kurze Zeit verzichten können. Wasser ist auch eine gewaltige Macht. Das Volk Israel konnte nur aus Ägypten fliehen, weil Gott sie vor den Flutmassen des Roten Meeres gerettet hat. Christen glauben, dass Gott so jeden rettet, der getauft ist und zu ihm gehört.
Und der Geist, was bedeutet es, mit ihm getauft zu sein? Den Heiligen Geist kann man nicht sehen. Er lässt sich nicht so leicht in ein konkretes Bild fassen wie Wasser. Wir können ihn nicht festhalten, ihn uns zu eigen zu machen. Das geht mit dem Geist Gottes nicht. Und das ist gut und richtig; und typisch für alles, was unmittelbar mit Gott zu tun hat. Denn zu Gott dringt man nur vor, wenn man nicht an Äußerlichkeiten hängen bleibt. Ich verstehe das Bedürfnis. Ich will auch lieber genau sagen können: So ist das mit Gott. Aber ich weiß auch: So geht das nicht. Gott ist immer mehr und größer und anders, als ich mir es ausdenke und wünsche.
Die Kirche lehrt: „Christus selbst tauft.“ Wer die Taufe vornimmt, ist lediglich sein Werkzeug. Also glaube ich, dass ich durch meine Taufe direkt mit Jesus verbunden bin, mit seinem Geist getauft wurde. Und dass es meine lebenslange Aufgabe bleibt, diesen Geist zu suchen und ihm zu folgen. Dazu darf ich nicht an Äußerlichkeiten hängen bleiben. Es kommt nicht in erster Linie auf das richtige „Gesangbuch“ an oder darauf, Vorschriften zu befolgen. Stattdessen muss ich hinter die Fassade schauen. Weil der Geist Jesu auch außerhalb der Kirche zu finden ist – auch bei denen, die ihr den Rücken gekehrt haben. Wo Not gelindert wird, wo der Gewalt ein Ende gemacht wird, wo Verzweifelte getröstet werden, da ist er. Denn: Der Geist weht, wo er will.
[1] Johannes 1,33
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43684Ein bisschen Wasser über den Kopf. Mehr passiert eigentlich nicht. Und doch ist es für mich jedes Mal ein ganz besonderer Moment, wenn ich einen Menschen taufe. Ich sehe das glitzernde Wasser im Taufbecken, meistens ist es extra ein bisschen angewärmt. Und ich beobachte die Reaktionen: Da sind die Säuglinge, die meine Hände ganz energisch von sich fernhalten wollen. Sie ahnen wohl, dass gleich etwas Ungewohntes passiert. Und da sind die anderen, die ganz neugierig nach den Tropfen greifen, die im Licht funkeln. Symbolisch lasse ich das Wasser dreimal über den Kopf des Kindes fließen und spreche die uralten Worte: Ich taufe dich auf den Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Der Predigttext des heutigen Sonntags erinnert daran, dass auch Jesus sich hat taufen lassen. Nur war er damals kein Säugling mehr. Er war ein erwachsener Mann, bereit loszuziehen und die Menschen für Gottes Welt zu begeistern. Er geht zum Fluss Jordan, zu Johannes. Der ist bekannt dafür, dass er die Menschen zur Umkehr ruft und sie tauft. Aber als Jesus vor ihm steht, zögert Johannes. Erst als Jesus ihn eindringlich bittet, willigt Johannes ein. Er taucht Jesus ganz unter im Jordan und zieht ihn tropfnass wieder herauf– ein kraftvolles Bild für einen Neuanfang. Und als Jesus wieder aus dem Wasser auftaucht, hört er eine Stimme, die ihm sagt: Du bist mein geliebter Sohn.
Damit wird klar, dass Jesus zu Gott gehört. Dass er bereit ist für seinen Weg. Aber – und das ist das Entscheidende: Noch hat er gar nichts geleistet. Er hat noch keine Kranken geheilt, keine Bergpredigt gehalten und noch nicht am Kreuz gelitten. Es ist noch gar nicht bewiesen, ob er dazu überhaupt in der Lage sein wird. Aber Gott bekennt sich zu Jesus, noch bevor der bewiesen hat, dass er das Zeug dazu hat. Gott sagt: „Du bist mein geliebtes Kind“ bevor Jesus dafür irgendwas Großartiges getan hat.
Deshalb passt es auch, dass wir Kinder oft ganz am Anfang ihres Lebens taufen. Noch bevor sie irgendetwas tun oder sagen könnten, was sie in den Augen der Welt wertvoll macht. Gott nimmt sie als seine Kinder an, ohne jede Gegenleistung. Wenn ich ein Kind taufe, dann sage ich danach oft einen Satz aus der Bibel, der für mich genau das ausdrückt: Fürchte dich nicht, sagt Gott zu dir, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43672„Stern über Bethlehem, zeig uns den Weg“. Das Lied ist inzwischen ein echter Klassiker geworden. In diesen Tagen wird es wahrscheinlich öfter zu hören sein. Da, wo Kinder und Jugendliche, als kleine Könige verkleidet, an den Türen klingeln und um eine Spende bitten für Kinder in ärmeren Teilen der Welt. Mit dem Lied erinnern die Sternsinger an eine biblische Erzählung, die heute, am 6. Januar, im Mittelpunkt steht. Die Geschichte der weisen Sterndeuter aus dem Orient, die sich auf den Weg zur Krippe machen. Sterndeuter. Das waren Leute, die den Sternenhimmel aufmerksam beobachtet haben. Sie waren hoch angesehen damals. Eine Art frühe Wissenschaftler. In alter Zeit stellte man sich vor, dass jedem Menschen ein Stern leuchtet, der mit seiner Geburt aufgeht und mit seinem Tod wieder vom Himmel verschwindet. Und ein außergewöhnliches Ereignis am Himmel kündigte demnach einen außergewöhnlichen Menschen an. Gut möglich also, dass die Geschichte der Sterndeuter auf ihrem Weg nach Bethlehem an diese Idee anknüpft. Zu drei Königen hat man sie übrigens erst viel später gemacht.
Ob es sie wirklich gegeben hat? Ungewiss. Es ist auch nicht entscheidend. Denn genau genommen dreht sich die Geschichte vor allem um einen. Um Jesus, das Kind in der Krippe. Sie erzählt davon, dass sein Ruf einmal weit über Galiläa hinaus bis in entfernte Länder reichen wird. Sogar bis zu den sogenannten Heiden. Zu Menschen wie diesen Sterndeutern eben, die sich aufmachen, um das Kind zu finden. Sie erzählt davon, dass dieses Kind der Beginn von etwas ganz Großem sein wird. Weil Gott mit ihm ist. So groß, dass Menschen ihn noch heute suchen und seinen Spuren folgen. Trost und Inspiration finden in dem, was dieser Jesus später gesagt und was er vorgelebt hat. All das verbirgt sich bereits hinter den Zeilen dieser kleinen Geschichte.
Und die Sternsinger, die in diesen Tagen mit ihrem Stern durch die Straßen ziehen? Vielleicht verkörpern sie eher die Weisen, die nun auf ihrem Rückweg in die Heimat sind. Weihnachten ist vorbei. Sie haben das Kind gefunden und sind noch ganz erfüllt von dieser Begegnung. Und sie haben etwas von dort mitgenommen. Das tragen sie nun zu den Menschen, die sie in diesen Tagen an den Haustüren besuchen: Den Segen des Kindes. Christus mansionem benedicat: Christus segne dieses Haus.
Stern über Bethlehem für Chor a capella
Produktion 27.-28.01.2017 im Hans-Rosbaud-Studio Baden-Baden
Coro Piccolo; Raiser, C.-M.
M0472059 01-017
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43528Der Film „Blues-Brothers“ ist Kult. Kultige Musik, eine schräge Story und zwei Typen im schwarzen Anzug, mit schwarzen Hüten und schwarzen Sonnenbrillen auf der Nase. Ihre Mission: Das Waisenhaus retten, in dem sie groß geworden sind. Und wenn man die beiden fragt, warum sie das machen, dann bekommt man die legendäre Antwort: „Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs!“ „Unterwegs im Auftrag des Herrn.“ Mit diesem Satz ernten sie immer wieder Kopfschütteln. Denn die beiden entsprechen so gar nicht der landläufigen Vorstellung von Gottesboten. Aber allen Unkenrufen und Widrigkeiten zum Trotz schaffen es die beiden. Sie trommeln ihre alte Band zusammen, stellen unter den irrwitzigesten Bedingungen ein Konzert auf die Beine, und am Ende wird alles gut.
Eine Geschichte, wie sie in der Bibel nicht besser hätte erzählt werden können. Im Buch des Propheten Jesaja gibt es auch einen, der von sich behauptet, im Auftrag des Herrn unterwegs zu sein. Bei ihm hört sich das so an: „Gott hat mich geschickt, um gebrochene Herzen zu heilen. Den Gefangenen soll ich zurufen, dass sie frei sind. Ja, ich soll ein ganzes Jahr ausrufen, in dem Gott Freiheit schenkt. Ich soll einen Tag ansagen, an dem Gott das Unrecht wieder gutmacht. Ich soll alle Trauernden trösten und den Verzweifelten Freude bringen.“
Das klingt ehrlich gesagt erst mal genau so verrückt wie die Mission der Blues Brothers. Und der biblische Mensch hat noch nicht mal einen Bruder, der ihn bei seinem Auftrag unterstützen könnte. Wer sich wohl hinter diesen Worten verbirgt? Da wurde lange gerätselt: Ein neuer König vielleicht, ein Superheld? Ein Mensch mit wundersamen Kräften? „Ich bin das“, sagt Jesus später einmal. „Ich bin im Auftrag des Herrn unterwegs.“ Und auch er hat dafür Kopfschütteln geerntet und in zweifelnde Gesichter geblickt. Aber er hat auch unendlich vielen Menschen Mut gemacht. Mut, die Welt zu verändern. Gebrochene Herzen zu heilen. Für Freiheit und Gerechtigkeit zu streiten. Trauernde zu trösten und Verzweifelten Freude zu bringen. Wie wäre es, wenn jede und jeder von uns aus diesem großen Paket nur eine klitzekleine Aufgabe übernimmt und im Auftrag des Herrn dranbleibt – ob dann das neue Jahr ein besseres wird?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43640In meinem Freundeskreis gibt es gerade viele, deren Eltern alt werden. Und ich bin beeindruckt, wie sie damit umgehen.
Zum Beispiel Michael. Seine Mutter ist gerade 90 geworden. Mit ein bisschen Unterstützung hat sie lange Zeit alleine wohnen können. Michael hat organisiert, dass jemand seiner Mutter mittags Essen bringt. Und dass sie einen Notknopf hat, falls sie stürzt. Aber nun hat das nicht mehr gereicht. Es war klar, jemand muss bei ihr im Haus sein, weil er selbst eine gute Stunde entfernt wohnt. Ein paar Wochen hat er sie zu sich geholt. Mitten in seinem Alltag war er Tag und Nacht für sie da. Aber auf Dauer ging das nicht. Michael war am Ende seiner Kräfte, und für ihn war klar: „Meine Mama soll in ihrem vertrauten Umfeld sein, und ich besuche sie ein Mal die Woche.“ Es war nicht leicht, aber nun hat er eine Pflegekraft gefunden, die zu seiner Mutter gezogen ist.
Anders ist es bei Katharina. Sie wohnt mit ihrer Familie im selben Haus wie ihre Eltern. Sie ist Tag und Nacht verfügbar, wenn die Eltern Hilfe brauchen. Beim Strümpfe anziehen, einkaufen, zum Arzt gehen. Da hängt richtig viel an ihr. Aber Katharina sagt: „Sie waren ihr ganzes Leben für andere da. Erst für die eigenen Eltern, dann für verwandte Tanten und Onkel und auch für meine Geschwister und mich. Jetzt sind sie mal dran!“
Michael und Katharina. Sie ploppen in meinem Kopf auf, wenn ich heute im katholischen Gottesdienst Worte aus dem Buch Jesus Sirach höre, und es da heißt: „Kind, nimm dich deines Vaters im Alter an“ (Sir 3,12), „Wer seine Mutter ehrt, sammelt Schätze“ (Sir 3,4).
Für die Eltern da sein, sie ehren – das heißt: Tu das, was du kannst, damit sie auch im Alter gut leben und ihre Würde behalten können. Gerade, wenn sie gebrechlich, pflegebedürftig oder dement werden. Und versuche trotzdem auch, auf dich selbst zu achten. Darauf, dich nicht zu überfordern und auch andere Hilfen mit einzubinden. Aus den Gesprächen mit Michael und Katharina weiß ich: das ist nicht immer einfach, und es kostet Nerven, wenn der schwerhörige Vater das Hörgerät nicht benutzt. Oder wenn man diskutieren muss, dass die Mutter sich besser nicht mehr hinters Steuer setzt. Da kann ein ganzer Gefühlscocktail zusammenkommen – und das scheint völlig normal zu sein.)Eine Mischung aus sich überfordert fühlen, genervt sein, sich nach Alternativen umsehen, ein schlechtes Gewissen haben, aber eben auch die große Liebe zu den Eltern.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43608Heute ist der zweite Weihnachtstag. Für die einen der Reise- und Besuchstag, für andere der Feiertag, an dem Ruhe einkehrt – und für mich: der Tag zum Melancholisch-Werden. Dann kommen Erinnerungen hoch. An vergangene Zeiten, an geliebte Menschen und ihren Verlust, und ja, auch an das, von dem ich im Nachhinein wünschte, es wäre nie geschehen.
In solchen Momenten vertraue ich mich bevorzugt Paul McCartneys Welthit „Yesterday“ an. McCartneys Worte sprechen aus, was ich in meiner Feiertagsmelancholie fühle: sie erzählen von Verlusten und Fehltritten und sehnen sich ins Gestern zurück, als alles noch in Ordnung war.
Ich bin mir sicher, auch in der Weihnachtsgeschichte gibt es auch einen, der ins Gestern zurück möchte: Josef, der Verlobte Marias. Maria ist schwanger – nicht von ihm. Was kann er tun? Sich von seiner Braut trennen, sie Schande und Bestrafung auszusetzen, kommt für ihn nicht in Frage. Aber mit ihr zusammenziehen als ob nichts wäre geht auch nicht. Josefs Lösung: er will Maria verlassen, heimlich. Monatelang denkt er schon darüber nach. Und ich höre ihn seufzen: „Yesterday, all my troubles seemed so far away!“
Der Josef aus der Weihnachtsgeschichte und das lyrische Ich aus McCartneys Song, beide treibt die Sehnsucht nach Gestern um. Doch dorthin zurückkommen können sie nicht. Das gilt auch für mich in meiner Feiertagsmelancholie. Aber was mir Mut macht: Josef und McCartney erfahren auch, wie ihre Sehnsucht nach Gestern Zukunft erhält. McCartney hat erzählt, wie er auf die Melodie seines Liedes gekommen ist. Im Traum! Erst kann er gar nicht glauben, dass diese ungewöhnliche Tonfolge wirklich seine ist. Wochenlang fragt er Freunde und Kollegen, ob sie die Melodie kennen, doch alle schütteln den Kopf. Das Klangmotiv ist seines – ein Traumgeschenk mit Zukunft: McCartney flicht die Sehnsucht nach einem heilen Gestern in diese neue Melodie ein.
Und Josef? Auch er erhält im Traum eine neue Melodie: „Josef, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist“ (Mt 1,20b). In diesem Satz schenkt Gottes Engel Josef Zukunft. Josef versteht: das Kind, das in Maria heranwächst ist Gottes Kind. Josefs Sehnsucht nach Gestern ist diese Zukunft schon monatelang eingeschrieben. Jetzt – endlich – wird ihm das klar und auch welche Rolle er einnehmen soll, wenn Gott selbst auf die Welt kommt: Josef nimmt Maria zu sich und wird zum Hüter des Kindes, durch das Gott allen Menschen nahekommen will – ihm selbst auch. Genau darauf hoffe ich in meiner Feiertagsmelancholie: dass Gott mein Zurückwollen aufgreift und nach vorne wendet. Träumen scheint dabei nicht das Schlechteste zu sein.
Frohe Weihnachten!
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