Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2 / SWR Kultur

    

SWR3

  

SWR4

      

Autor*in

 

Archiv

26OKT2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich denke gern über Worte nach, die etwas angestaubt sind. Das Wort „Demut“ ist eines davon. Ein Wort, in dem ganz viel Lebensweisheit steckt, aber auch eines, auf das man gut aufpassen muss. Denn das Wort darf nicht in falsche Hände geraten und benutzt werden, um andere runterzumachen. Demut meint auch nicht, dass ich mich selbst klein mache oder gar für wertlos halte. Doch was heißt es dann?

Der Abschnitt aus dem Lukasevangelium, der heute in katholischen Gottesdiensten zu hören ist, hilft mir, etwas besser zu verstehen, was Demut meint. Jesus erzählt in einem Gleichnis von zwei Menschen. Der eine macht auf den ersten Blick alles richtig. Heute würde man sagen, er lebt einfach und nachhaltig, verzichtet auf übermäßigen Konsum und spendet für die, die weniger haben. Der andere ist das genaue Gegenteil. Er denkt nur an sich und den eigenen Vorteil.
Beide gehen in den Tempel, um zu beten. Schnell wird dem einen klar: so wie ich bislang gelebt habe, kann es nicht weitergehen. Er betet: „Gott, vergib mir. Ich weiß, dass ich ein Sünder bin.“ (Lk 18,13). Der andere aber fühlt sich moralisch überlegen, schließlich führt er ein vorbildliches Leben und hat sich nichts vorzuwerfen. Hochmütig betet er: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen“ (Lk 18,11).
Jesus macht damit denen, die ihm zuhören, deutlich: egal, wie gut du lebst, halte dich nicht für etwas Besseres. Dieses Urteil steht dir nicht zu.

Und da sind wir wieder bei der Demut. Denn wer demütig ist, braucht die anderen nicht, um groß zu sein. Sondern schaut ehrlich auf sich selbst. Und kann dabei erkennen: da gibt es einiges, was wertvoll und liebenswert an mir ist. Was mir gelingt und was ich einbringen kann, damit es anderen dient. Aber ich gestehe mir auch ein, dass ich an Grenzen komme. Dass ich nicht immer so bin, wie ich mich gern nach außen gebe. Das erfordert Mut. Denn ich muss mich mir selbst stellen.

Wie es im Alltag gehen kann, weder in die Falle zu tappen, überheblich zu werden noch sich klein und ohnmächtig zu fühlen, zeigt eine jüdische Erzählung. Darin empfiehlt ein Rabbi seinen Schülern: „Jeder von euch muss zwei Taschen in seiner Jacke haben, um nach Bedarf in die eine oder andere greifen zu können: In der einen Tasche liegt ein Zettel, auf dem steht: ‘Ich bin Erde und Asche’, und auf dem Zettel in der anderen Tasche steht: ‘Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden’“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43178
weiterlesen...
19OKT2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Bin ich Jesus?“ mit einem lockeren Schulterzucken haben wir in meinem Freundeskreis diesen Satz oft gesagt – früher, als ich noch ein Teenager war. Auch ich habe diesen Satz gerne benutzt. Wenn ich jemandem nicht helfen konnte oder wollte. Wenn ich etwas nicht verändern konnte oder wollte. „Bin ich Jesus?“

Meine Mutter hat dieser Satz damals sehr geärgert. „Nein, natürlich bist Du nicht Jesus, das weiß ich auch. Aber ist Jesus etwa der Einzige, der dafür zuständig ist, sich zu kümmern? Du kannst Dich nicht immer nur zurücklehnen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.“ Diese oder eine ähnliche Antwort musste ich mir dann anhören.

Damals fand ich mich lässig, mit meinem Schulterzucken und meiner Antwort: „Bin ich Jesus?“ Heute verstehe ich die Reaktion meiner Mutter sehr gut und mag den Satz auch nicht mehr. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und verteile Armbändchen an meine Konfirmandinnen und Konfirmanden. Auf denen steht: „WWJD“. Das ist die Abkürzung für: „What would Jesus do? – Was würde Jesus tun?“ Mit diesen „Was würde Jesus tun?“-Bändchen schicke ich sie dann in ihre Woche. Als kleine Erinnerung in ihrem Alltag kurz darüber nachzudenken, wie Jesus wohl in dieser oder jener Situation reagieren würde. Würde er freundlich bleiben, helfen, ehrlich sein?

Diese Frage hat auch Jakobus umgetrieben. Jakobus ist Gemeindeleiter in einer der frisch gegründeten christlichen Gemeinden im Römischen Reich. Viele Menschen in seiner Gemeinde sind arm. Andere in der Gemeinde sehen diese Not, könnten helfen, sagen aber: „Bin ich Jesus?“ Denen schreibt Jakobus ins Buch: „Was nützt es wenn jemand behauptet zu glauben, sich der Glaube aber nicht in Taten zeigt?“ (Jakobus 2,14) Und er spitzt es noch zu: „Wenn der Glaube sich nicht in Taten zeigt, ist er tot.“ (Jakobus 2,17)

Nein, ich bin nicht Jesus. Ich kann die Welt nicht retten. Aber ich darf Gottes Liebe in meinem Leben spüren. Und wer geliebt wird, der will das doch auch weitergeben. Dann kann ich doch gar nicht mit den Schultern zucken und die Welt so lassen wie sie ist. Dann juckt es mich in den Fingern, sie liebevoller zu machen. Und deshalb ist es gut, dass Jakobus mich heute daran erinnert: „Denk in Deinem Alltag immer mal wieder kurz darüber nach – Was würde Jesus tun?“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43099
weiterlesen...
12OKT2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es ist immer der Mensch, der das Problem ist. Wer einen Hund hat wie ich, weiß das ganz genau. Wenn mein Hund Essen vom Tisch stiehlt oder andere Hunde anpöbelt, dann muss ich Ruhe ausstrahlen und so mit ihm trainieren, dass er sich zu benehmen weiß. Das Problem ist immer am anderen Ende der Leine. Bei dem, der führt, der die Kommandos gibt, der vorausschaut und mitdenkt. Oder eben nicht.

Jesus hat gewusst, was Menschen brauchen. Davon erzählt die Episode aus dem Lukasevangelium, über die heute in den katholischen Gottesdiensten gepredigt wird. Es geht um eine Gruppe von Kranken, die gehört haben, dass von Jesus eine heilende Kraft ausgeht, und sich deshalb an ihn wenden. Ihre Heilung geschieht auch umgehend, allerdings auf ziemlich eigenartige Weise. Jesus kümmert sich nämlich selbst gar nicht um sie, sondern schickt sie zu den zuständigen Seelsorgern. Und als sie sich dorthin aufmachen, sind sie bereits geheilt. Und nun beginnt das Problem. Denn offenbar hatten die Geheilten keinen, der ihnen gute Manieren beigebracht hat. Sie nehmen ihre Heilung an, als wäre sie das Selbstverständlichste von der Welt, und sehen keinen Grund sich zu bedanken. Offenbar hat ihnen das keiner beigebracht. Kein Vorbild, das ihnen eine Perspektive gibt, die über den eigenen kleinen Horizont hinausreicht. Sie haben keine Ahnung, worum es geht. Nämlich nicht nur um die Krankheit, die lediglich ein Teil von ihnen ist, nicht alles. Und sie sehen auch nicht, was möglich wäre, wenn sie sich dankbar zeigen würden. Dass es da einen Gott gibt, der ihnen mehr verspricht als physische Gesundheit. Das bleibt ihnen verschlossen.

Bis auf einen. Der geht zu Jesus zurück und bedankt sich, indem er Gott lobt. Offenbar hat er kapiert, dass es Jesus um ihre ganze Existenz geht. Und dieser eine, der sich dankbar zeigt und noch einmal zu Jesus zurückkehrt, war nicht mal Jude, keiner von Jesu Volks- und Glaubensgenossen, sondern ein Fremder, für den Jesus zunächst gar nicht zuständig ist. Dieser Fremdling weiß, wie man sich benimmt. Vermutlich hatte er gute Lehrer, Vorbilder, die ihm gezeigt haben, wie viel Gutes entstehen kann, wenn man mit Gott rechnet.

Es ist immer der Mensch, der das Problem ist. Wenn einer nur an sich selbst denkt, ständig davon spricht, was ihm fehlt, obwohl gerade ein anderer ihm seine Not klagt. Wenn jemand gar nicht sieht, was möglich ist, weil er sich immer zu kurz gekommen fühlt und um sich selbst kreist. Aber es ist ebenso der Mensch, in dem Großes steckt, der Wunderbares erreichen kann - wenn er sich anstecken lässt. Von Menschen, die wissen, dass Gott immer mehr kann als der Mensch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43103
weiterlesen...
05OKT2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Heute feiern viele Kirchengemeinden das Erntedankfest. Es ist eine gute Ernte gewesen, dieses Jahr. Und auch bei mir in der Gemeinde danken wir heute Gott dafür, dass er seinen Segen gegeben hat – zu der Arbeit der Landwirte auf den Feldern, im Weinberg oder in den Obstanlagen. Denn dafür, dass wir die Früchte unserer Arbeit auch ernten dürfen, braucht es den Segen.

Eigentlich ist das bei jeder Arbeit so – nicht nur in der Landwirtschaft - auch im Büro zum Beispiel, in einem Handwerksbetrieb oder einer Werkhalle. Wir Menschen arbeiten, stecken unsere Kraft in eine Aufgabe so weit es in unserer Macht steht. Und hoffen, dass wir gute Ergebnisse ernten dürfen. Und natürlich auch den angemessenen Lohn. Allerdings fällt die Ernte hier manchmal nicht so rosig aus, wie erhofft. Immer öfter stimmt das Verhältnis nicht. Reicht trotzt lebenslanger Berufstätigkeit die Rente nicht, verlieren Arbeitnehmer unverschuldet ihren Arbeitsplatz, ist es für alleinerziehende Mütter oder Väter besonders schwer, eine vernünftige Arbeit zu finden usw. Und das liegt sicher nicht daran, dass auf der Arbeit dieser Menschen kein Segen liegen würde.

Nein, das liegt an etwas anderem. Und ich denke, dass der Bibeltext, der heute in vielen Erntedankgottesdiensten im Mittelpunkt steht, den richtigen Hinweis gibt. Der Text steht im Alten Testament beim Propheten Jesaja, und da heißt es:

Schaff die Unterdrückung bei dir ab,
zeig auf niemanden mit dem Finger
und unterlass‘ üble Nachrede.
Nimm dich des Hungrigen an
und mach den Notleidenden satt. (aus Jes. 58, Basisbibel)

Wenn Menschen nicht das bekommen, was ihre Arbeit wert ist, dann fehlt nicht einfach der Segen Gottes. Sondern das hat mit Ungerechtigkeit zu tun, mit Unterdrückung und Not. Und daran sollten wir etwa ändern. Da sollten wir unsere Arbeitskraft reinstecken, gerade jetzt, wo es in der Wirtschaft nicht so gut läuft. Dieses Jahr heißt Erntedank für mich auch: Meine Arbeitskraft in ein gutes Miteinander zu stecken. Mit aufzupassen, dass niemand bei uns übersehen wird. Oder nicht das bekommen kann, was zum Leben nötig ist. Sich dafür einzusetzen, lohnt sich ganz bestimmt. Und ganz bestimmt ist Gott mit seinem Segen dabei, wenn er verspricht:

Mach die Notleidenden satt.
Dann wird Gott dich immer und überall führen.
(...)
Dann wirst du wie ein gut bewässerter Garten sein,
wie eine Quelle, die niemals versiegt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43063
weiterlesen...
28SEP2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Zu sehen, wie in den USA gerade Politik und Religion vermischt werden, wirkt verstörend. Dabei eignet sich die Bibel nicht, um politische Forderungen zu stützen. Parteipolitische schon gar nicht. Wer sie so als Steinbruch benutzt, nimmt sie nicht ernst, missbraucht sie letztlich für seine eigene Agenda. In dieser Hinsicht ist die Bibel kein politisches Buch.

Das heißt allerdings nicht, dass ihr Inhalt nicht politisch wäre. Etwa da, wo es darum geht, wie wir zusammenleben können. Wo ethische Fragen aufkommen. Wo gesagt wird, was vor Gott recht ist und was nicht. Einer, der klare Ansagen nicht gescheut hat, auch gegenüber den Mächtigen seiner Zeit, war der Prophet Amos. Gelebt hat er vor rund 2800 Jahren. Da haut er einer reichen und satten Oberschicht etwa um die Ohren: Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern … aber über den Untergang des Landes sorgt ihr euch nicht. Amos war ein Prophet, der scharf wie kaum ein anderer die krasse Ungleichheit im Land angeprangert hat. Der einer abgehobenen Elite vorhielt, dass ihr die Armut so vieler Menschen gleichgültig sei. Und bei all seiner beißenden Kritik beruft er sich auf Gott.

Sicher, die Gesellschaft im damaligen Israel ist mit der unseren kaum vergleichbar. Und trotzdem gibt es das Phänomen noch heute. Obszöne Ungleichheit in vielen Staaten der Erde. Wahre Abgründe zwischen Superreichen, die sich Weltraumtrips leisten, und Abermillionen, die kaum über die Runden kommen. Zum Teil trifft das auch in Europa zu. Träte dieser Amos heute auf, manche würden ihn wahrscheinlich als linken Spinner und Chaoten bezeichnen. Was dann wieder zu der Frage verleiten könnte, ob dieser Gott, in dessen Namen er spricht, etwa auch ein Linker ist?

Ist er natürlich nicht! Weil Gott eben weder links noch rechts noch sonst was ist. Gott hat kein Parteibuch. Und doch ist der Gott, den die Propheten verkünden und von dem auch Jesus spricht, ein parteiischer Gott. Weil er sich offenbar auf die Seite der Armen, der Unterdrückten, der Vergessenen stellt. Wenn ich die Wut des Amos richtig verstehe, dann richtet sie sich auch nicht gegen wohlhabende Menschen. Sie richtet sich gegen die Gleichgültigkeit. Dagegen, dass manche, die damals reich und mächtig waren, nur noch sich selbst genügten. Dass ihnen die Nöte der Schwächeren und der Zusammenhalt der Gesellschaft egal war. Es braucht Menschen, die darauf hinweisen. Laut und vernehmlich. Heute ebenso wie vor 2800 Jahren.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43015
weiterlesen...
21SEP2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

In meiner Studienzeit kam es bei einer Chorprobe einmal zum Eklat. Ein paar der weniger kirchlich-geprägten Chorsänger hatten den Altar als Ablage für ihr Pausenvesper und ihre Notenmappen verwendet. Darüber hat sich ein Mitsänger ganz schön aufgeregt. Er fand es respektlos, einen heiligen Ort wie den Altar als Ablage zu verwenden. 

Ein heiliger Ort. Oft werden Kirchen so bezeichnet. Oder einzelne Bereiche wie der Altarraum. Das ist sehr vielen Menschen noch bewusst. Wenn ich als Relilehrer mit meinen Schülerinnen und Schülern mal in eine Kirche geh, muss ich das eigentlich kaum erklären. Die sonst wuseligen Schülerinnen und Schüler werden auf einmal ganz still, wenn sie die Kirche betreten und bewegen sich bedacht und vorsichtig. Weil irgendwie klar ist: Die Kirche ist ein heiliger Ort. Warum eigentlich?

In der Bibel gibt es viele heilige Orte. In einer Geschichte gerät ein junger Mann namens Jakob eher zufällig an einen solchen Ort. Und als er da abends ankommt, deutet auch nichts darauf hin, dass der Ort heilig ist. Jakob hat seinen Bruder betrogen und ist vor ihm geflohen. Im Freien sucht er sich einen Platz zum Übernachten. Der Ort ist so trostlos, dass sich nur ein Stein als Kopfkissen findet. Aber irgendwie findet Jakob dort zur Ruhe. Und im Schlaf hat er eine Begegnung mit Gott. Er träumt von einer Leiter voller Engel, die bis in den Himmel führt. Ganz oben, am Ende der Himmelsleiter, steht Gott und spricht Jakob Mut zu. Als Jakob am Morgen aufwacht, schaut er anders auf diesen trostlosen Ort. Da sagt er plötzlich: Wie heilig ist diese Stätte! 

Ein Mann auf der Flucht, der mitten im Nirgendwo Gott begegnet. Und einen Stein in der Wüste als Heiligen Ort ausmacht. Wenn ich da an den Ärger um das Vesper auf dem Altar denke, muss ich schmunzeln. Mir zeigt die Geschichte von Jakob: Ein Ort ist nicht an sich heilig, sondern er wird es, wenn Menschen dort Gott begegnen. Kirchen sind für viele Menschen ein guter Ort dafür – aber nicht, weil man Gott woanders nicht finden könnte . Für die Begegnung mit Gott braucht es keinen besonderen Ort – vielleicht vielmehr ein suchendes Herz.

Respekt vor den heiligen Orten finde ich trotzdem richtig – nicht um Gottes willen, den bringt ein Pausenbrot auf dem Altar glaube ich nicht so schnell aus der Fassung. Aber auf die Bedürfnisse meiner Nächsten will ich achtgeben – schließlich kann mir in denen ja auch immer Gott begegnen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42990
weiterlesen...
14SEP2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Der folgende Satz steht heute im Mittelpunkt des katholischen Gottesdienstes: Jesus sprach zu Nikodemus: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat[1].

Was wohl Abt Nikodemus Schnabel denkt, wenn er heute im Gottesdienst diesen Bibelvers hört oder selbst vorträgt? Abt Nikodemus leitet das Benediktinerkloster auf dem Zionsberg in Jerusalem. Dort kennt man diesen Satz aus dem Johannesevangelium gut, in dem von Liebe und ewigem Leben die Rede ist. Es ist für Juden und Christen ein heiliger Ort. Und Abt Nikodemus kennt die Bibelstelle bestimmt erst recht, weil er seinen Ordensnamen jenem biblischen Nikodemus verdankt. Der hat sich als jüdische Autorität seiner Zeit mit Jesus angefreundet und nun führen beide ein Gespräch miteinander: über den Glauben und das Leben, über Gott und die Welt. Das würde Abt Nikodemus heute, 2000 Jahre später, bestimmt auch gerne tun. Weshalb findet der Hass gerade hier in Jerusalem kein Ende? Wie kann ich da von Gott sprechen, der die Welt liebt?

Gott scheint in diesen Tagen im Heiligen Land, in Palästina fern zu sein. Die Wahrheit des schönen Bibelverses muss jedem bitter schmecken, der sie heute ausspricht. Von Rettung und ewigem Leben keine Spur. Stattdessen wird die Kriegspolitik der israelischen Regierung immer unbarmherziger. Auch zivile Ziele werden angegriffen. Die Not der Menschen im Gaza-Streifen schreit zum Himmel. Ich weiß natürlich, dass die Hamas Israel angegriffen hat. Ich weiß, dass Israel von Feinden umgeben ist. Das kleine Land der Juden hat jedes Recht, dass es sich wehrt und verteidigt.  Aber mit dieser Brutalität, die so viele unschuldige Menschenleben fordert?!

Abt Nikodemus sieht das jeden Tag und kann dazu nicht schweigen. Im Blick auf die lange Zeit, die der Krieg nun bereits dauert, spricht er von „700 Tage Hölle von Gaza“ und ergänzt: „700 Tage geht der Blick immer wieder auf das Kreuz[2]“. Daran wird er auf dem Zion heute am Fest „Kreuzerhöhung“ besonders denken. Ein Fest, das ganz in der Nähe in Jerusalem seinen Ursprung hat, weil dort im Jahr 335 die erste Kirche über dem Grab Christi eingeweiht wurde. Gott hat seinen Sohn aus Liebe hingegeben, schreibt der Evangelist Johannes. Um die Wahrheit dieses Satzes muss Abt Nikodemus wohl ringen. Ich auch. Wie alle, die die Hoffnung nicht aufgeben, dass Gott das letzte Wort behält.

 

[1] Johannes 3,16

[2]https://de.catholicnewsagency.com/news/21163/jerusalem-abt-nikodemus-schnabel-nimmt-700-tage-holle-von-gaza-in-den-blick

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42927
weiterlesen...
07SEP2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Am Sonntagmorgen hat sich ein Bettler direkt vor die Kirchentür gesetzt. Es ist kurz vor zehn, und er weiß, dass hier gleich jede Menge gut Gläubige vorbeikommen. Menschen, die daran glauben, dass Gottesliebe und Nächstenliebe zusammengehören wie die zwei Seiten einer Münze. Wie zur Erinnerung daran hat der Mann einen Plastikbecher mit ein paar Münzen neben sich auf die Stufen gestellt. Ich sehe die Leute, die zum Gottesdienst kommen und ihre unterschiedlichen Strategien, mit dem Überraschungsgast umgehen. Einer holt sein Portemonnaie heraus und schüttet einfach die Abteilung mit den Münzen in den Becher. Andere übersehen den Mann geflissentlich, drücken sich innerlich und äußerlich an ihm vorbei. Eine Frau spricht ihn an, lädt ihn ein, doch mit hineinzukommen und gerne auch anschließend zum Kirchkaffee noch zu bleiben. Ohne Erfolg. Dann wird die Tür geschlossen. Drinnen beginnt nun der Gottesdienst. Und da wird heute über einen biblischen Text aus der Apostelgeschichte gepredigt, in dem sich genau so eine Szene abspielt: Ein Bettler sitzt in Jerusalem vor der Tür zum Tempel. Er ist gelähmt und wird dort täglich hingebracht, um sich ein paar Münzen für seinen Lebensunterhalt zu erbetteln. Und die Leute, die an ihm vorbeimüssen, um in den Tempel zu kommen, verhalten sich genau wie ihre späteren Nachfahren; da hat sich in 2000 Jahren nicht viel verändert. Aber dann kommen Petrus und Johannes vorbei. Und Petrus sagt zu dem Bettler: „Silber und Gold habe ich nicht, was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Und plötzlich spürt der Mann tatsächlich Kraft in seinen Beinen, rappelt sich auf und kann auf eigenen Füßen stehen, sogar hüpfen, tanzen und springen. Und in der Tat: Wer braucht da noch Silber und Gold, wenn er ein ganz neues Leben zugeworfen bekommt?  Es lohnt sich also, genau hinzusehen, was einer wirklich braucht und gut zu überlegen, was ich alles im Säckel habe. Petrus und Johannes haben es erfahren: Der Glaube an Jesus Christus ist eine große Schatzkiste, die ungeahnte Möglichkeiten birgt. Und vielleicht geht da am Ende noch viel mehr als gedacht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42896
weiterlesen...
31AUG2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Tu Gutes – und sprich darüber!“ So lautet eine Redewendung, die auch in kirchlichen Kreisen gern verwendet wird. Was ja so viel bedeutet wie: „Geh hausieren mit dem, was du kannst. Prahle ruhig ein bisschen, wenn Dir etwas gelungen ist, damit es die anderen auch mitkriegen. Du brauchst dich nicht zu verstecken.“ Ich verstehe schon, warum das so ist. Es gibt zu viel Schlimmes und Falsches auf unserer Welt. Die schlechten Nachrichten finden von allein ihren Weg in die Öffentlichkeit. Da ist es um so wichtiger, dass auch das Gute hinausposaunt wird.

Aber dann wundere ich mich auch, dass diese Einstellung so selbstverständlich dort ihren Platz hat, wo die Maßstäbe Jesu gelten sollen. Der sagt nämlich geradewegs das Gegenteil. Wenn du Almosen gibst, posaune es nicht vor dir her, wie es die Heuchler (…) tun, um von den Leuten gelobt zu werden! (…)  Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut[1]. So steht es in der Bergpredigt. Der Evangelist Matthäus hat dort das Wesentliche zusammengefasst, worauf es Jesus ankommt. Ich verstehe es als eine Anweisung, demütig zu sein. Wer zu stolz darauf ist, was er selbst erreicht oder geleistet hat, dem steigt das gern zu Kopf. Dann wird er nicht selten für die anderen ungenießbar. Weil er sich für etwas Besseres hält, weil er sich etwas einbildet auf seine Leistung, weil er beginnt, sich zu überschätzen und auf andere herabschaut. In der alten Liste der Todsünden steht der dazu gehörende Charakterfehler an erster Stelle: Hochmut, Eitelkeit, Stolz.

Insofern ist es schon bemerkenswert, dass gerade unter Christen das Sprichwort so auf den Kopf gestellt wird. Es hieß ja bei Jesus so: „Tu Gutes – und sprich nicht darüber!“ Wer heute den katholischen Gottesdienst mitfeiert, hört weitere Bibeltexte, die sich genau damit beschäftigen: mit der Demut. Dass es nicht klug ist, sich selbst auf ein Podest zu stellen. Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden[2], sagt Jesus. Und bei Jesus Sirach im Alten Testament klingt das Ganze noch drastischer: Je größer du bist, umso mehr demütige dich, und du wirst vor dem Herrn Gnade finden![3] Hier bekommen wir dann auch die Begründung mitgeliefert. Wer sich darin sonnt, ein guter Mensch zu sein, verliert die Bodenhaftung. Und wer zu sehr nach oben strebt, verliert den Respekt vor Gott. Und das führt fast immer in den Untergang.

 

[1] Matthäus 6,2f.

[2] Lukas 14,11

[3] Jesus Sirach 3,18

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42876
weiterlesen...
24AUG2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wenn ich mit anderen in einer Diskussion stecke – über Politik, übers Reisen, über Glaube und Religion und wenn wir dann so richtig fest stecken, dann fällt manchmal ein Satz, der bringt mich jedes Mal auf die Palme: „Ja ja“ heißt es dann „wahrscheinlich haben wir irgendwie beide Recht. Es gibt eben nicht nur eine Wahrheit.“

Oder es kommt irgendwann dieser Spruch: „Lassen wir die Meinung des anderen stehen.“ Was mich an solchen Sätzen stört – die Diskussion geht dann meistens niemals weiter. Stattdessen stehen wir nebeneinander da – jeder für sich. Jeder mit seiner persönlichen Wahrheit. Und bleiben mit der allein.

Die Menschen zur Zeit Jesu haben auch viel diskutiert: Über Gottes Gebote, sein Wort und was es fürs eigene Leben bedeutet. Jesus selbst auch, und einmal, in Jerusalem, da hat ihn ein Schriftgelehrter folgende Frage gestellt: „Welches ist das höchste Gebot von allen?“ Die Antwort von Jesus: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deinem Verstand und mit all deiner Kraft. Das zweite ist: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Mit dieser Antwort hat Jesus seinem Diskussionspartner aus dem Herzen gesprochen. Und sie waren sich einig: Ein anderes, größeres Gebot als diese gibt es nicht.

Über diese Wahrheit gibt’s für die beiden nichts weiter zu diskutieren. Und ich denke, wenn man sie ernst nimmt, dann sind diese Gebote auch eine gute Grundlage fürs Diskutieren überhaupt.

Gott, der Herr ist einer. Es ist eine Wahrheit und nicht mehrere nebeneinander. Ich könnte auch sagen: Es gibt ein „Richtig“ und ein „Falsch“. Und wenn ich in einer Diskussion stecke, dann sollte ich mit Herz, Seele und Verstand danach suchen. Und zwar gemeinsam mit meinen Mitmenschen. Mit meinem Nächsten, den ich lieben soll wie mich selbst. Ich sollte deshalb mein Ego beiseitelegen. Nicht Recht haben wollen, um zu glänzen. Nicht glauben, ich hätte die eine, einzig richtige Wahrheit schon. Ich muss bereit sein, gemeinsam mit anderen um sie ringen, zu diskutieren, zu fragen und sie zu suchen.

Natürlich braucht es dabei manchmal auch eine Pause. In der ich und mein Gegenüber einander stehen lassen können. Und einander zugestehen, dass wir beide recht haben könnten – jedenfalls teilweise. Aber dann sollte die Suche nach Lösungen, nach Antworten, nach einem gemeinsamen Weg auch wieder weiter gehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42830
weiterlesen...