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31DEZ2023
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Was für ein Titel: Fest der „Heiligen Familie“. In diesem Jahr fällt in der Katholischen Kirche der letzte Tag des Jahres mit diesem Fest zusammen. Und die Pfarrer, die predigen müssen, haben ein Problem, weil von dem nicht mehr viel übrig ist, was man traditionell so unter Familie und heilig versteht. Ehen werden geschieden, Paare heiraten erst gar nicht - kirchlich sowieso kaum noch. Mit der Autorität der Eltern ist es nicht mehr weit her. Viele Menschen bleiben lieber Singles. Und auch, dass die Rollen und Geschlechter klar in Mann und Frau eingeteilt sind, kann man beileibe nicht mehr behaupten. Wer also nach dem bürgerlichen Ideal von Familie sucht und meint, das sei heilig, der wird enttäuscht sein. Auch von mir, weil ich etwas in der Art auch in der Bibel so nicht finde. Obwohl die Auswahl der Texte, die an diesem Sonntag im Gottesdienst vorgetragen werden, zumindest den braven Schein aufrecht erhalten wollen. In einer Lesung heißt es nämlich: Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt![1] So einen Gedanken findet inzwischen sogar meine Mutter komisch; und die ist über achtzig und in ziemlich traditionellen Rollenmustern aufgewachsen.

Was steckt aber dann an Familie und Heiligkeit in so einem Satz? Und was bringt das für heute? Dass Frauen sich unterordnen, ist vorbei. Gottlob! Aber es bleiben Situationen, wo in einer Familie eine das Sagen hat und der andere folgen muss. Hoffentlich sind die Aufgaben dabei gut verteilt und die Rollen wechseln. Hoffentlich gibt es dann neben dem Sagen und Unterordnen, auch das einander Respektieren und Lieben. Das war schon in der Familie so, die dem Fest heute seinen Namen gibt. Maria wird unter seltsamen Umständen schwanger und setzt sich trotzdem ihrem Verlobten gegenüber durch. Der, Josef, muss sich erst in seine Vaterrolle hineinfinden. Und das Kind interessiert sich bald mehr für Dinge außerhalb seiner Familie, was den Eltern einiges an Kopfzerbrechen bereitet hat.

Familie ist heute anders als früher, komplizierter und vielfältiger, als viele das wahrhaben wollen. Aber im Grunde ist es ganz einfach. Familie ist dort, wo Menschen Leben weitergeben, ein gutes Vorbild und Begleitung sind für die, die nachkommen. Und heilig ist Familie überall da, wo in ihr etwas von Gottes Liebe aufblitzt.

 

[1] Kolosserbrief 3,18

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26DEZ2023
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Schenken und beschenkt werden. Das war eine der Hauptbeschäftigungen in den letzten Tagen. Und vielleicht gibt es ja heute sogar noch ein paar Geschenke… Ich würde nicht Nein sagen!

Was ich an Weihnachten toll finde: Es ist keine Einbahnstraße. Man schenkt und wird beschenkt. Geben und Nehmen.

Darum geht es auch im 2. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth. Paulus erinnert die Menschen in dem Brief an das, was wir auch an Weihnachten feiern: Jesus ist zu euch gekommen. Dieses kleine Baby in der Krippe hat die Welt verändert. Er hat von der Gnade Gottes erzählt und davon, wie wir respekt- und liebevoll zusammenleben können. Paulus sagt: Jesus hat euer Leben verändert, er hat es reicher gemacht. Was für ein Geschenk! (2Kor 8,7-9)

Aber Paulus will auch etwas: nämlich Geld! Er sammelt Spenden ein, für Menschen und Gemeinden, die es benötigen. Geben und nehmen. Weil ihr so reich beschenkt wurdet, könnte ihr auch etwas abgeben, sagt Paulus. Geld für Gottes Liebe? Wie eine Art Tauschgeschäft?

Nach den Feiertagen fangen viele Beschenkte ja auch mit Tauschgeschäften an. Falls Sie es gerade nicht auf dem Schirm haben: Morgen ist Mittwoch. Ein Werktag. Häufig dient dieser 1. Werktag nach dem Weihnachtsfest dazu, unliebsame Geschenke einzutauschen. Geld gegen Ware bzw. Ware gegen Geld. Ein wirtschaftlicher Handel. Irgendwie auch ein Geben und Nehmen. Und doch etwas ganz anderes als Schenken und beschenkt werden.

Auch Paulus hatte keinen Handel im Sinn. Er hat nicht gesagt: Gottes Gnade muss man sich erkaufen. Oder: Jesus verlangt so und so viel.

Vielmehr argumentiert er so: Wer reich beschenkt ist, kann etwas abgeben. Wer beschenkt ist, den drängt es geradezu dazu, andere zu unterstützen, weniger Privilegierten etwas abzugeben – dadurch gibt man, so Paulus, auch etwas von der Gnade Gottes weiter. Ohne dass ich dafür eine Gegenleistung fordern muss. Denn ich bin schon beschenkt.

An Weihnachten wird uns Gott geschenkt. Er wird Mensch und macht dadurch unser Leben reicher.

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25DEZ2023
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Der Stall mit dem neugeborenen Kind in der Krippe. Daneben Maria und Josef. Draußen auf den Feldern die Hirten, die Wache bei ihren Tieren halten. Und über der ganzen Szene die himmlischen Chöre, die vom Frieden auf Erden singen. Die Geschichten der Weihnachtsnacht sind voll von herzerwärmenden Bildern und großen Gefühlen. Randvoll zudem mit der Sehnsucht so vieler Menschen nach Frieden, Glück und Harmonie. Doch nun ist die Nacht vorbei. Nun ist es Tag und in den katholischen Kirchen ist eine ganz andere Geschichte zu hören. Eine Geschichte, die eher philosophisch daherkommt. Die meinen Verstand ansprechen will und nicht so sehr Herz und Gemüt. Ja, die fast schon wie ein Gegensatz erscheint zur Familiengeschichte im Stall von Bethlehem. Und doch ist sie eine Weihnachtsgeschichte. Denn die ersten Verse des Johannesevangeliums erzählen von Gottes Wort, das in die Welt gekommen ist. Sie erzählen davon, dass dieses Gotteswort „Fleisch geworden“ ist in einem Menschen und dass es „unter uns gewohnt“ (Joh 1,14) hat. Im Griechischen steht dafür das Wort „Logos“. Das wird zwar meistens mit „Wort“ übersetzt. Tatsächlich aber bedeutet es viel mehr. Gott selbst, so will dieser Weihnachtstext damit sagen, ist in die Welt gekommen. In einem konkreten Menschen, in Jesus aus Nazareth, konnte man ihm begegnen.

Diese beiden so grundverschiedenen Weihnachtsgeschichten habe ich lange nur sehr schwer zusammen bekommen. Der Stall, das kleine Kind und die Hirten am einen Tag, und dann diese abstrakten Gedanken vom göttlichen Wort am andern. Heute finde ich, dass das sogar ganz gut zusammenpasst. Ein hilfloses Kind in einem armseligen Stall ist ein wunderbares Bild. Es kann mich anrühren und mir zeigen, wie das gemeint sein soll mit dem Frieden auf Erden. Aber das Bild zerbricht schnell an der brutalen Wirklichkeit, auch heute. Wo russische Truppen gezielt Kinderkrankenhäuser bombardieren und ukrainische Kinder töten. In meiner Wut und Hilflosigkeit hilft mir da der Gedanke vom göttlichen Wort, das in die Welt gekommen ist und sie nie verlassen wird. Das auch heute bei denen sein will, die unter der Gewalt anderer leiden und sterben. Und auch bei denen, die verzweifelt um den Frieden ringen. In der Ukraine, in Israel und anderswo. Wenn Kinder dort wieder unbeschwert und ohne Angst leben und aufwachsen können, dann hätte sich der tiefere Sinn von Weihnachten erfüllt.

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24DEZ2023
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Stimmt es eigentlich, dass Vorfreude die schönste Freude ist? Ich meine ja, denn jedes Jahr passiert es mir wieder: Wenn ein Urlaub näher rückt, freue ich mich wie ein Kind auf die bevorstehende Reise. Ich zähle die Tage, schaffe mir Urlaubslektüre an und sammle Rezepte aus der Küche des Urlaubslandes. Die Vorfreude wächst. Sie ist eine schöne Freude. Aber dann kommt immer auch dieser eine Augenblick, wenn wir endlich im Auto sitzen und es los gehen kann. Die Koffer gepackt und verstaut, nur noch wenige Stunden trennen uns vom sehnsüchtig erwarteten Reiseziel, und mich überkommt eine tiefe Traurigkeit, weil sich in diesem Moment das Blatt wendet: Ab jetzt sind die Urlaubstage nämlich gezählt und werden unweigerlich vorbei gehen. Die Vorfreude war riesig, die eigentliche Freude will sich nicht so recht einstellen. Verrückt, aber wahr.

Und an Weihnachten? Der vierte Advent ist der Sonntag im Kirchenjahr, der die Vorfreude bündelt und riesengroß macht. „Freut euch immerzu, weil ihr zu Gott gehört. Ich sage es noch einmal: Freut euch! Gott ist nahe! Macht euch keine Sorgen!“ So wird aus einem Brief des Paulus zitiert. Dazu singt Maria ein begeistertes Lied, außer sich vor Freude über das Kind in ihrem Bauch. Mit Blick auf die Umstände, die seine Geburt begleiten werden, könnte man auch sagen: Deine Vorfreude, Maria, ist die schönste Freude. Denn was dir bis zur Geburt noch bevorsteht, ist eine echte Zumutung: Du musst noch einen ellenlangen Weg zu Fuß nach Bethlehem zurücklegen. Dort wird es keine Unterkunft geben, und schließlich wirst du dein Kind in einem zugigen Stall zwischen Ochs und Esel zur Welt bringen müssen. Aber draußen auf den Feldern wird der Himmel aufreißen und ein Engel wird zu verschreckten Hirten sagen: „Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude!“

So viel Freude liegt heute in der Luft. Nun liegt es an uns, dass wir sie hören, ins Herz lassen und spüren. Ich wünsche Ihnen, dass alle Vorfreude sich heute in große Freude verwandelt. Fröhliche, gesegnete Weihnachten!  

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17DEZ2023
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Ein Augusttag vor fast 300 Jahren. Der Komponist Georg Friedrich Händel ist krank. Und er steckt mitten in seiner schwersten Schaffenskrise. Er weiß nicht, ob er jemals wieder Musik schreiben wird. Müde und trostlos beginnt er in dem Manuskript zu lesen, das ihm sein Freund Charles für ein neues Stück zugesandt hat. Doch das, was er da liest, fesselt ihn auf Anhieb. Er ist sich sicher: Ich bin gemeint. Diese Worte sind nur für mich. Da steht: Tröste dich mein Volk, spricht dein Gott! Vernehmt die Stimme Johannes des Täufers in der Wüste. Bereitet unserem Gott den Weg.

Händel verschlingt die biblischen Worte vom Trost und von Johannes dem Täufer. Wie in einem Rausch komponiert er in nur drei Wochen eines seiner bekanntesten Werke: den Messias. Als die Menschen später die Musik hören, sind sie tief berührt von der Kraft der tröstenden Musik. Bis heute.

Auch ich lechze nach Worten und Klängen, die mich trösten. Kriege – an so vielen Orten auf unserer Welt –, hasserfüllte Menschen, die brutal morden, Hitzewellen und Überschwemmungen. Und dazu das, was ich in meinem Umfeld mitbekomme: ein Kind, das kurz vor der Geburt im Bauch der Mutter stirbt, eine Krankheit, bei der die Ärzte nicht wissen, wie sie sie in den Griff bekommen können.

Da ist so Vieles, was das Herz bedrückt und was mich ohnmächtig und ratlos zurücklässt. Wie sehr brauche ich in solchen Zeiten Trost, der mich stärkt und meine Seele wieder aufrichtet.

Händel hat den Trost in alten biblischen Worten gefunden. Und in der Figur von Johannes dem Täufer. Von ihm ist heute, am dritten Adventssonntag, in katholischen Gottesdiensten die Rede.

Johannes ist zuversichtlich, dass Gott kommt. Darauf weist er sein ganzes Leben lang hin. Er selbst sieht sich als Wegbereiter Gottes und sagt: „Ebnet den Weg für den Herrn“ (Joh 1,23). Johannes ist überzeugt, dass sich alles zum Guten wendet, wenn Gott kommt. Dass alles Leid, alles, was uns jetzt Sorgen macht, ein Ende haben wird. Dass da einer kommt, der Heil und Leben bringt.

Auch wenn Menschen nach wie vor einander Schlimmes antun, auch wenn es weiterhin Schicksalsschläge und Naturkatastrophen gibt, so tröstlich sind für mich adventliche Gestalten, wie Johannes der Täufer. Und auch Klänge, wie die von Händels Messias. Beide lösen die Probleme nicht, aber sie richten mich innerlich auf und wärmen mein Herz. So dass ich wieder hoffen kann.

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10DEZ2023
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Der Kopf geht runter. Das Kinn runter bis auf die Brust. Wenn einem unterwegs der nasskalte Wind ins Gesicht schlägt. Wenn man im Gehen noch schnell die Nachrichten auf dem Handy checkt. Oder wenn man’s eilig hat, und keine Zeit für ein Schwätzchen mit dem Nachbarn, der gerade auf der anderen Straßenseite aufgetaucht ist. Der redet eh immer das gleiche: „Sauwetter heute…“  - „Ja, ja…“ – „Ob’s dieses Jahr weiße Weihnachten geben wird…“ – immer das gleiche, kennt man schon.

Kopf runter. Das Kinn runter bis auf die Brust. Das ist eine Körperhaltung zum Schutz: vor Wind und Wetter und vor allem, was man gerade nicht brauchen kann in der eigenen Geschäftigkeit. Wie eine unsichtbare Mauer, hinter die man sich notfalls verkriechen kann.

Allerdings sieht man dann auch so aus, finde ich: in sich verkrochen, klein und weggeduckt. Man sieht jedenfalls nicht danach aus, als könnte man den Stürmen des Lebens trotzen. Und es stürmt gewaltig in unserer Welt, mit ihren Kriegen und Krisen. Manchmal kann man da einfach nicht mehr hinsehen. Dann mag man nicht mal mehr ein paar Worte mit dem Nachbarn wechseln. Es ist eh alles immer dasselbe und nicht zu ändern. Und dann geht der Kopf runter und das Kinn runter bis auf die Brust.

Das Kinn hat auf der Brust aber nichts verloren – eine ungesunde Körperhaltung. Viel besser, wenn man sich aufrichtet, weil der Blick jetzt an den Lichtern der Weihnachtsbäume hängen bleibt, die jetzt im Advent in den Vorgärten stehen, auf den Marktplätzen oder auf dem Weihnachtsmarkt. Und da – an den Fressbuden und Glühweinständen - hat man plötzlich auch wieder Lust auf ein Schwätzchen mit dem Nachbarn. „Ob’s weiße Weihnachten gibt? Schau'n wir mal. Wäre ja toll für die Kinder…“ – „Haben Sie heute die Nachrichten gehört?“ „Ja, da war schon wieder so ein schwerer Unfall. Und die Regierung…“

Ja, es ist immer noch dasselbe. Die Stürme in der Welt werden sich nicht einfach mal eben so legen – bloß, weil es Weihnachten wird. Aber vielleicht ja doch? Wenigstens ein paar – die Hoffnung besteht doch. Sie ist nur leider so leicht zu übersehen, wenn man Kopf und Blick senkt, sich einigelt und gar nicht mehr hinschaut.

Auch Weihnachten 2023 wird die Welt nicht heil machen. Weihnachten wird wieder „nur“ Hoffnung bringen. Aber von wegen „nur“. Ich sage: Hoffnung ist eine göttliche Kraft. Dass es nicht aussichtslos ist und auch nicht immer dasselbe, bis in alle Ewigkeit. Gott herrscht in Ewigkeit. Das Gute herrscht in Ewigkeit. Darauf zu warten lohnt sich, davon erzählt der Advent. Und in den evangelischen Gottesdiensten und aus den Kirchen ist heute laut der Ruf zu hören: „Seht auf! Erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28) Hoch mit dem Blick! Das Kinn hat auf der Brust nichts verloren! Eine Geburt steht bevor. Ein Neuanfang, und es wird sich alles verändern.

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03DEZ2023
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Wenn es Gott gibt, woher dann das viele Unglück? Die Frage ist alt, oft gestellt und unbeantwortet geblieben. Sie treibt mich aber trotzdem um. Ein Erdbeben, das tausende Menschen verschlingt. Fanatiker, die hasserfüllt und brutal morden. Schüler, die aufeinander losgehen, weil sie verzweifelt sind. Ich weiß: Gott hat uns Freiheit gegeben, zu tun und zu lassen, was wir wollen. Und dass die Welt, in der wir leben, nicht perfekt ist, sondern Grenzen hat, das weiß ich auch. Trotzdem frage ich mich, ob das nicht alles auch anders sein könnte, besser. Ich sehne mich nach ein bisschen mehr heile Welt. Ich will leuchtende Kinderaugen sehen. Und im Fernsehen Attentäter, die sich schämen und bereuen, was sie getan haben. Politiker, die aus Überzeugung barmherzig sind und sagen: „Das schaffen wir mit den vielen Fremden, die zu uns kommen. Und am Geld soll’s nicht liegen.“

Ich kenne meine Sehnsucht, und ich weiß, dass es Dinge gibt, an denen ich nichts ändern kann. Um so weniger will ich das Böse hinnehmen, das im Kopf von Menschen entsteht und eben doch in unserer Hand liegt. Und ich will auch nicht die Hoffnung aufgeben, dass Gott dabei einen Beitrag leisten könnte. Daran glaube ich nämlich. Ich glaube, dass es so ist, wie es der Prophet Jesaja an einer Stelle in seinem Buch formuliert: Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände.[1] Mit diesem Satz endet ein Bibeltext, der heute am Ersten Advent in den Katholischen Gottesdiensten gelesen wird. Der Prophet spricht mehr als deutlich aus, dass viele seiner Zeitgenossen ihre Freiheit missbrauchen. Dass vor allem eine Haltung vorherrscht: Gottvergessenheit. Wer keinen Gott kennt, dem gegenüber er sich verantwortlich fühlt, der macht, was er will. Er ist am Ende nur sich selbst verantwortlich. Wer nicht (mehr) nach dem tieferen Plan in dieser Welt sucht, dem ist es egal, ob es gerecht zugeht oder nicht. Dann gilt das fatale Recht des Stärkeren.

Gibt es Gott? Kümmert ihn, was passiert? Jesaja sagt, wir sind aus Ton. Weich und formbar. Gott hat eine Vorstellung, davon, wie wir aussehen und sein sollen. Und selbst dem, der wirkt, als wäre er aus Stein traut er zu, die eine Stelle zu finden, wo er sich ändern kann, wandeln zum Guten. Das Bild, das Gott von jedem Menschen hat, ist für ihn nie ganz endgültig. Das zu wissen, das tut mir gut, stillt meine Sehnsucht ein bisschen, trägt mich durch diesen Advent.

 

 

[1] Jesaja 64,7b

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26NOV2023
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Wird am Ende doch nicht alles gut? Als ich bei der alten Dame am Sterbebett stehe, kommen ihr noch einmal Zweifel. Während ihres langen Lebens war das selten. Ihr Glaube war immer tief in ihr verwurzelt gewesen. Als sie jetzt merkt, dass ihre Kräfte schwächer werden, kommt sie ins Zweifeln: Was kommt jetzt? Und trägt das, woran sie ihr Leben lang geglaubt hat?

Wird am Ende doch nicht alles gut? Ähnliche Sorgen machen sich die Menschen, an die in der Bibel der zweite Petrusbrief gerichtet ist. Denn scheinbar spricht alles dagegen. Die Menschen in der Gemeinde hatten von Jesus gehört, sie hatten angefangen, an seine Auferstehung von den Toten zu glauben. Und sie hatten fest damit gerechnet, dass Jesus, ihr Herr, noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen würde. Dass er Ungerechtigkeit und Gewalt endgültig beenden würde. Eben, dass bald alles auf der Welt gut werden würde. Aber ein Tag vergeht nach dem anderen. Jesus ist immer noch nicht da und die Welt immer noch ungerecht.

Zweifel treiben die Menschen damals also um. Und an sie richtet sich der zweite Petrusbrief, aus dem heute in vielen evangelischen Gottesdiensten vorgelesen wird. Der Brief ist ein Ringen um Antworten und dem zuerst ernüchternden Ergebnis: Der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb. Wann und wie Jesus also wiederkommen wird, weiß keiner. Und gleichzeitig, die Hoffnung: „Wir erwarten einen neuen Himmel und eine neue Erde, wie Gott sie uns versprochen hat. Dort wird Gerechtigkeit herrschen.“

Am Ende wird alles gut. Diese Hoffnung spricht aus diesen Zeilen an die zweifelnde Gemeinde. Auch wenn ungewiss ist, wann und wie genau. Die vielen Lichter, die heute an vielen Orten für die Verstorbenen in den Kirchen angezündet werden, sind kleine Erinnerungen an diese Hoffnung. Keiner wird vergessen.

Am Bett der alten Dame schimmert diese Hoffnung schließlich auch durch. Mitten in ihren Zweifeln erzählt sie mir, wie sie es sich den Himmel vorstellt. Ganz schlicht. Wie eine blühende Frühlingswiese.

Vielleicht ist das so mit der Hoffnung: Dass sie flackernd scheint, wie die Kerzen, die wir für unsere Verstorbenen anzünden. Dass sie schlicht und zart ist, wie das Bild einer blühenden Frühlingswiese. Schön ist sie, diese Hoffnung. Es wird Gerechtigkeit herrschen.   

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19NOV2023
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Wer sich anschaut, wie es um den Wohlstand in Deutschland steht, der könnte schon zornig werden. Denn Wohlstand ist auch in unserm Land äußerst ungleich verteilt. Während die Wohlhabenden in den letzten Jahren ihr Vermögen oft noch vermehren konnten, sind viele, die kaum etwas haben, sogar ärmer geworden.

Auf den ersten Blick scheint das einen Satz zu bestätigen, der heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist. Da heißt es nämlich: „Wer hat, dem wird gegeben werden und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“ (Mt 25,29) Zugegeben, so ein Satz, dazu noch in der Bibel, klingt schon ziemlich krass. Vor allem, weil er am Ende eines Gleichnisses steht, das Jesus selbst erzählt haben soll. Vordergründig geht es auch da um Geld. Um sehr viel Geld sogar. Ein reicher Mann, heißt es, hat es seinen drei Dienern anvertraut. Die sollen sich darum kümmern, solange er weg ist. Kurz gesagt: Zwei schaffen es, das anvertraute Geld zu vermehren. Der Dritte aber geht auf Nummer Sicher. Er versteckt das Geld lieber, gibt es dem Mann nach langer Zeit unversehrt zurück - und wird genau dafür bestraft.

Ich fand das irgendwie immer unfair. Hab immer ein wenig Mitleid gehabt mit diesem dritten Diener. Dabei hatte der doch bloß Angst, etwas falsch zu machen. Zu versagen. Das kenne ich nämlich auch. Und ich weiß, es geht vielen so. Nur, Geldgeschäfte haben Jesus nie besonders interessiert. Was ihn interessiert hat, war das Leben und wie es gelingt. Und zu jedem Leben gehört eben auch die Angst. Die ist wichtig, weil sie vor Gefahren warnt. Aber sie kann Leben auch verhindern, wenn sie mich beherrscht und übermächtig wird. Und darum geht es: Die Angst nicht übermächtig werden zu lassen. Mir klar zu werden, was ich kann. Wo ich gut bin. Und dann: Etwas daraus zu machen – auch auf die Gefahr hin, dass ich vielleicht scheitere. Denn wenn ich nie etwas wage, kann ich auch nichts gewinnen. Kein Glücksgefühl, weil mir ein Beitrag fürs Radio vielleicht gut gelungen ist. Keinen dankbaren Händedruck eines Bekannten, dessen Frau gestorben ist. Weil ich meine Scheu überwunden und ihn in seiner Trauer besucht habe.

„Wer hat, dem wird gegeben werden“. Für mich heißt das darum: Auch du kannst was. Bring dich ein damit in die Gesellschaft. So kannst du nicht nur Anderen Gutes tun. Du profitierst selbst davon. Hier und jetzt und später vielleicht durch einen Platz im Himmel.

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12NOV2023
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Hätte ich das doch nicht so gemacht… Dann wäre mein Leben sicher anders verlaufen. Oder mir wären manche Probleme und Sorgen erspart geblieben. Aber, hätte, hätte, Fahrradkette. Es hilft nichts: Was war, kann ich nicht mehr ändern.

Ungefähr das schreibt auch der Apostel Paulus in einem Brief an die Gemeinde in Rom. Ein Abschnitt daraus dient heute in vielen evangelischen Kirche als Predigtgrundlage. Paulus beschreibt die Gegenwart seiner Zeit:
„Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt vor Schmerz. Und nicht nur sie. Uns geht es genauso.“ (Römer 8,22)

Paulus sieht Mensch und Natur leiden. Er sieht, dass es Krankheit und Schmerz gibt. Neid und Hass. Paulus nimmt wahr, dass in der Welt, in Gottes Schöpfung einiges im Argen liegt. Und diese Diagnose kann man heute sicher noch genauso stellen: Der Planet schwitzt, Naturkatastrophen entfalten zerstörerische Kraft. Menschen leiden, hungern, müssen fliehen.

Die Schöpfung stöhnt vor Schmerz. Und an dem, was wir Menschen selbst Schlimmes verursacht haben, könnte man verzweifeln. Aber - Paulus tut das nicht. Er schreibt weiter:
„Wir sind gerettet, aber noch ist alles erst Hoffnung.“ (Römer 8,24)

Obwohl Paulus die Vergangenheit nicht ändern kann. Obwohl er keine fertigen Lösungen für die Probleme seiner Zeit in der Schublade hat, glaubt er fest daran, dass es Rettung gibt. Gott hilft. Er erlöst seine Schöpfung von Krieg, Ungerechtigkeit und Gewalt. Diese Hoffnung auf eine gute Zukunft ist für Paulus eine Gewissheit!

Er lenkt den Blick von der Vergangenheit bzw. der Gegenwart, an der man verzweifeln könnte, hin auf eine gute Zukunft. Und ich finde, dieser Blick hilft. Sich über die Vergangenheit den Kopf zu zerbrechen, zu grübeln, was man hätte anders machen sollen – das bringt einen nicht weiter. Hätte, hätte Fahrradkette…

Aber daran glauben zu können, dass wir trotz aller Schwierigkeiten, trotz allen Leids, eine gute Zukunft haben, das hilft mir im Hier und Jetzt. Es lässt mich nicht verzweifeln. Befreit mich von lähmender Zukunftsangst. Wer noch hofft, glaubt auch noch an Veränderung. Und deshalb engagiere ich mich für eine gute Zukunft. Weil ich an sie glaube.

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