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SWR3 Gedanken
„Du bist so was von aggressiv!“ Vor ein paar Monaten hat meine Frau mir das ein paar Mal vorgehalten. Ich bin jedes Mal zusammengezuckt. Selbst bemerkt hatte ich das gar nicht. Aber sie hatte Recht. Wenn ich mir die Situation dann nochmal vor Augen geführt habe, ist mir selbst aufgefallen, wie scharf und vielleicht unangemessen ich reagiert habe.
Ich war beruflich ziemlich angespannt damals. Äußerlich oft ruhig, aber im Innern unter Druck. Und dann reicht es oft, wenn jemand eine schräge Bemerkung macht. Wenn der Sitznachbar im Zug zu laut Musik hört und so weiter. Ödon von Horváth, ein ungarischer Dichter, hat mal den schönen Satz geschrieben: „Ich bin … eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“ Da ist was dran.
Ich glaube nämlich, dass Gott mich als sozialen, umgänglichen Menschen gewollt und geschaffen hat. Bloß manchmal gelingt mir das einfach nicht. Dann bin ich nicht der, der ich sein sollte. Und manchmal merke ich das erst, wenn andere es mir sagen. Doch wenn ich ehrlich bin, dann spüre ich ja selbst, dass etwas nicht stimmt. Dass ich mich in meiner Haut nicht mehr wohlfühle.
Damals hab ich versucht, den Stress zu verringern. Und konnte plötzlich auch gelassener reagieren, wenn andere mich genervt haben. Ich weiß, das klappt nicht immer. Eins hab ich mir trotzdem vorgenommen: Ich will zumindest versuchen, der zu werden, der ich sein sollte – und der ich selbst auch sein möchte.
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Meine Lieblingsschokolade kommt aus Berlin. Okay, sie ist etwas teurer als die aus dem Supermarkt, aber dafür esse ich halt weniger davon. Allerdings: Wie bei fast allen Schokoladen ist auch bei ihr der Preis in den letzten Jahren leider stark gestiegen. Das hat Gründe. An Schokolade lässt sich ein wenig verstehen, was los ist in unserer Welt. Denn auch wenn die Schokolade aus Berlin kommt, die Zutaten stammen aus der ganzen Welt. Für meine Lieblingsschokolade etwa werden Edelkakaos aus verschiedensten Ländern der Erde verarbeitet. Sie machen zwar nur wenige Prozent der weltweiten Kakaoernte aus. Aber auch für sie gilt leider, was auf alle Kakaobäume zutrifft. Die Pflanzen sind sehr empfindlich. Ist es zu trocken oder zu nass, macht sich das sofort bemerkbar. Die Erntemengen sinken. Die Vorräte schrumpfen. Kakao wird knapp. Und weil Kakao an Börsen gehandelt wird, steigen die Preise. Sofort, und zwar deutlich. Die Kleinbauern wiederum, die den Kakao produzieren, bekommen davon kaum was ab. Und weil der Anbau zudem immer schwieriger wird – siehe Klimawandel - überlegen manche sogar, ganz damit aufzuhören. Was die Krise weiter verschärfen würde. Schlechte Aussichten also für meine Lieblingsschokolade.
Den Klimawandel eindämmen. Die fair behandeln, die in fernen Ländern für uns produzieren. Es gäbe jede Menge Gründe, sich dafür einzusetzen. Köstliche Schokolade ist auf jeden Fall einer davon.
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Der Sohn einer Kollegin ist ein Multitalent. Noch Schüler, aber schon jede Menge Projekte im Kopf. Und wenn er was anfängt, macht er es gut. Hat Erfolg damit. Wenn seine Mama davon erzählt, dann spürt man, dass sie stolz auf ihn ist. Bloß offen zeigen mag sie das gar nicht. Ich merke dann immer, dass mir das auch so geht. Denn stolz auf das, was meine Töchter im Leben bisher geschafft haben, bin ich ja auch. Und trotzdem will ich mir das nicht anmerken lassen. Warum eigentlich?
Vielleicht ja, weil Stolz im Christentum ziemlich verpönt ist. Und ja, es gibt da auch diese Eltern, die ich nicht besonders mag. Die ständig davon reden, wie toll und begabt doch ihre Kinder sind. Und die das scheinbar als eigene Leistung verbuchen. Als wären Kinder ein Projekt, in das man viel Zeit und Geld investiert hat, um am Ende selbst damit zu glänzen. So will ich nicht erscheinen. Kinder sind nämlich kein Projekt. Die sind ein himmlisches Geschenk. Mit eigenem Leben, eigenen Zielen und ihrem eigenen Weg. Und den durfte ich ein Stück mit ihnen gehen. Dafür bin ich dankbar. Es war ein großes Glück für mich.
Jetzt gehen sie ihren Weg selbst. Und wie sie das gepackt haben, aus eigener Kraft, das macht mich dann doch ein bisschen stolz. Nicht auf mich, aber auf sie. Und das darf ich ganz bestimmt auch sein.
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Es ist tiefe Nacht auf der Insel Sumatra in Indonesien. Im Dunkel klettern zwei Männer einen hohen Baum hinauf. Einen besonderen Baum. Oben, in seiner Krone, leben wilde Bienen, die einen wunderbaren Honig produzieren. Jetzt, in der Nacht ruhen sie und die Männer können den Honig fast gefahrlos ernten. Aber eben nur fast. Damit die Bienen nicht aufgeschreckt werden und sie stechen, singen die beiden Männer ein berührendes Lied. Sie singen den Bienen ein Schlaflied.
Markus Wolter vom Hilfswerk Misereor hat die schöne Geschichte erzählt. Er lebt und arbeitet gerade in Indonesien und hat die Bienen-Männer begleitet. Für die beiden indonesischen Imker sind aber nicht nur die Bienen Mitgeschöpfe und Partner. Für sie ist der ganze Wald ein spiritueller Ort. Wo die Bäume nicht nur von Bienen, sondern auch von schützenden Geistern bewohnt werden. Geister, die auch Teil von ihnen sind, sagen sie. Mehr noch, ein Teil von uns allen.
Es ist leicht, das als primitiven Aberglauben zu belächeln. Aber vielleicht leben die Bienen-Männer in Indonesien etwas, das uns hier abhandengekommen ist. Ein ganz tiefes Verständnis für Gottes Schöpfung. Die ist für sie nicht irgendwas draußen vor der Tür. Sondern Teil von ihnen selbst. Sie wissen, dass sie nur mit ihr leben können, nicht gegen sie. Wie bei einer großen Familie, in der ich auch nicht jeden toll finden muss. Trotzdem gehören alle dazu. Und ich denke mir: Vielleicht haben die Männer, die den Bienen ein Schlaflied singen, ja viel mehr davon verstanden als ich.
https://blog.misereor.de/2025/11/10/ein-schlaflied-fuer-die-bienen/
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Eine ältere Frau sitzt an einer Bushaltestelle. Es ist tief in der Nacht, die Temperatur knapp über Null. Die Frau zittert vor Kälte. Ein junger Mann, der noch unterwegs ist, kommt zufällig vorbei. Er bemerkt, dass hier etwas nicht stimmt. Er verständigt die Polizei, geht weiter. Doch bevor die Beamten da sind, kommt der junge Mann nochmal zurück. Das Bild der frierenden Frau hat ihm keine Ruhe gelassen. Er spricht sie an, gibt ihr sogar etwas Geld. Als die Beamten schließlich eintreffen, bringen sie die stark unterkühlte Obdachlose sofort ins nächste Krankenhaus. Der junge Mann hat ihr wahrscheinlich das Leben gerettet.
Eine kurze Meldung nur im News-Portal. Aber sie hat mich sofort an eine andere Geschichte erinnert. Die vom barmherzigen Samariter. Eine der bekanntesten in der Bibel. Da kommt ein Mann auch zufällig an einem Wildfremden vorbei, der Hilfe braucht. Er kümmert sich, legt privates Geld für ihn aus, bittet auch andere darum zu helfen. Und rettet ihm so das Leben.
Die Geschichte in der Bibel hat viele Facetten. Eine aber ist entscheidend: Der Nächste ist immer der Mensch, der gerade Hilfe braucht. Egal wie er aussieht, wie er spricht oder welche Nationalität er hat. Klingt selbstverständlich, ist es oft aber nicht.
Ob der junge Mann die Samaritergeschichte gekannt hat? Keine Ahnung. Es wäre auch nicht wichtig. Er hat gehandelt. Als Mitmensch. Und darauf kommt es an.
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Woran merke ich, dass etwas ganz und gar Neues beginnt? Ein neuer Lebensabschnitt. Eine neue Zeit. Selten geschieht sowas abrupt und schlagartig. Viel öfter wird uns die Veränderung erst im Rückblick klar. Oft als ein diffuses Gefühl, das sich dann aber immer mehr auch in äußeren Zeichen manifestiert. Dass sich körperlich etwas verändert, merke ich vielleicht daran, dass ich Treppen nur noch mühsam hochkomme, die ich vor ein paar Jahren noch locker genommen habe. Dass sich Lebensgewohnheiten ändern, Menschen anders konsumieren. Daran, dass vertraute Läden oder Lieblingslokale, die mich jahrelang begleitet haben, aus dem Stadtbild verschwinden.
„Woran merke ich, dass etwas Neues beginnt?“ Die Frage stellt auch ein Text, der heute in den katholischen Kirchen gelesen wird. Der Täufer Johannes, der Jesus einst getauft hatte, sitzt nun im Gefängnis und schickt seine Anhänger zu Jesus. Sie fragen ihn: Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? Jesus antwortet ihnen aber nicht mit Ja oder Nein. Er fordert sie stattdessen auf, Augen und Ohren aufzumachen. Wahrzunehmen, was sie sehen und hören. Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören. Macht euch selbst euren Reim darauf, will er ihnen sagen. Dann werdet ihr merken, dass etwas Neues angebrochen ist. Gottes neue Welt.
Die meisten von uns bemerken Veränderungen tatsächlich erst im Nachhinein. Und manche wollen sie vielleicht auch gar nicht wahrhaben. Tun alles dafür, dass es so bleibt, wie es ist. Aber immer wieder in der Geschichte hat es hellsichtige Leute gegeben, die Veränderungen früh gespürt haben. Die ihren Mitmenschen gesagt haben: Macht eure Augen und Ohren auf. Schaut hin. Ihr müsst etwas tun, weil die Zeiten sich ändern. Die Bibel hat solche hellsichtigen Menschen Propheten genannt. Leute wie Jesaja und Jeremia, Ezechiel und Amos. Und auch der Täufer Johannes. Er hat geahnt, was mit Jesus und seiner Botschaft Neues beginnen könnte. Hat seine Landsleute aufgefordert, sich darauf einzulassen.
Propheten gibt es noch immer. Menschen, die Dinge klarer gesehen und gewarnt haben. Vor dem Angriffskrieg etwa, mit dem Russland die Ukraine überzieht. Oder vor den dramatischen Folgen, die ein massiver Klimawandel für die Menschheit hat. Den meisten von ihnen ist es letztlich ergangen wie den Propheten, von denen die Bibel berichtet. Man nimmt sie vielleicht wahr, aber nicht sonderlich ernst. Und doch: Es lohnt sich, auf sie zu hören.
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„Was nix kostet, taugt auch nix.“ Soll so viel heißen wie: Was billig ist, hat meistens irgendeinen Haken. Allerdings kann ich den Satz auch anders lesen: Arbeit, die nicht ordentlich bezahlt wird, ist scheinbar auch nicht viel wert. Ganz gleich, ob jemand Straßen kehrt, Kinder unterrichtet oder einen Betrieb leitet. Einen Menschen ordentlich zu bezahlen, heißt eben immer auch: Du und deine Arbeit sind uns das wert. Doch Geld ist nicht alles. Es braucht mehr. Anerkennung, Respekt, Lob. Das Gefühl, gesehen zu werden, etwas zu gelten.
Gut möglich, dass es genau daran öfter mal mangelt. Nicht nur in Firmen und Behörden. Auch in Vereinen und Kirchen. Da also, wo viele Menschen sich freiwillig engagieren. In ihrer Freizeit, ehrenamtlich. Ohne einen Cent dafür zu bekommen. Und das Motto „nicht gemeckert ist genug gelobt“ scheint es leider auch immer noch zu geben. Aber es frustriert und demotiviert Menschen. Im Job ebenso wie in der Freizeit.
Aufs Wort kommt es an. Auf das gute, freundliche Wort, das den Einzelnen sieht und wertschätzt. Kritik schließt das ja gar nicht aus. Im Gegenteil. Und ein echtes Interesse, das den anderen wertschätzt, kostet nicht mal was. Im Gegenteil: Es ist unbezahlbar.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43516Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Wer bin ich? Wo komme ich her? Was sind meine Wurzeln? Die grundlegenden Fragen. Meine Tochter hat vor einiger Zeit damit begonnen, den Stammbaum unserer Familie aufzuschreiben. Als wir darüber sprachen, haben wir beide aber auch gemerkt: Das ist gar nicht so einfach. Von meinen Großeltern, ihren Urgroßeltern also, kann ich ihr noch erzählen. Auch meinen eigenen Urgroßvater habe ich als Kind noch kennengelernt. Doch da hört es dann auch auf. Und noch Ältere, die sie fragen könnte, leben leider nicht mehr. Vielleicht wird sie irgendwann noch mal in alten Archiven stöbern. Wird dann mit etwas Glück noch ein, zwei weitere Generationen finden. Doch oft endet es da. Und die eigenen Wurzeln verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Von den allermeisten Menschen, die mal unsere Vorfahren waren, wissen wir leider nichts mehr.
„Unvergessen“ steht dagegen auf manchen Grabsteinen. Geschrieben von Menschen, die sich noch an die Toten erinnern. Auch in Todesanzeigen in der Zeitung lese ich das hin und wieder. Es ist ein Wunsch, den viele Menschen haben. Nicht endgültig vergessen zu sein. Hoffen zu dürfen, dass sich irgendjemand doch noch an sie erinnert. Doch in unserer Menschenwelt ist leider alles endlich. Auch das Erinnern. Und mit dem menschlichen Vergessen geht es oft viel schneller als gedacht. Schließlich wird kaum jemand zu Lebzeiten ein Leonardo da Vinci, ein Johann Sebastian Bach oder Johann Wolfgang von Goethe gewesen sein. Jemand also, an den man sich auch Jahrhunderte später noch erinnert.
Als Christ vertraue ich darauf, dass der Tod nicht das endgültige Aus eines Menschen ist, dass noch etwas kommen wird nach dem Tod. Es ist auch ein Auflehnen gegen das Vergessen. Die Hoffnung, dass zumindest Gott keinen vergisst. Mich nicht und auch nicht all die, die mir im Leben lieb und kostbar waren.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43234Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
In Mainz, wo ich arbeite, ist für manche heute ein besonderer Tag. Heute Vormittag wird am Schillerplatz in Mainz die Fassnacht eingeläutet. Die „fünfte Jahreszeit“ wie manche sagen.
Ich selbst habe es nicht so damit, aber ein besonderer Tag ist für mich heute auch. Mein Namenstag. Ich werde stattdessen den Mainzer Dom besuchen, nur ein paar Hundert Meter entfernt. Auch der hat nämlich Namenstag. Vor fast 1000 Jahren hat man ihn dem Heiligen Martin geweiht. Martin muss damals fast so was wie ein religiöser Star gewesen sein. Und ein bisschen ist er das ja immer noch. Schließlich erinnern die Laternenumzüge überall im Land noch heute an ihn.
Der historische Martin hat vor mehr als 1600 Jahren gelebt. Als junger Mann hatte er sich zum römischen Militärdienst verpflichtet und offenbar Karriere gemacht. Die Legende kennt ihn als römischen Hauptmann. Als er eines Tages einen frierenden Bettler am Wegrand sitzen sieht, soll ihn das so angerührt haben, dass er dem Mann die Hälfte seines Uniformmantels aus festem Stoff geschenkt hat. Martin ist dann Christ geworden, hat sich taufen lassen und später den Militärdienst wegen seines Glaubens quittiert. Es heißt, er habe eine echte Gabe gehabt, andere Menschen für den Glauben zu begeistern. Am Ende wurde Martin sogar Bischof der französischen Stadt Tours. Dort ist er auch begraben.
Ich selbst konnte mir meinen Namen damals natürlich nicht aussuchen. Aber mit der Wahl meiner Eltern bin ich sehr einverstanden. Denn unter den unzähligen Heiligen, die es in der Kirche gibt, ist mir Martin tatsächlich einer der liebsten. Als Mensch, der mitten im Leben gestanden und seinen Glauben wohl so überzeugend und begeisternd gelebt hat, dass er andere dadurch anstecken und die Welt ein bisschen besser machen konnte.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43233Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Die Zeit der Faulenzer ist vorbei“. Genau so steht das in der Bibel. Beim alten Propheten Amos. Der Satz hat mich an Wortmeldungen aus der aktuellen Politik erinnert. Von wegen „Leistung muss sich wieder lohnen“ und „es wird wieder in die Hände gespuckt“. Sagt ja schließlich schon die Bibel, dass für Faulenzer kein Platz sein soll. Bloß, so einfach ist es eben nicht.
Denn der heilige Zorn des alten Propheten richtet sich in Wahrheit gegen die damalige Oberschicht, die Reichen und Mächtigen seiner Zeit. Die sogenannten „Leistungsträger“ würden manche heute vielleicht sagen. Dabei hat Amos gar nichts dagegen, dass die Leute reich sind. Er regt sich auf über ihre Gleichgültigkeit. Darüber, dass sie ihr sattes Wohlleben zelebrieren, während ihnen die vielen Armen im Land ziemlich egal sind. Jene, die sich als Kleinbauern und Tagelöhner abrackern und doch auf keinen grünen Zweig kommen. „Ihr liegt auf Betten aus Elfenbein und faulenzt auf euren Polstern“, haut er ihnen um die Ohren. Er regt sich auf über eine tief gespaltene Gesellschaft, die es damals, zu seiner Zeit, gibt. Eine Gesellschaft, die so ungleich ist, dass es zum Himmel schreit. Diese Gesellschaft, sagt er, wird untergehen.
Nun sind die Zeiten damals und heute kaum vergleichbar. Doch in der Wut dieses alten Propheten schwingt auch etwas mit, das für mich bis heute nachhallt. Ein Appell gegen das Wegsehen. Gegen den Rückzug in die eigenen Blasen. Gegen Kälte und Gleichgültigkeit den Ärmeren, Schwächeren und Gescheiterten gegenüber. Und mit diesem Appell ist der alte Prophet Amos dann doch noch ziemlich aktuell.
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