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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Er steht noch immer da, der alte Kulturbeutel meines Vaters. Vor ein paar Jahren ist mein Vater im Krankenhaus gestorben. Den Beutel haben wir damals mit anderen persönlichen Dingen mitgenommen. Darin ist wertloses Zeug. Seine Zahnbürste, sein Rasierapparat, etwas Duschgel und manches andere. Nichts davon konnte ich gebrauchen und doch habe ich diesen Kulturbeutel lange aufbewahrt wie einen Schatz. Wegwerfen ging nicht. Es hätte zu weh getan.
Ich habe mich oft gefragt, warum das so ist. Denn nüchtern betrachtet war er zu nichts mehr zu gebrauchen. Mit dem Beutel ist es wie mit zig anderen Gegenständen, die ebenfalls mein Haus bevölkern. Die herumliegen, in Schränken oder Schubladen. Die zustauben und Platz wegnehmen. Ich brauche sie nicht und doch kann ich sie auch nicht einfach wegwerfen. Da sind Mitbringsel aus einem wundervollen Urlaub. Geschenke, die mir meine Kinder mal gemacht haben, als sie klein waren. Und an jedem einzelnen Teil kleben Erinnerungen, zäh wie ein altes Kaugummi. Manche tun gut und wärmen die Seele. Andere sind schmerzhaft, wie beim Kulturbeutel meines Vaters. Aber jedes einzelne Teil erzählt eine Geschichte und jedes steht für etwas Wichtiges in meinem Leben.
Oft spüre ich erst viel später, dass die Erinnerungen ein Teil von mir geworden sind. Dass ich sie anschauen, mich daran freuen kann. Dass sie aber nicht mehr weh tun. Das ist der Moment, an dem ich endgültig Abschied nehmen und Dinge loslassen kann. Von dem alten Kulturbeutel werde ich mich demnächst wohl doch trennen. Weil die Erinnerungen an meinen Vater längst ein Stück von mir sind.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44063Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Home is, where your heart beats“. Heimat ist da, wo dein Herz schlägt. Der Spruch steht auf einem Aufkleber. Er pappt an der Tür zum früheren Kinderzimmer meiner Tochter. Als Schülerin vor vielen Jahren hatte sie den Spruch mal dorthin geklebt. Heimat, da, wo ich ganz ICH sein darf, das war ihr wichtig. Ich glaube, es ist es heute noch.
Wenn ich an der Tür vorbeilaufe und den Spruch sehe, dann erinnert er mich immer auch an einen kleinen Satz aus der Bibel, den ich mag: Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. (Mt 6,21) Nun meint die Bibel mit dem Schatz nicht das, was Verliebte meinen, wenn sie von „meinem Schatz“ reden. Hier geht’s um andere Schätze. Klar, mancher denkt bei „Schatz“ wohl erstmal ans Materielle. Mein Haus, mein Auto, mein Bankdepot. Dabei könnten es auch Orte sein, an denen ich mich wohlfühle. Wo ich ICH sein darf. Werte vielleicht, die mir kostbar sind im Leben. Gerecht zu handeln etwa oder barmherzig zu sein. Und natürlich Menschen, die mich durchs Leben begleiten. Die sind sogar ein besonderer Schatz.
Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Was die Bibel damit sagen will: Mach dir klar, welche Schätze wirklich wichtig sind im Leben. Welche nachhaltig sind, würde es heute vielleicht heißen. Welche ein Schatz im Himmel sein könnte. Ich glaube, am Ende würde ich mich wohl für Beziehungen entscheiden. Beziehungen zu Menschen, die mein Leben reicher machen. Die mir Heimat geben, egal wo ich bin. Ein Stückchen Himmel auf Erden. Dort, wo mein Herz schlägt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44062SWR1 3vor8
Wer die Münchener Sicherheitskonferenz vor zwei Wochen zumindest ein wenig verfolgt hat, dem dürfte endgültig klar sein: Die Welt, wie wir sie kannten, hat sich dramatisch verändert. Das, was manche als die gute alte Zeit verklären, ist vorbei. Endgültig. Eine neue Epoche beginnt. Zeit, aufzubrechen. Aber wie und wohin? Auch mich macht das gerade oft ratlos.
Ein uralter Text, der heute Morgen in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist, könnte da ein wenig Mut machen. Er erzählt von Abraham, dem gemeinsamen Vorfahren von Juden, Christen und Muslimen. Eines Tages sagt Gott zu ihm: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! (Gen 12,1ff) Und Abraham? Der nimmt seine Sippe, macht sich auf und zieht los. Ohne zu wissen wohin. Aber im Vertrauen darauf, dass es gut ausgehen wird.
Ich gebe zu, ich könnte das nicht. Ich bin ein Mensch, der gerne vorausplant. Der wissen will, was ihn erwartet. Abraham aber hat etwas, das ihn in der Geschichte scheinbar gelassen losziehen lässt. Denn Gott verspricht ihm: Ich werde dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Mehr noch: Ich werde segnen, die dich segnen. Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen.
Segnen und gesegnet werden. Im Ursprung meinte Segen wohl einen Art Kraft, die etwas wachsen und gut werden lässt. Eine Kraft, die von Gott kommt. Und die wünsche ich eben einem Menschen, wenn ich ihn segne. „Gott segne dich“ meint also: Gott möge dir Mut und Kraft verleihen, damit dein Leben gelingt. Eine Garantie darauf gibt es natürlich nicht. Ein Segen ist kein Zauberspruch. Er ist eine Zusage: Du bist nicht allein. Gott geht mit dir. Was die kleine Abrahamsgeschichte aber auch noch erzählt: Wer so gesegnet ist, Gottvertrauen gewonnen hat, kann sogar für andere zum Segen werden. Zum Mutmacher und Kraftspender.
Was die nähere Zukunft für mich und alle anderen bringen wird ist ungewiss. Vielleicht passt das etwas verstaubt klingende Wort vom „Gottvertrauen“ da ja ganz gut. Denn ich werde nie alles planen und im Griff haben können. Aber ich kann trotzdem losgehen und mit meinen begrenzten Möglichkeiten Gutes tun. Im Vertrauen darauf, dass ich gesegnet bin und Gott mir alles, was nötig ist, dafür mitgeben wird. Und vielleicht kann ich sogar zum Segen werden für andere.
Wer die Münchener Sicherheitskonferenz vor zwei Wochen zumindest ein wenig verfolgt hat, dem dürfte endgültig klar sein: Die Welt, wie wir sie kannten, hat sich dramatisch verändert. Das, was manche als die gute alte Zeit verklären, ist vorbei. Endgültig. Eine neue Epoche beginnt. Zeit, aufzubrechen. Aber wie und wohin? Auch mich macht das gerade oft ratlos.
Ein uralter Text, der heute Morgen in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist, könnte da ein wenig Mut machen. Er erzählt von Abraham, dem gemeinsamen Vorfahren von Juden, Christen und Muslimen. Eines Tages sagt Gott zu ihm: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! (Gen 12,1ff) Und Abraham? Der nimmt seine Sippe, macht sich auf und zieht los. Ohne zu wissen wohin. Aber im Vertrauen darauf, dass es gut ausgehen wird.
Ich gebe zu, ich könnte das nicht. Ich bin ein Mensch, der gerne vorausplant. Der wissen will, was ihn erwartet. Abraham aber hat etwas, das ihn in der Geschichte scheinbar gelassen losziehen lässt. Denn Gott verspricht ihm: Ich werde dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Mehr noch: Ich werde segnen, die dich segnen. Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen.
Segnen und gesegnet werden. Im Ursprung meinte Segen wohl einen Art Kraft, die etwas wachsen und gut werden lässt. Eine Kraft, die von Gott kommt. Und die wünsche ich eben einem Menschen, wenn ich ihn segne. „Gott segne dich“ meint also: Gott möge dir Mut und Kraft verleihen, damit dein Leben gelingt. Eine Garantie darauf gibt es natürlich nicht. Ein Segen ist kein Zauberspruch. Er ist eine Zusage: Du bist nicht allein. Gott geht mit dir. Was die kleine Abrahamsgeschichte aber auch noch erzählt: Wer so gesegnet ist, Gottvertrauen gewonnen hat, kann sogar für andere zum Segen werden. Zum Mutmacher und Kraftspender.
Was die nähere Zukunft für mich und alle anderen bringen wird ist ungewiss. Vielleicht passt das etwas verstaubt klingende Wort vom „Gottvertrauen“ da ja ganz gut. Denn ich werde nie alles planen und im Griff haben können. Aber ich kann trotzdem losgehen und mit meinen begrenzten Möglichkeiten Gutes tun. Im Vertrauen darauf, dass ich gesegnet bin und Gott mir alles, was nötig ist, dafür mitgeben wird. Und vielleicht kann ich sogar zum Segen werden für andere.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43955SWR3 Gedanken
Uns Deutschen wird schon mal nachgesagt, dass wir ein gestörtes Verhältnis zum Essen hätten. Nicht Genuss und Lebensfreude wie in Frankreich oder Italien. Eher Pflichtübung nach dem Motto „Hauptsache satt“. Okay, das mag reichlich überspitzt sein, aber so ganz daneben ist es leider auch nicht.
Ein paar Politiker*innen in Berlin hatten eine Idee, die beide Aspekte miteinander verbindet. „Kiez-Kantinen“ in den Stadtbezirken solle es geben, mitfinanziert vom Land. Quasi öffentliche Einrichtungen, in denen man für wenig Geld gesund und abwechslungsreich essen kann. Am besten nicht in abgeranzten Speisesälen mit Plastikstühlen und Resopaltischen unter Neonlicht, sondern in schönen Räumen, in denen man sich wohl fühlt.
Ob das je umgesetzt wird? Eher fraglich. Aber die Idee find ich gut. Weil Essen viel mehr sein kann als bloßes Sattwerden. Es war ja kein Zufall, dass die frühen Christen als ihr Erkennungszeichen ein gemeinsames Mahl hatten. Erst beim Abendmahl im Gottesdienst, und danach als gemeinsames Essen an einem Tisch. Jeder durfte kommen. Ob reich oder arm, alt oder jung, konservativ oder progressiv. Essen schafft Gemeinschaft, bringt Menschen zusammen. Vielleicht bräuchte es solche Orte heute ja wieder, mehr denn je. Orte, wo jeder, auch mit sehr wenig Geld, gesund und günstig essen kann. Orte gegen den Hunger und auch gegen das Alleinsein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43910SWR3 Gedanken
Wenn ich mit Menschen zu tun habe, die viel schlauer sind als ich, dann fühle ich mich immer ein bisschen kleiner als sonst. Der Intelligenz des anderen einfach nicht gewachsen. Vielleicht habe ich ja deshalb oft ein mulmiges Gefühl, wenn von Künstlicher Intelligenz die Rede ist. Und dass die in ein paar Jahren schon viel, viel schlauer sein könnte als jeder Mensch. Ein digitales Super-Brain also, dem auch die Allerklügsten nicht mehr gewachsen sind. Faszinierend und gruselig zugleich.
Allwissend und jedem Menschen haushoch überlegen? Bis jetzt war sowas eigentlich immer Gott vorbehalten. Jedenfalls so, wie sich wohl die meisten Menschen Gott vorstellen. Und nun basteln diese Menschen an einer Art gottähnlicher KI? Bei der Vorstellung muss ich jedenfalls an die uralte Erzählung vom Turmbau zu Babel denken. Auf Augenhöhe mit Gott wollten die Menschen sein, so heißt es in der Bibel. Deshalb fangen sie an, einen riesigen Turm zu bauen. Bis in den Himmel soll er reichen. Als der Turm höher und höher wird, die Menschen Gott scheinbar immer näherkommen, wird es dem dann doch zu bunt. Er bringt ihre Sprache völlig durcheinander. Ihr ambitioniertes Projekt müssen sie abbrechen. Das ist heute kaum zu erwarten.
In der Medizindiagnostik und anderen Bereichen ist künstliche Intelligenz ja auch wirklich ein Segen. Und die Entwicklung wird noch weitergehen. Bloß wohin, das weiß ich nicht. Ich weiß nur: Mein mulmiges Gefühl vor einem digitalen Superhirn, dem irgendwann kein Mensch mehr gewachsen ist, das wird bleiben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43909SWR3 Gedanken
„Great again“ – endlich wieder großartig sein. Was den Slogan offenbar so attraktiv macht ist, dass Viele sich darin wiederfinden. Großartig sein. Oder wenigstens, sich großartig fühlen. Mal ehrlich: Wer wünscht sich das nicht? Die Frage ist, was das eigentlich heißen soll. Wann bin ich denn großartig? Wenn ich beim Sport auf dem Treppchen oben stehe? So viel Geld wie möglich anhäufe? Im Job meine Konkurrenten kaltstelle? Die Vorstellungen dürften ziemlich auseinandergehen.
Völlig schräg klingt da erstmal, was die Bibel dazu sagt. Wer der Größte sein will, heißt es da, soll der Diener aller sein. Schaue ich mir die Geschichte meiner eigenen Kirche an, dann hat sie das selbst leider nicht immer so ernst genommen. Da gibt’s nämlich neben viel ehrlicher Bescheidenheit auch noch hochwürdige Herren oder Exzellenzen und manche verhalten sich auch so. Der Satz aus der Bibel, der hat da schon was. Weil er subversiv ist. Weil da eine Idee vom Groß-Sein drinsteckt, die einfach großartig ist.
Groß ist danach eben nicht der mit der größten Klappe oder den breitesten Ellenbogen. Groß ist nicht, wer sich am rücksichtslosesten durchboxt. Groß ist, wer sich selbst auch zurücknehmen und andere glänzen lassen kann. Groß ist, wer es schafft, Gegensätze auszuhalten und miteinander zu versöhnen. So, dass daraus am Ende vielleicht wirklich was Großes werden kann. Für alle.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43908SWR3 Gedanken
Zwölf Gänge mit orientalischen Köstlichkeiten. Meine Tochter und ich haben letztes Jahr in Berlin ein Restaurant ausprobiert, von dem ich schon oft gehört hatte. Das „Kanaan“. Vor 11 Jahren gegründet vom jüdischen Israeli Oz Ben David und Jalil Dabit, einem muslimischen Palästinenser. Kennengelernt haben sich die beiden erst in Berlin. Ihre Idee: Ein Hummusrestaurant. Denn der ewige Streit, wer Hummus und Fallafel, orientalische Gerichte aus Kichererbsen, eigentlich erfunden hat, verbindet beide Völker. Und genau das wollten sie auch: Beim Kochen und gemeinsamen Essen Gegensätze zusammenbringen. Ein Ort sein, wo sich im Idealfall Rechte und Linke, Homos und Heteros, Menschen verschiedenster Kulturen begegnen. Heftig gefetzt haben sich die beiden oft. Und beim Kochen dann doch immer wieder zusammengefunden. Oder, wie Jalil Dabit es sagt: „Frieden entsteht, wenn sich Leute an einen Tisch setzen und trotz der Streitpunkte, die sie miteinander haben, zusammen essen.“ „Make hummus, not war“, mach Hummus und nicht Krieg, so steht es auf einem Schild in ihrem Laden.
Ihre Idee vom Frieden durch gemeinsames Kochen und Essen wollen die beiden weiterführen. Ihr einzigartiges Restaurant am Prenzlauer Berg aber werden sie Ende Februar leider schließen. Die Krise in der Gastronomie trifft sie auch. Ich finde das jammerschade! Weil man bei Oz und Jalil eben nicht nur köstlich essen, sondern auch einem Traum nachhängen konnte. Dass Frieden zwischen ganz unterschiedlichen Menschen möglich ist. Und dass er manchmal eben einfach durch den Magen geht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43907SWR3 Gedanken
Fahrscheinkontrolle! Ich sitze im Regionalexpress, auf der Rückfahrt von einem Termin. Der Zug ist gerade losgefahren, da steht schon ein freundlich lächelnder Zugbegleiter neben mir: Die Fahrkarten bitte! Was keiner im Zug ahnt: Nur eine Stunde später wird er schwer verletzt im Koma liegen. Totgeprügelt von einem Fahrgast. Erst Tage später ist mir klar geworden: Der nette Bahnmitarbeiter, der mein Ticket an jenem Montag kontrolliert hat, war jener Serkan Çalar. Ich selbst war kurz vor der Gewalttat ausgestiegen. An Serkan Çalar aber konnte ich mich erinnern. Es macht mich immer noch fassungslos.
Die Hemmschwelle, andere zu attackieren, zu verletzen, sogar ihren Tod in Kauf zu nehmen sinkt seit Jahren. Es trifft Polizisten, Rettungssanitäter, Zugbegleiter und viele andere. Gewalt ist wie ein lähmendes Gift, das sich langsam in eine Gesellschaft frisst. Das Gift wirkt längst. Wenn Zugbegleiter ein mulmiges Gefühl haben, sobald sie ihren Dienst antreten. Wenn Menschen Plätze in der Stadt meiden, weil sie ihnen Angst machen. Dagegen braucht es neue Sicherheitskonzepte. Aber allein reichen sie nicht und ich will mich auch nicht lähmen lassen. Ich kann Leute wie diesen Schläger im Zug nicht stoppen. Aber manchmal könnte ich sicher mehr Zivilcourage zeigen, zusammen mit anderen. Ich bin mir sicher: Wir sind eine große Mehrheit, die Hass, Gepöbel und Gewalt einfach nur anwidert. Und ich kann versuchen, zumindest ein wenig dagegenzusetzen. Bewusst und jeden Tag aufs Neue. Ich kann höflich bleiben, auch wenn mir was nicht passt. Kann Menschen respektvoll begegnen, obwohl ich müde oder gestresst bin. Kann versuchen zu schlichten, wo Emotionen hochkochen. Ich weiß, viel ist das nicht, aber doch ein kleiner Gewinn für alle. Und besonders für die, die für uns da sind.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43906SWR3 Gedanken
Wenn es, wie vor kurzem, plötzlich schneit, ist eines meistens sicher: Dass es auf den glatten Straßen kracht. Ein Leser hat darauf in die Kommentarspalte einer Zeitung geschrieben: Früher hatte man eine Christophorus-Plakette im Auto. Heute betet man zu ABS & ASR. Den digitalen Helferlein also, die verhindern, dass Räder blockieren oder einfach durchdrehen.
Der heilige Christophorus gilt als Schutzpatron der Reisenden. Er soll mithelfen, dass man sicher an sein Ziel kommt. Sein Bild auf einem Armaturenbrett, ein großer Mann, der auf seinen Schultern ein Kind durchs Wasser trägt, hab ich in einem Auto wirklich ewig nicht mehr gesehen. In einem Punkt ist der Vergleich mit den digitalen Assistenzsystemen aber gar nicht so schräg. Ein Christophorus am Armaturenbrett war nie Garant dafür, dass es nicht doch mal kracht. Aber das garantieren mir ABS, ASR und wie sie heißen, ja auch nicht. Wer beim Fahren am Handy daddelt oder viel zu schnell durch Kurven brettert, dem hilft auch alle Technik im Auto am Ende wenig.
Einen Unterschied allerdings gibt es für mich doch. Wenn ich zu Gott bete oder einen Heiligen um Hilfe bitte, dann gehe ich eine Beziehung ein. Dann weiß ich jemanden an meiner Seite, dem ich nicht egal bin. Der nicht will, dass mir was passiert. Und dann denke ich vielleicht auch eher an die Menschen, die das auch nicht wollen und sich um mich sorgen.
Ich bin froh, dass ich ABS und ASR in meinem Auto habe. Aber eine Beziehung dazu werde ich trotzdem nie haben. Denn der Technik bleibe ich letztlich egal.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43905SWR1 3vor8
In dem Roman „1984“ von George Orwell, der in einem autoritären Polizeistaat spielt, gibt es die sogenannte Gedankenpolizei. Die verfolgt nicht nur Leute, die irgendwas Verbotenes getan haben. Schuldig macht sich schon, wer nur an etwas Verbotenes denkt – ohne die geringsten Anstalten, es wirklich zu tun. Der Text, der heute Morgen in den Katholischen Gottesdiensten zu hören ist, den könnte man auch so verstehen. Er findet sich in der sogenannten Bergpredigt Jesu, in der er seine Lehre wie in einem Grundsatzprogramm zusammenfasst. Da heißt es dann zum Beispiel: Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. (Mt 5,27f). Das ist starker Tobak. Hört sich auf den ersten Blick an wie ein Fall für Orwells Gedankenpolizei. Doch wie so oft in der Bibel steht auch hinter diesem Satz ein tiefer gehender Gedanke. Dass nämlich ein Vergehen, oder eine Sünde, wie es die Bibel nennt, fast immer im Kopf beginnt und nicht erst mit der eigentlichen Tat. Heißt in diesem Fall: Dass ich allein durch die Vorstellung, mit einer anderen Frau eine Affäre zu beginnen, schon das in Frage stelle, was ich meiner Frau mal versprochen habe. Und man kann ja weiterdenken: Die bloße Idee etwa, ich könnte bei der Arbeit doch mal Geld unterschlagen, beschädigt schon das Vertrauen, das der Arbeitgeber mir entgegenbringt. Wer etwas Falsches also nur in Erwägung zieht, ist moralisch schon nicht mehr integer. Auch wenn er oder sie sich nichts zu Schulden kommen lässt.
Trotzdem gibt es ziemlich gute Gründe, warum etwa unser Strafrecht ein Tatstrafrecht ist. Warum ich also nur wegen tatsächlich begangener Straftaten vor Gericht lande, und nicht für irgendwelche dunklen Gedanken. Wer das aufgäbe würde schnell auf einer schiefen Ebene landen, die – wie in Orwells Roman - in einem Überwachungsstaat endet.
Für die, die ihm folgen wollen, wünscht sich Jesus allerdings einen höheren Maßstab. Als Christ soll ich versuchen, moralisch integer sein. Innerlich so gereift, dass ich gar nicht in Erwägung ziehe, etwas Übles zu tun. Auf der Stufenleiter der moralischen Entwicklung ist das ziemlich weit oben. Ein hoher Anspruch, an dem ich selbst auch immer wieder mal scheitere. Aber ist er deshalb unrealistisch? Nicht lebbar? Nein! Es ist keine Vorbedingung um Christ zu sein. Aber ein Ziel, an dem ich mich als Mensch und als Christ ausrichten kann und wachsen darf.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43866