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SWR2 / SWR Kultur

  

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SWR Kultur Wort zum Tag

23JUN2025
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Ich miste gerne aus. Kleider, die mir schon lange nicht mehr passen, unvollständige Spiele, ausgelesene Krimis und nie wirklich getragene Schuhe. Sie verstopften das Haus. Ich mag es, Dinge auszusortieren, es hilft mir, den Kopf zu klären. Ich nehme jedes Teil in die Hand und wäge ab: Was brauche ich, was ist überflüssig und kann zum Flohmarkt oder auf den Müll?

Man kann aber auch Nicht-Materielles aussortieren. Es spricht für die eigene Beweglichkeit, auch innerlich ab und an einiges auf den Müll der eigenen Geschichte zu werfen, wenn man nicht wie in einem Museum seiner selbst leben will.

Da könnte es naheliegen, auch den eigenen Glauben auszusortieren, zumal, wenn er unbequem geworden ist wie ein zu enges Kleidungsstück. Ich kann mich noch gut an eine Zeit meines Lebens erinnern, in der ich mit meinem Glauben schon an der Sperrmüllstation angekommen war, ja, ihn dort schon abgegeben hatte. Ich war der Ansicht, dass ich aus meinem Kinderglauben herausgewachsen sei. Erst kam ich mir richtig befreit vor, aber dann drehte sich das Gefühl. Ich habe gemerkt, dass mir etwas Entscheidendes im Leben fehlt. Ich habe gespürt, dass ich ohne meinen Glauben nicht gut leben kann und will. Ich habe dann lange gesucht. Und glücklicherweise konnte ich ihn wiederfinden. Er hatte sich verändert, aber er war doch mein Glaube geblieben. Ich habe gemerkt, dass er auch der erwachsenen Frau passt. Heute weiß ich, dass dieser Glaube das Kostbarste ist, was ich habe.

Im Rückblick muss ich selbstkritisch sagen: Es war zunächst auch bequemer, so ohne meinen Glauben. Ich musste anderen Leuten nicht mehr erklären, warum mir diese Geschichte mit Gott denn so wichtig ist. Immerhin: Auch in der Bibel wird von Menschen erzählt, die es lieber bequem gehabt hätten. Die meisten Menschen, die sich von Gott angesprochen fühlten, hatten Ausreden parat: Ich bin zu jung, kann nicht gut vor anderen Leuten sprechen, habe gerade andere Pläne… Doch Gott ist hartnäckig geblieben.

Es ist gar nicht so einfach, den Glauben wiederzufinden, wenn er erst einmal auf der Müllhalde entsorgter Denk- und Glaubensmodelle liegt. Trotzdem plädiere ich dafür, den Glauben immer wieder kritisch in die Hand zu nehmen und abzuwägen: Brauche ich ihn noch? Ist er mir wertvoll? Möglicherweise merke ich erst beim Abstauben für den Flohmarktverkauf, dass er einen eigenen neuen Glanz für mich gewinnen kann und will.

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SWR Kultur Wort zum Tag

17MAI2025
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Im neuen evangelischen Gesangbuch ist es gesetzt, und in einer Hitliste der beliebtesten Kirchenlieder findet es sich ganz oben: Das Lied „Von guten Mächten“, gedichtet vom evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Selbst manche überzeugten Atheisten singen bei Beerdigungen angerührt mit: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“

In diesem Jahr denken wir besonders an Dietrich Bonhoeffer. 1945, kurz vor Ende der Nazidiktatur, ist er ermordet worden, auf Befehl Adolf Hitlers. Es hat schon eine Pointe: Adolf Hitler war es ein persönliches Anliegen, dass Dietrich Bonhoeffer umgebracht wurde, doch seine Gedanken und seine Botschaft hat das nicht töten können, im Gegenteil. Das Lied „Von guten Mächten“ wirkt zeitlos aktuell und wird auch von Menschen gesungen, die nicht wie Bonhoeffer im Gefängnis sitzen. Menschen sehnen sich in schwierigen Situationen nach dem Trost, trotzdem gehalten und begleitet zu sein.

Bonhoeffer dichtet: Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand. Selbst diese Zeilen verhöhnen Adolf Hitler und seine Schergen. Denn Bonhoeffer redet zu Gott. Du reichst mir den schweren Kelch. Er spricht damit Adolf Hitler und seinen Kerkermeistern die Machtbefugnis über ihn ab. Sie mögen sich einbilden, dass sie über sein Leben und seinen Tod verfügen können. Doch es ist Gott, der die Macht im Himmel und auf Erden hat. Bonhoeffers Haltung trotzt der Herrschaft des Terrors. Diese Haltung können sie nicht töten. Nicht einmal verletzen. Bonhoeffers Haltung ermutigt Menschen bis in die Gegenwart. Ich erkenne heute, welch ungeheure Kraft sich so entfalten kann.

Bonhoeffer nimmt um sich eine unsichtbare Welt wahr, die ihn tröstet. Er zeigt sie uns in seinem Gedicht. So hilft er mir und vielen anderen, diesen – wie er es nennt - vollen, zugleich stillen Klang wahrzunehmen, mitten im Gedröhn der Gewalt, im Lärm des Alltags.

Nicht alle Hoffnungen werden sich erfüllen, kein Mensch bleibt vom Leid verschont. Aber wir werden behütet sein, getröstet und gerettet. Wie Bonhoeffer dichtet: Von guten Mächten wunderbar geborgen, behütet und getröstet wunderbar.

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SWR Kultur Wort zum Tag

16MAI2025
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Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir Mitte der 60er Jahre auf der langen Fahrt zu den Großeltern ins Lipperland im Auto gesungen haben. Alte Volkslieder rauf und runter, ich kann sie noch heute auswendig.

Manchmal ist es wie früher, einfach, weil das Autoradio ausfällt. Ich war mit einer Freundin auf Kreta unterwegs. Wir hatten ein klappriges Gefährt gemietet. Gas und Bremse funktionierten halbwegs, nicht so das Autoradio. Und so haben meine Freundin und ich angefangen, im Auto zu singen. Blowing in the wind, der Mond ist aufgegangen, O happy day… Es hat richtig Spaß gemacht. Irgendwo auf einer kurvigen Bergstrecke mit Blick auf das Mittelmeer hat meine Freundin mir das Lied „Vertraut den neuen Wegen“ beigebracht. Als wir abends wieder in unserem Hotel angekommen sind, hatte es das Lied schon in mein Herz geschafft. Die englische Sprache hat ja diesen schönen Ausdruck für etwas, das man auswendig kann: to know something by heart. Für mich ist das Lied „Vertraut den neuen Wegen“ zu meinem Herzenslied geworden.

Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist, weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.

Ich bin nicht die Erste, der es so gegangen ist. Das Lied hat offenbar die Fähigkeit, sich ganz schnell in die Herzen von Menschen zu stehlen. Ursprünglich ist es für eine Hochzeit gedichtet worden. „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt.“ Ein Theologieprofessor hat es in der damaligen DDR für sein geliebtes Patenkind gedichtet, das 1989 in Eisenach Hochzeit gefeiert hat. Gäste haben das Lied mit nach Hause genommen und in ihren Gemeinden bekannt gemacht. In Windeseile hat es sich in der ganzen DDR verbreitet, und das in den Zeiten der Diktatur. In der dritten Strophe heißt es: Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit. Ich stelle mir vor: Die Leute haben es in den Kirchen gesungen, bei den Demonstrationen gegen das Regime, sicher auch im Auto. Als Volkslied, als Protest gegen die Diktatur. Ein Lied trifft den Nerv der Zeit! Zwei Monate später fällt die Berliner Mauer. Die Tore stehen offen!

Ganz gewiss wird dieses Lied auch im nächsten neuen evangelischen Gesangbuch zu finden sein. Und es wird, ganz bestimmt, wieder den Weg in Herzen finden. Und die Hoffnung nähren, dass die Welt nicht den Diktatoren gehört, sondern Gott und seinen Menschen, wo auch immer sie sich auf den Weg machen. Auf Kreta, auf einer Straße im Lipperland. In Eisenach. Vertraut den neuen Wegen!

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SWR Kultur Wort zum Tag

15MAI2025
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Matthias Claudius: Berühmte Zeitgenossen haben höchst abfällig über ihn geurteilt. Wilhelm von Humboldt hat ihn für eine „völlige Null“ gehalten, Goethe für einen „Narren“. Nun, auch große Denker und Dichter können irren. Mich jedenfalls freut es, dass Matthias Claudius etwas gelungen ist, was der arrogante Dichterfürst Goethe nicht geschafft hat! Claudius hat das bekannteste aller deutschen Lieder gedichtet: „Der Mond ist aufgegangen“. Was für ein Lied! Einzigartig in seiner Schönheit! Mit einer Sprache, die Bilder in die Seele malt: „Die goldnen Sternlein prangen, am Himmel hell und klar, der Wald steht schwarz und schweiget.“

Matthias Claudius konnte poetisch und zugleich eindrücklich formulieren. Stromlinienförmig war er nie, was ihm sicher auch heute noch Schwierigkeiten bereiten würde. Menschen, die nicht im Zeitgeiststrom schwimmen, haben es immer schwer. Einfach dagegen ist die Sprache des Dichters. Ich glaube, das liegt auch daran, dass er ein Herz für Kinder hatte, und das spürt man seinem Lied auch ab. Er hat von und mit seinen Kindern die einprägsame Sprache gelernt: „Lass uns einfältig werden, und vor dir hier auf Erden, wie Kinder fromm und fröhlich sein.“

Dabei ist Einfalt, so wie Claudius sie versteht und gelebt hat, weder dumm noch naiv. Sie ist eine Herzenshaltung. Ein einfältiger Mensch im Sinne des Liederdichters ist jemand, der sich ohne Berechnung öffnen und hingeben kann und dabei auch an den notleidenden Nächsten denkt: „Verschon uns Gott mit Strafen, und lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch.“ Wie viele Menschen haben sich von diesem Abendlied schon trösten lassen. Manchmal mit Tränen in den Augen. Matthias Claudius hat Seelsorge gedichtet.

Mit meiner kleinen Enkelin habe ich sein Lied schon oft gesungen, sie kann es inzwischen auswendig. Sie singt es sehr gerne. Das liegt auch daran, dass Claudius nicht von oben herab pädagogisiert. Er spricht auf Augenhöhe, auch mit Kindern: „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön.“ Der Dichter weiß, dass es Dinge im Leben gibt, die nur so erfasst werden können: Mit einem „einfältigen“ Herzen. Und so öffnet er die Herzen von Kindern und Erwachsenen für ein Staunen über die Welt, eine unbefangene Freude über die wunderbare Schöpfung, für Trost in schweren Stunden und eine fröhliche Dankbarkeit für alles, was uns Menschen geschenkt ist.

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SWR Kultur Wort zum Tag

16APR2025
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Manchmal muss man das Leben einfach feiern. Jesus hat das zwei Tage vor seinem Tod erlebt. Er ist bei einem wohlhabenden Freund eingeladen, als überraschend eine Frau den Raum betritt. Sie gießt Jesus wertvollstes Öl über den Kopf, eine Kostbarkeit. So teuer, dass ein Tagelöhner dafür ein ganzes Jahr lang hätte arbeiten müssen. Der Raum dürfte mit dem Duft des Öls geflutet worden sein.

Und: Die Frau schenkt Jesus noch mehr als kostbares Öl. Seine Botschaft ist bei ihr angekommen. Sie handelt, als ob sie jetzt schon Teil der kommenden Welt Gottes ist, von der Jesus mit aller Kraft erzählt hat auf der wilden Reise seines Lebens. Sie feiert das Leben!

Sofort flammt Empörung auf. Wenn man das Öl verkauft hätte, statt es so zu verschwenden, dann hätte man das Geld den Armen geben können.

Jesus stellt sich schützend vor die Frau. Er lässt zu, dass sie überschwänglich ist, voller Hingabe. Verschwenderisch, überfließend wie die Liebe Gottes, von der er so oft gepredigt hat. Mit dem Duft der Salbe entfaltet sich eine Ahnung im Raum: So könnte es sein, wenn die Welt für Augenblicke so ist, wie Gott sie einmal gewollt und geschaffen hat: Wohltuend, voller Liebe und Hingabe. Ohne Krieg und Schmerz. Eine Welt in Frieden. Duftend. Und Gott sah, dass es gut war.

Diese Begegnung der Frau mit Jesus beim Festmahl gibt mir zu denken: Vergiss über dem Einsatz für die Gerechtigkeit das Leben nicht. Oder um es mit den Worten des Liederdichters Wolf Biermann zu sagen: Du, lass dich nicht verbittern in dieser bittern Zeit.

Der Einsatz für eine bessere Welt kann nämlich auf Dauer auch ermüden. Wenn alles Engagement fruchtlos erscheint, wenn immer wieder die triumphieren, die sich selbst an die erste Stelle setzen. Wenn die Kriegstreiber und Diktatoren unbeirrt töten und siegen. Dann kann das hart machen, humorlos und traurig.

Mir scheint: Für alle, die es ernst nehmen mit der Botschaft Jesu, die sich nicht abfinden wollen mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt und zugleich darüber müde geworden sind, für sie ist diese Geschichte der Frau mit dem Salböl bewahrt worden.

Du, lass dich nicht verbittern! Lebe! Liebe!

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SWR Kultur Wort zum Tag

15APR2025
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„Worauf freuen Sie sich nach dem Tod?“ Diese interessante Frage hat der Bestatter Julian Heigel in einem Tweet gestellt. Und viele haben geantwortet.

Die meisten Antworten auf seine Frage finde ich ziemlich witzig. Wie lustig ist etwa die kurze Antwort: „Erst mal ausschlafen! Dann die anderen besuchen.“ Oder: „Endlich leben.“ Oder auch ganz frisch-fromm-fröhlich-frei: „Jesus sehen.“

Worauf freue ich mich nach dem Tod? Die Frage ist auch deshalb so reizvoll und tiefgründig, weil sie, ganz beiläufig, unterstellt, dass nach dem Tod tatsächlich noch etwas kommt. Etwas, das fröhliche Gespanntheit auslösen könnte.

Ich glaube an die Auferstehung. Aber: Freue ich mich auch darauf?

Der gruselige Pfarrer, der mich vor Jahrzehnten konfirmiert hat, hat uns im Konfirmandenunterricht die Ereignisse nach dem Tod ziemlich plastisch geschildert. Er hat damals erklärt, dass nach dem Tod eine Art Kinofilm auf Großbildleinwand ablaufen würde, der alle Schandtaten unseres Lebens der versammelten Schar der Auferstandenen vorführen würde. Ein beeindruckendes Szenario. Aber nicht unbedingt ein Grund zur Freude. Ich war schon mit 14 Jahren nicht scharf darauf, dass meine Mutter erfährt, wer ihr einmal fünf Mark aus dem Portemonnaie geklaut hat. Heute denke ich, dass sie das sowieso gewusst hat und selbst im Himmel daraus keine große Sache mehr machen wird.

Worauf freue ich mich?! Ich freue mich auf ein himmlisches Fest – jedenfalls hat Jesus das seinen Freundinnen und Freunden versprochen. „Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtet,“ hat er gesagt. Oder er hat den Himmel mit einem großen Festessen verglichen, zu dem ein Gastgeber großzügig einlädt.

Worauf freue ich mich, nach dem Tod? Ich freue mich auf ein Fest voller Musik, Tanz und Lachen. Ich möchte lachen über das, was in meinem Leben gelungen ist, aber auch humorvoll auf das schauen, was so richtig peinlich war. Ich freue mich auf ein Fest, zu dem ich eingeladen bin und ganz selbstverständlich dabei sein darf. Ein Fest ohne Kater am nächsten Tag. Ein Fest, das nachschwingt und nachklingt und die Herzen zum Himmel schweben lässt.

Wobei, im Himmel, da bin ich dann ja schon.

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SWR Kultur Wort zum Tag

14APR2025
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„Stille Woche“ wird die Karwoche genannt. Dabei ist es damals in Jerusalem gar nicht leise zugegangen. Die Evangelien berichten: Jesus hat getobt und gewütet, er ist sogar ungerecht und verletzend. Bekannt ist die Szene, in der Jesus die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben hat. Weniger bekannt ist, dass Jesus einen Feigenbaum verflucht und ihn verdorren lässt, weil der Baum keine Früchte trägt. Die arme Pflanze ist dabei völlig unschuldig, denn es war an diesem Frühlingstag nicht die Jahreszeit für Feigen.

Ich bin froh darüber, dass die Jüngerinnen und Jünger die Erinnerung daran bewahrt haben. Jesus weiß, ahnt zumindest, dass sein Tod kurz bevorsteht. Noch vier Tage, und er wird am Kreuz sterben. Er flucht, bevor der Tag kommt, an dem andere ihn verfluchen werden, sein Leben verdorren lassen wie diesen Feigenbaum am Weg.

Wenn ich als Seelsorgerin Menschen begleitet habe, deren Leben sich dem Ende zuneigte, dann waren die auch nicht immer sanft. Nicht jeder kann ruhig eine schwere oder tödliche Krankheit akzeptieren, lebenssatt Abschied nehmen und friedlich mit einem Lächeln auf den Lippen sterben. Wahrscheinlich kennen Menschen, die im Krankenhaus oder im Hospiz begleiten, auch das: Diesen Zorn von Sterbenden gegenüber denen, die weiterleben können. Eine bittere Wut, die ganz oft ungerecht wirkt und verletzend. Es gibt Menschen, die zum Ende des Lebens ungeahnte Kräfte entwickeln und um jeden Atemzug kämpfen. Gegen den Tod. Und gegen die, die sie begleiten.

Ich meine: Für sie alle ist diese Geschichte vom ersten Tag der Karwoche festgehalten worden. Jesus kennt auch das: Diese Wut über den Tod, vielleicht auch die Scham darüber, ungerecht zu sein und in der Erregung gerade die zu verletzen, die am wenigsten dafür können. Gut, wenn es Menschen gibt, die das aushalten. So wie die Jüngerinnen und Jünger, die - zumindest an diesem Tag vor Jesu Tod in Jerusalem - bei ihrem Herrn geblieben sind.

So kann die Geschichte von Jesus, der einen Feigenbaum verflucht, trösten. Jesus kennt Zorn. Kennt auch Wut. Zeigt, dass das sein darf.

Am Ende eines Lebens sind keine moralischen Appelle angebracht. Sterbende sollte man nicht erziehen. Wer weiß, wie es mir einmal geht, wenn das Ende meines Lebens kommen wird. Ich wünsche mir dann Menschen an meiner Seite, die verständnisvoll sind. Die mich, hoffentlich, lieben können. Zumindest ertragen mögen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

02APR2025
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Im letzten Jahr musste ich ins Krankenhaus. Zwei Tage nur. Doch manche Szenen haben sich mir tief eingeprägt: Eine Frau, die aus dem Arztzimmer kommt, der fragende Blick ihres Partners, Tränen, eine unbeholfene Umarmung. Menschen mit Gehhilfen, die sich mühsam durch den Gang schleppen. Patientinnen, die bang auf ihre Operation warten.  

Wie sehr wir daran leiden, wenn es uns persönlich trifft. Oder, was noch schlimmer ist: wenn das Liebste, der nächste Mensch, krank wird.

Wenn ich einen Menschen liebe, der so leidet, erkenne ich auch im gequälten Gesicht eine Schönheit. Das ist wohl Gottes Blick auf uns, seine Menschen. Jeder Mensch eine zerbrechliche Schönheit. Manchmal, wenn wir jemanden lieben, der krank ist und gefährdet, und uns ängstigen um sein Leben, dann spüren wir in unserer Liebe und Sorge etwas von Gottes Liebe zu uns Menschen. Unsere Liebe hängt ja nicht von der Perfektion ab, sondern an dem Menschen, der zu mir gehört.

„Hätte Gott das nicht anders machen können“, hat mich mein Sohn einmal gefragt, als er ein Kind war. „Hätte er Menschen nicht anders machen können? Perfekt zum Beispiel?“ „Nein, mein Schatz“, habe ich geantwortet, „er wollte es wohl so“. So zerbrechlich. So fragil. Und so schön. Wir sind keine Götter, wir sind Menschen. Und damit sterblich.

Hätte er das nicht anders machen können? Ja, manchmal frage ich das auch, wie mein Kind damals. Hätte er sich nicht perfekte Menschen erschaffen können? Nicht so schwach, nicht so – menschlich? Ist seine Liebe nicht verschwendet an Wesen, die eine Krankheit entstellen und töten kann?

Offenbar wollte er es so, auch wenn es manchmal nur sehr schwer zu ertragen ist. Das Leben kann man nicht absichern. Es ist ein Geschenk. Nicht für die Ewigkeit, es ist für die Gegenwart.

Wenn ich das aushalten mag, dann kann, mitten in der Zerbrechlichkeit des Lebens, eine Stärke der eigenen Art entstehen. Wenn ich das Leben als Geschenk sehe, gerade so wie es ist, nicht perfekt, sondern arm, bedürftig, verwundet, und trotzdem gerade so lebendig und schön, dann kann sich Schwäche in Stärke verwandeln.

Wenn ich die Linien der Zerbrechlichkeit meines Lebens nachziehe, dann führen mich diese Linien stets weiter zu anderen Menschen, die mich trotzdem lieben. Und trösten. Und sie führen mich zu Gott.

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SWR Kultur Wort zum Tag

01APR2025
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Im Januar haben wir meine Mutter zu Grabe getragen. Ein trüber Tag. Immerhin: Als ich, die Urne im Arm, mit meiner Familie zum Grab gelaufen bin, hat es kurz nicht geregnet.

Die meisten Menschen sagen, dass meine Mutter und ich uns sehr ähnlich gesehen haben. Offenbar hat sie mir einen guten Schwung ihrer Gene weitergegeben: die Form meiner Nase und die Farbe meiner Augen, meine Gesichtsform und die Füße - alles genau festgelegt. Wie einzelne Buchstaben in einem Alphabet. Aber dann formt das Leben aus Buchstaben Worte und aus den Worten bilden sich Sätze. Mit den Jahren entsteht daraus ein Buch. Das Buch des Lebens. Ich schreibe auf seinen Seiten, andere Menschen tragen sich ein, schreiben mit an meiner Lebensgeschichte. Ich glaube: auch Gott schreibt mit. Ich weiß, an manchen Tagen ringe ich um die richtigen Worte, suche nach einem Inhaltsverzeichnis, weiß nicht, in welchem Kapitel ich gerade bin und wie die nächste Seite aussehen soll und kann. Den Tod meiner Mutter hatte ich an diesem Tag auf dieser Lebensseite nicht erwartet, und doch war es so.

Ein außerordentliches Buch. Mein Lebensbuch, und doch haben viele mitgewirkt, es trägt viele Handschriften. Ich bin zwar die Autorin, aber nicht die einzige, von Anfang an sind andere Menschen beteiligt und so gehört mir zwar mein Lebensbuch und doch gehört es mir nie ganz.

Bei der Trauerfeier hat der Pfarrer die Lebenslinien meiner Mutter nachgezeichnet. Ich habe mich erinnert, wieviel Seiten meines Lebens von meiner Mutter geprägt worden sind. Und ich habe mich gefragt, wieviel Seiten für mich wohl noch geschrieben werden. Irgendwann wird die letzte Seite aufgeschlagen.

Beim gemeinsamen Essen nach dem Gottesdienst haben wir vom Leben meiner Mutter erzählt. Und ihre Freundinnen und Kollegen haben Geschichten beigetragen, die ich zum Teil noch gar nicht kannte. Ich habe gemerkt, wie spannend es ist, aus dem Lebensbuch eines Menschen zu hören. Sogar dann, wenn ich meine, diesen Menschen besonders gut gekannt zu haben. Jeder Mensch bleibt geheimnisvoll. Für sich, für andere. Nur Gott kennt jedes Wort.

Buchstaben des Lebens. Auf dem Familiengrabstein stehen die Namen meiner verstorbenen Verwandten, bald wird der Steinmetz den Namen und die Lebensdaten meiner Mutter eingravieren. Gold auf schwarzem Marmor. Die Daten eines Menschen. Das Buch ihres Lebens ist an einem anderen Ort aufbewahrt.

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SWR Kultur Wort zum Tag

31MRZ2025
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Sie ist eine der bekanntesten und wirkmächtigsten Erzählungen der Bibel: Der Sündenfall. Im Paradies. Ein Mann, eine Frau, ein Garten mit zwei besonderen Bäumen. Verbotene Früchte. Und eine verführerische Schlange. Natürlich ging es nicht um die Frucht an sich.  Es gab genügend anderes Obst im Garten. Es war dieses Versprechen der Schlange: „Ihr werdet sein wie Gott“ Die Schlange hatte sogar noch eins draufgesetzt: „Ihr werdet wissen, was gut und böse ist“. Dieser Kombination aus Allmacht und Allwissenheit konnten die ersten Menschen nicht widerstehen. Sein wie Gott – das ist bis heute verführerisch. Diktatoren tun gern so, als seien sie wie Gott. Allmächtig.

Die Bibel erzählt: Gott wirft die ersten Menschen aus dem Paradies, um das Schlimmste zu verhindern. Sie sollen nämlich nicht auch noch vom Baum des Lebens essen und unsterblich werden. Eine alte Geschichte – für mich hat sie eine tiefe Weisheit. Und ich finde sie verblüffend tröstlich, obwohl die Angelegenheit für die ersten Menschen scheinbar fatal endet.

Tatsächlich tröstet es mich sehr, dass wir Menschen sterblich sind – gerade im Blick auf die Diktatoren dieser Welt. Es wäre doch grauenhaft, wenn sie ewig leben würden. Gott sei Dank konnte noch kein Geld und keine Macht der Welt die Unsterblichkeit erkaufen. Ich danke Gott dafür, dass er damals rechtzeitig die Reißleine gezogen hat.

Die Schlange hatte übrigens gelogen. Jedenfalls hatte sie nur die halbe Wahrheit erzählt, und das ist in der Regel besonders schlimm.

Denn die Menschen hatten zwar gelernt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, doch das mit der Allwissenheit hatte nicht geklappt. So erklärt die biblische Geschichte, dass jede Entscheidung über Gut und Böse immer ein bisschen unscharf bleibt. Einfach, weil sie nicht über die menschliche Perspektive hinauskommt. Den kompletten Überblick haben wir Menschen nie. Mit meinem Patenonkel, einem sehr klugen Richter, habe ich mich oft über die Grenzen menschlichen Richtens unterhalten. Der Grundsatz „In dubio pro reo“ war ihm wichtig. Im Zweifel für den Angeklagten, auch wenn womöglich viele Indizien gegen ihn sprechen. Auch der beste Richter ist nicht Gott. Mein Patenonkel hat das als Christ sehr ernst genommen. Er fühlte sich einem demokratischen Rechtssystem verpflichtet. Schrecklich sind dagegen Richter, die sich einbilden, auch noch über Leben und Tod richten zu dürfen. Im Grunde, finde ich, ist jedes Todesurteil eine Gotteslästerung.

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