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SWR2 Wort zum Tag

24JAN2023
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Die ganze Welt besitzen – das klingt nach einer größenwahnsinnigen Idee. Und in der Tat ist es der Teufel, der in der Bibel ausgerechnet Jesus diesen Vorschlag unterbreitet. Der Teufel führt Jesus auf einen hohen Berg und zeigt ihm die Herrlichkeiten der Welt.

„Ich möchte im Sommer das Mittelmeer pachten“, hat Hildegard Knef einmal gesungen. Kein Problem, wenn man alle Aktien und Goldvorräte der Welt besitzt. Und wieso dann noch pachten? Das Mittelmeer gehört einem ja! Wonach sich alle James-Bond-Gegenspieler die Finger geleckt haben, serviert der Teufel Jesus auf dem Silbertablett: „Das alles will ich dir geben!“ Kleine, harmlose Bedingung: Jesus soll den Teufel anbeten. Nichts leichter als das! Viele Diktatoren und Mächtige dieser Welt haben nicht lange gezögert, sie gehen für ihre Portion Macht den Pakt mit dem Teufel ein. Jesus dagegen schlägt den Vorschlag aus. Denn was der Teufel anbietet, ist kein Geschenk, das wirklich Freude bereitet. Merkwürdigerweise sieht eine Welt im Exklusivbesitz recht traurig aus. So leben die James-Bond-Gegenspieler in der Regel in entlegenen Festungsanlagen und sind von der Angst getrieben, dass ihnen jemand die Macht streitig macht. Im richtigen Leben sieht es nicht besser aus. Ich zweifle daran, dass Putin ein wirklich glücklicher Mensch ist. Xi Jinping wirkt trotz seines Dauerlächeln auf mich nicht gerade wie ein innerlich zufriedener Mensch. Und ob die Mullahs im Iran tatsächlich im Sinne Gottes unterwegs sind darf getrost bezweifelt werden. Einmal ganz abgesehen davon, dass Macht, die nicht geteilt wird, schon immer zerstörerische Auswirkungen gehabt hat. Die Diktaturen dieser Welt sind dafür der beste Beweis!

Die Macht, die Jesus lebt, ist von ganz anderer Art. Zuerst und zuletzt lebt er die grandiose Freiheit, auf jegliche Demonstration von Macht zu verzichten. Keine Paläste, keine Paraden, keine Aufmärsche. Es hat schon eine eigene Komik, dass der Teufel dem Gottessohn eine Welt anbietet, die sich allein der Großzügigkeit des Schöpfers verdankt. „Weiche von mir, Satan“, sagt Jesus nur. Er hätte auch antworten können: „Spar dir die Mühe, die Welt gehört mir doch schon längst, aber anders, als du dir das wünschst und du es willst. Sie gehört mir, weil ich die Menschen liebe, und sie gehört mir so, wie Liebende einander gehören: Frei und leidenschaftlich, nicht als Besitz, sondern als kostbares, lebendiges Geschenk.

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