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SWR2 Wort zum Tag

25JAN2023
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Ein Leben ohne Leiden? Das klingt nach einer absolut phantastischen Idee. „Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden“ hat Udo Jürgens einmal gesungen. Was sollte daran auszusetzen sein? Nun, man kann es wünschen, es wird aber niemals funktionieren. Und das hat auch Udo Jürgens gewusst. Aus eigener Erfahrung!

In der Bibel bietet der Teufel Jesus jedoch genau das an. Er sagt zu ihm: „Hat Gott dir nicht versprochen, dass er seinen Engeln befohlen hat, dich auf Händen zu tragen, damit du deinen Fuß an keinem Stein stößt? Also kannst du es doch riskieren, dich von der Zinne des Tempels zu stürzen.“ Verführerisch, dieser Vorschlag. Ein kleiner Sprung als Gottesbeweis. Klingt einfach. Was könnte Jesus sich dadurch alles ersparen: Die mühsamen Auseinandersetzungen mit Schriftgelehrten und Pharisäern, den Ärger selbst mit der eigenen Familie, die vielen kranken und verzweifelten Menschen, die ihm überall hin nachgelaufen sind, die bockigen Jünger, von der Kreuzigung am Ende ganz zu schweigen… Ein kleiner Sprung nur. Ich stelle mir vor, dass die Engel in diesem Augenblick den Atem angehalten haben. Denn mit diesem Sprung würden Himmel und Erde zerreißen. Dann wäre Gott nur ein Zauberkünstler jenseits seiner Welt, ein himmlischer Kraftprotz. Ein Wünscheerfüllautomat. Dann gäbe es keine Hoffnung für alle Menschen, die in dieser Welt auch im Leiden auf der Suche sind nach der Nähe Gottes. „Du sollst Gott nicht versuchen,“ antwortet Jesus dem Teufel und bleibt standhaft. Er will der Welt und ihren Widersprüchen und ihrem Leid nicht ausweichen. Wird sich mit dem Glück und dem Elend seiner Menschen auseinandersetzen. Und damit sich und einem Gott treubleiben, der die Liebe ist. Denn die Liebe beweist sich nicht dadurch, dass sie sich von Engeln retten lässt, sondern dadurch, dass sie auch mühsame, steinige Wege mitgeht. Wenn es darauf ankommt, durch Krankheit und Schmerz bis zum Tod.

Zuletzt hat sich Jesus tatsächlich lieber selbst zerreißen lassen als zuzulassen, dass Himmel und Erde zerreißen. An dieser Liebe sind dann Tod und Teufel verzweifelt und letztlich gescheitert.

Weil das so ist, glaube ich daran, dass Jesus auch weiter die Wege von uns Menschen mitgeht, die schönen und die steinigen. Ganz sicher werden meine Füße sich noch an manchem Stein stoßen, doch werde ich keinen Schritt tun, bei dem ich nicht umgeben bin von seiner Liebe.

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