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Ich habe gehört, dass es im Französischen zwei verschiedene Worte für Zukunft gibt. Es gibt das Wort avenir und das Wort future. Avenir meint die Zukunft, die auf mich zukommt. Das, was mir geschieht oder widerfährt. Future ist die gestaltete Zukunft. Die Zukunft, die von mir gemacht wird, die ich selbst in die Hand nehme.
Mir leuchtet das ein, zwei Arten von Zukunft zu unterscheiden. Vor allem überzeugt es mich, Zukunft auch als das zu verstehen, was ich gestalten kann. Zukunft kommt mir nicht nur entgegen, sondern ich mache sie auch selbst.
Ich finde, dazu passt die Jahreslosung für 2026. Die Jahreslosung ist stets ein biblischer Satz als Motto für das neue Jahr. In diesem Jahr kommt die Losung aus dem Buch der Offenbarung und heißt: „Siehe, ich mache alles neu.“ (Offb 21,5) Das passt doch zu future, oder? Die Zukunft selbst in die Hand nehmen. Neu machen.
Wenn ich allerdings den Satz in der Bibel suche und lese, dann entdecke ich: nicht ich bin es, der die Zukunft macht, sondern Gott. Weil Gott sagt: „Ich mache alles neu.“
Also was jetzt? Muss ich doch alles einfach geschehen zu lassen? Nein, ich muss nicht alles geschehen lassen. Die Bibel ist nämlich genauso voll mit Sätzen, die mich ermutigen, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.
Die Wahrheit liegt also in der Mitte. Darum klingt in dem kurzen Satz „Ich mache alles neu“ beides an. Ich kann selbst etwas tun. Aber ich kann nicht alles selber machen.
Die Jahreslosung ist Ermutigung und Hinweis zugleich. Sie ermutigt mich, Dinge anzupacken. Selber zu machen. Gleichzeitig weist sie mich darauf hin, nicht überheblich zu werden. Es liegt eben doch nicht alles in meiner Hand. Vieles widerfährt mir. Ein Leben zwischen future und avenir.
Ich wünsche Ihnen für das neue Jahr Liebe, Mut und Stärke, um Ihre Zukunft in die Hand zu nehmen. Und gleichzeitig wünsche ich Ihnen Hoffnung, Gelassenheit und Vertrauen, um der Zukunft zu begegnen, die auf Sie zukommt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43569In Ingelheim haben wir einen Bismarckturm. Er steht weit sichtbar über der Stadt auf dem Westerberg. Gebaut wurde er um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Damals hat es im ganzen Land einen regelrechten Bau-Boom an Bismarcktürmen gegeben. Die Idee war, dass diese Türme auf allen Hügeln Deutschlands stehen sollen. Als schon von Weitem sichtbare Leuchtfeuer für das durch Bismarck erstarkte und vereinte Deutschland.
Heute wirken die wuchtigen Türme wie seltsame aus der Zeit gefallene Monumente.
In der Advents- und Weihnachtszeit wird der Ingelheimer Bismarckturm seit einigen Jahren wirklich zu einem Leuchtfeuer, aber nicht „zu Bismarcks Ehr“, wie es noch außen an seiner Mauer steht. Der Turm selbst wird rot angestrahlt und über der Kuppel leuchten viele kleine Lämpchen als eine große weiße Flamme. So wird der 30 Meter hohe Turm zu einer riesigen Weihnachtskerze, der sogenannten „Ingelummer Kerz“.
Heute am letzten Tag des alten Jahres recken wir die Hälse, heben die Köpfe und halten Ausschau. Was wird auf uns zukommen? Wie sind die Aussichten? Wie wird es werden, das neue Jahr 2026?
Wenn ich den Kopf hebe und die riesige Weihnachtskerze über unserer Stadt im Dunkeln leuchten sehe, dann verändert sich etwas in mir. Ich spüre, wie das Licht dieser Kerze in mich hineinstrahlt. Und mit dem Licht kommt die Freude:
-Dass diese Kerze jetzt da oben für mich leuchtet.
-Dass es da über allem ein helles Licht gibt und dafür sorgt, dass der Ausblick nicht düster bleibt.
Die Bismarckturmkerze bestärkt mich darin, dass ich mich auf etwas freuen kann. Dass ich auch im neuen Jahr auf Gutes hoffen kann. Dass Gott nicht nur an Weihnachten da war. Sondern dass das Licht von Weihnachten bleibt. Und mitgeht. In mein neues Jahr. Als Leuchtfeuer.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43563Ich führe meinen Kalender noch auf Papier. Nicht digital. Die Zeit zwischen den Jahren nutze ich deshalb zum „Kalendertausch“. Das heißt, ich nehme die Ringbuchblätter des alten Kalenders aus der Hülle und hefte die Kalenderblätter für das neue Jahr hinein. Ich übertrage Dauertermine, und ganz wichtig: Geburtstage.
Mein Mann erklärt mir zwar jedes Jahr wieder, wie viel praktischer und zeitsparender sein digitaler Kalender ist. Bei ihm übertragen sich die Termine und die Geburtstage nämlich automatisch. Aber ich bleibe stur beim Papier. Und das hat seinen guten Grund. Ich will gar keine Zeit einsparen beim Kalendertausch. Es ist meine ganz persönliche Art, das alte Jahr abzuschließen und ein neues in den Blick zu nehmen. Zuerst blättere ich Woche um Woche durch den Kalender des alten Jahres. Bei vielen Einträgen, die ich da lese, kommen Erinnerungen auf:
-Da war die Taufe von Luisa. Luisas Mutter war vor Jahren bei mir Konfirmandin. Wie schön, einen Menschen so lange begleiten zu dürfen!
-Und da war der Geburtstag meiner Mutter. In diesem Jahr konnten wir ihn das erste Mal nicht miteinander feiern, denn meine Mutter ist vor ihrem Geburtstag gestorben. Trotzdem schreibe ich ihren Geburtstag wieder in meinen neuen Kalender und mache ein Kreuz hinter ihren Namen. Es gibt noch mehr Namen, hinter denen ein Kreuz steht. Menschen, die mich geprägt haben, und an die ich mich erinnern möchte.
-Aber es kommt auch ein ganz neuer Geburtstag dazu. Ich kann den ersten Geburtstag unserer Enkelin eintragen. Ich sehe die Bilder vor mir, als sie ganz frisch angekommen ist auf der Welt. So schön!
Die Jahreslosung für das jeweilige Jahr steckt auch immer als Kärtchen vorne in meinem Kalender. Für das fast vergangene Jahr heißt sie: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1. Thess. 5,21). Ich muss schmunzeln: Genau das mache ich ja gerade. Und ich danke, Gott, für ein geschenktes Jahr und für so viele bewahrenswerte Erinnerungen!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43562Als ich ein Kind war, hatte ich meinen Vater in den Tagen nach Weihnachten ganz für mich. Spät am Abend, wenn alle anderen im Haus schon geschlafen haben, sind wir beide aufgebrochen zu einem Spaziergang. Auf unseren nächtlichen Runden haben wir ein Spiel erfunden. Wir haben die Weihnachtsbäume gezählt, die wir unterwegs entdeckt haben. Dazu haben wir in Gärten und in Wohnzimmer gespäht, ob es da einen beleuchteten Baum gab. Und wir haben jeden Abend wieder heftig darüber diskutiert, welcher der schönste Baum des Tages ist – und welcher der hässlichste.
Bei diesen Nachtspaziergängen blieb aber auch noch viel Zeit zum Reden über das, was man tagsüber nicht so sagen konnte oder wollte. Als Kind konnte ich mir in der Dunkelheit so manches von der Seele reden. Konnte erzählen, wer mich geärgert hat. Was ich ungerecht fand. Sogar von so manchem Misserfolg, der nicht ans Tageslicht kommen sollte. Und mein Vater hat sich alles ruhig und gelassen angehört.
Als ich älter wurde, haben wir diese nachweihnachtlichen Nachtspaziergänge nicht mehr so regelmäßig gemacht. Auch Weihnachtsbäume wurden nicht mehr gezählt und bewertet. Aber wenn mein Vater gemerkt hat, dass ich etwas mit mir rumtrage, dass mich etwas belastet, dann kam von ihm die Frage: „Hast Du Lust auf einen Nachtspaziergang heute Abend?“
Wie gut, dass Gott nicht nur den Tag geschaffen hat, sondern auch die Nacht. Denn ich habe die Nacht auf diesen Spaziergängen als einen Schutzraum erlebt. Im Dunkeln habe ich mich getraut zu sagen, was ich im Hellen nicht über die Lippen gebracht hätte.
Dank dieses schönen Rituals der Nachtspaziergänge erlebe ich die Dunkelheit in diesen Tagen nach Weihnachten als einen Schutzraum. Als eine Einladung, sich tief und ehrlich zu unterhalten. Einander zuzuhören. Gemeinsam zu schweigen. Und dann finden sich vielleicht manchmal Worte im Dunkeln, die hell leuchten. So hell, wie ein Weihnachtsbaum auf einem Nachtspaziergang.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43561Heute in einem Monat, am 27. Januar, denken wir wieder besonders an die Verbrechen der Nazizeit. Es wird an die Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz erinnert.
Aber über diese schlimme Zeit zu „stolpern“ , das ist in vielen Städten, auch in Mayen, täglich möglich.
Einmal war ich bei der Verlegung der Stolpersteine dabei: Auf dem Bürgersteig kniete ein älterer Mann mit Hut. Gunter Demnig. An vorher markierten Plätzen verlegte er die quadratischen, etwa 10 mal 10 cm großen Steine mit goldfarbener Oberfläche.
Auf den Steinen stehen je ein Name, ein Geburts- und Sterbejahr und die Art des Todes: deportiert nach Auschwitz, ermordet in Sobibor, spurlos verschwunden und im Mai 1945 für tot erklärt. Einer hatte in den USA überlebt. Männer, Frauen, Kinder, ungefähr 50 jüdische Familien gab es in Mayen zu Beginn der Nazizeit. Nach dem Krieg - es lässt sich nicht leicht herausfinden - vermutlich keine mehr.
Schülerinnen und Schüler aus der Berufsbildenden Schule Mayen haben das Schicksal der Familien erforscht. Besonders bedrückend war für sie, wenn Gleichaltrige oder Kinder deportiert und getötet worden sind.
Gunter Demnig betonte, dass er den Tötungsfabriken der Nazis, in denen Menschen nur noch Nummern waren, seine in Handarbeit hergestellten Stolpersteine gegenüberstellt.
Und der besondere Trick: um die Inschrift zu lesen, muss ich mich herunter neigen – normalerweise ein Zeichen der Ehrfurcht, eine Verbeugung.
Wir waren sehr berührt von dieser Aktion der Schulgemeinschaft. Es war eine Freude, ungefähr 150 junge Leute zu sehen, die sich mit der Vergangenheit beschäftigt haben, um in Erinnerung daran die Zukunft zu gestalten.
Ich setze da auf die Jungen. Vielleicht auch mit Hilfe von uns Älteren können sie dafür sorgen, dass die Worte, die wir als Aufruf der Überlebenden von Buchenwald kennen, wahr werden: NIE WIEDER.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43536Das schönste für uns Kinder war in der Adventszeit die Vorfreude. Was mag denn nur morgen früh hinter dem Türchen im Adventskalender verborgen sein? Was mag denn das Christkind am Hl. Abend an Geschenken bringen? Bei den Erwachsenen ist das nicht mehr so einfach mit der Vorfreude. Wer mit der richtigen Einstellung Lotto spielt, der kennt das noch. Es geht dann nämlich gar nicht ums Gewinnen, dafür ist die Wahrscheinlichkeit ja viel zu gering. Es geht um das Gefühl in den Tagen vor der Ziehung: „Es könnte ja sein, dass....“ Oder dieses Beispiel: vor Jahren hat mir mal ein Bekannter, der Single ist, erzählt, er gehe am Wochenende zu einer Ü 50 Party. Ob er ernsthaft damit rechne, ausgerechnet dort die richtige Frau zu treffen, habe ich gefragt. „Warum nicht?“ war die Antwort. „Aber vor allem geht es mir um das Gefühl an dem Abend. Da prickelt‘s bei mir, denn es könnte ja sein, dass.... Wenn’s dann nichts geworden ist, ist das gar nicht so schlimm.“ Ja, so ist das mit der Vorfreude.
„Es könnte ja sein, dass....“ Ach, könnte ich dieses Gefühl der Vorfreude als Erwachsener auch auf Weihnachten übertragen. Viele versuchen das heute Morgen in den Innenstädten auf eine eigene Weise. Da beginnt man den Hl. Abend mit dem Hl. Morgen. Damit es nicht so lange dauert bis zum Hl, Abend. Man trifft sich im Freundes- und Bekanntenkreis zum fröhlichen Hl. Morgen im Café, der Kneipe oder auf dem Weihnachtsmarkt. Vielleicht trifft man ja alte Freunde, die man nur an Weihnachten noch mal sieht, weil sie dann nach Hause kommen. „Könnte ja sein, dass...“. Aber Vorsicht! Wenn es allzu fröhlich wird am Hl. Morgen könnte es sein, dass der Hl. Abend ausfällt oder man sich nicht mehr dran erinnern kann. Und das wäre dann wirklich schade. Aber noch ist es nicht wo weit. Ich wünsche ihnen auf jeden Fall jetzt am frühen Hl. Morgen einen schönen Hl. Abend und einen Tag voll Vorfreude aufs Fest. Denn Gott wird Mensch. Ich glaube das. Und wenn Sie das jetzt nicht glauben können oder wollen – überlegen Sie doch einfach mal wie das wäre. „Es könnte ja sein, dass...“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43539“Wenn das Leben dir übel mitspielt, moser nicht rum, fang an zu pfeifen
......Und schau immer auf die fröhliche Seite des Lebens - always look on the bright side of life” Das singen und pfeifen ausgerechnet Menschen, die man ans Kreuz geschlagen hat. Es ist die Schlussszene aus dem Film „Das Leben des Brian“. Ich weiß noch, wie meine Reaktion war, als ich den Film vor über 40 Jahren zum ersten Mal im Kino gesehen habe. Da geht es um Brian, der zur Zeit Jesu in Palästina zur Welt kommt und dann mit ihm verwechselt wird. Auf der einen Seite habe ich mich schlapp gelacht über den Humor der englischen Komikertruppe Monty Python, die den Film gedreht hat. Auf der anderen Seite kamen da die Bedenken: Darf man das? Ist das nicht Blasphemie, eine grobe Verletzung von religiösen Gefühlen? Und vor allem: was ist mit den Menschen, für die es vermeintlich keine fröhliche, helle Seite des Lebens gibt? Haben todkranke Menschen noch was zu lachen? Ich habe mal Clowns im Krankenhaus bei der Arbeit erlebt. Und die haben es geschafft, in die Gesichter von schwer kranken Menschen ein Lächeln zu zaubern. „Always look on the bright side of life“ –zumindest in kurzen Augenblicken. Die letzte Strophe des Liedes die hat‘s wirklich in sich:
„Das Leben ist absurd
Der Tod das letzte Wort
Mach einen Knicks, wenn einst der Vorhang fällt.
Vergiss die Last der Sünden – schenk dem Publikum ein Grinsen
Genieß die letzte Chance auf dieser Welt.“
Gott spielt hier keine Rolle. Und nichts ist zu hören von Auferstehung oder einem Leben nach dem Tod. Und das unterscheidet mich von den britischen Komikern. Denn da kann ich nicht stehen bleiben. Ich glaube und hoffe, dass ich mich in Gottes Hand fallen lassen kann, wenn bei mir mal der letzte Vorhang fällt. Glaube und Hoffnung, die brauche ich, damit ich lachen, singen, tanzen und pfeifen kann. Und damit mir auch in den dunklen Zeiten meines Lebens mein Humor nicht ganz verloren geht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43538In den letzten Jahren hat sich bei mir einiges ereignet. Ich bin zuerst Opa und dann Rentner geworden. Seitdem weiß ich, warum man als Rentner keine Zeit mehr hat. Weil alles langsamer geht. Denn ich habe mich dem Rhythmus meines Enkels angepasst. Wir brauchen eine Stunde und mehr für den Heimweg aus der Stadt, den ich alleine in höchstens 10 Minuten hinbekomme. Wir sammeln Federn von Raben. Wir betrachten Plakate und überlegen, ob die Flammen, die darauf zu sehen sind, gefährlich für uns sein können. Wir verfolgen Tauben, die zu Fuß vor uns flüchten. Wir spielen Feuerwehr und löschen alles, was uns auf dem Weg begegnet. Auch wenn manche Spaziergänger irritiert schauen, wenn wir mit einem imaginären Wasserschlauch auf sie zielen. Wir schauen auch, ob die Kirche geöffnet ist. Der große, stille Raum mit den bunten Fenstern ist faszinierend. Und das Größte ist, wenn die Glocken im Turm die Stunde schlagen. „Komm wir warten, bis der Zeiger oben ist“, fordert der Kleine. Also müssen wir warten. Und das kann dauern. Wenn ich dann einmal ungeduldig werde und mir eine Frage wie; „Warum muss denn das jetzt sein?“ rausrutscht, dann lautet die Antwort: „Weil - das ist jetzt so!“ Und wir bleiben in der Bank sitzen, bis der Zeiger oben ist, wir sammeln die 85. Feder, wir löschen die 50. Platane. Die brennt zwar nicht, aber: „Das ist jetzt so!“. Als Opa lerne ich wieder neu, was es heißt, Dinge einfach auch mal hinzunehmen, eben weil sie so sind, wie sie sind. Opa hat ja auch –zum Glück- oft die Zeit dazu. Kein Wunder, dass mir dazu ein bekanntes Gebet einfällt: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, .......“ Warum dieser Text ausgerechnet als Gebet formuliert ist, ist mir auch klar geworden: Man braucht schon einen starken Helfer, damit man nicht doch mal die Nerven verliert..
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43537Vor über zweihundert Jahren haben heute, also vier Tage vor Weihnachten, die Brüder Grimm ihre berühmte Märchensammlung veröffentlicht. Eins davon ist ein echtes Adventsmärchen und es geht so: Ein Junge muss im Winter Holz aus dem Wald holen. Es hat geschneit, es ist kalt, also räumt er den Schnee weg und will Feuer machen. Da findet er einen kleinen goldenen Schlüssel. Er denkt sich: Kein Schlüssel ohne Kästchen – und tatsächlich findet er auch ein Kästchen. Der Schlüssel passt ins Schloss, er schließt auf… Und jetzt müssen wir nur noch warten, bis er den Deckel öffnet, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen sind.
Das ist ein ungewöhnliches, sehr offenes Ende für ein Märchen. Alle, die nicht warten können, bekommen eine lange Nase gedreht. Kurzweilig erzählt, aber zugleich ist da der sehr offensichtliche pädagogische Zeigefinger kurz vor Weihnachten: Lerne warten! Noch ist es nicht soweit.
In dem kurzen Märchen steckt noch eine zweite Botschaft. Die heißt: Mitten in deinem Leben kann Dir etwas Wunderbares begegnen.
Holz holen und Feuer machen, das waren damals ganz alltägliche Arbeiten. So wie heute einkaufen gehen und Essen kochen. Wenn du deine Augen offenhältst, dann findest du vielleicht den Schlüssel zu etwas Besonderem mitten in deinem Alltag. Was genau das sein wird – wer kann das vorher wissen? Und am Ende kommt es gar nicht darauf an, was für wunderbare Dinge genau sich dir auftun. Ja, das Ende kann man sogar einfach weglassen. Denn wenn du mit offenen Augen und Sinnen durchs Leben gehst, dann sind Schlüssel und Kästchen schon Grund genug zum Staunen.
Bereite dich also ruhig auf das große Fest vor und übe dich in Geduld! Aber vergiss beim Warten und Vorbereiten nicht den 20. Dezember, diesen einen Tag heute – wer weiß, was dir gerade heute vor die Füße rollt und was dir Wunderbares begegnet.
Den Deckel öffnen kannst du auch noch später.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43498Fünf Tage vor Weihnachten hat der englische Schriftsteller Charles Dickens damals seine berühmte Weihnachtsgeschichte veröffentlicht.
Er erzählt uns von Ebenezer Scrooge. Der ist seines Zeichens ein Geizhals und Menschenfeind. Für Ebenezer ist der Gedanke, Mitmenschen etwas Gutes zu tun, völlig verrückt und abwegig: „Humbug“ nennt er das Ganze. Das ist tatsächlich ein englisches Wort für absolut schwachsinnigen und unglaubwürdigen Blödsinn. Spenden? Etwas für andere tun? Am Ende etwa sogar noch miteinander Weihnachten feiern? Dafür hat Scrooge nur Hohn und Spott übrig. Wer sich nicht selbst versorgen kann - ab ins Gefängnis oder ins Arbeitslager mit ihm.
Es braucht tatsächlich sage und schreibe drei Weihnachtsgeister, damit Scrooge seine Mitmenschen und die soziale Wirklichkeit in seiner Stadt wahrnehmen kann. Eigentlich hätte Ebenezer auch von selbst darauf kommen können. Denn Charles Dickens hat ihm ganz bewusst einen seltsamen Namen aus der Bibel gegeben. Ebenezer ist hebräisch und heißt übersetzt: Stein der Hilfe. Gemeint ist damit: Die Hilfe ist fest und unerschütterlich.
Die drei Geister haben ganz schön damit zu tun, Ebenezer die Augen und das Herz zu öffnen. Denn darauf kommt es an, von Herzen zu helfen. Dann ist man nämlich selbst ganz dabei und gibt ein Stück von sich selbst. Es ist ein hartes Stück Arbeit, bis Scrooge etwas von seinem Reichtum spendet und außerdem noch das mangelernährte Kind seines Angestellten rettet. Und was vielleicht genauso wichtig ist und Scrooge wahrscheinlich noch viel mehr Überwindung gekostet hat: Jahrelang war sich immer selbst genug. Jetzt lässt er sich doch tatsächlich von seinem Neffen einladen. Diese Übung ist mindestens genauso schwer: Er kann nun nicht nur Gutes tun. Er kann es endlich auch zulassen, dass ihm jemand etwas Gutes tut.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43497



