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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ein Hund kann Vieles, unglaublich Vieles. Und in manchem ist er uns haushoch überlegen. Er kann mindestens sechzigmal besser riechen als Menschen. Mit seinem sensationellen Geruchssinn kann er Drogen erschnüffeln und ebenso die Fährte vermisster Menschen. Und an unserem Geruch kann er sogar erkennen, ob wir gerade traurig sind oder gut gelaunt, ängstlich oder wütend. Im Vergleich mit einem Hund komm ich mir da vor wie ein primitives Pantoffeltierchen.
Aber der Geruchssinn ist nicht alles, in anderen Bereichen ist es gerade umgekehrt. Da kommt der Hund an seine Grenzen, wie sehr ich auch immer mit ihm trainieren würde.
Wenn ich einem Hund etwas zeigen will und mit dem Finger auf etwas deute, dann schaut der Hund nicht in die Richtung, in die mein Finger zeigt, sondern nur auf den Finger. Auch der cleverste Hund wird in dem Finger nicht mehr sehen als eine Geste, mit der ich ihm ein Kommando gebe.
Der große Psychiater Viktor Frankl hat diese Beobachtung festgehalten. Und er hat darin ein Bild gesehen. Ein Bild dafür, wie wir Menschen uns oft verhalten. Wenn wir etwas erleben, das wir nicht verstehen, dann starren wir oft auch nur auf das Ereignis, wie der Hund auf den ausgestreckten Finger. Stattdessen, meint Frankl, sollten wir damit rechnen, dass ein solcher ‚Zeigefinger‘ zugleich auch ein Fingerzeig sein könnte. Dass uns manche Ereignisse auf etwas hinweisen, was wir sonst gar nicht sehen würden.
Mir fallen da viele Beispiele ein. Während der Pandemie etwa haben wir gebannt auf den Finger der täglichen Corona-Ticker geschaut mit ihren verwirrenden Zahlen und Fakten. Damals konnten wir noch nicht sehen, wohin der Finger zeigt, allenfalls manches ahnen. Aber meistens könnten wir mehr sehen, viel mehr, wenn wir nicht nur auf den ‚Finger‘ starren würden. Ein solcher Zeigefinger ist auch die Erderhitzung. Die müssten wir dringend als Fingerzeig verstehen. Um nicht nur die Temperatur zu messen, sondern auch die Ursachen anzugehen und entschieden umzusteuern.
Anders als ein Hund sind wir dafür geschaffen, Fingerzeige zu verstehen, und damit auch die Folgen unseres Verhaltens abzuschätzen. Damit haben wir auch Verantwortung. Allem voran die Verantwortung, die Erde zu erhalten, unser gemeinsames Haus. Als Lebensraum, für uns selbst und für unsere Mitgeschöpfe.
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Riesenrad fahren. Für mich kam das lange nicht in Frage, weil ich schon im dritten Stock Höhenangst bekomme. Dann, vor ein paar Jahren, kam mal Besuch aus Frankreich, meine Brieffreundin und ihr Mann. Vor 30 Jahren waren wir zusammen auf dem Cannstatter Volksfest, deshalb wollte sie jetzt gern nochmals hin. Und Riesenrad fahren, wie damals. Damals allerdings noch ohne mich. Aber jetzt sollte ich unbedingt mitfahren ….... Ich wollte ihnen den Spaß nicht verderben und habe mich dann doch überwunden einzusteigen. Mit ganz flauem Gefühl.
Wir waren gerade mal ein paar Meter über dem Boden, da begann eine junge Frau, die mit in der Kabine fuhr, unruhig zu werden. Sie klammerte sich an ihren Freund, und dann an alles, was sie zu fassen bekam. Die Atmung wurde schneller, sie geriet in Panik. Ihr Freund war überfordert, die anderen Mitfahrenden konnten nicht deutsch. Jetzt kam es auf mich an. Wir legten sie auf den Boden, so dass sie nicht hinausschauen musste, und hielten sie fest. Nicht zu fest, nur so, dass sie das Gefühl hatte: ich bin nicht allein. Ich versuchte eine Atemübung mit ihr zu machen, und tatsächlich: langsam beruhigte sie sich. Und als das Riesenrad anhielt, war sie noch etwas blass um die Nase, konnte aber schon wieder lächeln.
Erst danach ist mir aufgefallen: Meine eigene Höhenangst hatte sich überhaupt nicht gemeldet. Der jungen Frau ging’s so schlecht, und ich war ganz damit beschäftigt, sie zu beruhigen, zu stärken, zu trösten, dass ich an meine eigene Angst gar nicht dachte. Ich war völlig abgelenkt, und vor allem: ich wurde gebraucht.
Dieses Prinzip funktioniert, nicht nur bei Panikattacken im Riesenrad. Es ist auch das Prinzip, nach dem viele Selbsthilfegruppen entstanden sind. Solange die Mitglieder einander helfen, werden sie von ihrem eigenen Elend nicht überwältigt. …...
Denen helfen, die’s schwerer haben als ich, denen’s schlechter geht als mir. Das funktioniert erstaunlich gut. Auch dann, wenn’s mir nicht so gut geht. Wie hat es Jesus doch gleich formuliert? ‚Alles, was du von anderen gern möchtest, dass tu auch für sie.’ Wenn ich mich danach richte, geht’s im besten Fall allen besser. Nicht nur mir, aber auch mir.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=41805SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
So ein Navi ist eine praktische Erfindung. Ich gebe nur mein Ziel ein, und in Sekunden wird mir gesagt, in welche Richtung ich starten muss und wie‘s dann weitergeht. Ganz detailliert, an jeder Kreuzung, an jeder Kurve. In den allermeisten Fällen kann ich mich drauf verlassen, dass ich auf dem kürzesten oder auf dem besten Weg an meinem Ziel ankomme. Und wenn ich doch mal unaufmerksam bin und falsch abbiege, oder unterwegs umdisponiere, dann dauert es nur einen Augenblick, und das Navi passt sich an und schlägt einen anderen Weg vor. Es führt mich trotzdem weiter, dann eben über eine andere Strecke. Wie oft war ich schon erleichtert, wenn ich diese Ansage gehört habe „Route wird neu berechnet“. Denn sie sagt mir: Egal, welchen Weg ich nehmen will, ich komme auf jeden Fall an meinem Zielort an.
Ich glaube ja, so ein Navi gibt‘s nicht nur fürs Autofahren. Ich glaube, dass mein ganzer Lebensweg unter einem ‚Navi‘ steht, die lange ‚Route‘, die ich zwischen Geburt und Tod zurücklege. Diese Vorstellung ist nicht neu, religiöse Menschen haben zu allen Zeiten darauf vertraut, dass sie ihren Weg nicht allein finden müssen, sondern: dass es eine Kraft gibt, die größer ist und die ihr Leben sieht und leitet. ‚Vorsehung‘ hat man das früher genannt, auch Führung oder Fügung. Aber dann ist da ja immer auch die Frage: Und wo bleibt meine Freiheit? Wenn mein ganzer Weg vorbestimmt ist?
Ausgerechnet das Navi in meinem Auto hat mir da etwas klargemacht. Mit seiner Ansage „Route wird neu berechnet“. Das ist für mich zu einem Bild geworden, mit dem kann ich mir besser vorstellen, wie das zusammengehen kann: Gottes Plan für mich – und meine Freiheit, selbst darüber zu entscheiden, welche Wege ich gehen will.
Wie die meisten Menschen habe auch ich in meinem Leben nicht immer den geraden Weg genommen. Da waren auch Umwege, Fluchtwege, Abwege und sogar regelrechte Irrwege. Wenn ich darauf zurückschaue, werde ich ganz demütig und zugleich ganz dankbar. Dass sich dann doch so Vieles immer wieder gut gefügt hat. Dass Gott immer mitgegangen ist, und ‚die Route‘ meines Lebens immer wieder ‚neu berechnet‘ hat. Und ich vertraue darauf, dass er das immer wieder tun wird. Sooft ich mich verfahre oder verirre, er einen neuen Weg findet, eine neue ‚Route‘. Und irgendwann werde ich dann vielleicht auch hören: ‚Du hast dein Ziel erreicht‘.
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Im Lockdown der Coronazeit wurde alles heruntergefahren, das öffentliche Leben praktisch lahmgelegt. Geschäfte zu, Restaurants zu – und leider auch: Friseurläden zu. Woche um Woche, monatelang. Und so sahen wir dann auch aus. Irgendwann war der Lockdown vorbei und die Geschäfte machten wieder auf. Ich kann mich noch so gut erinnern, wir froh ich war, als ich nach etlichen Versuchen einen Friseurtermin bekommen habe. Endlich wieder ein Haarschnitt, eine ‚richtige‘ Frisur! Mir war vorher gar nicht bewusst, wie wichtig das sein kann und wie viel so ein Haarschnitt ausmacht, für meine Stimmung, für mein Selbstbewusstsein.
Friseure und Friseurinnen wissen das, sehr gut sogar. Sie erleben es ja jeden Tag an ihren Kunden. Und deshalb wissen sie auch, was Menschen fehlt, die kein Geld haben, um zum Friseur zu gehen. Einen Friseur aus Oberschwaben hat das umgetrieben, und dann hatte er eine Idee, so erzählt er: „Ich habe gedacht: Was kann ich denn tun, um zu helfen? Ich kann Menschen glücklich machen mit Kamm und Schere. Und das wollte ich auf der Straße für Bedürftige und obdachlose Menschen einbringen, weil durch diesen Haarschnitt schmelzen die Menschen wieder in die Gesellschaft zurück und werden nicht von vorneweg abgestempelt.“1
Claus Niedermaier hat seine Idee mit anderen geteilt, und so entstand eine Initiative, die sich Barber Angels nennt, auf Deutsch Friseur-Engel. Die Mitglieder, allesamt Friseure und Friseurinnen, schneiden in ihrer Freizeit umsonst Haare und Bärte.
Angels nennen sie sich, Engel. Und das sind sie auch. Nicht mit Flügeln und Rauschgoldhaaren, sondern mit schwarzer Lederweste, die sie ‚Kutte‘ nennen. Bodenständige, zupackende Männer und Frauen. Die einfach tun, was Herz und Verstand ihnen sagt. Einer von ihnen, der‘s als Kind nicht leicht hatte, sagt es so: „Das ist mein… Beitrag, auch das Dankeschön an die Leute, die früher… an mich geglaubt haben. Deswegen gebe ich von dem was zurück, was mir Gutes widerfahren ist.“2
Ja, das sind Engel, wirkliche Engel. Ob sie das selbst nun religiös verstehen oder weltlich, das ist nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass sie tun, was Engel zu tun haben: den Menschen leben helfen. Zum Beispiel mit einem guten Haarschnitt.
1 Südwestpresse am 29.09.2024
2 Südwestpresse am 29.09.2024
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Wie viele Kriege gibt es doch auf der Welt! Und wie oft spielt dabei die Religion eine wesentliche Rolle. Kriege unter Christen unterschiedlicher Konfessionen, vom dreißigjährigen Krieg bis in die heutige Ukraine. Kriege in der arabischen Welt zwischen Sunniten und Schiiten. Gewaltausbrüche fanatischer Hindus in Indien…
Der irische Satiriker Jonathan Swift hat schon im 18. Jahrhundert gesagt: „Wir haben Religion genug, um einander zu hassen, aber nicht genug, um einander zu lieben.“ Er hatte damals Irland im Blick und die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten, die bis heute nicht zur Ruhe kommen.
Seine Analyse gilt immer noch. Dabei könnte Religion doch so etwas wie der innere Kompass sein, die Basis für ein gutes Zusammenleben. Aber auch in meinem Leben ist der Glaube nicht immer die innere Mitte. Da kann sich schon mal ein anderer Gedanke, ein anderer Wert in den Vordergrund schieben, und – zack – argumentiere ich, wie wenn ich mich nicht als Christin verstehen würde. Das geht ganz schnell und oft ohne dass mir‘s in dem Moment bewusst ist. Und das Gebot der Liebe, das für Jesus das höchste ist, dass muss dann einfach mal Platz machen für Sachzwänge, für politische Vernunft, für taktisches Denken und Handeln.
Der Kern der christlichen Ethik ist das Gebot der Liebe. Es ist eine dreifache Liebe: Liebe zu mir selbst, weil ich geschaffen bin und das Recht habe zu leben. Liebe zu anderen, weil sie – genau wie ich – geschaffen sind und – genau wie ich – das Recht haben zu leben. Und: Liebe zu Gott, der mit seiner liebenden Kraft alles Geschaffene leben lässt. So einfach ist das. So einfach könnte es sein, wenn alle, die sich Christen nennen, danach leben würden. Tun sie aber nicht, oft jedenfalls. Mich eingeschlossen.
Wenn ich aus meinem Glauben leben will, dann brauche ich diesen inneren Kompass des Evangeliums. Und das Gebot der Liebe ist für mich quasi die Kompassnadel. Und wenn ich in meinem Alltag Orientierung brauche, kann ich auf sie schauen, jederzeit.
Ich für mich kann sagen: Ja, ich möchte ‚mehr Religion‘ – aber nicht einfach mehr von derselben Sorte, sondern tiefere, authentischere und, ja, auch demütigere Religion.
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Es gibt Gefühle, die möchte niemand haben. Und hat sie eben doch. Eines dieser ungeliebten Gefühle ist die Scham. Ich glaube, fast alle könnten aus dem Stand erzählen, in welchen Situationen sie sich so sehr geschämt haben, dass sie das sprichwörtliche Mauseloch herbeigesehnt haben.
Scham hat viele Gründe, und viele Gesichter. Aber immer spielt da so ein Gefühl von Ungenügen mit: Ich bin nicht recht, so wie ich bin – und jetzt fliegt das auf, was ich immer zu verbergen versuche. Oder: was ich tue, ist nicht in Ordnung, und jetzt können es alle sehen. Ich kann mich aber auch ganz allein vor mir selbst schämen. Immer dann, wenn ich spüre: Was ich gerade nach außen darstellen will, das bin ich so doch gar nicht.
Scham hat immer etwas mit Ertapptwerden zu tun. So sieht es auch die Bibel. Schon das erste Menschenpaar im Paradies konnte der Versuchung nicht widerstehen, auch von den Früchten zu essen, die für die Menschen tabu sein sollten. Und als sie von Gott zur Rede gestellt werden, schämen sie sich. Sie fühlen sich ‚nackt‘, entblößt. Sie können sich nicht mehr verstecken, nicht mehr einhüllen in Rechtfertigungen und Ausreden.
Seither ist die Scham in der Welt, sagt die Bibel. Seither quälen sich die Menschen mit diesem brennenden Gefühl, nicht gut genug zu sein, vor anderen, vor sich selbst, und auch vor Gott. Oder: die Scham, zu einer Gruppe zu gehören, die etwas tut, das ich persönlich beschämend finde. Zu einem Land, einer Familie, einem Berufsstand, einer Clique. Fremdschämen, sagt man dafür heute.
Friedrich Nietzsche hat gefragt: „Was ist das Menschlichste?“ und selbst geantwortet: „Einander Scham ersparen.“ Ich finde, das stimmt. Und seit ich dieses Wort kenne, fällt es mir immer wieder mal ein. Situationen gibt‘s ja genug. Da bringt sich vielleicht jemand, den ich eh nicht mag, in eine peinliche Situation und liefert mir eine Steilvorlage, gleich noch eins draufzusetzen. Mit einer spöttischen Bemerkung. Mit einem vielsagenden Blick zu den andern. Ich kann‘s tun, ganz spontan – ich kann aber auch kurz innehalten und auf den kleinen Triumph verzichten.
„Was ist das Menschlichste? Einander Scham ersparen.“ Gleichsam den Mantel hinhalten, wenn jemand blamiert und entblößt dasteht. Und dankbar sein, wenn auch mir so ein Mantel gereicht wird, wenn ich wieder mal ein Mauseloch herbeisehne.
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Ich gehe gern über Friedhöfe, besonders über solche, auf denen es auch noch alte Gräber gibt. Dabei fällt mir immer wieder auf, wie wichtig es den Menschen früher war, dass auf dem Grabstein nicht nur der Name und die Lebensdaten stehen, sondern auch der soziale Stand. Der war so wichtig, dass er buchstäblich in Stein gemeißelt wurde. Bei Männern oft der Beruf oder der Dienstgrad, bei Frauen musste deutlich werden: Sie war die Ehefrau, oder die Witwe oder die Tochter des hier bestatteten Mannes.
Das hat sich inzwischen verändert. Viel wichtiger scheint jetzt, was für eine Persönlichkeit dieser Mensch war, was ihn besonders und originell gemacht hat. Was diesen Mann oder diese Frau unterschieden hat von anderen.
Wenn ich so über einen Friedhof schlendere und die verwitterten Buchstaben entziffere, dann denke ich manchmal: Was sollte einmal auf meinem Grabstein stehen? Was macht mich aus als Person, woran sollte man sich vielleicht nach meinem Tod noch erinnern?
Eines wird mir dann schnell klar: Vieles von dem, was sich gerade wichtig macht und mich und andere oft so beschäftigt, hätte nicht das Zeug dazu, auf dem Grabstein verewigt zu werden. Zum Beispiel „Sie hat jeden Tag 10 000 Schritte geschafft“ oder „Sie konnte eine Szene aus Hamlet auswendig zitieren“ oder „Sie sah mit 80 wie 60 aus“. Die Vorstellung ist so bizarr und dabei so urkomisch, dass sie sofort meine Stimmung hebt. Mitten auf dem Friedhof.
Aber: Welche Spuren möchte ich denn hinterlassen, und welche Botschaft?
„wenn ich
gestorben bin
hat sie gewünscht
feiert nicht mich
und auch nicht den tod (…)
preiset das leben
das hart ist und schön
preiset DEN der ein gott von lebendigen ist“
Das sind nicht meine eigenen Worte, ich habe sie geliehen, von dem geistlichen Schriftsteller Kurt Marti. Ich finde, sie passen zu mir und zu meinem Leben. Und ich hoffe, dass sie irgendwann einmal auch zu meinem Sterben passen werden. Und was danach dann mal auf meinem Grabstein oder über meinem Leben steht, das ist mir nicht so wichtig.
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Weißt du noch? Weißt du noch, damals….? Diese Frage kommt garantiert irgendwann, wenn ich mit ihnen zusammensitze, mit Schulkameradinnen, mit alten Freunden oder Verwandten. Und dann werden Erinnerungen ausgetauscht. Zum Beispiel auch Streiche, die alles andere als lustig waren und die wir heute glatt als Mobbing bezeichnen müssten. Frechheiten, die Lehrern das Leben schwer gemacht haben. Und doch amüsieren wir uns heute darüber und sind vielleicht auch noch stolz darauf.
Der Abstand macht‘s. Der Abstand reicht uns quasi die rosa Brille, die macht uns die Vergangenheit in der Erinnerung oft etwas schöner, als sie tatsächlich war.
Woher kommt das? Warum haben die meisten Menschen das Gefühl, die Vergangenheit sei besser gewesen als die Gegenwart, auch wenn es nachweislich nicht so ist? Da gibt es eine ziemlich einfache Erklärung: Das Vergangene haben wir schon irgendwie überstanden und überlebt, das wissen wir ja schon. Von der Gegenwart muss sich das erst noch zeigen.
Weißt du noch? Das Frühere hat immer etwas Heimatliches, fast sogar Heimeliges. Was für den Raum die Heimat ist, das ist für die Zeit die Vergangenheit: Es ist das Vertraute, das, was man kennt, wo man sich sicher fühlt. An mir selbst merke ich: Je älter ich werde, desto mehr neige auch ich dazu, die Vergangenheit zu verklären. Dabei weiß ich doch: Es gab auch Schweres, und unter manchem habe ich als Kind und als Jugendliche richtig gelitten. Nein, die Zeit war nicht besser, als ich jung war, sie war nur anders als die Gegenwart ist. Und wir waren auch nicht besser als die, die heute jung sind, nur eben anders.
Weißt du noch? Es tut gut, wenn ich diese Frage immer wieder stelle. Und zwar nicht nur anderen, sondern auch mir selbst. Weißt du noch, wie verzweifelt du warst, damals, als du keinen Ausweg gesehen hast – und dann hat es sich doch so gut gefügt.
Und wenn ich so versonnen zurückdenke, dann ist mir manchmal, wie wenn Gott mich fragen würde: Weißt du noch? Weißt du noch, wie ich an deiner Seite war, und dir geholfen habe, all das durchzustehen, was du dir nicht zugetraut hast? Und dann sag ich im Stillen: Ja, Gott, ich weiß es noch. Aber gut, dass du mich immer wieder daran erinnerst, denn manchmal vergess ich‘s auch.
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Eisenbahn, Auto, E-Bike… Ideen und Erfindungen prägen die Welt. Das war schon immer so. Sie haben uns weiter gebracht, kulturell und wissenschaftlich, in Technik und Wirtschaft.
Und auch heute sind es die Ideen, die die Welt am Laufen halten. Aber welche Ideen? Tragen sie noch, die alten bewährten Ideen? Passen sie noch in unsere Welt? In eine Welt, die sich so sehr verändert hat, wie wir‘s uns nicht mal in Sience Fiction-Filmen hätten ausdenken können.
Der amerikanische Musiker John Cage hat gesagt: „Ich verstehe nicht, warum sich die Menschen vor neuen Ideen fürchten. Ich fürchte mich vor den alten.“ Es klingt wie ein Bonmot, und zugleich trifft es unsere Situation ziemlich genau. Ich jedenfalls erkenne mich darin, besser als mir lieb ist. Ich sehe, dass alte Grundsätze, Muster, Ziele unsere Welt an die Wand fahren – und zugleich habe ich Angst davor, alles tatkräftig zu verändern. Angst, dass alles so bleibt, wie es ist – und Angst, dass nichts so bleibt, wie es ist. Ich sehe mit Schrecken, dass unser Wirtschaftssystem die Welt vollends ausbeutet – und zugleich fürchte ich auch, dass Veränderungen unseren Lebensstandard senken würden. Ich bin gegen Kriege, und doch traue ich den Alternativen zu militärischer Gewalt nicht wirklich. Ich weiß, dass Flugreisen dem Klima schaden, und habe mir doch eine Ausnahme von meinem Grundsatz, nicht zu fliegen, gegönnt…
Wir stehen an der Schwelle zu Pfingsten. Für Christen das Fest des Geistes, des heiligen Geistes. Der schöpferischen Kraft Gottes, die immer wieder neue Horizonte eröffnet und uns neue Ideen ins Herz legt. Neuen Mut, lähmende Bedenken zu überwinden. Neues Vertrauen, dass wir es schaffen können, die Welt zum Besseren zu verändern. Die ganze Schöpfung soll aufatmen, so verheißt die Bibel, wenn Gottes Geist Raum bekommt. In unserem Denken und Fühlen und dann auch in unserem Handeln.
Noch ist nicht Pfingsten. Und so fühle ich mich auch. Noch bin ich zögerlich, das, was ich als gut und notwendig erkenne, auch beherzt zu tun. Deshalb bete ich, was ich auch unterm Jahr oft als Stoßseufzer nach oben schicke: Komm, heiliger Geist! Und nimm mir die Angst vor Veränderungen und vor neuen Ideen. Und von den alten Ideen hilf uns bewahren, was gut an ihnen ist.
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Manche Kochbücher werben mit einer ‚Gelinggarantie‘. Die Rezepte werden in der Versuchsküche getestet, und nur, was mehrfach erprobt ist und wirklich nicht misslingen kann, wird auch gedruckt. Und wenn ich das Kochbuch kaufe, dann kann ich mich darauf verlassen, dass das Rezept funktioniert.
Beim Kochen klappt das, meistens jedenfalls. Aber läuft das auch im Leben so, wie beim Kochen? Es scheint so, denn immer öfter seh ich in Buchhandlungen Bücher mit Titeln, die klingen, wie wenn‘s um Kochbücher ginge: Gelingendes Leben, heißen gleich vier Bücher im Regal. Wie leben gelingt trotz Widerständen, so ein anderer Titel. Gelingendes Leben im Beruf. Wege in gelingendes Leben… – jede Menge Gelingen wird da versprochen. Wenn ich mich nur an die Anleitung halte, dann kann eigentlich nicht viel schiefgehen in meinem Leben.
Aber so perfekt wie eine Sahnetorte wird mein Leben nie werden. Niemals. Zu viel ist da schon anders gelaufen, anders geworden, als es im ‚Rezept‘ vorgesehen ist. Beziehungen werden brüchig und scheitern vielleicht. Menschen, die ich liebe, entwickeln sich anders als erhofft. Die Arbeit kann überfordern und krank machen. Ganz abgesehen von größeren Schicksalsschlägen. Die können das Leben von jetzt auf gleich völlig aus der Spur werfen.
Wenn ich auf mein Leben schaue, dann fällt mir jedenfalls nicht das Wort ‚gelingen‘ ein. Auch wenn vieles gut ist und manches, na ja, so halbgut. Aber es gibt eben auch das andere: das Ungute, das Sperrige. All das Zerbrochene, das ich nicht wieder heil machen kann.
Ob mein Leben irgendwann einmal als ‚gelungen‘ gelten wird? Das muss ich gar nicht selbst entscheiden. Ich darf das Gott überlassen, zum Glück. Meine Aufgabe ist nur, alles vor ihm auszubreiten, was es da so gibt, die Glanzstücke meines Lebens ebenso wie die Scherben.
Ich glaube, dass das Gelingen, auf das ich hoffe, anders aussieht als bei einer perfekt dekorierten Torte. Und dass die Kratzer und Patzer, die ich mitbringe, am Ende sein dürfen, wie sie eben sind. Als Teil meines Lebens, das so sein darf, wie es eben ist. Und das geliebt ist, mitsamt allen seinen Kanten und Brüchen.
Also doch so was wie eine Gelinggarantie? Vielleicht, aber eine andere: die Gelinggarantie Gottes.
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