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SWR Kultur Wort zum Tag
Den schwedischen Film „Wie im Himmel“ liebe ich sehr. Ein wunderschöner Film mit einem traurigen Ende, und doch: Er weitet den Blick über den Tod hinaus. Ich finde, er passt deshalb in diese Zeit vor dem Karfreitag. „Wie im Himmel“ erzählt von einem weltberühmten Dirigenten, der nach einem Herzinfarkt in sein schwedisches Heimatdorf zurückkehrt. Er möchte, so sagt er es jedem, der ihn anspricht: er möchte HÖREN lernen.
Der umtriebige Chef des Kirchenchors drängt ihn, doch einmal bei einer Probe vorbeizukommen. Eigentlich will der Dirigent nichts anderes als seine Ruhe haben. Doch dann lässt er sich tatsächlich breitschlagen und kommt zur Chorprobe. Man sieht und hört eine etwas merkwürdige Truppe, die sich beim Singen redlich Mühe gibt, aber doch fast peinlich wirkt. Warum er den Chor dann doch übernimmt, bleibt ein Rätsel. Jedenfalls kommt mit ihm der Erfolg, obwohl oder gerade weil sich die Sängerinnen und Sänger gehörig umstellen müssen. Sein Ziel ist: Jeder soll seinen eigenen, ganz persönlichen Ton finden. Und das Wunder geschieht: Die Menschen kommen immer mehr aus sich heraus, trauen sich was, finden zu ihren Tönen. Nicht nur die Stimmen verändern sich dadurch, auch sie selbst. Die Sängerinnen und Sänger entdecken mit ihrem eigenen Klang ihre eigene Persönlichkeit. Mit ihnen verändert sich auch das ganze Dorf, es verändert sich aber auch der Dirigent, auch ihn erfasst die Bewegung. Er entdeckt die Liebe. Zu einer Sängerin. Das ist ein Wunder, und doch auch wieder nicht, denn der Ton, der unser eigener Ton ist, ist immer ein Ton der Liebe.
Immer mehr Menschen schließen sich dem Chor an. Jeder Mensch, der kommt, darf bleiben, jeder Ton ist willkommen.
Wenn Menschen zu ihrem Lied finden, zu ihrem Lebensklang, dann verwandelt diese Entdeckung. Ihr Klang führt sie zurück zu ihrem Ursprung und zugleich zu ihrem Ziel, spannt den großen Bogen zwischen Geburt und Tod und wagt den Blick in den Himmel.
Ich weiß jetzt, was Liebe ist, sagt der Dirigent am Ende des Films. Es sind seine letzten Worte. Er hat wieder einen Herzinfarkt erlitten und wird den nicht überleben. Das ist sehr traurig, und doch ist irgendwie klar: Dieser Tod ist nicht das Ende. Größer als der Tod ist die Liebe. Zu lieben und geliebt zu werden – das ist wie im Himmel.
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Die Karwoche wird als „stille Woche“ im Kirchenjahr bezeichnet. Wirkliche Stille ist zu etwas ganz Besonderem geworden, für viele Menschen ist sie sogar sehr schwer auszuhalten. In Konzerten fällt mir das immer auf. Der Moment etwa, nachdem der Dirigent den Taktstock gehoben hat bis zu seinem Zeichen, dass die Musik endlich losgeht. Wie oft höre ich da ein Rascheln oder Husten.
Die Frage liegt nahe, warum es das überhaupt braucht, diese Stille. Diesen Moment der Aufmerksamkeit. Warum nicht gleich loslegen mit der Musik? Oder – um wieder zur Karwoche zu kommen – warum nicht gleich ins frühlings-fröhliche Ostern springen, am besten gleich ganz ohne Passionszeit.
Das kann man tun. Doch nicht nur mir fehlt dann etwas. Wenn ich wirklich aufmerksam sein will, mich sammeln, dann braucht es: Stille. Im Konzert gilt das für die Musik, auf die ich mich innerlich einstellen möchte. In der Karwoche geht es um ein Thema, das eine eigene Aufmerksamkeit benötigt. Es geht um den Tod. Ich glaube, es hat etwas mit Lebensklugheit zu tun, sich mit der eigenen Sterblichkeit zu konfrontieren. Nicht jeden Tag, aber doch immer wieder.
Manchmal haben Kinder eine besondere Sensibilität dafür. Ich erinnere mich an eine Schülerin aus der 4. Klasse. Große Augen, ein schmales Gesichtchen. Ich habe der Klasse die Frage gestellt: „Warum ist das wohl so im Leben, warum läuft nicht alles leicht?“
Viele Kinder melden sich, nach einer Zeit auch sie, mit konzentriertem Blick. „Weil,“ meint sie, „wir sonst nicht merken würden, wenn wir glücklich sind.“
Sie hat sich später noch mal gemeldet. „Meine Oma stolpert jetzt immer über die Schwellen in ihrem Haus“, sagt sie leise. Der Opa ist vor einem Jahr gestorben. Wir werden alle nachdenklich. Die letzte Schwelle ist der Tod. Der Opa hat der Oma oft geholfen. Jetzt ist sie allein. Wer trägt sie jetzt? Ich erinnere mich: Die Klasse hat die Stille nach ihren Worten ausgehalten, ungewöhnlich für eine vierte Klasse. Das hat allen gut getan. Auch mir.
Die Karwoche. Warten, aushalten, bis der himmlische Dirigent den Taktstock hebt und den Einsatz für die große Oster-Symphonie gibt. Für den Opa, der gestorben ist, für die Oma, die stolpert, für die Schülerin. Für mich. Für uns alle. Nach der letzten Schwelle. Dann darf es Ostern werden.
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„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Diesen Satz habe ich einmal bei einem Vortrag gehört. Er hat sich mir eingeprägt und beschäftigt mich immer noch. Erst einmal klingt das nämlich ziemlich verrückt. Kein Mensch kann doch im Nachhinein etwas an seiner Kindheit ändern! Ihr ein nachträgliches Glück verpassen, das es in Wirklichkeit kaum gegeben hat. Wie soll das möglich sein?
„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Der Satz stammt ursprünglich von dem amerikanischen Psychiater und Psychotherapeuten Milton H. Erickson. Erickson war ein herausragender Arzt, der wichtige Impulse für die Psychotherapie entwickelt hat. Interessanterweise hat er selbst von außen betrachtet keine wunderbare Kindheit erlebt. Er hat als Kind unter Legasthenie gelitten und wurde deshalb verspottet. Eine Zeitlang dachten seine Eltern, dass er geistig zurückgeblieben sei. Später, als Jugendlicher, erkrankte er an Kinderlähmung und war lange bewegungsunfähig an Bett und Rollstuhl gefesselt. Ausgerechnet dieser Mann sagt: „Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben!“
Ich finde, dass gerade die Herausforderungen, denen Erickson ausgesetzt war, seinen Satz glaubwürdig machen. Hier spricht jemand, der weiß, wovon er redet. Ich glaube: Erickson möchte, dass Menschen wissen, dass sie ihrer Lebensgeschichte nicht hilflos ausgeliefert sind. Es gibt die Möglichkeit, die Perspektive zu wechseln. Aus einem unglücklichen Jungen mit Schulschwierigkeiten und einer schweren Behinderung ist so ein bedeutender Wissenschaftler geworden. Erickson hat für sich entdeckt: Es gibt mehr als die abwertenden Urteile anderer Menschen. Ich bin in der Lage, mein Leben und mich wertzuschätzen! Jedes Leben ist kostbar!
Ich weiß nicht, ob es mir gelungen wäre, aus eigener Kraft diese freundliche Sicht auf mein Leben zu entwickeln, dem eigenen Unglück zum Trotz. Milton H. Erickson hat gewusst, dass nicht jeder aus eigener Kraft die Perspektive wechseln kann. So hat er als Therapeut anderen geholfen. Als Christin freue ich mich darüber hinaus über göttliche Sehhilfe beim Perspektivwechsel. Ich glaube daran, dass Gott auch im größten Chaos meines Lebens etwas entdeckt, was es wert ist, glücklich genannt zu werden. Sein liebevoller Blick hilft, eine freundliche Perspektive auf das eigene Leben zu entdecken. Gott sagt: Komm, es ist nie zu spät. Schau hin. Du hast Glück! Du darfst nämlich: leben!
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Mein Nachbar findet, dass „die jungen Leute“ heute zu sehr an sich denken. Das missfällt ihm. Ich kann seine Einschätzung nicht teilen. Die jungen Menschen, mit denen ich täglich zu tun habe, wirken auf mich sehr engagiert. Manche haben sogar erfolgreiche Berufstätigkeiten aufgegeben, um stattdessen Theologie zu studieren. Das Pfarramt erscheint ihnen sinnstiftender als eine Tätigkeit, die sich vor allem finanziell auszahlt. Ich kann das nur bestätigen: Es trägt viel zur eigenen Sinnerfahrung bei, wenn ich etwas für das Ganze beitragen kann, von dem jeder Mensch schließlich selbst ein Teil ist.
Auch außerhalb der Kirche engagieren sich viele Menschen für unsere Gesellschaft.
Zum Beispiel bei der Feuerwehr. Es freut mich, dass die Freiwilligen und Berufsfeuerwehren gerade bundesweit einen Mitgliederboom verzeichnen. Die bedrohliche gegenwärtige Lage bewegt viele junge Menschen offenbar gerade nicht zu einem Rückzug in die private Komfortzone. Die jungen Leute sagen sich: Wir wollen etwas tun. Wir sind nicht hilflos den Verhältnissen ausgeliefert, wir können mitgestalten, jede und jeder vor Ort.
Ich habe Einblick in und Respekt vor dieser gemeinnützigen Aufgabe, denn ich bin mehr als zwanzig Jahre lang die ehrenamtliche Feuerwehrpfarrerin von Mainz gewesen. Ganz im Gegensatz zur Einschätzung meines Nachbarn sind mehrere hunderttausend junge Menschen in den Kinder- und Jugendfeuerwehren überall in Deutschland aktiv und lernen, wie sie im Notfall das Hab und Gut von Menschen und deren Leib und Leben retten können. Ich weiß sehr gut, dass das eine anstrengende und anspruchsvolle Ausbildung erfordert und man im Einsatz viel riskiert – manchmal das eigene Leben. Dennoch sagen diese jungen Leute: ich bin dabei!
Diese Menschen machen die wohltuende Erfahrung: Wer etwas für andere Menschen leistet, belohnt sich selbst mit Sinnerfahrung. Nicht zuletzt erfahren sie Gemeinschaft und erleben, wie gut es tut, wenn man sich gegenseitig unterstützen kann. Auch wenn die Aufgabe anstrengend ist und man sich manchmal aufraffen muss, nach der Schule oder der Arbeit noch mit den anderen zu üben.
Als Christin erlebe ich es so: Wenn ich entdecke, dass Gott sich mit meiner Geburt etwas für diese Welt gedacht hat, dann kann mich das sehr glücklich machen. Sehr viel glücklicher, als nur um den eigenen Bauchnabel zu kreisen. Ich glaube, dass sich Gott bei jedem Menschen etwas gedacht hat. Und ich glaube, dass es dieser Welt guttut, wenn möglichst viele Menschen herausfinden, was genau ihr eigener Auftrag für die Welt sein könnte.
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„Kennen Sie das: einen Lebens-Wunsch?“, das frage ich gerade alle möglichen Menschen, die mir über den Weg laufen. Ich habe die These gehört, dass es auf dem Weg zu einem erfüllten Leben wichtig sei, eigene Wünsche zu kennen. Ich bin neugierig, was die Leute antworten. Und neugierig darauf, ob mich das auf die Spur meiner persönlichen Antwort auf meine Frage bringen könnte.
Eine Frau, die ich frage, wirkt verblüfft. „Ein Lebens-Wunsch? Danach hat mich noch nie jemand gefragt!“ Sie überlegt konzentriert und antwortet mit viel Überzeugung in der Stimme: „Ich bin zufrieden mit allem, was ich jetzt bin und habe.“ Sie denkt noch einmal nach und ergänzt: „Tatsächlich, ich würde nichts anders machen. Was soll ich mit einem größeren Auto? Das fährt auch nur auf vier Rädern. Und ein Pool im Garten? Der macht nur Arbeit. Also: Mir geht’s gut! Ich bin zufrieden!“ Sie wirkt richtig glücklich.
Ich überlege, ob ihre Antwort auch meine Antwort sein könnte. Ich habe mir tatsächlich noch nie ein Haus mit Pool gewünscht und denke gerade eher darüber nach, wann ich mich von meinem Auto trennen kann. Und wie sieht es mit meinen großen Lebens-Wünschen aus? Und was ist mit den Wünschen, die sich nicht erfüllt haben? Ich wollte ans Theater, auf ganz großen Bühnen stehen. Doch letztlich hat mich die Frage nach Gott nicht losgelassen und ich habe mein Theologiestudium fortgesetzt. Die Sache mit dem Theater hat nicht funktioniert. Heute habe ich ein Abo und sitze gemütlich im Parkett, statt auf der Bühne aufzutreten. Und privat? Meine erste große Liebe hat mich für meine damalige beste Freundin verlassen. Das tat ziemlich weh. Und heute? Ja, ich bin zufrieden mit allem, was ich jetzt bin und habe. Trotz aller Rückschläge, die es in meinem Leben – wie in jedem Leben – auch gegeben hat.
Ich stelle im Rückblick fest: Es gibt so viel, für das ich dankbar bin. Beim Stöbern nach Lebensträumen entdecke ich neben geplatzten Seifenblasen vor allem, wie viel mir im Leben geschenkt worden ist. Und auch die Antworten anderer Menschen sind so inspirierend! Es ist etwas dran an der These, dass die Frage nach dem Lebenswunsch zu einem erfüllten Leben beitragen kann. Wie wunderbar, dass sich in einem Menschenleben so viele Träume erfüllen! Der Schlüssel ist die Dankbarkeit! Die Dankbarkeit für das eigene, kostbare Leben. Dieses Leben an sich ist alles andere als selbstverständlich. Es ist selbst – ein Traum!
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Der September ist musikalisch inspirierend. Im Übergang vom Sommer zum Herbst ist die Stimmung dabei gerne melancholisch. Richard Strauß etwa setzt sich in seiner Komposition September mit der eigenen Sterblichkeit auseinander. Bei ihm klingt das – jedenfalls für meine Ohren – nicht morbid, sondern berauschend. Strauß zieht am Ende seines Lebens noch einmal alle Register. Der von ihm vertonte Text von Hermann Hesse trägt das Seine dazu bei: „Golden tropft Blatt um Blatt nieder vom hohen Akazienbaum. Sommer lächelt erstaunt und matt in den sterbenden Gartentraum.“ Da haben sich zwei Künstler im Pathos gefunden – obgleich Hesse die Straußsche Vertonung seines Gedichts gar nicht gefallen hat.
Neil Diamond erzählt in seiner Ballade „September Morn“ von zwei Liebenden, die ihre Liebe schon begraben hatten und sich nun fragen, ob es noch einmal neu funktionieren kann. Die schluchzenden Streicher verraten einem jedoch: das wird nichts, auch wenn die zwei tanzen, als ob es einen neuen Morgen für ihre Liebe geben könnte.
Ob nun eine Liebe oder ein ganzes Leben – im September klingt der Herbst an. Schön, wenn man das gelassen angehen kann wie Richard Strauß oder mit einem Tanz wie Neil Diamond. Mir gefällt‘s, weil ich finde, dass man jede Phase des eigenen Lebens feiern kann. Und, warum nicht, auch eine Liebe, die darum weiß, dass auch ein letzter Tanz sie nicht in einen glücklichen Altweibersommer retten kann.
Alles hat seine Zeit, heißt es im biblischen Buch des Predigers. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit, klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit. Und dabei gibt es die Jahreszeiten des Lebens, die Gott geschenkt hat. Wenn man am Rhein lebt, wie ich, kann man sich zur Musik von Richard Strauß und Neil Diamond einen Sonnenuntergang am Fluss vorstellen. Gerne mit einem guten Glas Wein in der Hand und dem Gedanken: mag sein, es ist das letzte Glas. Der letzte Tanz. Irgendwann wird das so sein.
Gut, wenn ich im September so denken kann, ohne verbittert zu sein. Meinetwegen melancholisch, das Leben ist ja eine wunderbare Sache, doch klug genug, um zu wissen, dass das Leben nicht ewig dauert. Sondern einmal, golden wie die Blätter von Hesses Akazienbaum, zu Boden sinken wird. Oder, wie ich es als Christin glaube: In Gottes Hand.
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Es lohnt sich, im Sommer über den Herbst nachzudenken. Schließlich kommt der Herbst mit Sicherheit jedes Jahr nach Juli, August und September.
In der Bibel erzählt Jesus in einem Gleichnis die Geschichte eines Menschen, der sich selbstverschuldet in einer bedrohlichen Lage befindet. Er hat seinen Dienstherrn betrogen und in die eigene Tasche gewirtschaftet, es droht die Buchprüfung. Immerhin: Es bleibt Zeit zum Überlegen und Handeln. Der Mann entscheidet sich schließlich für eine überraschende Lösung. Er erlässt Schuldnern seines Dienstherrn eigenmächtig deren Schulden. Sicherlich nicht aus reiner Nächstenliebe oder revolutionärem Klassenbewusstsein. Er erhofft sich vielmehr, sehr berechtigt, dass sich die Beschenkten später erkenntlich zeigen werden, wenn ihm selbst der Herbstwind hart ins Gesicht wehen wird.
Ein ziemlich ungewöhnliches Jesus-Gleichnis. Ein Betrüger als Held. Ich finde dieses Gleichnis dennoch inspirierend. Wie wäre es als Ratgeber für die Zeit bis zur Rente. Bislang habe ich noch nicht darüber nachgedacht, was ich mit der vielen Zeit im Ruhestand anfangen will. Statt pünktlich mit Rentenbeginn panisch daran zu verzweifeln, dass ich beruflich nicht mehr benötigt werde, könnte ich vor dem Renteneintritt mit vollen Händen: schenken. Zeit – und, warum nicht, auch Geld. Schließlich hat man vor der Rente in der Regel mehr Geld als später.
Warum nicht überlegen, welchem Verein ich im Spätsommer des Lebens eine Spende zukommen lassen möchte? Warum nicht der gesamten Familie eine richtig schöne Sommer-Sause ermöglichen, mit leckerem Essen und Trinken? Warum nicht Kinder und Enkelin in einen netten Urlaub einladen? Einfach so. Freie Sommerzeit. Es liegt doch nahe, dass die Beschenkten dann im Herbst des Lebens, wenn ich mit viel Zeit zu Hause sitze, auch mal Lust haben, Zeit und schöne Abende mit mir zu verbringen.
Hat ein solches Vorhaben ein gewisses „Geschmäckle“? Wie ich dir, so du mir? In der Bibel steht als Fazit: Der Mann wird – ausgerechnet von seinem Dienstherrn! - gelobt, weil er klug gehandelt hat. Wohlgemerkt: Nicht sein Betrug an seinem Herrn ist klug, sondern die Art und Weise, wie er letztlich seinen Kopf aus der Schlinge zieht. Es ist klug, großzügig zu sein. Vor der Rente. Gerne auch mit Hintergedanken.
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Der erste September. Noch Sommer, aber der Tag schmeckt schon ein bisschen nach Herbst. Die meisten Felder sind abgeerntet und die Tage werden kürzer. In einer sehr beliebten Kindergeschichte hat eine Maus Frederick die Sommerzeit genutzt, um Sonnenstrahlen, schöne Wörter und Farben zu ernten, während ihre Feldmauskollegen sich mit der Ernte von Samen und Nüssen abgemüht haben. Angeblich freuen sich dann in Hungerzeiten im Winter alle Mäuse an den gesammelten Sonnenstrahlen. Für Mäuse finde ich die Methode, sich im Winter auf gesammelte Farben zu verlassen, eher lebensgefährlich. Gerechte Arbeitsteilung stelle ich mir auch anders vor, aber es hat schon was, die Sommerzeit nicht einfach verrinnen zu lassen wie letzte Eistropfen in einem Glas Aperol Spritz.
Ich praktiziere schon seit vielen Jahren Exerzitien. Eine wichtige Übung in den Exerzitien ist die Übung der „liebenden Aufmerksamkeit“. Für eine Viertelstunde lasse ich abends den Tag in der Meditation an mir vorbeiziehen und stelle mir dabei vor, dass Gott mich und diesen Tag mit all seinen Ereignissen mit liebevollen Augen betrachtet. Ich habe festgestellt, dass ich viel zu viele schöne Dinge in der Hektik des Tages schnell vergesse – die schlechten bleiben leider eher haften – und dass diese Übung hilft, insgesamt dankbarer auf mein Leben zu schauen.
Sogar auf Ereignisse, die nicht so richtig erfreulich sind, kann ich dank dieser Übung mit mehr Gelassenheit blicken. Und so erblühen wunderschöne Sommertage, an die ich mich später gerne mit Wärme erinnern mag. Ein Reservoir der besonderen Art.
Gottes liebevollen Blick in dieser Übung stelle ich mir vor wie den Blick von entspannten Großeltern, die einen schönen Tag mit ihren Enkelkindern verbringen. Sie freuen sich mit jedem kleinen Glück und haben Geduld, wenn etwas nicht gleich klappt. Sie können auch trösten, wenn es nötig sein sollte. Sie haben Zeit und viel Liebe.
Ich glaube, auch Menschen, die nicht an Gott glauben, könnten so auf ihre Tage zurückblicken – und auf die nun schon fast vergangene Sommerzeit. Mit liebender Aufmerksamkeit, mit Geduld und Gelassenheit. Das ist wie ein spiritueller Vitamin D-Speicher, der hilft, die kommenden Nebeltage gut zu meistern. Nicht zuletzt: Auch Septembertage haben ihre eigene Schönheit, die gerne genossen und in der Betrachtung bewahrt werden will.
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Als Kind habe ich mich gefragt, wie Gott es eigentlich schafft, im Himmel alle Bitten zu sortieren. Wie er es packt, die Bitten der Bauern um Regen und die der Familien vor dem Sonntagsausflug um Sonnenschein zu koordinieren. Im Film „Bruce Allmächtig“ spielt Jim Carrey einen Mann, der versucht, diesen Job Gottes zu übernehmen. Das Ergebnis ist katastrophal. Bruce verursacht Naturkatastrophen, weil er das mit der Koordination nicht hinbekommt und versinkt völlig überfordert in der Flut der Gebete.
Eigentlich klar, dass die Angelegenheit schieflaufen muss. Wir Menschen haben nicht den völligen Überblick. Sind heillos überfordert, wenn wir versuchen, es allen oder gerade diesem einen Menschen recht zu machen. Erkennen nicht, wo wir durch unser Handeln Verantwortung für unser Unglück tragen. Dann stellt sich so ein gekränktes Gefühl ein, wenn die Welt sich wieder nicht nach unseren Wünschen gerichtet hat. Gott hat versagt! Dann bin ich beleidigt oder trete sofort aus der Kirche aus.
In solchen Verhaltensmustern steckt eine gute Portion Narzissmus. Übrigens auch im Film „Bruce Allmächtig“. Die Hauptfigur dreht sich nur um sich und verliert alle anderen aus dem Blick. Auch die, die ihn eigentlich sehr liebhaben.
Etwas narzisstischen Geist braucht jeder Mensch. Er entsteht im Babyalter, wenn einen die eigenen Eltern begeistert anschauen, obgleich man tatsächlich eher einem zu kurz geratenen Buddha ähnelt. Der liebevolle Blick der eigenen Familie ist wie eine rosarote Brille – und lebenswichtig. Wir brauchen das, damit wir später auch in schwierigen Lebenssituationen nicht an uns verzweifeln, sondern uns immer noch liebenswert finden – wenigstens ein bisschen. Wissenschaftliche Studien beweisen, dass jeder Mensch einen anderen Menschen braucht, der ihn so anschaut. Es müssen nicht unbedingt die eigenen Eltern sein, aber ohne diese Unterstützung eines anderen Menschen geht es nicht.
Ich glaube, dass Gott uns Menschen mit einem liebevollen Elternblick betrachtet. Mit seinem Blick der Liebe, mit dem er uns anschaut. Und wie ein Baby durch den Blick der Liebe in einen Herzensprinz verwandelt wird, so kann auch dieser liebevolle Blick Gottes verwandeln. Zu Menschen, die sich trauen, aufrecht zu gehen. Auch wenn es einmal krumm läuft im Leben. Das schenkt jedem Tag einen besonderen Glanz. Und das strahlt aus und macht die Welt schöner. Wie das liebevolle Lächeln eines geliebten Menschen.
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Bei jungen Menschen ist er wieder in Mode gekommen – der Kniefall. Jedenfalls wenn es ums Heiraten geht. Wer der Angebeteten oder dem Angebeteten einen Antrag macht, geht vor ihm oder ihr auf die Knie. Das gehört, jedenfalls für die meisten, einfach dazu.
Ich meine: Es gibt Situationen, die erfordern einfach einen Kniefall! Willy Brandt hat das gespürt und damit die Welt berührt, das war im Jahr 1970 in Warschau. Sein Kniefall als demütige Geste vor den Opfern des Nazi-Regimes, nach der Kranzniederlegung vor dem Warschauer Ghetto, hat viel bewirkt. Das Bild des knieenden Bundeskanzlers ging um die Welt. Das angespannte Verhältnis zu Polen konnte sich danach verändern, eine vorsichtige Öffnung wurde möglich. „Ich hatte das Gefühl, Stehen reicht nicht“, hat Willy Brandt später gesagt. Das war auch die Stärke dieser Geste. Sie hatte nichts Kalkuliertes an sich. Sie war echt.
Wenn etwas wirklich wichtig ist, geht ein Mensch auf die Knie. Als Zeichen der Demut. Als Zeichen der Angewiesenheit auf den anderen. Eine Liebe hat man nicht in der Hand - genauso wenig wie das eigene Leben oder die Vergebungsbereitschaft anderer Menschen. Da gibt es keine Garantien. Heinrich von Kleist hat sein Drama Penthesilea dem von ihm überaus verehrten Goethe auf den „Knien seines Herzens“ überreicht, so hat er es in seinem Begleitbrief geschrieben. Doch das Herz des Dichterfürsten blieb hart. Da konnte Kleist auf den Knien seines Herzens liegen so lange er wollte. Nicht jeder Antrag wird mit einem Ja beantwortet.
Mag sein, es erscheint altmodisch, sich Gott auf Knien anzuvertrauen. Bei evangelischen Christenmenschen ist es auch eher unüblich. Doch ich brauche immer wieder auch diese körperliche Erfahrung, vor allem, wenn mir etwas wirklich am Herzen liegt. Mit einer Mischung aus Demut und Hoffnung gehe ich vor Gott auf die Knie. Oft genug auch aus Dankbarkeit. Es gibt Tage im Leben, die sind einfach zum Niederknien schön, besonders, einzigartig. Wenn ich eine Krankheit überstanden habe. Wenn mir ein Mensch seine Liebe schenkt. Mir tut das gut – noch jedenfalls machen die Gelenke mit. Doch wenn meine Gelenke nicht mehr mitspielen, dann tue ich es halt auf den Knien meines Herzens. Und Gott wird, hoffentlich, gnädiger sein als Goethe.
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