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SWR Kultur Wort zum Tag

10SEP2025
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Egal ob Monika, Bruno, Ulrich oder Brigitte – ich könnte unzählige Menschen nennen, die sich ehrenamtlich engagieren. Sie retten Tiere, besuchen Kranke, stehen bei Festen am Zapfhahn. Sie hängen sich im Sportverein rein, in der Kirche oder für ein soziales Projekt.

Ob in Karlsruhe, Koblenz oder Konstanz: Das Ehrenamt ist eine echte Größe. Mehr als ein Drittel der Menschen in unserem Land ist ehrenamtlich aktiv. Menschen organisieren ehrenamtlich große Veranstaltungen oder sind zum Beispiel in der Hospizarbeit im Einsatz. Manche bleiben über Jahrzehnte mit dabei.

Natürlich gehört dazu auch, sich auf eine Gruppe einzulassen und sich auch mal etwas sagen zu lassen. Da gibt es durchaus eine Chefin oder einen Chef, der sagt, wie es zu laufen hat. Aber wenn es mich nicht überzeugt, kann ich aufhören und mir einen anderen Ort suchen. So einfach ist das. Darum sind gute Beziehungen im Ehrenamt besonders wichtig.

Es braucht ein gewisses Maß an Sicherheit und Wohlstand, um sich überhaupt engagieren zu können. Doch ich kenne auch Menschen, die von einer kleinen Rente leben und sich trotzdem gerne einbringen. Egon, zum Beispiel, lebt nach einer schweren Krankheit sehr bescheiden, aber beim Mittagstisch für Senioren packt er immer mit an.

Ehrenamtlich tätig sein – passt das noch zu unserer Zeit? In einer Zeit, in der angeblich alle nur noch aufs Geld schauen, in den Urlaub fahren und an sich denken? Das Ehrenamt zeigt, dass es noch mehr gibt als nur Beruf und Freizeit.

Und ich glaube, das tut uns gut. Denn im Ehrenamt treffe ich nicht nur Menschen mit ähnlichen Interessen. Ich lerne auch viel dazu: Zum Beispiel habe ich in der Jugendarbeit Ferienlager organisiert, gekocht und Gruppen geleitet. Da haben ich viel fürs Leben gelernt.

Gerade jetzt, wo so viele Menschen als Babyboomer in den Ruhestand wechseln, kann das Ehrenamt eine neue Blüte erleben. Was für ein großes Potenzial an Menschen mit Lebens- und Berufserfahrung! Es gibt viele tolle Projekte – und Raum für neue Ideen. Menschen im Ehrenamt bringen sich unentgeltlich ein – aber ganz sicher nicht umsonst.

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SWR Kultur Wort zum Tag

09SEP2025
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Meine Tochter hatte Abiball und ich war mit dabei. Was für ein Abend! Ein rauschendes Fest mit schöner Musik, gutem Wein und Essen.

Über 120 junge Menschen haben auf der Bühne gestanden und als Abiturjahrgang ihren Abschluss gefeiert. Familien, Freunde, Lehrerinnen und Lehrer waren mit dabei. Die Stimmung war fröhlich und ausgelassen.

Was mich besonders beeindruckt hat, war die Dankbarkeit, die den Raum gefüllt hat. Die jungen Menschen haben der Schule, ihren Eltern und all den Wegbegleitern gedankt, die ihr Leben bis hierhin geprägt haben.

Meine Tochter fragt mich in letzter Zeit oft: "Was meinst du, welchen Weg ich einschlagen sollte?" Meine Antwort ist nicht besonders kreativ. Ich sage: "Das musst du ausprobieren. Selbst herausfinden, was zu dir passt. Wo du leben möchtest, was und wer dich interessiert.“

Ich habe vor einigen Monaten mit ihr eine Ausbildungsmesse besucht. eine Lehre zur Elektrikerin oder zur Außenhandelskauffrau kann sie sich nicht vorstellen. Sie würde gerne studieren, doch ob es eher in Richtung Naturwissenschaften oder zum Beispiel Psychologie geht – da ist sie überfragt. Auf jeden Fall will sie Freiburg verlassen und andere Orte kennen lernen.

Erst einmal geht es jetzt nach England zu einem Freiwilligendienst. Sie hat also noch zwölf Monate Zeit, um weiter darüber nachzudenken.

So oder so heißt es, Risiken eingehen: Wer weiß, ob der angestrebte Beruf hält, was er verspricht. Wer weiß, welche Fragen uns in zwei oder drei Jahren beschäftigen.

Wer als junger Mensch ins Leben geht, der braucht Optimismus. Dinge ausprobieren, scheitern und weitermachen – das geht nur, wenn ich einen gewissen Hoffnungsüberschuss habe. Die Hoffnung, dass es gut werden kann.

Dieses Gefühl habe ich beim Abiball gespürt. Die jungen Leute strahlen aus: Bis hierhin habe ich viel geschafft, und jetzt beginnt ein neues Kapitel. Da kommt noch was! Jetzt wage ich den Schritt ins Unbekannte. Jetzt will ich noch ganz neue Seiten des Lebens entdecken.

Jungen Menschen mag es leichter fallen, so nach vorne zu blicken. Aber auch ältere Menschen können sich davon etwas abschauen. Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie die Schule abgeschlossen haben und Ihr Zeugnis in den Händen hielten? Damals wie heute: Es liegt an uns, etwas zu wagen und aufzubrechen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

08SEP2025
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Wären Sie gerne einmal bei „Wer wird Millionär“ dabei? Oder hätten sie Angst davor, früh an einer Frage zu scheitern? Wenn ich vor dem Fernseher mitfiebere, kann ich die Antworten meistens nur raten. Ich bewundere die Menschen, die weit kommen und mit so viel Wissen glänzen. So schlau wäre ich auch gerne.

Gerade verschiebt sich etwas beim Thema Wissen und Intelligenz. Weltweit entstehen riesige Rechenzentren, die mit Künstlicher Intelligenz arbeiten. Viele Fachleute meinen: Wir sind auf dem Weg zur Superintelligenz. Eine Künstliche Intelligenz, die ständig dazulernt, sich weiterentwickelt und in allen Wissenschaften die schwierigsten Aufgaben lösen kann. Bei „Wer wird Millionär“ würde sie alles abräumen.

Wir würden gar nicht mehr nachvollziehen können, wie diese Superintelligenz denkt und vorgeht. Sie würde unser Wissen und unsere Vorstellungskraft bei weitem übersteigen.

Vielleicht dauert es noch ein paar Jahre, bis die Superintelligenz tatsächlich kommt. Viele hoffen, dass wir Krankheiten besiegen und weniger arbeiten müssen. Andere fürchten, dass wir die Kontrolle verlieren.

Als Theologe denke ich schon lange über eine Superintelligenz nach. Denn wird Gott nicht in der Bibel auch als Superintelligenz beschrieben? Da heißt es über Gott zum Beispiel im Brief des Apostels Paulus an die Römer: „Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“ Paulus macht deutlich, dass Gott und seine Entscheidungen unsere Vernunft übersteigen. Wie könnten wir Gott gänzlich verstehen, wo er doch so viel größer ist als wir?

Es ist natürlich ein himmelweiter Unterschied, ob wir durch technischen Fortschritt bald eine Superintelligenz zusammenbauen. Oder ob wir glauben, dass ein guter Gott die Welt geschaffen hat, sie erhält und sich den Menschen zuwendet.

Ich meine, wir sollten das alte Wissen der Bibel nutzen, wenn es um die Zukunft geht. Die Bibel beschreibt einen langen Lernweg, den die Menschen mit Gott gegangen sind. Dabei haben vor allem Krisen und Irrtümer den Menschen geholfen, Gott besser zu verstehen – und gleichzeitig ihre eigenen Grenzen zu erkennen.

Wenn nun neue Technologien entwickelt werden, sollten wir diesen Lernprozess fortsetzen: aufmerksam und selbstkritisch. Künstliche Intelligenz eröffnet viele Möglichkeiten, aber wozu soll sie uns dienen? Welche Ziele soll sie verfolgen? Dazu müssen wir uns über unsere Werte und Hoffnungen verständigen. So wie damals die Menschen in der Bibel. Oder um es mit den Worten des Paulus zu sagen: „Prüft alles – und behaltet das Gute.“

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SWR Kultur Wort zum Tag

18JUN2025
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Mein Onkel Horst ist schon als junger Familienvater an Parkinson erkrankt. Jeden Tag müde und irgendwie kraftlos. Die Ärzte haben anfangs Psychopharmaka verschrieben, weil sie nicht wussten, was los ist. Es hat einige Jahre gedauert, bis endlich die richtige Diagnose feststand. Heilung war aber nicht möglich.

Und so hat für meine Tante Sabine eine Zeit begonnen, die Jahrzehnte dauern sollte. Sie hat meinen Onkel gepflegt. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Mit allem, was dazugehört. Und „nebenbei“ hat sie die drei gemeinsamen Kinder großgezogen. Später hat sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen. So konnte sie weiterhin Geld verdienen und Horst noch besser versorgen.

Vor einigen Jahren ist mein Onkel Horst dann gestorben. Seitdem lebt Sabine allein. Wenn sie auf diese gemeinsame Zeit zurückblickt, dann schwingt da auch ein wenig Stolz mit. „Ich habe durchgehalten“, sagt sie. Und sie weiß, wovon sie spricht. Sie hat sie erlebt: die vielen schwierigen Momente, die Erschöpfung, die Angst vor der Zukunft. Sie kennt auch Paare, bei denen die Kraft irgendwann nicht mehr gereicht hat, wo der pflegende Partner sagen musste: Ich kann nicht mehr. Sabine sagt: „Ich bin bei ihm geblieben – bis zu seinem Tod.“ Und heute blickt sie auf ihre große Familie: Kinder, Enkelkinder und die ersten Urenkelkinder.

Meine Tante ist christlich erzogen worden und Mitglied in der Kirche. Neulich haben wir uns darüber unterhalten, was das für sie bedeutet. Sie ist niemand, die es sich damit einfach macht. „Naja“, sagt sie über ihren Glauben, „da habe ich schon so meine Zweifel.“ Und „die Kirche hat mich auch schon oft genug enttäuscht.“

Und dann kam der Moment, der mich besonders berührt hat. Sie sagt: „Einen Glauben, den lasse ich mir nicht nehmen: Den Glauben an die Auferstehung. Denn Horst will ich wiedersehen. Den vermisse ich.“

Ihre Ehe ist ganz anders verlaufen, als sie es sich als junge Frau vorgestellt hat. Die Krankheit hat alles verändert. „Aber“, sagt sie, „diese Liebe spüre ich weiterhin. Und ich will im Himmel wieder mit ihm zusammen sein.“

Als Sabine das so gesagt hat – so schlicht, so klar –, da ist für mich alles gesagt. Ich hätte mit ihr noch lange diskutieren können. Aber wozu? In diesem einen Satz steckt so viel von ihr, von ihrem Leben, von ihrer Hoffnung. Und von einer großen Liebe - über den Tod hinaus.

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SWR Kultur Wort zum Tag

17JUN2025
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„Warum es die Welt nicht gibt.“ – das ist der Buchtitel des deutschen Philosophen Markus Gabriel. Die Welt gibt es nicht? Wie meint er das? Natürlich gibt es Tische, Bäume, uns Menschen. Gabriel meint etwas anderes: Es gibt nicht die eine große, allumfassende Welt, über die wir als Ganzes nachdenken und sie verstehen könnten.

Stattdessen, so Gabriel, gibt es unzählige einzelne Bereiche, „Sinnfelder“, wie er sie nennt. Wir können zum Beispiel über gesunde Ernährung nachdenken – das ist ein Feld. Oder über die Zukunft des Verkehrs – das ist ein anderes Feld. Aber diese Felder, sagt Gabriel, fügen sich nicht zu einem großen Ganzen zusammen. Aus all dem, lässt sich keine große „Sinn-Suppe“ kochen. Es gibt keine übergeordnete Beschreibung, keine „Weltformel“, die alles erklärt. Auch die Naturwissenschaften helfen nur teilweise weiter. Deshalb sein provokanter Satz: Die Welt gibt es nicht.

Wenn das stimmt, dann haben Philosophie und Theologie jahrtausendelang die falschen Fragen gestellt. Warum sind wir hier? Wozu gibt es die Welt? Laut Gabriel führen uns diese Fragen nicht weiter, weil es die „Welt“ so gar nicht gibt. Ein radikaler Gedanke, der mit großen Denkern wie Platon, Augustinus oder Hegel bricht.

Sinn finden wir immer nur in Teilbereichen: Was ist mir in meiner Partnerschaft wichtig? Was in meinem Glauben?

Ich gebe zu: Als Christ irritiert mich das. Denn versucht nicht gerade die Religion zu erklären, warum es die Welt gibt. Der Glaube an Gott geht über den Alltag hinaus. Als Christ frage ich nach dem größeren Zusammenhang, nach Gott als dem Grund und Ziel von allem.

Markus Gabriel sagt nicht, dass es Gott nicht gibt! Er stellt fest: Wenn viele Menschen an Gott glauben, wenn dieser Glaube ihr Leben prägt, Trost spendet, Gemeinschaft stiftet – dann entsteht daraus etwas sehr Reales, etwas Wirksames. Dann gibt es diesen Gott im Sinnfeld des Glaubens.

Eine ganz neue Philosophie! Markus Gabriel traut sich was und will die Philosophie wieder zur Königin der Wissenschaften machen. Ich bin fasziniert. Was wäre, wenn die Theologie sich daran ein Beispiel nimmt? Wenn wir Gott neu denken? Kann Gott sich verändern oder „lernen“? Welche neuen Wege gibt es, um Gott tiefer zu verstehen? Denn Philosophie und Theologie sind wie zwei Partner beim Tanz. Wenn sich die eine regt, kommt auch der andere in Bewegung.

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SWR Kultur Wort zum Tag

16JUN2025
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Auf der Autobahn habe ich einen Krankenwagen gesehen, der ein ukrainisches Kennzeichen hatte. Da bin ich richtig zusammengezuckt. Ich musste an die Menschen denken, die nach Deutschland gebracht werden, um medizinische Hilfe zu bekommen. Viele Soldaten, aber auch Zivilisten: Frauen, Männer, Kinder, die Opfer eines der vielen Angriffe wurden. Weit über tausend Menschen hat Deutschland seit Kriegsbeginn hier versorgt.

Der Krieg in der Ukraine dauert nun schon so lange. Und ja, ich gebe es zu, ein Stück weit ist er für mich Alltag geworden. Ich lese noch die Schlagzeilen, aber bin schon abgestumpft. Katastrophe reiht sich an Katastrophe.

Wenn ich Ukrainerinnen oder Ukrainer treffe, dann rede ich mit Ihnen lieber über das Thema Familie oder über die Arbeit. Zum Beispiel mit Maksym, den ich beim Fußball kennen gelernt habe. Auf den Krieg spreche ich ihn lieber nicht an. Da wüsste ich nicht, wie ich reagieren soll, wenn er anfängt zu erzählen, was er erleben musste.

Aber der ukrainische Krankenwagen auf der Autobahn ruft mir in Erinnerung: Dort, nicht so weit weg, leiden Menschen. Ganz konkret.

Ich erinnere mich an die Zeiten, da dachte ich, dem Pazifismus gehört die Zukunft. Dass wir in Europa dazu gelernt hätten. Dass Menschen doch nicht so verrückt sein können, wieder aufeinander zu schießen und Grenzen gewaltsam zu verschieben. Über Friedensethik wollte ich diskutieren – das Thema hat mich interessiert.

Aber jetzt? Gibt es auch eine Kriegsethik? Gibt es ein richtiges Handeln inmitten von Zerstörung und Tod? Mehr Waffen, mehr Soldaten? Wenn so viele Menschen sterben, verletzt werden, traumatisiert sind?

Eines weiß ich ganz sicher: Es ist richtig, den Verletzten zu helfen. Ihnen beizustehen, ihre Wunden zu versorgen, ihnen Schutz zu bieten. Ja, das kostet Geld. Es fordert Ressourcen in einem Gesundheitssystem, das ohnehin oft an seine Grenzen stößt. Und doch: Ich bin dankbar, dass wir das tun.

Mein Dank gilt all jenen Menschen, die sich hier engagieren. Den Ärztinnen und Pflegern, den Rettungskräften, den Organisatoren im Hintergrund, all denen, die diese Kriegsverletzten versorgen und sie wieder hoffen lassen

Dieser Krankenwagen ist für mich ein Symbol. Ein Symbol für das Leid des Krieges, das bis zu uns reicht. Aber auch ein Symbol für die Hilfe, die möglich ist.

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SWR Kultur Wort zum Tag

26FEB2025
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Mein Freund René hat seinen Arbeitsplatz verloren. Ein großer Autozulieferer steckt in der Krise, und 20 Prozent der Belegschaft musste gehen. Kurz vor Weihnachten hat René alles zurückgeben müssen: Schlüssel, Laptop und seine Arbeitsutensilien. Viele Jahre hat er hart gearbeitet und ist unzählige Male rund um den Globus gereist – all das ist nun Vergangenheit. Die ersten Bewerbungen für eine neue Stelle sind raus, doch wie es weitergeht, ist noch unklar.

Trotz der schwierigen Situation fällt René nicht in ein schwarzes Loch. Er bekommt Arbeitslosengeld, und er hat mir sogar gestanden, dass es ihm erst einmal gut tut, ein paar Monate weniger Stress zu haben. Bisher waren seine Tage immer vollgepackt: Die Kinder müssen zur Schule, Dinge am Haus repariert werden, dazu die vielen beruflichen Termine. Jetzt hat er endlich mal Zeit. Doch trotz der Freiheiten macht er sich natürlich Sorgen um die Zukunft: Wann bekomme ich wieder ein Gehalt, wie geht es weiter mit der Rente und dem Kredit fürs Haus?

Wer ist denn nun verantwortlich dafür, dass René jetzt arbeitslos ist? Hätte er härter arbeiten sollen, mehr Fortbildungen machen oder sich früher wegbewerben müssen? Oder tragen die Manager die Schuld, die schlecht geplant haben? Einige sagen, es sei die deutsche Politik, andere sagen die Strafzölle aus Amerika. Wahrscheinlich spielt alles eine Rolle, doch was hilft es René, der jetzt um seine Zukunft fürchtet?

Meine größte Sorge ist, dass er den Glauben an sich selbst verliert. René ist eigentlich kreativ und hat viele Ideen und Ziele. Doch nun sagt er selbst: „Ich muss aufpassen, mich nicht aufzugeben.“ Natürlich ist es verlockend, gemütlich in der Jogginghose zuhause zu bleiben, aber irgendwann besteht die Gefahr, dass die Tage ihre Struktur verlieren.

Ich wünsche ihm besonders, dass sein Selbstwertgefühl nicht leidet. Dass er erkennt, wie viel er noch zu bieten hat. Papst Johannes Paul II. hat mal gesagt: „Die Arbeit ist ein Gut für den Menschen, weil er durch die Arbeit sich selbst als Mensch verwirklicht, ja gewissermaßen „mehr Mensch wird.“ Ja, die Arbeit ist wichtig, aber unsere Würde behalten wir auch, wenn wir nicht arbeiten können und arbeitslos sind. Das geht mir durch den Kopf, wenn ich an René denke. Aber vor allem will ich ihm in nächster Zeit ein guter Freund sein.

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SWR Kultur Wort zum Tag

25FEB2025
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Ein Freund aus dem Sportverein hat mir erzählt: „Ich habe 700.000 Euro in wenigen Jahren verloren. In den Tiefen der Spielautomaten. Bin rein ins Casino, und zack, wieder 300 Euro futsch. Habe Freunde angepumpt, angelogen, nur um noch etwas zu haben, das ich in den Automaten werfen kann. Am Ende bleibt nichts – alles weg.“

Der Freund ist erst seit zwei Jahren wieder clean. Eine kleine Operation im Krankenhaus, die nichts mit der Spielsucht zu tun hatte, war seine Rettung. Er konnte nicht raus, lag ein paar Tage im Krankenbett. Das hat ihm geholfen, seiner Abhängigkeit zu entkommen.

Was ich erschreckend finde: In Deutschland sind mehr als eine Million Menschen spielsüchtig. Und so viele leiden mit: Die Partnerinnen, die Familien, die Kinder, die Freunde. Ich verstehe einfach nicht, warum in unserem Land trotzdem überall Spielcasinos stehen. In Freiburg kenne ich mindestens sieben dieser Spielhallen –obwohl ich da nie reingehe.

Die Betreiber verdienen an denen, die die Kontrolle verlieren. An denen, die immer weiter zocken. Längst ist erwiesen, wie stark diese Sucht ist. Und selbst nach einer Therapie schaffen es viele nicht, sich dauerhaft zu befreien. Sie fallen zurück, verschulden sich weiter, und die Scham- und Schuldgefühle gibt’s gratis dazu.

Seit Herbst 2020 sind in Deutschland auch Sportwetten legal, und dort geht’s erst richtig los. Das macht mich wütend. Wenn ich ein Prophet aus dem Alten Testament wäre, dann würde ich jetzt in deren Sprache rufen:

„Wehe euch, die ihr das Spielcasino erbaut,
Mit glitzernden Automaten, die die Sucht entfachen!
Ihr lockt die Armen in die Falle des Lasters,
Verführt sie, nehmt sie Tag für Tag aus.

Wo sind die Politiker, die das Volk beschützen sollen?
Wo ist die Stimme der Gerechtigkeit, die ihr erstickt?
Die Gier kennt keine Grenze, doch nur eine Seite gewinnt.
Kehrt um, ihr Betrüger, sonst trifft euch der Zorn Gottes.“

Das hat gut getan. Auch wenn diese Sprache etwas ungewohnt klingt – so kann ich am besten ausdrücken, was ich empfinde. In Gedanken bin ich bei all den Frauen und Männern, die in Casinos und bei Sportwetten ihr Geld verlieren – und das Vertrauen ihrer Familien und Freunde. Ich bitte Gott allen beizustehen, die unter einer Spielsucht leiden.

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SWR Kultur Wort zum Tag

24FEB2025
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Mein Buch zur gestrigen Bundestagswahl heißt: Der Staat. Geschrieben hat es Platon vor fast 2500 Jahren, und doch scheint es mir sehr aktuell zu sein. Platon unterscheidet drei Typen von Menschen: den Halunken, den Simulanten und den Gerechten.

Die Halunken, so Platon, sind oft populär. Denken Sie nur an Politiker wie Boris Johnson, Silvio Berlusconi oder Donald Trump. Wir wissen, dass sie in Skandale verwickelt sind – wilde Partys, krumme Geschäfte, Lügen am laufenden Band – und dennoch gewinnen sie Wahlen. Zwar sind sie Halunken, doch sie faszinieren die Menschen mit ihren Erfolgen, ihrem Reichtum, ihrer Dreistigkeit.

Dann gibt es laut Platon noch die Simulanten. Sie tun so, als würden sie sich an die Regeln halten und sich für das Gemeinwohl einsetzen. Doch oft bleibt ein Zweifel: Sind sie wirklich ehrlich, oder spielt da nicht doch ein wenig Taktik mit? Einige von ihnen schwingen große Reden als Politiker. Aber ein paar Jahre später verdienen sie sich als Lobbyisten eine goldene Nase. "Naja, Politiker sind auch nur Menschen", sagen wir uns. „Wer soll dem großen Geld schon widerstehen?“

Und schließlich identifiziert Platon als dritte Gruppe die Gerechten. Diese Menschen glauben so fest an das Gute, dass sie sich selbst keinerlei Fehltritte erlauben. Sie leben bescheiden, verzichten auf Privilegien und bleiben ihren Idealen treu. Doch Platon ist sich sicher: Diese Gerechten haben in der Politik kaum eine Chance. Sie ecken zu oft an, weil sie kritisieren und ihre hohen Maßstäbe durchsetzen wollen. Früher oder später – sagt Platon – hasst das Volk diese Idealisten.

Platon lässt mich etwas ratlos zurück. Denn so richtig überzeugen kann keiner dieser Typen. Ich wünsche mir Menschen in der Politik, die um ihre eigenen Schwächen wissen und mir nichts versprechen, was sie nicht halten können. Menschen, die ehrlich sind und zugleich kluge Kompromisse eingehen.

Platon hat vor fast 2500 Jahren gefragt: Was erwarten wir von denen, die das Land regieren? Wahrscheinlich ist die Antwort darauf nicht in einem der drei Typen zu finden, sondern bei denen, die die Grenzen dieser Rollen überschreiten – die mutig genug sind, sowohl ihre Ideale zu leben als auch die Realität anzunehmen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

21DEZ2024
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Wie feiern junge Leute Weihnachten? Ich habe einige Jahre als Lehrer an einer Berufsschule gearbeitet. Erzieherinnen, KFZ-Mechaniker und Bankangestellte. Nach dem Jahreswechsel habe ich die jungen Leute gefragt: Wie habt Ihr Weihnachten gefeiert?

In den Gottesdienst sind an Weihnachten nur noch ganz wenige meiner Schüler gegangen. Ein typischer Weihnachtstag sieht wohl so aus: Mittagessen bei der Familie von Mama, Geschenke auspacken und mit Oma sprechen. Dann zum Abendessen zu Papa, wieder gibt es Geschenke. Der Abend läuft dann gemütlich aus. Manche chillen auf dem Sofa, andere treffen sich noch mit Freunden auf einen Glühwein.

Da sich bei vielen jungen Leuten die Eltern getrennt haben, kann Weihnachten zu einer kleinen Rundreise werden. Beide Eltern wollen nacheinander besucht sein, die neuen Partner sind mit von der Partie, und die Großeltern tauchen auch noch auf. Oder es bleibt sehr überschaubar: Eine Jugendliche, die allein mit ihrer Mutter feiert und vom Vater seit Jahren nichts gehört hat.

Als Theologe habe ich ganz andere Bilder im Kopf: Krippenspiel, Kirchenchor und großer Weihnachtsbaum. Ein Fest des Friedens und der Familie – mit viel Tradition. Weihnachten ist für mich ganz anders als alle anderen Tage: Den Baum schmücke ich erst kurz vor dem Fest. Das Rezept für das Essen stammt von meiner Urgroßmutter. Und der Gottesdienst ist für mich ein Höhepunkt des Jahres.  Aber wehe, wenn nicht alles so klappt, wie ich es mir vorstelle.

Von meinen Schülern habe ich gelernt, dass an Weihnachten nicht alles perfekt sein muss. Dann gibt es halt kein Festessen, sondern nur Pizza. Dann fallen die Geschenke halt kleiner aus. Trotzdem ist Weihnachten für sie keine verlorene Zeit. Viele von ihnen suchen nach Sinn und kommen über die Feiertage auf andere Gedanken.

Leon hat zum Beispiel erzählt, wie er Weihnachten mit seiner kleinen Halbschwester gefeiert hat. In der Zweizimmerwohnung erklingen die Weihnachtshits der Popstars. Der Höhepunkt für Leon war, wie er seiner Schwester mit dem neuen Puppenhaus geholfen hat. So viel Zeit nimmt er sich sonst nie für sie.

Ich nehme daraus mit: Weihnachten lebt von solchen Momenten. Vom Raum für persönliche Geschichten und offene Gespräche. Vielleicht gehen Traditionen verloren, vielleicht weiß niemand in der Familie, warum die Geburt Jesu eigentlich gefeiert wird. Aber wenn das Fest die Herzen berührt, liegt darin auch ein Wert. In solchen unscheinbaren Momenten blitzt für mich ein Stück vom Himmel auf.

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