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„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Zu diesem christlichen Hauptgebot hat mir eine Bekannte gesagt: „Wenn das stimmt, dann hat es der Nächste bei mir nicht so gut.“ Hoppla! So war der Impuls Jesu sicherlich nicht gemeint.
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Damit wollte Jesus sagen: „So, wie du natürlich dich selbst liebst, so sollst Du auch deinen Mitmenschen lieben. So, wie du dich selbst annimmst, so sollst du auch deinen Mitmenschen annehmen und gut zu ihm sein.“ Jesus geht davon aus, dass ich mich selbst mag und es gut mit mir meine – und das ist die Voraussetzung dafür, dass ich es genauso auch mit dem anderen von Herzen gut meine und für ihn da bin.
Und was ist, wenn ich mich selbst nicht mag, wenn ich mich nicht so richtig leiden kann, wenn es mir schwerfällt, mich selbst anzunehmen? Dann trifft das zu, was meine Bekannte sagte: Dann „hat es der Nächste bei mir nicht so gut“ - weil es mir dann auch nicht leichtfällt, den anderen anzunehmen, ja zu lieben. Ohne Selbstliebe fällt die Nächstenliebe schwer und ist wirklich anstrengend. Schade, denn das wirkt sich auf das eigene Lebensglück aus und auf das Zusammenleben.
In seinem Gebot setzt Jesus voraus, dass ein Mensch sich selbst liebt. Denn das ist das großes Lebens-Angebot Jesu: dass jede und jeder Einzelne sich selbst immer mehr annehmen kann, wie er ist; dass jeder „Ja“ zu sich selbst sagen kann mit allen Macken und Fehlern. Weil Gott von Anfang an ohne Wenn und Aber „Ja!“ zu jedem Menschen sagt, ihn liebt ohne Forderungen oder Bedingungen. Wer das glaubt, wer das spürt, der kann dann auch leichter „Ja!“ zu sich selbst sagen. Ein Mensch reift dadurch, dass Gottes Ja zu ihm in seinem Herzen ankommt und ihn innerlich erfüllt. Das ist offensichtlich eine zentrale Lebensaufgabe: Ja sagen zu können zu mir selbst, zu dem, wie ich bin; zu dem, was aus mir geworden ist, zu meiner Lebensgeschichte, erst recht, wenn ich älter bin. Und wer mit sich versöhnt ist, sich selbst mag, ja sich liebhat – bei dem haben es dann auch die Mitmenschen gut.
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Ein Kloster im Hochhaus? Nein, das ist doch wohl ein Scherz, das passt doch überhaupt nicht! Gibt es aber wirklich. Ein interessantes Projekt! Ich habe es mir vor Ort angeschaut.
Klöster haben Konjunktur. Denen, die dort zu Besuch sind, tun sie richtig gut. Oft sind es weiträumige Gebäude, mit lichtdurchfluteten Fluren, heimelig und in schöner Landschaft.
All das gibt es nicht im „Stadtkloster im Hochhaus“ im Freiburger Stadtteil Weingarten. Dort befindet sich ein Kloster der anderen Art. In einem 20-stöckigen Hochhaus in der Krozinger Straße, wirklich nicht schön und auch nicht besonders gepflegt. In einem sozial schwierigen Stadtteil.
Aber Mathilde und Ulli sind vor Jahren bewusst mit drei Gleichgesinnten dorthin gezogen. Sie haben drei Wohnungen gemietet. Sie wollten als eine christliche Lebensgemeinschaft dort bei den Menschen sein, die es oft im Leben nicht so leicht haben. 20 Jahre lang haben sie wohnungslose Menschen bei sich aufgenommen und mit ihnen zusammen gelebt. Manche von ihnen haben dadurch mit der Zeit gelernt, wie ein normales Leben geht; manche sind wieder zurück auf die Straße gegangen. Aber alle haben in dieser Zeit gespürt, dass sie als Menschen eine Würde haben. Uli, von Beruf Lehrer, sagt dazu im Rückblick: „Das war ein richtig reiches Leben.“ Auch wenn es nicht immer ganz einfach war. Zu vielen der ehemaligen Mitbewohner haben Mathilde und Uli noch Kontakt. Leider mussten sie dieses Wohnprojekt wegen einer Erkrankung aufgeben.
Inzwischen sind sie in Rente – jetzt haben sie eine Wohnung als „Stadtkloster im Hochhaus“. Sie leben dort ihren Glauben mitten unter all den anderen Leuten. „Wir wollen das, was wir geschenkt bekommen haben, teilen“ sagt Uli. Sie haben in der Wohnung Platz für jemanden, der eine Zeitlang mitleben möchte. Einfach so. Oder um die persönliche Spiritualität zu vertiefen. Deshalb bieten die beiden geistliche Begleitung und Exerzitien an. Auch Exerzitien auf der Straße, draußen im Stadtteil, um dort Gott und seinem Wirken unter den Menschen auf die Spur zu kommen. Damit die Gäste achtsamer und geschwisterlicher werden können. Wie in einem richtigen Kloster. Aber gerade auf diese unkonventionelle Weise ebnen Uli und Mathilde anderen den Weg zu Gott, zu den Menschen und zu sich selbst. Das „Stadtkloster im Hochhaus“ ist ein starkes Stück Kirche!
Nähere Informationen zu dem Projekt unter www.stadtklosterimhochhaus.de. Für die Ansprache habe ich mich auch gestützt auf den Artikel „Statt Kloster ins Hochhaus“ von Antonia Krinniger in „Konradsblatt“ Nr. 26 / 2024 vom 30.06.2024, S. 4-7.
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Fake News haben Hochkonjunktur. Und der Präsident der USA ist darin Weltmeister. Er behauptet im Brustton der Überzeugung, was nachweislich nicht stimmt. Er biegt sich die Wirklichkeit so zurecht, wie er sie gerade für sich braucht. Er täuscht durch Unwahrheiten Erfolg vor, wo er gar keinen hat. Er macht sich künstlich groß und macht andere nieder, indem er Falschaussagen geschickt in die mediale Welt schießt – sie sind moderne, digitale Waffen.
Mit einem solch unmoralischen Verhalten steht er nicht allein. Mit Fake News muss man inzwischen auch bei anderen Politikern und vor allem in den sogenannten sozialen Netzwerken rechnen. Durch Fake News werden die Menschen bewusst irregeführt. Sie werden verwirrt und manipuliert. So wird Macht ausgeübt, um immer mehr Menschen vorzusagen und einzuhämmern, was sie denken und wie sie sich verhalten sollen. Das heimliche Ziel: Der Profit dessen, der die Fake News in die Welt schießt.
Und es funktioniert! Fake News werden normal. Die Verwirrung wird immer größer. Viele stellen gar nicht mehr die Frage, ob das wahr ist, was da behauptet wird. Und allzu viele lassen sich auch tatsächlich dadurch manipulieren; die Verursacher haben Erfolg damit. Die Folgen: Die Dialogfähigkeit in der Gesellschaft nimmt ab, die „Blasen“ nehmen zu. Und immer häufiger werden dadurch auch Menschen radikalisiert. Fake News sind eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für die gemeinsamen Grundwerte.
Für die Opfer und für die Täter kommt bei den Fake News noch etwas Tiefergehendes dazu: Diejenigen, bei denen der Unterschied zwischen „wahr“ und „unwahr“ keine Rolle mehr spielt, die leben immer mehr in einer Scheinwelt. Sie machen sich etwas vor über die Wirklichkeit um sich herum – und auch über sich selbst. Bis dahin, dass sie sich verstricken in einem Gespinst von Lügen – dann sind sie darin gefangen.
„Die Wahrheit wird euch frei machen“ sagt Jesus im Johannes-Evangelium (Joh 8, 32). Das stimmt: Wer sich an die Wahrheit hält, der schafft Vertrauen und hilft mit, dass Menschen gut zusammenleben können. Und nur wer sich über sich selbst nichts vormacht, der ist innerlich frei und kann ein reifer und glücklicher Mensch werden. Menschen, die verlässlich, echt und authentisch sind, die sind eine Wohltat. Am besten ist es, bei sich selbst damit anzufangen. Es lohnt sich, sich an die Wahrheit zu halten.
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Worauf kommt es an, dass unsere Gesellschaft gut funktioniert, vor Ort, in der Stadt und im Dorf? Das habe ich als Kind und Jugendlicher erlebt, und das hat mich geprägt. Ich bin auf dem Dorf groß geworden, 670 Einwohner. Mein Vater war Bürgermeister, ehrenamtlich. 38 Jahre lang war er in der Kommunalpolitik engagiert. Sein Arbeitszimmer in unserem Haus war auch sein Büro als Bürgermeister. Und die Dorfbewohner sind mit all ihren Fragen und Sorgen zu ihm gekommen. Bis hin zu der Frage, ob mein Vater ihnen bei der Suche nach einer Lehrstelle für ihren Sohn helfen könne.
In den Jahren bis zum Abitur 1974 habe ich die besten Zeiten unseres Dorfes miterlebt. Nachbarschaftshilfe war selbstverständlich, und auch sonst haben die Leute im Dorf gut zusammengehalten. Zwei Beispiele sollen das illustrieren:
Auf unserem Friedhof gab es keine Leichenhalle; die Verstorbenen wurden noch zuhause aufgebahrt. Wie kommt die arme Gemeinde zu einer Aussegnungshalle? Mein Vater hat als Bauingenieur den Plan und die Bauleitung gemacht. Und Männer aus dem Dorf haben die Halle an etlichen Samstagen eigenhändig gebaut.
Die Krönung der Solidarität im Dorf war, wie Wasserversorgungsleitungen gemeinsam repariert worden sind. Wenn jemand spätabends gemerkt hat, dass draußen irgendwo die Wasserleitung kaputt sein muss – weil kein Wasser mehr kam –, dann haben der einzige Gemeindearbeiter und mein Vater das Leck gesucht. Wenn sie es gefunden hatten, haben sie ein paar Männer, auch nachts, zusammengeholt und mit ihrer Hilfe das Leck geflickt – sonst hätten die betroffenen Familien am nächsten Morgen kein Wasser im Haus gehabt.
Heutzutage wäre so etwas wohl unvorstellbar. Aber diese Erfahrungen haben mich gelehrt, worauf es ankommt für ein gutes Zusammenleben vor Ort: Zusammengehörigkeitsgefühl; ein gewisser Sinn für das Gemeinwohl; tatkräftige Solidarität. Diese Grundhaltungen und Einstellungen sind nach wie vor wichtig, erst recht in Zeiten, in denen der gesellschaftliche Zusammenhalt brüchiger wird. Und darum brauchen wir Menschen, die uns das Engagement für die Gemeinschaft überzeugend vorleben und dadurch auch andere anstecken. Damit auch unsere Gesellschaft auch heute gut funktioniert.
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In Deutschland leben wir in Frieden. Wir haben eine Demokratie, die nach wie vor funktioniert, und wir leben in einem Rechtsstaat, auf den man sich verlassen kann. Er schützt die Rechte von uns Bürgern. Zuallererst gewährleistet er die Menschenrechte, die jeder und jedem grundsätzlich zustehen.
Das ist beileibe nicht überall so. In vielen Ländern der Erde werden jeden Tag die Würde und die Rechte von Menschen missachtet und verletzt. Darunter zu leiden haben vor allem diejenigen, die die Achtung der fundamentalen Rechte vor Ort einfordern und verteidigen.
Ein prominentes Beispiel: Mariya Lesnikava ist eine der Führungsfiguren der Opposition in Belarus. Sie hat sich bei friedlichen Protesten beteiligt und sich öffentlich eingesetzt für Mitbürger, die willkürlich festgenommen und gefoltert worden sind. 2021 ist sie wegen „versuchter Machtergreifung“ zu elf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Und sie wurde in einer winzigen Einzelzelle ohne jeglichen Außenkontakt eingesperrt. So werden oppositionelle Gruppen und kritische Bürger ausgeschaltet. Sie werden bedroht, entführt, widerrechtlich verhaftet, gefoltert, ermordet. Die freie Meinungsäußerung und die Versammlungsfreiheit werden unterdrückt.
Deshalb ist es wichtig, dass es Amnesty International gibt, das immer wieder die Finger in diese Wunden legt. Und es ist gut, dass es auch eine christliche Menschenrechtsorganisation gibt: ACAT, übersetzt: Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter. Wer dabei mitmacht, schreibt auch monatlich zwei Bittbriefe, um sich konkret für Bedrohte und Verfolgte einzusetzen. Darüber hinaus vertraut ACAT aus dem Glauben heraus auch auf die Kraft des Gebets. Auf einem Gebetsblatt werden jeden Monat sieben Fälle von gravierenden Menschenrechtsverletzungen erläutert – mit Fürbitt-Gebeten für die Betroffenen. Bundesweit gibt es dazu auch eine Online-Andacht.
Für mich gehört ein derartiges Engagement zum Leben aus dem Glauben dazu: Denn die Menschenrechte ergeben sich direkt aus der Würde und Gottebenbildlichkeit des Menschen. Wenn sie missachtet werden, kann das gerade den Christen nicht egal sein. Und jede Art von Solidarität hilft den Betroffenen – und stärkt unser eigenes Bewusstsein dafür, wie elementar wichtig die Menschenrechte sind.
Näheres zu ACAT finden Sie unter www.acat-deutschland.de
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Es wäre doch super, wenn Sie heute Abend sagen könnten: „Das war ein wunderbarer Tag!“ Wenn Sie sich genüsslich zurücklehnen könnten und tief durchatmen – voller Freude über das, was Sie heute erlebt haben. Ob es so kommt, das ist nicht Schicksal, das hängt auch nicht hauptsächlich von äußeren Umständen ab. Ob Sie heute einen Tag erleben, der Sie froh macht und erfüllt, das hängt wesentlich von Ihnen selbst ab. Davon, mit welcher inneren Einstellung Sie in diesen Tag hineingehen. Davon, wie Sie das, was Sie erfahren, wahrnehmen und einschätzen.
Es gibt jeden Tag Vieles, worüber ich mich freuen oder ärgern kann. Wie ich das erlebe, das hängt aber davon ab, worauf ich mich fokussiere. Mir ist immer wichtiger geworden, dass ich das intensiv wahrnehme und in mein Herz einlasse, was mir guttut. Wobei mir das Herz aufgeht. Was einfach schön ist, wohltuend. Davon gibt es einiges, im Kleinen und im Großen. Wenn ich dafür einen Blick habe, dann kann ich das in mich aufnehmen, mich daran freuen, es genießen. Dadurch schärft sich nach und nach mein Blick, und ich entwickele immer mehr ein Gespür dafür, wie ich von meinen Mitmenschen beschenkt werde. Wenn ich mich umgekehrt nur auf das fokussiere, wo die anderen seltsam sind und was sie falsch machen, dann hinterlässt das auch entsprechende Spuren in meinem Inneren: Es zieht mich runter und trübt meinen Blick für das Positive.
Vielleicht spüren Sie einfach mal nach, mit welcher Einstellung Sie heute in den Tag hineingehen. Ziehen Sie bewusst die innere Brille auf, durch die Sie das besonders gut sehen, was Ihnen guttut und Ihnen Freude macht. Ich garantiere Ihnen: Dann werden Sie viel davon entdecken.
Mir ist es wichtig, mit dieser inneren Haltung in den Tag zu gehen. Deshalb nehme ich mir morgens eine halbe Stunde Zeit, in der ich mich auf den Tag einstelle. Dazu hilft mir auch ein Wort aus der Bibel. Ich gehe meinen Kalender durch und schaue, was heute auf mich zukommt und wem ich begegnen werde. Und ich bitte Gott darum, dass er mir Augen und Herz öffnet für das, was er mir heute wieder an Schönem und Wohltuendem zuspielt. Und abends lasse ich dann den Tag Revue passieren – und entdecke immer wieder so manches, was mich froh macht. Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen heute auch so geht.
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„Große Träume - große Erfüllung, kleine Träume - kleine Erfüllung, keine Träume - keine Erfüllung.“ Das hört sich an wie ein Zitat aus einem Ratgeber-Buch. Ist es aber nicht. Es ist die Lebenserfahrung einer Freundin von mir, die sie mir aus dem Urlaub mit ihrem Mann geschrieben hat. Schon etliche Jahre ist sie schwerkrank, frühverrentet, sitzt im Elektro-Rollstuhl, braucht täglich viele hochwirksame Medikamente und Sauerstoff. Schon ein paarmal ist sie dem Tod von der Schippe gesprungen. Sie hat mir geschrieben: „Lieber Christoph, seit gut zwei Wochen machen wir Urlaub in Frankreich. Wir werden überreich beschenkt, erleben Ungeahntes, werden überrascht, ... und stellen mal wieder fest: Es ist mehr möglich als man ahnt. Auch hier wird mein Motto bestätigt: ‚Große Träume - große Erfüllung, kleine Träume - kleine Erfüllung, keine Träume - keine Erfüllung‘. Und wir haben groß geträumt, gegen manch anderen Rat und Befürchtung von ‚außen‘. Aber mit Gott im Boot ist halt mehr möglich.“
Das ist der Schlüssel für die „große Erfüllung“, die sie erlebt. Die schwerkranke Frau hat nicht nur einen unbändigen Lebenswillen, sondern vor allem ein unerschütterliches Gottvertrauen. Und im Vertrauen auf Gottes Kraft wächst sie über sich hinaus.
Der indische Jesuit Anthony de Mello schreibt: „Jemand erhält so viel von Gott, wie er von ihm erwartet. Wenn Sie nur wenig erwarten, werden Sie gewöhnlich auch nur wenig erhalten. … Gott lässt Sie nie im Stich, wenn Sie große Hoffnungen auf ihn setzen; vielleicht lässt er Sie warten, vielleicht kommt er aber auch sofort … Aber kommen wird er sicher, wenn Sie damit rechnen, dass er kommt.“
Das hat die schwerkranke Frau immer wieder erlebt. Wie sie schreibt: „Mit Gott im Boot ist halt mehr möglich.“ Ihr großes Gottvertrauen hilft ihr, dass ihre großen Träume wahr werden, allen Widrigkeiten zum Trotz. Sie traut sich viel zu und erlebt so unwahrscheinlich viel Schönes. So kann Glaube tatsächlich Berge versetzen. Oder wie es in einem Psalm heißt: „Mit meinem Gott spring‘ ich über Mauern“ (Ps 18,30).
Das Zitat stammt aus: Anthony de Mello, Von Gott berührt. Die Kraft des Gebetes. Herder – Freiburg, Basel, Wien 1992, 14-15
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Donald Trump, Wladimir Putin, Viktor Orban – derzeit ist bei vielen der Wunsch nach dem „starken Mann“ sehr ausgeprägt. Der Wunsch nach jemandem, der alles rettet und regelt und gut macht. Solche Erlösergestalten haben Konjunktur, auch wenn sie oft sehr schillernd und fragwürdig sind.
Das sehe ich mit großer Sorge. Aber ich kann nachvollziehen, warum das so ist. Wer so einer vermeintlichen Rettergestalt hinterherläuft, der macht sich dadurch das Leben leichter und hebt sein eigenes Selbstwertgefühl. Wer sich an einen Großen anhängt, der hofft, dass etwas von dessen Bedeutung auf ihn abfärbt. Die Psychologen sprechen da von einer geliehenen Identität, durch die ein Mensch sich aufwertet. Schade, wenn Mitmenschen so etwas brauchen. Denn sie zahlen einen hohen Preis dafür, auch wenn sie es nicht merken. Wer Anhänger eines derartigen „starken Mannes“ ist, der wird leicht abhängig – und gibt damit ein Stück eigene Freiheit auf.
Mir ist – gerade auch als Mann der Kirche – wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft alles dafür tun, dass wir starke, eigenständige Persönlichkeiten heranbilden und fördern. Die brauchen wir ganz dringend. Menschen, die um ihre Würde wissen, die ihnen letztlich von Gott verliehen wurde und die von niemandem und nichts anderem abhängt. Wir brauchen Menschen, die innere Stärke und innere Freiheit ausstrahlen. Menschen, die die Welt mit eigenen Augen differenziert betrachten und sich ihr eigenes Urteil bilden. Menschen, die ihre persönlichen Fähigkeiten ausprägen – und sich selbst einbringen und mit anpacken, damit in ihrem Umfeld besser wird, was im Argen liegt. Ich hoffe auf Menschen, die keine Mitläufer oder eine Kopie sind, sondern das Original in sich entfalten, das Gott in ihnen angelegt hat.
Daran denke ich auch immer, wenn ich ein Kind taufe. Zu Beginn des Taufgottesdienstes nennen die Eltern den Vornamen ihres Kindes. Der Name ist ja das Kennzeichen dieser einmaligen Person. Wenn die Eltern den Namen des Kindes sagen, dann ist das auch eine Bitte an alle, dass sie das Kind in seiner Einmaligkeit achten; dass sie mithelfen, dass es seine Anlagen und Fähigkeiten entfalten kann. Je mehr das gelingt, je mehr ein Kind eine starke Persönlichkeit wird, desto größere Chancen hat es im Leben und desto besser kann es sich in die Gesellschaft einbringen. Und wer selbst stark ist, der braucht auch keinen vermeintlich „starken Mann“.
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„Ich bin bereit, der Herrgott kann mich zu sich holen.“ Das hat mir ein 87jähriger bei der Feier einer diamantenen Hochzeit gesagt. Mit diesem Satz wollte er nicht sagen, dass er seines Lebens überdrüssig ist, dass er sich ein baldiges Ende wünscht. Im Gegenteil: Er freut sich auch in seinem hohen Alter sehr wohl noch seines Lebens. Aber er macht nicht so, als ob es auf Erden ewig weiterginge. Er ist sich bewusst, dass die allermeiste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt und dass er auf den Tod zugeht. Und wenn er kommt, er ist bereit, sein Leben loszulassen und in Gottes Hände zurückzulegen. Darauf hat er sich innerlich eingestellt.
Im weiteren Gespräch habe ich gemerkt, was ihm hilft, sein Alter so realistisch und gelöst zu leben. „Ich habe ein gutes Leben gehabt.“ sagte er mir. Er strahlt aus, dass er damit zufrieden ist – obwohl er auch manches Beschwerliche erlebt hat. Vor über 60 Jahren ist er aus seiner Heimat weggezogen an den Rhein, wo seine Frau herstammte. Sie ist schon vor einigen Jahren gestorben, viel zu früh. Auch den Tod eines erwachsenen Kindes musste er verkraften. Doch auch damit ist er versöhnt.
Das ist wohl das Geheimnis, wieso er als alter Mensch so gelassen und gelöst ist: Er ist versöhnt mit seinem Leben. Er hat Ja gesagt auch zu dem, was anders kam als geplant oder erhofft. Er ist versöhnt mit sich selbst; er sagt Ja zu dem Menschen, der er durch seine Lebensgeschichte geworden ist. Das gibt ihm eine tiefe innere Zufriedenheit. Und gerade deshalb kann er die ihm verbleibende Lebenszeit gelöst genießen.
Und ich habe gespürt, dass sein Glaube ihm hilft, so versöhnt zu leben. Er vertraut auf den Gott, der ihn unendlich liebt, der ihn so annimmt, wie er ist – jetzt und auch im Tod: Es macht ihm nichts aus, wenn sein Leben bruchstückhaft bleibt, unfertig und unvollkommen - er lebt in der Glaubensgewissheit, dass Gott ihn und sein Leben in der Ewigkeit vollenden, es rund und heil und ganz machen wird. Gott wird seiner Lebenssehnsucht dann die restlose Erfüllung schenken.
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Der Hochzeitswalzer erklingt, und unzählige Ehepaare schwingen das Tanzbein - vor dem Speyerer Dom. Und alle strahlen. Denn sie feiern ihr Ehe-Jubiläum. Anfang Juli sind dazu wieder mehr als 600 Ehepaare aus dem Bistum Speyer gekommen. Die meisten davon sind 50, 60 oder 65 Jahre lang miteinander verheiratet. Wenn das kein Anlass zum Feiern ist!
Im Gottesdienst haben die Paare ihr Eheversprechen erneuert, das sie sich vor vielen Jahren bei der Trauung gegeben haben: „Vor Gottes Angesicht nehme ich dich an als meine Frau, als meinen Mann. Ich verspreche dir die Treue in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet. Ich will dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens.“
Was schwingt da nicht alles mit, wenn sich die Paare das nach Jahrzehnten gemeinsamen Lebens noch einmal ganz bewusst zusagen? Auf jeden Fall der Dank für vielen gemeinsamen Jahre – auch dann, wenn sie nicht immer so waren, wie sie es sich am Anfang erhofft hatten. Das hat der Weihbischof, der den Gottesdienst mit ihnen gefeiert hat, aufgegriffen. Er hat über das Ja-Wort gepredigt, das die Eheleute sich damals gegeben haben. Er hat gesagt: „Was bedeutet dieses Ja? Es bedeutet, zu dem anderen zu stehen – auch dann, wenn das Anders-Sein des Anderen nicht nur Geschenk ist, sondern Herausforderung, vielleicht sogar Last. Was bedeutet dieses Ja, wenn Leid über den Partner kommt, wenn schwere Krankheit ihn bedrückt? Dann Ja zu sagen, wenn der Himmel nicht mehr voller Geigen hängt, sondern nur noch dunkle Wolken zu sehen sind - dann dennoch Ja sagen: Ja, ich stehe zu dir.“
Es ist keineswegs selbstverständlich, dass das gelingt, dass Eheleute immer wieder neu und ein Leben lang Ja zueinander sagen können. Aber ihr Glaube kann ihnen dabei helfen. Der Glaube, dass Gott Ja zu jedem Menschen sagt. Gott sagt bedingungslos Ja zu mir, immer wieder neu, ein Leben lang, gerade auch dann, wenn ich versagt habe oder am anderen schuldig geworden bin – denn dann bin ich ja besonders darauf angewiesen, dass Gott mich mit seinem Ja wieder ins Leben zurückholt. Wenn ich das erlebe, dann kann ich auch leichter Ja zum anderen sagen, ihn annehmen, wie er ist – und daran reifen.
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