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22FEB2024
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Immer wieder einmal, wenn mir im Alltag ein kleiner Fehler unterläuft oder ich irgendetwas vergessen habe, dann tröstet mich eine Freundin und sagt: „Keine Sorge - Da kräht schon morgen kein Hahn mehr danach.“ Meistens hat sie recht. Zum Glück. Meistens war die kleine Panne einfach nicht weiter wichtig.

Dass diese Redensart – Da kräht kein Hahn nach – entstanden ist, das hat mit der Bibel zu tun und mit der Passionszeit, in der wir uns gerade befinden. Momentan erinnern sich die Christinnen und Christen an die letzten Tage im Leben von Jesus, bevor er am Kreuz gestorben ist.

In dieser Geschichte spielt der Hahn eine besondere Rolle: Da kräht der Hahn laut und überdeutlich. Weil Petrus, einer der engsten Vertrauten von Jesus, auch einen Fehler macht – und zwar einen großen!

Jesus – erzählt die Bibel – ist heimlich nachts von seinen Feinden verhaftet worden. Und in dieser Not hat Petrus seinen Herren im Stich gelassen und hat Jesus verleugnet. Er hat dreimal die Freundschaft zu Jesus abgestritten, gesagt: Ich kenne den nicht. Jesus? Wer ist eigentlich Jesus? Und ich? Ich soll dazu gehören? Niemals.

Und nach diesen Worten kräht der Hahn. Der Hahnenschrei erklingt laut und rüttelt Petrus wach. Und Petrus erinnert sich, dass Jesus ihn gewarnt hatte und gesagt hatte: »Amen, das sage ich dir: Heute, in dieser Nacht, noch bevor der Hahn zweimal kräht, wirst du dreimal abstreiten, mich zu kennen.«

Von wegen: Da kräht kein Hahn nach! Das Gegenteil ist der Fall. Der Hahn erinnert Petrus an seinen Verrat. An sein mangelndes Selbstbewusstsein, an fehlendes Vertrauen in den Glauben und an die Freundschaft.

Schwächen und Fehler, nach denen der Hahn kräht: laut und überdeutlich. Und Petrus durch Mark und Bein geht. Nie wird er diese Nacht vergessen. Er wird aber auch nie wieder diesen Fehler begehen. Ein Fehler, der so groß ist, dass der Hahn danach kräht.  Hat er in jenem Augenblick nicht zu Jesus gestanden, so wird er mit dem Hahnenschrei zu einem, der sich bekennt.

Daran erinnert mich der Hahn: Ich kann mich ändern. Ich kann zu dem stehen, die ich bin, was ich bin. Ich muss meinen Glauben nicht verleugnen, sondern ich kann mich frei bekennen.

Und wenn morgens der Hahn bei uns in der Nachbarschaft kräht, macht er mich nicht nur wach, sondern erinnert mich auch an Petrus. An einen, der einen großen Fehler gemacht hat, aber daraus gelernt hat. Änderung ist möglich. Von wegen: Da kräht kein Hahn nach. Petrus und seine Umkehr kann ich nicht vergessen. Zeigt sie mir doch: Steh zu dir und deinem Glauben. Das höre ich, wenn der Hahn kräht.

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21FEB2024
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Karten zu lesen ist gar nicht so einfach. Also Landkarten, Wanderkarten, Straßenkarten. Und ich fürchte, so langsam verlerne ich das Kartenlesen auch. Weil ich nämlich meistens mein Handy oder ein Navi benutze, die Zieladresse einfach eintippe und mich dann führen lasse.

Noch vor wenigen Jahren habe ich mich anders auf meine Wege vorbereitet. Egal wo oder wie ich unterwegs war, immer habe ich vorher auf eine Karte geschaut, habe mir versucht, den Weg einzuprägen und eine schöne Strecke zu finden.

Es war für mich immer ein kleines Abenteuer, wenn ich mit der Karte in der Hand aufgebrochen bin. Umwege und blanke Nerven waren genauso Teil des Weges wie schöne Sehenswürdigkeiten, und interessante Straßenzüge.

Manchmal vermisse ich das. Mit dem Navi bin ich zwar schneller und sicher unterwegs. Aber dafür wartet keine Zufallsentdeckung auf mich. Kein Abenteuer.

Vielleicht nehme ich bei meiner nächsten Wanderung doch lieber wieder eine Karte aus Papier in die Hand. Oder ich gehe einfach so los, ganz ohne Navi oder Karte. Aber das wäre mir dann doch zu viel Abenteuer. Obwohl ich mein Ziel wahrscheinlich trotzdem erreichen würde: irgendwie und mit einigen Erfahrungen im Gepäck. So wie Sara und Abraham, der sich vor einigen tausend Jahren auf den Weg gemacht haben. Ohne Navi, ohne Karte, einfach nur mit Gottes Zusage: Geht los, vertraut mir, ich zeige euch ein Land, in dem ihr leben könnt.

Und die beiden sind tatsächlich losgegangen, weg von der sicheren Heimat hinein ins Abenteuer. Voller Gottvertrauen. Und mit dem Gefühl, irgendwie wird es gut werden. Es wird sich lohnen. Und wir werden einiges erleben.

Mich beeindruckt das: Aufbrechen, sich auf den Weg machen und Neues wagen. Wenn wir uns heute mit dem Navi aufmache, dann ist das ja eigentlich gar kein Aufbruch. Wir wissen ja schon ganz genau, was kommen wird. Manchmal wäre es besser, auch mal nicht sicher zu sein, ob es der richtige Weg ist, oder zu merken, dass viele Wege ans Ziel führen. Weil Gott mit geht, weil Gott uns auch die Möglichkeit gibt, aus Sackgassen wieder rauszukommen und eigene Erfahrungen zu machen.

Für meinen nächsten Urlaub habe ich mir eine Karte gekauft. Und dann werde ich es wagen: Einen Blick auf die Karte werfen und losgehen. Mal gucken, was passiert. Aber ich werde ans Ziel kommen. Wie Sara und Abraham. Mit Gottes Segen und einer guten Portion Gottvertrauen.

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20FEB2024
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Marie ist meine Heldin. Aber in der Zeitung oder im Fernsehen wird man trotzdem nicht über sie berichten. Marie hat nichts gemacht, was Helden normalerweise so machen. Sie hat weder todesmutig einen Brand gelöscht, noch jemanden aus der Pasche geholfen.

Und trotzdem ist sie meine persönliche Heldin. Denn Marie gibt nicht auf. Mehrmals in den letzten Jahren ist sie schwer krank gewesen, ist es nun schon wieder. Gerade als alles gut war, ist erneut die Diagnose gekommen: Krebs. Sofortige Operation. Und Marie hat die Situation angenommen.

Mich beeindruckt Marie sehr mit ihrer lebensbejahenden Einstellung. Sie ignoriert die Krankheit nicht, sie informiert sich immer über jedes Risiko, wägt ab und blickt nach vorne. Aber ihre Krankheit schwächt sie natürlich auch. Und in den Momenten, in denen alles über sie hereinbricht, da sagt sie, dass sie froh ist, nicht alleine zu sein, dass sie und ihre Familie sich gegenseitig tragen und sich getragen fühlen.

„Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig“ – so formuliert es Paulus in der Bibel in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth. Und sagt damit: Gott macht einen nicht zum starken Helden, der alles im Griff hat. Nicht immer läuft alles wie geplant. Nicht immer ist alles gut, geht es dir nur gut, bist du gesund und erfolgreich. Es gibt die Momente der Schwäche, der Krankheit und der Enttäuschungen. Und dann zeigt sich Gottes Kraft und Gottes Liebe.

Mir kommt es vor, als würde Marie genau so leben. Sie weiß, dass nicht alles von ihr abhängt, dass sie nicht alles planen und bestimmen kann. Sie nimmt aber trotzdem nicht alles einfach so hin. Sie lebt weiter. Mit den Enttäuschungen des Lebens und freut sich über alles, was ihr gelingt, was sie noch oder wieder machen kann. Sie nimmt mit Freude am Leben teil, singt im Chor, engagiert sich. Voller Energie und mit Lebensfreude.

„Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Wenn ich Marie treffe, dann bin ich jedes Mal wieder beeindruckt. Weil sie ihr Leben lebt. Mit allem, was dazu gehört. Mit ihrer Krankheit, gegen die sie voller Kraft kämpft. Mit ihrer Zuversicht, dass sie gewiss noch einige Jahre leben kann – so Gott will.

Marie ist meine persönliche Heldin. Sie ist so stark, obwohl sie so schwach scheint. Und wenn ich sehe, wie Marie ihr Leben trotzdem lebt, dann bin ich zuversichtlich, dass diese Kraft auch in mir steckt. Und auch für mich gilt: Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.

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19FEB2024
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Die Fastenzeit hat begonnen. Die sieben Wochen zwischen Fasching und Ostern möchte ich nutzen und ganz bewusst auf etwas verzichten, dass ich sonst immer habe oder mache. Ich habe beschlossen, dieses Jahr Ungeduld zu fasten. Das klingt seltsam. Aber ich bin ziemlich ungeduldig. Bei mir muss es weitergehen mit einer Sache, oder eine Lösung muss her, wenn es irgendwo einmal klemmt. Ich bringe damit auch ganz schön viel voran. Aber ich bin eben auch ungeduldig mit anderen. Und manchmal will ich vor lauter Ungeduld auch etwas erzwingen. Und das stresst mich.

Denn oftmals kann ich ja gar nichts ändern. Wie beim Pflanzen der Blumenzwiebeln. Ich kann sie nur setzen, ich kann sie aber nicht zum Wachsen bringen. Ich muss lernen zu warten und das auch üben.

Auch im Wartezimmer beim Arzt. Es heißt ja nicht umsonst „Warte-Zimmer“. Auch, wenn ich einen festen Termin vereinbart habe, muss ich eben manchmal Geduld haben – weil der Patient vor mir mehr Zuwendung gebraucht hat, als ursprünglich geplant. Oder weil es unerwartet ein Problem oder sogar einen Notfall gegeben hat. Ich muss geduldig sein und warten. Auch wenn mir und anderen das schwerfällt. Aber es ist nun mal so.

Geduld war, ist und wird immer wichtig sein. Weil das Zusammenleben mit anderen Menschen und das Miteinander im Alltag nicht immer einfach ist. Und auch, wenn ich am liebsten immer alles gleich und jetzt erledigt hätte: Ich bin nun mal nicht allein auf der Welt.

In der Bibel, in einem Text vom Apostel Paulus heißt es: „Habt Geduld mit allen“. Paulus sagt also, dass ich nicht nur mit anderen geduldig sein soll, sondern auch mit mir selbst. Dann wird das Zusammenleben leichter, weil ich andere nicht unter Druck setze. Dann wird mein Alltag leichter, weil ich nicht immer alles gleich und sofort erledigen muss und weil ich kapiere, dass nicht alles immer in meiner Hand liegt.

„Habt Geduld mit allen“. Das alte biblische Motto ist mein Motto für die Fastenzeit. So faste ich dieses Jahr Ungeduld. Ich weiß, das wird für mich eine ganz schöne Geduldsprobe. Es wird mir sehr schwerfallen, nicht so schnell voranzukommen, wie sonst. Aber wenn er mir gelingt, dann habe ich nicht nur verzichtet, sondern auch ganz viel gewonnen. Nämlich an einem guten Miteinander, das geduldig viel schöner ist und auch an Zeit. Denn ich verschwende meine Zeit nicht länger damit, mich zu ärgern. Ich kann Blumenzwiebeln nun mal nicht zwingen, schneller zu wachsen. Manchmal sind beim Arzt andere vor mir dran. Manchmal tut es einfach gut, geduldig zu sein.

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16FEB2024
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Wenn man endlich mal wieder mit alten Freunden telefoniert, kann man überrascht werden.

Mit meiner alten Freundin Anna war das so. Wir telefonieren endlich mal wieder miteinander und sie erzählt mir von einer eher traurigen Überraschung. Sie sagt: „Das Jahr hat für uns nicht so gut begonnen.“

Und dann erzählt sie, dass Ihr Mann Marco wegen Nierensteinen ins Krankenhaus musste und mit einer Tumordiagnose wieder nachhause gekommen ist. Tennisballgroß. Am Zwerchfell.

Schon ein paar Tage nach dem Telefonat stand die Operation an.

Am gleichen Abend noch schickt mir Anna dann eine Sprachnachricht, dass alles gutgegangen ist. Dass sie nun die Untersuchung abwarten müssen, aber total glücklich sind, dass es so weit gut verlaufen ist. Sie klingt erleichtert und sagt: „Marco möchte, sobald es geht, eine Wallfahrt machen. Er hat gleich heute Abend davon gesprochen. Wir möchten nach Assisi fahren, denn wir sind so dankbar.“

Ich bin mir nicht sicher, wann ich das schonmal gehört habe.  Dass jemand aus Dankbarkeit für etwas eine Wallfahrt machen möchte.

Ehrlich gesagt hört sich das für mich erstmal irgendwie altbacken an.

Die beiden sind in meinem Alter, also Mitte vierzig. Und ok, Anna kommt aus Oberschwaben und Marco aus Italien. Die beiden sind also schon katholisch geprägt, aber sie sind nicht ungewöhnlich fromm.

Eine Wallfahrt machen, das heißt in meiner Fantasie, dass Menschen mit Gott einen Kuhhandel machen und ihn damit ein wenig bestechen wollen, damit er ihnen wohlgesonnen ist. So nach dem Prinzip: Ich tu was für Dich und Du dann auch bitte für mich. So stelle ich es mir vor, aber ob es wirklich so ist?

Wenn ich länger darüber nachdenke, finde ich eine Wallfahrt auf Annas und Marcos Art eine echt schöne Sache. Marco sagt einfach: „Es ist nicht selbstverständlich, dass es mir wieder gut geht, deswegen möchte ich etwas tun.“

Ich selbst kenne Assisi und kann gut verstehen, warum Menschen dorthin reisen, um zu beten. Die Kirchen und Kapellen, die Olivenhaine dort und die Geschichten um Klara und Franziskus sind etwas Besonderes. 

In der Haltung, in der Anna und Marco nach Assisi fahren möchten, ist ihre Wallfahrt alles andere als ein Kuhhandel, um Gott zu bestechen. Ihre Fahrt ist einfach ein „Dankeschön.“ Das wirkt so selbstverständlich, und es spricht für eine ganz freundschaftliche Beziehung, die sie zu Gott haben.

Danke sagen kann man auf ganz unterschiedliche Weise. Ich wünsche den beiden auf jeden Fall eine gute Reise für und mit dem lieben Gott.

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15FEB2024
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Ich weiß nicht, wie ich das immer hinbekomme…

Meine Brille ist wieder mal verbogen. Ich merke, dass sie an einem Ohr drückt und am anderen leicht hochsteht. Nicht viel, aber genug, dass es mich stört.

Auf meinem Weg von der Arbeit heim gibt es einen Optiker, da habe ich meine Brille zwar nicht gekauft, aber weil es so schön praktisch ist, flüchte ich mich da immer hin, wenn es mal wieder so weit ist.

Es ist mir schon ein wenig unangenehm, wenn ich da wieder mit meiner verbogenen Brille stehe und wieder um Hilfe bitte. Die Optikerin dort lächelt mich wie jedes Mal an und sagt: „Kein Problem. Geben sie sie mir.“

Sie verschwindet hinter einem Vorhang und ich höre, wie sie sich an die Arbeit macht.

Nach ein paar Minuten kommt sie wieder, reicht mir die Brille und sie passt perfekt. Ich frage wie immer ein wenig kleinlaut: „Was bekommen Sie dafür?“

Jedes Mal, wirklich jedes Mal, strahlt sie mich an und sagt: „Nichts.“

Ich hab noch nie etwas in diesem Laden gekauft. Ich bin ein echt schlechter Kunde. Aber, wenn ich aus diesem Brillengeschäft rausgehe, ist für meinen restlichen Nachhauseweg alles gut. Wenn nicht sogar länger. Weil die Verkäuferin mir nicht nur meine Brille zurechtgebogen hat, sondern auch meinen ganzen Tag. Mit wenigen Worten, einem Lächeln und dieser unglaublichen Herzlichkeit.

Auf meinem Weg nachhause ist mir sonnenklar: „Es braucht so wenig. Es reichen ein paar Worte, wenn sie ehrlich sind und so eine freundliche Zuwendung in ihnen steckt.“ Seinen Mitmenschen etwas Gutes zu tun ist so einfach. Ok, ich kann keine Brille zurechtbiegen. Aber ich kann den Alltag meiner Mitmenschen zurechtbiegen.

Vielleicht ist es mit meiner zurechtgebogenen Brille und dem Lächeln, wie mit dem Senfkorn, von dem Jesus einmal erzählt hat. Das hat er als Vergleich hergenommen, wie aus etwas Kleinem etwas Großes werden kann. Ein einziges Lächeln ist was Minikleines und trotzdem kann es eine große Wirkung haben.

Wahrscheinlich ist der Optikerin gar nicht bewusst, wie gut sie meinen ganzen Tag gemacht hat. Und ich weiß nicht, was ich mit meinem Lächeln bewirke. Ein kleiner Moment kann alles verändern.

Meine Brille wird irgendwann wieder verbogen sein. Und ich freue mich jetzt schon darauf, dort wieder zu sein. Für die paar Minuten, die wenigen Worte und dieses wunderbare Lächeln.

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14FEB2024
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Heute Morgen war ich im Aschermittwochsgottesdienst und wie an diesem Tag üblich, habe ich Asche auf Kopf gestreut bekommen. Und dazu diesen einen Satz gehört, den empfinde ich jedes Jahr als unangenehm. Dieser Satz heißt:

„Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zu Staub zurückkehren wirst.“

Das fühlt sich gar nicht gut an, wenn ich so an die eigene Endlichkeit erinnert werde.

Ein ganz ähnliches Gefühl hatte ich neulich zuhause bei meinen Eltern. Da hatte ich einen richtigen Aschermittwochsmoment. Meine Eltern werden nicht jünger und wir sind gerade dabei alles Mögliche zu regeln. Was mein Bruder und ich später mal erben werden und wie das mit den Vollmachten geregelt werden soll. Deswegen sitze ich mit meiner Mama zusammen und fülle ihre Patientenverfügung mit ihr aus. Ich versuche ihr zu erklären, welche Situationen gemeint sind, in der ein Wiederbeleben nicht mehr gewünscht wird und welche Medikamente noch gegeben werden sollten, wenn sie vielleicht einmal im Sterben liegt.

Wenn ich mir diese Situationen vorstelle, hat das wirklich etwas von Aschermittwoch. Dass ich begreife: ich werde nicht ewig leben. Egal, ob ich es möchte oder nicht. „Bedenke Mensch…“ Und es geht dabei ja nicht nur um mich, sondern auch um die Menschen, die ich liebe.

Klingt alles eher deprimierend. Zum Glück gibt es heute am Aschermittwoch auch noch eine andere Aufforderung. Nämlich: „Kehr um, und glaub an das Evangelium“.

Für mich heißt das: Wechsel die Perspektive! Schau nicht nur auf die Asche! Nicht nur das Schwere und Verbrannte im Leben. Alt und krank werden, den Tod. Eben die Asche. Sondern, glaub an das, was Jesus aus Nazareth den Menschen vor 2000 Jahren vorgelebt hat. Dass Gott es gut mit den Menschen meint, und sie begleitet über den Tod hinaus, also über die Asche hinaus. Kehr um und mach dir klar, dass das Leben viel mehr ist, als das, was du davon siehst.

Denn es bleibt ja nicht beim Aschermittwoch, sondern der ist nur der Anfang der Fastenzeit, die auf Ostern zugeht.

Klar wäre es mir lieber, es gäbe gar keinen Aschermittwoch und ich müsste keine Patientenverfügung mit meiner Mama ausfüllen. Aber beides führt mich weiter, auch, wenn es unangenehm ist.

Mein Glaube hilft mir mit der Asche, dem Alter und dem Sterben umzugehen. Und darüber hinaus noch viel weiter und mehr zu sehen.

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13FEB2024
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Was hat Ausmisten mit der Fastenzeit zu tun?

Meine Kollegin Maria-Theresia hat es mir klar gemacht. Sie musste ihr Elternhaus ausräumen und das prägt jetzt ihre Fastenzeit. Es war so:

Ihr Vater war gestorben und ihre Mutter ist zu ihrer Schwester gezogen.

Maria-Theresia  erzählt mir: „Dieses Haus. Vom Keller bis zum Dachboden war es voll mit Zeug, das sich über Jahrzehnte angesammelt hatte. Ich sag dir, das war eine Mammutaufgabe. Natürlich gab es da auch viele Erinnerungsstücke, die sind wirklich schön. Aber jedes Teil musst du in die Hand nehmen und entscheiden.“

Ich stelle mir das alles unglaublich anstrengend vor. Vor allem, weil meine Kollegin von der Menge erzählt, die in so einem Haus versteckt sein kann.

Das sind nicht nur ein paar abgewohnte Möbel und alte Teppiche, die keiner mehr braucht. Da ist veraltetes Werkzeug, da sind Küchenutensilien, die in die Jahre gekommen sind, bis zu kistenweise Fasnetsverkleidungen aus den letzten Jahrzehnten.

Am Ende waren es mehrere Container voll.

Maria-Theresia hat sich jetzt vorgenommen, dass sie niemals so viel Zeug ansammeln möchte und dass die Fastenzeit ihr dabei helfen wird. Denn, wenn sie all das, was nur rumliegt, nicht jetzt wegwirft, dann müssen es irgendwann andere tun. Aber je älter man wird, desto schwieriger wird es vermutlich Dinge wegzuwerfen. Wenn man älter ist, kann man das alleine nicht mehr schaffen.

Und gerade deshalb gefällt mir der Entschluss, den Maria-Theresia gefasst hat.

Ab morgen, dem Aschermittwoch, wird täglich aussortiert. Nur ein bisschen, aber beständig. Jeden Tag will Maria-Theresia mindestens eine Sache wegwerfen oder hergeben. Und wenn es nur die alte Rolle Geschenkpapier ist, die keinem mehr gefällt. Oder dieser Ordner mit den Unterlagen, die schon zehn Jahre niemand mehr braucht. Zeug findet sich genug.

Ich mag dieses Vorgehen. Nicht nur, weil es pragmatisch ist, sondern weil ich auch glaube, dass es der Fastenzeit entspricht. Ausmisten. All die Dinge wegschmeißen, die überflüssig sind. Die nicht nur einfach rumstehen, sondern die auch wertvollen Platz wegnehmen. Und zwar Platz, den ich für Neues gut gebrauchen könnte.

Und das trifft für mich genau den Kern der Fastenzeit. Nicht nur altes Zeug ausmisten, sondern auch Platz für neue Möglichkeiten schaffen. Wer weiß, was dieser Freiraum dann mit sich bringt?

Ich fühle mich jedes Mal befreit, wenn ich ausmiste. Irgendwie atme ich dann auf. Das tut mir gut. Das Buch, das morgen wegkommt, hab ich schon rausgesucht.

Mal schauen, was übermorgen rausfliegt.

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12FEB2024
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Ich bin sowas von gar kein Faschingsnarr.

Ich mag mich nicht verkleiden, noch weniger in der Kälte am Straßenrand rumstehen und den Alkoholkonsum in diesen Tagen sehe ich auch ziemlich kritisch. Vielleicht wurde mir der Karneval oder die Fasnet oder wie auch immer, einfach nicht mit in die Wiege gelegt.

Trotzdem gebe ich zu: wenn ich zufällig einen Umzug im Fernsehen sehe, kann ich schon hängen bleiben. Oder wenn mir Freunde begeistert erzählen, wie sie sich in ihrer Zunft engagieren und was sie da für einen Zusammenhalt haben! Und die vielen Menschen, die an verschiedensten Orten heute und morgen unterwegs sind. Unzählige haben schon so lange und mit viel Herzblut Büttenreden, Sitzungen und Umzüge vorbereitet.

Auch wenn es gar nicht mein Ding ist, ich sehe schon, wie so viele, gerade heute, in diesen unfriedlichen Zeiten, friedlich und ausgelassen gemeinsam feiern.

Irgendwie mag ich Fasching also doch: Denn: Fastnacht, Karneval oder Fasching ist eine eigene Art von Demonstration. Und Demos sind wichtig.

So, wie es in der jüngerer Vergangenheit, jenseits des Faschings, genug Anlässe gab, warum Menschen auf die Straßen gegangen sind. Weniger freudig. Und mit keinen schmunzelnden, sondern mit sehr direkten Worten.

Ich denke da natürlich gleich an die vergangenen Wochenenden. Allein bei uns in Tübingen waren tausende unterwegs, um gegen Rechtsextremismus in unserem Land zu demonstrieren. Das waren Studierende und Professoren, Alte und Junge, ganze Familie waren da. Es war vielleicht ein bisschen weniger bunt, aber zum Teil lauter als so mancher Faschingsumzug.

Alle gemeinsam haben gezeigt, dass Demokratie kein Selbstläufer ist, sondern immer neu verhandelt und beschützt werden muss.

Gott sei Dank lebe ich in einem Land, in dem Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist, gesetzlich verankert und geschützt.

Und genau deswegen dürfen Menschen hier offen auf der Straße ihre Stimme erheben. Und eben auch frei und friedlich zusammen Rosenmontag und Fastnachtsdienstag feiern. Das ist in vielen Ländern gar nicht möglich.

Natürlich ist mir bewusst, dass die Faschingsumzüge keine Demonstrationen sind. Aber die beiden haben doch etwas gemeinsam: Sie können etwas verändern, und zwar zum Guten hin.

Denn es geht heute und morgen bestimmt nicht nur darum, ausgelassen zu feiern, bevor die Fastenzeit beginnt. Es geht auch darum zu zeigen: dass Menschen sich nicht nur die Köpfe einschlagen oder sich abschieben wollen, sondern auch, dass sie so unglaublich gut zueinander sein können und einfach nur glücklich miteinander feiern.

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09FEB2024
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Letzten Sonntag waren wir auf einem Faschings-Umzug. Ich bin eigentlich nicht so der Typ dafür, aber unsere Kinder wollten gerne auf den Umzug – also waren wir auf dem Umzug. Was mich dann doch fasziniert hat, waren die vielen verschiedenen Gruppen. Alle mit ihrem eigenen Narrenruf. Genauso wie im Fernsehen gerade. Überall hört man: Helau – Alleh Hopp! – Hä-Hopp! – Narri-Narro – oder wie auch immer der Narrenruf dann in der Gegend heißt. Was man in diesen Tagen auch mehr hört als sonst: Das sind Dialekte.

Da wird geschwätzt – da wird gebabbelt – da wird geredt und manchmal wird sogar geschnackt.

Sonst sind Dialekte ja eher was, was uns trennt. Manchmal habe ich das Gefühl: wenn ein Schwabe hört, dass sein Gegenüber aus dem Badischen stammt – dann muss der Raum schon recht groß sein. Damit beide Platz haben.

In der Faschingszeit rücken Sachen wieder in den Vordergrund, die Gruppen voneinander unterscheiden oder vielleicht sogar trennen. Aber gleichzeitig feiern ausgerechnet jetzt alle zusammen.  Das ist mir bei dem Umzug auch aufgefallen. Da liegen sich alle in den Armen und singen und feiern gemeinsam. Und ich glaube: das gibt es auch nur während der Fasnet: Menschen, die sonst eigentlich nichts miteinander zu tun haben – vielleicht auch nichts miteinander zu tun haben wollen – feiern plötzlich gemeinsam: auf der Straße oder auf dem Dorfplatz. Friedlich – fröhlich. Welche Sprache man spricht, ist hier völlig egal. Woher jemand kommt, ist egal. Wer man ist, ist egal. Das spielt einfach keine Rolle. Man versteht sich. Punkt.

Eigentlich ein schönes Bild, das es schon in der Bibel gibt. Genau das war es, was Jesus den Menschen gezeigt hat. Was er ihnen vorgelebt hat. Er hat auch mit Leuten gegessen, von denen sich alle anderen ferngehalten haben. Um zu sagen: geht rücksichtsvoll miteinander um. Macht keinen Unterschied, wo jemand herkommt. Oder wer jemand ist.

Die Welt damals war sicher nicht ideal. Und unsere Welt heute ist es auch nicht. Wildfremde Menschen würden niemals einfach so was zusammen trinken gehen, schon gar nicht, wenn der falsche Dialekt gesprochen wird.

Aber – Gott sei Dank: Es gibt immer wieder mal Momente, wo ein bisschen was von dem spürbar wird, was Jesus vorgelebt hat: Alle sitzen zusammen und essen und trinken und für jeden ist Platz.

In diesem Sinne: Helau – Alleh Hopp! – Hä-Hopp! Oder Narri-Narro. Wie auch immer das bei Ihnen heißt. Genießen Sie die restliche Faschingszeit.

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