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Herbstfeste sind doch wie der Himmel auf Erden. Zumindest auf der „Königshöfer Messe“, die in meiner Heimat im Taubertal jedes Jahr stattfindet, habe ich mich als Kind immer wie im Himmel gefühlt. Weil mir meine Großeltern Spielzeug gekauft haben, weil ich mit meinem Onkel Wilde Maus gefahren bin, und weil der Duft nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln doch einfach himmlisch ist.
Beim größten deutschen Herbstfest, dem Oktoberfest, fühlen sich auch manche wie im Himmel. Interessant finde ich, dass es auf die Hochzeitsfeierlichkeiten von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese zurückgeht. Und genau mit einer Königshochzeit vergleicht Jesus im Matthäusevangelium den Himmel.
Jesus erzählt ein Gleichnis: Ein König lädt zur Hochzeit seines Sohnes ein. Alles ist bereit, das Fest könnte beginnen. Nur die Gäste fehlen. Die haben scheinbar besseres zu tun. Aber der König gibt nicht auf und lässt einfach alle einladen, die seinen Dienern über den Weg laufen. Und deshalb kommen zu diesem Fest nicht nur hohe Persönlichkeiten von Rang und Namen, sondern Leute wie Du und ich, ganz gewöhnliche Menschen – genau wie bei der Königshöfer Messe oder dem Oktoberfest in München.
Manchmal stelle ich mir den Himmel tatsächlich wie ein großes Herbstfest vor. Natürlich ohne die unschönen Seiten, die so ein Fest oft mit sich bringt. Aber ein Himmel, in dem es Schokofrüchte und Magenbrot gibt, in dem man Wilde Maus und Riesenrad fahren kann! In dem einem im Kettenkarussell auch bei der zehnten Fahrt nicht übel wird. Wäre das nicht wunderbar? Ein Himmel, in dem ich Freunde und alte Bekannte treffe. Es gibt leckeres Essen und alle feiern und schunkeln miteinander.
Zugegeben, der Vergleich hinkt ein bisschen. Aber ich stelle mir den Himmel schon gerne als fröhliches Treiben vor, bei dem für alle etwas dabei ist. Und Jesus sagt ja mit seinem Gleichnis: „Du bist willkommen! Komm dazu, feier mit, sei Teil der Gemeinschaft!“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45316„Ich mach das! Ich schaff das! Ich will das!“ – Diesen Mut-Spruch habe ich von meinem 9-jährigen Patenkind Lina gelernt. Ich war zusammen mit ihr und ihrem Bruder Ben in der Trampolinhalle. Ben hat verschiedene Sprünge und Saltos geübt. Und ich habe mir gedacht: „Einen Rückwärtssalto vom Trampolin in den weichen Schaumstoff, das müsste doch zu schaffen sein.“ Und es hat geklappt. Ben meint: „Ein bisschen eleganter hätte es schon aussehen können“. Deshalb übe ich weiter. Ungefähr bei meinem fünften Versuch rutsche ich auf dem Trampolin aus und dann ist es vorbei mit meinem Mut. Lina merkt das und sagt zu mir: „Wenn ich mich etwas nicht traue, dann sag ich mir einfach ‚Ich mach das! Ich schaff das! Ich will das!´“ Dabei schaut sie mich mit großen Augen an und legt eine Hand auf ihre Brust. Jetzt bin ich dran. Ich stehe auf dem Trampolin und sage mir ihren Mutmachspruch zu. Und zack – der Salto klappt wieder!
Petrus geht es in der Bibel ganz ähnlich. Einmal hat Jesus seine Jüngerinnen und Jünger mit dem Boot vorausgeschickt. Nach einer Weile kommt er zu ihnen übers Wasser gelaufen. Als sie das sehen, erschrecken sie total. Aber als sie merken, dass es Jesus ist, möchte Petrus auch einmal ausprobieren, wie es ist übers Wasser zu laufen. Jesus sagt nur „Komm!“ Und Petrus steigt über Bord, scheinbar ohne Angst, und geht die ersten Schritte. Dann bemerkt er aber den starken Wind und sein Selbstvertrauen schwindet – genau wie bei mir in der Trampolinhalle. Er wird ängstlich und fängt an unterzugehen. Verzweifelt ruft er nach Hilfe! Und schnell wird er von Jesus aus dem Wasser gezogen.
So wie ich mich auf Anhieb getraut habe einen Rückwärtssalto zu machen, ist Petrus ohne zu zögern aufs Wasser gelaufen. Wir hatten beide keine Angst. Was wir vorhatten hat geklappt. Dann rutsche ich aus – und Petrus bemerkt den starken Wind. Unser Vertrauen sinkt und unser Vorhaben scheitert.
Jesus streckt sofort seine Hand aus und rettet Petrus. Und ich nehme mir den Mutmachspruch von Lina zu Herzen.
Ich lerne daraus nicht: „Du darfst keine Angst haben.“ Sondern, dass ich meine Angst manchmal überwinden muss, um etwas hinzukriegen. Weil es Menschen gibt, die mir wie Jesus ihre Hand hinhalten, wenn ich alleine wirklich nicht weiterkomme. Und manchmal bräuchte ich eigentlich gar keine Hilfe. Manchmal muss ich einfach üben, mir selbst zu vertrauen, wenn ich Angst habe zu versagen. Ab jetzt kann ich an meinen Rückwärtssalto denken und mir selbst zusagen: „Ich mach das! Ich schaff das! Ich will das!“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45315Für meinen Körper ist Kaffee und Kuchen vielleicht nicht die wichtigste Mahlzeit, für meine Seele aber ganz bestimmt.
Zur Kaffeezeit hat sich meine Familie schon immer getroffen. Als ich ausgezogen bin zum Studieren habe ich diese Zeit so vermisst. Vor allem am Wochenende habe ich mich nachmittags oft allein gefühlt. Deshalb habe ich angefangen, an den Zimmertüren in meiner WG zu klopfen, um ein paar Mitbewohnerinnen für meine Lieblingsmahlzeit zu gewinnen.
Bestimmt gab es noch viele andere Gründe, aber nach und nach sind wir zu einer richtigen Gemeinschaft, einer Art Familie geworden. Wir haben zwar auch viel miteinander unternommen, aber am liebsten sind wir in der Küche gesessen, haben Kaffee getrunken, und uns stundenlang unterhalten.
Es tut einfach gut, wenn jemand da ist und mir ohne Worte sagt: „Ich habe Zeit für dich. Du bist mir wichtig. Erzähl bitte weiter.“
Mittlerweile verbringe ich die Kaffeezeit meistens mit Arbeiten - zwischen Terminen und To-Do-Listen. Trotzdem merke ich, wie wichtig es ist, wenn meine Familie und ich ab und zu zusammensitzen und uns bewusst Zeit füreinander nehmen. Alle sitzen um den Tisch, und wir haben mehr Gemeinschafts-Zeit als Mahl-Zeit. Ich höre zu, erzähle von mir und spüre, wie wichtig es ist, nicht allein bleiben zu müssen mit dem, was mich beschäftigt. Manchmal verfliegt mein Frust. Manchmal werde ich getröstet, und ganz oft habe ich einfach mal wieder laut über die Geschichten von Papas Arbeitskollegen gelacht.
Genau deshalb ist die Kaffeezeit die wichtigste Mahlzeit für meine Seele. Denn in diesem einfachen Miteinander sind wir füreinander da. Ich kann dabei neue Kraft schöpfen. Und manchmal reicht genau das, um zu spüren, was mich im Leben trägt und mir Halt gibt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45314Seit Januar verkauft Ordensschwester Birgit Zigaretten und Coffee To Go in einem Kiosk in Gelsenkirchen. Wer hier das erste Mal vorbei kommt, ist vielleicht erstaunt, auf eine Nonne zu treffen. Viele haben nichts mit Kirche am Hut. Sie freuen sich aber trotzdem, weil Schwester Birgit sich gerne Zeit nimmt und sich mit ihrer Kundschaft unterhält. Manche erzählen von ihren Schwierigkeiten und Sorgen, andere berichten von schönen Erlebnissen. Und manchmal geht es einfach um das Wetter oder die Benzinpreise. So bekommt die Seelsorgerin mit, was die Menschen in ihrem Quartier bewegt. Auch die, die nicht in die Kirche zum Gottesdienst kommen.
Schwester Birgit sagt: „Für mich ist der Dienst im Kiosk Gottesdienst. Denn Gottesdienst heißt für mich „Dienst am Menschen“. Dienst heißt auch Service. Und mein Service besteht darin, hinter dem Verkaufstresen zu stehen als Servicekraft.“
Sie ist also eine echte Servicekraft Gottes. Sie kann die Menschen fragen: „Was brauchst du?“. Und damit kann sie zwei ganz verschiedene Dinge meinen. Bist du hungrig und brauchst ein belegtes Brötchen? Oder: Sehnst du dich danach, einfach mal Frust abzulassen oder mal anders auf dein Leben zu schauen?
Schwester Birgit nutzt den Kiosk, um Menschen zu begegnen. Und sie begegnet vielen Menschen, weil der Kiosk so beliebt ist. Und das wiederum ist er vielleicht deshalb, weil Schwester Birgit so offen auf die Leute zugeht.
Wenn ich eine Servicekraft Gottes sein möchte, muss ich nicht unbedingt hinter einem Verkaufstresen stehen. Ich muss nur wissen, was ich gut kann und wie ich meine Fähigkeiten und Ideen auch für andere einsetzen kann.
Ich zum Beispiel kann ganz gut zuhören und Menschen ermutigen. Andere können gut organisieren, sind kreativ oder handwerklich begabt, sind musikalisch oder können wunderbar mit Kindern umgehen.
Mir fällt da Rosi ein, die an andere denkt und für sie Geburtstagskarten bastelt. Oder Anika, die sich als Tischtennis-Trainerin engagiert. Oder Herbert, der die fußkranke Frau mit den vielen Einkäufen spontan nach Hause fährt.
Servicekraft Gottes sein - eine ehrenvolle Aufgabe, und eigentlich gar nicht mal so schwer.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45313Vor ein paar Wochen waren acht junge Menschen aus Ghana in unserer Kirchengemeinde zu Besuch,. Seit fast zwanzig Jahren haben wir eine Partnerschaft dorthin. Damals als die Partnerschaft entstanden ist, war klar, worum es geht: Wir sammeln hier Geld, um dort Gutes zu tun. Heute geht es um etwas anderes. Es geht um Begegnung: Darum, sich gegenseitig besser kennen zu lernen und darum, zu verstehen, wie man in einem anderen Teil der Welt lebt.
Nun waren unsere Freunde aus Ghana hier und wollten unser Land kennenlernen. Deshalb haben wir mit ihnen Betriebe besucht und über die aktuelle wirtschaftliche Lage gesprochen. Unsere Gäste waren erstaunt, wie viel Urlaub es bei uns gibt und dass manche Betriebe sogar eine Kantine für ihre Mitarbeiter haben. Wir haben auch mit Vertretern der Politik gesprochen und unsere Gäste haben ganz offen gefragt, wie es denn mit der Korruption in unserem Land aussieht, denn bei ihnen sei das ein sehr großes Problem. Mit dieser Frage hatte keiner gerechnet und die Diskussion war spannend.
Und wir haben zusammen eingekauft und gekocht. Das klingt nicht besonders aufregend. Aber für unsere Gäste war es ein riesengroßes Abenteuer. In ihrer Heimat werden die meisten Lebensmittel auf dem Markt verkauft. Dazu gibt es viele Stände am Straßenrand. In Deutschland gibt es zwar auch Wochenmärkte – aber vor allem Supermärkte! Dort hat dann das große Staunen begonnen: Allein wie viele Buttersorten es gibt! gesalzen, ungesalzen, Bio, Handgeschöpft, leicht, fettarm. Als ein Gast vermutete „Da braucht ihr aber jedes Mal sehr, sehr lange zum Auswählen, oder?“ musste ich lachen und gleichzeitig hat mich sein Satz getroffen. Denn wie oft ärgere ich mich, wenn meine Lieblingssorte mal nicht im Regal steht. Mir ist neu klar geworden: Auswahl ist purer Luxus. Viele Menschen auf der Welt fragen sich nicht: Welche Sorte möchte ich? Sondern: bekomme ich heute überhaupt, was ich brauche?
Am kommenden Sonntag wird in vielen Kirchengemeinden das Erntedankfest gefeiert. In meiner Kindheit war das ein besonderes Fest. Der Altar war prächtig geschmückt und im Mittelpunkt stand die Dankbarkeit für die Ernte. “Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn. “ wurde laut und dankbar gesungen. Dank unserer Gäste aus Ghana ist mir unsere Fülle noch einmal bewusst geworden. Das lässt mich in diesem Jahr mit neuer Dankbarkeit auf all das blicken, was uns in unserem Land geschenkt ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45276Endlich ist er da: der Herbst. Ich freue mich jedes Jahr auf den Oktober. Wenn ich morgens aus dem Haus gehe, liegen über dem Main feine Nebelschwaden. Die Luft ist kühl und klar, die Geräusche wirken gedämpft. Der Tag beginnt ein wenig langsamer als in den Sommermonaten. Mittags strahlt dann oft noch einmal die Sonne, ihr Licht fällt golden durch die Bäume. Am Abend setzt die Dämmerung immer früher ein. Die Tage ziehen sich langsam zurück.
Vor allem aber liebe ich die Farben im Herbst: das leuchtende Gelb, das kräftige Rot, die warmen Brauntöne. Die Natur scheint noch einmal alles zu geben, bevor der Winter kommt. Der Wind treibt die Blätter durch die Luft, die Äste bewegen sich – gerne gehe ich dann warm eingepackt nach draußen und lasse mich durchpusten – und das nicht nur äußerlich. Denn bei solchen Spaziergängen passiert etwas mit mir: Meine Gedanken werden freier, manches, was sich festgesetzt hat, lockert sich. Meine Sorgen verlieren etwas von ihrem Gewicht. Und hier und da kann ich von etwas, woran ich festgehalten habe, loslassen.
Vielleicht, weil der Herbst selbst eine Loslass- Zeit ist, . Die Bäume halten ihre Blätter nicht fest. Sie lassen sie ziehen. Nicht aus Schwäche, und auch nicht, weil sie aufgegeben hätten. Sondern einfach, weil es an der Zeit ist.
In der Bibel heißt es: „Alles hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ Für mich klingt das tröstlich. Es gibt Zeiten zum Wachsen und Zeiten der Ruhe. Zeiten, um aufzubrechen und Zeiten, um Abschied zu nehmen. Zeiten, in denen wir an etwas festhalten müssen und wollen - und Zeiten, in denen wir getrost etwas loslassen dürfen.
Ich tue mich mit dem Loslassen oft schwer. Ich halte krampfhaft an den Sorgen fest, an Enttäuschungen oder an Plänen, die sich nicht erfüllt haben. Die Natur macht es anders: Ein Baum kämpft nicht um jedes Blatt. Er vertraut darauf, dass nach dem Herbst nicht das Ende kommt. Dass auf den Winter wieder ein Frühling folgen wird. Vielleicht liegt darin eine kleine Lebensweisheit: Nicht alles muss bleiben. Nicht jede Sorge muss ich dauerhaft mit mir herumtragen. Manches darf gehen wie die Blätter im Wind. Denn: “Alles hat seine Zeit!” Und manchmal schenkt gerade das Loslassen Raum für Neues.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45275„Was ist eigentlich Wahrheit?“ – vor ein paar Tagen flog dieser Satz in einem Café von einem Nachbartisch zu mir herüber. „Was für eine große Frage!“ habe ich gedacht, als die beiden neben mir leidenschaftlich über die aktuelle politische Lage diskutiert haben. Was ist wahr? Was ist falsch? Mein Vater hatte bei vielen Dingen sehr klare Vorstellungen. Für ihn war manches einfach gesetzt. So ist es. Punkt. Keine oder wenig Diskussion. Das sind Aufgaben von Frauen und das die von Männern. Am Samstag wird vor dem Haus gefegt. Ob da Blätter liegen oder nicht. Als Jugendliche hat mich das ganz schön gefordert und ich wollte auf gar keinen Fall etwas machen, nur, weil man „das so macht.“ Heute denke ich: Vielleicht hat beides seinen Wert. Manches ist auch für mich gesetzt. Zum Beispiel ist der Sonntag ein besonderer Tag in der Woche. Ein Tag der Ruhe, ein Tag, an dem ich gerne Gottesdienste feiere, Zeit mit der Familie und Freunden verbringe. Vielleicht sind Überzeugungen so etwas wie eine Brille, durch die ich die Welt sehe. Meine Welt, denn eigene Erfahrungen sind echt und wahr. Ein Familiensonntag ist für mich schön. Aber manchmal erfassen meine Erfahrungen nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Meiner Wirklichkeit. Andere Menschen müssen sonntags arbeiten, andere wollen einfach ihre Ruhe.
Überzeugungen geben Halt, ohne sie würden wir orientierungslos durch unser Leben gehen. Aber sie können auch unseren Blick verengen. Mein Vater konnte sich lange nicht vorstellen, dass eine Frau Pfarrerin sein könnte. Irgendwann kam er völlig überrascht nach Hause. Der neue Pfarrer sei eine Frau und die hat das eigentlich gar nicht so schlecht gemacht. Zur Wahrheit gehört vielleicht auch die Bereitschaft, sich vom Leben überraschen zu lassen - und die Dinge dann neu in das eigene Weltbild einzuordnen.
Ich bin überzeugt: Wenn ich offen bleibe, verliere ich nicht meine Überzeugungen. Ich rechne aber immer damit, dass die Welt größer ist als das Bild, das ich im Moment von ihr habe. Schon der Apostel Paulus beschreibt dies in der Bibel. Er sagt „Was wir erkennen ist nur ein Teil eines Ganzen..!“ (1. Korinther 13,9) Für mich ist das keine Schwäche, sondern eine Einladung, offen zu bleiben für neue Gedanken und Überraschungen, die das Leben bereit hält.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45274Beim Familienurlaub in England ist mir eine Sache besonders aufgefallen: Die Freundlichkeit der Menschen. Natürlich gibt es auch dort unerfreuliche Tage und gestresste Menschen. Aber immer wieder habe ich erlebt, wie höflich und zugewandt Engländer miteinander umgehen. Fast jeder bedankt sich, auch für Selbstverständlichkeiten. „Vielen Dank für ihren Einkauf, einen schönen Abend!“ heißt es an der Supermarktkasse. Engländer nörgeln weniger, sie warten geduldig in einer Schlange und wenn sie sich anstellen, grüßen sie.
Eine Busfahrt ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Wir wollten beim Busfahrer Fahrkarten kaufen. Doch genau die Fahrkarten, die wir wollten, hatte er nicht dabei. Wir haben schon mit Diskussionen gerechnet oder einem genervten Schulterzucken, wenigsten aber damit, dass die Menschen in der Schlange hinter uns gehörig meckern – schließlich haben wir ja den ganzen Betrieb aufgehalten. Doch der Busfahrer hat nur gelächelt und gesagt „Steigen Sie ein. Ich nehme Sie mit. Der Bus fährt sowieso. Und es ist ja nicht Ihr Fehler!“ So einfach! Kein Meckern und Motzen, keine Vorwürfe. Stattdessen ein freundlicher Blick. Für den Busfahrer und alle drumherum war diese kleine Freundlichkeit naheliegend und nicht weltbewegend. Für uns war das aber so unerwartet, dass es mich immer noch beschäftigt..
Kleine Gesten, freundliche Worte oder ein Lächeln bewirken offensichtlich viel mehr als wir denken. Einfach einem anderen Menschen einmal den Vortritt lassen, nicht sofort das Haar in der Suppe suchen oder jeden vermeintlichen Fehler benennen. Dem Gegenüber erst einmal wohlwollend begegnen. Ich glaube, Freundlichkeit kostet weniger Kraft als Ärger.
Schon der Apostel Paulus rät: „Seid freundlich und barmherzig zueinander!“ Ein einfacher Satz, aber darin steckt etwas, was unserer Welt gerade guttut. Denn Freundlichkeit verändert nicht nur den anderen, sie verändert auch mich. Sie entscheidet darüber, mit welcher Haltung ich durch den Tag gehe. Ob ich wie der Busfahrer zuerst Möglichkeiten suche statt Fehler. Ob ich Mauern errichte oder Brücken baue. „Steigen Sie ein. Ich nehme Sie mit! Der Bus fährt ja so oder so!“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45273Zu meinem Geburtstag habe ich ein Scrabble-Spiel geschenkt bekommen. Ein einfacher Stoffbeutel voller Buchstabenplättchen, dazu ein Spielfeld. Nichts Besonderes, könnte man meinen. Aber dieses Spiel fasziniert mich mit seinen einfachen Regeln. Am Anfang zieht jeder Spieler sieben Buchstaben. Manche sehen vielversprechend aus. Mit anderen kann ich scheinbar gar nichts anfangen. Ein X? Ein Y? Und dazu ein Q? Und dann sitze ich vor meinen Buchstaben und rätsele: Was soll daraus nur werden? Zumal ein neues Wort nur an ein altes angelegt werden kann.
Und dann beginnt das Wachsen. Zum ersten Wort, gesellt sich das zweite. Mein Mitspieler verlängert ein kleines Wort, das ich gelegt habe – und so wird aus Mut auf einmal die Demut und was eben noch eine Tat war, wandelt sich zur Wohltat. Ein neuer, nicht erwarteter Inhalt wird sichtbar. Und manchmal entsteht mit den schwierigsten Buchstaben etwas besonders Kreatives: Da taucht aus den Quallen vom Urlaubstrand auf einmal eine Quittung auf.
Das Erstaunliche dabei: Die Buchstabenplättchen bleiben immer dieselben. Trotzdem entsteht immer etwas Neues, je nachdem, welche Buchstaben zusammenkommen – und was mein Mitspieler aus meinen Wörtern macht. Kein Spiel gleicht dem anderen. Wenn ich darüber nachdenke, dann merke ich: Das Scrabblespiel gleicht meinem Alltag. Denn oft habe ich das Gefühl, dass sich meine Tage wiederholen: Dieselben Aufgaben, dieselben Wege und Abläufe. Die immergleichen Dinge - wie die scheinbar immergleichen Buchstaben beim Scrabble. Und doch kann auch daraus immer wieder etwas Neues entstehen, wenn ich dafür offen bin: Ein Gespräch nimmt eine überraschende Wendung, eine Begegnung erweitert meinen Horizont, eine kleine Entscheidung öffnet eine Tür, die ich vorher nicht gesehen habe.
Vielleicht braucht es manchmal nur ein wenig Mut zum ersten Schritt: Ein erstes „trauen“. Daraus kann ein „Vertrauen“ wachsen. Und vielleicht führt dieses Vertrauen am Ende sogar zu einem „Gottvertrauen“ – zu der Zuversicht, dass Gott aus den scheinbar immergleichen Buchstaben meines Lebens immer wieder Neues entstehen lassen kann. Vertrauen heißt nicht, schon alle Wörter zu kennen. Vertrauen heiß, offen zu bleiben für die Wörter, die noch entstehen können. Ich bin sicher: Gott wird sich noch manches Wort für mich überlegen, was mich überrascht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45272Unsere Erde ist ein Wunderwerk. Weil viele verschiedene Faktoren zusammenkommen mussten, um sie zu einem Ort zu machen, auf dem wir leben können. Denn so weit Wissenschaftler mit ihren Fernrohren schauen können, haben sie nie etwas entdeckt, das unserer Erde ähnlich ist. Keinen zweiten Planeten, auf dem Leben möglich wäre, wie wir es kennen. Den müsste es wohl geben, vielleicht haben wir ihn halt noch nicht entdeckt. Trotzdem ist es schier unglaublich, dass es gerade bei uns so gekommen ist. Ich finde: ein Wunder!
Der Planet Erde hat seinen Platz in einer rasiermesserscharfen Zone, die gerade so weit von der Sonne entfernt ist, dass Temperaturen herrschen, die Wasser auf Dauer flüssig halten. Etwas weiter weg und es würde zu Eis. Etwas näher am Stern unseres Planetensystems dran, und die Ozeane würden verdampfen. Im Erdinnern gibt es einen geschmolzenen Kern. Das Magnetfeld der Erdmasse sorgt für die Schwerkraft zu diesem Kern hin, damit wir uns bewegen können. Es schützt außerdem die Erdoberfläche vor der kosmischen Strahlung, die sonst unsere Atmosphäre zerstören würde. Denn diese Atmosphäre ist ein kompliziertes ausbalanciertes Gemisch aus Gasen, die das Klima regulieren und Luft zum Atmen erst erzeugen. Der Mond, der die Erde umkreist, stabilisiert die Erdrotation und garantiert mit seiner Anziehungskraft ein stabiles System zwischen Festland und Meer. Und noch etwas: Unser Planetensystem liegt in einer eher ruhigen Zone der Milchstraße, wo verglühende Sterne und andere kosmische Ereignisse selten auftreten.
Alles in allem ist die Erde nur deshalb so bewohnbar, wie wir es kennen, weil eine Vielzahl von Faktoren zusammenkommt. Ich bin vorsichtig, mit vollmundigen Behauptungen in dieser Hinsicht. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das reiner Zufall ist. Dafür passt zu viel an äußeren Umständen zusammen. Das bringt mich zum Staunen. Und daran erinnere ich mich gerne und momentan oft, wenn ich davon höre, wie unzufrieden manche Erdlinge im reichen Westeuropa sind. Ja, es gibt auch Grund zu klagen, das bezweifle ich nicht. Aber wie wunderbar unsere Welt ist, und dass ich einer bin, der hier existieren darf - dieser große Zusammenhang, der viel größer ist als alles andere - der stimmt mich demütig und gibt mir großen Trost.
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