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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ich gehe gern spazieren. Und meistens gehe ich schneller als nötig. Ich merke dann richtig, wie ich Strecke machen will. Ein bisschen Bewegung, ein bisschen Tempo – und am Ende das Gefühl: Gut, wieder eine Runde geschafft, wieder ausreichend Schritte gemacht.
Bei meiner letzten Runde war das etwas anders. Vor mir lief ein Kind. Und dieses Kind hat offenbar überhaupt keine Eile. Es blieb bei jeder zweiten Pfütze stehen. Schaut hinein, als wäre dort etwas ganz Besonderes zu sehen. Patscht mit dem Schuh im Wasser. Lacht. Und geht dann ein paar Schritte weiter – bis zur nächsten Pfütze.
Am Anfang bin ich echt ungeduldig. Ich denke: „Jetzt geh doch einfach weiter. Ich komm ja nicht an dir vorbei.“ Der Weg ist schmal, und das Kind bleibt einfach in seinem eigenen Tempo.
Irgendwann merke ich: Ich werde langsamer. Ich habe mich wohl unbewusst dem Lauftempo des Kindes angepasst. Und noch was ist anders: Ich schaue auch in die Pfützen und sehe, wie sich die Bäume im Wasser spiegeln. Wie der Wind kleine Wellen in die Pfützen zieht. Eigentlich nichts Besonderes. Es sind kleine Dinge, an denen ich sonst einfach vorbeilaufe, wenn ich nur meinen Plan verfolge Strecke zu machen. Aber jetzt freue ich mich, dass ich sie sehe.
Offensichtlich braucht es nicht viel. Einen kleinen Moment – bei mir ein Kind – das sich einfach so dazwischenschiebt und etwas verändert, sichtbar macht. Und was ich dann sehe, wird immer mehr.
Später fällt mir dann das Gleichnis vom Senfkorn ein, das Jesus einmal erzählt hat.
Ein Senfkorn ist so klein, dass man es schon mal übersieht, und dennoch, kann es etwas Großes werden. Es bleibt nicht klein und unscheinbar. – Und ein Senfstrauch kann immerhin bis zu drei Meter hoch werden!
Für Jesus zeigt sich darin, wie das Reich Gottes ist. Das ist kein geografischer Ort, vielmehr eine Erfahrung, in der uns Gott nahekommt. Und das kann ein kleiner Moment sein, aus dem viel werden kann, wenn ich ihm Raum gebe.
Das kann auch ein Gespräch sein, in dem ich mal wirklich hinhöre oder ein Moment, in dem ich ruhiger reagiere, als sonst vielleicht . Mich mal zurücknehme, den anderen mehr sehe. Kleine Dinge, aus denen mehr werden kann. Und vielleicht merke ich später: Da hat sich etwas bewegt. Da ist etwas sichtbarer und größer geworden.
Wie bei dem Spaziergang mit dem Kind.
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Wir sind fünf Personen, meine drei Kinder, mein Mann und ich. Da geht einiges Brot weg. Deshalb hole ich alle paar Tage morgens Brot, nachdem ich die Kinder in den Kindergarten gebracht habe. Und jedes Mal, wenn ich die Bäckerei betrete, steht die Bäckers-Crew schon da: wach, freundlich, bereit. Während ich selbst noch halb im Morgen hänge.
Ich nehme das für selbstverständlich, aber dass die ziemlich früh aufstehen müssen, während andere sich gerade noch im Bett umdrehen, nur damit es dann so gut duften kann und ich unser Brot kaufen kann – daran denk ich eher nicht. Für mich fängt der Tag ja gerade erst an.
Heute ist der 1. Mai. Ein Feiertag. Unser Brot habe ich schon gestern besorgt. Der Morgen fühlt sich ruhig an, fast wie ein kleiner Sonntag.
Und gleichzeitig weiß ich: Für viele andere ist das heute kein freier Tag. Im Krankenhaus, in der Pflege, bei der Feuerwehr, an der Tankstelle. Und eben auch in der Bäckerei.
Der 1. Mai soll daran erinnern, dass Arbeit nichts Selbstverständliches ist. Dass Menschen dafür hart gekämpft haben, dass wir schützende Arbeitsrechte haben. Dass es Grenzen gibt, zum Beispiel den Achtstundentag. Dass es so etwas wie Pausen, Urlaub, Mindestlohn, eine Gewerkschaft gibt.
Arbeit nimmt einen sehr großen Teil in unserem Leben ein. Deshalb ist es mir wichtig, Menschen an ihren Arbeitsplätzen auch als Ganzes zu sehen. Als Chef, aber auch als Kunde. Die Würde eines Menschen hört nicht auf, nur weil er arbeitet. Jeder ist mehr als das, was er leistet.
Und genau das zeigt sich darin, wie ich mit anderen umgehe: ob ich ihre Arbeit wahrnehme, ob ich sie anerkenne. Nicht weil ihr Wert davon abhängt, sondern weil ich den Wert damit sichtbar mache.
Der 1. Mai wird als Tag der Arbeit begangen, vielerorts sogar mit großen Kundgebungen. Aber es fängt ja nicht erst mit großen Debatten an, sondern in so einem Moment wie in der Bäckerei. Nicht nur am 1. Mai.
Wenn ich nicht einfach weitergehe, sondern wahrnehme: Da ist ein Mensch, der schon lange wach ist, wenn ich erst ankomme. Der schon gearbeitet hat, während ich noch geschlafen habe, damit ich etwas habe.
Das verändert nicht die ganze Welt – ich weiß.. Aber es verändert meinen Blick. Und manchmal reichen da schon: ein freundliches Wort oder ein Lächeln.
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Manchmal zweifle ich. Nicht nur an mir, sondern auch an meinem Glauben. Und manchmal frage ich mich ganz ehrlich, ob Gott wirklich da ist.
Ich sage das so offen, weil ich glaube: Zweifel gehört zum Glauben dazu. Zweifeln ist nichts Bedrohliches, kein Feind, den man loswerden muss. Für mich ist er eher wie ein Besucher. Einer, der anklopft, Fragen mitbringt, mich durcheinanderbringt – manchmal einfach dableibt.
Und dieser Besucher klopft manchmal öfter an, als mir lieb ist: Wenn ich als Mutter an meine Grenzen komme, weil alles zu viel wird. Wenn ich mir Sorgen mache um ein Familienmitglied, dass im Krankenhaus oder um einen Freund, der unerwartet seinen Job verliert. Dann klopft dieser Zweifel an und ich sage zu Gott: „Ein bisschen Hilfe wäre schon schön!“ Aber keine Antwort. Gott fühlt sich dann ziemlich weit weg an. Ich frage mich dann: „Gott, wo bist du?“
In solchen Momenten denke ich dann oft an diesen einen Satz von Jesus am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dieser Satz ist kein frommer Gedanke. Das ist ein Aufschrei. Und er steht genau da, wo alles auf dem Spiel steht, am Kreuz.
Ich habe festgestellt, ich brauche diesen Satz. Weil er zeigt: Selbst Jesus kennt dieses Gefühl von Gottesferne. Und wenn Jesus das kennt, dann ist Gott nicht fern von diesem Gefühl, sondern mittendrin. Ich kann also davon ausgehen, dass Gott um meine Gefühle weiß, weil er sie selbst durchlitten hat. Zweifel ist also nichts, was mich vom Glauben trennt. Sondern etwas, das dazugehört.
An manchen Tagen, an denen der Zweifel anklopft, bete ich manchmal nur einen einfachen Satz: „Gott, ich glaube – hilf meinem Unglauben.“
Mehr ist es oft nicht. Aber dieser Satz ist ehrlich. Er tut nicht so, als wäre alles klar. Er sagt: Das ist, was ich habe. Mehr gerade nicht. Und ich beginne dann den Tag mit dem, was da ist, mit Vertrauen und mit Zweifel. Beides darf sein.
Zweifel besucht mich immer wieder. Das ist nicht einfach. Aber ich setze mich immer wieder mit ihm an einen Tisch. Und auch wenn ich Gott dann nicht spüre, vertraue ich darauf, dass er trotzdem da ist.
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Im Supermarkt stehe ich an der Kasse, vor mir eine ältere Dame. Sie legt ihren Einkauf aufs Band und sucht in ihrem Geldbeutel nach dem passenden Kleingeld. Das dauert eine Weile.
Hinter mir wird es schon ein bisschen unruhig. Sie kennen das vielleicht. Dieses leise Seufzen. Man merkt sofort: Manche hätten es gern schneller. Ehrlich gesagt, ich kenne diesen Gedanken auch von mir selbst. Man steht da, hat es eilig und denkt: „Jetzt mach schon…“
Die Frau vorne hat es vermutlich gemerkt. Sie kramt immer hektischer nach ihren Münzen und schaut unsicher auf die anderen in der Schlange.
Was ist das nur für ein merkwürdiger Druck, den wir uns im Alltag machen? Beim Einkaufen, im Straßenverkehr, beim Warten irgendwo: Alles soll schnell gehen.
Das Leben funktioniert aber oft gar nicht so. Manches geht eben nicht schneller, auch wenn man Druck macht. Manchmal braucht ein Mensch einfach länger. Beim Bezahlen. Beim Autofahren. Beim Erzählen. Ich hab ja auch schon festgestellt, dass ich an manchen Tagen langsamer unterwegs bin.
Und eigentlich weiß ich auch „Alles hat seine Zeit“. Dieser Satz steht schon in der Bibel und passt erstaunlich gut in solche Alltagssituationen (Kohelet 3,1-8).
Nur ist das nicht so einfach: Heutzutage muss alles schnell muss. Die Welt drückt auf Tempo. Wir wollen schnelle Antworten, schnelle Entscheidungen, schnelle Abläufe. Aber das Leben selbst hat oft ein anderes Tempo.
Wenn ich aber „Alles hat seine Zeit“ beherzige, dann passiert was Entscheidendes: Ich gestehe mir und auch anderen Zeit, nach und nach für das was ansteht und entschleunige so. Wie bei der Supermarktfrau, wenn ich geduldig warte, damit sie sich Zeit nehmen kann, um zu bezahlen.
„Alles hat seine Zeit“: Arbeiten und reden, Schweigen und auch geduldig sein. Vielleicht wirkt dieser alte Satz aus der Bibel genau deshalb bis heute. Manche Dinge gehen nicht schneller, wenn ich mich beeile. Und Hektik hat noch niemandem geholfen. Manchmal hilft es mehr, die Dinge anzunehmen, wie sie sind. Es dauert vielleicht gefühlt einen Moment länger und dann geht es auch weiter.
Im Supermarkt an diesem Tag hat es am Ende gar nicht viel länger gedauert. Die Frau findet ihr Geld, die Kassiererin bedankt sich freundlich und die nächsten Kundinnen und Kunden zahlen ihre Einkäufe.
„Alles hat seine Zeit“ denke ich mir, atme tief durch und versuche, das nächste Mal auch mit mir geduldiger zu sein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44307Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Frieden ist ein großes Wort. Und manchmal frage ich mich, ob es nicht zu groß ist für unsere Welt. Wenn ich in diesen Tagen Nachrichten höre, Schlagzeilen lese – dann spüre ich: Frieden ist fragil. Schnell zerbrechlich. Und oft erschreckend nah daran, verloren zu gehen.
„Wahat al-Salam / Neve Shalom“ – das heißt „Oase des Friedens“. So nennt sich ein kleiner Ort in Israel, mitten in den Hügeln zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Gegründet 1972 – von jüdischen und arabischen Familien, die dort gleichberechtigt zusammenleben. Sie schicken ihre Kinder in eine gemeinsame Schule, sprechen Hebräisch und Arabisch, feiern ihre je eigenen Feiertage – und lernen voneinander.
Ich war selbst noch nicht dort. Aber ich habe ein Buch gelesen, das mich nicht mehr loslässt. Geschrieben haben es Evi Guggenheim und Eyas Shbeta – sie Jüdin aus der Schweiz, er Palästinenser aus Israel. Die beiden leben seit vielen Jahren in der Oase des Friedens, haben sich dort kennengelernt, geheiratet und unterrichten an der Friedensschule.
Im Buch beschreiben sie in abwechselnden Kapiteln ihre Geschichte, so dass ihre unterschiedlichen sozialen Prägungen gut erkennbar sind. Als Kinder der 50er Jahre erzählen sie auch, wie sie die politischen Ereignisse um Israel wahrnehmen: Die Erste Intifada und den Oslo-Friedensprozess. Natürlich mit Blick auf ihr erbautes Dorf, die Friedensoase. Nicht immer ist es dort friedlich, denn auch Konfliktfelder tauchen auf. Etwa, als der erste jüdische Junge zum Militärdienst einberufen wird und mit 21 Jahren als Soldat stirbt. Kann der geliebte Sohn des Friedens-Dorfes als israelischer Soldat sichtbar geehrt werden? Und wäre das dann ein Hohn für alle Palästinenser, die im Dorf leben?
Sie beschreiben vor allem, wie sie mit Konflikten umgehen, wo sie sich einig werden und wo sie sich uneinig aushalten. Vor allem, in dem sie versuchen zu verstehen, woher Ausgrenzung und Hass stammen. Das ist auch der Ansatz in ihrer Schule.
Gerade in diesen Tagen, in denen so viel von Gewalt die Rede ist und neue Spannungen entstehen, ist so ein kleiner Ort mehr denn je ein Zeichen. Für mich zeigt er: Frieden ist möglich und setzt dort an, wo sich Menschen aufeinander einlassen und sich aushalten, auch wenn’s schwer ist.
Ich glaube: Solche Orte brauchen wir auch bei uns. Oasen des Friedens. In der Schule. In der Nachbarschaft. Im eigenen Herzen.
Frieden ist ein großes Wort. Und die Sehnsucht danach ist der Anfang, ihn möglich zu machen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44306Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Schultag. Ich trete in den Klassenraum und stelle fest: Ich bin wirklich die Einzige. Die Klasse besteht aus 30 Jungs und ich bin das einzige Mädchen. Um Elektrotechnik und Maschinenbau zu lernen, bin ich ans Technische Gymnasium gewechselt. Und bin nun angespannt, denn ich spüre die Blicke von 30 Jungs. Passe ich wirklich hierher? Kann ich mich behaupten? Schaffe ich das?
Etwas nervös setze ich mich hin, schaue nach vorne und denke: Also gut, Frauen und Technik – schließt sich nicht aus! Technik kann jeder lernen. Ich finde es logisch, spannend, kreativ und hab meinen Spaß daran. Also let’s go!
Ich bin motiviert und trotzdem gibt es in den nächsten Jahren Momente, in denen ich denke: Vielleicht passe ich hier nicht hin.
Geholfen hat mir aber, dass Menschen mir zugetraut haben, dass ich das kann. Ein Lehrer, der mich ernst nimmt. Freundinnen, die sagen: „Warum denn nicht?“. Das hat mir geholfen zu sagen: Ich gehöre da hin, ich kann das!
Ich glaube, die entscheidende Frage ist: Wem traue ich etwas zu und wem nicht? Und wie früh gebe ich Kindern mit auf den Weg, was sie angeblich können oder eben nicht? Wenn ein Kind oft hört: „Du bist halt nicht so gut in Mathe“ oder „Du bist eben schüchtern“, dann kann sich das festsetzen. Wenn aber ein Kind spürt „Man traut mir etwas zu“, dann wächst es.
Zweifel finden Kinder oft von selbst. Zutrauen brauchen sie von außen. Sowie Mose, als Gott was von ihm will (Ex 3.4). Mose hält sich zurück und sagt: „Ich kann das nicht gut.“ Er zählt auf, was gegen ihn spricht. Und Gott? Der sagt einfach: „Ich bin mit dir“, mehr nicht. Er sieht ihn und traut ihm was zu.
Es erinnert mich an meine Zweifel auf dem Technischen Gymnasium. Ich bin doch da nicht richtig, oder? Ich kann das doch nicht.
Aber das ist genau der Punkt: Wenn ich bestärkt werde, wenn ich gesehen werde und spüre da ist jemand mit mir, dann wachse ich.
Vielleicht hören heute Mädchen zu, die sich auch für Technik oder zum Beispiel Politik interessieren. Oder etwas, wo andere sagen könnten: Das ist eher nichts für dich.
Dann möchte ich ihnen sagen: Lass dich nicht beirren. Wag es!
Und vielleicht hören auch Erwachsene zu – Eltern, Lehrerinnen, Großeltern. Dann ist heute ein guter Tag, einem Mädchen zu sagen: „Ich glaube an dich. Du kannst das.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44305SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Mitten in der Nacht passiert es: Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl explodiert und es kommt zu einer Nuklearkatastrophe. Heute, vor genau 40 Jahren. Plötzlich ist nichts mehr selbstverständlich. Meine Eltern fragten sich damals: Dürfen die Kinder draußen spielen? Ist der Salat aus dem Garten noch essbar? Der Regen hat nämlich die radioaktiven Partikel, die der Wind her geweht hat, gebunden und auf Böden und Pflanzen verteilt. Eine Katastrophe von weit weg, ist plötzlich überall.
Tschernobyl ist nicht nur eine Explosion. Sondern ein Tag, an dem die Welt lernt: Der Mensch kann Dinge schaffen, die er schlichtweg nicht mehr im Griff hat. Und sie können sich auf jeden auswirken.
40 Jahre später frage ich mich: Haben wir die Lehren von Tschernobyl wirklich verstanden?
Damals ist es die Kernenergie, heute sind es andere Systeme, die ich selbstverständlich akzeptiere: Ich kaufe meine Bananen im Winter. Aber dafür erschöpfen langsam die Böden der Plantagen und verbrauchen so viel Grundwasser, dass Menschen dort nicht mehr Leben können und fliehen.
Anderes Beispiel: Ich nutze Künstliche Intelligenz so selbstverständlich, wie Strom aus der Steckdose. Und denke nicht darüber nach, woher die Energie dafür kommt oder wie sich das auf Arbeitsplätze auswirkt, geschweige denn, ob es bei KI noch Kontrolle gibt.
Ich sehe den Fortschritt und was plötzlich möglich ist, bin dabei. Bis plötzlich der Regen radioaktiv ist oder Ernten ausfallen und Menschen woanders Arbeit suchen. Oder ein Algorithmus entscheidet, wer eine Wohnung bekommt. Und erst dann macht sich bemerkbar: Wir haben wieder nicht hingeschaut, bis es zu spät war.
Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft aus Tschernobyl den Mut ziehen, anders zu handeln. Nicht erst, wenn die Katastrophe da ist, sondern vorher: „Was könnte passieren? Wem schadet das? Wer trägt die Folgen?“
Doch ich weiß: Wenn ich nur auf andere zeige, mache ich es mir zu einfach. Auch ich muss mir die Frage stellen: Wie lebe ich, wo ich doch weiß, dass alles Konsequenzen hat?
Die Bibel spricht davon, dass uns die Welt anvertraut ist. Gott legt uns vertrauensvoll die Welt in unsere Hände. Wie etwas ganz Wertvolles, was wir uns ausleihen und unversehrt weitergeben an unsere Kinder.
Ich habe die Angst von 1986 nicht selbst erlebt. Aber ich lebe in einer Welt, die damals gelernt hat, wie fragil sie ist. Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe dieses Jahrestags: Nicht zurückzublicken, sondern nach vorn zu handeln.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44310SWR1 Begegnungen

Die SWR1 Begegnung mit Sabine Winkler und Fabian Schwarz. Er ist freier Redner, Moderator, Bühnencoach und – Kabarettist!
„2011 bin ich mit meinem Soloprogramm an den Start gegangen und habe aber schon einige Jahre davor, mit einem Freund zusammen Musik-Comedy gemacht: „Besenreim“. Wir waren halt nie perfekt, wir waren immer so ein bisschen schlecht, aber wir waren ziemlich lustig und das hat uns ausgemacht. Von dem her ist der Humor immer dabei.“
Wenn ich mit Fabian Schwarz rede, dann muss ich fast schon aufpassen, dass unser Gespräch nicht die nächsten Sketche für eine Bühnenshow liefert. Denn immer wieder kreiert er humorvolle Blickwinkel:
„Man kann sich ja immer entscheiden: Wenn mir irgendwas Blödes passiert, entdecke ich dann die Komik darin oder sage „Öööh es ist ja alles jetzt so scheiße!“ Und die meisten Sachen, die uns passieren, die irgendwie schlimm sind, sind ja gar nicht schlimm. Wie oft haben wir beimRückwärtseinparken ein anderes Auto so krass geschubst, dass es dann in den Fluss reingefallen ist oder so? (lacht herzhaft). Es ist nicht so das treffendste Beispiel. Aber weißt du, die meisten Dinge sind ja nicht so tragisch.
Sein herzhafter Lacher sagt es: Ein wenig Humor schafft erstmal Distanz zur Sache.
„Also mir ging es oft so in meinem Leben, dass wenn ich einen Konflikt mit jemandem hatte oder auch eine Situation, wo es schwierig war. In dem Moment, wo ich mir überlegt habe, wie könnte ich das Ganze auf der Bühne kabarettistisch verarbeiten? Ab dem Moment hatte ich wieder Handlungsfähigkeit, weil es dann so diese Distanz hatte, vielleicht auch ein Perspektivwechsel. Und da habe ich wieder den Blick nach vorne bekommen.“
Die richtige Dosis Humor und eine Prise Selbstironie können helfen, leichter durchs Leben zu gehen – davon ist Fabian Schwarz überzeugt. Es geht darum sich selbst nicht zu ernst zu nehmen:
„Das finde ich auch auf der Bühne, egal ob jetzt als Rednerin, Redner oder auch als Kabarettist ganz wichtig, über mich selbst lachen zu können!“
Fabian Schwarz ist gläubiger Katholik und kirchlich sozialisiert. Es liegt daher auf der Hand, dass er schon einige Auftritte in Kirchengemeinden hatte. Katholische Kirche, Glaube und das ganze humorvoll betrachten? – Das geht für ihn, erstaunlich gut sogar:
„Ich finde, dass man da auch Witze drüber machen darf, bis hin sogar zu der Frage, ob nicht der Gott, an den wir als Christinnen und Christen glauben, der uns in der Bibel beschrieben wird, ob der nicht so ein starker Gott ist, dass wenn es irgendjemand aushält, dann er, ne?
Also, der ja auch sich von Hiob gefallen lassen musste, irgendwie angefeindet zu werden und angemotzt zu werden und da denke ich mir: Dann steht er da schon drüber. (Schmunzelt)
Ja, ich glaube… also wenn du jetzt davon ausgehst, wenn er oder sie das geschaffen hat und so runter guckt… und dann denkst du so „Oaah - meine Schöpfung“ (lacht herzhaft) – das geht glaube ich, oft nur mit Humor!“
Gott ist stabil und muss Humor haben – das glaub ich auch, wenn ich an unser menschliches Verhalten im Alltag denke.
Während unseres Gesprächs holt er die Bibel und verweist dann auf die Stammvatergeschichte, in der Gott Abraham verkündet, dass Sarah, seine Frau ein Kind bekommen wird. Die hört es und weil sie aber schon ziemlich alt ist, lacht sie.
„Gott kriegt es ja schon mit. Und er fragt dann ja auch Abraham „Äääh, warum hat denn Sara gelacht?“ Und Sara hat dann Angst und sagt „Ääh, ich habe gar nicht gelacht!“ und Gott sagt „Doch, doch, du hast gelacht.“ Aber er lässt es so stehen. Es gibt keine Strafe. Das ist für mich ein sehr starker Beleg so: Gott hält es aus, weil er schon natürlich darum weiß, was in uns vorgeht und was für Reaktionen passieren. Und weil er schon wahrscheinlich auch ein Verständnis für Komik hat.“
Schwarz hat katholische Theologie studiert und arbeitet in einem Feld, das typisch für die Kirche ist: Beerdigungen. Als selbstständiger, freier Theologe schreibt er Reden für Trauerfeiern. Wie geht das mit seiner humorvollen, kabarettistischen Seite zusammen?
Also ich finde auch bei einer Trauerrede ist es schon auch wichtig, wenn es schöne, lustige Geschichten gibt über den Verstorbenen oder die Verstorbene, dann müssen die Geschichten ja auch in die Rede rein. Das wäre ja verschenkt.
Wenn du dann so einen Moment hast, wo die ganze Trauerhalle einmal kurz lacht, weil alle irgendwie connecten können und sagen „Ja, genau so war sie oder so war er.“
Manchmal ist Fabian Schwarz auch für freie Trauungen unterwegs. Ich frage mich, wieso er dann nicht in der Kirche arbeitet, oder ist seine Arbeit keine Konkurrenz zur Katholischen Kirche?
„Ich finde das gar nicht, dass es Konkurrenz ist. Ich glaube, dass Menschen, die sich für eine freie Trauung entscheiden, sich sehr bewusst für eine freie Trauung entscheiden. Genauso wie Menschen, die kirchlich heiraten, sich sehr bewusst für eine kirchliche Trauung entscheiden. Ich sitze ja nicht als Brautpaar zu Hause vorm Rechner oder am Tablet und gucke, wer hat die besseren Google Bewertungen?
Die Gründe, weshalb seine Kunden ihn auswählen, sind unterschiedlich. Mal kommen sie mit Frust wegen einer schlechten Kirchenerfahrung und manchmal auch, weil sie gar kein Kirchenmitglied sind und dennoch das Bedürfnis haben, ein Ritual zu finden, ein paar schöne Worte bei ihm zu bekommen, die unterstützen, die tragen.
In Zeiten von Mitgliederaustritten interessiert mich dann auch noch, ob seine Kunden denn überhaupt gläubig sind?
„Wenn ich frage, zum Beispiel im Trauergespräch, „Ja, gab es denn einen Glauben? -“ „Nee, haben wir eigentlich nicht drüber gesprochen“. Oder dann frage ich so: „Haben Sie da einen Glauben oder eine Vorstellung, was nach dem Tod so vielleicht ist?“ - „Hm…“ Und dann kommt aber trotzdem ganz viel so an „Ja, der guckt jetzt da von oben runter.“ (…)
Ich glaube schon, dass ganz viele so eine Sehnsucht haben oder so eine Hoffnung und eben nicht nur, weil es dann halt für die Kinder leichter ist, wenn man sagt, der Opa ist jetzt oben und guckt runter. (…) Also ich glaube, da steckt viel mehr Hoffnung in uns, als wir uns vielleicht manchmal als Menschen zugestehen.“
Das ist auch die Botschaft von Ostern: Der Tod hat eben nicht das letzte Wort. Daran glaubt auch Fabian Schwarz und das gibt ihm die Gelassenheit und den Grund humorvoll durchs Leben zu gehen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44201SWR4 Abendgedanken
Manche Bilder vergisst man nicht so schnell. Ich erinnere mich noch an eines aus der aus der Corona-Zeit. Vielleicht erinnern Sie sich auch daran. Heute vor sechs Jahren. Der Petersplatz in Rom, normalerweise voller Menschen, er war völlig leer. Es regnete. Und mitten auf diesem riesigen Platz stand nur ein Mann: Papst Franziskus. Keine Menschenmenge. Keine Pilgergruppen. Nur Regen, Stille und ein großes Kreuz vor den Toren des Petersdoms.
Viele haben damals diesen Moment im Fernsehen gesehen. Und viele haben später gesagt: Dieses Bild hat etwas von der Stimmung dieser Zeit eingefangen. Denn plötzlich war vieles anders. Straßen waren leer. Geschäfte geschlossen. Treffen abgesagt. Viele Menschen hatten Fragen im Kopf, auf die niemand eine schnelle Antwort hatte. Und vielleicht hat genau deshalb dieses Bild so viele berührt: Ein Mensch steht im Regen – und bringt die Sorgen der Welt vor dieses Kreuz.
Interessant ist: Dieses Kreuz hat selbst eine lange Geschichte. Es stammt aus einer Kirche in Rom und wurde schon vor Jahrhunderten durch die Stadt getragen, als dort eine schwere Pest ausgebrochen war. Dieses Kreuz hat die Menschen damals getröstet, sie haben auf Hilfe und ein Ende der Krankheit gehofft.
Dieses Zeichen hat den Menschen damals Kraft gegeben. Und vielleicht liegt darin eine Wahrheit, die auch heute noch gilt. Wenn das Leben unsicher wird, suchen Menschen nach etwas, woran sie sich festhalten können. Manche reden mit anderen und merken, das gibt Halt. Manche halten sich an ihre Rituale, manche lassen sich von ihrem Glauben tragen.
Das Kreuz steht im Christentum genau für diesen Gedanken: Dass Gott auch dort ist, wo das Leben schwierig wird. Nicht nur in den schönen Momenten. Sondern gerade dort, wo Menschen Angst haben oder nicht wissen, wie es weitergeht. Der leere Petersplatz damals hat das sehr eindrücklich gezeigt. Es war KEIN großes Ereignis mit Applaus und Menschenmassen. Eher ein stiller Moment. Ein Mensch im Regen. Ein Kreuz. Und eine weltweite Situation, in der niemand wusste, was die nächsten Wochen bringen würden.
Diese Schlichtheit hat das Bild vielleicht so stark gemacht. Ein Zeichen, das daran erinnert: Du bist mit dem, was dich beschäftigt, nicht allein. Die Pandemie liegt inzwischen ein paar Jahre zurück. Aber viele erinnern sich noch an dieses Bild aus Rom. Vielleicht gerade deshalb, weil es so klar war. Ein leerer Platz. Ein Mensch im Regen. Und ein Kreuz, das schon viele Krisen gesehen hat. Es erinnert mich daran, dass auch ich Krisen überstehen kann.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44073SWR4 Abendgedanken
Manchmal stolpere ich über Geschichte an unscheinbaren Stellen. Zum Beispiel auf dem Gehweg. Vielleicht kennen Sie diese kleinen Messingplatten im Boden. Darauf stehen Namen. Geburtsjahre. Und oft ein letztes Wort: Deportiert. Ermordet. Diese sogenannten Stolpersteine erinnern an Menschen, die früher genau dort gewohnt haben. Nachbarn. Ladenbesitzer. Kinder. Diese Menschen sind Opfer der Nationalsozialisten gewesen.
In Esslingen steht auf einem Stein: Rolf Moritz Rosenfeld. Er war 13 Jahre alt, als er nach Ausschwitz deportiert wurde. Ein Jahr später wurde er ermordet.
Ich stelle mir vor, wie er hier einmal unterwegs gewesen ist. Vielleicht auf dem Weg zur Schule, vielleicht mit Freunden. Genau hier auf diesem Gehweg. Ich stelle mir vor, dass sein Leben genau hier stattgefunden hat – mitten in meiner Stadt. Und dann kam der Moment, an dem alles endete.
Wenn ich vor so einem Stein stehe, merke ich jedes Mal: Geschichte kommt mir plötzlich sehr nah. Hier geht es nicht mehr um ein Kapitel im Geschichtsbuch, sondern hier steht ein Name. Ein Mensch hat hier gelebt. Die Stolpersteine machen das sichtbar. Sie erinnern daran, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht irgendwo weit weg passiert sind. Sondern mitten in unseren Städten. In unseren Straßen, direkt vor meiner Haustür
Sie erinnern aber nicht nur, sondern bewirken auch etwas: Wenn ich die Namen auf den Steinen lese und ausspreche, dann benenne ich, was einmal war und gebe den Toten ein Stück Würde zurück. Menschen, die da aufgewachsen sind oder gelebt haben, wo ich gerade bin. Er oder sie ist womöglich die gleichen Wege gegangen, die ich gerade gehe.
Rolf ist 1942 13 Jahre alt gewesen. Ein Teenager mitten im Krieg. Er hat bestimmt Ideen, Träume und die Hoffnung gehabt, dass da noch was im Leben auf ihn wartet, eine Aufgabe oder irgendetwas. So wie ich es in diesem Alter auch gehofft habe. Er war an manchen Tagen bestimmt glücklich und an manchen traurig. So wie ich auch.
Wenn ich über solche Steine wie seinen stolpere, dann denke ich auch an die Worte in der Bibel: „Ich habe dich beim Namen gerufen, weil du in meinen Augen wertvoll bist“ (Jes 43, 1-4). Eine Zusage Gottes an jeden Menschen. Gott kennt uns, liebt und wertschätzt uns.
Rolf Moritz Rosenfeld aus Esslingen. 13 Jahre alt. Ermordet in Ausschwitz. Heute vor 84 Jahren fingen die Deportationen nach Ausschwitz an. Rolf ist ein Kind gewesen. Sein Stein mahnt mich, dass Erinnern eine Form von Würde ist. Rolfs Name bleibt und ist nicht vergessen.
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