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SWR2 Wort zum Tag

04MAI2024
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Glauben heißt vertrauen - ohne Beweise, dass es wirklich etwas Vertrauenswürdiges gibt. Das ist das Dilemma des Christentums und eigentlich jeder Religion. In einer Welt, die sich in ganz vielen Zusammenhängen rational begründet, fordern Menschen Beweise ein. Der Theologe und Philosoph Sören Kierkegaard hat den Glauben mit einem Sprung verglichen. Man muss sich trauen zu springen, auch ohne Garantie und Sicherheit, dass am Ende des Sprungs fester Boden ist. Aber wer traut sich schon zu springen, wenn es so ein Risiko ist?

Mir hilft dabei die biblische Geschichte von Thomas. Der steckt nämlich auch in einem Dilemma. Seine Freunde behaupten Dinge, für die es keinerlei rationale Grundlage gibt:  

Einige Tage nach Jesu Tod am Kreuz haben sie Jesus angeblich wieder gesehen.
Abends saßen sie zusammen, als Jesus zu den trauernden Gefährten gekommen ist.
Friede sei mit euch!“, ist das Einzige, was Jesus sagt. Er erklärt nichts, sagt sonst nichts, ist einfach da und dann auch schon wieder weg. Die Jünger und Freundinnen von Jesus sind erschrocken und verwirrt. Aber sie sehen seine Wundmale und glauben ihm. Thomas ist an dem Abend aber nicht dabei und sagt klipp und klar, dass er das alles erst glaubt, wenn er selbst in die Wundmale von Jesus gefasst hat.  

Eine Woche später kommt Jesus noch einmal zu den Gefährten zurück. Wieder sagt er: „Friede sei mit euch!“ Und er zeigt Thomas seine Wundmale und lässt ihn in seine Seite fassen und seine Wunden spüren. Da glaubt Thomas.
Jesus sagt ihnen, dass sie von nun an ohne Beweise auskommen müssen. Und er erklärt dem Thomas: „Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt. Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben!“ (Johannes 20,29).

Von da an haben die Gefährten rund um Jesus erzählt, was passiert ist. Sie sind Zeugen und Botschafterinnen der Auferstehung geworden. Wenn Menschen in der Osterzeit und danach an den Tod von Jesus erinnern und die Auferstehung feiern, dann vertrauen sie bis heute auf die alten Zeugenberichte und trauen sich zu springen, -  ganz ohne Beweise und Sicherheit. Sie tun es einfach. Wer vertraut, kann Überraschendes erleben. Und wer springt, kommt irgendwo an. Manchmal ganz woanders, als gedacht.

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SWR2 Wort zum Tag

03MAI2024
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Seit Anfang des Jahres steht in meinem Büro in der Mainzer Hochschulgemeinde ein nagelneues knallrotes Sofa. Ein echter Hingucker. Schnell ist es zum neuen Lieblingsort für viele Menschen geworden. Planungstreffen für kleine Gruppen, Seelsorge und Beratungen… alles findet plötzlich auf dem roten Sofa statt. Und das beste: Die Polsterung ist so gut, dass niemand in dem Sofa versinkt. Kaffee, Tee, Obst und Kekse können in aufrechter Haltung genossen werden. Ich könnte es mir gar nicht besser wünschen.

Dabei war das gute Stück gar keine geplante Anschaffung gewesen. Wir haben es geschenkt bekommen. Von der Oma einer Studentin. Die hatte sich beim Einrichten ihres Wohnzimmers mit den Maßen vertan und erst bei der Anlieferung festgestellt, dass ein neuer Schrank und ein neues Sofa zusammen leider nicht ins Wohnzimmer passen.
Was also tun? Zurückgeben? Umtauschen?

Die Enkelin – eine unserer aktiven Studentinnen - hatte eine bessere Idee. „Wie wäre es, wenn du das Sofa der Hochschulgemeinde schenkst?“, hat sie die Oma gefragt. Nach Rücksprache mit mir und einer diesmal sorgfältigen Ausmessaktion haben schließlich alle Seiten eingewilligt. 
Zwei Studierende haben das Sofa angeliefert und gemeinsam in mein Büro geschleppt.
Und es hat sich gelohnt. Auch die Oma ist zufrieden. Als sie gehört hat, dass das rote Sofa bei den Studierenden beliebt ist für Besprechungen aller Art, hat sie wohlwollend genickt und der Enkelin erklärt: „So sollte es wohl sein. Erst bin ich genervt gewesen, weil ich falsch gemessen habe. Aber manchmal muss man wohl einen Fehler machen, damit sich die eigentliche Bestimmung einer Sache zeigt.“
Recht hat sie! Und das ist nicht nur bei einem roten Sofa so. Manchmal braucht es Umwege, falsche Lieferungen, scheinbare Missverständnisse oder Unverhofftes, damit eine Sache gut wird. Das rote Sofa wird mich jedenfalls auch in Zukunft daran erinnern, dass gerade das, was gar nicht im Blick war und nicht geplant gewesen ist, sich am Ende genau als das erweist, was es gebraucht hat.

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SWR2 Wort zum Tag

02MAI2024
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Mit Maiglöckchen läutet das junge Jahr seinen Duft / Der Flieder erwacht aus Liebe zur Sonne / Bäume erfinden wieder ihr Laub und führen Gespräche / Wolken umarmen die Erde mit silbernem Wasser / (…) /

Der Wonnemonat Mai ist in vielen Gedichten und Liedern besungen worden. So wie von Rose Ausländer, die ich gerade zitiert habe. Der Mai gilt als der Frühlingsmonat. Die Vögel zwitschern, die Tage sind heller, die Natur ist erwacht und zeigt sich nach der Blütezeit in frischem Grün an Büschen und Bäumen. Die Maiglöckchen grüßen von den Wiesen und die Sonnenstrahlen werden stärker und vertreiben endgültig die Macht des Winters.
Auch wenn warme Tage aufgrund des Klimawandels immer früher im Jahr kommen, bleibt der Monat Mai doch derjenige, der sprichwörtlich für Frühlingsenergie und Zuversicht steht. Der Monat Mai ist damit auch der beste Zeuge von Gottes guter Schöpfung, die im Psalm 104 besungen wird. Da heißt es:

16 Die Bäume Gottes stehen voll Saft, die Zedern des Libanon, die Gott gepflanzt hat. 17 Dort nisten die Vögel, und die Störche wohnen in den Wipfeln. 

Aber nicht nur die Natur genießt das Licht und die Frühlingsenergie, auch die Menschen tun das. Diese Energie macht es für viele einfacher, wieder Kontakt mit anderen aufzunehmen.  Wer sich im Winter eingeigelt hat, bekommt nun doch langsam wieder Lust die Nase ins Freie zu stecken, andere Menschen zu treffen und wieder aktiv am Leben teilzunehmen. So sagt es auch Rose Ausländer in ihrem Gedicht über den Mai. Sie schreibt weiter:

„Es ist Zeit sich zu freuen an atmenden Farben / zu trauen dem blühenden Wunder / Ja es ist Zeit sich zu öffnen / allen ein Freund zu sein und das Leben zu rühmen.“  (Mai II)

Für viele Menschen kommt im Mai die Hoffnung und Zuversicht zurück. Und die Natur bleibt trotz aller Krisen diejenige, die uns das Überleben vormacht. Das Leben geht weiter. Das versprechen auch die biblischen Worte von Gottes Schöpfung, wenn trotz aller Konflikte und Katastrophen immer wieder Neues entsteht und Neuanfänge gelingen können.

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SWR2 Wort zum Tag

07FEB2024
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Von Theresa von Avila ist folgender Ausspruch überliefert „Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn, wenn Fasten, dann Fasten!“

Zu Theresas Zeiten, im 16. Jahrhundert, hat es viele gläubige Menschen gegeben, die ein schlechtes Gewissen hatten, wenn sie gefeiert haben und dabei womöglich über die Stränge geschlagen sind. Die Angst vor göttlichen Strafen, vor Fegefeuer, Hölle und Verdammnis ist allgegenwärtig gewesen.

„Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn, wenn Fasten, dann Fasten.“ Theresa von Avila hat mit ihrem Ausspruch dazu eingeladen das, was gerade dran ist, mit voller Kraft zu tun. Sie hat die Menschen dazu ermutigt, keine Angst zu haben, sondern in Festzeiten aus vollem Herzen zu genießen. Denn ihre Lebenserfahrung hat gezeigt, dass Lebensfreude und Genuss oftmals ganz abrupt zu Ende gehen.

Wegen ihrer tiefen Frömmigkeit in Verbindung mit ihrer praktischen Tatkraft ist Theresa von Avila mehr als einmal als „Kraftwerk ihres Jahrhunderts“ bezeichnet worden. In der Katholischen Kirche ist sie sogar heiliggesprochen worden. Ich finde, dass sie mit recht geehrt wird. Denn sie hat der Nachwelt ihre Lebensweisheit hinterlassen, die auch heute noch aktuell ist.

Ich kenne das Phänomen auch aus meiner Beratungsarbeit:
Es zermürbt Menschen, wenn sie angesichts der vielen gesellschaftlichen Herausforderungen und Krisenherde das Gefühl haben, nicht mehr fröhlich oder ausgelassen sein zu dürfen. Manche entwickeln ein schlechtes Gewissen und tun das, was sie tun, nur noch halbherzig. Dabei zeigen zahlreiche Untersuchungen:  Wer nicht genießen kann, hat oft auch weniger Energie und Freude dabei, die eigene Arbeit zu tun oder sich zivilgesellschaftlich zu engagieren. Das erlebe ich jedenfalls bei einigen Studierenden so, mit denen ich in der Hochschulgemeinde zu tun habe.

Wenn sie abends nach einer Veranstaltung in der ESG-Bar versacken oder wenn sie auf Partys über die Stränge schlagen und die Nacht zum Tag machen, dann sorgt das zwar kurzfristig für Katerstimmung, aber mittelfristig stärkt es die Abwehrkräfte. Trotzdem haben einige von ihnen danach ein schlechtes Gewissen oder sie machen sich selbst Druck, weil sie in der Zeit nicht gelernt haben.

Theresa von Avila würde den Studierenden vermutlich aufmerksam zuhören und dann eine Ansage machen: „Wenn Rebhuhn dann Rebhuhn, wenn Fasten dann Fasten!“ Heißt: Genießt eure Gemeinschaft und eure Feiern! Ein schlechtes Gewissen hilft weder euch noch anderen. Aber zu den Seminarzeiten schaltet ihr bitte wieder um. Macht das, was gerade dran ist, von ganzem Herzen

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SWR2 Wort zum Tag

06FEB2024
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Mittwochabends in der Kirche der evangelischen Hochschulgemeinde in Mainz. Studierende haben zum Abendessen mit Andacht und Tischreden eingeladen. Das Format heißt „Dinnerchurch“.

Tische und Stühle sind für 25 Personen gestellt und stehen in U-Form mit Blick auf den schlichten Altar. Weiße Tischdecken, Blumen, Kerzen, Geschirr für ein Dreigänge-Menü sind gedeckt. Studierende haben eingekauft und gekocht. Es gibt Brot, Salz und Humus zur Vorspeise, leckeren Gemüseeintopf als Hauptgericht, Eis, Obst und Kuchen zum Nachtisch.

Tatsächlich kommen am Ende über 40 Leute und freuen sich, dass in kurzer Zeit noch zusätzliche Plätze geschaffen und eingedeckt werden. Auch das Essen reicht für alle.

Der Abend erinnert mich an das Setting bei den Abendmahlsfeiern der ersten Christinnen und Christen. In der Bibel wird erzählt, dass die sich immer vorher zum Essen getroffen haben. Alle haben etwas mitgebracht und beim Vorbereiten geholfen. Das Essen wurde liebevoll zubereitet, alle waren willkommen.

So stelle ich mir jedenfalls vor, dass sich die Gläubigen in den urchristlichen Gemeinden in Korinth, Rom und anderswo getroffen und miteinander gebetet und gegessen haben. Sie sind damals eine Minderheit gewesen und hatten soziale Nachteile oder sogar Verfolgung zu fürchten. Umso wichtiger ist es für sie gewesen, dass sie sich gegenseitig unterstützt und aufeinander geachtet haben. Ihr Christsein hat sich im liebevollen Tun und in solidarischer Fürsorge gezeigt. Das gemeinsame Essen hat dabei eine wichtige Rolle gespielt.

Heute ist es in den Hochschulgemeinden auch nicht viel anders. Gläubige Studierende, egal welcher Religion oder Konfession, sind eine Minderheit an der Universität und an den Hochschulen. Die wenigsten sprechen darüber in ihrem Unialltag. Sie fürchten Unverständnis und Häme, wenn sich zeigt, dass sie noch etwas mit Religion und Kirche zu tun haben.

Beim gemeinsamen Kochen und Essen erleben sie Gemeinschaft, Verständnis und gute Gespräche. Sie gehören dazu und sind willkommen. Und darum geht's doch nicht nur Studierenden! Wer solche Erfahrung macht, fühlt sich ermutigt und gestärkt, den eigenen Weg selbstbewusst weiterzugehen und auch den eigenen Glauben zu leben.

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SWR2 Wort zum Tag

05FEB2024
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„Die Morgenandacht ist für mich wie ein Anker, den ich auswerfen kann, wenn ich in stürmischen Zeiten den Boden unter den Füßen verliere oder wenn mir schwindelig wird, weil der Leistungsdruck so hoch ist!“, sagt eine Studentin auf die Frage, warum sie in die Hochschulgemeinde kommt.

Die Morgenandacht wird regelmäßig einmal die Woche morgens früh in der Kirche der evangelischen Hochschulgemeinde in Mainz gefeiert. Danach backen die Studierenden zusammen Pfannkuchen und alle frühstücken zusammen. Beim Essen ist Zeit da zum Austauschen, zum Erzählen, Lachen, Planen und sich Verabreden. Die Morgenandacht ist für sie ein verlässlicher Treffpunkt und Ruhepol in ihrem hektischen Alltag voller Termine und Prüfungsstress.

Tatsächlich bestätigt auch die Resilienzforschung, dass Menschen, die gläubig sind und religiöse Rituale pflegen, besser durch Krisen, Stress und Schicksalsschläge kommen, als viele andere. Bibelworte oder heilige Texte können Menschen Orientierung geben. Und die Botschaft, dass der biblische Gott Sorgen und Ängste hört und versteht, tröstet viele und gibt ihnen Zuversicht und Kraft für die nächsten Schritte.

„Mir tut es gut, andere Studierende zu treffen, für die Religion und Glaube auch noch eine Bedeutung haben in ihrem Leben“, berichtet ein Student.

Religiöse Gruppen und Gemeinschaften können ein Gefühl von Akzeptanz und Zugehörigkeit bieten. Gerade für Studierende, die aus anderen Ländern kommen, ist das wichtig. Sie finden in den regelmäßigen Morgenandachten oder bei anderen Veranstaltungen und Treffen Gleichgesinnte, die ähnliche Fragen und Sehnsüchte haben wie sie selbst. Es ist eine Art Zuhause auf Zeit, in dem sie sich wohl und sicher fühlen. Und Glaubensthemen werden nicht tabuisiert. Im Gegenteil, gerade darüber wird viel und durchaus kontrovers diskutiert. Die Leute, die kommen, sind unterschiedlich und bunt, auch wenn sie das Interesse an Glaubensfragen verbindet. Sie sammeln eigene Erfahrungen mit Gebeten, mit Meditation und geistlicher Musik und tauschen sich darüber aus. Das tut ihnen gut und stärkt sie für die Anforderungen ihres Studiums. Es gibt ihnen einen festen Halt in den Stürmen des Alltags. Und was die Studierenden im Studium als Rückhalt und Anker erfahren, das trägt hoffentlich auch in anderen Phasen des Lebens.

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SWR2 Zum Feiertag

25DEZ2023
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Eine Weihnachtskrippe versammelt viele verschiedene Menschen und Tiere. Da ist zunächst einmal das übliche Personal: Maria, Josef, das Jesuskind, Ochs und Esel, Schafe und Kamele. Dann sind da die Hirtinnen und Hirten und die drei Weisen aus einem fernen Land im Osten. In diesem Jahr habe ich noch zwei andere Figuren symbolisch dazu gestellt. Es sind zwei junge Männer aus Eritrea. Sie haben mir in diesem Jahr einen besonderen Weihnachtsmoment geschenkt. Und das kam so:

Ich bin abends nach der Arbeit mit meinem Fahrrad noch zum Supermarkt gefahren und habe eingekauft. Als ich bezahlen will, kann ich meinen Geldbeutel nicht finden, obwohl ich überall suche. Hosentaschen, Manteltaschen, Rucksacktaschen. Nichts. Meine Geldbörse ist wie vom Erdboden verschwunden. Nachdem ich noch zweimal alles abgesucht und sogar den Rucksack ausgeleert habe, wird mir klar: Die Geldbörse ist weg, mit allen Bankkarten, mit Personalausweis, Bargeld und allem Drum und Dran.
„Tief ein- und ausatmen!“, ermahne ich mich selbst. „Sonst flippe ich aus!“

Mehrfach bin ich danach mit dem Fahrrad die Strecke von meinem Büro zum Supermarkt und wieder zurück abgefahren, obwohl es geregnet hat und ich kaum etwas gesehen habe. Aber mein Geldbeutel bleibt verschwunden. Ich versuche mich zu beruhigen: „Es gibt Schlimmeres auf der Welt!“, sage ich mir. Aber der Gedanke tröstet mich nicht. Schließlich entscheide ich mich, erst einmal nach Hause zu fahren und mir einen Kamillentee zu kochen. Einmal durchschnaufen, dann zur Polizei gehen, um den Verlust zu melden. Dann Bankkarten sperren und sich darauf einstellen, dass alles ewig dauern wird, bis ich meine Papiere wieder zusammen habe.

Der Tee zieht noch, als es bei mir an der Tür klingelt. Zwei junge Männer, beide „Person of Color“, also mit dunkler Hautfarbe, grüßen mich freundlich und fragen mich nach meinem Namen. In der Hand halten sie meinen Geldbeutel, den sie irgendwo auf der Straße gefunden haben. Die beiden lachen mich an, und ich hätte sie umarmen können.

Beide erzählen mir stolz, wie sie mit Hilfe meines Personalausweises meine Adresse herausgefunden haben. Für sie sei es eine Ehrensache, extra den Umweg zu mir nach Hause zu machen, um mir den Geldbeutel persönlich zu überreichen. Wir unterhalten uns noch eine Weile. Sie heißen Luam und Jemal und sie kommen aus Eritrea. Von dort sind sie schon vor etlichen Jahren geflohen, da sie aus politischen Gründen verfolgt worden sind. In Deutschland haben sie Sicherheit, Jobs und eine neue Lebensperspektive gefunden. Ich lade sie zu mir auf eine Tasse Tee ein. Aber da winken sie ab. Sie sind schon verplant für den Abend. Ich bedanke mich herzlich, gebe den beiden ein ordentliches Trinkgeld in die Hand, dann ziehen die beiden fröhlich ihrer Wege.

Ich schaue ihnen nach und denke: Luam und Jemal werden auf der Straße vermutlich häufiger von der Polizei kontrolliert als Paul und Ben von nebenan. Und wahrscheinlich hätte auch ich selbst sie eher kritisch beäugt und misstrauisch auf meine Geldbörse aufgepasst. Der Gedanke beschämt mich. Und gleichzeitig - und umso mehr - feiere ich diesen Moment der Freude: Denn diese beiden jungen Männer sind an jenem verregneten Abend für mich definitiv zu meinen persönlichen Weihnachtsboten geworden. Sie haben mich an den Geist von Weihnachten erinnert: An Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Mitmenschlichkeit.

Diese Erfahrung zeigt: Jedes Jahr beziehen ganz unterschiedliche Menschen die Weihnachtsbotschaft auf ihr eigenes Leben und werden dadurch selbst zum Teil der Weihnachtsgeschichte. Auf diese Weise kommen zum ursprünglichen Krippenpersonal immer wieder andere Menschen hinzu: Geliebte Menschen, die wichtig sind im Leben und ohne deren Einsatz so ein Weihnachtsfest gar nicht funktionieren würde: Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern nachts auf der Intensivstation. Personal in Bussen und Bahnen, in diakonischen Einrichtungen und Schulen, in der Dienstleistung und in Betrieben. Die Hebamme, die bei der schwangeren Frau ist, wenn sie das Kind gebiert. Sozialarbeitende, die Drogensüchtige oder Wohnungslose unterstützen. Polizei, Feuerwehr und so viele andere, die haupt- oder ehrenamtlich dafür sorgen, dass menschliches Zusammenleben gelingt, und zwar mit Kopf, Herz und Hand.
Und so kommt auch Jesus jedes Jahr in der Heiligen Nacht auf die Welt - mitten hinein ins konkrete Leben.

Damit werden diejenigen, die Weihnachten feiern, zu modernen Hirtinnen und Hirten, die - wie damals - von den Engeln gerufen werden und die Geburt Jesu bezeugen.

In diesem Jahr sind das für mich Luam und Jemal aus Eritrea und für Sie mögen es andere sein, die mit an der Krippe stehen und die Weihnachtsbotschaft in ihr Lebensumfeld bringen. Ihnen allen wird an Weihnachten zugerufen: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkündige euch große Freude. Gott ist Mensch geworden und bringt Licht und Hoffnung in die Welt!“

Diese Weihnachtsbotschaft wird auch in den vielen Krippen weltweit immer wieder neu dargestellt. Und damit kommt die Weihnachtsgeschichte tatsächlich ganz handfest auf die Marktplätze und in die Wohnzimmer der Menschen. Mit Holzfiguren, Krippe und Stroh, Ochs und Esel und dem Stern über dem Stall.

Die Krippendarstellungen spiegeln dabei ganz selbstverständlich das jeweilige soziale Umfeld, die Region und Kultur. Da wird Jesus zum südafrikanischen, mexikanischen oder koreanischen Baby. Das ist nicht nur Folklore, sondern zeigt eindrücklich und konkret: Gott wird an Weihnachten einer von uns, nimmt menschliche Gestalt an, bekommt menschliche Züge, und die sehen dann halt auch so aus wie die Menschen: ganz verschieden.

Deshalb finde ich die Krippendarstellungen in der Advents- und Weihnachtszeit auch so spannend. Es berührt mich, mit wie viel Liebe diese Krippen geschnitzt, bemalt, aufgestellt und mit Figuren gefüllt werden. Erst sind es nur Ochs und Esel und ein paar Hirten auf dem Feld. Maria und Josef kommen am Heiligen Abend dazu und das Jesuskind wird in der Heiligen Nacht dazugelegt. Danach kommen die Hirten und schließlich am 6. Januar die drei Weisen aus einem fernen Land im Osten. Über allem wacht der Stern und die Tiere, die alles im Blick behalten.

In manchen Städten gibt es ganze Krippenwege durch die Innenstädte. Dort werden in der Adventszeit Krippen von ganz verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern aufgestellt. Ich erinnere mich an eine Krippe, die auf einem Rettungsboot voll mit Geflüchteten auf dem Wasser stand, eine andere Krippe hat mitten auf einer Müllhalde gelegen. Es gibt Krippen in Zelten, in Iglus, in einem Hochhaus oder in einer Garage. Diejenigen, die die Krippen bauen, orientieren sich an ihren eigenen Lebensorten.  

Es sind aber nicht nur die Orte der Krippen, die von alters her an verschiedene Lebensorte in der ganzen Welt versetzt worden sind.

Es sind auch die Hauptfiguren der Geschichte, die dem eigenen Lebensumfeld angepasst werden. Da gibt es Figuren eingepackt in dicke Mäntel und mit Gesichtern von Inuit, also von den Menschen, die im Norden Kanadas leben. Es gibt Figuren mit asiatischen Gesichtszügen, die Saris und Seidentücher tragen. Es gibt Figuren mit Alltagskleidern, die auch ich tragen könnte: Jeans, Pullover, Sportschuhe in einer Wohnung irgendwo in Europa. Und dann gibt es Figuren, deren Haut schwarz ist und die vor afrikanischen Zelten das neugeborene Kind bestaunen und feiern. Und es gibt dunkelhäutige Menschen vor einem Beduinenzelt oder einer einfachen Unterkunft, wie sie auch heute noch in Bethlehem zu finden sind. Die Gesichtszüge sind verschieden. Aber allen steht die Freude über das neu geborene Kind ins Gesicht geschrieben.

„Ja“, sage ich mir, „so kommt die Weihnachtsbotschaft immer wieder neu in die Welt.“ Indem überall auf der Welt der Stern von Bethlehem in die Leben der Menschen hineinleuchtet und von etwas Besonderem erzählt. Von einem einfachen Kind, das geheimnisvoll und wehrlos zu sein scheint und von dem trotzdem ein intensives Licht und eine besondere Kraft ausgeht.

Die Geschichte erzählt von der Zuversicht, dass nicht Militärmacht und Gewalt, sondern ein friedliches und respektvolles Miteinander, Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit wichtig sind im Leben. Egal ob die Weihnachtsboten Hirten aus Bethlehem sind oder Luam und Jemal aus Eritrea, egal ob sie aus Nazareth, Bangkok oder Buenos Aires kommen, egal ob sie schwarz sind oder weiß, jung oder alt, männlich, weiblich oder divers, queer oder hetero. Sie alle werden zu Botinnen und Boten dieser wunderbaren Geschichte von dem Kind in der Krippe.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen friedliche und gesegnete Weihnachten!

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SWR2 Wort zum Tag

15NOV2023
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Desmond Tutu habe ich 1996 kennengelernt, als ich ein Auslandspraktikum in Südafrika gemacht habe. Er war damals Erzbischof von Kapstadt. Inzwischen ist er verstorben, aber bis heute ist er für mich ein Vorbild im Glauben.  
Während ich in Kapstadt war, ist Desmond Tutu in den Ruhestand gegangen und mit vielen Gottesdiensten und Feiern verabschiedet worden. Eine Ehrung ist auf die nächste gefolgt. Ich habe hinter den Kulissen dabei geholfen, Stühle zu rücken, Kaffee zu kochen und Tische zu dekorieren. Das hat mir nichts ausgemacht, denn dafür durfte ich überall dabei sein.

Was mich am meisten beeindruckt hat: Am Bischofssitz hat es auch während der Dauerfeierlichkeiten jeden Morgen um 8 Uhr eine Morgenandacht in der Kapelle gegeben. Beim anschließenden Tee wurden die anstehenden Termine und Aufgaben des Tages besprochen. Zum Abschluss hat der Erzbischof ein Gebet gesprochen und alle gesegnet.

Es ist eine hektische Zeit gewesen. Und dennoch hat mich bei diesen Morgenandachten und beim Morgentee eine eigentümliche Ruhe erfüllt. Es waren kostbare Momente. Trotz des ganzen Rummels um seine Person ist Desmond Tutu neugierig und aufmerksam geblieben. Er wollte wissen, wie es den Mitarbeitenden geht, und auch mich hat er gefragt, woher ich komme und was mich in meinem Theologiestudium am meisten interessiert hat.

Der Mann war nur ein Meter 60 groß, aber witzig, quirlig und voller Lebensfreude. Wenn er einen Vortrag gehalten oder gepredigt hat, blitzten seine Augen und er hat  eine Energie und Überzeugungskraft ausgestrahlt, die nicht nur mich begeistert haben.

Sein Interesse an Menschen hat in der festen Überzeugung gewurzelt, dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist und mit Würde ausgestattet. Als schwarzer Priester aus einem Township, der es bis zum Erzbischof von Südafrika gebracht hat, hat er sich vehement gegen die Strukturen von Apartheid eingesetzt, gegen Rassismus und Gewalt gepredigt und gewaltfreie Demonstrationen angeführt. In einer Zeit, als die Kritik am Apartheidsregime lebensgefährlich war, hat er klare Worte gegen jede Form der Gewalt gefunden. Oft hat er als Vermittler zwischen den Fronten gedient und versucht, den Dialog aufrecht zu erhalten.

Aber auch nach der ersten freien Wahl in Südafrika im Jahr 1994 ist er kritisch und unbequem geblieben. Dabei ist das Wichtigste in seinem Leben neben seiner Familie sein unumstößlicher Glaube gewesen. Alle Menschen sind nach Gottes Ebenbild geschaffen. Niemand ist mehr oder weniger wert. Dafür hat er sich eingesetzt und ist für mich daher bis heute ein Vorbild im Glauben.

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SWR2 Wort zum Tag

14NOV2023
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Es ist dunkel und neblig. Ich zünde eine Kerze an. Und selbst wenn es nur ein kleines Licht ist, ist die Finsternis für eine Weile weg. Das tut mir gut. Denn es ist mitten im November und ich habe den Novemberblues. Die November-Themen machen mir zu schaffen. Zwischen Allerseelen und Totensonntag geht es um Zerbrechlichkeit und Endlichkeit. Wer ist krank und kämpft mit Schmerzen? Wer liegt im Sterben oder ist in diesem Jahr bereits gestorben?

Der Volkstrauertag erinnert außerdem daran, dass es neben den persönlichen Schicksalsschlägen und Verlusten auch um die kollektive Erinnerung an die Verluste aus den beiden Weltkriegen und aus allen späteren Kriegen geht. Das ist in diesem Jahr so konkret wie lange nicht: In der Ukraine hören der Krieg, das Morden und das Sterben nicht auf. In Israel beweinen Angehörige die Opfer nach den Terrorangriffen und dem Massaker der Hamas. 

Die Berliner jüdische Kantorin Avital Gerstetter postet jeden Tag einen Namen von in Israel ermordeten Personen und schreibt unter die Fotos: „Wir rufen deinen Namen und versprechen: Wir werden dich niemals vergessen!“

Und auch die Zivilbevölkerung im Gazastreifen betrauert tagtäglich ihre Toten.
Was ist das für eine unaufhörliche und wahnsinnige Spirale der Gewalt!

An vielen Orten halten Menschen Mahnwache, beten für das Ende von Terror und Gewalt und zünden Lichter an für die Toten und ihre Angehörigen. Diese Mahnwachen und Gebete helfen mir. Gleichzeitig erschüttern mich antisemitistische Parolen, Aufrufe zur Auslöschung Israels und zur Aufrichtung eines Kalifenstaats in Europa und weltweit und machen mir Angst. Was heißt Zerbrechlichkeit und Endlichkeit angesichts von hingeschlachteten Männern, Frauen und Kindern? Wie zynisch sind antisemitische Parolen und Aufzüge gerade in Deutschland, wo wir am 9. November zum 85. Mal der Reichspogromnacht gedacht haben und „nie wieder ist jetzt!“ gerufen haben?

Nichts tröstet in diesen Tagen, nichts nimmt mir mein Gefühl von Ohnmacht und Sprachlosigkeit angesichts der komplett festgefahrenen Narrative und miteinander verstrickten Hasstiraden.

Mitte November: Zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Tod und Leben, zwischen Verzweiflung und Hoffnung trotz allem. Jeden Tag zünde ich ein Licht an für alle, die trauern, die Angst um die verschleppten Geiseln haben oder sich um ihre Kinder im Krieg sorgen. Ich nenne Namen der Toten und lege sie vor Gott. Mehr Sprache habe ich nicht. Mein Kerzenlicht leuchtet. Es ist nur ein kleines Licht. Aber es ist da.

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SWR2 Wort zum Tag

13NOV2023
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Ich werde manchmal gefragt, wer Jesus Christus für mich ist. Ich finde das gar nicht so einfach, darauf kurz und bündig zu antworten. Zumal sich das in meinem Leben je nach Stimmung und Lebensthemen auch schon verändert hat. Gut, dass mich in Europa niemand zwingt, ein persönliches Bekenntnis abzugeben. Und wenn ich es tue, ist das meine Entscheidung und nicht gefährlich, wie zum Beispiel in Nordkorea, Nigeria, Jemen oder Somalia, wo autokratische Regierungen oder extremistische Gruppierungen Christinnen und Christen verfolgen und manchmal sogar töten. Problematisch ist so ein Bekenntnis auch schon zu biblischen Zeiten gewesen.

Jesus ist mit seinen Gefährten durch Galiläa gewandert, hat mit den Menschen gegessen, getrunken, gefeiert und einige von ihnen geheilt. Über ihn sind viele Gerüchte im Umlauf. Die einen sagen dies, die anderen das. Auch die Jünger wissen nicht so genau, was sie von ihm halten sollen. Und plötzlich konfrontiert Jesus sie mit der „Gretchenfrage“ und fragt: „Was glaubt ihr denn, was ich für einer bin?“
Einige antworten darauf: „Du bist ein Lehrer, Jesus!“ Andere halten ihn für einen Propheten oder einen Heiler (Mt 16,14).

Den meisten ist jedenfalls klar, dass Jesus irgendwie anders ist. Er ist nicht nur ein Mann, der sich bestens in der biblischen Tradition auskennt, sondern Jesus stellt das Wohlergehen der Menschen über das Gesetz und heilt, wenn es nötig ist, auch am Schabbat. Zugleich fordert er, dass das Gesetz bis zum letzten i-Tüpfelchen eingehalten wird.
Jesus hat die hebräische Bibel eher eigenwillig ausgelegt. Und er hat es nicht bei Worten belassen. Jesus war ein radikaler Praktiker, der die Sorgen der Leute gehört und ernst genommen hat. Er hat kranke Menschen geheilt und Außenseiter respektiert. Mit seinen ungewöhnlichen Ansichten und Verhaltensweisen hat er viele überrascht oder sogar vor den Kopf gestoßen. Wer war er also?

Petrus ist vorgeprescht: „Du bist Christus, der lebendige Sohn Gottes!“ (Mt 16,16). Petrus hat Jesus einen Titel verliehen. Nicht Kaiser, nicht König oder Oberbefehlshaber, sondern Christus. Wörtlich heißt das „der Gesalbte“. Das ist ein Hoheitstitel aus dem Alten Testament. Dort wird er Königen verliehen. Und er bezeichnet eine zukünftige Rettergestalt. Petrus hat sich getraut, Jesus mit dieser Zuschreibung als Sohn Gottes anzuerkennen.

Bis heute ist ein Bekenntnis zu Jesus Christus in einigen Teilen der Welt ein riskantes Glaubenszeugnis. In westlichen Ländern wird man dafür eher als naiv belächelt oder völlig verständnislos angesehen. Und so bleibt die Frage bis heute aktuell: Wer ist Jesus für Dich?

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