SWR2 Wort zum Tag

15NOV2023
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Desmond Tutu habe ich 1996 kennengelernt, als ich ein Auslandspraktikum in Südafrika gemacht habe. Er war damals Erzbischof von Kapstadt. Inzwischen ist er verstorben, aber bis heute ist er für mich ein Vorbild im Glauben.  
Während ich in Kapstadt war, ist Desmond Tutu in den Ruhestand gegangen und mit vielen Gottesdiensten und Feiern verabschiedet worden. Eine Ehrung ist auf die nächste gefolgt. Ich habe hinter den Kulissen dabei geholfen, Stühle zu rücken, Kaffee zu kochen und Tische zu dekorieren. Das hat mir nichts ausgemacht, denn dafür durfte ich überall dabei sein.

Was mich am meisten beeindruckt hat: Am Bischofssitz hat es auch während der Dauerfeierlichkeiten jeden Morgen um 8 Uhr eine Morgenandacht in der Kapelle gegeben. Beim anschließenden Tee wurden die anstehenden Termine und Aufgaben des Tages besprochen. Zum Abschluss hat der Erzbischof ein Gebet gesprochen und alle gesegnet.

Es ist eine hektische Zeit gewesen. Und dennoch hat mich bei diesen Morgenandachten und beim Morgentee eine eigentümliche Ruhe erfüllt. Es waren kostbare Momente. Trotz des ganzen Rummels um seine Person ist Desmond Tutu neugierig und aufmerksam geblieben. Er wollte wissen, wie es den Mitarbeitenden geht, und auch mich hat er gefragt, woher ich komme und was mich in meinem Theologiestudium am meisten interessiert hat.

Der Mann war nur ein Meter 60 groß, aber witzig, quirlig und voller Lebensfreude. Wenn er einen Vortrag gehalten oder gepredigt hat, blitzten seine Augen und er hat  eine Energie und Überzeugungskraft ausgestrahlt, die nicht nur mich begeistert haben.

Sein Interesse an Menschen hat in der festen Überzeugung gewurzelt, dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist und mit Würde ausgestattet. Als schwarzer Priester aus einem Township, der es bis zum Erzbischof von Südafrika gebracht hat, hat er sich vehement gegen die Strukturen von Apartheid eingesetzt, gegen Rassismus und Gewalt gepredigt und gewaltfreie Demonstrationen angeführt. In einer Zeit, als die Kritik am Apartheidsregime lebensgefährlich war, hat er klare Worte gegen jede Form der Gewalt gefunden. Oft hat er als Vermittler zwischen den Fronten gedient und versucht, den Dialog aufrecht zu erhalten.

Aber auch nach der ersten freien Wahl in Südafrika im Jahr 1994 ist er kritisch und unbequem geblieben. Dabei ist das Wichtigste in seinem Leben neben seiner Familie sein unumstößlicher Glaube gewesen. Alle Menschen sind nach Gottes Ebenbild geschaffen. Niemand ist mehr oder weniger wert. Dafür hat er sich eingesetzt und ist für mich daher bis heute ein Vorbild im Glauben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=38778
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