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SWR4 Abendgedanken
Es ist Mai. Die Hochzeitssaison hat begonnen. Monate, manchmal Jahre lang planen junge Paare ihr Fest der Liebe. Es soll ein besonderer Tag werden, ein Tag, der sich ins Herz des Paares und der Gäste einschreibt. Die Erwartungen an diesen Tag sind groß: Man wünscht sich Sonne, gutes Essen, fröhliche Gesichter - mit oder ohne Kirche. Ein Tag, an dem einfach alles passt, alles zusammenkommt.
Als Pfarrerin nehme ich wahr, dass sich bei manchen Paaren ein ganz schöner Druck aufbaut: alles muss stimmen. Nichts darf schiefgehen. Dieser eine Tag muss halten, was man sich vom ihm erhofft - auch und gerade dann, wenn die Erwartungen aus der Familie und dem Freundeskreis ganz unterschiedlich sind. Dabei kann leicht aus dem Blick geraten, worum es an diesem Tag eigentlich geht. Nicht um das perfekte Fest, sondern um zwei Menschen, die einander wichtig sind. Die einander lieben und ihren Weg gemeinsam durch das Leben gehen möchten.
Vielleicht entsteht genau aus diesem Gedanken heraus eine andere Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach dem Einfachen. Danach, das Wesentliche in den Blick zu nehmen – ohne großen Aufwand, ohne den Druck oder auch die Kosten einer großen Feier.
Im Juni bieten die evangelischen Kirchen an vielen Orten die Aktion „Einfach heiraten“ an. Paare sind eingeladen, ihre Liebe segnen zu lassen. Unkompliziert. Ohne lange Vorbereitung. Einfach so. Weil zwei Menschen merken: Unsere Liebe trägt – und das möchten wir feiern.
Denn die Liebe gehört allen: den jungen Paaren am Anfang. Und genauso denen, die schon viele Jahre miteinander unterwegs sind. Paaren, die Krisen überstanden haben. Die Höhen und Tiefen kennen. Die erfahren haben, dass Liebe nicht immer glänzt, aber trägt.
An diesem Tag können alle spüren: Gottes Segen für die Liebe tut gut. Vielleicht nimmt man ihn in einem kleinen Rahmen sogar bewusster wahr als in einem großen, Gottes Segen für die Liebe und das Leben. Mit einem dankbaren Blick zurück und nach vorn. Ein Moment, in dem ausgesprochen wird, was im Alltag oft ungesagt bleibt: dass Liebe zwischen zwei Menschen wertvoll ist und ein großes Geschenk.
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Das war schon immer so! Diesen Satz habe ich als junge Pfarrerin gehasst, besonders wenn er in einer Sitzung fiel. Nicht, weil ich alles anders machen wollte. Sondern weil dieser Satz jede Diskussion erstickt hat. Ich war neugierig. Ich wollte verstehen, woher bestimmte Traditionen in der Kirche kommen und warum sie für manche so unverrückbar waren. Das war schon immer so! Ein Satz wie ein Deckel auf neue Ideen, auf Zweifel, auf ehrliches Verstehen Wollen.
Heute höre ich diesen Satz mit anderen Ohren. Ich höre darin auch Angst. Die Angst, etwas zu verlieren, was man liebgewonnen hat. Die Angst, dass Erfahrungen entwertet werden. Und ja, natürlich gilt das auch für mich. Ich bin ein ganzes Stück älter geworden, habe Neues auf den Weg gebracht, von dem man heute sagt „Das war schon immer so!“ Und ich weiß: Nein, das war es nicht.
Meine Tochter ist jung. Sie hat Ideen. Sie stellt Fragen, wo ich längst meine, Antworten zu haben. „Mama, hör mir doch erst einmal zu!“ Sie denkt weiter, wo ich vorsichtig geworden bin. Und manchmal merke ich, wie schnell mir selbst der Satz über die Lippen kommen will, den ich früher nicht ertragen habe. Das war schon immer so!
Meine Tochter sagt zum Beispiel, dass man, bevor man etwas entscheidet, erst einmal wirklich zuhören soll – auch denen, die anders denken. Das fordert mich heraus. Nicht, weil ich es grundsätzlich anders sehe, sondern weil ich spüre, wie schnell Erfahrung zur Grenze werden kann und Vorsicht zum Bremsklotz.
Vielleicht liegt die Herausforderung nicht darin, ob die Jungen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sondern, ob wir Älteren bereit sind, ihnen den nötigen Raum zu geben. Nicht, weil es uns egal ist, sondern, weil wir ihnen vertrauen. Nicht, weil wir keine Ideen mehr haben, sondern weil wir neugierig sind auf ihre Visionen und Vorstellungen.
In der Bibel heißt: „Eure Söhne und Töchter werden prophezeien, eure Alten werden Träume haben“ (Joel 3,1) Beides gehört für mich zusammen, die Prophezeiungen der Jugend und die Träum der Alten. Doch Prophezeiungen brauchen Raum, und Träume dürfen nicht zu Mauern werden. Vielleicht beginnt Loslassen genau hier: Wo wir den Satz Das war schon immer so! nicht mehr als Abwehr benutzen, sondern als Einladung, über alle Generationen hinweg gemeinsam weiterzudenken und zu träumen.
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Unser Sohn studiert in Karlsruhe. Das ist von uns ein ganz schönes Stück weg. Mit dem Zug braucht er rund drei Stunden und da kann er nicht jedes Wochenende nach Hause kommen - auch wenn wir das als Familie natürlich schön fänden. Stück für Stück geht er immer mehr seinen eigenen Weg. Für mich als Mutter heißt das Loslassen. Das ist eine Kunst eigener Art.
Kriegt er das alleine hin? Diese Frage begleitet mich durch die Jahre hindurch: Als er beginnt, mit dem Roller auf dem Gehweg unterwegs zu sein, als der kleine Erstklässler morgens in den übervollen Bus zur Schule steigt. Kriegt er das allein hin?
Wie harmlos mir dieser Bus heute erscheint, wenn ich daran denke, wie er später zum ersten Mal mit dem Fahrrad zur Schule gefahren ist – und erst recht, als er mit dem Auto vom Hof fuhr.
Vor ein paar Wochen war er mit einem Interrailticket unterwegs – kreuz und quer durch Osteuropa: fast 5000 km - sieben Länder -mit 20 verschiedenen Zügen.
Er hat sich ganz bewusst entschieden, alleine unterwegs zu sein, im Rucksack Kleidung für fünf Tage. Und es hat geklappt. Nicht, weil alles perfekt durchgeplant war, sondern weil er seinen Weg auf dieser Reise gefunden hat. Schritt für Schritt. Es war kälter als gedacht, vielfältiger und bunter. Einheimische haben ihm Wanderwege empfohlen, Ostern hat er in einer deutschsprachigen Gemeinde in Siebenbürgen gefeiert und er ist überzeugt: slowenische Mehlspeisen sind die allerbesten!
Unser Sohn bekommt sein Leben alleine geregelt. Das weiß ich. Mit seiner Europareise hat er das mir und ein Stück weit auch sich selbst noch einmal bewiesen.
Und trotzdem frage ich ihn, wenn er von unserem Zuhause zu seinem Studienort aufbricht: „Hast Du alles eingepackt?“ „Ja, habe ich,“ sagt er und lächelt mich an.
Denn er weiß, dass ich inzwischen nicht mehr die Brotdose und den Turnbeutel meine, sondern eine große Portion Liebe von uns, seiner Familie. Die hatte ich ihm nämlich beim Abschied zu seiner großen Reise mitgegeben. Und dazu einen leisen Segen „Gott behüte dich!“ Ein Satz und Wunsch für Wege, die weiterführen, als die, die ich als Mutter mitgehen kann und möchte.
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Meine Oma hat den Mai immer den Wonnemonat genannt. Ein Wort aus einer Zeit, in der man noch wusste, was es heißt, lange zu warten. Denn der Wonnemonat war der Weidemonat, in dem das Vieh nach dem langen, kalten Winter endlich wieder hinaus auf die Weide durfte. Ich erinnere mich noch, wie im Mai der Bauer in unserer Straße mithilfe der ganzen Nachbarschaft und uns Kindern die Kühe das erste Mal auf die Weide getrieben hat. Kaum auf der Weide angekommen, sprangen die Tiere fröhlich hin und her, drehten ausgelassen ihre Runden und schienen ihre neu gewonnene Freiheit mit jedem Schritt zu feiern. Mir geht es in diesem Jahr ganz ähnlich. Die Wintermonate haben sich hingezogen; vieles fühlte sich gerade auch aufgrund der politischen Weltlage schwer und grau an.
Jetzt im Mai scheint endlich wieder die Sonne. Die Vögel singen bei uns morgens und abends, ein Schwanenpaar brütet am Ufer der Tauber. Die Bäume tragen ihr frisches Grün. Alles drängt nach draußen und unser Städtchen wird neu belebt. Radfahrtouristen kommen zu uns nach Tauberfranken, und Schiffe mit Gästen aus der ganzen Welt legen an. Auf dem Marktplatz wird geschwätzt und gelacht. Die Cafés und Eisläden haben geöffnet. Das Leben fühlt sich plötzlich schöner an, so viel leichter als noch vor ein paar Wochen, obwohl sich das Weltgeschehen im Grunde leider nicht verändert hat.
Aber die Lebensfreude, die jetzt an so vielen Orten spürbar ist, verändert meinen Blick. Ich lasse mich nicht mehr so ganz gefangen nehmen von Sorgen und Schwere. In der Bibel heißt es: „Ein frohes Herz macht das Gesicht heiter, doch Kummer im Herzen bedrückt den Geist.“ (Sprüche 15,13)
Der Mai feiert das Leben- unübersehbar. So wie wir dem Leben Raum geben, hellt sich auch unser Blick auf. Ein frohes Herz lässt sich nicht verordnen. Es wächst dort, wo wir wahrnehmen, wie viel und was uns alles geschenkt ist. Freude ist keine Flucht vor der Wirklichkeit. Sie ist eine Kraft, die uns trägt. Sie richtet uns auf, schenkt uns Mut und verändert mehr als wir denken.
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Heute ist Gründonnerstag. Jesus hat an diesem Tag mit seinen Jüngern das letzte Mal zusammen gegessen und getrunken. Danach wurde er von einem von ihnen verraten und dann von römischen Soldaten verhaftet. Vorher jedoch hat Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen, was bei der Dramatik der Ereignisse oft in den Hintergrund gerät. Füße waschen!? Ich frage mich, ob ich das selbst könnte - anderen die Füße waschen.
Petrus, einem der Freunde Jesu, scheint es ähnlich zu gehen. Als Jesus ihm die Füße waschen will, entgegnet er entsetz: „Niemals sollst du mir die Füße waschen!“ Seine Reaktion ist auch verständlich, denn einem anderen die Füße zu waschen, war damals ein niedriger Sklavendienst. Sklaven wuschen ihren Herren den Dreck der Straße von den Füßen. Die Vorstellung, dass Jesus diesen Dienst übernehmen könnte, war für Petrus undenkbar. Jesus war für ihn ein Vorbild, ein Anführer, ja, der Sohn Gottes. Warum sollte Jesus solch einen niedrigen Dienst tun?
Ich verstehe Petrus Reaktion vor diesem Hintergrund. Für ihn war es eine Verdrehung der Verhältnisse. Mich beschäftigt aber auch die umgekehrte Sichtweise: Möchte ich mir von jemand anderem die Füße waschen lassen? Dabei kommt man sich doch sehr nah. Wer darf mich so berühren?
Jesus bietet mit der Fußwaschung Nähe an. Und so stellt sich für seine Freunde – und eben auch für mich – die stille Frage: Kann ich das annehmen? Kann ich überhaupt zulassen, dass mir jemand Gutes tut? Kann ich mir Nähe schenken lassen? Für viele ist es mindestens genauso schwer, Gutes für sich anzunehmen wie Gutes für andere zu tun.
Vielleicht ist das die Einladung dieses Gründonnerstages: Lass Dich darauf ein, dass es jemand gut mit Dir meint! Du darfst Dich auch einmal fallen lassen. Da ist jemand, der Dich auffängt und Dir im wahrsten Sinne des Wortes Deinen Schmutz von den Füßen abwäscht, ja, vielleicht sogar Deinen Lebensschmutz von der Seele.
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Am Osterfest vor zwei Jahren habe ich in Ghana, an der Westküste Afrikas, eine der Sklavenburgen besucht. Ein bedrückender Ort. Es war eine Festung, von der aus Hunderttausende von Menschen als Sklaven bewertet, eingepreist, verschifft und verkauf wurden.
Der ghanaische Pfarrer erinnerte an diesem Ort an die Geschichte von Judas, der Jesus für 30 Silberlinge verraten hat: „Was gebt ihr mir, dass ich euch verrate, wo Jesus ist?“ (Matthäus 26,15) Die Antwort der Verfolger, was ihnen das Leben Jesu wert ist, kommt sofort: „30 Silberlinge.“ Das war zu biblischen Zeiten der Preis, der für einen Sklaven bezahlt wurde. Er zeigt die Geringschätzung, die die Gegner Jesus entgegenbringen. In ihren Augen ist er ein Störenfried, nicht mehr wert als einer, der nicht dazugehört -einer, der beseitigt werden muss.
Ich spüre deutlich: Es ist für mich unmenschlich, wenn der Wert eines Menschen in Zahlen gemessen wird. Denn dann wird das Leben nur noch nach seinen Kosten und seinem Nutzen gefasst und nicht nach dem, was das Leben in seiner ganzen Breite ausmacht. Genau dafür stand Jesus.
Aber wie oft sind wir selbst in solchen Denkmustern unterwegs? Da wird Leben in Zahlen beschrieben, Schülerinnen und Schüler werden nach Noten beurteilt, Erwachsene nach Leistung und Effizienz, Beiträge im Internet nach Likes. Manchmal braucht es nur einen schlechten Tag, eine kleine Bemerkung, und schon fühlen wir uns weniger wert.
In der Passionsgeschichte wird Jesus tatsächlich für 30 Silberlinge verraten. Ein realer Verrat, eine reale Summe. Aber die Geschichte bleibt nicht dabei stehen. Sie mahnt uns: Kein Betrag kann den Wert eines Menschen festlegen, schon gar nicht den Wert Jesu.
Gott durchbricht an Ostern alle menschliche Logik. Gott setzt an Ostern einen anderen Wert für uns alle fest: Leben statt Tod. Und diese Rechnung gilt immer, jeden Tag.
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Hoch oben auf unserem Kirchturm thront ein Wetterhahn. Wind und Wetter hält er stand, Eis und Schnee. Und vor ein paar Tagen - als endlich die Frühlingssonne durchkam – hat er zum ersten Mal seit Monaten golden in der Sonne geleuchtet. Der Wetterhahn sitzt nicht zufällig weit sichtbar auf den Kirchtürmen. Er soll die Menschen daran erinnern, ihr Leben ehrlich zu führen. Ehrlich mit sich selbst und ehrlich miteinander.
Der Hahn stammt aus der Passionsgeschichte. Dort kräht er in der Nacht nach Jesu Verhaftung dreimal. Und dieses kurze Krähen erinnert Petrus an sein eigenes Versagen in dieser Nacht. Petrus wollte mutig an Jesu Seite bleiben, als der von den römischen Soldaten verhaftet wird. „Ich gehe mit dir durch dick und dünn!“ Er wollte stark sein und merkt beim Hahnenschrei, dass er es einfach nicht war. Als er gefragt wird, ob er Jesus kennt, wird er schwach und antwortet: „Ich kenne diesen Mann nicht!“ Eine sehr menschliche Reaktion. Petrus hatte Angst, er könne sonst auch verhaftet werden, es könne ihm wie Jesus ergehen. Der Hahnenschrei mahnt Petrus: Schau hin. Sei ehrlich mit dir selbst. Auch Du hast Deine Ängste und Schwächen.
Und das Wunderbare ist: Das ist nicht alles. Denn, dass der Hahn kräht, zeigt nicht nur das Scheitern, sondern zugleich einen Anfang. Den Anfang eines Weges – hinein in Vergebung, hinein in ein Neuwerden, sogar in eine Berufung. Denn Jesus sucht Petrus kurz nach den Osterereignissen auf, aber nicht, um ihm Vorwürfe zu machen. Er fragt nicht: „Warum hast du mich verlassen?“, sondern: „Hast du mich lieb?“ Und dazu kann Petrus aus vollem Herzen ja sagen. Es beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Er wird zu einem mutigen Vertreter der Sache Jesu.
Der Hahn auf unseren Kirchtürmen erinnert an diese Geschichte einer Verwandlung vom Versagen zu einem neuen Weg. Und darum freut es mich, wenn die Sonne den Hahn manchmal golden zum Leuchten bringt. Er kann uns an Momente erinnern, in denen wir uns selbst nicht wiedererkennen. Er erinnert uns: Versteck dich nicht: Es gib einen neuen Anfang. Du darfst ihn wagen.
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Ich sitze in einem Café. Eine Frau geht an meinem Tisch vorbei; der Duft ihres Parfüms erinnert mich sofort an meine ehemalige Posaunenchorleiterin. Für einen Augenblick sitzt sie mir wieder gegenüber mit ihren leuchtenden Augen, den Stirnfalten beim Zuhören. Sogar ihre Stimme klingt mir in den Ohren. „Sei mutig und stark!“ (Josua 1,9) ruft sie mir durch die Zeit hindurch zu.
Dieser Satz war typisch für sie; erst spät habe ich verstanden, warum. Wie viele Frauen ihrer Generation hatte sie im Krieg ihren Mann verloren. Für sie und ihren Sohn waren die Nachkriegsjahre hart. „Sei mutig und stark!“ – dieses Mutmachwort aus der Bibel hat sie sich wohl selbst oft zugesprochen, um durch ihren Alltag zu kommen. Es wurde zu ihrer Lebenshaltung, und sie strahlte ein großes Gottvertrauen aus. Ich war mir sicher, diese Frau konnte so schnell nichts umhauen. Sie wusste, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben, sondern, dass Gott gerade in solchen Zeiten nahe ist. Das hat ihr Kraft gegeben.
Diese Frau hat mich tief geprägt, und der Posaunenchor unter ihrer Leitung war gewiss nicht nur für mich eine Lebensschule. Sie hat sich für die Menschen interessiert, die dort zusammenkamen und sich nach den Proben Zeit genommen, oft auch für mich: „Na, wie war die Woche?“ „Hast du das in den Nachrichten mitbekommen?“ Sie hat mich ermutigt, genau hinzuschauen, was mit mir und um mich herum passiert. „Nimm nicht alles einfach hin. Hinterfrag die Dinge!“ „Trau‘ dich, Neues auszuprobieren!“ und „arbeite an dir selbst, wenn du mit etwas unzufrieden bist!“
Und immer wieder dieser Satz: „Sei mutig und stark! Denk daran: Gott geht mit dir!“ Ich staune, wie ein Hauch von Duft, der mir in die Nase weht, dieses Mutwort wieder so lebendig macht. Wie oft hat mich dieser Satz aufgerichtet, gerade, wenn ich mich klein fühlte! Wie oft hat er mich daran erinnert, dass ich nicht zu schnell aufgeben soll, wenn etwas nicht klappt. Und darum möchte ich es gerne weitergeben: Sei mutig und stark!
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Das Wochenende steht vor der Tür - und ich freue mich darauf! Bei uns in Wertheim findet am Wochenende ein Adventsmarkt statt, der im Wesentlichen von den örtlichen Vereinen getragen wird. Auf dem historischen Marktplatz und in den Gassen stehen Holzbuden, geschmückt mit Tannenzweigen und Sternen. An allen Hausfassaden ringsum haben die Stadtwerke Lichterketten aufgehängt. Es duftet nach frisch gebackenen Waffeln und würzigem Apfelpunsch, nach Bratwürstchen und gebrannten Mandeln. An einem Stand sind die Abiturienten zu sehen, die mit dem Verkaufserlös ihre Abschlussfeier finanzieren möchten, an einem anderen Kindergarteneltern, die die Anschaffung eines neuen Spielhauses unterstützen möchten. Fußballer, Technisches Hilfswerk, Frauenverein, Malteser, Förderverein der Kirche – irgendwie sind alle dabei. Auf einer kleinen Bühne gibt es dazu ein buntes Musikprogramm: Schüler der Musikschule, Musikkapellen der Umgebung, ein Posaunenchor. Die Klänge mischen sich mit dem fröhlichen Stimmengewirr, während Jung und Alt unter dem in diesem Jahr wirklich riesigem Tannenbaum zusammenstehen, lachen, reden und sich wärmen.
Ich mag diesen kleinen, ganz besonderen Adventsmarkt, weil sich hier zeigt, was Advent für mich ist: Nämlich, sich gemeinsam auf Weihnachten zu freuen und miteinander etwas zu gestalten, was dann der ganzen Stadt guttut. Großeltern kommen mit ihren Enkelkindern, alte Klassenkameraden verabreden sich auf einen Glühwein, eine Truppe Rentnerinnen trifft sich. Der Marktplatz ist voll, und in den frühen Abendstunden strahlen die Besucher und die Adventsbeleuchtung um die Wette. Vielleicht ist dies die eigentliche Botschaft des Advents: Wir warten nicht alleine auf das Weihnachtsfest, wir gehen gemeinsam darauf zu. Und manchmal spüren wir schon jetzt, mitten auf dem Marktplatz, etwas von dem Licht, das uns aus der Krippe entgegenstrahlt. Dieses Licht von Bethlehem kann durch uns weiterleuchten, auch schon vor Weihnachten, wenn wir zusammenkommen, einander Gutes tun und Freude teilen.
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Eines meiner Lieblingslieder im Advent ist der Choral „Wie soll ich dich empfangen und wie begeg‘n ich dir?“ Er gehört nicht zu den jubelnden Festliedern und dürfte nur selten auf einem Weihnachtsmarkt in diesen Tagen zu hören sein. Der Text stammt von Paul Gerhardt, der zum Beispiel auch das Sommerlied „Geh‘ aus, mein Herz, und suche Freud‘“ geschrieben hat. Mir gefällt Paul Gerhardts Adventslied, weil es mich dazu einlädt, darüber nachzudenken, wie ich das Weihnachtsfest angehen möchte. Dabei geht es mir nicht um das Drumherum und den Festabend, um die Deko und Geschenke, sondern allein um mich und meine innere Haltung. Meine Großmutter hat das Innere noch mit dem Äußeren verbunden. Vor dem Weihnachtsfest fiel sie in einen regelrechten Putz- und Aufräumwahn. Mit der Begründung: „Wenn Jesus kommt, dann muss das Haus sauber sein!“ Das hat mich als Kind gewundert. Jesus wurde doch in einem Stall geboren, und dort war sicher nicht alles blitzblank. Erst später habe ich verstanden: Das Aufräumen war für meine Großmutter mehr als Möbelrücken, es war ihre eigene persönliche Vorbereitung auf das Fest. Sie hat nicht nur ihre Wohnung, sondern auch ihr Herz und ihre Seele in Ordnung gebracht: Nicht nur der Staub auf den Schränken, sondern der Ärger, der Frust, die Sorgen – all das, was sich übers Jahr in ihr angesammelt hatte, sollte nicht länger darin bleiben. Und so hat sie sich Zeit genommen, um in ihrem Inneren zurechtzurücken, was zwischen ihr und ihrem Umfeld aus dem Lot geraten war: Zeit für einen Anruf beim ältesten Sohn, von dem sie lange nichts gehört hatte, für einen Brief an die Tochter in Amerika. Eine Botschaft an die Enkelin: Du bist alt genug, Dein Zimmer auch einmal selbst aufzuräumen. Das muss nun wirklich nicht mehr deine Mutter tun.
Heute frage ich mich, was ich vielleicht noch vor dem Weihnachtsfest angehen muss, damit ich dann auch gut feiern kann. Wo braucht es noch etwas Ordnung? Wo sollte ich wirklich noch mal aufräumen, damit es ein echtes, nicht nur ein oberflächliches Fest für mich wird? .“Wie soll ich dich empfangen und wie begeg‘n ich dir?“ Vielleicht fange ich morgen früh gleich einmal mit der Küche an.
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