SWR4 Abendgedanken

13DEZ2023
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„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!“ ist mein Lieblingsadventslied. Es ruft mir zu: „Platz da für das Kind aus dem Stall von Bethlehem, Platz da für seine Friedensbotschaft!“ Das Lied erzählt von einem Herrscher, der für Gerechtigkeit sorgt. Und dies nicht durch Macht und laute Töne, sondern durch Sanftmütigkeit und Barmherzigkeit. Altmodisch klingt das. „Sanftmütig“, „barmherzig“. Dabei hätte ich gerade davon gerne mehr in diesen Tagen. Ich sehne mich nach einem „Frieden auf Erden“, den ja gerade die Engel in der Heiligen Nacht verkündet haben. Ich sehne mich nach mehr Raum und Platz für die leisen Töne, nach kleinen Zeichen des Miteinanders. Ja, dass Tore und Türen füreinander geöffnet werden, man einander begegnet, anstatt sich hinter eigenen Türen abzuschotten.

Vor Kurzem erst habe ich die Geschichte von der Entstehung des Liedes gehört, und schon da ist es um ganz konkrete Türen gegangen. Pfarrer Georg Weissel hat das Lied 1623 in Königsberg geschrieben. Inspiriert hatte ihn der junge Kirchendiener, der bei einem Ostseesturm den Besuchern der Kirche mit einer tiefen Verbeugung die Tür geöffnet hat. „Willkommen im Hause des Herrn! Seine Türen stehen jedem offen, ob arm, ob reich“. „Was für eine Predigt im Kleinen!“, hat sich der Pfarrer gedacht, zumal es ihn an einen Psalm in der Bibel erinnert hat, der sagt: „Machet die Tore weit!“. Der Pfarrer hatte dabei nicht nur die Kirchentüren im Sinn, sondern auch ein anderes, ganz konkretes: das Tor des Nachbarhauses der Kirche. Der reiche Geschäftsmann, der dort gewohnt hat, hatte nämlich seinen Grund und Boden eingezäunt und mit einem Tor verschlossen. Das führte dazu, dass die Bewohner des Armenheimes nur mit einem großen Umweg zur Kirche kommen konnten; und der war für manche zu lang. Und so hat der Pfarrer mit dem Chor das frisch gedichtete Lied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ direkt vor dessen Haus gesungen. Und, was soll man sagen?  Noch vor Ende des Liedes, sagt die Legende, habe der Mann sein Tor geöffnet und die Kranken und Alten konnten auf direktem Weg in die Kirche kommen. Diese Geschichte macht mir Mut. Und darum singe ich „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!“ in diesem Advent besonders laut.

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