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SWR2 / SWR Kultur

 

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SWR Kultur Wort zum Tag

04MRZ2026
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„Wieso kann ich nicht Patin sein, nur weil ich aus der Kirche ausgetreten bin?“ Diese Frage begegnet mir im Zusammenhang mit Taufen regelmäßig.

Ich erkläre dann, dass das Patenamt bei der Kindertaufe wichtig ist: Die Paten bekennen stellvertretend für das Kind ihren Glauben und versprechen, dem Täufling den Weg zu diesem Glauben zu ebnen. Viele tun sich mit dieser Antwort schwer, denn mit den landläufigen Vorstellungen von dem, was eine Patin sein soll, hat das oft wenig zu tun. „Ich kann doch auch ohne Kirchenmitgliedschaft die christlichen Werte weitergeben“, höre ich dann.

Manchmal komme ich mir dann kleinkariert vor. Trotzdem finde ich die Regelung sinnvoll: Ich bin überzeugt, dass Glaube Gemeinschaft braucht. Da ist einmal der reiche Schatz biblischer Geschichten und Denkweisen, die nur lebendig bleiben, wenn sie erzählt und ins Hier und Heute übertragen werden. Das andere ist: Glaube bedeutet Vertrauen. Wenn ich sage: „Ich glaube an“, dann heißt das so viel wie „Ich vertraue auf …“. Ohne Menschen, die dafür einstehen – wie soll ich da lernen, zu vertrauen? Wie der Glaube braucht auch der Zweifel Gemeinschaft. Wer glaubt, dem stellen sich immer wieder knifflige Fragen. Vertrauen und begründetes Misstrauen – Glaube und Zweifel – wenn ich mich damit auseinandersetzen will, brauche ich Menschen, die mich mitsamt meinen Fragen halten und aushalten.

Eine gute Formulierung für das, was mich beschäftigt, habe ich in der Gruppenanalyse nach S.H. Foulkes entdeckt. Sie geht davon aus, dass jeder Mensch in Gruppen sozialisiert wird: in der Familie und in der Gesellschaft. Wir finden uns immer schon in sozialen Netzwerken vor, die weit über den Einzelnen und über unsere Kleingruppen hinausreichen. Die Teilnehmer einer Gruppe bringen deshalb eine „Grundlagenmatrix“ mit, die sie im Blick auf Kultur und Werte prägt. Davon unterscheidet Foulkes die „dynamische Matrix“ einer Gruppe: das ist, was für die einzelnen erlebbar und – bewusst oder unbewusst – aktiv kommuniziert wird. Als Kirche prägen wir die Grundlagenmatrix unserer Gesellschaft in Kunst, Architektur, Literatur oder Werten. Wer Patin wird, geht darüber hinaus und sagt: Ja, ich lasse mich in die dynamische Matrix des Christentums hineinnehmen: Wenn ich einem Kind mit seinen religiösen Fragen begegne, dann ist das etwas zutiefst Lebendiges. Gemeinsam sind wir dann Teil eines weltweiten und über zweitausend Jahre hinwegreichenden Netzwerks: ein Kontenpunkt einer Kommunikation, verbunden mit vielen anderen.

So individuell wir auch sind: Christin sein – das kann keine für sich allein.

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SWR Kultur Wort zum Tag

03MRZ2026
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Als Jugendliche habe ich Saxophon gespielt. Leider hat es zum Improvisieren nie wirklich gereicht. Dazu hätte ich mehr Tonleitern üben müssen und zumindest das Blues-Schema verinnerlichen. Erst wenn einem das so richtig in Fleisch und Blut übergegangen ist, entsteht ein Stück Freiheit, in der sich Neues entwickeln kann.

Improvisieren – ich habe den Eindruck: In unserer Gesellschaft ist diese Kunst gerade sehr gefragt. Die digitale Wende, die veränderten weltpolitischen Konstellationen – all das zwingt uns dazu, viel weniger nach Noten zu spielen als die Generationen vor uns. Auch in der Kirche ist das ein großes Thema: Wie können wir uns freispielen und inspirieren lassen, wenn die Grundakkorde – oder: -strukturen – nicht mehr klar sind?

Manchmal halten wir uns dann krampfhaft an den Noten fest – auch wenn das schon lange nicht mehr gut mit der Hintergrund-Musik zusammenpasst. Die hat sich in den letzten Jahren radikal verändert: Der Traditionsabbruch ist groß und eine religiöse Sozialisation eher die Ausnahme als die Regel.

Solche Situationen verunsichern und sie machen Angst. In der Kirche und auch sonst. „Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Ich mag den Satz aus den Psalmen, weil er beides enthält: Grenzen und Freiheit, Akkorde und Melodie. In einer religiösen Weltsicht sind wir nicht „zur Freiheit verdammt“, wie Sartre einmal formuliert hat. Wir sind stattdessen in einen weiten Raum hineingestellt, den es zu gestalten gilt und der voller Möglichkeiten steckt. Zugleich ist dieser Raum begrenzt. Wir sind als Menschen nicht allmächtig, sondern auf andere angewiesen und von ihnen abhängig. Egal, ob wir mit ihnen einer Meinung sind oder nicht. Jeder hat Fähigkeiten, die er einbringen und mit denen er spielen kann – und Grenzen dessen, was für ihn persönlich möglich ist. Das zu spüren, ist manchmal schmerzhaft, aber es gibt eben auch Halt.

Wo in unserer Gesellschaft das Gefühl für unsere Grenzen und für tragende Strukturen abhandenkommt, werden wir ungehalten im wahrsten Sinne des Wortes. Mein Eindruck ist: Der Erfolg von Populisten aller Couleur – der hat auch etwas mit dieser großen Verunsicherung zu tun. Auf einmal sind die Tonarten nicht mehr klar – also kehrt man zu sehr einfachen Melodien zurück und wiederholt sie ohrwurmartig.

Vielleicht sollten wir die Möglichkeiten zur Improvisation mehr feiern. Dazu gehört viel Arbeit: das eigene Handwerkszeug beherrschen, gute Absprachen treffen – und hinhören. Dann können wir Neues entwickeln – uns an einem guten Sound freuen. Ich weiß aus Erfahrung: Die Mühe lohnt sich, wenn es am Ende gut klingen soll.

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SWR Kultur Wort zum Tag

02MRZ2026
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Wer sich fürs Klima einsetzt, der ist im Moment oft frustriert. Es ändert sich nichts, dabei ist der Klimawandel von einer eher abstrakten Theorie zu einer spürbaren Realität geworden. Kaputte Wälder, trockene Böden – wovor ich in der Grundschule Angst hatte, ist vielerorts längst eingetreten.

Wissenschaftler sagen: „Die nächsten zehn Jahre entscheiden darüber, ob die Erde für die Menschen langfristig bewohnbar bleibt oder nicht.“[1] Das wissen mehr oder weniger alle – aber wir kümmern uns erstaunlich wenig darum. Manchmal frage ich mich, ob die ganzen gesellschaftlichen Irrungen und Wirrungen, mit denen wir es gerade zu tun haben, so etwas wie kollektive Abwehr sind: Solange wir uns damit herumschlagen, müssen wir der eigentlichen Katastrophe nicht ins Auge sehen. Dabei klopft sie mehr als bloß zaghaft an unsere Tür.

Die Mannheimer Mittelalterforscherin Annette Kehnel fragt, wieso wir die notwendigen Veränderungsprozesse nicht endlich angehen. Sie bescheinigt den Menschen im Mittelalter eine wesentlich größere Transformationsbereitschaft als uns heute.[2]

Dabei entdeckt sie bei den Menschen des Mittelalters unter anderem eine religiöse Motivation für nachhaltiges Handeln. Sie sagt: Ähnlich wie heute im Blick auf den CO2-Ausstoß sind sich die Menschen damals bewusst gewesen, dass man nicht leben kann, ohne Schaden anzurichten. „Sünde“ war und ist das Wort dafür. Die Erfindung des Fegefeuers hat nun das eigene Heil mit dem der nachfolgenden Generationen verbunden: Die Enkelgeneration musste dafür beten oder Ablass erwerben, dass die eigene Seele aus dem Fegefeuer springt. Wohl dem, der sich gut mit den nachfolgenden Generationen gestellt hat: der die Seen nicht überfischt, den Wald nicht gerodet, die Lebensgrundlage nicht verdorben hat.

Nun will ich gewiss nicht die Höllenangst vorm Fegefeuer oder den Ablasshandel zurück. Aber der Gedanke, dass wir unser Seelenheil nicht denken können, ohne die Generationen nach uns in den Blick zu nehmen, der berührt mich.

Kehnels Gedankengang hat mir diesen Floh ins Ohr gesetzt: Dass ich endlich mehr tun will, um mich für eine lebenswerte Welt einzusetzen. Der Beginn der Fastenzeit ist lange schon vorbei. Und auf Schokolade zu verzichten, hat mir noch nie viel gegeben. Aber mich fürs Klima einsetzen – das ist zutiefst sinnvoll. Die Seite „klimafasten.de“ hat auch für fastenkritische Spätzünder wie mich wunderbare Anregungen. Vielleicht schauen Sie ja auch mal dort vorbei. Und sagen es noch einer anderen Person. Dann sind wir schon drei. Drei kleine Schritte – das wäre doch schon was.

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[1] Hirschhausen, Kirche! Tu was!, in: https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2023/53873/eckart-von-hirschhausen-ueber-klimaschutz-und-kirche#comments-list, vgl. dort auch zum Folgenden.

[2] Vgl. „Dunkles Mittelalter? Von wegen! So lebten wir 1224, WDR-Zeitzeichen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

01OKT2025
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Gerade ist Weinlese. Die hat schon früh begonnen in diesem Jahr – und die Winzer freuen sich über schöne Trauben und gute Öchslewerte. Leider ist die Freude getrübt. Vielen in der Branche geht es nicht gut. Vor allem, wer viel Fasswein verkauft, hat oft noch den Keller voll.

Die Krise wird sich auswirken: Auf eine vielfältige Kultur, die für mich einen großen Schatz in unserem Land ausmacht und einen echten Reichtum darstellt. Wie wird es aussehen in den Weinanbaugebieten in Baden, in Württemberg oder in der Pfalz, wenn die ganzen kleinen Betriebe dichtmachen? Vieles wird sich verändern, auch landschaftlich.

Dabei liegt nicht alles am Weltmarkt, an den hohen Produktionskosten oder an Trumps Zöllen. Auch das Konsumverhalten hat sich verändert: lieber den günstigen Wein vom Aldi als den vom Winzer; und überhaupt: lieber Limo statt Wein, schließlich ist Alkohol nicht ganz ungefährlich.

Tief in meinem Herzen trage ich das Bild meines Großvaters: Der war Winzer, wurde gesunde 90 Jahre alt, und wenn er sich sein Gläschen Wein zum Mittagessen eingeschenkt hat, dann sagte er gerne: „Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben“. Es ist wohl alles eine Frage der Dosis.

Von der Freude am Wein und am Genuss erzählt auch die Bibel in reichen Bildern: Am liebsten mag ich die Geschichte der Hochzeit zu Kana. Dem Brautpaar war der Wein ausgegangen. Jesus war zu Gast. Maria merkt, was los ist, und sagt zu ihrem Sohn: „Sie haben keinen Wein mehr“. Jesus herrscht sie erst einmal an: „Was hab ich damit zu schaffen?“ Aber dann kümmert er sich doch, und in großen Krügen wird aus Wasser Wein. Der Wein schmeckt besser als der vorherige, und das Fest ist gerettet. Das ist das erste Wunder, das von Jesus im Johannesevangelium überliefert ist. Hier zeigt sich Jesus zuerst als Weinfreund und als Menschenfreund. Mit einem anderen Wort aus der Bibel darf man ihn wohl getrost einen „Gehilfen der Freude“ nennen.

Es ist Weinlese. Keine andere Zeit im Jahr riecht für mich so gut oder schmeckt so genüsslich. Nie glänzt die Landschaft so golden. Die Winzer sind mit ihrer Arbeit auch für mich Gehilfen der Freude. Im ganzen Sendegebiet des SWR ist der nächste Weinort nicht weit. Vielleicht fahren Sie mal hin und spüren dem Satz aus den Psalmen nach: dass der Wein erfreue des Menschen Herz? Viel Spaß dabei wünscht Ihre Verena Schlarb aus Heidelberg von der Evangelischen Kirche.

 

 

Wir weisen darauf hin, dass Alkoholkonsum ein Risikofaktor für mehr als 200 Erkrankungen ist. Der unkontrollierte Konsum von Alkohol kann zur Sucht führen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

30SEP2025
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Der dicke Engel ist abgestürzt. Jahrelang ist er mit mir umgezogen, von Wohnung zu Wohnung – zuletzt saß er auf meiner Fensterbank. Beim Blumengießen ist er mir jetzt auf einmal runtergefallen. Zack, liegt sein dicker Porzellanbauch zerbrochen da; die dünnen Kordelbeinchen hilflos auf dem Boden. Sein Kollege, der dünne Engel, sitzt allein auf seiner Fensterbank und – so kommt es mir vor – schaut betreten. 

Ich sammele die Scherben auf. Schnell merke ich: Das wird sich kleben lassen. „Ach, wenn es doch im Leben auch so wäre“, fährt es mir durch den Kopf: „Ein bisschen Sekundenkleber und alles wieder gut.“

Aber so einfach ist es nicht.  Im Leben ganz bestimmt nicht – und auch bei meinem Porzellan-Engel ist es nicht so einfach wie gedacht. Zwar lassen sich die Scherben zusammenleimen, aber man sieht die geklebten Stellen. Ganz so unbeschwert wie früher wird er nicht mehr sein. Er hat jetzt Risse, Sprünge, Narben. So wie wir Menschen auch.

Ein Engel mit Narben – vielleicht ist das ein schönes Bild für die christliche Auferstehungshoffnung. In den Narben ist das, was passiert ist, noch erkennbar. Bei meinem Engel: Der metertiefe Sturz vom Fensterbrett. Bei uns Menschen: Wo etwas zerbrochen ist oder unvollendet bleiben musste, oder wo die Seele eine Wunde trägt, die immer spürbar bleiben wird.

Die Bibel erzählt vom auferstandenen Jesus, dass auch er Narben getragen hat. Daran erkennt ihn der Jünger Thomas. Das finde ich bemerkenswert. Kein Menschenbild, demzufolge wir am Ende perfekt wären oder makellos. Kein Menschenbild, bei dem nur unsere guten Taten zählen. Im Gegenteil: Das Schöne und das Schmerzliche sind von Belang. Alles, was ein Mensch erlebt hat und was ihn ausgemacht hat.

Seine Narben bleiben sichtbar. Aber das sind ja verheilte Wunden. Sie sind nicht mehr gefährlich und schaden uns nicht mehr. Obwohl sie noch zu sehen sind, ist etwas wieder ganz geworden. So, sagt der christliche Glaube, ist es auch bei Gott: Kaputtes wird nicht ausgelöscht, sondern geheilt und verbunden.

Mein dicker Engel sitzt nun geklebt auf meiner Fensterbank und lässt wieder die Beine baumeln. Mich erinnert er daran, dass Narben mit dazugehören. Und der dünne Engel freut sich, dass er wieder da ist.

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SWR Kultur Wort zum Tag

29SEP2025
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„Neulich hast Du mich gefragt, wie’s mir geht, obwohl Du wusstest, dass meine Mutter gestorben ist“, sagt eine Bekannte zu mir. „Ich hab Dich gefragt, weil sie gestorben ist“, antworte ich. Sie: „Das hat mich berührt. Es gibt Leute, die wechseln die Straßenseite, wenn sie mich sehen. Kaum jemand hält aus, wenn ich erzähle, wie’s mir geht.“

Was meine Bekannte mir erzählt hat, das höre ich so oder so ähnlich immer wieder. Wer trauert, der hat mit den merkwürdigsten Reaktionen zu tun. Da tun Leute, die man schon ein Leben lang kennt, so, als sei nichts passiert. Oder jemand erwartet nach drei Wochen, dass alles wieder ist wie immer.

„Wie immer“ wird es aber nicht mehr. Das ist ja das Schlimme. Deshalb sind wir oft unsicher im Umgang mit Trauernden. Ich kenne das auch: Ganz leicht komme ich dabei nämlich mit eigenen schwierigen Gefühlen in Kontakt. Ich fühle mich hilflos und weiß vielleicht nicht, was ich sagen soll. Mir helfen dabei zwei scheinbar gegensätzliche Einsichten aus der Trauerforschung: Die eine: Trauer ist normal. Die andere: Trauer ist verrückt.

Zum einen: Trauer ist eine normale Reaktion auf einen bedeutenden Verlust (Lammer). Wer trauert, ist nicht krank. Er hat jemanden verloren, der ihm wichtig war. Er muss sich an eine neue Situation anpassen und oft auch eine neue Identität entwickeln. Das tut weh. Aber es ist angemessen, notwendig und in diesem Sinne normal. Also am besten auch „normal“ damit umgehen: Jemanden einmal fest in den Arm zu nehmen, das hilft oft mehr als viele Worte.

Manchmal, da kann man nach einem Todesfall aber auch den Eindruck gewinnen: „Das ist doch verrückt!“ Nicht nur Tränen und Traurigkeit gehören dazu – sondern auch Gefühle, die gesellschaftlich viel weniger gut gelitten sind: Da wird jemand vergesslich oder hyperaktiv oder ärgerlich. Wenn die Welt außen verrücktspielt, verrückt auch innerlich etwas. Nie werde ich die alte Frau vergessen, die nach dem Tod ihres Mannes weder geweint hat noch zum Grab gegangen ist. Alle haben sich gewundert. Erst später wurde deutlich, was mit ihr los war: Sie war stockwütend auf ihren Mann, weil der sie alleingelassen hatte! Ihre Welt war verrückt geworden – nicht sie.  

Wenn jemand trauert, dann tun Menschen gut, die diese Achterbahnfahrt der Gefühle mit aushalten. Die anrufen, statt zu sagen „du kannst dich jederzeit melden“. Es tut auch gut, wenn jemand bereit ist, sich wieder und wieder die gleichen Geschichten anzuhören. Und ganz wunderbar ist es, wenn einer vorbeikommt und einen Topf mit Essen bringt – als wäre es die normalste Sache der Welt.

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SWR Kultur Wort zum Tag

01JUN2024
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Unsere Friedenstaube ist abgestürzt. Den Frühling über hing sie auf einer Flagge vor der Kirche – eine weiße Taube auf blauem Grund. Dann ist die Aufhängung gerissen und die Taube ist buchstäblich abgestürzt.

Leider passt das bestürzend gut zur Weltlage: Um den Frieden ist es gerade schlecht bestellt. Ein Schüler hat neulich zu mir gesagt: „Deutschland kann sich im Ernstfall noch nicht einmal einen Tag lang verteidigen. Wieso wird denn nicht mehr Geld für die Rüstung ausgegeben?!“ 

Ich habe mit ihm geredet über die Kosten für Bildung, den Klimaschutz, die Renten und über die Frage, wo wir als Gesellschaft unsere Schwerpunkte setzen wollen. Ihn hat meine Argumentation nicht überzeugt.

Mich beschäftigt diese Begegnung noch: Was ist das für eine Zeit, in der Jugendliche Aufrüstung einfordern und in der in den Medien ständig von „Kriegstüchtigkeit“ gesprochen wird? Einmal habe ich kürzlich sogar gelesen, Deutschland müsse „siegfähiger“ werden.

Der Jugendliche vor mir jedenfalls würde im Falle eines Krieges bald eingezogen. Seine Kraft, seine Begeisterungsfähigkeit – sie wären vermutlich ein wichtiger Baustein für die Kriegstüchtigkeit unseres Landes. Ich war deshalb geradezu erleichtert, als ich Heribert Prantls Buch „Den Frieden gewinnen“ entdeckt habe. Er schreibt: „Deutschland und Europa brauchen nicht Kriegstüchtigkeit, sondern Friedenstüchtigkeit; das ist die Lehre aus der europäischen Geschichte.“ 

Friedenstüchtig werden. Ich stelle mir vor, dazu gehört ein realistischer Blick: Es ist notwendig, dass etwa die Ukraine sich verteidigen kann. Zugleich ist aber Krieg das Schlimmste, das einem Land und seiner Jugend passieren kann. Friedenstüchtig zu werden bedeutet, Eskalation zu verhindern und nach Wegen Ausschau zu halten, wie wieder Frieden werden kann. Um den geht es zuletzt, nicht um den Krieg, von dem höchstens die Rüstungsindustrie profitiert.

Die Bibel hat dafür starke Bilder entwickelt: Besagte Friedenstaube etwa oder den beinahe schon untergegangen geglaubten Gedanken, dass „Schwerter zu Pflugscharen werden“. Dabei waren die biblischen Autoren alles andere als naiv; sie haben ihre Friedensvisionen mitten in einer kriegserschütterten Welt entworfen – und dieser Welt genau deswegen eine große Hoffnung eingeschrieben.

Am Frieden arbeiten – das geht nur in kleinen Schritten, mit Geduld und einer Idee, dass er gegen allen Augenschein möglich ist.

Wir hier in der Gemeinde haben zuerst einmal unseren Fahnenmast wieder friedenstaubentauglich gemacht und die Aufhängevorrichtung repariert. Schon das war abenteuerlich, weil er so hoch ist. Jetzt tun sich Patchworkgruppe und Hausmeister zusammen, um die Flagge zu reparieren. Friedenstüchtig werden wir nämlich bloß gemeinsam.

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SWR Kultur Wort zum Tag

31MAI2024
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„Ist das wirklich wichtig?“ Ein gutes Jahr lang hing ein großer Zettel mit dieser Frage direkt neben meinem Computerbildschirm. Meine Doktorarbeit sollte damals möglichst schnell fertig werden. Die Frage hat mir geholfen, meinen Perfektionismus in Grenzen zu halten und manches einfach zu schreiben und dann auch stehen zu lassen.

Beim Aufräumen ist mir der Zettel wieder in die Hände gefallen – und ich finde, er passt gut in unsere Zeit. Ist das wirklich wichtig? Die Frage tut mir gut, wenn ich mich verheddere in Verwaltungsaufgaben und im Alltagsgeschäft. Sie ist auch gut, wenn ich darüber nachdenke, welche Konflikte sich lohnen oder wo ein „Schwamm drüber“ vielleicht gesünder ist. Etwas weiter gefasst beschäftigt sie mich im Blick auf die Wahlen, die nun anstehen: Worauf kommt es an für Europa und für unsere Gesellschaft?

Unser Grundgesetz ist da ziemlich eindeutig. In Artikel 1 beginnt es mit dem Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Nach den schlimmen Erfahrungen der Nazizeit stellt es die Menschenwürde allem anderen voran. Eine ihrer Wurzeln ist die Vorstellung der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Die biblische Schöpfungserzählung verortet sie am Anfang aller Zeit. Sie gilt vor allem anderen. 

Im Detail ist es manchmal schwer zu entscheiden, wie die Menschenwürde am besten gewahrt werden kann; über manches lässt sich streiten, wie das im Blick auf das Abtreibungsverbot oder den assistierten Suizid deutlich wird. Aber solcher Streit gehört dazu und ich meine, letztlich hilft er, die Menschenwürde zu wahren.

Schwierig wird es dann, wenn Würde nur denjenigen zugestanden wird, die vermeintlich sind wie wir. Denn das ist ja gerade der Clou an diesem Satz und seiner Stellung im Grundgesetz: Menschenwürde gilt für jede Person weltweit und für jede, die in unserem Land lebt. Sie gilt für Deutsche und Geflüchtete, für Gesunde und für Kranke. Wer das ablehnt, kann sich nicht auf ein christliches Menschenbild berufen. Die katholische Bischofskonferenz hat vor diesem Hintergrund erklärt: „Völkischer Nationalismus ist mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild unvereinbar. Rechtsextreme Parteien und solche, die am Rande dieser Ideologie wuchern, können für Christinnen und Christen daher kein Ort ihrer politischen Betätigung sein und sind auch nicht wählbar. Die Verbreitung rechtsextremer Parolen … ist überdies mit einem haupt- oder ehrenamtlichen Dienst in der Kirche unvereinbar.“ Mich hat dieser Beschluss sehr beeindruckt. Auch die evangelische Diakonie hat diese Standards für ihre Beschäftigten erklärt.

Worauf es ankommt? Auf die Würde. Auf jeden einzelnen Menschen. Und auf Ihre Wahl. Das ist wirklich wichtig.

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SWR2 Wort zum Tag

06MRZ2024
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„Wo ist denn bloß die Zeit hin?“, frage ich mich manchmal, wenn ich auf die Uhr schaue. Der halbe Tag ist schon wieder vorbei und zu dem, was ich eigentlich machen wollte, bin ich noch gar nicht richtig gekommen. Immer wieder passiert mir das – und nur langsam und eher mühsam komme ich meinen Zeitfressern auf die Spur.

Aber dann bin ich plötzlich einem begegnet. Bei meinem Besuch vor ein paar Wochen in Cambridge stand ich auf einmal unmittelbar vor einem. An der Außenmauer des Corpus Christi College ist eine große Uhr angebracht – die „Corpus Clock“. Ganz oben auf dem Kunstwerk hockt ein widerliches Tier, eine Mischung aus Drache und Heuschrecke. Das Vieh frisst sich auf einem Zahnrad vorwärts. Mit jedem Ausgreifen seiner Krallen dreht es das Rad ein kleines Stück weiter. Dabei reißt es sein Maul im Sekundentakt auf. Chronophage heißt es auf Englisch. Zeitfresser. Er frisst die Sekunden – und mit ihnen die Minuten und Stunden. Unsere Lebenszeit. Das Kostbarste, was wir haben.

Vor dieser Uhr bekomme ich ein ziemlich klares Gefühl dafür, was es bedeutet, dass das Leben endlich ist. Manches ist unwiederbringlich vorbei. Die Uhr erwischt mich an einem sensiblen Punkt. Denn kurz vor der Reise hatte mir meine Freundin Fotos von unserem letzten gemeinsamen England-Aufenthalt geschickt. Gefühlt war das noch gar nicht lange her. 6 Jahre. Eben gerade erst. Und doch: Auf einmal sind die Haare grau und die eigenen Eltern alt. Wo ist denn bloß die Zeit hin?  

Time flies. Selten sehe ich das so plastisch wie dort. Es fühlt sich an, als würde der Zeitfresser mich selbst annagen. Das Kunstwerk hält aber auch noch eine andere Botschaft bereit: Noch selten habe ich eine so innovative Uhr gesehen. Sie kombiniert faszinierendes Ingenieurshandwerk und modernste Ästhetik; klassisch-goldene Farbe mit schicken blauen LEDs. „Nutz deine Zeit“ blinkt mir die Uhr entgegen, so vieles ist noch möglich … Mich darauf einzulassen, dass meine Lebenszeit endlich ist, das kann nämlich auch befreiend sein, kreativ werden lassen und mir helfen, manchen alten Trott zu durchbrechen.

Und was heißt das jetzt für meine alltäglichen Zeitfresser? Den Instagram-Account benutze ich gerade seltener. Und ich habe den ein oder anderen Besuch gemacht, bei Menschen, die mir wichtig sind. Die Zeit für das, was wirklich wichtig ist, die will ich meinen Zeitfressern nicht mehr ganz so oft ins Maul stopfen …

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SWR2 Wort zum Tag

05MRZ2024
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Im Chor singen wir gerade eine Messe von Giacomo Puccini. Ein kurzes, beschwingtes Stück daraus hat es mir besonders angetan. Es beginnt leise, mit nur wenigen Stimmen; andere kommen dazu; ein herrlich fröhlicher Walzer entwickelt sich. Das erwartet man nicht mitten in diesem geistlichen Werk. Das Stück steht am Ende des Glaubensbekenntnisses. Es vertont nur wenige Wörter „et vitam venturi saeculi“. Zusammen mit den Takten vorher heißt das „Ich erwarte … das Leben der kommenden Welt“. Kurzum, es handelt vom ewigen Leben. Puccini, der Opernkomponist, hat seine Hoffnung in dem Walzer musikalisch ausgemalt. Beim Singen fühle ich mich förmlich auf einen Ball versetzt. Menschen, die tanzen, sich freuen. Einer stößt mit dem anderen an. Nach wenigen Takten im Fortissimo folgt auch schon das Amen und das Ganze ist wieder vorbei.

Unser Chorleiter hat die musikalischen Bilder vor uns hingemalt und im Chor haben wir darüber gewitzelt. Von der ewigen Party bei Gott; wie sich frisch gewachsene Flügel wohl anfühlen und wie es sich damit wohl tanzt. Es wurde viel gelacht.

Der ewige Walzer bei Gott – es ist eines von unzähligen Bildern, in denen Christen im Lauf der Geschichte ihre Hoffnung zum Ausdruck gebracht haben: ein besonderes und sehr anschauliches Bild. Heute gehen wir zu Recht kritisch mit solchen Vorstellungen vom Paradies um. Manches ist höchstens im Scherz sagbar. Das Sprechen bleibt zögerlich, riskant geradezu. Ich will ja nicht naiv sein – und schon gar nicht anmaßend.

Ganz gleich, wie ich mich zu den christlichen Entwürfen stelle, die Fragestellung bleibt: Was gibt mir Hoffnung in meinem Leben? Und wie begegne ich dem Tod? Ich persönlich brauche lebendige Bilder, die ich dem Tod und der Zerstörung, die wir gerade erleben, entgegensetzen kann. Einen schönen Walzer zu tanzen, für mich gehört das zum lebendigsten, was das Leben zu bieten hat. Wenn es passt, dann wird mit jeder Drehung die Freude ein bisschen größer – Glückseligkeit, für mich ist ein Walzer dafür ein stimmiges Bild. Ein Moment, in dem ich spüren kann, dass da mehr ist als wir hier. Durch die Bewegung und die Musik verbunden zu sein mit etwas Größerem – für mich ist das ein Hoffnungsbild.

Angesichts all der Katastrophen in den Nachrichten werde ich Puccinis Walzer noch manches Mal fröhlich trällern – nicht als Vertröstung. Sondern weil er mich stark macht für alle Gangarten des Lebens: auch für beherzte Schritte oder schwierige Anstiege. Für das Leben – so herausfordernd und so schön es ist.

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