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27NOV2022
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Egon Wieland Foto: Manuela Pfann

Manuela Pfann trifft den Kur- und Reha-Seelsorger Egon Wieland aus Bad Waldsee

… und mit Egon Wieland. Ich sitze ihm gegenüber in einem gemütlichen weißen Sessel in seinem Büro; vor dem Fenster glitzert der Stadtsee. Wir sind im oberschwäbischen Kurort Bad Waldsee. Dort ist der Theologe seit fast 15 Jahren Kur- und Reha-Seelsorger. Und deshalb sitzen jede Woche Patientinnen und Patienten in dem Sessel, auf dem ich gerade Platz genommen habe. Die Gespräche in diesem Büro gehen lange, manchmal drei Stunden. Weil Menschen in Kur oder auf einer Reha in einer besonderen Situation sind.

Dieses Arbeiten mit dem Körper in den Kliniken ist eine gute Grundvoraussetzung. Da ist fürs Essen gesorgt, da kriegt man seine Massagen, seine Dinge, die der Körper braucht, und dann kommt so ein Durst an dieser Stelle, das eine oder andere Problem anzugehen.

Mit Durst meint er: Die Patienten merken schon lange: da treibt mich was um in meinem Leben, da gibt’s was, das mich belastet. Und jetzt spüren sie: das ist die Gelegenheit, das zu klären. Damit kommen sie zu Egon Wieland. Bei ihm gibt es kein Zeitlimit. Ein Gespräch geht so lange, wie es geht.

Der heilige Geist schafft nicht im 55-Minuten Rhythmus, sondern der kommt, wenn er kommt. Und er lässt geschehen, wenn er es geschehen lässt. Da ist die Seele offen, da ist der Verstand offen. Da passiert etwas. Es ist so eine befreiende Geschichte, wenn man von sich erzählen kann.

Kurseelsorge ist eine spezielle Gemeinschaft auf Zeit. In der Regel dauert sie drei Wochen. Manche PatientInnen kommen in dieser Zeit sieben oder acht Mal zum Gespräch vorbei, zwischendurch schickt Egon Wieland sie raus und bittet sie, den Stadtsee zu umrunden. Das hilft manchmal, um zu sortieren und klarer zu sehen:

Wo sind meine Bedürfnisse, wo sind meine Lebenswünsche, warum steh ich mir da im Weg, was passiert da?

Ich weiß auch nicht immer so genau, was ich wirklich brauche. Egon Wieland gibt mir ein Beispiel, wie man dem auf die Spur kommen kann. Das hat für ihn mit Gott zu tun. Ich bin mir sicher, auch Nicht-Schwaben verstehen, was er meint:

Wenn Gott will, dass es uns gut geht, dass wir glücklich sein können, dann muss er uns ja Sachen anbieten, in uns hineinlegen, wo wir spüren: „Ha jetzt isch es grad schee! Ha jetzt passt‘s! Des war ein schönes Wort, des war ein schönes Geschehen. Ha jetzt isch es guat. Und genau diese Dinge sind’s dann.

Er nennt den Weg, den er mit den Patienten geht, einen Versöhnungsweg. Weil er festgestellt hat: Sehr viele sind unzufrieden. Vor allem mit sich selbst, mit dem was sie tun, wie sie aussehen, wer sie sind.

Für mich ist es wirklich dieser Geist im Augenblick, dass wir alle Selbstunternehmer sind. Dass wir alle immer noch besser werden müssen; allen Firlefanz müssen wir verbessern, wo etwas nicht perfekt ist. Und das ist etwas Schlimmes.

Darin steckt für ihn das Hauptproblem. Sein Ziel ist deshalb: die Patienten sollen mit sich selbst versöhnt nach Hause fahren. Damit das gut gelingen kann, hat er ein besonderes Ritual entwickelt. Also eine Handlung, die immer ähnlich abläuft. Er nennt es „Versöhnungsritual“.

Die Methode jetzt in diesem Ritual ist ja, dass ich einlade, eine Handschale zu bilden und in die Handschale, die belastenden, die verletzenden, die beschämenden Dinge, die wir vorher besprochen haben, dann hineinzulegen. Und ich lass die Handschale oft so lang, ich zöger das so lang hinaus, bis man wirklich merkt, die Hände sinken nach unten. Das Gewicht von dem, was man immer so mitträgt, was einen nachts belastet, das muss körperlich spürbar sein. Und erst dann kann man es loslassen.

Wie und wohin die Worte und Erfahrungen in der Schale dann losgelassen werden, das ist ganz unterschiedlich. Egon Wieland sucht mit seinen Patienten einen individuellen Weg.

Ich hatte einen Patienten, der in diesem Prozess dann gesagt hat, am besten wäre für mich, wir könnten in einen Fluss, in einen Bach steigen und ich nehm meine Handschale und lass die vom Wasser umspülen und lass das langsam wegspülen.

Also hat er eine kurze Hose angezogen und ist mit dem Patienten zu einem kleinen Bach in der Nähe gegangen. Mit einer anderen Patientin ist Egon Wieland am Abend auf eine Anhöhe gestiegen, und die Frau hat den Inhalt ihrer Handschale in den Sonnenuntergang hineingelegt. Am Ende solch eines Versöhnungsrituals steht immer ein Segen:

Gott, der dich versöhnt, weiß um dein Inneres, deine Stärken und deine Schwäche. Er hält dich in seiner Liebe; er lässt dich aufatmen und schenkt dir Heil für Leib und Seele.

Es ist ein ausschließlicher, ganz klar formulierter Zuspruch; nicht: Wenn du das alles gemacht hast, dann … Ich glaube, das ist das Entscheidende an dieser Stelle.

Schlicht und einfach: mit mir selbst einverstanden und zufrieden sein. So verstehe ich diese Worte. Und kann gut nachvollziehen, dass Patientinnen nach drei Wochen in der Kurstadt und mit Egon Wieland als Begleiter anders nachhause fahren, als sie gekommen sind.

Dieses Versöhnungsritual hat der Seelsorger aufgeschrieben, zum Mitnehmen. Auf dem Blatt stehen noch andere Texte. Da lese ich zum Beispiel: „Wir glauben, dass Gott liebt, dass Gott rettet, dass Gott Anfänge schenkt.“ Das Ritual könne man jederzeit auch zuhause wiederholen, sagt der Seelsorger. Denn die Versöhnung hält Egon Wieland in dieser Zeit für besonders wichtig:

Versöhnung wäre für mich die Hilfe, zu sich selbst zu kommen, sich selber ernst zu nehmen. Das Aussöhnen mit sich und seinen Gebrechen, nicht immer noch besser sein zu müssen. Versöhnung ist Lebensweg. Gelungener Lebensweg.

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25SEP2022
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Madeleine, Schülerin und Kinderbeirätin. Foto: Manuela Pfann.

Manuela Pfann trifft die Schülerin und Kinderbeirätin Madeleine

… und mit Madeleine. Madeleine ist 16 Jahre alt und genau die richtige Gesprächspartnerin heute. Denn es geht um Kinderrechte und Kinderbeteiligung. Die standen in der vergangenen Woche im Mittelpunkt, da war Weltkindertag. Madeleine verschenkt Chancen. Chancen für Kinder. Wie das geht? Sie ist im Beirat der Kinderstiftung Esslingen-Nürtingen. Und zwar im K I N D E R -Beirat; dieser Kinderbeirat hat 2.000 Euro im Jahr zur Verfügung. Die gilt es klug einzusetzen:

Wir können mitbestimmen, welche Aktionen wir fördern oder welche Projekte wir fördern können – und wir orientieren uns meistens auch daran, dass es Kinder mit Migrationshintergrund sind oder mit Handicaps, dass die genau dieselben Chancen kriegen wie ein normal privilegiertes Kind in Deutschland. 

Das Besondere an dem Kinderbeirat: Er diskutiert und entscheidet tatsächlich ganz ohne Erwachsene. 14 Kinder und Jugendliche sind derzeit dabei, zwischen 9 und 17 Jahren. Bei jedem Antrag schauen die jungen Leute genau hin: Ist das Projekt nachhaltig? Wie viele Kinder haben etwas davon? Gibt es eine Idee, wie der Rest des Projekts finanziert wird? Ich bin überrascht, worauf sie alles Wert legen.

Madeleine ist schon seit fünf Jahren Kinderbeirätin und hat über ziemlich viele Anträge entschieden:

Es gibt diese Möglichkeit, Ideen zu verwirklichen, und dass aus einer Idee ein Plan oder ein Ziel wird. Und nicht bloß ein Traum bleibt.

So wie bei einer Hip-Hop-Tanzgruppe aus Esslingen. Alles Mädchen, viele mit Migrationshintergrund. Zuhause ist es nicht immer einfach. Sie haben es mit viel Training und Disziplin geschafft, richtig gut zu werden. Und sich dann für die Deutschen Meisterschaften qualifiziert. Aber: Die sollten im Ruhrgebiet stattfinden. Und das kann sich die Gruppe nicht leisten: Kosten für eine Übernachtung, Startgebühr und ziemlich viel Geld fürs Benzin. Der Kinderbeirat überlegt.

Wir waren am Anfang zuerst ein bisschen skeptisch, weil es ist ja nur eine einmalige Gelegenheit, die wir da fördern. Dann hat aber bei uns das Argument überwiegt, dass es ja eine Erfahrung für immer ist, die sie für immer im Kopf haben werden und sehen können, bis dahin hab ich‘s geschafft.

Die Entscheidung des Kinderbeirats fällt einstimmig – die Gruppe wird mit der maximalen Summe für ein Projekt gefördert – das sind 300 Euro. Die Hip-Hop-Gruppe fährt zu den Deutschen Meisterschaften – und kommt mit Platz 3 zurück!

Da waren wir auch alle extrem stolz.  

Von Madeleine lerne ich also: da gibt es nicht nur die Freude bei denen, die gefördert werden. Die Kinder im Beirat freuen sich ganz genauso. Weil ihre Stimme und ihre Entscheidung tatsächlich eine Wirkung haben. Madeleine beschreibt das so:

Wenn wir beispielsweise Bilder zugeschickt bekommen von Aktionen, die wir gefördert haben, löst das ein Gefühl aus: Ich hab das geschafft, ich hab das hinbekommen. Das ist ein Teil von mir für sie und das sind glückliche Gesichter. 

Deshalb sind solche Orte der Kinder-Mitbestimmung ganz wichtig, sagt Madeleine. Mehr noch:

Wenn schon Kinder wissen, dass sie so viel tun können eigentlich, dann werden sie auch als Erwachsene mehr tun.  

Madeleine ist 16 und geht in die 11. Klasse. Sie hat lange gedacht, mitbestimmen kann man erst, wenn man 18 ist. Und dann hat sie eine wichtige Erfahrung gemacht: Wenn Erwachsenen die Meinung von Kindern wirklich wichtig ist, und sie die Kinder unterstützen, dann gibt es eine echte Chance mitzugestalten. Genau das tut Madeleine jetzt. Seit fünf Jahren ist sie Mitglied im Kinderbeirat. Bei der Kinderstiftung Esslingen-Nürtingen darf der entscheiden, welche Projekte gefördert werden. So eine Kooperation der Generationen wünscht sie sich auch bei anderen Themen. Ihr fällt da gleich das Stichwort Klimawandel und Fridays for Future ein:

Ich denke, dass Erwachsene nicht daran denken, dass es unsere Zukunft ist. Wir Kinder werden groß mit der Angst, wir müssen in dieser Welt leben und ich denke es war wichtig, dass die Kinder auf die Straße gegangen sind, damit Erwachsene mal sehen, denen ist das wichtig. Sie haben bereits ein Verständnis dafür, was auf der Welt passiert.  

Auch in der Schule hat sie immer wieder den Eindruck, dass Schüler mit ihren Anliegen übersehen werden. Madeleine denkt an ihre Umwelt-AG und ein Biotop. Durch Corona fiel es einfach hinten runter. Und das ärgert sie.

Ich weiß nicht, wie lange wir schon an unserer Schule für ein besseres Biotop kämpfen und nichts passiert und anstatt dessen unser Schulhof neu geteert wird. Wir waren alle ein bisschen verwundert darüber.

Madeleine denkt aber nicht nur daran, wo sie mitbestimmen möchte. Sie hat längst verstanden, dass sie selbst viel mehr Möglichkeiten hat, als andere Kinder und wünscht sich deshalb,

dass jedes Kind ein Recht hat diese Förderung zu bekommen; ein großes Privileg für mich ist es beispielsweise, dass ich auf ein Gymnasium gehen kann.

Wenn Freunde ihr Geschichten von Kindern auf anderen Schularten erzählen, dann sagt sie:

Bin ich ein bisschen schockiert, dass auch die Lehrer sagen, das ist normal, dass da ein Loch in die Tür getreten worden ist.

Madeleine findet es nicht normal. Ebenso wenig, wenn Kinder einfach vergessen werden. Da wird die Schülerin sehr nachdenklich:

Wenn ein Kind abrutscht in der Schule, dass die Lehrer einfach nicht mehr nachfragen zeigt mir als Kind, wie egal ich manchen Erwachsenen sein kann; dass ich machen kann, was ich will, weil es sowieso niemanden interessiert. Ich finde, dass alle Kinder gesehen werden sollten oder gehört werden sollten.

Das sind ganz schön klare und kritische Worte von einer 16-jährigen. Zum Schluss hat sie deshalb noch einen Wunsch an uns Erwachsene:

Ich find diesen Spruch „Du bist ja nur ein Kind" so herablassend, weil es so ein bisschen die Träume kaputt macht. Man darf träumen und man darf Ideen haben. Und wenn man diesen Ideen Beachtung schenkt, gäbe es vielleicht mehr Lösungen auf der Welt.  

 

https://www.kinderstiftung-esslingen-nuertingen.de/waswirtun/kinderbeteiligung-kinderbeirat/kinderbeteiligung-kinderbeirat

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10SEP2022
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Genau so wie er gelebt hat, ist er beerdigt worden. Anselm Jopp, der Pfarrer meiner Heimatgemeinde. In diesem Sommer ist er mit fast 90 Jahren gestorben. Trotz aller Trauer war es ein bewegender und ein schöner Abschied. Weil der Pfarrer so beerdigt wurde, wie er selbst gelebt hat. Und das hat dann so ausgesehen: Eine Frau hat seine Trauerfeier geleitet, die Lesung wurde von einer Frau vorgetragen und die Kommunion von Kommunionhelferinnen ausgeteilt. Ziemlich ungewöhnlich für die Beerdigung eines Priesters. Wo doch sonst in der katholischen Kirche das meiste von Männern dominiert ist. Aber so hatte Anselm Jopp es sich gewünscht. Ministrantinnen mehrerer Generationen haben seinen letzten Weg begleitet; und zum Empfang der heiligen Kommunion waren ganz selbstverständlich alle eingeladen, wie immer in seinen Gottesdiensten.

Für die Gemeinde sind die letzten Wünsche ihres Pfarrers nicht überraschend gewesen, sondern im Gegenteil: konsequent. Denn sie hat 50 Jahre lang einen Priester erlebt, der in der katholischen Kirche etwas verändern wollte: Zeit seines Lebens hat er sich dafür eingesetzt, dass die Pflicht zum Zölibat abgeschafft wird. Er hat gekämpft und argumentiert, dass auch Frauen Zugang zum Priesteramt erhalten und hat sie gefördert, wo immer es möglich war. Wer zu ihm in den Gottesdienst kam, war immer eingeladen, die Eucharistie zu empfangen. Ganz egal ob er evangelisch war oder zum zweiten Mal verheiratet. Er hat Menschen beerdigt, die aus der Kirche ausgetreten waren und hat Paaren den Segen zugesprochen, die schon einmal geschieden waren. All das ist nicht im Einklang gewesen mit der Lehre seiner Kirche. Für ihn hat das nie die entscheidende Rolle gespielt.

Einen Satz unseres Pfarrers habe ich mir gemerkt, weil ich ihn so richtig finde: „Unsere Kirche ist keine Kirche des Rechts, sondern eine Kirche der Liebe“. Genau so ist er mit den Menschen in seiner Gemeinde umgegangen: Jeder war für ihn wertvoll und wichtig, für jeden hat er eine passende Aufgabe gefunden. Einen Großteil seines Gehalts hat er nach Südamerika überwiesen und soziale Projekte unterstützt.

Bei der Beerdigung von Pfarrer Jopp ist mir eines sehr bewusst geworden, für mich und die Zeit, die ich noch leben darf: Wenn ich vom Ende her denke muss ich fragen: Wie will ich beerdigt werden? Was soll von mir in Erinnerung bleiben? Wofür will ich in meinem Leben gestanden haben? Und so muss ich leben. Damit ich dann auch einmal so beerdigt werden kann.

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08SEP2022
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Kinder sind klimaschädlich! So sagen es jedenfalls Forscher. Sie haben vier Empfehlungen für die reichen Industrieländer, die dem Klima helfen: Auto abgeben, nicht fliegen, sich fleischlos ernähren – aber an erster Stelle steht: weniger Kinder haben![1]  Weil der CO2-Ausstoß eines Kindes viel höher ist als alles andere, was wir tun.

Kinder sind klimaschädlich – das sagen auch die Anhänger der sogenannten Birth-Strike-Bewegung. Ein Gebär-Streik soll das Klima retten. Zahlen zeigen, die meinen das tatsächlich ernst: 10.000 junge Erwachsene auf der ganzen Welt sind gefragt worden. 40% von ihnen haben geantwortet: wir wollen keine eigenen Kinder wegen des Klimas[2].

Ich kann das schon nachvollziehen, dass junge Leute so denken. Ich sehe das an meinen eigenen Kindern. Eine Generation, die sich engagiert, diskutiert, auf die Straße geht. Denen sind das Klima und die Erde überhaupt nicht egal. Da ist ein viel stärkeres Bewusstsein für unseren Planeten da, als das in meiner Generation und der meiner Eltern der Fall ist. Nur ein kleines Beispiel: Meine Kinder waren in diesem Sommer mit den Pfadfindern unterwegs. Da wurde ausschließlich vegetarisch gekocht, im Rucksack biologisch abbaubare Zahnpasta. Sie haben die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen thematisiert und kurze Videos dazu gedreht; menschenwürdige Arbeit zählt zu diesen Zielen, Geschlechtergleichheit und das Thema Hunger. Mich beeindruckt das - und gleichzeitig erschreckt mich die Radikalität: keine eigenen Kinder wegen des Klimas. Da wird mir bewusst, welche Bürde wir der nächsten Generation auferlegt haben. Für mich ist die Gebär-Streik-Bewegung deshalb ein unüberhörbares Warnsignal!

Wir müssen gut überlegen, wie viele Menschen unsere Erde verträgt. Und wie wir eine Balance finden, die allen ein gutes Leben ermöglicht.

Dazu müssen Wohlstand und Wissen auf der Erde gleichmäßig verteilt werden. Dazu braucht es eine echte und faire Partnerschaft mit den Entwicklungsländern. Denn da wächst die Bevölkerung! Wenn es dort Bildung und medizinische Versorgung für alle gibt und sich eine tragfähige Wirtschaft entwickelt, dann ändert sich die Perspektive; und es werden automatisch weniger Kinder geboren.

Wir im Norden sind damit keineswegs aus der Verantwortung, im Gegenteil. Denn: Der CO2-Ausstoß eines Kindes hier ist so hoch wie der einer ganzen Schulklasse in den Entwicklungsländern! Der Grund: wie wir leben und was wir verbrauchen, das ist einfach zu viel und schadet dem Klima.

Ich weiß, dazu muss auch ich meine Gewohnheiten radikal hinterfragen. Um der nächsten Generation die Chance und die Hoffnung nicht zu nehmen. Dass auch sie auch noch eigene Kinder will.

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[1] https://sz-magazin.sueddeutsche.de/die-loesung-fuer-alles/birthstrike-blythe-pepino-gebaerstreik-87007

[2] https://www.zeit.de/green/2021-10/klimaangst-familienplanung-kinderwunsch-klimawandel-psychologie-emma-lawrance-interview/komplettansicht

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36104
07SEP2022
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Sadio ist fünf Jahre alt und lebt in einem Dorf im Senegal. Er spielt Fußball, barfuß und auf einem staubigen Platz. Sein Vater verbietet es ihm immer wieder. Er will, dass er zur Schule geht und später studiert. Als Sadio sieben ist, stirbt sein Vater. Weil es kein Krankenhaus in der Nähe gibt. Sadio muss die Familie unterstützen und hilft bei der Feldarbeit. Und er spielt weiter Fußball, in jeder freien Minute. Weil es meist keinen Ball gibt, kicken die Kinder in seinem Heimatdorf Bambali mit Pampelmusen. Mit 15 Jahren geht er zum ersten Mal weg. Er will in der Hauptstadt Dakar an die Fußballakademie. Der Rest des Lebens von Sadio liest sich wie ein Märchen.

Sadio – das ist Sadio Mané. Heute ist der kleine Junge aus dem Senegal 30 Jahre alt und spielt seit wenigen Wochen in der Bundesliga für den FC Bayern München.

Sadio Mané ist ein Weltstar. So will er zwar nicht genannt werden; für mich ist er trotzdem einer. Weil er die Welt, aus der er kommt, nicht vergessen hat. Er hat in Bambali eine Schule bauen lassen und ein Krankenhaus. Es gibt dort jetzt eine Post und eine Tankstelle. Die 2000 Einwohner seines Heimatdorfs unterstützt er finanziell, und selbstverständlich hat der Fußballplatz heute ordentliche Tore und die Kinder kicken mit guten Fußbällen.

Es ist einfacher etwas abzugeben, wenn man viel hat. Und Mané verdient Millionen, wie alle Fußball-Profis. Und doch ist seine Unterstützung besonders. Weil er dankbar ist für das Talent und das Glück in seinem Leben, will er von diesem Geschenk abgeben. Und weil Mané sich selbst eine entscheidende Frage gestellt hat: "Was soll ich mit zehn Ferraris, 20 Diamant-Uhren oder zwei Flugzeugen? Wie helfen diese Dinge mir oder der Welt weiter?" Er hilft der Welt weiter, indem er seinem Heimatdorf eine Perspektive gibt; weil er dort eine wichtige Erfahrung gemacht hat. Er sagt: „Bambali hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Deshalb ist es mir wichtig, etwas zurückzugeben. Die Menschen dort zum Lächeln zu bringen, das ist mir wichtig.“

So kann eine Antwort aussehen auf die Frage: Was hilft der Welt weiter? Für Politiker ebenso wie für die Kirche; für alle, die etwas für andere tun wollen: Menschen eine Perspektive geben. Und mit Sadio Mané gesprochen: Fußbälle statt Pampelmusen!

https://www.stern.de/sport/fussball/sadio-man%C3%A9---was-soll-ich-mit-10-ferraris--20-diamant-uhren-und-zwei-jets---31973754.html?

https://www.ran.de/fussball/bundesliga/news/fc-bayern-muenchen-sadio-mane-liverpool-bambali-151433

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36103
06SEP2022
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Zustände wie im Mittelalter! So kommt mir vor, was in den USA derzeit geschieht: Schwangere Frauen tauschen untereinander Anleitungen und Rezepte: aus welchen Pflanzen lassen sich die besten „Abtreibungssäfte“ herstellen? Das muss man sich mal vorstellen. Aber neue Gesetze in den USA führen zu solchen Situationen. Schwangerschaftsabbrüche sind in vielen Bundesstaaten jetzt absolut verboten. Dasselbe passiert seit zwei Jahren in Polen. Mit Unterstützung der katholischen Kirche.

Ich finde diese Entwicklung beängstigend. Weil es hier nur scheinbar um den Schutz des Lebens geht. Hier geht es um Macht. Frauen werden entmündigt, es wird ihnen nicht zugetraut, dass sie selbst entscheiden können. Der Staat nimmt sich das Recht, über das ungeborene Leben im Körper einer Frau zu entscheiden.

Dabei ist es grundsätzlich richtig; das werdende Leben braucht Schutz. Aber das gelingt nicht mit einem Verbot. Alle Erfahrungen und Zahlen belegen: die Geburtenrate ist in den Ländern höher, in denen es eben kein striktes Abtreibungsverbot gibt. Zum Beispiel in Schweden. Neuem Leben eine Chance geben - das geht nur mit der Frau, nicht gegen sie. Deshalb ist es gut, dass Frauen, die ungewollt schwanger sind, in Deutschland beraten und begleitet werden. Auch die Kirchen stehen den Frauen hier zur Seite. Zwei entscheidende Dinge dürfen dabei nicht aufs Spiel gesetzt werden. Jede Situation ist anders und verdient es, genau angeschaut zu werden. Und: Die Würde der Frau wird nur ernst genommen, wenn die Beratung offen ist – und das Ergebnis nicht von vorneherein feststeht.

Ich mache mir Sorgen. Nicht nur wegen der Zustände in den USA und in Polen. Was hier bei uns passiert, ist ebenfalls nicht gut. Es gibt immer weniger Praxen und Ärzte, die Abtreibungen vornehmen. Weil sie beschimpft und bedroht werden, weil ihre Arbeit kriminalisiert wird. Es ist überhaupt keine Frage: es muss so wenig wie möglich Abtreibungen geben. Dafür brauchen Frauen aber eine echte Perspektive: Dafür notwendig sind erstens: eine gute und professionelle Beratung und Begleitung. Zweitens: eine finanzielle Unterstützung, die weit über die ersten Lebensjahre hinausreicht. Zum Beispiel ein Elterngeld, das nicht vom Einkommen abhängt und so hoch ist, dass eine Frau auch ohne Partner mit einem Kind leben kann. Und drittens: eine Haltung, die Frauen nicht verurteilt. Das wünsche ich mir vor allem von meiner, von der katholischen Kirche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36102
05SEP2022
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Meinen ersten Job habe ich nach kurzer Zeit wieder verloren. Das war vor 30 Jahren. Ich bin rausgeflogen. Wegen eines einzigen Wortes. „Aber“. Nach dem Abi habe ich in der Schweiz gearbeitet, in einem Hotel. Ich habe die Tische schön eingedeckt und die Gäste im Restaurant bedient. Doch das ging nicht gut mit uns, mit dem Hotelchef und mir. Ich bin nicht schnell genug gelaufen. Ich habe zu lange mit den Gästen am Tisch geredet. Was den Hotelchef aber am meisten gestört hat war, dass ich anscheinend immer widersprochen habe. Alles, was man mir angewiesen hat, hätte ich mit „Ja, aber“ gekontert. Irgendwann war es ihm zu viel, ich musste die Koffer packen. Mir war das gar nie so aufgefallen, damals. Aber der Hotel-Chef hatte recht.

Bis heute tue ich mich schwer, Dinge einfach stehen zu lassen. Mehr noch: Dieses „Ja, aber“, blockiert mich oft selbst und es kommt vor, dass ich die beiden Worte als Ausrede benütze. Ein Beispiel: Ich möchte endlich wieder damit beginnen, Sport zu machen. Die Antwort, die ich mir selbst gebe, lautet dann in etwa so: Ja, ich würde eigentlich gerne jeden Tag eine halbe Stunde laufen gehen, aber ich habe einfach keine Zeit. Da ist er dann, der Konflikt. Ich will etwas, und habe sofort etwas parat, das dem im Wege steht. Im Grunde müsste es diesen Konflikt gar nicht geben.

Ich habe mittlerweile einen Weg gefunden, aus dieser Ja-Aber-Falle herauszukommen. Wo immer möglich, ersetze ich das Aber durch ein „Und“. Dann wird nämlich aus meiner Ausrede eine Lösung. Die heißt dann so: Ja, ich habe viel zu tun, UND ich nehme mir Zeit zum Laufen. Das gelingt nicht immer, aber wenn ich kapiere, dass sich beides nicht von vorneherein ausschließt, dann fällt mir das leichter.

Vor allem bei kontroversen Themen verhindert das Aber oft, dass ich mich mit einem Gesprächspartner austausche. Weil ich ihm nicht traue. Ich denke beispielsweise an einen Satz, den ich schon oft gehört habe: „Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber ...“ Ganz anders und vor allem glaubwürdig ist es, wenn jemand sagt: „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge. Und gleichzeitig mache ich mir große Sorgen, ob wir das alles schaffen werden.“  Mit einem Und statt einem Aber dürfen zwei Dinge nebeneinander stehen bleiben. Und müssen schauen, wie sie miteinander klarkommen. Das ist mit Sicherheit oft anstrengend, aber so wichtig.

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28AUG2022
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Uwe Habenicht Copyright Foto: M. Pfann

Manuela Pfann trifft Uwe Habenicht, Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde St. Gallen West.

Ich treffe Uwe Habenicht in seinem Pfarrhaus in St. Gallen. Er ist herumgekommen als Pfarrer; von Deutschland nach Italien, von Italien in die Schweiz. Jetzt hat er ein Buch geschrieben. Über die Möglichkeit, Gott zu begegnen. Ich habe ihn gefragt, was es mit dem eigenartigen Titel „Freestyle Religion“ auf sich hat; denn den Begriff „Freestyle“ kenne ich sonst nur aus dem Sport, wenn Ski- oder Radfahrer Sprünge oder Kunststücke in die Luft zaubern:

Meine Kinder haben in Italien jahrelang Parcours, so ein Freestyle Running, gemacht. Und wenn man Kindern und Jugendlichen zuguckt, wie sie das lernen und üben über so einen Bock zu springen, Wände hochzulaufen Saltos zu schlagen, dann versteht man dabei über den christlichen Glauben oder über Religion überhaupt eine ganze Menge.

Das klingt erst mal anstrengend für mich. Doch Uwe Habenicht ist auch begeistert; von der Leichtigkeit und Freude, die er dort gespürt hat.

Religion assoziieren wir oft mit Schwerfälligkeit mit langatmigen Zeremonien, die sich da vollziehen, mit nem Priestern und Pfarrer, der nicht aufhört zu reden. Religion ist eigentlich was anderes. Religion ist Lebendigkeit und diese Lebendigkeit, das ist für mich Freestyle.

Das wiederum hört sich für mich gut an! Zumindest in der Theorie. Denn etwas lässt mich bei Freestyle in der Religion stolpern; weil Freestyle bedeutet: jeder gestaltet erstmal seine eigene Performance, seine eigene Übung. Ich frage mich ob so ein individueller Glaubensansatz nicht eine Gratwanderung ist.

Die Gefahr besteht darin, dass ich mir ein spirituelles Angebot suche, was ich dann bezahle, oder ausübe, aber dass es auf Dauer totläuft, wenn es nicht irgendwo angebunden ist. Ich selber spiele Posaune und das macht wirklich Freude alleine zu üben, daheim. Aber wenn ich nur das machen würde, dann würde ich irgendwann aufhören. Das heißt, ich brauche schon nochmal die anderen, die mir sagen, an dem Punkte spielst du irgendwie falsch und ich brauche auch die Freude, dass wir da zusammen etwas kreieren und dass gemeinsam etwas entsteht, was eben über mich hinausgeht.

Für Uwe Habenicht gehört beides untrennbar zusammen. Und doch bleibt für viele Menschen, die ich kenne, zunächst eine ganz grundsätzliche Frage offen, nämlich: Brauche ich Religion überhaupt? Was hat sie mit meinem Leben zu tun?

Ich glaube, dass jeder Religion hat. Dass die Formen, in der Religion gelebt wird, sehr verschieden sind. Für mich ist Religion eine Art und eine Grundhaltung mit dem Leben umzugehen. Also wann verbinde ich mich mit meinen eigenen Sehnsüchten und Wünschen? Wann nehme ich eigentlich wahr, dass mir etwas fehlt oder dass vielleicht in meiner Beziehung gerade etwas wackelt? Das passiert nur dann, wenn ich mich ein Stück zurückziehe und mal in eine Passivität, in eine Stille gehe.

Mit seinem Buch „Freestyle Religion“ will er Menschen ermuntern, einen ganz individuellen Weg zu Gott zu suchen. Und der beginnt in der Stille. Denn da komme ich am ehesten mit mir selbst in Verbindung. Und dann ist es nicht mehr weit zu Gott, so sagt es jedenfalls Uwe Habenicht.

Immer schon waren die Gotteserfahrung und die Selbsterfahrung zwei Seiten der gleichen Medaille. Und wenn Menschen auf Religion nicht zugehen, dann, weil sie glauben, es ginge um etwas Fremdes. Aber die Gotteserfahrung und die Selbsterfahrung liegen ineinander und ich kann mich selber als ein Geschöpf nur dann voll wahrnehmen, wenn ich mir eingestehe, es gibt Kräfte, die gehen über mich hinaus. Und diese Erfahrungen, die müssen wir neu erschließen.

So ein Ort, an dem Menschen diese Erfahrung machen können, hat der evangelische Pfarrer mit dem Projekt „Waldkirche“ in St. Gallen geschaffen. Waldkirche hat allerdings wenig zu tun mit Gottesdienst auf Bierbänken und unter Bäumen. Uwe Habenicht geht es vielmehr darum, unsere Sinne anzusprechen, um religiöse Erfahrung möglich zu machen – und somit eine Situation zu schaffen, die in unserem durchgetakteten Alltag sonst kaum möglich ist.

Es war wirklich kalt und eine Aufgabe war, jeder schlägt sich mal in eine Ecke und setzt sich mal der Kälte aus. Was heißt das eigentlich, von der Kälte gebissen zu werden, den Biss der Kälte standhalten. Und in der Waldkirche wird es darum gehen, sich solchen ganzkörperlichen Erfahrungen auszusetzen und mal wirklich nur zu hören, mal wirklich nur zu schauen, mal nur zu Tasten, mal nur mit den Füßen ganz gegenwärtig zu sein, also die Aufmerksamkeit richten auf eine Erfahrung und sich dem mal ganz hingeben. Das ist sozusagen die Grundidee.

Mir fällt es zunächst schwer nachzuvollziehen, was frieren und Bäume betrachten mit religiöser Erfahrung zu tun hat. Was ich aber lerne im Gespräch mit Uwe Habenicht ist: dass ich mich erst selbst wahrnehmen muss, bevor ich mit Gott in Berührung kommen kann. Und ich erinnere mich: so manche Naturerfahrung hat schon Klarheit in meine Gedanken gebracht. Wenn ich beispielsweise früh morgens in aller Stille zum Sonnenaufgang unterwegs war. Und trotzdem:

Religion ist nicht machbar, Gotteserfahrung sowieso nicht. Aber wir können eben Orte und Situation aufsuchen, wo es wahrscheinlicher wird, dass etwas in uns aufgeht von dem, was im Leben trägt. Ich glaube, davon brauchen wir wieder mehr. Vor dem Computer alleine wird sich da wenig tun, im Kopf auch, sondern das muss ein ganzheitliches Erleben sein und dann vertrauen wir mal darauf, dass sich dann schon was tut.

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„Freestyle Religion - Eigensinnig, kooperativ und weltzugewandt - eine Spiritualität für das 21. Jahrhundert“, echter Verlag (2020)
„Draußen abtauchen – Freestyle Religion in der Natur“, echter Verlag (2022)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36083
19AUG2022
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Wir haben uns gefühlt wie Gott in Frankreich! Köstliche Speisen, die wie Kunstwerke auf dem Teller angerichtet waren. Und zu jedem Gang ein kleines Schlückchen Wein.

Mein Sohn und ich haben uns etwas gegönnt. Wir haben Geburtstag gefeiert, er ist 18 geworden und ich 50. Und zu diesem Anlass haben wir uns einen Abend im Sterne-Restaurant gewünscht und uns selbst geschenkt.

Wir haben einen Abend für alle Sinne erlebt und waren überrascht: klassisches Gemüse oder Obst, ein Stück Fleisch oder ein Stück Käse sind uns in ganz neuer Form begegnet und haben uns eine Geschmacksvariante offenbart, die wir so noch nicht gekannt haben. Der Rohmilchkäse zum Beispiel war eine Eiskugel, eine fein gehobelte Birne hat ihn garniert. Oder der Steinpilz: er war als Schaum aufgeschlagen und die rote Paprika gab‘s als Mousse zum Rindfleisch.

Ich könnte noch weiter schwärmen – aber mir geht es noch um etwas ganz Anderes. Was wir an diesem Abend erlebt haben, das haben sich zwei Schulköche zur Aufgabe gemacht: Die beiden möchten, dass ihre Schüler erleben, wie die Natur tatsächlich schmeckt. Ohne Zusatz- oder Konservierungsstoffe. Die beiden wissen, wie das gelingen kann; denn sie sind Profi-Köche und haben in Sterne-Restaurants gearbeitet.

Jetzt kochen sie in der Mensa, jeden Tag mehrere hundert Portionen. Die beiden verwenden frisches Gemüse und Zutaten aus der Region. Und sie versuchen die Kinder mit ganz neuen Geschmackserlebnissen für ein gesundes Essen zu begeistern. Da gibt es neben Kaiserschmarrn und Kartoffelsalat auch mal Kichererbsensuppe oder Gemüsefrikadellen mit geröstetem Sesam. Weil sie sagen: Der Geschmackssinn wird schon ganz früh ausgebildet. Die Kinder und Lehrer sind begeistert!

Es ist klar, dass solch ein Sternekoch-Essen nicht eins zu eins in jeder Familie umgesetzt werden kann. Aber trotzdem ist es für mich eine Anregung. Nicht zuletzt deshalb, weil aktuelle Studien zeigen: Eine gute Ernährung für Kinder ist so wichtig – denn während der Corona-Zeit sind fast eine Fünftel der Kinder in Deutschland dicker geworden[1]. Jeder fünfte Jugendliche ist sowieso schon zu dick.

Ein gutes Essen zuzubereiten, das macht Mühe. Und kostet Zeit. Während der Corona-Pandemie hatte ich die Zeit auf einmal. Für mich war diese Phase sehr lehrreich. Mit den Kindern habe ich gemeinsam versucht aus dem Gemüse, das gerade Saison hatte, etwas zu machen. Da kam dann ein Kartoffel-Kohlrabi-Gratin heraus oder ein Kokosmilch-Reis mit frischen Mangos. Wir haben tatsächlich eine neue Esskultur entwickelt, viel weniger Maultaschen und Fertiggerichte warm gemacht. So viel gemeinsame Zeit am Tisch wie in den letzten beiden Jahren haben wir zuvor noch nie verbracht. Unsere kleine Mahlgemeinschaft hat das gestärkt. Und es war jedes Mal ein bisschen wie eine Verabredung mit Gott in Frankreich.

Ausgezeichnet in der Schulverpflegung - YouTube
https://www.youtube.com/watch?v=4K_CsgPBuZ8

Schulkantinen: „Weißt du, was eine Ananas ist?“ - „Nein“ - WELT
https://www.welt.de/iconist/article137034783/Weisst-du-was-eine-Ananas-ist-Nein.html

Sterneköche in der Schulmensa | Galileo Lunch Break - YouTube
https://www.youtube.com/watch?v=RayRc3tkSBo

 

[1]Mehr übergewichtige Kinder in Deutschland - SWR Wissen
 https://www.swr.de/wissen/corona-pandemie-mehr-uebergewichtige-kinder-100.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35966
18AUG2022
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Ich wollte noch nicht nach Hause fahren. Damals vor gut zehn Jahren. Und bin da gestanden, zwischen den gepackten Koffern und Rucksäcken, zwischen der Kiste mit Sandspielzeug und dem Kinderwagen. Drei Wochen Urlaub an der Nordsee waren vorbei; es war der letzte Tag, kurz vor der Abfahrt.

Unsere drei Kinder waren noch sehr klein. Sie sind damals ständig krank gewesen, immer einer nach dem anderen. Ich war dauerhaft müde, dazu einfach unzufrieden. Weil ich viel lieber gearbeitet hätte und einfach keine große Freude daran hatte, auch das dritte Kind zur musikalischen Früherziehung zu schleppen und die x-te Krabbelgruppe zu besuchen.

Kurzum: Ich war am Rande der Kräfte und habe zu diesem Zeitpunkt keine Perspektive gesehen, wie sich die Situation ändern könnte. In diesem Zustand bin ich damals nach Borkum gefahren, auf eine Freizeit, die von der evangelischen Kirche organisiert wurde.

Beim Gedanken, jetzt von dort wieder abreisen zu müssen, war mir zum Heulen zu Mute. Denn es würde ja genauso zuhause weitergehen. Und dann stand Andrea bereit, eine der Team-Leiterinnen der Freizeit. Sie hat angeboten, uns einen Reisesegen mit auf den Weg nach Hause zu geben. Ich habe zunächst gezögert. Ich hatte keine Erfahrung mit einem persönlichen Segen. Und überhaupt: Was sollte ich mit einem Segen anfangen? Und dann bin ich doch zu ihr gegangen, habe Koffer und Kinder stehen lassen. Andrea muss die Fragen und den Frust in meinem Gesicht gesehen haben. Sie hat mich gebeten, ein wenig von dem Leben zu erzählen, das zuhause auf mich wartet. Und dann hat sie ihre Hände auf meinen Kopf gelegt. An ihre Worte kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Ich habe auch gar nicht mehr richtig zugehört. Weil ich überwältigt war; von einem Gefühl, das ich bis dahin nicht gekannt habe. Die Berührung durch Andreas Hände hat sich ausgebreitet; wie warmer Honig, vom Kopf bis in die Zehenspitzen.

Wir sind nach Hause gefahren und ich hatte tatsächlich das Gefühl, ich gehe nicht alleine zurück. Bis heute kann ich diesen Augenblick nicht in klare Worte fassen, ich kann auch nicht richtig beschreiben, was Segen ist. Die Theologin Annette Jantzen kann es besser. Sie sagt: „Segen ist die ungeordnete, wilde Gegenwart Gottes.“ Das gefällt mir gut und kommt dem, was ich empfinde, ziemlich nahe: Der Segen hat in mir etwas in Bewegung gebracht. Was genau und wie das geschehen ist, das ist für mich nicht greifbar; es bleibt tatsächlich ungeordnet. Ein Reisesegen vermag den Alltag zuhause nicht zu ändern. Aber dieser Segen hat mir geholfen, dem Leben und seinen Herausforderungen anders, gestärkt entgegenzutreten. Gottes Gegenwart hat sich in meinen Haaren verfangen. So stelle ich mir das immer vor. Wenn mir heute der Wind manchmal die Haare zerzaust, ist die Erinnerung daran wieder da. Wild und ungeordnet.

Annette Jantzen, „Gotteswort, weiblich – Wie heute zu Gott sprechen?“, Kapitel "Segen", S. 117 ff., Verlag Herder

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