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08APR2022
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„Wollt ihr eigentlich Kinder bekommen?“ Diese Frage habe ich seit meiner Hochzeit vor neun Monaten unzählige Male gehört. Anscheinend verbinden viele Menschen mit einer Hochzeit, dass auch eine Familie gegründet wird. Mein Mann und ich wissen noch gar nicht, ob wir das wollen. Es ist eine große Entscheidung. Eine Pro- und Contra-Liste hilft da nicht wirklich. Umso beeindruckter war ich, als ich letztens einen Wink Gottes zu dem Thema bekommen habe.

Es war abends. Ich habe zum Zeitvertreib in einer Zeitschrift geblättert. Eine Überschrift lautete: „Offen für neue Wege“. Ich fand das spannend und habe den ganzen Artikel gelesen. Es ging darum, wie man sich leichter entscheiden kann. Da stand: „Große Entscheidungen zwingen uns, eine Vielzahl an Aspekten einzubeziehen – und am Ende doch die Kontrolle abzugeben. (…) Zum Beispiel bei der Frage, ob man Eltern werden will.“

Wow. Das war genau mein Thema. Die Autorin sagt: mit dem Kopf können wir nicht entscheiden, ob wir Eltern werden wollen. Mit dem Herzen kann man das auch nicht entscheiden. Es hilft einen Schritt zurückzugehen und sich zu fragen: „Will ich herausfinden, wie diese Entscheidung mich verändert?“ Das hat mich total angesprochen. Diese Frage hilft mir weiter. Damit kann ich sozusagen arbeiten. Will ich herausfinden, wie diese Entscheidung mich verändert?

Ich bin sehr dankbar für diesen Artikel. Ich habe gemerkt, wie ich ruhiger und gelassener werde. Wie ich eine Antwort auf viele Fragen in mir finden konnte. Für mich war da Gott beteiligt. Ich glaube, dass er mir durch diesen Artikel begegnet ist und mir gezeigt hat, was mein Weg ist. Was für mich dran ist.

So ähnlich wie es in der Bibel im Buch der Sprichwörter. Da steht: „Der Mensch denkt über vieles nach und macht seine Pläne, das letzte Wort aber hat der Herr.“ (Sprüche 16,1, HFA)

Im Volksmund heißt das: Der Mensch denkt. Und Gott lenkt.
Ich habe das erlebt und mir hat es gutgetan. Ich muss viel in meinem Leben entscheiden und da bin ich dankbar, wenn Gott mich in meinen Entscheidungen begleitet. Und sei es nur, indem er mich durch einen Zeitungsartikel fragt: „Willst du herausfinden, wie diese Entscheidung dich verändert?“

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07APR2022
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Was für eine Blamage. Ich will nicht in der Haut des Brautpaars stecken. Da haben sie Monate lang ihre Hochzeit geplant, und dann gehen mitten in der Feier plötzlich die Getränke aus. Peinlich, Peinlich. Ich kann mir so gut vorstellen, wie sich die beiden gefühlt haben. Ich habe selbst vor neun Monaten geheiratet. Mein Mann und ich haben auch versucht, ja nichts zu vergessen, denn ich musste immer an diese peinliche Hochzeit von Kana denken, die ich aus meiner Bibel kenne.

Diese Hochzeit zu Kana fand zur Zeit Jesu statt. Und zu dieser Hochzeit waren auch Jesus und seine Mutter Maria eingeladen. Maria ist aufmerksam und registriert schnell, was los ist. Sie fordert Jesus auf: „Greif ein! Mach was! Zeig, was du drauf hast!“

Maria möchte die Blamage von dem Brautpaar abwenden. Und gleichzeitig reagiert sie dabei wie eine typische Mutter, die auf ihren Sohn stolz ist. Sie mischt sich ein. Doch Jesus reagiert krass und schroff auf sie. Er sagt: „Was willst du von mir, Frau?“ In meinen Ohren klingt das wie ein Pubertier, das entnervt auf seine Mutter reagiert. „Oh man, was will die denn jetzt schon wieder von mir. Du nervst.“ Da taucht kein liebevolles „Mutter“ oder „Mama“ auf – einfach nur, „was willst du von mir, Frau“ …

Als der Evangelist Johannes diese Worte aufschreibt, will er niemand herabsetzen. Er will den Leuten klarmachen: Jesus ist kein normaler Sohn. Er ist der Sohn Gottes. Deshalb reagiert er so. Seine irdische Mutter soll sich raushalten. Doch Maria lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie macht einfach weiter und beauftragt die Diener: „Macht genau, was Jesus sagt!“ Und Jesus sagt: Füllt die leeren Krüge mit Wasser und bringt sie dem Küchenchef! Die Diener machen genau das. Und der Küchenchef schmeckt einen exzellenten Wein. Er hatte keine Ahnung, dass eigentlich nur Wasser in den Krügen war.

Gott hilft hier durch Jesus den Menschen. Jesus macht auf dieser Hochzeit aus Wasser Wein – das ist sicher nicht lebensnotwenig, aber der Wein zeigt die Fülle des Lebens, die Gott schenkt. Und die ist auch wichtig. Für mich ist dieses Wunder fast so etwas wie ein Luxuswunder.

Diese Wundergeschichte zeigt mir nämlich: Gott ist nicht nur ein Nothelfer. Gott beschenkt mich mit Fülle und macht mich reich. Gott gibt oft mehr als das, was nur notwendig ist – er schenkt mir sozusagen ab und zu ein wenig Luxus.

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06APR2022
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„Was sind deine fünf Kostbarkeiten, heute? Für was bist du heute dankbar?“ Diese Frage höre ich wenn ich abends neben meinem Mann im Bett liege. Immer wenn ein Tag zu Ende geht, überlegen wir abends, für was wir dankbar sind.

Die Idee dazu habe ich in einem kleinen Heft entdeckt. Seitdem sammeln wir jeden Abend Dinge, für die wir dankbar sind und bringen sie im Gebet vor Gott. Ehrlich gesagt, ist das gar nicht so einfach. Manche Tage sind einfach nur nervig. Andere ätzend. Und wieder andere so alltäglich, dass uns zunächst nichts einfällt. Doch bisher ist uns dann doch noch immer irgendetwas eingefallen, für das wir gedankt haben. Und zum Glück gibt es ja auch immer wieder die Tage, die so schön sind, dass wir gar nicht aufhören können zu danken… An diesen Tagen geht es mir dann wie König David. In der Bibel finden sich viele Psalmen, die David geschrieben hat.

Die Psalmen Davids sind praktisch Liedtexte, die früher mit der Harfe oder Zither begleitet wurden. Und in einem dieser Psalmen singt David: „Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster, des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen auf dem Psalter mit zehn Saiten, auf der Harfe und zum Klang der Zither. Denn, Herr, du lässest mich fröhlich singen von deinen Werken, und ich rühme die Taten deiner Hände.“ (Psalm 92,2-5)

David dankt Gott. Er genießt es zu danken. Je öfter ich dieses abendliche Danken übe, desto mehr genieß ich es. Ich bring meinen Dank vor Gott. Gleichzeitig bekomme ich dabei viel zurück. Ich spüre, wie es mir guttut, zu danken. Ich entdecke so echte Schätze und Kostbarkeiten in meinem Alltag. Dinge, die mir sonst nie besonders aufgefallen wären.

Ich merke aber auch: Danken muss geübt werden. Das geht nicht einfach von heute auf Morgen. Mir hilft dabei, dass ich nicht allein danken muss. Manches fällt meinem Mann ein das ich schon vergessen hatte – und andersrum. So bereichern wir uns gegenseitig und bringen dann unseren Dank vor Gott.

Deshalb stelle ich mich gern dieser Herausforderung und frage mich jeden Abend: „Für was bin ich heute dankbar?“

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05APR2022
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Das Klagegeschrei der Klageweiber klingt noch heute in mir nach… Als Studentin habe ich in einem griechischen Restaurant gearbeitet. Plötzlich ist mein damaliger Chef an einem Herzinfarkt gestorben. Alle Angestellten nahmen an der griechisch-orthodoxen Beisetzung teil – inklusive einiger Klageweiber.

Ich hatte so etwas noch nie erlebt. Weder eine griechisch-orthodoxe Trauerfeier noch das Auftreten von Klageweibern. Es war eindrücklich, irritierend und zugleich faszinierend. Diese Frauen standen um den Sarg herum und haben lautstark gejammert. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass sie stellvertretend für die große Trauergemeinde Leid geklagt haben. Und Klageweiber tun das seit Jahrtausenden, schon zur Zeit der Bibel. Schon damals wurden Klagefrauen geholt, wenn niemand mehr die richtigen Worte fand, wenn alle sprachlos waren.

Jeremia, ein Prophet aus dem Alten Testament fand keine Worte mehr angesichts der Ungerechtigkeiten und Missständen der damaligen Zeit. Für ihn war das nur noch zum Weinen. Darum holte er Klagefrauen – ob sie den richtigen Ton fanden? Tatsächlich, sie stellen sich dem Leid der Welt und wenden sich an den einzigen, der helfen kann: an Gott. Und Gott hilft seinem Volk. Er handelt anders als ich es erwartet hätte: Er kommt mit Güte, Recht und Gerechtigkeit. Auf diese Weise zeigt er den Menschen einen Schimmer von seiner neuen Welt: Er versöhnt, bleibt seinem Volk treu. Durch alle Jahrhunderte und Krisen hindurch. Er verlässt es nicht, obwohl er manchmal allen Grund dazu hätte.

Mir zeigt die Erzählung des Propheten Jeremia, dass Gott einen anderen Maßstab setzt. Er liebt die Menschen so sehr, dass er verzeiht. Er macht ihnen Mut und schenkt ihnen eine neue Chance.

Für mich heißt das: Gott steht mir bei, wenn ich mal keine Worte finde... Wenn mir die Krisen der Welt zu viel werden. Dann kann ich all das Gott im Gebet klagen. Ich rede mit ihm und werfe ihm all mein Leid vor die Füße. Dabei merke ich, wie ich alles ein wenig sortiere. Meine Gedanken loslasse. Nach so einem Gebet geht es mir oft besser. Manchmal spreche ich dann auch noch mit anderen darüber – so werden mir neue Perspektiven geschenkt. Auf diese Weise verändert Gott mein Denken und inspiriert mich, ihm nachzueifern.

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04APR2022
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Um uns herum tobten die Wellen und ich saß in einem kleinen Motorboot auf dem nordschwedischen Meer. Die aufgewühlte See und die großen Wellen und Wogen um unser Boot waren alles andere als angenehm. Sigrid, Janne und ich wollten in ihrer kleinen Holzhütte auf einer Insel übernachten. Doch bei diesem Wind und Wellen haben wir schnell entschieden: soweit kommen wir nicht. Zum Glück hatten die beiden auf einer anderen nähergelegenen Insel auch eine Hütte. Dorthin haben wir es geschafft.

Ich war froh, als wir endlich wieder an Land waren und der Sturm am nächsten Tag vorbei war.

Ob es den Jüngern Jesu auch so erging? Im Neuen Testament steht der Bericht von den Jünger Jesu, die auch einen heftigen Sturm in einem kleinen Boot (Matthäus 14,22-33) erleben. Leider ist Jesus nicht mit dabei, der ihnen helfen könnte. Doch sie haben Glück. Mitten im Sturm sehen sie, dass jemand auf den Wellen zu ihrem Boot gelaufen kommt. Ein Gespenst?

Nein, es ist Jesus. Jesus kommt als Helfer in der Not zu den Jüngern. Und er muss dabei übers Wasser gehen, denn nur so wird klar: hier kommt Hilfe von Gott. Von einem göttlichen Menschen. Denn niemand anders kann schließlich übers Wasser laufen. Die Jünger werden total panisch, doch Jesus reagiert prompt und beruhigend. Er sagt zu seinen Jüngern: Fürchtet euch nicht! Ich bin es. Ihr braucht keine Angst zu haben.

Was für ein Zuspruch! So einen Zuspruch hätte ich auch gerne, wenn ich im wahrsten Sinne eine Sturmzeit erlebe. Wenn ich völlig die Orientierung verliere… Die Jünger begegnen hier Gott. Mitten im Sturm.

Ich habe in meinem Leben schon so manche Sturmzeit durchgemacht. Einmal habe ich tatsächlich so einen göttlichen Zuspruch erhalten. Damals ging es mir richtig schlecht. Mitten in einem Gottesdienst habe ich das folgende Lied gehört: „Wenn die Meere toben, Stürme wehn, werd ich mit dir übers Wasser gehen. Du bist König über Wind und Flut, mein Herz wird still, denn du bist gut.“ Als ich diese Worte hörte, war das für mich mein persönliches: „Fürchte dich nicht! Ich bin es. Du brauchst keine Angst zu haben.

Bis heute halte ich an diesem Zuspruch fest. Ich weiß: Stürme gehören zu meinem Leben. Doch auch im größten Sturm ist Jesus für mich da. Er kommt sogar übers Wasser zu mir. Er lässt mich nicht allein.

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07MAI2021
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„Schach matt“, sagt mein Gegenüber. Das Spiel ist aus. Schon wieder. Mein Gegenspieler weiß gut, wie er klug einen Schachzug nach den anderen ausführt, um mich Schach matt zu setzen. Zu meiner Verteidigung: mein Gegner hat mir erst kurz zuvor das Schach spielen beigebracht. Seitdem üben wir gemeinsam. Es macht Spaß und ist herausfordernd. Zum einen musste ich lernen, welche Spielfigur wie über das Schachbrett laufen darf. Zum anderen ist die Kunst beim Schach die folgenden Züge des Gegners genau durchzudenken und entsprechend geschickt die eigenen Spielfiguren zu positionieren.

Das Schachspiel erinnert mich an meinen aktuellen Corona-Alltag. In meinem Beruf als Pastorin muss ich planvoll vorgehen. Genau wie beim Schach geht es darum abzuwägen, welcher Zug der nächste ist. Nur so kann ich verhindern Schach matt gesetzt zu werden. Ich muss mir also überlegen: Welche Veranstaltung ist möglich? Welche nicht? Was macht Sinn? Was nicht? Dabei muss ich vorausschauend planen und besonnen handeln.

Als verantwortungsbewusste Christin ist es mir dabei wichtig vernünftig zu sein. Ich will mich nicht nur von Emotionen leiten lassen, sondern weise handeln. Denn für mich schließen sich Glauben und Vernunft nicht aus. Im Gegenteil sie gehören unbedingt zusammen. Als Christin will ich mich vernünftig in der Gesellschaft einbringen. Und das heißt für mich verantwortungsbewusst und solidarisch. Beruflich und privat orientiere ich mich dabei an folgendem Bibelwort:

 „Denn Weisheit wird in dein Herz kommen, und die Erkenntnis wird dich mit Freude erfüllen. Besonnenes Handeln wird dir Schutz geben und Einsicht wird dich behüten.“ (Spr 2,10-11)

Dieses Bibelwort hilft mir abzuwägen, was dran ist. Es wird mir zur Anleitung für mein Christsein heute: Wichtig ist, dass ich besonnen handle. Doch auch die Weisheit ist unabdingbar. Sie ist mir ein guter Ratgeber in diesen andersartigen Zeiten. Weise möchte ich ein Schritt nach dem anderen machen – wie beim Schach. Und das Beste ist: Gott hält mein Leben dabei in seiner Hand. Er ist die Weisheit, die mich besonnen handeln lässt und mit Freude erfüllt.

Für mich heißt das: Es geht im Glauben nicht um blinden Gehorsam, sondern um vernünftiges Christsein. Mir gefällt das.

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06MAI2021
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Endlich ist es fertig! Ich halte mein druckfrisches Fotobuch in der Hand und bin glücklich. Es fühlt sich toll an. Jedes Jahr gestalte ich ein Fotobuch über das vergangene Jahr. Viele Stunden verbringe ich dafür vor dem Computer. Ich genieße es die Bilder auszusuchen und Millimeter für Millimeter hin und herzuschieben bis sie perfekt sitzen.

Als ich dieses Jahr mit dem Fotobuch für 2020 begonnen habe, dachte ich: es wird bestimmt ein schlankes und dünnes Buch. Viel ist in diesem Jahr ja nicht passiert. Doch jetzt, wo ich es in der Hand halte, sehe ich, wie dick es ist. Es ist am Ende sogar eins von den dicksten Büchern geworden, die ich je gemacht habe. Viele Fotos haben ihren Platz gefunden. Der Sommerurlaub an der Ostsee nimmt viele Seiten ein. Er war besonders – gerade weil ich nicht wusste, ob er stattfinden kann oder nicht. Daneben finden sich viele Alltagsbilder oder Naturaufnahmen auf den Seiten. Im letzten Jahr sind mir besonders alltägliche Kleinigkeiten aufgefallen. Vieles, was ich mit meiner Kamera sonst nicht festgehalten habe. Schätze des Alltags. Und all diese kleinen Bildschätze ergeben jetzt ein großes Ganzes in meinem Fotobuch.

Während ich durch das Fotobuch blättere, erinnere ich mich an alles, was ich erlebt habe. Erst jetzt im Rückblick fällt mir auf, wie voll das letzte Jahr gewesen ist. Erst jetzt erkenne ich das ganze Bild. Und das erinnert mich an einen Vers aus der Bibel.

Ein Mann namens Paulus schreibt dort in einem Brief an die Gemeinde in Korinth: „Denn jetzt sehen wir nur ein rätselhaftes Spiegelbild. Aber dann sehen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke. Aber dann werde ich vollständig erkennen, so wie Gott mich schon jetzt vollständig kennt.“ (1. Kor 13,12)

Diese Worte von Paulus berühren mich. Sie zeigen mir: mit meinem Leben ist es wie mit meinem Fotobuch. Jetzt erkenne ich nur einzelne Bruchstücke. Doch irgendwann sehe ich das gesamte Bild. So wie Gott es erdacht hat. Und dann werde ich verstehen und erkennen, warum was passiert ist oder eben auch nicht.

Erst am Ende meiner Zeit werde ich vollständig erkennen. Ich freue mich auf diesen Moment. Und ich hoffe, dass es sich genauso gut anfühlt, wie wenn ich mein druckfrisches Fotobuch in den Händen halte.

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05MAI2021
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Als Teenager war ich einmal zu Besuch bei der Tante meiner besten Freundin. Sie hatte einen richtig großen Esstisch im Esszimmer stehen. Der Tisch war ca. 3 Meter lang und hat mich echt beeindruckt. Seitdem hatte ich immer den Traum davon, später auch einmal so einen großen Esstisch zu haben: Ein Tisch, an dem alle Platz haben. Wo keiner ausgeschlossen wird oder am extra Kindertisch sitzen muss. Ein Tisch, wo Platz für Gespräche und Austausch ist. Wo es keine Tabus gibt. Ein Tisch an dem man über alles reden kann.

So ein großer Tisch hätte in das kleine Esszimmer meiner Eltern nie reingepasst. Trotzdem hat der Esstisch bei meinen Eltern immer eine ganz zentrale Rolle gespielt. Denn bei uns gab es eine Familienregel: Beim Abendessen sind alle Familienmitglieder da! Denn beim Abendessen wurde alles besprochen: es wurde geplant, was am nächsten Tag anstand. Es wurde Organisatorisches geklärt oder – wenn es tagsüber Streit gegeben hatte, wurde spätestens beim Abendessen das Ganze nochmal geklärt, nachbesprochen und gegebenenfalls Frieden geschlossen.

Und auch bei Jesus spielt der Tisch eine zentrale Rolle: Das gemeinsame Essen ist für Jesus und die Leute, die ihm nachfolgen total wichtig. In der Bibel gibt es viele Geschichten dazu: Mal bekommt Jesus 4000 Menschen satt. Mal 5000. Mal ist er bei einer Hochzeit eingeladen oder er isst mit Zöllnern, Prostituierten und anderen Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Von seinen Gegnern wird er deshalb spöttisch als Vielfraß und Säufer bezeichnet, der mit Zolleinnehmern und Sündern befreundet ist (Mt 11,19).

Am Abend vor seiner Kreuzigung lädt Jesus ein letztes Mal Menschen zum Essen ein: seine zwölf engsten Freunde. Noch heute erinnern sich Christen an dieses gemeinsame Essen, wenn sie Abendmahl feiern. Denn für Jesus ist das gemeinsame Essen Sinnbild dafür, wie die Menschen miteinander umgehen: Mit Feinden isst man nicht zusammen. Aber mit Menschen, die man respektiert und anerkennt sehr wohl. Jesus will seinen Nachfolgern also sagen: Setzt euch gemeinsam an den Tisch. Erzählt euch, was euch bewegt und beschäftigt. Teilt euren Glauben und wenn ihr euch zerstritten habt, schließt Frieden miteinander.

Diese Einladung nehme ich gern an, denn so lebe ich nach dem Vorbild Jesu. Aktuell geht es nicht, mit vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen. Aber im kleinen Kreis geht es und das nutze ich gern.

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04MAI2021
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„Und jetzt gut die Spannung halten. Spürt das Ziehen im Rücken,“ so schallt es aus meinem Computerlautsprechern. Dank Corona findet die Rückenschule jetzt digital statt. Vor mir gibt sich meine Trainerin größte Mühe uns bei den Übungen anzuleiten. Sie fordert viel und es ist echt schweißtreibend…

Seit ich acht bin leide ich an chronischen Wirbelsäulenproblemen. Ich weiß deshalb, dieses harte Training stärkt meinen Rücken: denn je besser und regelmäßiger ich trainiere, desto mehr Halt bekommt mein Rücken. Die Muskeln tragen mit, stützen, geben Halt und reduzieren die Schmerzen. Im anatomischen Sinn wird also das Rückgrat gestärkt. Doch das Wort „Rückgrat“ kann auch im übertragenen Sinne verwendet werden. Es meint dann Menschen, die offen zu ihrer Auffassung und Überzeugung stehen. Menschen mit Rückgrat haben Charakterstärke und sind mutig. Sie treten taff und sicher auf und stehen zu ihrer Meinung. Solche Menschen beeindrucken mich.

Die Bibel erzählt von vielen Frauen und Männern, die Rückgrat haben. Was diese Menschen verbindet: Nichts schüchtert sie ein, denn sie vertrauen ihr Leben Gott an. Und immer wieder beten sie deshalb zu ihm. Der Glaube an Gott stärkt sie.

Das ist wie bei der Rückenschule: Meine Muskulatur muss auch immer wieder trainiert werden – sonst erschlafft sie und die Wirbelsäule verliert Halt. Genau wie im Glauben und bei Gott: meine Beziehung zu Gott muss ich pflegen. Das Gute daran ist: Für dieses Training brauche ich keine besondere Ausrüstung. Ich brauche keine Yoga-Matte, Gewichte oder Therabänder – es reicht mich Gott zu öffnen und ihm zuzuwenden, so wie ich bin. Ich kann einfach mit ihm reden und damit betend zu ihm kommen. Oder ich tausche mich mit anderen Christen aus. Höre mir ihre Erfahrungen und Zweifel an und kann meine mit jemand anderem teilen. So lebe ich meinen Glauben und stärke ihn zugleich. Durch dieses geistliche Training bekomme ich Halt und Stütze.

Genau wie bei den Frauen und Männern in der Bibel: durch ihren Glauben schaffen sie Unglaubliches. Für mich sind diese Menschen damit tolle Vorbilder. Ihr Glaube beeindruckt und ermutigt mich, mein Leben Gott anzuvertrauen. Er stärkt mich und macht mich zu einer Frau mit Rückgrat.

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03MAI2021
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Einfach mal weg. Dem entfliehen. Ab auf den Berg. Ein Zelt aufschlagen und die Welt mit ausreichend Abstand betrachten. Wer wünscht sich das gerade nicht?

Ich habe immer mal wieder sehr eindrückliche und bewegende Momente auf Bergen erlebt. Für mich waren das so eine Art „Himmelreichmomente“. Also Momente, wo ich mich dem Himmel und Gott ganz nah gefühlt habe. Solche Momente habe ich in meinem Leben schon immer mal wieder erlebt, zum Beispiel in den Wicklow Mountains in Irland oder auf einer Anhöhe in Ravensburg. Auf einem Berg zu stehen und die Weite zu bestaunen, hat einfach was. Es ist eindrücklich. Die Häuser sehen auf einmal ganz klein aus. Und die Probleme der Welt scheinen auch klein und unbedeutend. Ich bin dann dem Himmel besonders nah.

Und das geht nicht nur mir so. In der Bibel stehen Berge oft für Orte, wo man Gott begegnet. Einmal zum Beispiel nimmt Jesus die Jünger Petrus, Jakobus und Johannes mit auf einen Berg. Dort erleben die drei Freunde einen Himmelreichmoment: Vor ihren Augen verwandelt sich Jesus. Er leuchtet hell wie die Sonne. Seine Kleidung wird weiß. Alles Zeichen für Gottes Gegenwart. Doch damit nicht genug, erscheinen den Jüngern die Propheten Mose und Elia, die mit Jesus reden. Und kurz darauf hören die drei dann auch noch eine Stimme aus den Wolken. Für die drei Jünger ist klar: Hier spricht gerade Gott mit uns. Deshalb werfen sie sich nieder und fürchten sich sehr. Doch Jesus lässt sie nicht allein. Er geht zu ihnen hin, berührt sie und sagt: Steht auf und fürchtet euch nicht!

„Jesus ist seinen Jüngern also gerade in ihrer Furcht ganz nahe; er berührt sie, sodass sie spüren können: Er ist da und richtet sie auf.“
Als die Jünger wieder die Augen öffnen, sehen sie allein Jesus. Niemand anderes ist mehr zu sehen. Ihr Blick richtet sich jetzt allein auf Jesus. Den Christus. Diesen Himmelreichmoment würden sie am liebsten für immer festhalten. Petrus will sogar Zelte aufstellen. Doch das geht nicht. Sie müssen wieder absteigen. Hinunter ins Tal. Zum Glück gehen die drei diesen Weg aber nicht allein. Jesus geht mit.

Für mich heißt das: Jesus ist immer da. In Glücksmomenten und wenn ich mich fürchte. Er ist nahe. Er ist das Licht, das in die Dunkelheit kommt und mein Leben erhellt. Mitten in den Niederungen des Alltags geht er mit und spricht mir zu: Fürchte dich nicht!

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