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28AUG2022
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Meine Tochter hat mich mal wieder kalt erwischt: „Papa, wann geht die Welt unter? Schon bald, oder?“ Das hat gesessen. Wir sind gerade nach Hause gefahren und waren müde. Zum Glück: denn meine Tochter hat ihre Frage gestellt und ist dann eingeschlafen. Es hat mir zwar leidgetan, dass sie ausgerechnet mit diesen Gedanken in die Nacht gegangen ist. Aber ich war auch froh. So musste ich ihr nicht gleich antworten. Was hätte ich sagen sollen?

Wir waren in den Ferien viel unterwegs. Am Rhein zum Beispiel; er hat so wenig Wasser wie selten geführt. Auch im Zoo sind wir gewesen und haben Tiere gesehen, die vom Aussterben bedroht sind. Meine Tochter hat gefragt: „Ist das der Klimawandel?“ Zuvor hatte sie Corona und war einige Tage schlapp. Das hat sie beschäftigt, denn manche Leute sterben daran. Auch die Folgen des Ukraine-Kriegs hat sie gespürt; auf ihre Weise: eine Zeit lang war das Pommes-Fett knapp – für sie ein kleiner Weltuntergang.

Eine Katastrophe jagt die nächste. Nicht nur Kindern wird da mulmig. Auch mir. Als ich so alt war wie meine Tochter, war das nicht so. Oder doch? Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir ein, dass ich Angst vor AIDS hatte, dieser Krankheit, von der man wenig wusste, die aber tödlich war. Tschernobyl ist explodiert als ich acht war. Und der Kalte Krieg war ebenso präsent wie das Ozonloch. Auch die Generationen vorher kennen das: der Vietnamkrieg und die sauren Flüsse; oder noch früher: die Spanische Grippe, Weltkriege und Wirtschaftskrisen.

All diese Dinge sind heute verblasst. Medikamente wurden erfunden; Frieden geschlossen. Die Flüsse sind wieder sauber, und in meiner Erinnerung überwiegen keine Sorgen, sondern das Schöne, das ich damals gesehen und erlebt habe. Das ist vielleicht eine Spur, die ich meiner Tochter legen kann. Ich will ihre Sorgen nicht abtun und sagen, dass es früher ja auch schwer war. Aber ich will ihrer Angst etwas entgegen­setzen. Ängste und Katastrophen drängen sich oft in den Vordergrund. In den Medien verkaufen sich Horrormeldungen besser als gute Nachrichten; und über Negatives lässt sich besser tratschen. Nur kommt dabei oft zu kurz, was gut läuft, Mut macht und aufbaut.

Es tut gut, diesen Tunnelblick ab und zu aufzubrechen. Ich habe gehört, dass man sich am Tag höchstens zehn Minuten mit Negativschlagzeilen beschäftigen soll. Dann ist es Zeit für einen Ausgleich: man soll sich gezielt guten Meldungen widmen. Das lässt sich doch machen. Und wenn ich mit meiner Tochter wieder im Zoo bin, werde ich auch mit ihr nach dem suchen, was Hoffnung macht: Wir werden Arten finden, die nicht ausgestorben sind, weil sie sich angepasst haben. Oder Fische entdecken, die in der dunklen See leben und doch ganz bunt sind. Das zeigt, welche Pracht und Fülle, welchen Überfluss und welche Überraschungen die Schöpfung bereithält, mit denen wir vielleicht gar nicht rechnen ...

Meine Tochter ist recht pragmatisch. Sie hat überlegt, was sie gegen den Weltuntergang tun kann: Sie isst jetzt ihr Eis aus der Waffel statt aus dem Becher, weil der Becher in den Müll wandert, die Waffel aber in den Mund. Sie wünscht sich, dass wir ein Elektro-Auto kaufen. Und Fahrrad­fahren ist angesagt – auch wenn sie dabei mehr an mich denkt als an sich selber. Das sind keine neuen Ideen. Aber für sie sind sie innovativ – und ein Anfang. Sie träumt davon, dass das alle Menschen tun. Die Welt ist komplex und Kinder durchschauen vieles noch nicht. Aber das Prinzip ist ihnen klar: Was aus der Welt wird, haben alleine wir in der Hand.

Der Künstler Micha Kunze hat einen Text geschrieben, in dem es genau darum geht. Er heißt: „Die Abschaffung des Menschen.“[1] Kunze beschreibt in vielen Facetten, wie genial Gott die Welt gemacht hat: den Geruch von Holz zum Beispiel. Oder den weißen Schaum auf den Wellen. Immer wieder fügt er ein, wie es in der Bibel steht: „Gott sah, dass es gut war.“

Dann spricht Kunze über den Menschen. Gott hat auch ihn gemacht – als sein Abbild. Der Mensch ist frei zu tun, was er will. Er kann sogar – wie Gott – Dinge schaffen. Und das tut er auch: Fabriken, Plastik und Ausbeutung. Pornografie, Unterdrückung und Zerstörung. Wenn Micha Kunze das aufzählt, wird er immer dramatischer – bis er plötzlich stockt und wieder die Bibel zitiert: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild. Gott sah den Menschen und er sah, dass es …“ – Dann schweigt er. Ob es gut oder schlecht war – muss der Zuhörer entscheiden.

Als ich das gehört habe, war ich schockiert: Hat der Mensch den Karren wirklich an die Wand gefahren? Nutzt er seine Freiheit nur, um zu streiten und die Welt auszubeuten? Dann ist mir aufgefallen, dass Kunze auch so kleine Lichtblicke nennt: der Mensch ist auch zu Versöhnung fähig. Er hat Häuser und Kindergärten gebaut, Kinofilme und Versicherungen erfunden, Dinge, die Menschen entlasten, ihnen helfen und guttun. Ich habe etwas aufgeatmet: Gott hat den Menschen als sein Ebenbild geschaffen. Er traut ihm also etwas zu. Und er hat ihm alles mitgegeben, was er braucht, um das Steuer rumzureißen. Der Mensch muss es nur tun.

Aber wer ist „Der Mensch“? – Jede und jeder Einzelne. Jeder kann etwas beitragen, dass die Welt Zukunft hat. Jede auf ihre Art. Meine Tochter isst Eis aus Waffeln. Ich selber werde mein nächstes Handy nachhaltig einkaufen. Einige helfen Flüchtlingen. Mediziner bekämpfen Corona; Forscher experimentieren aktuell mit Bakterien, die Plastik zersetzen; und Politiker bemühen sich um Frieden.

„Papa, wann geht die Welt unter?“ Wenn meine Tochter das wieder fragt, bin ich hoffentlich nicht so unsicher. Ich könnte antworten: „Noch lange nicht, mein Schatz. Wir können was dafür tun, dass es gut wird.“

 

 

[1] Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=6s6W8Q4g6b4

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03JUL2022
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Der Apostel Thomas zweifelt, hakt nach und bleibt dran.

Als Kind hat mir ein Jünger immer etwas leidgetan: der Apostel Thomas. Ich war Ministrant und habe seine Geschichte oft gehört:

Thomas ist einer der Jünger, die mit Jesus unterwegs waren. Als der gekreuzigt wird, bricht für ihn und die anderen eine Welt zusammen. Sie haben Angst, sind traurig und verzweifelt. Sie ziehen sich zurück und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Da taucht Jesus bei ihnen auf; offenbar lebt er. Die Jünger können sich das nicht erklären. Aber Jesus steht leibhaftig vor ihnen! Einer ist an diesem Tag nicht dabei: Thomas. Der arme Tropf war vielleicht gerade einkaufen oder hat jemanden besucht. Als er zurückkommt, hört er von den anderen, was passiert ist. Doch er kann es nicht glauben. Er zweifelt und ist skeptisch. Das bringt ihm den Beinamen „der Ungläubige“ ein, einen Titel, der ihm bis heute anhängt. Und doch feiern wir heute den Gedenktag von Thomas: Er wird als Apostel verehrt, als einer, der Jesus besonders nahesteht und einen besonders festen Glauben hat. Widerspricht sich das nicht?

Für mich schließen sich Glaube und Zweifel nicht aus. Mir geht es nämlich ganz ähnlich wie Thomas. Ich kenne Menschen, die vorbehaltlos glauben. Leute, die nicht weiter hinterfragen, was in der Bibel steht. Ich selber kann das nicht. Ich frage mich oft, ob Jesus tatsächlich auferstanden ist. Wie soll das denn gehen? Und ist er den Jüngern wirklich erschienen? Das kann ich mir nicht so recht vorstellen. Ich bin auch bei Wundern oft skeptisch, weil ich sie mir nicht erklären kann. Und doch sind es genau diese Momente, die Jesus für mich so besonders machen, die mich faszinieren und die ich so gerne glauben möchte.

Thomas hat damals nachgehakt: Am liebsten will er seine Finger in die Wunden des Auferstandenen legen, um glauben zu können. Und es gibt noch eine weitere Geschichte, bei der es Thomas genau wissen will. Jesus verabschiedet sich kurz vor seinem Tod von den Jüngern. Dabei sagt er zu ihnen: „Wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr.“ Die Jünger nehmen das so hin. Nur Thomas unterbricht ihn: „Jesus, ich verstehe dich nicht. Was soll das für ein Weg sein? Wo ist der denn?“
Jesus antwortet ihm. Und was er sagt, wird für Thomas und viele Menschen später wichtig werden: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ihr kommt in den Himmel, wenn ihr euch an mir und dem orientiert, was ich sage und tue.“

Thomas denkt also mit. Er scheut sich nicht, Fragen zu stellen; auch wenn er der einzige ist und die anderen womöglich etwas ausbremst. Er setzt sich kritisch mit dem auseinander, was er von Jesus weiß und erzählt bekommt. Und genau das bringt ihn weiter: Dadurch versteht er manches besser. Ihm wird klarer, was er glaubt. Und er vertieft so am Ende seine Beziehung zu Gott und zu Jesus.

Früher hatte ich Mitleid mit Thomas, weil er den Auferstanden verpasst hat. Heute spricht mich seine Geschichte richtig an. Thomas zeigt mir: ich darf zweifeln. Ich darf Fragen stellen und so meinen Glauben entwickeln – Schritt für Schritt, ganz in dem Tempo, das für mich passt.

Der Glaube ist lebendig, wenn er zweifelt.

Der Apostel Thomas wird auch der Ungläubige genannt. In meinen Sonntagsgedanken habe ich eben von ihm erzählt. Er will an Jesus glauben, tut sich aber schwer damit. Ich bin der Meinung, das ist völlig in Ordnung: zu glauben und dabei kritisch zu sein, schließt sich nicht aus.

Vielleicht braucht der Glaube sogar einen gesunden Zweifel. Ich war neulich bei einem Priesterjubiläum dabei. Der Pfarrer wurde vor 60 Jahren geweiht. Er hat zurückgeschaut und war vor allem über eines glücklich: nach all der Zeit habe er noch immer dieselben Fragen wie am Anfang. Sein Glaube sei nach wie vor noch nicht so fest, dass er nicht immer wieder zweifeln würde. Das hat mich erst irritiert, aber er hat es begründet und gesagt: „Ein Glaube, der nicht mehr fragt und sucht, ist nicht lebendig. Er steckt fest und entwickelt sich nicht weiter.“ Ich denke, das stimmt.

So kann man auch die Thomas-Geschichte verstehen: Thomas bekommt tatsächlich die Chance, seine Zweifel auszuräumen. Jesus erscheint ihm nämlich und streckt ihm seine Wunden hin. Doch Thomas berührt sie nicht. Jedenfalls berichtet die Bibel nichts davon. Dort steht nur, dass Thomas Jesus sieht und dann auf der Stelle zu ihm sagt: „Mein Herr und mein Gott.“

Vielleicht hat Thomas die Wunden Jesu ganz bewusst nicht berührt. Um glauben zu können, brauche ich Kontakt zu Jesus. Aber nicht unbedingt Kontakt mit dem Finger in den Wunden. Ich muss mich von Jesus ansprechen lassen. Ich muss über das nachdenken, was er sagt und tut, ihm meine Fragen stellen und selbst um Antworten ringen. Es geht also um meine Beziehung zu Jesus, die vor allem dann lebt, wenn ich mich mit ihm auseinandersetze.

Die letzten Worte, die Jesus an der Stelle spricht, sind an Thomas gerichtet. Jesus sagt zu ihm: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Ich vermute aber, diese Worte sind vor allem für mich gedacht, den, der diese Geschichte hört oder liest. Thomas ist Jesus begegnet. Auch wenn er ihn nicht berührt hat, ist er doch näher dran, als ich es je sein werde. Er sieht Jesus und glaubt. Ich hingegen muss mich auf das verlassen, was überliefert ist. Das ist echt schwer. Das Jesus-Wort macht mir aber Mut: ich soll dranbleiben und trotz aller Zweifel um meinen Glauben ringen.

Sollten Sie wie ich Thomas heißen und heute Namenstag haben, dann gratuliere ich Ihnen ganz herzlich. Und falls Sie zu denen gehören, die manchmal zweifeln, skeptisch sind und ihren Glauben hinterfragen, dann erst recht: genau das hält den Glauben lebendig.

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18APR2022
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Die Emmaus-Jünger

Heute Morgen war in Waghäusel bei Heidelberg schon richtig was los: über hundert Leute haben sich um 6 Uhr auf dem Friedhof getroffen. Sie haben gebetet und gesungen und sind dann ein Stück gelaufen. Unterwegs haben sie sich unterhalten, meditiert und in der Bibel gelesen. Und sie haben zusammen gefrühstückt.

Diese Tradition heißt Emmaus-Gang. Sie geht auf eine Geschichte aus der Bibel zurück: Als Jesus stirbt, bricht für seine Jünger eine Welt zusammen. Alles, was sie erhofft haben, ist dahin. Zwar soll Jesus auferstanden sein; aber sie können es nicht glauben. Zwei der Jünger verlassen daraufhin Jerusalem und wandern mutlos nach Emmaus, einem Ort ganz in der Nähe. Sie reden gerade über die Ereignisse der letzten Tage, als ein Fremder dazu kommt. Der tröstet sie, indem er ihnen die heiligen Schriften auslegt. Gegen Abend kehren die drei zusammen ein. Am Tisch nimmt der Fremde ein Fladenbrot und einen Krug Wein in die Hand. Wie Jesus es getan hat, spricht er den Segen und teilt beides aus. Da erkennen sie ihn: es ist Jesus. Er war die ganze Zeit bei ihnen. Sie waren nur so mit sich beschäftigt, dass sie ihn nicht erkannt haben.

Auch die Menschen heute Morgen in Waghäusel waren unterwegs nach „Emmaus“: nur eben symbolisch. Sie wollten zeigen und feiern, dass Jesus auch heute da ist und Menschen begleitet, auch wenn sie ihn oft nicht gleich erkennen. Sie haben ganz bewusst auf dem Friedhof begonnen, im Halbdunkel: unterwegs ist dann die Sonne aufgegangen, und es wurde immer heller, ein Zeichen dafür, dass Jesus lebt und alles vertreibt, was dunkel ist und traurig macht. Ich mag solche Zeichen. Und doch will ich es genauer wissen: Wie ist Jesus denn konkret an meiner Seite, wo ich ihn doch für tot halten könnte – so wie die Jünger damals?

Der Emmaus-Gang legt für mich vier Spuren:
Zuerst mal: Jesus ist da, wo sich Menschen einander anvertrauen. Die zweite Spur: Ich spüre etwas von ihm, wenn ich in der Heiligen Schrift lese. Dann wird er für mich real, wenn sich Menschen am Tisch versammeln und dabei an ihn denken. Und zu guter Letzt: ich erkenne Jesus oft erst im Nachhinein, wenn ich mir anschaue, was ich so erlebt habe.

Jesus begegnen – auch heute noch

Jesus ist zum Beispiel da, wo sich Menschen einander anvertrauen. Es gibt Situationen, da bin ich wie die Jünger in dem gefangen, was ich erlebe: ich bin traurig, weil jemand stirbt. Ich werde krank oder erlebe Schlimmes und habe Angst. Wie gut tut es dann, wenn jemand für mich da ist, mit dem ich reden kann. Sich auszutauschen führt oft dazu, dass mir „die Augen aufgehen“ und es wieder heller wird. In solchen Momenten bin ich mir sicher: Jesus geht mit mir. Er begleitet mich – durch andere.

Ich kann Jesus aber auch spüren, wenn ich in der Bibel lese. Zu den Emmaus-Jüngern gesellt sich ein Mann, der ihnen die Heilige Schrift auslegt und so ein neues Licht auf das wirft, was Jesus passiert ist. Vielleicht sagt er ihnen, dass Gott aus dem, was für Menschen ausweglos erscheint, durchaus Neues und Gutes machen kann. Oder dass im Scheitern ein neuer Anfang steckt. Das alles steht in der Schrift. Es trifft die Jünger ins Herz und spricht auch mich an.

Die Emmaus-Geschichte legt für mich noch eine andere Spur, wie ich Jesus heute begegnen kann: in der Eucharistie, dem Abendmahl. Die Jünger erkennen den Fremden, als er das Brot teilt. Jesus hatte ihnen gesagt: wann immer ihr das tut und miteinander esst, bin ich bei euch.
Mir fällt dazu eine alte Schüssel ein, die bei mir zuhause steht. Mein Schwiegervater hat darin immer seine Dampfnudeln vorbereitet. Wenn ich die Schüssel sehe, sehe ich ihn: wie er den Teig knetet und seine Augen leuchten. Ich rieche die Hefe und die fertigen Dampfnudeln. Er selber ist schon gestorben, aber in diesem Moment ist er für mich lebendig. Es ist nur eine Schüssel; etwas Zufälliges; meine persönliche Erinnerung. Die Zeichen, die Jesus hinterlassen hat, sind da noch stärker! Denn er hat Brot und Wein ganz bewusst gedeutet. So bleibt er darin ganz lebendig. Es sind Symbole; aber für mich haben sie eine echte Kraft.

Dass Jesus auch heute wirkt und lebendig ist, erkenne ich manchmal auch im Rückblick auf das, was ich erlebt habe. Die Emmaus-Jünger lassen am Abend den Tag Revue passieren und merken, dass Jesus bei ihnen war. In der Bibel heißt es: „Brannte uns nicht das Herz, als er unterwegs mit uns redete?“
Manchmal läuft es nicht so, wie ich es will. Ich sehe kein Land mehr, bin traurig oder ratlos. Trotzdem geht es weiter. Erst später, wenn ich zurückschaue, merke ich, warum: ein Freund hat mich motiviert. Ich bin einem begegnet, der mir gutgetan hat. Oder ich musste bei in einer Sache scheitern, weil sich erst dadurch neue Wege eröffnet haben. Solche Momente können mir zeigen, dass es da einen gibt, der mich durchs Leben begleitet.

Heute Morgen sind an vielen Orten Menschen unterwegs. Wie die Jünger damals machen sie einen Emmaus-Gang: sie vertrauen sich einander an, beten, lesen in der Bibel und essen zusammen. Wo immer einem dabei die Augen aufgehen oder ein gutes Wort ein Herz berührt, wo immer sich dabei etwas zum Besseren wendet oder einer in seiner Not nicht alleine bleibt – da ist Jesus spürbar. Genau dort zeigt sich für mich: Jesus lebt – auch heute.

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23JAN2022
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Zuhören. Von ganzem Herzen zuhören.

Christoph Busch hört gerne zu. Er ist Mitte 70 und regelmäßig in einer Hamburger U-Bahn-Station zu finden. Er hat dort einen alten Kiosk gemietet. Nicht um Sachen zu verkaufen; sondern um Menschen zuzuhören. Früher hat er Hörspiele und Drehbücher geschrieben. In dem Kiosk wollte Christoph Passanten treffen und sich inspirieren lassen. Der Zulauf war riesig: denn es gibt vieles, was die Leute erzählen wollen; aber nur wenige, die ihnen zuhören. Christoph Busch hat sich ganz den Menschen gewidmet: Sein Kiosk ist jetzt ein Zuhör-Kiosk[i] und heißt: „Das Ohr“. Mittlerweile gibt es dort ein ganzes Team, das Menschen zuhört.

Richtig zuhören ist eine Kunst. Denn es ist mehr als nur ab und zu Floskeln einzustreuen wie: „aha“, „interessant“ oder „was Sie nicht sagen“. Die sind schon auch wichtig, denn sie zeigen dem anderen, dass ich aufmerksam bin. Richtig zuhören geht aber weiter: wenn ich richtig zuhöre, bin ich ungeteilt aufmerksam. Ich interessiere mich wirklich für mein Gegenüber, für das, was er erlebt hat und was ihm wichtig ist, worunter sie leidet oder worüber sie sich freut. Wer so zuhört, nimmt Anteil. Er geht sozusagen mit dem anderen ein Stück seines Weges. Und das, ohne ihm die eigene Meinung aufzudrücken, schnelle Tipps zu geben oder gut gemeinte Ratschläge.

Richtig zuhören lohnt sich. Für die, die erzählen, und für die, die zuhören: Christoph Busch freut sich immer wieder, wenn es den Leuten nach einem Gespräch besser geht, weil sie ihre Sorgen und ihren Kummer losgeworden sind, neue Ansichten entdeckt oder einfach ihre Freude geteilt haben. Ihm geben die Gespräche aber noch mehr: Christoph[ii]setzt sich mehr mit Sinnfragen auseinander. Er sagt, die „Splitter aus fremden Leben“ sind für ihn Geschenke, die ihn bereichern. Indem er anderen zuhört, fühlt er sich selbst lebendiger. Und weiter meint er: „Ich habe in meinem Kiosk Gefühle gefühlt, die ich bislang nicht kannte.“ Dieses reine Zuhören hat ihm geholfen, manches klarer zu sehen. Er versteht nun etwas besser, wie andere denken, was sie fühlen und somit auch, was in der Welt los ist.

Wissenschaftler erklären das so: wenn ich richtig zuhöre, gehe ich ins Ungewisse. Ich gebe das Heft aus der Hand. Ich lenke das Gespräch nicht, sondern höre einfach zu. Dadurch weiß ich nicht, was vom anderen kommt, ob es wichtig ist oder nicht. Ich stelle meine Meinung hintan und verzichte auf Wertungen.
Und genau das ist der Knackpunkt: denn dadurch fange ich an, mich in andere hineinzuversetzen und Dinge so zu sehen, wie sie es tun. Das kann mich verändern.

 

Auf das Wort Gottes hören

In meinen Sonntagsgedanken habe ich eben darüber gesprochen, was es heißt, richtig zuzuhören. Christoph Busch hat einen Zuhör-Kiosk eingerichtet. Menschen erzählen ihm dort von sich und er lässt sich voll und ganz auf sie ein. Das weitet seinen Horizont.

Die Bibel erzählt, wie auch das Volk Israel einmal sehr genau hingehört hat: auf das Wort Gottes. Einen halben Tag lang lauscht es ganz gebannt dem Priester Esra. Der liest aus dem Gesetz vor und erläutert es. Offenbar bewegt das das Volk, denn in der Bibel heißt es, dass daraufhin viele geweint haben.

Im Text wird kein konkreter Grund genannt, was genau das Volk so bewegt hat. Es könnte mit seiner Geschichte zu tun haben: das Volk Israel war nach Babylon verschleppt worden und ist nun endlich wieder zu Hause. Die Leute sind froh, aber es gibt viel zu tun. Der Tempel muss aufgebaut, die Ordnung wiederhergestellt werden. In dieser Situation hört das Volk Israel das Wort Gottes; es sieht einerseits, was ist, und hört andererseits, was sein soll. Die Leute verstehen, dass sie das Gesetz Gottes nicht einhalten können. Und dann laufen die Tränen.

Das kann ich nachvollziehen: Wenn ich das Wort Gottes, also Geschichten aus der Bibel höre, merke ich oft, dass ich hinter vielem zurückbleibe: „Liebe deinen Nächsten, ja sogar deine Feinde wie dich selbst.“ Da kann ich noch lange an mir arbeiten. Oder wenn ich höre, wie gut Gott die Welt gedacht hat, und dann sehe, wie Menschen auf ihre Rechte pochen ohne Rücksicht auf Verluste – da könnte ich auch manchmal heulen!

Ich glaube aber, dieses Verständnis greift zu kurz. Die Bibel betont mehrmals, wie gebannt das Volk Israel dem Wort Gottes zuhört. Nicht nur oberflächlich; sondern richtig intensiv. Esra liest zwar das Gesetz vor und erläutert es. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Leute damals in dem Moment verstanden haben, was hinter den Buchstaben steckt. Das hat sie so bewegt. Es war für sie vermutlich als würde Gott ihnen sagen: „Ich meine es gut mit euch! Macht euch das immer wieder klar. Ich mache euch stark. Ich verstehe euch, gerade auch wenn ihr nicht zurechtkommt, unzufrieden seid oder hinter dem zurückbleibt, was ihr selber von euch erwartet. Beißt euch nicht an dem fest, was schiefläuft; sondern schaut auf das, was gelingt.“

Für den Priester Esra ist das ein Grund zur Freude. Er ergreift am Ende der Geschichte noch einmal das Wort und sagt: Weint nicht! Feiert ein Fest. „Denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“ (Neh 8,9-10)

Dem kann ich zustimmen. Zuhören, ganz Ohr sein für andere Menschen und vor allem auch für das Wort Gottes lohnt sich. Manchmal mag das hart sein, mich bewegen, erschüttern und verändern – und ich weiß: das ist nicht jedermanns Sache. Aber wenn ich es wage, entdecke ich womöglich wertvolle Schätze, die mich lebendig und stark machen und die mein Leben bereichern. Christoph Busch mit seinem Zuhör-Kiosk jedenfalls kann das bestätigen. Und er genießt es! Er ist ganz Ohr und hört von ganzem Herzen zu, auch wenn es – oder eben gerade ‘weil‘ es ihn verändert.

 

[i] Vgl. https://zuhör-kiosk.de; Stand: 13.1.2022.

[ii] Vgl. Frankfurter Rundschau, https://www.fr.de/fr7/mann-hoert-13183921.html, 1.11.2019; Stand: 13.1.2022.

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07NOV2021
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“Paradies“ – das Beste aus Stadt und Land

Das Paradies ist eine Stadt. So steht es in der Bibel. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen und kann mir das gut vorstellen: es gibt nette Cafés. Ich kann ausgehen, Kunst und Kultur genießen und um die Ecke einkaufen. Es ist immer was los. Davon steht allerdings nichts in der Bibel und das wäre wohl auch etwas zu kurz gegriffen. Die Bibel hat das „himmlische Jerusalem“ vor Augen – die Stadt, die Gott am Ende der Tage errichtet. Und sie beschreibt im Buch der Offenbarung, wie diese Stadt aussieht:

Das neue Jerusalem ist schön hell, vieles ist golden und die Stadt ist würfelförmig gebaut. Es gibt mehrere Stadttore, auf denen Engel stehen. Zwölf Edelsteine tragen die Stadtmauer, auf denen die Namen der zwölf Apostel stehen. Und das Beste ist: Gott wohnt in dieser Stadt – mitten unter den Menschen. Die brauchen also nichts zu fürchten, denn Gott ist bei ihnen. Im himmlischen Jerusalem sind die Menschen sicher.

So wichtig Jerusalem ist: die Bibel kennt noch andere Bilder für das Paradies. Und die haben etwas mit dem Landleben zu tun:
Am Anfang schafft Gott einen „Paradiesgarten in Eden“ für Adam und Eva. Dort fehlt ihnen nichts: die beiden sind bestens versorgt, brauchen sich um nichts zu kümmern und alles ist perfekt.
In Psalm 23 ist von „grünen Auen“ die Rede und vom „Ruheplatz am Wasser“. Gott wird als „guter Hirte“ beschrieben, der sich um seine Schafe kümmert. Im finsteren Tal lässt er sie nicht allein; er sorgt dafür, dass sie auf den grünen Auen unbeschwert leben und das frische Wasser genießen können.
Diese Bilder sind so ganz anders als die von der himmlischen Stadt mit ihren Mauern: sie sind viel weiter, grüner und ländlicher. Im Kern aber sagen sie dasselbe aus: das Paradies ist einfach perfekt. Es vereint das Beste aus Stadt und Land.

Ich kann mit beiden Bildern etwas anfangen. Ich komme aus der Stadt, wohne aber schon lange auf dem Land. Wenn ich mir vorstelle, dass ich eines Tages in einem solchen Paradies leben darf, dann klingt das wirklich verlockend. Allerdings weiß ich auch, dass Stadt- und Landleben manchmal weit von diesem Ideal entfernt sind. Nur darauf zu warten, dass es eines Tages besser wird, ist mir zu wenig. Deshalb will ich gleich noch ein wenig tiefergehen.

Ideale verändern das Hier und Jetzt

Ideale gehen von dem aus, was die Menschen kennen. Sie zeichnen ein Bild, auf dem das, was hier und jetzt nicht rund läuft ist, perfekt ist. Wer so ein Idealbild vor Augen hat, sieht klarer, wo es hakt und was zu tun ist, um das Ideal zu erreichen. Wenn die Bibel also das Paradies ausmalt, hat sie sehr genau im Blick, was in Stadt und Land schiefläuft. Und sie zeigt auf, wie man gegensteuern und vielleicht etwas verändern könnte:

Der Prophet Jeremia ruft das Volk Israel einmal ausdrücklich auf: „Suchet der Stadt Bestes.“ Das Volk Israel musste damals das geliebte Jerusalem verlassen und in die Stadt Babylon gehen. Diese ist multikulturell durchmischt, die soziale Schere klafft auseinander, Menschen leben anonym und viele denken nur an sich. Mit dem Ideal des himmlischen Jerusalems im Hinterkopf ruft Jeremia das Volk Israel auf, sich zu integrieren, anzupacken, Verantwortung zu übernehmen und für die Menschen zu beten. Denn Gott will ihr Bestes! (vgl. Jer 29,7)

Das Lukas-Evangelium erzählt von Pharisäern, die sich auf öffentlichen Plätzen und in der Synagoge präsentieren. Sehen und gesehen werden ist ihnen wichtig. Auf Festen beanspruchen sie Ehrenplätze. Einige von ihnen sind offenbar im Immobiliengeschäft tätig und bringen Witwen um ihre Häuser. Die Bibel verurteilt das. Sich wichtig zu machen, den eigenen Vorteil zu suchen, ist nicht in Ordnung. Sie stellt den Pharisäern eine Witwe gegenüber: sie ist nicht reich, gibt aber für die Armen so viel ihr möglich ist. So funktioniert Miteinander! Wenn die eine auf den anderen achtet und dafür sogar eigene Bedürfnisse zurückstellt. (vgl. Lk 20,45-21,4)

Beispiele lassen sich auch aus dem ländlichen Raum finden: vielleicht denkt der Prophet Amos an den „Garten in Eden“, die „grünen Auen“ oder an den „Ruheplatz am Wasser“, wenn er durch Israel zieht und anprangert, dass Leute ausgebeutet und versklavt werden. Es sei ungerecht, dass sie für einen Hungerlohn schuften müssen, damit andere im Überfluss leben können. Was der Boden hervorbringt, ist doch für alle da!
Selbst der Boden an sich ist ein Thema der Bibel: das Buch Levitikus sieht ein Sabbatjahr für die Felder vor. Im siebten Jahr sollen sie nicht bebaut werden. Schließlich muss sich auch die Natur immer wieder erholen können. (vgl. Lev 25)

Heute beginnt die ARD-Themenwoche „Stadt.Land.Wandel.“ und die Bibel hat einiges dazu zu sagen: sie beschreibt das Paradies als das Beste aus dem Stadt- und Landleben. Das klingt erst mal groß und weit weg. Aber diese Ideale haben eine enorme Kraft:
Mit ihnen im Hinterkopf motiviert Jeremia Menschen, aufeinander zuzugehen, sich aufeinander einzulassen und so das Miteinander zu verbessern. Die Witwe bringt ein, was sie nur kann – und bewirkt damit etwas. Amos macht den Mund auf und protestiert gegen Unrecht. Und Levitikus schützt die Umwelt, die so zerbrechlich ist.
Wenn ich mich also auf diese Ideale der Bibel einlasse, entdecke ich so manches, was ich tun und verändern kann, um das Paradies runterzubrechen und näher ins Hier und Jetzt zu holen. Eben so, wie es jene Leute aus der Bibel getan haben – in der Stadt und auf dem Land.

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25JUL2021
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Ich bin oft skeptisch, was Wunder betrifft. Wenn Jesus zum Beispiel mit fünf Broten und zwei Fischen Tausende Menschen satt macht, dann kann ich das kaum glauben. Und doch lese ich diese Geschichte immer wieder gerne. Ich denke nämlich, es geht hier gar nicht in erster Linie um das Wunder. Diese Geschichte hat etwas mit mir zu tun:

Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs. Er tut viel Gutes und die Menschen laufen ihm nach, um zu sehen, was er als Nächstes vorhat. Tausende kommen zusammen und die Jünger werden nervös. Philippus denkt ans Abendessen und fragt: „Wo sollen wir für so viele Menschen Brot besorgen? Selbst wenn der Bäcker um die Ecke wäre – das Jahresgehalt eines Tagelöhners reicht nicht aus, um so viel zu kaufen!“ Auch Andreas hat eine Idee, rudert aber gleich wieder zurück: „Dieser Junge hier hat fünf Brote und zwei Fische. Aber was sollen wir mit so wenig anfangen?“

Philippus oder Andreas – das könnte ich sein. Ich gehöre zu denen, die gerne vorausplanen, wenig spontan sind und Dinge gerne in der Hand behalten. Die beiden Jünger sehen die vielen Menschen und damit ein Problem auf sie zukommen. Sie wollen es lösen, kommen aber nicht weiter. Wer schon mal ein größeres Fest geplant hat, weiß, was es heißt, für viele Leute zu sorgen. Aber wie ist das erst mit einer so großen Menge? Da kommt man schon mal in Panik.

Ich kenne das auch: manchmal ist mein Tag nicht lang genug, um alles zu erledigen. Wie soll ich das nur hinbekommen? Manchmal muss ich auch spontan sein, etwas umorganisieren oder entscheiden, was ich nicht wirklich durchdacht habe. Das überfordert mich dann. Auch Themen, mit denen ich mich beruflich beschäftige, bringen mich an Grenzen: in fünf Jahren sieht die Kirchenlandschaft im Erzbistum Freiburg anders aus: aus gut 220 Kirchengemeinden werden knapp 40 Pfarreien. Wie soll das gehen? Das kann ich mir nicht vorstellen. In meiner Pfarrgemeinde gab es früher einen Pfarrer und eine Mitarbeiterin, viele Gottesdienste, Feste und ein lebendiges Pfarrleben. Das stelle ich mir vor und lege auf den Tisch, was davon noch da ist; wie Andreas die paar Brote und Fische. Der kleine Philippus in mir prüft die Finanzen, sieht, dass auch die Mitarbeitenden weniger werden, und zweifelt: „Selbst wenn wir mehr Geld hätten und mehr Engagierte: Es reichte nicht aus, um weiterzumachen wie bisher. Was sollen wir tun?“

An der Stelle folgt bei Jesus das Wunder. Er nimmt, was da ist, segnet die Brote und Fische und verteilt sie. Und alle werden satt. Es wäre schön, wenn es immer so einfach wäre. Aber das ist es nicht. Und doch hilft mir die Erzählung weiter. In einigen Nebensätzen habe ich nämlich ein paar wunderbare Details entdeckt ...

 

Wundervolles im Nebensatz

Jesus macht mit fünf Broten und zwei Fischen Tausende Menschen satt. In meinen Gedanken zum Sonntag habe ich eben gesagt, dass es für mich in dieser Geschichte aber weniger um das Wunder geht. Ich habe darin einige Tipps für mich und mein Leben entdeckt. Das Wunderbare steckt im Detail.

Als die Jünger ihre Vorschläge machen, wie sie die Leute versorgen könnten, reagiert Jesus anders als gedacht. Er geht zunächst nicht auf ihre Vorschläge ein. Stattdessen sagt er: „Lasst die Leute sich setzen.“ Und weiter heißt es zur Erklärung: „Es gab dort nämlich viel Gras.“

Ich finde das genial: Jesus nimmt erst einmal Dampf raus. Dabei sagt er etwas ganz Entscheidendes: „Ändert eure Haltung.“

Das ist tatsächlich sinnvoll. Manches Problem kann ich nicht lösen, weil ich mir selbst im Weg stehe. Dann hilft es, meine Haltung zu hinterfragen. Jesus lässt die Leute sich hinsetzen und ich stelle mir bildlich vor, was das für mich heißt: Ich muss nicht immer gleich über meinen Schatten springen, der sich da am Boden abzeichnet. Aber ich sollte mich zumindest mal draufsetzen. Dann wird der Schatten nämlich kleiner und die dunklen Flecken um mich herum weniger. Dann komme ich weiter, kreise nicht länger um mich, sondern sehe wieder das saftige Grün, das mich umgibt. Ich habe neulich mit einer Dame gesprochen, die sich mit dem Älterwerden schwertut. Sie geht kaum noch raus, weil es so anstrengend ist. Ein Rollator wäre die Lösung – aber sie meint: „Den benutzen ja nur die alten Leute“. Die eigene Haltung zu ändern, ist nicht leicht. Aber es könnte sich lohnen.

Jesus greift dann nach dem, was ein kleiner, unscheinbarer Junge dabeihat. Er vertraut darauf, dass das ausreicht. Das motiviert andere. Vermutlich haben sie das gesehen und in ihrem Rucksack nachgeschaut, ob sie nicht auch etwas zum Essen beitragen können. Auch das kann ich gut nachvollziehen:

Wenn mein Tag mal wieder nicht lang genug ist und ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, nehme ich mir oft eine ganz kleine Aufgabe vor. Unscheinbar im Vergleich zu den anderen. Aber die kann ich leicht erledigen. Das motiviert mich dann und lässt mich die anderen Dinge anpacken.

Auch bei großen Dingen wie den Flutkatastrophen letzte Woche ist der erste Schritt aus dem Elend ein kleiner: irgendeiner hat mit einer kleinen Spende angefangen zu helfen. Andere haben mitgemacht. Dadurch ist viel Gutes geschehen. Natürlich bleibt das Ganze schrecklich und dunkel, aber es bekommt zumindest einige helle Flecken.

Mit dieser Haltung versuche ich auch nach vorne zu schauen, wenn sich meine Kirche in den nächsten Jahren verändert und die Gemeinden bald anders aussehen als ich sie kenne. Es werden Personen oder Gruppen da sein, derzeit vielleicht noch ganz unscheinbar, die kleine Akzente setzen, um ihre Kirche lebendig zu halten. So könnte es gelingen. Denn Gott kann aus kleinen und unscheinbaren Dingen etwas Passendes machen.

Am Ende der Wundererzählung von Jesus bleiben zwölf Körbe übrig. Die Jünger sammeln die Reste ein. Ich glaube, auch das ist ein wichtiges Detail! Wenn ich Wunderbares erlebt habe, sollte ich es mir im Herzen bewahren. Denn davon kann ich noch eine ganze Weile zehren.

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09MAI2021
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Als Gott die Mutter schuf, musste er vermutlich ganz schön Überstunden machen. Eine Geschichte erzählt, wie ein Engel Gott dabei zuschaut und beeindruckt ist. Gott will die Mutter-Figur perfekt machen: pflegeleicht und umgänglich soll sie sein, Nerven wie Drahtseile haben und einen Schoß, auf dem Kinder sitzen können. Zugleich aber muss sie beweglich sein und auf ein Kinderstühlchen passen – ohne Rückenschmerzen zu bekommen. Ihr Rücken aber sollte so breit sein, dass sich darauf alles Mögliche abladen lässt.

Der Engel ist skeptisch, denn Gott hat noch mehr vor: Die Mutter soll sich auch noch selbst heilen können, wenn sie krank ist, zäh und weich zugleich sein, denken und urteilen, überzeugen und Kompromisse schließen können, Gefühle haben, aber doch nicht so verletzbar sein, dass sie Kränkungen nicht auch vergessen könnte.

Dann sieht der Engel den Prototypen und ist fasziniert: die Mutter-Figur hat alles, was sie braucht. Allerdings findet der Engel einen Fehler: „Gott, da ist ein Leck.“ Doch selbst das ist durchdacht: „Das ist eine Träne“, antwortet Gott. „Sie fließt, wenn die Mutter erfreut oder traurig, enttäuscht oder von Schmerz erfüllt ist. Tränen sind das Überlaufventil!“

Ich finde diese Geschichte großartig. Sie zeigt, was viele Frauen leisten. Ich bin mir bewusst, dass vieles davon heute auch für Männer gilt. Und ich weiß auch, dass man Müttern ruhig auch das ganze Jahr über danken darf. Aber ich möchte diese Geschichte doch zum Anlass nehmen, um heute am Muttertag alle Frauen ausdrücklich zu würdigen, die in irgendeiner Weise mütterlich für die Familie, Kinder und Partner da sind oder die liebevoll für Menschen sorgen, die Hilfe brauchen. Auch wenn ihnen das oft einiges abverlangt.

Der Dichter Franz Grillparzer sagt: „Weil Gott nicht überall sein konnte, schuf er die Mütter.“ Das klingt vielleicht etwas übertrieben, und doch ist die Idee interessant. Auch die Geschichte vom Beginn zielt in diese Richtung. Als der Engel nämlich die fertige Mutter sieht, ist er überwältigt: „Da steckt so viel Liebe drin; sie ist perfekt!“ Und Gott antwortet ihm: „Das stimmt. Darum ist mir eine gute Mutter auch so ähnlich.“

Mütterliche Frauen sind Gott ähnlich. In vielem, was sie selbstlos tun, spiegeln sie Gott: wenn sie zuerst an andere denken statt an sich selbst. Wenn sie Geborgenheit und Nähe schenken, Menschen ermutigen, über sich hinauszuwachsen oder wenn sie Fehler zulassen und verzeihen.

Diesen Gedanken finde ich spannend. Gerade, wenn ich ihn umkehre: Wenn Menschen mit mütterlichen Eigenschaften Gott ähnlich sind, dann hat Gott eine weibliche Seite …

Weibliche Eigenschaften von Gott

Gott hat weibliche Züge. Darauf haben mich eben meine Gedanken zum Muttertag gebracht. Jesus spricht Gott mit „Abba“ an. Das bedeutet „Papa“. Nicht zuletzt deshalb hat sich nach und nach das männliche Gottesbild durchgesetzt. Gleichzeitig hat dieser Gott, den Jesus verkündet, Eigenschaften, die man eher Müttern zuschreibt: Gott ist gütig und liebevoll, er ist bedingungslos für seine Kinder da, nimmt Menschen vorbehaltlos an und verzeiht ihnen, wenn sie Fehler machen.

Die Bibel spricht oft von „Barmherzigkeit“, wenn sie sagen will, dass Gott die Menschen liebt und sich ihnen zuwendet. Das hebräische Wort, das sie dafür verwendet, meint neben „Barmherzigkeit“ auch „Mutterschoß“. In Barmherzigkeit schwingt also die mütterliche Seite Gottes mit und das, was Kinder im Mutterleib entwickeln: die Nähe zu ihrer Mutter und dieses unerschütterliche Gefühl, dass ihnen nichts passieren kann – das Urvertrauen.

Für mich heißt das, dass ich mich voll und ganz auf Gott verlassen kann. In seinen Schoß darf ich mich fallen lassen. Zum Beispiel wenn ich traurig bin. Der Prophet Jesaja sagt: „Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet, so tröste ich euch.“ (Jes 66,13) Wer sich einmal im Schoß seiner Mutter ausgeweint hat, weiß, wie befreiend das ist. So ist es mit Gott: wenn ich mich an ihn wende, mich in seinen Schoß fallen lasse und ihm anvertraue, was mich bedrückt, dann befreit und tröstet er mich. Mir geht das im Gebet so. Wenn mal etwas schief geht, ich nicht weiß, wie es weitergehen soll oder ob ich einer Aufgabe gewachsen bin, dann kann ich das Gott sagen. Ich kann gar nicht so recht beschreiben, was dann passiert. Gott macht eigentlich gar nichts. Aber es fühlt sich so an, als ob er mir ganz aufmerksam zuhört. Er ist einfach da und das baut mich auf.

Der Prophet Hosea beschreibt Gottes mütterliche Seite noch anschaulicher. Er spricht über die Liebe Gottes zu seinem Volk. Im hebräischen Text steht: „Ich war für es wie solche, die einen Säugling an ihren Busen heben.“ „Ich habe es gestillt“. (vgl. Hosea 11,3-4) Stillen ist sehr intim. Näher können sich Menschen kaum kommen. Beim Stillen gibt die Mutter etwas von sich – sich selbst, um für das Kind da zu sein. Und der Text geht noch weiter; es heißt da: „Ich kann meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken … denn Gott bin ich und kein Mann.“ „Mann“ mag hier im Denken des Alten Orient für zornig, rachsüchtig und hart stehen. Wenn Männer so wären, dann hebt sich Gott hier bewusst ab, distanziert sich davon und zieht die weibliche Seite vor.

Gott hat weibliche Züge. Ich finde es schade, dass das so wenig beachtet wird. Gerade weil die mütterlichen Facetten Gottes in der Bibel so kraftvoll und ausdrucksstark beschrieben werden! Heute ist Muttertag und besondere Aufmerksamkeit gilt all den Frauen, die mütterlich und fürsorglich sind. Warum sollte ich heute nicht auch Gott danken, die mich schon im Mutterleib kannte und in deren Schoß ich mich immer wieder fallen lassen darf? Gott, die mit mir fühlt und die sich mir zuwendet – ganz wie eine liebende Mutter.

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21FEB2021
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Wenn es um die Wurst geht, verstehen Christen keinen Spaß. Jedenfalls war das vor 500 Jahren so. Genau wie heute war damals der erste Sonntag in der Fastenzeit. Die Christen in Zürich durften vor Aschermittwoch noch ein letztes Mal in den Wursttopf greifen; dann war Schluss. Bis Ostern sollten sie auf Wurst und dergleichen verzichten; so wollte es die Kirche. Huldrych Zwingli war damit nicht einverstanden. Die Vorgaben der Kirche seien willkürlich. Besser sei es, Jesus nachzueifern und in die Bibel zu schauen. Also provozierte er mit einem legendären Wurstessen am ersten Fastensonntag. Tatsächlich kam es zum Eklat! In der Folge wurde diskutiert, geklärt und weiter provoziert. Der Konflikt mit der Kirche ging tief und weit über die Wurstfrage hinaus. Am Ende ist die reformierte Kirche der Schweiz entstanden.

Was Zwingli damals zurechtgerückt hat, ist heute selbstverständlich: Fasten hat nichts damit zu tun, auf Dinge zu verzichten, die irgendeine Autorität für sinnvoll hält; ebensowenig wie es darum geht, möglichst viele Pfunde zu verlieren. Wie Zwingli empfohlen hat, lohnt sich ein Blick in die Bibel, um herauszufinden, was es mit dem Fasten auf sich hat:

Der Prophet Daniel verzichtet drei Wochen lang auf leckere Speisen, Fleisch und Wein (vgl. Dan 10,3). Das hilft ihm dabei, auf Gott zu hören. Die Jünger Jesu fasten und beten (vgl. Apg 13,3), bevor sie zwei Männer auswählen, die der Welt dann von Gott erzählen. Auch Jesus zieht sich 40 Tage lang zurück, fastet und betet. Erst dann tritt er öffentlich auf (vgl. Lk 4,2).

Fasten hat also damit zu tun, den Kopf frei zu machen. Daniel, die Jünger und Jesus stellen hinten an, was sonst Aufmerksamkeit und Kraft kostet: die Frage zum Beispiel, was es heute zu essen gibt, wer das besorgt und zubereitet. Sie ziehen sich sogar von Menschen zurück, für die sie sonst ansprechbar sind. Dadurch können sie besser auf das achten, was sich in ihnen abspielt, und sich auf das einstellen, was auf sie zukommt. Sie können Entscheidungen besser treffen, weil sie sich die Zeit nehmen, diese gut abzuwägen. Mit geschärften Sinnen kehren sie dann in den Alltag zurück – achtsamer für alles, was da gerade los ist.

Wenn ich faste, breche ich den alltäglichen Trott für eine Zeit lang auf, lasse Gewohntes zurück, um Dinge in einem neuen Licht zu sehen. Dazu braucht es nicht viel. Wenn ich zum Beispiel auf Fernsehen verzichte oder Handy-faste, merke ich schnell, wie viel Zeit diese Medien normalerweise beanspruchen. Ich kann mich dann fragen, ob die auch wirklich gut investiert ist. Dazu aber muss ich wissen, was mir persönlich wichtig ist.
Oder zu Zwinglis Wurstfrage: wenn ich mich beim Essen einschränke und mein Magen knurrt, denke ich womöglich an die, die nicht einmal eine Handvoll Reis haben, um zu überleben. Im besten Fall tue ich dann etwas dagegen.
Oder ich fahre weniger Auto. Obwohl ich auch sonst gerne mit dem Rad unterwegs bin, wird mir in solchen Zeiten noch mal ganz anders bewusst, wie schön, aber auch wie zerbrechlich diese Welt ist, in der ich leben darf.

Eingeschliffenes aufbrechen

Wer fastet, verzichtet auf Dinge, die sonst selbstverständlich sind. Das habe ich gerade in meinen Gedanken zum Sonntag erläutert. Das befreit und trägt dazu bei, Dinge anders zu sehen oder manches gar neu zu entdecken.

Was passieren kann, wenn man fastet, habe ich in einer Geschichte entdeckt. Sie handelt von einem Jungen, der in den Park geht, um Gott zu suchen. Er packt Schokoriegel und Cola ein. Im Park angekommen, setzt er sich zu einer älteren Dame auf die Bank. Es dauert nicht lange, dann greift er zu seiner Cola und merkt dabei, dass die Dame hungrig aussieht. Also bietet er ihr einen Schokoriegel an. Sie greift zu und lächelt. Der Junge ist glücklich und weil er das Lächeln noch einmal sehen will, bietet er ihr zu trinken an. Wieder lächelt sie. So geht es den ganzen Tag: die beiden schweigen, trinken Cola, essen Schokoriegel und lächeln sich an. Gegen Abend umarmt der Junge die Frau und beide gehen nach Hause.

Zuhause angekommen werden die beiden jeweils gefragt, warum sie so glücklich sind. Der Junge antwortet prompt: „Ich hab heut mit Gott im Park Cola getrunken. Und weißt du was? Sie hat das schönste Lächeln, das ich je gesehen habe.“ Die Dame antwortet ähnlich: „Ich habe mit Gott Schokoriegel gegessen. Er ist viel jünger als ich erwartet hätte.“

Der Junge nimmt leichtes Gepäck mit auf seinen Ausflug. Kein üppiges Vesper; nur einen Snack. Er hat keinen Fußball, kein Handy oder sonst was dabei. Nur Zeit. Und die erlaubt ihm, sich zu der Dame zu setzen. Das hätte er sonst vermutlich nicht gemacht. Weil er Zeit hat, kann er ganz im Augenblick sein. So bemerkt er, wie es ihr geht. Die Dame ist hungrig. Er bietet ihr etwas an und wird belohnt – mit einem Lächeln. Nichts Großes. Aber etwas, das ihn berührt. Solche Lächel-Momente sind selten, aber ich habe sie auch schon erlebt: Es sind ehrlich gemeinte Gesten, die von Herzen kommen. Momente, in denen ich spüre, dass ich wichtig bin und ernstgenommen werde. Dass da jemand ist, der sich für mich interessiert und für den ich wertvoll bin. In solchen Momenten kann ich etwas von diesem Gott spüren, den ich sonst nicht immer sehe. Ich fühle ihn dann. Ich bekomme eine Ahnung, wie er sein könnte. Der Junge entdeckt im Lächeln der Frau die mütterliche Seite von Gott, die ihm etwas zutraut, die da ist und ansprechbar, wenn man sie braucht. Und die Dame entdeckt umgekehrt in ihm dieses junge, dynamische, vielleicht verspielte, aber auch mitfühlende Wesen, das Gott auch haben mag.

Das ist für mich Fastenzeit! Wenn ich mich frei mache von Dingen, die mich in Beschlag nehmen und mir den Blick verstellen; wenn ich begrabe, was mich starr und festgelegt sein lässt. Denn dadurch kann ich kritisch anschauen, was ich tue; mir Zeit nehmen für andere. Ich kann mich neu orientieren, eingeschliffene Denkmuster durchbrechen und dann vielleicht mein persönliches Ostern feiern: dass ich auferstehe aus dem, was mich gefangen hält; dass ich Dinge anders sehe und neu entdecke – mich selbst, andere und auch Gott.

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29NOV2020
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Gegenwärtig – gestern, heute und morgen

Vor mir steht ein Adventskranz. Nachher werden wir mit den Kindern die erste Kerze anzünden und dabei singen: „Wir sagen euch an den lieben Advent.“ Das Lied gefällt mir. Es ist einprägsam und bringt auf den Punkt, worum es im Advent geht. Im Refrain heißt es: „Freut euch, ihr Christen, freuet euch sehr! Schon ist nahe der Herr.“ Was für eine Aussage! Der Herr ist nahe. Das ist für mich tatsächlich ein Grund zur Freude.

Als Kind habe ich das direkt auf Weihnachten bezogen. Nicht mehr lange, dann ist die Krippe aufgebaut. Das Christ-Kind kommt zu mir nach Hause – und bringt Geschenke mit. Also: Freu dich, Thomas, freue dich sehr.

Später habe ich gelernt, dass es um mehr geht: Eines Tages oder wie das die Bibel sagt: am Ende der Zeit kommt der Herr wieder. Er ist nahe und ich kann jederzeit mit ihm rechnen. Darauf kann ich mich innerlich vorbereiten und mich zu Lebzeiten entsprechend verhalten. Im Lied heißt es: „Machet dem Herrn den Weg bereit“ und: „Nehmet euch eins um das andere an“.

Mittlerweile ist mir noch eine Facette aufgefallen, die mir fast noch wichtiger ist:
Der Herr istbereits nahe.
Gott hat Mose einmal seinen Namen genannt: „Jahwe“. Das ist hebräisch und heißt: „ich war da“, „ich bin da“ und „ich werde da sein“. Gott ist also präsent und den Menschen nahe – gestern, heute und morgen.

Was das bedeuten könnte, habe ich durch die Künstlerin Marina Abramovic entdeckt. Sie macht oft extreme Sachen. 2010 hat sie sich im Museum of Modern Art in New York auf einen Stuhl gesetzt. 90 Tage lang; über sieben Stunden am Tag. Sie ist einfach dagesessen. Ihr gegenüber konnte jeder Platz nehmen, der das wollte. Alle waren eingeladen, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Nur durch Blicke; ohne etwas zu sagen. Die Aktion hieß: „The Artist is present.“ Das heißt auf Deutsch: „Die Künstlerin ist präsent.“ Und die Aktion war erfolgreich: Tausende Besucher sind gekommen. Abramovic war selbst überrascht, vor allem davon, wie berührt viele waren. Einige haben sogar geweint.[1]

Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand so ganz präsent und beim anderen ist. Blicke treffen sich oft flüchtig: Ich erlebe das immer wieder. Manchmal begrüßt mich jemand, schaut mich aber gar nicht an. Oder ich spreche mit jemandem und der schielt immer wieder auf die Uhr. Wenn ich das merke, kränkt mich das, denn ich fühle mich nicht ernstgenommen. Anders war das für die Menschen im New Yorker Museum: Marina Abramovic war präsent; nur da für ihr Gegenüber. Und das hat die Menschen tief berührt.

Wenn das bei ihr schon so intensiv war: Wie grandios ist dann die Vorstellung, dass Gott da ist, ganz nahe bei mir; aufmerksam für jeden Einzelnen. Und das nicht nur ein paar Stunden lang. Sondern immer: gestern, heute und morgen.

 

Gott ist präsent

Gott ist präsent und den Menschen nahe. Darum ging es mir eben in meinen Gedanken zum 1. Advent. Ich habe von der Künstlerin Marina Abramovic erzählt: Sie hat Leute eingeladen, sich ihr gegenüber hinzusetzen. Sie hat sie nicht berührt und nicht mit ihnen gesprochen. Sie war nur da, ganz präsent und hat sie aufmerksam angeschaut. Das hat die Menschen bewegt. Erstaunliches ist passiert: Wer skeptisch war, ist ängstlich geworden, traurig oder glücklich. Manche haben geweint, Hoffnung oder Mut geschöpft. Kaum einer ist gleichgültig geblieben.

Ich könnte mir vorstellen, dass es so ähnlich war, als Jesus Menschen getroffen hat. Nur noch viel intensiver! Er hat die Leute bewegt. Viele haben ihr Leben verändert, nachdem sie ihm begegnet sind. Er hat ihnen offenbar vermittelt, was Gott versprochen hat: Ich bin dir nahe. „Ich-bin-da“ für dich. Jesus wendet sich Menschen zu. Dabei macht er erst einmal nicht viel: er interessiert sich einfach für sie und lässt sie dabei sie selbst sein; so wie sie sind. Sie müssen ihm nichts vormachen. Jesus vermittelt den Leuten, dass er, dass Gott sie annimmt, egal, was in ihnen schlummert oder sie beschäftigt. Er schätzt die Menschen mit all ihren Fehlern. Er schreibt ihnen nichts vor, sondern gibt ihnen einfach die Sicherheit, geborgen, verstanden und geliebt zu sein.

Heute ist Jesus nicht mehr so direkt greifbar wie für die Menschen damals. Ich bin deshalb froh, dass es Zeichen und Rituale gibt, die mir zeigen, dass Gott da ist. Den Adventskranz zum Beispiel, dessen erste Kerze ich heute anzünde. Ihr Licht mag für Jesus stehen; die grünen Zweige symbolisieren Leben, die Kreisform deutet auf Gott hin, der keinen Anfang und kein Ende hat. Wenn ich also die Kerzen bewusst entzünde, führt mir das vor Augen, wie Jesus den Menschen Licht gebracht, ihren Blick geweitet und ihnen neue Wege gezeigt hat – einfach nur, weil er da war und sich Zeit für sie genommen hat.

Aber es passiert noch mehr; fast wie bei den Leuten, die sich zu Marina Abramovic gesetzt haben: Ich spüre, wie warm die Flammen sind, und habe das Gefühl, dass ihr Licht auch für mich leuchtet. Ich rieche das Tannenreisig, das nach Wald und Leben duftet. Und das tut gut. Ich stehe oft unter Strom und muss funktionieren. In so kleinen, fast magischen Momenten fällt das manchmal einfach von mir ab. Ich fühle mich dann frei und irgendwie geborgen. Ich muss mich nicht verstellen oder irgendwelche Rollen spielen. Ich darf einfach da sein. So wie ich bin – vor Gott, für den ich wertvoll bin, unabhängig davon, was ich arbeite oder leiste.

Gott ist da. Für mich und für jede Einzelne. Marina Abramovic hat Leute eingeladen, sich ihr gegenüber hinzusetzen. So ist es auch mit Gott: Er lässt mir die Freiheit, mich ihm zuzuwenden. Er zwingt mich nicht dazu. Aber wenn ich es tue, dann ist er präsent und schenkt mir seine volle Aufmerksamkeit. Ich darf bei ihm verweilen, mich geborgen fühlen in seinem Licht und mich wärmen lassen von seinem Feuer. Wenn es im Adventslied also heißt: „Schon ist nahe der Herr“, dann stimme ich gerne mit ein:
„Freut euch, ihr Christen. Freuet euch sehr!“

 

[1]Vgl. u.a. https://www.spiegel.de/kultur/kino/dokumentation-marina-abramovic-the-artist-is-present-a-869812.html

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20SEP2020
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Wie ich Menschen wahrnehme – andere und mich selber

Es gibt Tiere, die sehen einfach albern aus. Jedenfalls wenn man sie genauer betrachtet. Pinguine zum Beispiel. Der Komiker Eckart von Hirschhausen erzählt in einem seiner Bühnenprogramme, wie er einmal einen Pinguin beobachtet hat. Er sagt: „Was für ein armes Würstchen. Der hat zu kleine Flügel, einen kleinen Bauch und dafür keine Knie. Was hat sich der Schöpfer bei dem gedacht?“[1]Hirschhausen ist auch Arzt und achtet genau auf den Körperbau. Für ihn ist dieser Pinguin anatomisch gesehen eine Fehlkonstruktion. Dann aber sieht er ihn schwimmen und staunt: Der Pinguin fliegt geradezu durchs Wasser, wendig und effizient, energiesparender als alles, was Menschen bisher erfunden haben.

Hirschhausen erzählt diese Situation zwar mit sehr viel Witz. Aber für ihn stecken zwei ernste Dinge dahinter:

Zum einen merkt er, dass er Leute oft zu schnell beurteilt, obwohl er das eigentlich gar nicht möchte. Das kenne ich auch. Wie schnell steckt man jemanden in eine Schublade? Das ist oft gar nicht böse gemeint. Aber große, durchtrainierte schlanke Körper zum Beispiel verbinde ich mit anderen Dingen als kleine rundliche. Die einen sind zielstrebig und leistungsstark; die anderen eher gemütlich. Oder die Sprache: wer stottert und Dialekt spricht, wer blumig erzählt und nicht gleich auf den Punkt kommt, dem traut man oft weniger zu als denjenigen, die das nicht tun. Das täuscht aber! Auch die Durchtrainierten können gemütlich sein und die Molligen zielstrebig. Und man muss kein brillanter Redner sein, um Erfolg zu haben! Solche Bilder bekommt ich oft vermittelt – durch die Werbung oder die Medien. Aber es lohnt sich, sie kritisch zu hinterfragen. Denn oft stimmen sie gar nicht.

Hirschhausen fällt durch den Pinguin noch etwas Zweites auf, das ihm wichtig ist: jeder hat seine Stärken. Und in der richtigen Umgebung machen sie ihn einzigartig. Hirschhausen sagt, es sei fatal, sich mit anderen zu vergleichen und ihnen nachzueifern. Schließlich gäbe es schon genug „andere“. Viel wichtiger sei es, seine eigenen Stärken zu kennen und dafür zu sorgen, dass man wie der Pinguin im Wasser, in seinem Element ist und die Stärken dort entfalten kann.

Auch das unterschreibe ich gerne. Aber ich finde auch, es ist leichter gesagt als getan! Denn was sind meine Stärken? Mir fällt es oft schwer, sie zu benennen.

Was mir recht schnell einfällt, sind die Dinge, die ich gerne mache: fotografieren zum Beispiel. Ich denke, ich kann das ganz gut. Und wenn ich die Fotos dann bearbeite, Collagen oder Grußkarten gestalte, kommt noch was hinzu: Ich vergesse alles um mich herum. Das klingt doch nach meinem Element: wenn ich so ganz bei mir bin und die Zeit nur so verfliegt. Das ist doch schon mal eine ganz gute Spur.

 

Echte Stärken nützen anderen

Der Komiker Eckart von Hirschhausen hat einmal Pinguine beobachtet und gemerkt: Auch wenn sie an Land unbeholfen wirken, sind sie in ihrem Element Wasser einzigartig geschickt. Er überträgt das auf Menschen und sagt, jeder habe Stärken und müsse dafür sorgen, in seinem Element zu sein. Aber was sind meine Stärken? In meinen Gedanken zum Sonntag habe ich mich das eben gefragt.

Im Internet bin ich auf einen Fragebogen gestoßen, der dabei helfen soll, die eigenen Stärken zu entdecken.[2]Besonders interessant finde ich da die Frage, was mich an anderen stört. Die erschließt sich nämlich erst auf den zweiten Blick: Was mich stört, verrät mir, was mir wichtig ist. Und das wiederum, führt mich zu dem, was ich gut kann. Vor einiger Zeit war ich zum Beispiel echt genervt. Meine Tochter hat ein Sportabzeichen verliehen bekommen und die Mikrofone waren falsch eingestellt. Ich saß im Publikum und habe nichts verstanden! Auch sonst waren die Veranstalter schlecht vorbereitet und hatten sich offenbar kaum abgesprochen. Das heißt aber umgekehrt: sauber zu arbeiten, Dinge gut vorzubereiten und genau zu organisieren, gehört wohl zu meinen Stärken. Und ich glaube, das stimmt. Wenn ich mir die nächste Frage auf dem Fragebogen hernehme und schaue, worin ich bisher Erfolg hatte oder warum mir etwas gelungen ist, bestätigt sich das: ich habe Prüfungen bestanden, weil ich gut vorbereitet war. Kollegen sind mit mir zufrieden, weil ich genau bin und verlässlich; meistens jedenfalls. Und ich habe Menschen auch schon mal ein gutes Wort mitgeben können, weil ich ihnen zugehört habe und auf das reagieren konnte, was sie mir erzählt haben.

Dieser Fragebogen geht noch weiter. Er fragt nach Schulfächern, die ich gerne hatte, nach dem, was mir leichter fällt als anderen, oder wofür ich schon gelobt wurde. Wenn ich mir diese Fragen stelle, habe ich am Ende einige Stärken zusammen, die mich auszeichnen. Die kann ich dann sortieren und lerne so die Elemente kennen, in denen ich mich besonders wohlfühle.

Eckart von Hirschhausen hat entdeckt, dass er kreativ ist und Leute zum Lachen bringt, dass er gerne formuliert und mit Sprache spielt. Dinge, so sagt er, die als Arzt ungünstig sind, wenn man Arztbriefe oder Rezepte schreibt. Er hat deshalb den Beruf gewechselt und ist auf die Bühne gegangen. Er glaubt, als Komiker mehr von dem geben zu können, was er ist, was er weiß und kann.

Das beeindruckt mich. Nicht nur, dass er den Beruf gewechselt hat. Vor allem den Grund, den er nennt: die anderen. Hirschhausen sagt, er könne Leuten jetzt besser helfen als früher und sich selber und anderen mehr Spaß bereiten. Für mich ist das ein wichtiges Kriterium, wenn ich meine eigenen Stärken sortiere: ich denke, eine Stärke ist noch wertvoller, wenn sie nicht nur mir, sondern auch anderen nützt.

Nicht jeder, der seine Stärken erforscht, muss gleich den Beruf wechseln. Wer sie aber kennt, kann dafür sorgen, dass er in seinem Element ist. Das macht nämlich Spaß und tut einfach gut!
Also dann, sagt Hirschhausen: Mach es wie der Pinguin auf dem Felsen. Such dein Wasser. Geh in kleinen Schritten darauf zu und spring. Spring und schwimm.

 

[1]Vgl. Eckart von Hirschhausen: Mach es wie der Pinguin! Finde dein Element Eckart von Hirschhausen (Glück kommt selten ein). Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=tOxywMaE8GY.

[2]Vgl. Katharina Tempel. Zehn Fragen, um deine Stärken zu entdecken. Quelle: https://goo.gl/PnXVc6.

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