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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ich mag Frau Schwalbe. Ich habe sie bei einer Fortbildung kennen gelernt. Mit ihrem gesunden Selbstwertgefühl ist sie für mich ein echtes Vorbild. Sie macht sich nicht groß oder gibt damit an, was sie alles kann. Sie kennt ihre Stärken und ihre Grenzen. Deshalb lässt sie sich auch nicht schnell aus der Ruhe bringen, wenn sie jemand kritisiert. Sie ist eine Frau, die sich selbst mag und mit sich einverstanden ist. Das sagt sie sogar genau so.
Lange habe ich mich gefragt, was man dafür machen muss, um so zu sein. Mir war schon klar, dass es mir an Selbstwertgefühl fehlt. Eine Therapeutin hat mir das auch gesagt. Aber das hat mir nicht viel geholfen. Leider hat sie mir damals nicht gezeigt, wie ich daran etwas ändern kann.
Zu diagnostizieren, was fehlt, ist oft leicht. Das kenne ich auch aus anderen Bereichen. Die Diagnose für meine Schmerzen im Fuß hatte der Orthopäde sofort parat. Besserung oder gar Heilung dauern.
Ich habe über Jahre gelernt, meinen Wert zu spüren. Dazu habe ich Menschen gebraucht, denen ich vertraue. Freundinnen, Seelsorger, Kolleginnen. Mit ihnen habe ich darüber gesprochen, was ich kann; was mich ausmacht; was zu mir gehört; was mich geprägt hat. Dabei hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Ich habe einer Seelsorgerin erzählt, wie sehr ich die Kinder aus meiner Klasse mag. Am Ende hat sie gesagt: Nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit. Fühlen Sie, wie Sie diese Kinder lieben und dass es Sie glücklich macht. Seitdem ist mir bewusst: Es ist kostbar, dass ich jedes Kind mag. Ich freue mich, die Kinder meiner Klasse begleiten zu dürfen. Jedes einzelne kennen zu lernen. Zu entdecken, wie ich sie unterstützen kann. Meine Liebe zu den Kindern ist eine meiner Stärken. Nach dieser Erfahrung habe ich mehr und mehr gelernt anzuerkennen, was mich stark macht. Was ganz spannend ist: seitdem fällt es mir auch leichter, offen meine Grenzen zuzugeben. Ich lebe leichter seitdem ich selbst spüren kann, was mich ausmacht. Ich fühle mich unabhängiger, weil ich weniger Bestätigung von anderen brauche. Und ich bin dankbar für die christliche Verheißung, die sagt: Jeder Mensch ist einzigartig und wertvoll. Mit dieser Verheißung bin ich aufgewachsen. Sie hat den Wunsch in mir geweckt, das selbst fühlen zu können. Heute kann ich es wirklich glauben.
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Vor einem Monat ist Hape Kerkeling in Rottenburg mit dem Eugen-Bolz-Preis ausgezeichnet worden. Für einen Tag war der große deutsche Komiker in der kleinen Stadt am Neckar. Für mich persönlich ist Hape Kerkeling auch deshalb groß, weil er zu politischen Themen öffentlich sagt, was er denkt. Deshalb hören ihm auch viele zu. Den Eugen-Bolz Preis hat er nicht als Komiker bekommen. Sondern weil er laut und deutlich sagt, dass ihn die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland beunruhigen. Fremdenfeindliche, ausgrenzende und hasserfüllte Äußerungen findet er schlimm. Er warnt davor. Ganz ehrlich. Wenn ich mitkriege, dass Menschen ihre Popularität zu solchen Statements nutzen, atme ich immer auf. Wie gut, dass sie sagen, was ihnen die deutsche Verfassung bedeutet.
Und wie gut, dass mit solchen Auszeichnungen an Menschen wie Eugen Bolz erinnert wird. Er ist 1881 in Rottenburg geboren und war Politiker in Württemberg. Er ist umgebracht worden, weil er mutig war und sich gegen Hitlers Nationalsozialismus positioniert hat. Für mich ist er ein Vorbild in diesen Zeiten.
Hape Kerkeling ist unmittelbar während der Nachkriegszeit aufgewachsen. Er hat erlebt wie sich demokratische Strukturen entfaltet und auch Minderheiten eine Stimme bekommen haben. Er hat als schwuler Mann erlebt, dass es selbstverständlich geworden ist, sich deshalb nicht mehr schämen und verstecken zu müssen. Ich gehöre zur selben Generation wie Hape Kerkeling. Und auch mir ist die deutsche Verfassung mit ihrem Bekenntnis zur Würde jedes Menschen so heilig wie die Bibel. Mich erschreckt, dass inzwischen viele Generationen nicht mehr nachvollziehen können, wie wertvoll dieses Bekenntnis ist. Meinungsfreiheit und Vielfalt scheinen manchen nichts mehr wert zu sein. Oder – so nehme ich es auch wahr - beides ist unüberschaubar geworden: so viele Meinungen, so eine große Vielfalt! Sich da zu orientieren ist schwer. Nicht wenige sind ratlos und fühlen sich überfordert. Auch mir geht das manchmal so. Zum Beispiel wenn ein schwules Paar sich mit einem lesbischen Paar zusammentut, um Kinder bekommen. Darüber muss ich nachdenken. Und darüber will ich auch nachdenken. Ich lebe gerne in diesem Land, in dem sich Menschen frei und vielfältig entwickeln können. Ich will, dass das so bleibt. Ich deshalb tue ich dafür, was ich kann.
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Man gewöhnt sich an alles! Aber wirklich. Als ich im Sommer im Urlaub am Meer war, bin ich deswegen richtig erschrocken. Da fahre ich einmal im Jahr mehr als 1000 km in den äußersten Westen Frankreichs, um am Atlantik zu sein. Weil ich dort glücklich bin. Weil die Weite und die Kraft des Ozeans mir guttun. Er ist so groß, so unendlich, dass ich irgendwie ganz natürlich spüre, wie begrenzt ich als Mensch bin. Und dass ich aufgehoben bin in einer größeren Wirklichkeit, die ich Gott nenne. Das alles wirkt so intensiv, dass ich wie auf Knopfdruck friedlich und gelassen werde. Wunderbar!
Und dann stelle ich in meiner zweiten Ferienwoche auf dem Wanderweg am Meer entlang fest, dass ich mich auch daran gewöhnen kann. Unglaublich. An diesem Tag ist mir aufgefallen, dass ich nicht einmal stehen geblieben bin, um zu staunen. Zuerst habe ich den Kopf geschüttelt über mich. Und dann bewusst entschieden, dass mir das nicht noch einmal passiert. Aber diese Erfahrung hat mich noch beschäftigt. Es ist ja tatsächlich so. Man gewöhnt sich an fast alles. Oft ist das gut so. Zum Beispiel im Supermarkt meiner Wahl. Da weiß ich, wo alles steht und der Einkauf ist schnell erledigt. Wie wertvoll das ist, merke ich immer dann, wenn alle paar Jahre dort alles umgeräumt wird und ich mich umgewöhnen muss. Ich finde das nervig und zeitraubend. Eben bis ich mich wieder an die neue Ordnung gewöhnt habe. Wenn an einem Tag für zwei Stunden der Strom ausfällt oder für mehrere Stunden das Wasser im Haus abgestellt werden muss, nervt mich das noch mehr. Inzwischen habe ich mir aber angewöhnt, in solchen Situationen innezuhalten und mir klarzumachen, wie luxuriös mir vieles zur Verfügung steht, wovon andere nur träumen können.
In meinem Leben ist Vieles ganz selbstverständlich immer da. Meine schöne Wohnung mit Balkon, in der ich mich wohl fühle. Die Heizung im Winter. Dass ich essen kann, was mir schmeckt. Und ich ausreichend Geld zur Verfügung habe, um mir das leisten zu können, was ich brauche. Der wunderschöne Blick auf die Schwäbische Alb, den ich täglich habe. Meine freundlichen Nachbarinnen.
Es ist völlig in Ordnung, dass ich daran gewöhnt bin. Und gleichzeitig bin ich entschieden, viel bewusster wahrzunehmen, wie kostbar all das ist. Und dankbar dafür zu sein.
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Schon wieder eine Krise. Und ich habe sie auf mich zukommen sehen: In meiner Klasse sind damals von Anfang an so viele Konflikte zwischen den Kindern, dass ich sie nicht lösen kann. Auch nicht zusammen mit den Eltern und den Streitschlichtern. Nichts, aber auch gar nichts wirkt und mit jedem Tag wächst meine Verzweiflung. Es kann doch nicht sein, dass ich als erfahrene Lehrerin so hilflos und ohnmächtig bin. Als meine Kollegin wegen dieser Situation krank wird, klappe auch ich zusammen. Ich habe so eine Angst, damit alleine zu sein. Es ist einfach zu viel.
Erst da habe ich gemerkt, dass ich dringend Hilfe brauche. Gott sei Dank kam die auch. Von der Schulleitung und aus dem Kollegium. Kurzfristig haben wir die Kinder auf verschiedene Klassen verteilt, die immer aneinandergeraten sind. Langfristig haben wir entschieden, wie wir solche Situationen als Kollegium solidarisch lösen können bevor wieder jemand so an den Rand gerät. Aber für mich sind Monate vergangen, bis ich Licht am Ende des Tunnels gesehen habe.
Ich mag den Zustand in einer Krise nicht. Weil ich verunsichert bin. Ich sehe nur von einem Augenblick zum nächsten. Und weiß nicht, wie es weitergeht. Manche Menschen finden ja tatsächlich auch keinen Ausweg. Und das ist schwer. Auch ich habe jedes Mal Angst, steckenzubleiben.
Gleichzeitig mache ich in Krisen auch noch eine andere Erfahrung: Irgendwann, mittendrin taucht der Gedanke auf: Ich hab noch jede Krise aushalten können. Keine ist geblieben. Mit jeder weiteren habe ich noch besser verstanden, was ich brauche, um durchzuhalten. Und ich weiß, wer mir hilft, wenn ich feststecke.
Mittendrin in dieser Krise mit meiner Klasse habe ich mich erinnert: Wenn ich wirklich schwierige Zeiten überstanden habe, ging es mir anschließend besser als davor. Ich habe mich reifer und lebendiger gefühlt. So schaue ich nun tatsächlich auch auf diese letzte Krise zurück. Und habe verinnerlicht: Selbst als gestandene Lehrerin mit viel Erfahrung kann ich nicht alles schaffen. Ich weiß: Ich kann schon viel dafür tun, um Krisen zu bewältigen. Einfach beenden kann ich sie nicht. Dann brauche ich Vertrauen und Geduld. Vertrauen darauf, dass ich nicht alleine bleibe, wenn es schwierig wird. Und Vertrauen darauf, dass ich getragen bin von Gott.
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Fast zwanzig Jahre haben sie zusammengelebt und sich geliebt. Sie haben gute Zeiten gehabt und schwierige. Ihr Plan war, miteinander alt zu werden. Von einem Tag auf den anderen war alles anders. Vincent hat sich in eine andere Frau verliebt. Die Trennung von seiner langjährigen Partnerin war unvermeidlich. Marie war plötzlich damit konfrontiert, ihr Leben erst einmal alleine weiter leben zu müssen. Schockiert, enttäuscht und tief verletzt. Manchmal war es nur ein einziger Gedanke, der sie am Leben gehalten hat. Dieser Gedanke war wie ein seidener Faden, der schon bald nach der Trennung in ihr aufgetaucht ist. Als hätte er sich direkt vom Himmel in ihr Herz ausgespannt. So hat sie es selbst formuliert und gesagt: „Plötzlich wusste ich: Es ist mein Leben um das es geht. Ich habe nur dieses eine. Es ist mir geschenkt. Ich werde es nicht dem Schmerz und der Trauer opfern.“
Marie war oft traurig, auch wütend und voller Schmerz. Und es hat Jahre gedauert, bis sie diese Trennung verdaut hat. Aber dieser Gedanke, ihr Leben leben zu wollen, hat ihr geholfen, sich nicht zu vergraben, nicht zu verbittern oder in Vorwürfen stecken zu bleiben.
Menschen, die gekränkt sind, gehen ganz unterschiedliche Wege, um damit zurecht zu kommen. Ich denke an den jungen Mann, der in seiner Schulzeit gemobbt worden ist. Oder an die Frau, die seit einer Kündigung nicht mehr auf die Beine kommt. Manche Menschen können nicht anders als innerlich zu versteinern, weil sie fürchten, den Schmerz sonst gar nicht auszuhalten. Andere horten den Schmerz wie einen dunklen Schatz, der sie langsam aber sicher vergiftet und lähmt. Viele entdecken in schmerzhaften Zeiten aber auch, was ihnen dabei hilft, ihre Erfahrungen zu bewältigen. Für die einen sind es Gespräche mit Freunden, andere hören tröstliche Musik. Sport kann auch eine Bewältigungsstrategie sein. Oder die Suche nach hilfreichen Begleitern, die sich auskennen mit seelischen Verletzungen. Dass es die Seelsorge als wichtige Aufgabe in den Kirchen gibt, macht sichtbar, woran Christen glauben: Gott will Heilung und ein heiles Leben für alle Menschen. Marie hat sich in ihrer Not eine Seelsorgerin gesucht und mitten in ihrem Schmerz spüren können: Gott stärkt mich, damit ich gut weiterleben kann. Ich habe nur dieses eine Leben. Es ist mir geschenkt.
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Massa, Sidra und Malak sind die Namen von drei Schülerinnen. Ich bin seit diesem Schuljahr ihre Französisch Lehrerin. Es hat gedauert, bis ich mir ihre Namen merken konnte. Zumal in der Klasse mehr als die Hälfte der Schüler Namen haben, die ich noch nie gehört habe. Die Eltern von Massa, Sidra und Malak sind vor zehn Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen. Die drei Mädchen waren damals alle ungefähr zwei Jahre alt. Seit dem Sturz von Assad hoffen ihre Familien, dass sie zurück nach Hause können. Sidra war im Mai für mehrere Wochen zum ersten Mal seit der Flucht in ihrem Heimatland. Ihre Familie hat großes Heimweh. Am liebsten wollen sie so schnell wie möglich zurück nach Syrien.
Ich bin froh, dass ich Massa, Sidra und Malak kenne. Ihre Gesichter und ihre Geschichten schützen mich davor, von Flüchtlingen oder Geflüchteten im Allgemeinen zu sprechen. Malak ist eine Powerfrau. Sidra eine echte Frohnatur. Sie lacht gerne und traut sich viel zu. Massa ist eher leise und zart. Alle drei wollen lernen und sind ehrgeizig. Es fällt ihnen leicht, Französisch zu sprechen. Dass sie schon früh Deutsch lernen mussten, hilft ihnen wahrscheinlich auch bei dieser Fremdsprache. Sie freuen sich, wenn ich ihnen sage, wie toll sie das machen. Wenn wir uns jetzt im Schulhaus begegnen, grüßen wir uns. Sie merken, dass ich mich für sie interessiere. Das gefällt ihnen. Es sind junge Frauen, die ihr Leben vor sich haben. Die von einer guten Zukunft träumen und die keinerlei Verantwortung dafür haben, dass sie in Deutschland gelandet sind.
Ich bin froh, dass ich Massa, Sidra und Malak kenne. Das schützt mich davor, von ihnen zu sprechen, als seien sie wie ein Paket. Das man einfach wieder zurückschicken kann. Ich käme nie auf die Idee vor ihnen darüber zu streiten, wie man sie am besten wieder loswird. Oder ihnen womöglich vorzuwerfen, dass deutsche Steuergelder ihren Lebensunterhalt sichern. Ich wünsche den dreien und ihren Familien von Herzen, dass sie irgendwann in ihre Heimat zurückkehren können. Und ich wünsche mir auch, dass sie Deutschland in guter Erinnerung behalten – weil wir sie aufgenommen haben, als sie in Not waren.
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Ich erinnere mich an jede Einzelheit dieser Situation. Dabei ist das fast 20 Jahre her. Manchmal brennen sich ganz alltägliche Augenblicke ja deshalb so ein, weil jemand etwas Bestimmtes sagt oder fragt. Ich habe Bekannte in der Nähe von Bremen besucht. Die Sonne war schon warm, das Ehepaar hat mir gezeigt, wo in ihrem Garten Radieschen und Karotten wachsen. Herr Wolff hat mich damals, eher beiläufig, gefragt, warum ich Grundschullehrerin geworden bin. Geantwortet habe ich ihm: Weil ich als achtjährige eine Klassenlehrerin hatte, die mich ernst genommen hat. So wie niemand vorher. Deshalb weiß ich auch wie wichtig Grundschullehrer sein können. Kinder brauchen gute Vorbilder. Die ihnen zeigen, dass sie wertvoll und einzigartig sind. Dass sie etwas bewirken können. Herr Wolff hat mich ungläubig angeschaut. In seinen Augen war ich hoffnungslos optimistisch. Er war überzeugt, dass die Welt nicht zu retten ist und ohnehin alles seinen Lauf nimmt.
Das Gespräch von damals fällt mir manchmal ein. Die Situation auf der Welt ist seitdem nicht hoffnungsvoller geworden. Vielleicht hat Herr Wolff recht mit dem, was er damals gesagt hat - denke ich jetzt manchmal. Aber auch heute bin ich nicht seiner Meinung. Ich bin vielleicht etwas leiser geworden, aber nicht müde. Ich sehe, was möglich ist, wenn ich die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit nicht aufgebe. Zum Beispiel in unserem Klassenzimmer. Auch Kinder können schon so miteinander streiten, dass erst mal keine Lösung in Sicht ist. Und Erwachsenen fällt dann oft nichts Besseres ein als zu sagen: „Jetzt hört endlich auf zu streiten und vertragt euch wieder“. Aber mit dieser Aufforderung allein kommen sie zu keiner friedlichen Lösung. Was den Kindern hilft ist: Wenn wir uns viel Zeit nehmen, um ihren Kleinkrieg zu verstehen; wenn wir herausfinden, wer wen gekränkt hat und warum; wenn die Kinder lernen, sich in den anderen hineinzuversetzen. Um Entschuldigung zu bitten, sich für eine bestimmte Zeit in Ruhe zu lassen. Und vor allem: wenn sie erleben, dass wir ernst nehmen, was sie sich so sehr wünschen. Sie wollen nämlich wirklich Lösungen finden. Ich erlebe mit ihnen fast jeden Tag, dass wir es schaffen, Schwierigkeiten zu klären. Es nimmt eben nicht alles automatisch seinen Lauf. Da, wo ich bin, habe ich immer die Chance, das Leben mitzugestalten.
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Mein ganzes Leben lang bin ich schon Katholikin. Der christliche Glaube ist in meiner Familie das Fundament. Die katholische Kirchengemeinde St. Antonius in Vaihingen/Enz war viele Jahre eine Gemeinschaft, in der ich zuhause war. Ich war zwar nie mit allem einverstanden, was die katholische Kirche vertreten hat. Aber wie Jesus mit Menschen umgegangen ist, hat mich immer fasziniert. Mit dem Papst und der Kurie hatte ich nichts am Hut. Die pompösen Auftritte der Kardinäle in Rom waren mir unangenehm, eigentlich sogar peinlich. Bis Franziskus Papst wurde. Er hat Rituale und Kleidung vereinfacht und wieder erkennbar gemacht, was Jesus für die Menschen in der Welt wollte. Für eine kleine, aber doch wichtige Veränderung, bin ich Papst Franziskus besonders dankbar: Anders als seine Vorgänger hat er den Segen Urbi et Orbi an Ostern und an Weihnachten dafür genutzt für alle Menschen zu beten, die im Krieg leben. Diese Krisenherde und die verfeindeten Völker hat er einzeln benannt. Mir ist da erst bewusst geworden, dass ich von vielen bewaffneten Konflikten auf der Welt keine Ahnung habe. Papst Franziskus hat es geschafft, dass ich mir für einen Moment innerlich die Weltkarte vorgestellt habe, um mir das klarzumachen; er hat es geschafft, dass ich mich verbunden gefühlt habe mit denen, die das aushalten müssen; mit allen, die sterben mussten, die Angst haben oder die um tote Angehörige trauern. Das hat keinen der kriegerischen Konflikte verändert. Aber es ist ein Unterschied, ob ich auf der Seite der Gleichgültigen oder Mächtigen stehe oder auf der Seite der Menschen, die mitfühlen und Frieden wollen. Papst Franziskus wird für mich immer der Papst bleiben, mit dem ich erlebt habe, dass Jesus eindeutig auf der Seite der Benachteiligten einer Gesellschaft stand. Er hat seine Macht genutzt, zu zeigen, wie die Botschaft Jesu wirkt. Und jetzt empfinde ich es als ein Geschenk des Himmels, dass Leo der XIV zu seinem Nachfolger gewählt wurde. Es war der 08. Mai. Genau 80 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs. „Friede sei mit euch!“ Mit diesem Satz hat Leo XIV seinen Dienst begonnen. Ich hatte Gänsehaut.
Und ich habe seitdem so viel Hoffnung, dass der neue Papst sich genau dafür einsetzt.
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Manche Worte wirken wie aus einer anderen Welt. „Heiliger Geist“ – das klingt für viele nach Kirche, Weihrauch und alten Texten. Ich glaube, dieser Geist ist etwas, das uns heute noch ganz real begegnet. In der Bibel wird er als Kraft beschrieben. Nicht als Gespenst oder Zauberwesen, sondern als etwas, das Menschen miteinander verbindet, tröstet, inspiriert. Wenn ich ihn beschreiben soll, dann würde ich sagen: Der Heilige Geist ist wie der Atem Gottes. Unsichtbar, aber wirksam. Wie Wind, der Bäume bewegt, obwohl ich ihn selbst nicht sehen kann. Mir ist der Heilige Geist zu einem vertrauten Freund und Begleiter geworden, der mich immer wieder überrascht. Wie zum Beispiel bei einem Konzert während der Salzburger Festspiele. Ich habe nichts Besonderes erwartet. Es war ein experimentelles Konzert. Drei Männer haben miteinander musiziert, auf einem Klavier, einem Vibraphon und einer Flöte. Schon nach wenigen Minuten war in der voll besetzten Kirche tiefer Friede spürbar. An mir selbst habe ich gemerkt: ich habe auf einmal tief und langsam geatmet, mein Herzschlag ist ganz ruhig geworden. Der ganze Raum war erfüllt von einer versöhnlichen und liebevollen Stimmung.
Erfahren kann ich diesen Geist überall. Nicht nur in Kirchen. Erst vor kurzem bin ich mit meinen Walking Stöcken über die Felder gelaufen. Da wo ich wohne. Unterwegs habe ich eine alte Dame getroffen. Wir sind eher zufällig ins Gespräch gekommen. Aber schon nach wenigen Minuten hatte ich das Gefühl, wir würden uns ewig kennen. Sie war unerwartet nah und vertraut. Hinterher hab ich gedacht: Es ist erstaunlich, dass es Menschen gibt, die ich zwar nicht kenne, aber mit denen ich mich trotzdem so tief verbunden fühle.
Der Heilige Geist weht, wo er will. Er wirkt nicht nur in Gebeten oder Predigten. Sondern auch in überraschenden Begegnungen, in Musik, in Momenten der Klarheit. In einem plötzlichen Gedanken, der uns weiterbringt. In einer Liebe, die wir uns selbst nicht erklären können. Er ist überall da, wo Versöhnung möglich wird. Manchmal ganz leise und manchmal mit Wucht.
Für mich ist das die Botschaft: Ich bin nicht auf mich alleine gestellt. Es gibt eine Kraft, die mich begleitet. Die verbindet.
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Ich bin in Vaihingen an der Enz aufgewachsen. Wir sind als Familie dort gelandet, weil mein Vater damals in der Nähe Arbeit gefunden hatte. Wir waren in der Kleinstadt erst einmal vollkommen fremd. Für meine Eltern gab es nach der Vertreibung aus Tschechien 1945 keine Heimat mehr. Sie kannten niemanden, egal wo sie hingekommen sind. Deshalb war die Kirchengemeinde St. Antonius in Vaihingen die erste Gemeinschaft, zu der sie Kontakt aufgenommen haben. Der Glaube an Jesus, die vertrauten Rituale im Gottesdienst, gemeinsame Gebete und andere Heimatvertriebene, die das gleiche Schicksal hatten wie wir, haben uns als Familie Halt gegeben. Ich habe schon als Kind gespürt, wie existentiell es ist, dazuzugehören. Mit anderen Menschen verbunden zu sein, sich füreinander zu interessieren, Freundschaften zu finden. Vaihingen/Enz als Stadt kann sich glücklich schätzen, weil sie jedes Jahr an Pfingsten ein Jahrhunderte altes Fest feiert: Den Maientag. Alle Bewohnerinnen und Bewohner sind eingeladen, als Menschen dieser Stadt ihre Gemeinschaft zu feiern. Dieses Jahr ist mir das besonders zu Herzen gegangen als mir ein Schwarzes Mädchen auf dem Marktplatz über den Weg gelaufen ist. Sie hatte ein rotblaues Kleid an. Das sind die Stadtfarben von Vaihingen. Im Haar ein wunderschön gebundenes Kränzchen aus echten Blumen und weiße Lackschuhe an den Füßen. Sie strahlte übers ganze Gesicht. Für einen Moment war ich selbst wieder acht Jahre alt. Habe mich gesehen mit meinem rotblauen Kleid und dem Blumenkranz im Haar zum Maientag. Ich war glücklich damals. Beim traditionellen Umzug bin ich mit meiner Klasse mitgelaufen. Ich habe dazugehört. Zu dieser Schule. Zu dieser Stadt. Zur ökumenischen Gemeinde. Die ganze Stadt feiert an Pfingsten miteinander. Musikvereine, alle Sportvereine, Schulen, Stadtteilgemeinden, alle ausländischen Vereine. Menschen, die sich kennen oder auch nicht, wünschen sich auf der Straße „an scheena Maiadag“.
Zum Abschluss des Maientags am Pfingstmontag auf dem Vaihinger Markplatz singen alle, die gekommen sind: „Nun danket alle Gott. Mit Herzen, Mund und Händen.“ Ein Gänsehautmoment für mich. Weil ich etwas davon spüren kann, wie wir Menschen verbunden sind. Ganz gleich, welche Hautfarbe wir haben, welche Sprache wir sprechen und wo wir geboren sind.
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