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09APR2022
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Letztes Jahr haben mir die Kinder in der Schule einen Adventskalender geschenkt. Damit ich mich jeden Tag mindestens einmal freuen kann. Weil Corona Schultage noch anstrengender sind. Zu dem Zeitpunkt haben wir jeden Tag damit gerechnet, dass die Schulen wieder geschlossen werden. Wir waren alle verunsichert, genervt, ungeduldiger als sonst. Ich hatte offenbar viele Tage nicht einmal gelächelt. So hat das ein Kind seiner Mutter erzählt. Wohl nicht zufällig habe ich im Adventskalender an einem Tag folgende Geschichte gefunden:

„Es war einmal ein Bauer. Der steckte jeden Morgen eine Handvoll Bohnen in seine linke Hosentasche. Immer, wenn er während des Tages etwas Schönes erlebt hat, wenn ihm etwas Freude bereitet hat, er einen Glücksmoment empfunden hat – etwas, wofür er dankbar war – nahm er eine Bohne aus der linken Hosentasche und gab sie in die rechte.

Am Anfang kam das nicht häufig vor. Aber von Tag zu Tag wurden es mehr Bohnen, die von der linken in die rechte Hosentasche wanderten. Der Duft der frischen Morgenluft, der Gesang der Amsel auf dem Dachfirst, das Lachen seiner Kinder, das nette Gespräch mit einem Nachbarn. Immer dann kam eine Bohne von der linken auf die rechte Seite. Bevor er am Abend zu Bett ging, betrachtete er die Bohnen in seiner rechten Hosentasche. Bei jeder Bohne konnte er sich an ein schönes Erlebnis erinnern. Dann schlief er zufrieden und glücklich ein. Auch an den Tagen, an denen er nur eine einzige Bohne in seiner rechten Hosentasche fand.“

Ich habe diese Geschichte aus dem Adventskalender als Hausaufgabe empfunden und sie jeden Tag mit den Kindern gemeinsam gemacht. Zu Schulbeginn am Morgen und nachmittags haben wir uns von den Bohnen erzählt, die in unserer rechten Hosentasche gelandet sind. Den Kindern ist aufgefallen: „Ich habe richtig gut geschlafen und bin schon fröhlich aufgewacht.“ „Mir hat das Morgenrot am Himmel heute so gefallen.“ „Ich bin glücklich, dass wir in den Pausen keinen Streit hatten.“ Ich bin zufrieden, weil ich heute so gut gearbeitet habe.“ Die kleine Geschichte von den Bohnen ist eine tolle Übungsaufgabe. Erst recht in schwierigen Zeiten. Wenn uns schlechte Nachrichten jede Freude rasch verderben können. Sie hilft uns, aufmerksam zu bleiben. Und dankbar zu sein, für alle großen und kleinen Dinge, die jeder Tag für uns bereithält.

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08APR2022
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Der Prophet Jesaja hatte die große Gabe zu trösten. Er konnte das, weil er Gott vertraut hat. Er glaubte den Geschichten, die seit Jahrtausenden vom treuen Gott erzählen - auch wenn die Wirklichkeit scheinbar dagegen sprach. Das war seine Hoffnung und Zuversicht: Die Situation seines Volkes wird sich wieder verändern. Dass Gott seinen Landsleuten nah ist, hat Jesaja ihnen in wenigen kurzen Sätzen so zugesagt:

„Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir. Hab keine Angst, ich helfe dir, ich mache dich stark, ich halte dich.“

Diese tröstenden Sätze stehen im Alten Testament. Die Menschen damals haben wahrhaftig Trost gebraucht. Nach einem Krieg haben sie ihr Land verlassen müssen und als Gefangene im Exil gelebt. Sie waren verunsichert, verängstigt und orientierungslos. Haben selbst nicht weitergewusst. Waren wie gelähmt. Hin- und her gerissen zwischen verschiedenen Kulturen und Glaubensrichtungen. Viele von ihnen haben resigniert, hatten genug vom Leben. Jesaja aber war zuversichtlich und hat es geschafft, seine Landsleute aus der Resignation herauszureißen. Mit großem Einfühlungsvermögen hat er sich in sie hineinversetzt. Er hat ihnen zugehört. Er hat sich ihren Zweifeln und Fragen gestellt auch wenn er zunächst keine Antwort parat hatte. Auch er hat immer wieder neu nachdenken müssen. Aber er hat den Mut gehabt, schwierige Fragen zuzulassen. Ein Krisenberater im besten Sinn. Keine billigen Vertröstungen, die ihm sowieso niemand abgenommen hätte, keine falschen Hoffnungen.

Trost ist einer der Namen Gottes - Hoffnung auch. Trösten und hoffen können Menschen, auch wenn sie nicht glauben wie Jesaja. Aber angewiesen auf Trost und Hoffnung sind wir alle. Gott sei Dank gibt es auch heute Menschen, die uns sagen:

Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir. Hab keine Angst, ich helfe dir, ich mache dich stark, ich halte dich. Solche Tröster und Trösterinnen sind für mich in diesen Tagen die vielen Menschen, die den Geflüchteten aus der Ukraine helfen mit ihrer Not und ihrem Kummer umzugehen. Ihre Unterstützung hat für mich etwas Prophetisches, weil die Helfer mit jedem warmen Kaffee und mit jeder Umarmung auch die Hoffnung austeilen: Eure Situation wird sich wieder ändern.

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07APR2022
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Ich mag den „Bergdoktor“. So heißt eine Fernsehserie, die bis vor kurzem gesendet wurde. Ich habe mich gefragt, warum ich sie so gerne anschaue. Die Kulisse am Wilden Kaiser, sympathische Schauspieler*innen, Liebesgeschichten und vor allem die Familie Gruber. Sie hält zusammen auch wenn das oft alles andere als leicht ist. Heil ist die Gruberfamilie nicht. Es gibt alte Familiengeheimnisse, Trennungen, Existenzängste, Streit zwischen den Brüdern, wie im echten Leben. Richtig beeindruckend finde ich, wie sich alle in dieser Fernsehfamilie für die Kinder anstrengen. Keines der Gruberkinder lebt mit Mama und Papa zusammen. Die Beziehungen zwischen den Erwachsenen sind oft kompliziert. Klar ist aber immer: Die Kinder sollen so wenig wie möglich darunter leiden. Vielleicht kennt der Drehbuchautor die Bitten an geschiedene Eltern.

Sie beschreiben, was Kinder brauchen, wenn Eltern sich trennen. Und diese Bitten gehen so:
„Liebe Mama, lieber Papa, vergesst nie: ich bin das Kind von euch beiden. Wenn ihr euch trennen wollt, ist das eure Sache. Ich habe euch beide gleich lieb. Ich will mich von keinem von euch trennen und ich will keinen von euch verlieren. Bitte sorgt dafür, dass ich immer zu meiner Mutter und zu meinem Vater nach Hause kommen kann. Und macht den anderen nicht schlecht vor mir, denn das tut mir weh.

Redet miteinander wie erwachsene Menschen und benutzt mich nicht als Boten zwischen Euch.
Verplant nie die Zeit, die mir mit meinem anderen Elternteil gehört. Ein Teil meiner Zeit gehört meiner Mutter und mir und ein Teil meinem Vater und mir. Haltet euch daran.
Streitet nicht vor mir. Seid wenigstens so höflich, wie ihr es zu anderen Menschen seid und wie ihr es auch von mir verlangt. Und erzählt mir nichts von Dingen, die ich noch nicht verstehen kann.
Einigt euch fair übers Geld. Ich möchte nicht, dass einer von euch viel Geld hat – und der andere ganz wenig. Für mich ist Zeit viel wichtiger als Geld.“

All das ist natürlich leichter gesagt als getan. Aber es lohnt sich, immer wieder neu überlegen: was brauchen die Kinder. Sie haben ein Recht darauf, dass ihre Eltern sich für sie anstrengen. Und sie werden es ihnen danken.

Quelle: http://www.karin-jaeckel.de/werhilft/waskinderwollen2.html

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06APR2022
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Claudius ist neun Jahre alt und hat im Sachunterricht über den 2. Weltkrieg geforscht. Über Adolf Hitler hat er gesagt: „Der war echt größenwahnsinnig. Der wollte nur immer noch mehr Macht haben und immer noch mehr Land.“ Präsentiert hat er seine Ergebnisse ein paar Tage bevor Vladimir Putin den Krieg gegen die Ukraine begonnen hat. Es ist naheliegend, dass Claudius und seine Klassenkameraden bei Putin dann Parallelen zu Hitler entdeckt haben: „Der will zeigen, wieviel Macht er hat und der will die Ukraine besitzen.“

Die Kinder haben ganz undiplomatisch gesagt: „Der Putin spinnt. Es ist voll krass, dass dem egal ist, wenn viele Menschen sterben müssen. Und ihre Wohnungen verlieren. Wenn eine ganze Stadt kaputt geht und wenn viele flüchten. Und dass so viele Leute voll Angst haben. Und wir echt nichts dagegen machen können.“

Für Kinder ist es genauso schwierig wie für Erwachsene, wenn sie sich ohnmächtig fühlen. Wir haben deshalb in der Lerngruppe darüber gesprochen. Was sie sonst machen, wenn sie Situationen erleben, bei denen sie nicht viel tun können? Zum Beispiel wenn Eltern sich streiten, wenn jemand schwer krank ist oder auch wenn sie Ärger haben mit Freunden. So verschieden wie die Kinder selbst sind, so unterschiedlich verhalten sie sich, wenn sie sich ohnmächtig fühlen: Lea erzählt alles ihrem Kaninchen. Nala lenkt sich ab und spielt etwas worüber sie vergisst, was gerade so schlimm ist. Roko muss sich unbedingt bewegen, wenn er etwas schwer aushalten kann. Alina vergräbt sich in ihrem Bett. Mara malt. Ronja kuschelt mit ihrer Mama. Es tut den Kindern gut, dass wir miteinander sprechen und sie merken, dass es allen gleich geht.

Solidarität hilft Kindern ebenso wie Erwachsenen. Wichtig ist, dass ich sagen darf: ich habe Angst, ich bin fassungslos und ich verstehe nicht, was da los ist. Zwei Dinge sind es, die für alle in der aktuellen Situation außerdem hilfreich sein können. Zum einen: die neuesten Kriegsnachrichten nur einmal am Tag hören. Mich schützen vor den grausamen Bildern. Zum anderen kann ich demonstrieren gegen die Ohnmacht und bin mit dabei wenn sich Menschenketten bilden für den Frieden. Mir hilft auch, daran zu glauben, dass Gott Frieden will und nicht Krieg. Und mir tut es gut, dass ich beten kann. Dass ich Gott meine Ohnmacht hinhalte und glaube, dass er das mit mir aushält und solidarisch ist.

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05APR2022
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Oft findet Mike sein Leben sinnlos. Dann sagt er: „Nichts ist mir gelungen in meinem beschissenen, traurigen Leben. Ich habe keinen Beruf, bei dem ich was Sinnvolles mache. Ich habe keine Familie. Schlage mich mein Leben lang nur so durch.“

Ich halte es schwer aus, dass er sein Leben so abwertet bei allem, was er ertragen und durchgestanden hat. Als Kind und Jugendlicher hat er viele Jahre in Heimen gelebt. Seinen Vater hat er nicht gekannt. Mit 19 ist er wegen unerlaubtem Waffenbesitz im Knast gelandet. Als junger Mann hat er der Adoption seines eigenen Sohnes zugestimmt, weil er sich nicht in der Lage gefühlt hat, für das Kind gut zu sorgen. Die Reihe seiner Lebensdramen lässt sich mühelos fortsetzen. Mehrere Beziehungen sind zerbrochen, er war arbeitslos, hat Schulden gemacht. Wer nur die Fakten sieht, wird Mike vielleicht Recht geben. Er hat wenig vorzuweisen, was ein scheinbar erfolgreiches, sinnvolles Leben ausmacht.

Ich sehe aber noch eine andere Seite: Dieser Mann hat viel Kraft und Stärke um all das auszuhalten, was er erlebt hat ohne daran zu zerbrechen. Manchmal, wenn er darüber redet, wie ihn all das geformt hat, fällt Licht auf die Scherben seines Lebens. Er beschreibt sich als diskreten und bescheidenen Mann. Reif geworden durch die vielen Jahre, in denen er gelitten und sich dadurch verändert hat. Klüger geworden durch die Erfahrungen, die sein Wesen und seinen Charakter prägen. Heute liebt er es wesentlich und ehrlich zu sein mit einer Prise Humor und einer großen Portion gesunder Moral.

Für mich ist leicht zu erkennen, dass Mikes Leben alles andere als sinnlos ist. Aber das hilft ihm wenig. Solange er selbst nicht davon überzeugt ist, kann ihm das niemand einreden. Ich habe dabei gemerkt, dass ich mir die Frage nach dem Sinn eines Lebens schon lange nicht mehr stelle. Ich glaube inzwischen: Kein Leben ist sinnlos; auch wenn sich mir ein Sinn nicht immer erschließt. Allein das, was im Körper eines Menschen vorgeht wenn er atmet, ist unvorstellbar großartig. Jeder Mensch wächst und hat Lebensenergie. Jeden gibt es wirklich nur einmal. Jedes Leben ist so vielschichtig und voller Erfahrungen. Jeder Mensch sehnt sich nach Liebe. Für mich bedeutet das: In jedem Leben kann ich etwas erkennen, von dem, den ich Gott nenne. So sage ich das auch Menschen wie Mike.

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04APR2022
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Die Schere zwischen Armen und Reichen in Deutschland geht schon seit Jahren immer weiter auseinander. Die Corona-Krise hat das nun nochmals befeuert. Diese Nachricht gehört zu denen, die ich am liebsten gar nicht hören will. Ich finde sie unerträglich. Auch weil es keine einfachen Lösungen für dieses Problem gibt.

Aber neben Armutsberichten und bedrückend nüchternen Statistiken gibt es auch ermutigende Entwicklungen. Ich habe mir angewöhnt, die ebenso wahrzunehmen. Initiativen, die davon erzählen, wie kreativ sich Menschen für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Zum Beispiel die Stiftung Zukunftsfähigkeit. Sie unterstützt und dokumentiert Projekte, die sich um ein gutes Leben für alle Menschen kümmern. Fast unerschöpflich sind die Beispiele, die auf der Website dieser Stiftung zu finden sind.

Es sind Geschichten des Gelingens. Wie die von der Firma „Goldeimer“. „Goldeimer“ produziert Klopapier. Tut das aber für einen guten Zweck. Denn für jede verkaufte Rolle fließt Geld in Projekte, um Menschen mit sauberem Wasser und einem Zugang zu Toiletten zu versorgen. Die Firma wurde genau deshalb gegründet. Natürlich müssen die Mitarbeiter und ihre Familien von ihrer Arbeit leben können. Aber sie sagen: „Für uns ist es auch in Ordnung, wenn wir plus minus null rauskommen, und dafür viel Geld in Wasser- und Sanitärprojekte gesteckt haben.“

Ich selbst stöbere regelmäßig in den Geschichten des Gelingens. Mir macht das Mut. Wenn ich sehe, wie viele Menschen konkret etwas tun, weil sie wollen, dass alle haben, was sie zum Leben brauchen. Selbst etwas zu unternehmen ist in meinem Job als Lehrerin gar nicht so leicht. Aber von diesen gelingenden Projekten kann ich erzählen. Vielleicht vermitteln sie nicht nur mir das Gefühl: Es ist nicht aussichtslos.

Die Vision vom guten Leben für alle steht auch in der Bibel. Jesus hat versprochen: In der neuen Welt werden Arme und Kranke die Aufmerksamkeit bekommen, die sie brauchen. Diese neue Welt, von der Jesus spricht, scheint utopisch. Aber wenn ich von Geschichten des Gelingens höre, wird meine Hoffnung konkret:

Veränderung ist tatsächlich möglich.

www.futurzwei.org

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03APR2022
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Es ist ein Foto von meinem achten Geburtstag. Ich stehe auf den neuen Rollschuhen, mit einem Krönchen auf dem Kopf in der Hauseinfahrt. Eingerahmt von Tante Erika und Onkel Gerhard, die mich rechts und links sicher an der Hand halten. Die Situation ist typisch für mich. Rollschuhe, Schwebebalken oder Ski sind bis heute nichts für mich. Ich brauche festen Boden unter den Füßen. Und wenn ich den nicht habe, brauche ich irgendwie anders Halt. Ich gehöre zu denen, die schon als Kind viel Angst hatten. Angst, die Freundin zu verlieren. Angst, schwer krank zu sein. Früh zu sterben. Irgendwie bin ich damit immer zurechtgekommen. Bis mich eine Krise in meinem Leben ganz aus der Spur geworfen hat. Mir hat nichts mehr geholfen, was ich bis dahin kannte. Keine Ablenkung. Keine Freundin. Auch nicht mein Glaube an Gott.

Ich habe Hilfe bei einer Therapeutin gesucht, die sich auskennt mit traumatischen Erfahrungen. Mit ihr habe ich entdeckt, welche Kraft innere Bilder haben können. Innere Bilder sind heilsame Vorstellungen meiner eigenen Phantasie. Eines dieser Bilder ist ein Ort geworden, den ich jederzeit aufsuchen kann. Es ist ein Haus. Die Räume sind lichtdurchflutet und gemütlich. Ich fühle mich dort geborgen und es ist warm. Ein sicherer Ort. Das Haus steht in einem Garten mit alten Obstbäumen. Ich sitze auf der Bank vor dem Haus zusammen mit einer alten gütigen Frau. Kraftvoll und weise beschützt sie mich und ist für mich da. Wenn ich heute verzweifelt bin und die Angst zurückkommt, kann ich mich an diesem Ort selbst in Sicherheit bringen.

Dieses Bild ist viel mehr als ein Bild. Es ist ein Teil meiner Seele. Unverletzt und heil. Ich spüre göttliche Gegenwart in mir. Mich beeindruckt, dass ich inzwischen nicht mehr hilflos bin, wenn ich Angst habe. Ich habe jederzeit Zugang zu dieser Quelle. Ich nenne sie Quelle des Göttlichen. Sie verbindet mich immer wieder neu mit den Psalmbetern aus dem Alten Testament. Sie sprechen von Gott als Ort ihrer Zuflucht. Als Fels in der Brandung, als sichere Burg, die sie in aller Not und Verzweiflung beschützt. Ich finde Schutz im lichthellen Haus, das ist mein Ort der Zuflucht. Wo ich geborgen bin und mich angenommen weiß - angenommen von Gott.

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06NOV2021
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Leon ist acht Jahre alt. Er sagt: „Ich glaube nicht an Gott. Aber ich spüre, dass das echt ok ist für dich. Dann mach ich im Religionsunterricht gerne mit.“ Leon will nicht abgewertet werden, weil er nicht an Gott glaubt oder gar überredet werden, es doch zu tun. Seitdem ich angefangen habe, Religion zu unterrichten, hat sich viel verändert. In meiner Klasse sind von den 27 Kindern sieben christlich getauft, 15 nicht getauft und fünf Kinder gehören einer anderen Religion an. Das ist anspruchsvoll. Gerade auch bei Elternabenden. Über den Sinn von Religionsunterricht wird oft heiß diskutiert. Ich muss erklären, warum Religion ein ordentliches Schulfach ist wie Mathematik und Deutsch. In der deutschen Verfassung verankert.

Für viele Eltern sind die Kirchen heute weit weg. Sie haben in ihrem Alltag kaum eine Bedeutung. Ethikunterricht statt Religion fordern viele auch für die Grundschule. Gleichzeitig erlebe ich, was Kinder im Religionsunterricht alles fragen und was sie beschäftigt. „Glaubst du an Gott?“ wollte ein Junge zu Beginn einer Relistunde einmal von mir wissen. „Ja, ich habe schon oft gespürt, dass er mich begleitet,“ habe ich geantwortet. Und schon waren wir mitten in einem spannenden Gespräch darüber, wie ich das spüren kann.

Ich kann intensiv mit Kindern darüber nachdenken kann, was geschieht wenn wir sterben. Oder darüber wie das war mit der Entstehung der Welt. Ob alle Menschen gleich viel wert sind, egal woher sie kommen oder wieviel Geld sie haben. Dafür spielt keine Rolle, ob die Kinder getauft oder nicht getauft sind. Davon erzähle ich auch an Elternabenden. Kinder haben ein Recht darauf, solche Fragen zu stellen und darüber nachdenken zu lernen wie über Mathe oder Deutsch. Sie haben ein Recht darauf, dass ich mit ihnen nach Antworten suche und aufrichtig sage, was ich selbst glaube. Wenn ich das tue, merke ich, dass die Kinder besonders neugierig sind. Ich mache sie mit christlichen Antworten vertraut. Und staune, wie viel sie über andere Religionen wissen. Vor allem nehme ich sie ernst mit ihren Überzeugungen. So wie Leon. Egal wie alt sie sind.

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05NOV2021
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Toni Edo ist ein mutiger Mann. 44 Jahre alt und in Nigeria geboren. Seit 2017 lebt er mit seiner Familie in Deutschland. Ich habe über ihn in der Tageszeitung gelesen. Anfang September hat in Rottenburg ein Mann mit einem Messer mehrere Passanten bedroht. Toni Edo hat beherzt und klug eingegriffen. Es ist ihm gelungen, den Angreifer zu überrumpeln und ihm das Messer wegzunehmen. Zwei Wochen später war Toni Edo noch einmal in der Zeitung. Er ist für seinen Mut geehrt worden. Bei beiden Zeitungsberichten hab ich gedacht… Gott sei Dank. Dieses Mal ist der Einwanderer mit afrikanischen Wurzeln der Gute und nicht der Böse. Wie gut, dass es auch mal andersrum ist. Der dunkelhäutige Mann nicht der Täter.

Dass ich so jemals denken würde, hätte ich vor fünf Jahren noch nicht für möglich gehalten. Die Stimmung gegenüber fremden Menschen in Deutschland hat sich verändert. Das merke ich an mir selbst. Es irritiert mich, wenn im Bus niemand außer mir deutsch spricht, obwohl ich eigentlich fremde Sprachen mag. Ich traue mich kaum, das laut zu sagen. In die Ecke der fremdenfeindlichen Menschen gehöre ich nämlich sicher nicht. Ich habe auch keine Angst vor Überfremdung.

 

Viel mehr fürchte ich mich vor Menschen, die andere hassen ohne sie zu kennen. Nur weil sie eine andere Sprache sprechen und in einem anderen Land geboren sind. Solche Verallgemeinerungen gehen mir gegen den Strich. Die Flüchtlinge, die Syrer oder Afghanen gibt es nicht. Immer sind es Menschen mit einer Geschichte, oft mit einer schweren Geschichte. Ein Beispiel aus meinem Lebensumfeld ist im Vergleich zur Geschichte von Toni Edo harmlos. Es zeigt aber sehr klar, was ich meine. Als Lehrerin in einer Grundschule erlebe ich mit syrischen Kindern auch ganz Unterschiedliches. Hiba ist schwer traumatisiert. An Lernen in der Schule ist nicht zu denken. Raya hat Schlimmes auf der Flucht erlebt. Trotzdem findet sie sich gut in Tübingen zurecht, spricht sehr gut Deutsch und lernt neugierig. Da bin ich nicht anders gefordert als mit deutschen Kindern. Ich muss jedes Kind genau kennenlernen und herausfinden, wer was braucht. Alle haben unterschiedliche Voraussetzungen. Bringen unterschiedliche Fähigkeiten mit und haben das Recht so gesehen zu werden. Jeder ist einzigartig. Dafür ist Toni Edo aus Nigeria ein wunderbares Beispiel.

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04NOV2021
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Moritz sitzt im Rollstuhl. Immer schon. Er ist 30. Seine Eltern haben die Behinderung von Moritz akzeptiert, ohne ihr zu viel Gewicht zu geben. Sie haben getan was sie konnten. Als Kind und Jugendlicher hat Moritz erlebt, wie seine Behinderung ihn einschränkt. Dass er nicht spielen und Sport machen kann wie alle anderen. Dass Partys und Clubs außerhalb seiner Reichweite liegen. Aber er hat gelernt, wie er mit seiner Behinderung leben kann. Selbstbewusst, meistens ohne sich schlecht zu fühlen oder zu schämen. Moritz hat Abitur gemacht. Latein und Mathematik studiert. Sein Referendariat als Lehrer erfolgreich abgeschlossen. So dass er inzwischen an einem Gymnasium unterrichtet. Über ein Dating Portal hat er eine Freundin gesucht und gefunden. Vor wenigen Wochen haben die beiden geheiratet.

Ich kenne Marla, die Frau von Moritz. Auch sie behindert eine Spastik.

Durch die Art und Weise wie Moritz lebt, sagt er:

„Ja, ich bin behindert. Die Spastik schränkt mich in vielem ein. Aber andere Menschen müssen mit anderen Einschränkungen zurechtkommen. Wenn Eltern sich trennen ist das auch nicht leicht für die Kinder. Meine Eltern haben mir immer das Gefühl gegeben, dass mein Leben absolut wertvoll ist. Dass sie mich so lieben wie ich bin. Dass ich mit den Einschränkungen leben lernen werde. Und außerdem ganz viel kann. Ich bin klug. Lerne gerne. Kann singen. Habe Freunde und eine tolle Familie. Ich kann lieben. Ich kann mit meiner Frau alleine in einer Wohnung leben und mir helfen lassen, wo es nötig ist. Ich habe sehr gut gelernt, andere um Hilfe zu bitten ohne mich schlecht zu fühlen. Und zeige jedem, der mir begegnet, dass ich mit meiner Behinderung ein kostbarer Mensch bin. Mich nicht verstecken muss. Dass ich zu dieser Gesellschaft gehöre, wie alle anderen auch. Und meinen Beitrag dazu leiste, dass wir eine menschfreundliche Gesellschaft sein können.“

Die Biographien von Moritz und Marla berühren mich. Ich habe erlebt, wie schwer es für Marla war, einen angemessenen Platz in unserer Gesellschaft zu finden. Mit Moritz ist mir noch klarer geworden, was dafür notwendig ist.

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