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SWR4 Abendgedanken

08MAI2026
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Heute vor 81 Jahren mussten die Nationalsozialisten offiziell zugeben, dass sie den 2. Weltkrieg verloren haben. Wenige Tage vorher hatten die Aufpasser im KZ Mauthausen bereits die Türen aufgemacht und alle Häftlinge frei gelassen. Unter ihnen war damals auch Jehuda Bacon, ein Jude. Niemand aus seiner Familie hat überlebt. Verlaust, völlig abgemagert und krank ist er als 16-Jähriger vor den KZ-Türen gestanden und hat mit seinem einzigen Freund beraten, in welche Richtung sie nun gehen sollen. Die beiden hatten Glück. Schon bald haben sie einen amerikanischen Soldaten getroffen, der dafür gesorgt hat, dass sie versorgt und gepflegt wurden. Ich habe Jehuda Bacon persönlich kennen gelernt und die Begegnung mit ihm nie vergessen. Er lebt heute als Künstler in Jerusalem und wird in diesem Sommer 97 Jahre alt.

Ich selbst bin erst nach dem Krieg geboren, und trotzdem hat der Zweite Weltkrieg auch mein Leben geprägt. Das war mir lange nicht bewusst. So kann ich z.B. bis heute nicht einfach sagen, wo meine Heimat ist. Auch ich spüre die Entwurzelung meiner Eltern nach der Vertreibung, obwohl ich nicht vertrieben worden bin. Oder wenn ich irgendwo neu dazukomme, zu Leuten, die ich nicht kenne. Da fürchte ich oft völlig unbegründet, ich könnte nicht erwünscht sein. So, wie das meine Eltern in dem Dorf im Odenwald erlebt haben, nachdem sie dort in Viehwagons nach der Vertreibung angekommen sind. 81 Jahre danach wissen wir ganz genau, welche Folgen der 2. Weltkrieg hatte. Welche Folgen jeder Krieg hat. Der im Sudan, der zwischen der Ukraine und Russland, die Kriege im Nahen Osten. Kein Krieg endet damit, dass die Waffen schweigen.

Dass Menschen friedlich und gewaltfrei miteinander umgehen, ist mir ein tiefes Bedürfnis. Ich kann gar nicht anders als mich dafür einzusetzen, wo ich gehe und stehe. Im Augenblick mache ich das fast täglich als Lehrerin in einer Grundschule. Deshalb weiß ich auch: Es ist anstrengend, friedlich miteinander zu leben. Wir brauchen jeden Tag Zeit, um Konflikte zu klären. Zu verstehen, wie sie entstehen. Manchmal dauert es mehrere Tage, bis einer um Entschuldigung bitten kann, weil er jemandem Unrecht getan hat. Und manchmal können wir nichts anderes erreichen, als dass sich die Streitenden in Ruhe lassen.

Im Alltag kommt mir das manchmal wenig vor. Aber ich weiß, wie viel schon das wert ist.

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SWR4 Abendgedanken

07MAI2026
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Heute erzähle ich Ihnen von Unsicherheiten und Ängsten. Und von dem, was mir hilft, mit Ihnen zu leben. Seit ich denken kann, habe ich Angst. Das war schon als Kind so: Ich hatte Angst, die Freundin zu verlieren. Angst, schwer krank zu sein. Angst, früh zu sterben. Es gibt ein Foto von mir, auf dem diese frühe Angst gut zu sehen ist. Ich stehe sehr unsicher auf den neuen Rollschuhen, eingerahmt von Tante Erika und Onkel Gerhard, die mich rechts und links sicher an der Hand halten. Die Situation auf dem Bild ist typisch für mich. Rollschuhe, Schwebebalken oder Ski sind bis heute nichts für mich. Ich brauche festen Boden unter den Füßen. Und wenn ich den nicht habe, brauche ich irgendwie anders Halt.

Ich bin mit meiner Angst immer einigermaßen zurechtgekommen. Bis mich eine Krise in meinem Leben ganz aus der Spur geworfen hat. Mir hat nichts mehr geholfen, was ich bis dahin kannte. Keine Ablenkung. Keine Freundin. Auch nicht mein Glaube an Gott.

Ich habe Hilfe bei einer Therapeutin gesucht, die sich auskennt mit traumatischen Erfahrungen. Mit ihr habe ich entdeckt, welche Kraft innere Bilder haben können. Heilsame Vorstellungen meiner eigenen Fantasie. Eines dieser inneren Bilder ist ein vertrauter Ort geworden. Den kann ich jederzeit aufsuchen, wenn die Angst zurückkommt. Es ist ein Haus. Die Räume sind lichtdurchflutet und gemütlich. Sie strahlen Geborgenheit und Wärme aus. Ein sicherer Ort. Das Haus steht in einem Garten mit alten Obstbäumen. Ich sitze auf der Bank vor dem Haus, zusammen mit einer alten, gütigen und weisen Frau. Sie beschützt mich und ist für mich da.

Dieses Bild ist viel mehr als ein Bild. Es ist ein Teil meiner Seele. Unverletzt, heil. Es ist ein Ort in mir selbst, der heilig ist und an dem ich mich Gott ganz nahe fühle. Mich beeindruckt, dass ich inzwischen nicht mehr hilflos bin, wenn ich Angst habe. Ich habe jederzeit Zugang zu dieser Quelle. Ich nenne sie Quelle des Göttlichen. Sie verbindet mich mit den Psalmbetern aus dem Alten Testament. Sie sprechen von Gott als Ort ihrer Zuflucht. Als Fels in der Brandung, als sichere Burg, der sie in aller Not und Verzweiflung hält und beschützt. Mein Ort der Zuflucht ist das lichthelle Haus, in dem ich geborgen bin und mich angenommen weiß. Und wo ich Gott ahnen kann.

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SWR4 Abendgedanken

06MAI2026
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Ich freue mich auf Pfingsten. Jedes Jahr aufs Neue. Denn da ist Maientag in Vaihingen an der Enz. Wie alle Vaihinger liebe ich dieses Fest. Ich bin in der Kleinstadt aufgewachsen. Nach dem Krieg sind wir als Familie dort gelandet und waren erst einmal vollkommen fremd. Wir kannten niemanden, egal wo wir hingekommen sind. Deshalb war die Kirchengemeinde St. Antonius in Vaihingen die erste Gemeinschaft, zu der wir Kontakt aufgenommen haben. Der Glaube an Jesus, die vertrauten Rituale im Gottesdienst, gemeinsame Gebete und unsere Mitchristen haben uns als Familie Halt gegeben. Ich habe schon als Kind gespürt, wie existentiell es ist, dazuzugehören. Mit anderen Menschen verbunden zu sein, sich füreinander zu interessieren, Freundschaften zu finden. Deshalb war auch der Maientag so wichtig.

Glücklicherweise gibt es im Ländle ja in vielen Dörfern und Städten solche Feste, bei denen alle zusammenkommen. In Ravensburg ist es zum Beispiel das Rutenfest. In Göppingen, Nürtingen und Vaihingen an der Enz ist das der Maientag. Ursprünglich waren das Schulfeste. Mich verbindet der Maientag noch immer mit den Vaihingern, obwohl ich schon über 40 Jahre nicht mehr dort lebe. Wenn es geht, bin ich jedes Jahr dabei. Besonders zu Herzen gegangen ist mir vor zwei Jahren ein Moment, als mir auf dem Marktplatz ein Schwarzes Mädchen über den Weg gelaufen ist. Sie hatte ein rotblaues Kleid an. Das sind die Stadtfarben von Vaihingen. Im Haar ein wunderschön gebundenes Kränzchen aus echten Blumen und weiße Lackschuhe an den Füßen. Sie strahlte übers ganze Gesicht. Für einen Moment war ich selbst wieder acht Jahre alt. Habe mich gesehen mit meinem rotblauen Kleid und dem Blumenkranz im Haar zum Maientag. Ich war glücklich damals. Beim traditionellen Umzug bin ich mit meiner Klasse mitgelaufen. Ich habe dazugehört. Zu dieser Schule. Zu dieser Stadt. Zur ökumenischen Gemeinde. Die ganze Stadt feiert an Pfingsten miteinander. Musik- und Sportvereine, Schulen, Stadtteilgemeinden, ausländische Vereine. Menschen, die sich kennen oder auch nicht, wünschen sich auf der Straße „an scheena Maiadag“.

Zum Abschluss des Maientags singen dann alle auf dem Vaihinger Markplatz am Pfingstmontag: „Nun danket alle Gott. Mit Herzen, Mund und Händen.“ Ein Gänsehautmoment für mich. Weil ich etwas davon spüren kann, wie wir Menschen verbunden sind. Ganz gleich, welche Hautfarbe wir haben, welche Sprache wir sprechen und wo wir geboren sind.

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SWR4 Abendgedanken

05MAI2026
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"Wie kann ich an einen liebenden Gott glauben, wenn Menschen leiden; wenn ich selbst leide?“ Das ist eine der schwierigsten Fragen in der Theologie. Ich habe für mich eine Antwort gefunden. Die Worte des Theologen Hans Küng haben mir dabei sehr geholfen.

Er sagt dazu: „Gottes Liebe bewahrt nicht vor allem Leid, sondern in allem Leid“. Ja, Gottes Liebe bewahrt mich in allem Leid. Das habe ich immer wieder selbst genau so erlebt. Gottes Liebe hat mich nicht vor Kummer und Leid bewahrt. Ich habe als junge Frau Entscheidungen getroffen, die mich bis heute manchmal schmerzen. Ich hatte große Angst um meinen Sohn, als er schwer krank war. Ich bin sehr traurig über den Tod einer Freundin. Aber keine Krise hat mich zerstört. Ich bin gewachsen daran. Glauben zu können, dass Gott mir nah ist, hat mir geholfen. Vieles, was passiert ist, kann ich nicht verstehen und es kann mir niemand erklären. Das betrifft mein eigenes kleines Leben und den Kummer weltweit. Trotzdem kann ich glauben: Gott ist da. Er hält mit mir und in der Welt das Leben aus. Das ist mein unzerstörbares Fundament. Hans Küng hat Worte dafür gefunden, die mir guttun und genau das beschreiben:

„Unser Leben ist kurz. Unser Leben ist lang. Voll Staunen stehe ich vor einem Leben, das seine unerwarteten Wendungen und doch seine Geradlinigkeit hatte.

Ich danke dir unfasslicher, alles umfassender und alles durchwaltender Urgrund, Urhalt, Ursinn unseres Seins – den wir Gott nennen.

Den Plan, nach dem unser Leben verläuft mit all seinen Irrungen und Wirrungen, erkennst nur du allein. Und dein Angesicht können wir in dieser Welt nicht sehen. Aber wir dürfen deine Hand in unserem Leben im Rückblick erkennen.“

Ich glaube, dass mich Gott bewahrt und mir nahe ist. Auch in den undurchsichtigen und schwierigen Momenten. Dafür bin ich dankbar. Für Kummer und Leid bin ich es erstmal nicht. Das ist zu viel verlangt. Und ich kann gut verstehen, wenn Menschen deshalb nicht glauben können, dass es Gott überhaupt gibt. Aber wenn ich im Rückblick erkenne, wie ich gerade durch schwere und unerklärliche Lebensumstände gewachsen bin; wenn ich spüre, wie kostbar das Leben auch durch die schmerzhaften Erlebnisse ist, kann ich mich Hans Küng anschließen. Und Gott für dieses Leben danken mit allen Erfahrungen. Den Hellen und den Dunklen.

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SWR4 Abendgedanken

04MAI2026
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Ich erzähle Ihnen heute von einer Freundschaft, die ich beenden musste. Das war damals schwer. Inzwischen kann ich friedlich an diese Freundin denken, zu der ich keinen Kontakt mehr habe. Im Nachhinein würde ich sagen, dass die Auseinandersetzung mit ihr ein Meilenstein war. Meine Freundin und ich hatten einen Streit, den wir nicht lösen konnten. Ihr Partner hatte sich von ihr getrennt. Und sie wollte, dass ich mich ganz hinter sie stelle. Dass ich über diese Trennung denke wie sie selbst. Das konnte ich nicht. Ich habe beide gut gekannt und erlebt, wie sie sich gegenseitig gekränkt haben. Ich habe meiner Freundin gesagt, wie ich das sehe. Wir haben telefoniert. Briefe gingen hin und her. Keine Chance. Wir haben alles versucht und uns nicht verstanden. Am Ende waren wir enttäuscht und wütend. Ich habe mich schuldig gefühlt und an mir gezweifelt. Habe mich gefragt, ob ich wirklich alles versucht habe? Ob ich mich genügend in ihre Situation eingefühlt hatte?

Ich habe einer Seelsorgerin von diesem ungelösten Konflikt erzählt. Und sie hat mir etwas Überraschendes vorgeschlagen: „Wie wäre es, wenn Sie sich für einen Augenblick sich selbst zuwenden? Schauen Sie sich an. Sie sind eine gewissenhafte Frau. Sie haben ihren eigenen Worten nach alles versucht. Sie haben ihrer Freundin viel Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt. Also: Wenn es Ihnen möglich ist, haben Sie jetzt Mitgefühl mit sich selbst. Mit der Frau, die an sich selbst zweifelt. Die traurig ist, weil sie sich nicht verständlich machen kann.“ Ein ungewöhnlicher Perspektivwechsel. Da standen auf einmal nicht mehr die Schuldgefühle über mein Unvermögen im Mittelpunkt, sondern Mitgefühl mit mir selbst. Und diese Perspektive war mir zunächst fremd. Ich habe aber gleichzeitig erlebt, was sich in mir verändert. Es hat mir gutgetan, mit mir zu fühlen. Wahrzunehmen und anzuerkennen, wie sehr ich mich angestrengt habe. Und dann, allmählich ... hat sich auch meine Wut auf meine Freundin aufgelöst. Ich konnte sie sein lassen, wie sie ist; ihre Sicht auf die Situation einfach stehen lassen. Ich war traurig darüber, dass es das gibt: Konflikte, die ich nicht lösen kann. Und Situationen, in denen ich mich nicht verständlich machen kann. Aber ich habe dabei gelernt, eben nicht immer weiterzukämpfen. Ich habe gelernt, uns beide verschieden sein zu lassen. Das ist schon viel.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

30OKT2025
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Ich mag Frau Schwalbe. Ich habe sie bei einer Fortbildung kennen gelernt. Mit ihrem gesunden Selbstwertgefühl ist sie für mich ein echtes Vorbild. Sie macht sich nicht groß oder gibt damit an, was sie alles kann. Sie kennt ihre Stärken und ihre Grenzen. Deshalb lässt sie sich auch nicht schnell aus der Ruhe bringen, wenn sie jemand kritisiert. Sie ist eine Frau, die sich selbst mag und mit sich einverstanden ist. Das sagt sie sogar genau so.

Lange habe ich mich gefragt, was man dafür machen muss, um so zu sein. Mir war schon klar, dass es mir an Selbstwertgefühl fehlt. Eine Therapeutin hat mir das auch gesagt. Aber das hat mir nicht viel geholfen. Leider hat sie mir damals nicht gezeigt, wie ich daran etwas ändern kann.

Zu diagnostizieren, was fehlt, ist oft leicht. Das kenne ich auch aus anderen Bereichen. Die Diagnose für meine Schmerzen im Fuß hatte der Orthopäde sofort parat. Besserung oder gar Heilung dauern.

Ich habe über Jahre gelernt, meinen Wert zu spüren. Dazu habe ich Menschen gebraucht, denen ich vertraue. Freundinnen, Seelsorger, Kolleginnen. Mit ihnen habe ich darüber gesprochen, was ich kann; was mich ausmacht; was zu mir gehört; was mich geprägt hat. Dabei hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Ich habe einer Seelsorgerin erzählt, wie sehr ich die Kinder aus meiner Klasse mag. Am Ende hat sie gesagt: Nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit. Fühlen Sie, wie Sie diese Kinder lieben und dass es Sie glücklich macht. Seitdem ist mir bewusst: Es ist kostbar, dass ich jedes Kind mag. Ich freue mich, die Kinder meiner Klasse begleiten zu dürfen. Jedes einzelne kennen zu lernen. Zu entdecken, wie ich sie unterstützen kann. Meine Liebe zu den Kindern ist eine meiner Stärken. Nach dieser Erfahrung habe ich mehr und mehr gelernt anzuerkennen, was mich stark macht. Was ganz spannend ist: seitdem fällt es mir auch leichter, offen meine Grenzen zuzugeben. Ich lebe leichter seitdem ich selbst spüren kann, was mich ausmacht. Ich fühle mich unabhängiger, weil ich weniger Bestätigung von anderen brauche. Und ich bin dankbar für die christliche Verheißung, die sagt: Jeder Mensch ist einzigartig und wertvoll. Mit dieser Verheißung bin ich aufgewachsen. Sie hat den Wunsch in mir geweckt, das selbst fühlen zu können. Heute kann ich es wirklich glauben.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

29OKT2025
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Vor einem Monat ist Hape Kerkeling in Rottenburg mit dem Eugen-Bolz-Preis ausgezeichnet worden. Für einen Tag war der große deutsche Komiker in der kleinen Stadt am Neckar. Für mich persönlich ist Hape Kerkeling auch deshalb groß, weil er zu politischen Themen öffentlich sagt, was er denkt. Deshalb hören ihm auch viele zu. Den Eugen-Bolz Preis hat er nicht als Komiker bekommen. Sondern weil er laut und deutlich sagt, dass ihn die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland beunruhigen. Fremdenfeindliche, ausgrenzende und hasserfüllte Äußerungen findet er schlimm. Er warnt davor. Ganz ehrlich. Wenn ich mitkriege, dass Menschen ihre Popularität zu solchen Statements nutzen, atme ich immer auf. Wie gut, dass sie sagen, was ihnen die deutsche Verfassung bedeutet.

 

Und wie gut, dass mit solchen Auszeichnungen an Menschen wie Eugen Bolz erinnert wird. Er ist 1881 in Rottenburg geboren und war Politiker in Württemberg. Er ist umgebracht worden, weil er mutig war und sich gegen Hitlers Nationalsozialismus positioniert hat. Für mich ist er ein Vorbild in diesen Zeiten.

Hape Kerkeling ist unmittelbar während der Nachkriegszeit aufgewachsen. Er hat erlebt wie sich demokratische Strukturen entfaltet und auch Minderheiten eine Stimme bekommen haben. Er hat als schwuler Mann erlebt, dass es selbstverständlich geworden ist, sich deshalb nicht mehr schämen und verstecken zu müssen. Ich gehöre zur selben Generation wie Hape Kerkeling. Und auch mir ist die deutsche Verfassung mit ihrem Bekenntnis zur Würde jedes Menschen so heilig wie die Bibel. Mich erschreckt, dass inzwischen viele Generationen nicht mehr nachvollziehen können, wie wertvoll dieses Bekenntnis ist. Meinungsfreiheit und Vielfalt scheinen manchen nichts mehr wert zu sein. Oder – so nehme ich es auch wahr - beides ist unüberschaubar geworden: so viele Meinungen, so eine große Vielfalt! Sich da zu orientieren ist schwer. Nicht wenige sind ratlos und fühlen sich überfordert. Auch mir geht das manchmal so. Zum Beispiel wenn ein schwules Paar sich mit einem lesbischen Paar zusammentut, um Kinder bekommen. Darüber muss ich nachdenken. Und darüber will ich auch nachdenken. Ich lebe gerne in diesem Land, in dem sich Menschen frei und vielfältig entwickeln können. Ich will, dass das so bleibt. Ich deshalb tue ich dafür, was ich kann.  

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

28OKT2025
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Man gewöhnt sich an alles! Aber wirklich. Als ich im Sommer im Urlaub am Meer war, bin ich deswegen richtig erschrocken. Da fahre ich einmal im Jahr mehr als 1000 km in den äußersten Westen Frankreichs, um am Atlantik zu sein. Weil ich dort glücklich bin. Weil die Weite und die Kraft des Ozeans mir guttun. Er ist so groß, so unendlich, dass ich irgendwie ganz natürlich spüre, wie begrenzt ich als Mensch bin. Und dass ich aufgehoben bin in einer größeren Wirklichkeit, die ich Gott nenne. Das alles wirkt so intensiv, dass ich wie auf Knopfdruck friedlich und gelassen werde. Wunderbar!

 

Und dann stelle ich in meiner zweiten Ferienwoche auf dem Wanderweg am Meer entlang fest, dass ich mich auch daran gewöhnen kann. Unglaublich. An diesem Tag ist mir aufgefallen, dass ich nicht einmal stehen geblieben bin, um zu staunen. Zuerst habe ich den Kopf geschüttelt über mich. Und dann bewusst entschieden, dass mir das nicht noch einmal passiert. Aber diese Erfahrung hat mich noch beschäftigt. Es ist ja tatsächlich so. Man gewöhnt sich an fast alles. Oft ist das gut so. Zum Beispiel im Supermarkt meiner Wahl. Da weiß ich, wo alles steht und der Einkauf ist schnell erledigt. Wie wertvoll das ist, merke ich immer dann, wenn alle paar Jahre dort alles umgeräumt wird und ich mich umgewöhnen muss. Ich finde das nervig und zeitraubend. Eben bis ich mich wieder an die neue Ordnung gewöhnt habe. Wenn an einem Tag für zwei Stunden der Strom ausfällt oder für mehrere Stunden das Wasser im Haus abgestellt werden muss, nervt mich das noch mehr. Inzwischen habe ich mir aber angewöhnt, in solchen Situationen innezuhalten und mir klarzumachen, wie luxuriös mir vieles zur Verfügung steht, wovon andere nur träumen können.  

In meinem Leben ist Vieles ganz selbstverständlich immer da. Meine schöne Wohnung mit Balkon, in der ich mich wohl fühle. Die Heizung im Winter. Dass ich essen kann, was mir schmeckt. Und ich ausreichend Geld zur Verfügung habe, um mir das leisten zu können, was ich brauche. Der wunderschöne Blick auf die Schwäbische Alb, den ich täglich habe. Meine freundlichen Nachbarinnen.

Es ist völlig in Ordnung, dass ich daran gewöhnt bin. Und gleichzeitig bin ich entschieden, viel bewusster wahrzunehmen, wie kostbar all das ist. Und dankbar dafür zu sein.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

27OKT2025
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Schon wieder eine Krise. Und ich habe sie auf mich zukommen sehen: In meiner Klasse sind damals von Anfang an so viele Konflikte zwischen den Kindern, dass ich sie nicht lösen kann. Auch nicht zusammen mit den Eltern und den Streitschlichtern. Nichts, aber auch gar nichts wirkt und mit jedem Tag wächst meine Verzweiflung. Es kann doch nicht sein, dass ich als erfahrene Lehrerin so hilflos und ohnmächtig bin. Als meine Kollegin wegen dieser Situation krank wird, klappe auch ich zusammen. Ich habe so eine Angst, damit alleine zu sein. Es ist einfach zu viel.

                                

Erst da habe ich gemerkt, dass ich dringend Hilfe brauche. Gott sei Dank kam die auch. Von der Schulleitung und aus dem Kollegium. Kurzfristig haben wir die Kinder auf verschiedene Klassen verteilt, die immer aneinandergeraten sind. Langfristig haben wir entschieden, wie wir solche Situationen als Kollegium solidarisch lösen können bevor wieder jemand so an den Rand gerät. Aber für mich sind Monate vergangen, bis ich Licht am Ende des Tunnels gesehen habe.

Ich mag den Zustand in einer Krise nicht. Weil ich verunsichert bin. Ich sehe nur von einem Augenblick zum nächsten. Und weiß nicht, wie es weitergeht. Manche Menschen finden ja tatsächlich auch keinen Ausweg. Und das ist schwer. Auch ich habe jedes Mal Angst, steckenzubleiben.

Gleichzeitig mache ich in Krisen auch noch eine andere Erfahrung: Irgendwann, mittendrin taucht der Gedanke auf: Ich hab noch jede Krise aushalten können. Keine ist geblieben. Mit jeder weiteren habe ich noch besser verstanden, was ich brauche, um durchzuhalten. Und ich weiß, wer mir hilft, wenn ich feststecke.

Mittendrin in dieser Krise mit meiner Klasse habe ich mich erinnert: Wenn ich wirklich schwierige Zeiten überstanden habe, ging es mir anschließend besser als davor. Ich habe mich reifer und lebendiger gefühlt. So schaue ich nun tatsächlich auch auf diese letzte Krise zurück. Und habe verinnerlicht: Selbst als gestandene Lehrerin mit viel Erfahrung kann ich nicht alles schaffen. Ich weiß: Ich kann schon viel dafür tun, um Krisen zu bewältigen. Einfach beenden kann ich sie nicht. Dann brauche ich Vertrauen und Geduld. Vertrauen darauf, dass ich nicht alleine bleibe, wenn es schwierig wird. Und Vertrauen darauf, dass ich getragen bin von Gott.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

14JUN2025
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Fast zwanzig Jahre haben sie zusammengelebt und sich geliebt. Sie haben gute Zeiten gehabt und schwierige. Ihr Plan war, miteinander alt zu werden. Von einem Tag auf den anderen war alles anders. Vincent hat sich in eine andere Frau verliebt. Die Trennung von seiner langjährigen Partnerin war unvermeidlich. Marie war plötzlich damit konfrontiert, ihr Leben erst einmal alleine weiter leben zu müssen. Schockiert, enttäuscht und tief verletzt. Manchmal war es nur ein einziger Gedanke, der sie am Leben gehalten hat. Dieser Gedanke war wie ein seidener Faden, der schon bald nach der Trennung in ihr aufgetaucht ist. Als hätte er sich direkt vom Himmel in ihr Herz ausgespannt. So hat sie es selbst formuliert und gesagt: „Plötzlich wusste ich: Es ist mein Leben um das es geht. Ich habe nur dieses eine. Es ist mir geschenkt. Ich werde es nicht dem Schmerz und der Trauer opfern.“

Marie war oft traurig, auch wütend und voller Schmerz. Und es hat Jahre gedauert, bis sie diese Trennung verdaut hat. Aber dieser Gedanke, ihr Leben leben zu wollen, hat ihr geholfen, sich nicht zu vergraben, nicht zu verbittern oder in Vorwürfen stecken zu bleiben.

Menschen, die gekränkt sind, gehen ganz unterschiedliche Wege, um damit zurecht zu kommen. Ich denke an den jungen Mann, der in seiner Schulzeit gemobbt worden ist. Oder an die Frau, die seit einer Kündigung nicht mehr auf die Beine kommt. Manche Menschen können nicht anders als innerlich zu versteinern, weil sie fürchten, den Schmerz sonst gar nicht auszuhalten. Andere horten den Schmerz wie einen dunklen Schatz, der sie langsam aber sicher vergiftet und lähmt. Viele entdecken in schmerzhaften Zeiten aber auch, was ihnen dabei hilft, ihre Erfahrungen zu bewältigen. Für die einen sind es Gespräche mit Freunden, andere hören tröstliche Musik. Sport kann auch eine Bewältigungsstrategie sein. Oder die Suche nach hilfreichen Begleitern, die sich auskennen mit seelischen Verletzungen. Dass es die Seelsorge als wichtige Aufgabe in den Kirchen gibt, macht sichtbar, woran Christen glauben: Gott will Heilung und ein heiles Leben für alle Menschen. Marie hat sich in ihrer Not eine Seelsorgerin gesucht und mitten in ihrem Schmerz spüren können: Gott stärkt mich, damit ich gut weiterleben kann. Ich habe nur dieses eine Leben. Es ist mir geschenkt.

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