Manuskripte

SWR3 Worte

Selbst wenn ich nicht von der Liebe zum Geld beherrscht bin, auch wenn ich nicht durch die Sorge um... Reichtum gebunden bin, so lechze ich doch nach Lob und giere nach menschlicher Ehre; … es (ist) mir wichtig, wie sich Menschen mir gegenüber geben und was sie über mich reden; … (ich sorge mich), was dieser von mir denkt und jener von mir hält; … ich (habe) Angst, dem einen zu missfallen und (will) dem anderen gefallen... Solange mich derlei Besorgnisse beschäftigen, bin ich ihr Sklave. Ich möchte mich aber nach Kräften bemühen frei zu werden… und in die Freiheit zu kommen, die der Apostel Paulus meint, wenn er sagt: „Ihr seid zur Freiheit berufen; macht euch nicht zu Sklaven von Menschen“.

Origenes, ein Theologe des dritten Jahrhunderts,
über wirkliche Freiheit

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Die Mutigen wissen
Daß sie nicht auferstehen
Daß kein Fleisch um sie wächst
Am jüngsten Morgen
Daß sie nichts mehr erinnern
Niemandem wiederbegegnen
Daß nichts ihrer wartet
Keine Seligkeit
Keine Folter
Ich
Bin nicht mutig.

Marie Luise Kaschnitz
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Das bessere Fasten, mein Freund, besteht … immer darin, dass man nichts Böses tut. Das ist besser, als kein Brot zu essen und kein Wasser zu trinken; besser als „den Kopf hängen zu lassen, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt“ … Der Mensch wird in der Tat von Gott geliebt, er ist schön in seinen Augen und von ihm angenommen, wenn er (fastet)... Was Gott aber noch mehr gefällt, ist „ die Fesseln des Unrechts zu lösen und die Stricke des Jochs zu entfernen“. (Wer das tut), für (den) gilt: „Sein Licht wird hervorbrechen wie die Morgenröte, und seine Gerechtigkeit wird ihm vorangehen. Er gleicht einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser niemals versiegt“. Er hat nichts gemein mit den Heuchlern, die ein finsteres Gesicht machen und sich ein trübseliges Aussehen geben, damit die Leute merken, dass sie fasten.

Hl. Aphrahat, Mönch und Bischof in der Nähe von Mossul im heutigen Irak – Mitte des vierten Jahrhunderts – über wirkliches Fasten
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Der einzige Überlebende eines Schiffsunglücks wird an den Strand einer einsamen und unbewohnten Insel gespült. Tag für Tag hält er Ausschau nach Rettung – vergeblich. Schließlich baut er für sich und seine wenigen Habseligkeiten eine kleine Hütte aus Holz.
Eines Tages aber geht seine Hütte in Flammen auf. Nun hat er alles verloren; er schreit und klagt vor Ärger und Verzweiflung.
Am nächsten Morgen hört er ein Motorboot herankommen. Er springt auf, und tatsächlich, man will ihn retten. „Woher wusstet ihr, dass ich hier bin?“, fragt er glückstaumelnd seine Retter. „Wir haben Ihr Rauchsignal gesehen.“

Imre Kertész, Rauchsignale
[in Dossier K. Eine Ermittlung (Auszug), Rowohlt, Reinbek 2006 – zitiert nach „der Andere Advent“ 2007]

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Ich glaube, was die Leute nicht mehr wollen ist diese Wohlfühlgesellschaft. Es geht nicht darum, sich wohl zu fühlen, sondern es geht darum, miteinander Sinn zu stiften. Die Menschen sind sehr, sehr sensibel geworden, bezogen auf Lebenssinn. Das heißt, die Grundsatzfrage ist nicht Spaß, sondern Freude und Glück. Spaß haben wir viele Jahre lang versucht, miteinander zu realisieren. Spaß bedeutet… keine Anstrengung, man fährt sozusagen bergab, wunderschön, das gleitet. Aber die Leute wollen heute wieder bergauf. Die Leute wollen kulturelle Reichhaltigkeit aufbauen. Die wollen, wenn Sie so wollen, vom Spaß zum Glück und es ist eben kein Zufall, dass Bücher, die sich mit dem Thema Glück zurzeit beschäftigen, durchaus Bestseller-Charakteristik haben.
Professor Peter Kruse über unsere Sehnsucht nach Glück

Deutschlandfunk, 6.4.2009 – 8:17 h – zitiert nach dradio.de
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Freunde, dass der Mandelzweig
wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt.
Dass das Leben nicht verging,
so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering,
in der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg,
eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
leicht im Winde weht.
Freunde, dass der Mandelzweig
sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig,
wie das Leben siegt.

Schalom Ben-Chorin, "Das Zeichen" [1942]

Evangelisches Gesangbuch der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Nr. 659 Rechte: Hänssler-Verlag

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Sie fragen mich nach der auferstehung
sicher sicher gehört hab ich davon
daß ein mensch dem tod nicht mehr entgegenrast
daß der tod hinter einem sein kann
weil vor einem die liebe ist
daß die angst hinter einem sein kann
die angst verlassen zu bleiben
weil man selber - gehört hab ich davon
so ganz wird daß nichts da ist
das fortgehen könnte für immer

Ach fragt nicht nach der auferstehung
ein märchen aus uralten zeiten
das kommt dir schnell aus dem sinn
ich höre denen zu
die mich austrocknen und kleinmachen
ich richte mich ein
auf die langsame gewöhnung ans totsein
in der geheizten wohnung
den großen stein vor der tür

Ach frag du mich nach der auferstehung
ach hör nicht auf mich zu fragen

Dorothee Sölle: über auferstehung
Aus: Dorothee Sölle, fliegen lernen. Gedichte, Berlin: Verlag Fietkau 1994

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