Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Ich glaube. Ich glaube nicht. Ich glaube. Ich glaube nicht. Manchmal komme ich mir vor, als sitze ich auf einer Wiese und spiele das Gänseblümchen-Orakel. Am Ende, mit dem letzten Blatt, erwarte ich die Antwort.
An manchen Tagen fühle ich mich Gott ganz nahe. Dann geht Vieles leicht, ich weiß: Er hält mich. Ganz egal wie der Tag läuft. Da ist überhaupt kein Platz für die Frage – gibt es Gott wirklich? Und dann gibt es die vielen anderen Tage. Da versuche ich Gott mit dem Verstand zu fassen. Irgendetwas von ihm zu er-fassen. Und eine Antwort zu finden. Auf die Frage: an was glaube ich da eigentlich?

Deshalb tut mir die Jahreslosung gut. Das ist ein Vers aus der Bibel, mit dem überschreiben die Evangelische und Katholische Kirche ein Jahr und geben ihm ein Motto. Dieses Jahr lautet die Losung: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“.  Die Bibelstelle aus dem Markusevangelium erzählt von der Begegnung Jesu mit einem kranken Kind und dessen verzweifeltem Vater. Der fleht Jesus an, seinen Sohn zu heilen: „Wenn Du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“. Jesus fordert den Glauben des Vaters heraus und antwortet ihm: „Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind dem möglich, der glaubt“. Den Vater zerreißt es fast. Jahrelang hat er seinen Sohn leiden sehen – an was soll er denn noch glauben? Deshalb schreit er seine Verzweiflung heraus: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“. Er spürt seine eigene Ohnmacht, er muss loslassen; er muss wagen, Jesus zu vertrauen – sonst wird sich nichts ändern.
Genauso geht es mir: Mir gelingt es erst wieder, mit Gott in Berührung zu kommen, wenn ich aufhöre alles selbst schaffen und machen zu wollen. Und das ist gar nicht einfach. In einer Zeit, in der fast alles möglich scheint. Gott ist nicht sichtbar, nicht beweisbar. Und er ist mit Vernunft allein einfach nicht zu fassen. Wenn ich mich ihm nähern will, habe ich also gar keine andere Wahl als zu vertrauen. Dieses Wort ist für mich der Schlüssel. Ich muss vertrauen können damit eine Beziehung wachsen kann. Das gilt für die Menschen und es gilt für Gott. Glauben heißt dann: ich lasse mich ein auf Gott - so wie Jesus. Bei all seinen Begegnungen geht es um Vertrauen. Und dieses Vertrauen hat das Leben der Menschen verändert. „Dein Glaube hat Dich geheilt“ – so heißt es an etlichen Stellen in der Bibel.

Ich glaube UND ich glaube nicht – allein die Tatsache, dass ich frage, dass ich weitermache, dass ich suche und nicht resigniert habe bedeutet: ich vertraue darauf, dass es irgendwo Gott geben muss. Solange ich Gott suche und nach ihm frage, so lange habe ich ihn noch nicht verloren.

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Das Coronavirus hat in nur wenigen Wochen etwas Unvorstellbares geschafft. Es hat unserem Leben die Geschwindigkeit entzogen. Und darin liegt auch eine Chance. Neben allem, was jetzt schwierig ist, und immer mehr Mensch schwer zu schaffen macht.
Vor zwei Wochen habe ich mich von meinen Kolleginnen und Kollegen verabschiedet. Ins home-office, ins Büro nach Hause also. Für unbestimmte Zeit; „Bleibt gesund und bis irgendwann“ habe ich gesagt. Ich habe mich seltsam gefühlt dabei. Was jetzt? Was kommt auf mich zu? Ein Ratschlag des heiligen Vinzenz von Paul begleitet mich seither durch diese Zeit: Wenn wir vor besonderen Herausforderungen im Leben stehen, dann empfiehlt er uns diese folgendermaßen anzunehmen: „Mit nüchternem Realismus und grenzenlosem Gottvertrauen“.

Der nüchterne Realismus verlangt jetzt von mir, und sicher von ganz vielen Menschen: kühlen Kopf und den Alltag mit Kindern zuhause organisieren; eine Balance finden zwischen Arbeiten, Lernen, Haushalt, spielen und Medienkonsum – dabei die Großeltern im Blick behalten. Auf den Mann und Vater müssen wir noch mehr als bisher verzichten; auch da sind wir nicht alleine. Für Ärzte und Krankenschwestern gibt es gerade wenig Pausen.
Und danach, wenn alles vorbei ist, was kommt dann? Wie sieht das Leben nach Corona aus?
Da kommt mein Gottvertrauen ins Spiel; die Hoffnung, dass wir am Ende dieser Zeit eine andere Gesellschaft sein werden. Es sind zwei Dinge, die mich dabei zuversichtlich machen. Das eine ist die große Hilfsbereitschaft, die sich in den Städten und Gemeinden organisiert. Nachbarn ebenso wie Fremde unterstützen ältere Menschen oder Mitbürger in Quarantäne. Viele bringen ganz unkompliziert ihre Talente ein: Musiker geben Wohnzimmer-Konzerte und per Live-Stream kann jeder dabei sein. Eine Theaterschauspielerin betreut Kinder, sie hat Zeit weil sie nicht auftreten kann. Ich finde das großartig!


Und dann spüre ich diese Ruhe. Wahrscheinlich bin ich nicht die Einzige, die sich auch ein bisschen über die Zwangspause freut. Von heute auf morgen bin ich aus meinem Hamsterrad geschleudert worden. Ich komme ganz langsam zur Besinnung. Und hier entsteht Raum. Für Fragen und für Antworten. Will ich so weitermachen wie bisher? Worauf kommt es mir an? Ich hoffe, dass auch die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft das Bedürfnis haben, neu zu denken. Dieser Stillstand ist mehr als eine Pause.


Ich sehe die Satellitenbilder aus dem Weltall. Sie zeigen, dass die CO-2 Emissionen über China und Norditalien sehr stark zurückgegangen sind. Klimawandel ist machbar! Corona gibt uns einen Fingerzeig! Kommen Sie gut durch die nächste Zeit! Mit nüchternem Realismus und grenzenlosem Gottvertrauen.

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