Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Ich freue mich immer, wenn ich an der Kasse im Supermarkt Überraschungseier sehe. Es gab sie schon, als ich noch klein war. Ich hab sie geliebt und heute bringe ich meinen Kindern welche vom Einkaufen mit – und mir selbst manchmal auch. Als Theologe arbeite ich in einer Kirchengemeinde mit Jugendlichen. Und für meinen letzten Jugendgottesdienst habe ich einen ganzen Karton Überraschungseier gekauft. 

In diesem Gottesdienst ging es um eine besondere Interpretation von Überraschungseiern. Zwei Theologen, Matthias Sellmann und Kathrin Speckenheuer, vergleichen die Eier mit Menschen. Das klingt erstmal ziemlich ungewöhnlich. Aber ich finde, da ist wirklich was dran. 

Zuerst sieht man bei einem Überraschungsei die Verpackung: Sie ist bunt und ansprechend. So zeige ich mich auch gern nach außen hin. Ich möchte vielfältig und interessant wirken. Und anderen meine guten Seiten zeigen. Entfernt man das Papier, kommt man zur Schokolade. Alle Eier sehen gleich aus. Das kann dafür stehen, was uns als Menschen ausmacht, was bei jedem von uns gleich ist und uns miteinander verbindet. Schokolade ist doch einfach super. Und Gott hat jede und jeden von uns wunderbar geschaffen. Schokolade essen setzt Glückshormone frei. So kann es auch sein, wenn ich anderen begegne und mich darüber freue, wie toll manche Menschen sind. 

Jetzt kommt das Gelbe vom Ei: Richtig interessant wird es erst, wenn man die Schokoladenhälften teilt und das Innere betrachtet. So ist es auch beim Menschen: Was in mir steckt, kann ich erst entdecken, wenn ich mich öffne und bereit bin, in mich hineinzuschauen. Das braucht Neugier und Mut. Wenn ich mich traue, dann sehe ich viele verschiedene Dinge. Und wie bei einem Überraschungsei kann es sein, dass ich mit den vielen Einzelteilen erstmal nicht viel anfangen kann. Dass ich gar nicht weiß, was aus den einzelnen Elementen werden soll, die mich ausmachen: meine Beziehungen, meine Fragen, meine Geschichte und meine Begabungen. 

Es braucht Zeit, um das herauszufinden. Vielleicht muss man ein paar Mal rumprobieren, vielleicht können mir andere dabei helfen. Aber es lohnt sich!

Ich erlebe das zum Beispiel immer wieder in der Schule. Wenn Schülerinnen und Schüler kreativ werden und einen Text schreiben oder sich künstlerisch ausdrücken. Und wenn sie danach dann von sich selbst ganz überrascht sind und merken, was sie alles können.

Ich glaube fest daran, dass in jedem Menschen etwas Besonderes steckt. Und dass Gott will, dass wir etwas daraus machen. Und dass wir uns immer wieder davon überraschen lassen können, was wir in uns selbst und in anderen finden.

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„Wenn du in diese Kirche gehst, zähl mal die Kerzenleuchter an der Wand.“ Das hat mir eine Bekannte geraten, als ich ihr erzählt hab, dass ich die Kirche St. Maria Magdalena in Freiburg besuchen möchte. Als ich dort war, habe ich natürlich nachgezählt – es waren 13. Das hat mich überrascht, denn normalerweise sind es in katholischen Kirchen genau 12 Leuchter, die an den Wänden hängen. Für jeden der zwölf Apostel Jesu einer. Dass es in dieser Kirche eine dreizehnten Leuchter gibt, liegt an der Frau, die der Kirche den Namen gegeben hat: Maria Magdalena. Manchmal wird sich auch Maria von Magdala genannt. Christen feiern heute ihren Gedenktag.

Sie ist eine der bedeutendsten Frauen im Neuen Testament: Ihr Beiname, von Magdala, verrät, wo sie gelebt hat. Nämlich im Ort Magdala am See Genezareth. Vielleicht hat sie dort auch Jesus getroffen. Der Überlieferung nach wurde sie von Jesus geheilt und hat ihn danach begleitet. Sie war eine besonders treue Jüngerin. Die meisten anderen Gefährten von Jesus sind bei seiner Kreuzigung abgehauen. Maria Magdalena hat weiter zu ihm gehalten und blieb bis zu seinem Tod bei ihm. Drei Tage später war sie am Ostermorgen noch vor den Aposteln die erste, die Jesus nach seiner Auferstehung begegnet ist. Er selbst hat sie beauftragt, von seiner Auferstehung zu erzählen. 

Weil sie so eine große Bedeutung hat, wurde sie schon bald nach ihrem Tod verehrt und in der Spätantike mit dem besonderen Titel „Apostelin der Apostel“ gewürdigt. Später ist sie dann eher in Verruf geraten. Sie wurde in der kirchlichen Tradition mit einer anderen Frau aus der Bibel identifiziert: Mit einer namenlosen Sünderin, die Jesus die Füße mit ihren Haaren gewaschen und ihn danach mit kostbarem Öl gesalbt hat. Eine sehr intime Szene. Lange Zeit haftete Maria Magdalena deshalb ein negatives und sexualisiertes Image an. 

Erst im 20. Jahrhundert hat die katholische Kirche sie als besondere Jüngerin Jesu wiederentdeckt. Papst Franziskus hat vor einigen Jahren an ihren Titel „Apostelin der Apostel“ erinnert und ihren heutigen Gedenktag im kirchlichen Kalender aufgewertet. Seitdem hat ihr Fest den gleichen Rang wie die Gedenktage der anderen 12 Apostel. Ein wichtiges Fest für Christen auf der ganzen Welt. 

Maria Magdalena war Jesus treu bis zum Ende. Sie war die erste Zeugin und Botin der Auferstehung. Kein Zweifel, sie war unter den Jüngerinnen und Jüngern eine wichtige Frau. Ihr Gedenktag erinnert daran, dass Frauen schon immer zum Kreis Jesu gehört haben. Dass eine Kirche ohne Frauen undenkbar ist. Und ich frage mich, warum es zwar eine Gleichstellung zwischen ihr und den Aposteln im kirchlichen Kalender gibt, diese Gleichstellung zwischen Frauen und Männern in der Kirche aber nicht möglich sein soll.

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