Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Ende August habe ich das Sommererlebnis von SWR 4 besucht. Auf dem Programm stand die Pferderennbahn in Iffezheim bei Baden-Baden. Die große Woche in Iffezheim ist ein echtes Highlight, denn sie gehört zu den größten Galopprennen in Deutschland.

Seit Jahrtausenden züchten die Menschen Pferde, um sie gegeneinander antreten zu lassen. Jahrelang werden die Tiere vorbereitet und trainiert. Wenn der große Tag gekommen ist, spürt jeder, wie aufgeregt die Pferde sind. Sie tänzeln herum, die Jockeys steigen auf, dann geht alles sehr schnell. Das Rennen selbst dauert nur wenige Minuten.

Der Apostel Paulus vergleicht in der Bibel unser ganzes Leben mit einem Wettlauf. Paulus will, dass wir nicht ziellos umherlaufen. Er nimmt unser Leben sehr ernst. Mein Leben ist kein Probelauf, kein ständiges Training. Es steht etwas auf dem Spiel.

Darum rät uns Paulus, uns an den Wettkämpfern zu orientieren. Sie bereiten sich gut vor, leben gesund und trainieren hart. Nur so können sie erfolgreich sein. Paulus ist selbst kein Sportler, ihm geht es um etwas anderes. Er will Gott näherkommen. Danach richtet er alles aus. Er will als Christ in Wort und Tat glaubwürdig sein. Denn es ist leicht, große Reden zu schwingen. Paulus weiß: Wenn ich Gottes Liebe an erste Stelle setze, ist mein Leben kein Spaziergang. Dann ändert sich etwas. Dann bin ich gefordert mein Bestes zu geben.

Zurück nach Iffezheim: Auf der Galopprennbahn haben die Pferde sich völlig verausgabt. Danach werden sie abgeduscht und können sich erholen. Manche der Zuschauer freuen sich, weil sie bei der Pferdewette richtig lagen. Andere machen lange Gesichter und schauen auf die nächsten Rennen. Mir hat die Atmosphäre in Iffezheim sehr gut gefallen. Und ich kann seitdem besser verstehen, warum Paulus unser Leben mit einem Wettkampf vergleicht. Ihm geht es nicht darum, andere auszustechen oder zu übertrumpfen. Paulus ist es wichtig, unser Ziel zu kennen und uns darauf auszurichten.

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In vielen Kirchen hängt vorne eine Jesusfigur am Kreuz. Mit Nägel und Dornenkrone. Schmerzen und Leid – daran denke ich sofort. Warum nur haben die Menschen dieses Bild an so vielen Orten aufgehängt?

Wer das verstehen will, der kann sich zum Beispiel an Heinrich Seuse wenden. Heute kennen ihn nur wenige, aber vor 700 Jahren war Heinrich Seuse ein bekannter Mann in Europa: Er hat einige Bestseller über die christliche Spiritualität geschrieben. Gelebt hat er die meiste Zeit in Konstanz am Bodensee.

In seinen Büchern greift Seuse häufig dieses Bild auf: Jesus leidet am Kreuz. Im späten Mittelalter wütet die Pest in Europa, viele Krankheiten können nicht behandelt werden. Diese ständige Angst vor einem plötzlichen Tod, vor Schmerzen und Leid. Im Glauben suchen die Menschen eine Antwort.

Seuse sagt den Menschen: Habt keine Angst vor dem Schmerz. Im Gegenteil: Wenn ihr leidet, geht es Euch wie Jesus am Kreuz. Eure Schmerzen bringen Euch näher zu Gott. Das klingt für meine Ohren sehr provozierend. Im Mittelalter haben manche Menschen sich sogar selbst verletzt, weil sie gemeint haben, sie verbinden sich so mit Gott. Das ist doch verrückt. Ich meine, Gott will, dass wir gut leben, gesund und glücklich! Und ich kann beim besten Willen nicht erkennen, warum ich Gott näher sein soll, wenn ich Schmerzen habe.

Das Mittelalter liegt heute weit hinter uns. Wenn ich an Gott denke, fallen mir viele fröhliche Bilder ein: Bilder von Glück und Lebensfreude. Und doch will ich auf das Kreuz als Symbol nicht verzichten. Es kann mir die Angst davor nehmen, krank zu werden und zu leiden. Zwar wünsche ich mir gesund und fit zu bleiben, doch das gelingt eben nicht immer. Da sagt mir Seuse: Auch in diesen schwierigen Momenten ist Gott bei Dir. Was Du jetzt fühlst, hat Jesus auch durchlebt.

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Zwei junge Leute aus Freiburg machen eine Weltreise: Gwen und Patrick wollen dabei nicht mehr als fünf Euro am Tag ausgeben. Ihre Reise dauert am Ende drei Jahre. Sie fahren per Anhalter nach Osten, nach Russland, Indien und weiter nach China. Mit dem Schiff geht es später über Japan nach Mexiko. Ich habe ihnen dabei ein wenig über die Schulter geschaut. Denn es gibt einen Film von ihrem Weg um die Welt. Er heißt „Weit“.

Was mich gefreut hat, als ich den Film gesehen habe: Die Welt ist voller hilfsbereiter und gastfreundlicher Menschen. Egal welcher Religion oder Kultur sie angehören. Auch wer ihre Sprache nicht spricht, kann mit ihnen lachen und sich mit ihnen verständigen. Selbst Menschen, die arm sind und kaum genug zum Leben haben, laden Patrick und Gwen spontan zum Essen ein. Sie teilen die Schlafplätze in ihrer kleinen Hütte und helfen bei der Weiterreise. Es geht nur weiter, weil so viele Menschen die beiden kostenlos im Auto oder Lastwagen mitnehmen.

Gwen und Patrick haben die meiste Zeit nur zwei Rucksäcke dabei. Mehr brauchen sie nicht zum Leben. Sie kommen mit ein paar Euros am Tag aus, essen oft nur ein Schälchen mit Nudeln. Sie gelangen an viele Orte, die völlig menschenleer sind. Sie übernachten zum Beispiel im Zelt in einer steinigen Wüste und sagen: Mit die schönsten Momente waren diese Stunden – still und einsam. Ganz in der Natur, und sei sie noch so rau und abgelegen. Das war echtes Glück für uns.

Gwen und Patrick leben wieder in Freiburg. Die Weltreise ist Erinnerung. Sie haben mir gezeigt: Du kannst viel besser von den Menschen denken. Oft braucht es nur ein Lächeln und schon öffnen sich Türen und Herzen. Es gibt nicht nur Krieg und Leid, sondern ganz viele gastfreundliche Menschen. Und ich denke darüber nach, wie viel Zeug ich oft mit mir herumschleppe. Den beiden hat es für einige Zeit gereicht, nur einen Rucksack dabei zu haben. Weil sie auf Menschen gestoßen sind, die es gut mit ihnen meinen. Der Film heißt Weit. Meinen Blick auf die Welt hat er verändert: Er ist größer und weiter geworden.

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Wer dem Geheimnis eines langen Lebens auf die Spur kommen will, sollte nach Japan fliegen. Genauer gesagt in die Region Okinawa. Soweit wir wissen, werden die Menschen nirgendwo älter. 100 Jahre alt zu werden und dazu noch körperlich fit zu bleiben – in Okinawa keine Seltenheit.

Es ist bekannt, warum die Menschen dort so lange so gesund leben. Regel Nummer eins: Viel Gemüse, frisches Obst und Tofu. Außerdem soll der Mensch sich bewegen und nicht nur auf dem Sofa sitzen.

Diese Punkte überraschen mich nicht. So bleibt der Körper hoffentlich lange gesund. Aber das allein reicht noch nicht. Es muss noch etwas dazukommen, was auf Japanisch ikigai heißt. Ikigai bedeutet für sein Leben eine Leidenschaft, eine Berufung zu finden. Manche der Hundertjährigen arbeiten noch jeden Tag im Garten oder verbringen viel Zeit damit, Musik zu machen.

Um weitere Beispiele zu finden, muss ich aber nicht bis nach Japan reisen. Mir fällt auch jemand in Karlsruhe ein. Dort lebt Hedwig, sie ist 99 Jahre alt. Über Jahrzehnte hat sie als Messnerin gearbeitet - in einer kleinen Kirche in Eggenstein, im Norden von Karlsruhe. Als Messnerin hat sie vor dem Gottesdienst alles gerichtet: Kerzen angezündet, den Messdienern geholfen, die Menschen begrüßt. Mit Leib und Seele hat sie diese Aufgabe übernommen. Erst seit kurzem lebt sie in einem Pflegeheim. Ich sehe sie vor mir, wie sie für jeden ein gutes Wort hat, die Menschen segnet und sich an ihrer Arbeit freut. Wenn ihr jemand von ihren Sorgen erzählt, sagt sie ganz einfach: Ich werde an Dich denken und fest für Dich beten. Mir hat das immer gutgetan. Sie zeigt mir, was es heißt, seine Berufung, sein ikigai zu finden. Denn was sie macht, macht sie ganz: mit voller Konzentration und mit Liebe zur Sache.

Das Geheimnis eines langen Lebens liegt also nicht nur in einer gesunden Ernährung und regelmäßiger Bewegung. Es braucht auch eine Aufgabe, ein ikigai. Etwas, worauf ich mich jeden Tag freue und dabei die Zeit vergesse. Bei dem ich das, was ich tue, ganz tue.

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„Weißt Du, wo meine Frau und ich am besten aussehen?“ Mein Nachbar Rudolf lächelt schelmisch, als er mir diese Frage stellt. „Am besten sehen wir auf alten Fotos aus.“ Die beiden sind um die achtzig. Auf den alten Fotos, die Rudolf mir dann zeigt, sehe ich die beiden als junges Paar. Auf den Bildern im Fotoalbum sehe ich, wie sie älter werden.

Bei Dorian Gray ist genau umgekehrt: Er bleibt jung, nur das Bild von ihm altert. Dorian Gray ist die Hauptfigur in einem Roman von Oscar Wilde. Das moderne Märchen spielt vor mehr als hundert Jahren in London. Dorian ist ein hübscher junger Mann. Als ein Künstler ein Bild von ihm malt und Dorian es begutachtet, freut er sich sehr. „Ach, könnte ich doch für immer so jung und schön bleiben!“ ruft er. „Ich gäbe meine Seele dafür, wenn das Bild älter würde und ich stattdessen jung bliebe!“

Einige Zeit nach diesem Stoßgebet stellt Dorian fest, dass sein Wunsch sich erfüllt hat. Egal wie viele Jahre ins Land ziehen, er sieht nie älter aus als 20. Dafür zeigt sich auf dem Bild, wie seine Seele sich verändert. Denn Dorian führt ein wildes Leben, will alles genießen und nimmt auf niemanden Rücksicht. Er bricht die Herzen vieler Frauen, er bringt seine Freunde um Geld und Ansehen. Seine Seele verfinstert sich mehr und mehr. Auf dem Bild (von ihm) ist all das sichtbar: Böse Augen funkeln ihm entgegen, an seinen Händen klebt Blut. Irgendwann kann Dorian sein eigenes Bild nicht mehr ertragen. Er zerbricht an seiner Vergangenheit.

Mich hat es richtig erschüttert, dieses Buch zu lesen. Denn ich habe mir versucht vorzustellen, wie es um meine Seele steht. Darüber habe ich länger nachgedacht und will das besser im Blick behalten. Denn ich bin überzeugt, dass es mir als Person auf Dauer nur gut geht, wenn ich an meine Seele denke. Mein Nachbar Rudolf ist für mich ein gutes Beispiel, wie das gelingen kann. Er hat auf seine Seele Acht gegeben. Er hat sein Glück nicht auf Kosten anderer gesucht, sondern ist gastfreundlich und hilfsbereit. Dabei sieht er keinen Tag jünger aus als er tatsächlich ist. Aber das ist eben nicht alles. Ich meine: Wenn es meiner Seele gut geht, kann ich innerlich jung und lebendig bleiben.

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