Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Ich schau mir am Abend gerne Komödien an. Vor allem, wenn ich mich tagsüber viel mit den Sorgen und Problemen anderer Leute beschäftigt habe, weil das als Lehrer zu meinem Berufsalltag gehört. Humor hilft mir dann, Abstand zu den Sorgen zu bekommen, die ich am Tag gehabt habe. Aber wenn ich am Sonntag, nach einem entspannten Tag, noch Bedarf an aufregenden und spannenden Gefühlen habe, dann muss eher ein Krimi oder ein Actionfilm her. Welche Sendung ich abends im Fernsehen anschaue oder im Radio höre, hängt also meistens nicht vom Programm ab, sondern von meiner Stimmung: Wenn ich entspannt bin, suche ich das Aufregende, wenn ich Stress habe, eher die Entspannung.

Ich kann mir auchvorstellen, dass es mit dem Glauben ähnlich ist. Ich denkenicht, dass ich mit der Religion meine Stimmung und Launen regulieren kann, aber ich kann mir auch durch den Glauben bewusstwerden, was ich brauche, wenn ich zu Gott bete.

Die Autoren der Bibel haben ja Gotteserfahrungen in den unterschiedlichsten Lebenslagen gesammelt. Deshalb finde ich in der Bibel ein breites Spektrum an Gottesvorstellungen, an denen ich in verschiedenen Situationen anknüpfen kann: Als Kind habe ich mir Gott als väterliche Person vorgestellt; In Zeiten, wo ich es nicht anschauen mag, wie ungerecht es in der Welt zugeht, hoffe ich auf Gott als einen Richter, der Gerechtigkeit schafft. Und in Phasen, in denen ich erschöpft bin, hilft mir das Bild vom guten Hirten, der mich an einen Platz führt, wo ich ausruhen kann.

Letzten Endes ist Gott aber dochanders als ich ihn mir vorstellen kann. Er muss auchnicht meinen Bedürfnissen entsprechen. Diese Bilder zeigen nicht umsonst die vielen Facetten von Gott, die mit meinen Bedürfnissen zusammenspielen. Nicht weil Gott so ist, wie ich ihn gerade brauche.

Keines der Bilder in der Bibel kann Gott erfassen, selbst wenn die Palette der Bilder noch so groß ist. Sie spiegeln die Bedürfnisse der Menschen. Aber ich hoffe, dass Gott hinter diesem Spiegel aufscheint. Und dass ich ihm über diese Bilder nahekomme, auch wenn sie erst mal nur mich spiegeln. Sie spiegeln, wie ich mich mit dem, was ich brauche, an Gott wende: Weil ich darauf hoffe, dass er mir das geben wird, was mir hilft.

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In der Schule, an der ich unterrichte, haben wir vor kurzem die erste multireligiöse Feier veranstaltet. Wir haben uns in der Kirche getroffen, Christen und Muslime, Texte aus der Bibel und dem Koran gelesen und gemeinsam gebetet. Im Vorfeld konnte ich mir nicht richtig vorstellen, wie sich unsere muslimischen Gäste in der Kirche verhalten, wenn wir das Vaterunser beten, oder wie es sich anfühlt, wenn sie vor dem Kreuz zu Allah beten. Am Ende war es aberbeeindruckend für mich.

Das hat schon bei den Lesungen aus der Bibel und aus dem Koran angefangen, die die Schüler vorgetragen haben. Die Texte waren sich so was von ähnlich. Da war die Rede von Gott als dem Schöpfer, der diese Erde geschaffen hat mit den Pflanzen, Tieren und Menschen, und der will, dass es allen auf diesem Planeten gut geht. Als ich später mit anderen Lehrern gesprochen habe, haben viele dasselbe gesagt: Diese Doppelung hat bewirkt, dass uns allen klar wurde, dass wir von demselben Gott sprechen und zu demselben Gott beten. Auch wenn die Muslime ihn als Allah ansprechen und wir Christen ihn unseren Vater nennen. Aber gerade während der Gebete habe ich sogar gedacht, dass Jesus alle Worte so mitsprechen könnte, weil sie getragen sind von Respekt und der Liebe zu Gott.

Bisher gab es am Schuljahrsende einen Gottesdienst, zu dem nurder christliche Teil der Schulgemeinschaft gekommen ist. Es gibt an unserer Schule aber Schüler aus vielen Nationen und mit unterschiedlichen Religionen, vor allem muslimische. Als Religionslehrer interessiert es mich, wie Menschen ihren Glauben gemeinsam leben können. Ich vermute, dass einige von meinen Schülern Familien gründen werden, in der eine andere Religion eine Rolle spielt. Vielleicht sogar gar keine. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir als Schule mit ihnen Wege suchen, wie man Kindern den Glauben an Gott nahebringen kann, auch wenn man eine unterschiedliche oder bislang keineReligion hat.

Als wir Christen und Muslimeunsere heiligen Texte gelesen und gebetet haben, hat es uns einander nähergebracht. Und keiner musste dabei etwas preisgeben von dem, was ihm wichtig ist. Denn das, was uns unterscheidet, war ja auch zu spüren: Wenn ich mich als Christ an Jesus orientiere und Gott meinen Vater nenne, ploppen bei mir im Kopf viele Unterschiede auf, die es einfach gibt. Z.B., dass ich mir im Gegensatz zu Muslimeneine Vorstellung von Gott machen kann und daran, wie nahe er uns Menschen in Jesus gekommen ist. Aber trotz allem ist mir auch klar geworden, dass eher wir Menschen die Unterschiede machen. Vielleicht brauchen wir das. Ich glaube: Gott nicht.

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Ich habe mich fast schon gewöhnt an die Bilder in den Nachrichten, in denen ich sehe, wie Leute Flüchtlingen aus ihren Schlauchbooten heraushelfen und sie in ihre Schiffe holen, um sie vor dem Tod zu retten. Vor kurzem bin ich aber wieder daran hängen geblieben, mir ist ein Flüchtling aufgefallen mit einem Gesicht wie im Schock. Das berührt mich und deshalb achte ich inzwischen auch auf die, die ihnen helfen und sie retten. Ich bewundere diese Leute für ihren Mut und ihr Engagement. Sie retten anderen das Leben, die in Not sind. Damit handeln sie so, wie ich als Christ und als Mensch auch handeln müsste: Denn Mitgefühl mit denen zu haben, die schwächer sind und leiden, ist ja eine urchristliche Tugend. Wenn ich Mitgefühl habe, bin ich fähig, mich in andere hineinzuversetzen und mit ihnen zu fühlen. Gleichzeitig versuchen einzelne Regierungen in Europa dagegen vorzugehen und diese Retter zu Kriminellen zu machen. Sie zeigen sich mitleidslos und haben die Schiffe mit den Geretteten oft nicht in ihre Seehäfen einfahren lassen.

Ich frage mich, was wir als Europäer damit nach außen für ein Bild abgeben. Für mich ist Europa immer ein Kontinent, der wesentlichfür das Christentum steht, auch wenn es in diesen Bildern nicht so aussieht. Dabei geht es doch ums Überleben von Menschen.

Schon die Bibel beschreibt Gott als einen, der mit den Menschen mitfühlt. Im Alten Testament, als er als Moses auffordert, die Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei zu befreien. Da stellt er sich vor als ein Gott, der mit dem Leid der Menschen mitfühlt und ihre Klagen hört. Mitgefühl ist also eine menschliche Fähigkeit, die die Autoren der Bibel sich auch bei Gott vorstellen. Ich bin überzeugt, dass ich Gott ziemlich nahe komme, wenn ich Mitgefühl mit anderen Menschen zeige.

Mit anderen Menschen mitzufühlen, hat also offensichtlich auch etwas mit Religion zu tun. Vermutlich sagt deshalb auch der Kardinal von Myanmar, Charles Maung Bo: „Compassion – also das Mitleiden – istdie gemeinsame Religion der Menschheit“.

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An der A7 gibt es ein Werbeplakat, auf dem nur ein Satz steht „Ich halte Dich“. Unterschrift: Gott. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeifahre, trifft mich diese Aussage.

Bisher war es oft so, dass ich es gelesen, mich dann entspannt im Autositz zurückgelehnt und Gott Danke gesagt habe. Mir ging es viele Jahre gut, und da war dieser Satz wie eine Bestätigung, dass Gott mich auch dann hält, wenn es mir einmal nicht so gut geht.

Beim letzten Mal war das anders. Ich hatte damalsSorgen wegen meiner Gesundheit und muss nunregelmäßig zum Arzt. Das belastet mich. Als ich beim letzten Mal den Satz gelesen habe, dass Gott mich hält,hat sich bei mir sofort Widerspruch geregt. Und ich habe spontan gedacht: Ja, Du hältst mich. Aber wenn es mir richtig schlecht geht, genügt mir das nicht.

Dabei habe ich erst gemerkt, dass ich in dieser Zeiteher sauer auf Gott war. Ich wollte mich bei ihm beklagen, weil ich ihn verantwortlich gemacht habe für das, was mit mir los ist. Und ich finde, genau so darf das auch sein, wenn ich ein ehrliches Verhältnis zu Gott habe. Ich mag eine solche Situation auch nicht als Prüfung sehen, wie standhaft ich im Glauben bin. Ich stelle mir Gott souveräner vor, als es so ein misstrauischer Treuetester wäre.

Leid gehört zum menschlichen Leben. Das weiß ich und das akzeptiere ich auch mit der Zeit. Aber wie kann ich dann gleichzeitig hoffen, dass Gott mich hält? Ich will nicht locker lassen. Deshalb wende ich mich nicht von ihm ab, sondern beklage mich bei ihm: Weil ich ihm zu traue, dass er seine Hand im Spiel hat, wenn es um mein Leben geht. Auch wenn ich mir einen besseren Zustand wünschen würde, in dem er mich hält.

Wenn ich als Christ daran glaube, dass Gott seinen Sohn am Kreuz und im Tod nicht im Stich gelassen hat, dann hoffe ich, dass es ihn doch auchberührt, wenn es mir nicht gut geht. Auch wenn das mein Leid nicht beendet. Sicherlich nicht in diesem Leben. Was mich aber trotzdem tröstet, ist der Gedanke, dass Gott mich nicht nur hält, sondern auch Mitleid hat mit mir als Mensch, dem es nicht gut geht. Auch wenn sich erst mal nichts ändert: Es geht darum, dass ich Gott nicht nur zutraue, dass er mich hält, sondern dass er mich dabei mit Liebe und Mitgefühl sieht

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In meinem Zimmer steht eine große Holzfigur auf dem Boden. Es ist eine mittelalterliche Darstellung: Gottvater hält Jesus im Arm. Jesus liegt tot in seinen Armen, der Körper ist von der Folter und der Kreuzigung gezeichnet. Gott schaut ihn voller Mitleid an. In der Kunstgeschichte nennt man diese Darstellung den „Gnadenstuhl“. Der Schoß Gottes wird zu einem Ort für Jesus, an dem er ganz von Gottes Liebe getragen ist, selbst als er stirbt. Und wenn ich dieses Bild betrachte, ist es so, als ob der Künstler mir sagen will: Verlass Dich darauf, dass Gott Dich auch so tragen wird, wenn Du seinen Halt und seine Zuneigung brauchst.

Als meine kleine Nichte zu Besuch war, ist sie sofort zu dieser Figur gegangen. Sie war damals drei Jahre alt. Und wie es in diesem Alter so typisch ist, hat sie mich mit Fragen gelöchert: Wer das ist? Was die da machen und wieso und überhaupt.

Mir ist es im ersten Moment richtig schwergefallen, die richtige Antwort zu geben, weil ich dem kleinen Mädchen noch nicht zumuten wollte, dass es erfährt, wie grausam Menschen zu anderen Menschen sein können. Deshalb habe ich ihr nur die Wundmale Jesu gezeigt und ihr gesagt, dass er verletzt ist, dass er aber von seinem Vater gehalten und getröstet wird. Sie hat zuerst zugehört, aber dann ist sie ohne Zögern zu der Figur gegangen, die etwa gleich groß ist wie sie selbst. Und sie hat sie fest in den Arm genommen, Jesus und Gottvater gleich mit.

Mich hat das sehr berührt. Sie hat so menschlich reagiert. Mir ist klar geworden: Was meine kleine Nichte tut, ist das, was ich mir von meinem Glauben erhoffe: Ich will nicht nur darauf vertrauen, dass Gott mich hält, wenn es mir schlecht geht. Es geht noch einen Schritt weiter: Als Christ vertraue ich darauf, dass Gott genauso menschlich handelt und mir nah ist, wenn es mir schlecht geht. Deshalb will ich mich genauso menschlich zeigen und denen nahe sein, die leiden. Und die, die eine schwere Bürde tragen müssen, in den Arm nehmen.

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