Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Letzten Freitag habe ich eine Freundin von mir beerdigt. Wir kannten uns fast dreißig Jahre, und sie wäre in diesem Jahr 87 geworden. Bei der Predigtvorbereitung habe ich versucht, mich möglichst genau zu erinnern, was ich alles von ihr weiß. Und dabei ist mir ein Merkmal ihres Charakters besonders deutlich geworden: ihr Gerechtigkeitssinn. Edith hatte den in einem besonders ausgeprägten Maß. Wenn ihr etwas aufgefallen ist, was nicht in Ordnung war, dann hat sie nie den Mund gehalten. Egal, ob sie damit angeeckt ist oder nicht. Dass einer auf Kosten der Hausgemeinschaft lebt, wo doch jeder seinen Teil beitragen muss, das hat sie nicht akzeptiert. Da konnte Edith sehr deutlich werden. Sie hat damit auch Leute vor den Kopf gestoßen, und sich Sympathien verscherzt. Das war ihr egal, wenn es darum ging, dass es sozial zugeht und gerecht. Ich weiß auch von ihr, dass sie für die jüngeren Gefangenen in Stammheim Berufe gesucht hat, mit denen sie wieder ins Leben finden können, wenn sie entlassen werden. Und im letzten Jahr hat sie einen jungen Flüchtling aus Syrien begleitet, damit er im komplizierten deutschen Sozialsystem nicht untergeht. Imponiert hat mir, dass sie nicht nur an andere gedacht hat, sondern auch an sich selbst. In den letzten Jahren war sie immer schlechter zu Fuß unterwegs. Dass sie jetzt unterstützt werden muss, hat sie schlicht für gerecht gehalten. Und weil die Behörde ihr den Schwerbehindertenausweis erst verweigern wollte, hat sie mit aller Macht dafür gekämpft. Und am Ende gewonnen.

Gerechtigkeit ist ein Wort, das in der Bibel oft vorkommt. Weil die Menschen, die dort zu Wort kommen, fest daran geglaubt haben, dass Gott einschreitet, wo es ungerecht zu-geht. Und dass alle, die an diesen Gott glauben, sich selbstverständlich für Gerechtigkeit einsetzen. Für die Propheten des Alten Testaments war es das Thema überhaupt. Wer bloß an sich selbst denkt, wer in die eigene Tasche wirtschaftet, wer andere unterdrückt oder schlecht behandelt, der zieht den Zorn Gottes auf sich. Er muss umkehren, wenn er seine Hoffnung auf den Himmel nicht aufs Spiel setzen will.

Um meine Freundin Edith brauche ich mir in dieser Hinsicht wohl keine Sorgen zu machen. Es war schön für mich, auch darüber bei der Beerdigung zu sprechen. Und für die Zuhörer und mich bleibt sie ein Vorbild, an dem wir uns die nächsten Jahre noch mehr orientieren können. Für Gerechtigkeit: anderen gegenüber - und gegenüber sich selbst.

 

Thomas Steiger aus Tübingen von der Katholischen Kirche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27945

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