Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Wie sicher kann man sich 2019 als Jude noch in Deutschland fühlen? Diese Frage hat mich dieses Jahr sehr beschäftigt. Ich meine so ein bisschen lief die Frage schon länger mit. Aber mit dem Anschlagsversuch in Halle an der Saale wurde es dann richtig drängend. Deshalb beschäftigt mich in diesem Advent ein Adventslied ganz besonders: Die Nacht ist vorgedrungen von Jochen Klepper.

Jochen Klepper hat dieses Gedicht 1937 geschrieben. Er hat die Dunkelheit gesehen und vor allem gespürt. Beklemmend und bedrückend. Er selber war kein Jude, aber seine Frau Johanna schon. Das wurde in der Nazizeit nicht akzeptiert und sie sollten sich scheiden lassen. Das hat Jochen Klepper aber nicht gemacht. Deshalb war ihm klar, dass die Deportation der Familie ins KZ unmittelbar bevorstand. Und in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 hat er sich deshalb zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter das Leben genommen.

Für mich ist die ganze Geschichte weit weg. Ich bin erst fast vierzig Jahre später geboren worden. Und doch fröstelt es mich bei dem Gedanken, dass sich jüdische Menschen wieder Sorgen machen müssen. Dass Jugendliche lieber auf ein jüdisches Gymnasium gehen, weil sie Angst vor allgemeinen Schulen haben. Und ich kann es einfach nicht verstehen.

„Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern. Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.“ Das ist die erste Strophe von Jochen Kleppers Lied.

Für ihn war das ein klares Bild seiner Zeit. Und doch: Dunkelheit: Ja. Aber Gottverlassenheit: Nein. Im Gegenteil! Denn: „Der Tag ist nicht mehr fern.“ Gott ist da. In der Dunkelheit. In der Gefahr. In der Ausweglosigkeit. In der Einsamkeit.

Mich beeindruckt dieser Glaube und dieses Vertrauen. Klepper wusste, dass ein neuer Tag kommen wird. Dass alles anders werden wird. Er wusste aber auch, dass es noch dauern wird.

Weinen – und trotzdem froh mit einstimmen. Das heißt für mich. Aufmerksam bleiben, für das, was um mich herum passiert. Aber nicht resigniert. Nein. Meinen Mund

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Lustig lustig tralalala, bald ist Nikolausabend da. Morgen ist es endlich soweit. Der Nikolaus kommt. Viele Kinder – und vielleicht auch ein paar Erwachsene – stellen heute Abend ihre Stiefel vor die Tür. Morgen früh werden sie dann mit leuchtenden Augen vor den gefüllten Stiefeln stehen. Und so manches Kind wird sich vielleicht schnell hinter Mama oder Papa verstecken, wenn der Nikolaus in den Kindergarten oder in die Schule kommt.

Es gibt sehr viele Geschichten über den Nikolaus. Nikolaus war im 4. Jahrhundert Bischof von Myra. Das liegt rund 100 km südwestlich von Antalya in der Türkei. Er hat sich um die Armen in seiner Stadt gekümmert und mit der Zeit sind Legenden entstanden.

Er soll Stürme gestillt, eine Hungersnot überwunden, junge Frauen vor der Prostitution bewahrt haben und vieles mehr. Auch die Sache mit dem Stiefel geht auf ihn zurück. Allerdings haben die Kinder anfangs kleine Papierschiffchen vors Fenster gestellt.

Die Geschichten von ihm zeigen mir, dass der Nikolaus jemand ist, der den Menschen genau das gebracht hat, was sie gebraucht haben. Einem Vater, Geld, damit seine Töchter heiraten können. Damals war das die einzige Möglichkeit, Töchter zu versorgen. Ein Schiff voll mit Getreide, das nicht leer wird, während einer Hungersnot. Er ist Matrosen in einem schweren Sturm erschienen und hat das Meer beruhigt. Damit hat der Nikolaus viel mehr als nur Geschenke gebracht. Er brachte Hoffnung in ausweglose Situationen und Rettung in letzter Sekunde.

Ja, ich werde auch dieses Jahr wieder die Schuhe unserer Kinder füllen. Und ich freue mich auch darüber, wenn in meinem Schuh Schokolade ist, Nüsse und Mandarinen. Nicht, weil ich an den Nikolaus glaube. Sondern weil ich es wichtig finde, sich an Menschen, wie ihn zu erinnern. Menschen, die was bewegt haben. Die versucht haben gegen jeden Trend und gegen jede Erwartung, was zu tun.

Nein, Sie müssen jetzt nicht alle ihre Schuhe vor die Tür stellen. Aber vielleicht nutzen Sie den Nikolaustag morgen und machen jemand anderem eine kleine Freude.

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„Warum hilfst Du uns nicht?“ – das fragen die anderen Mäuse Frederick. Frederick, das ist eine kleine Maus in einem Bilderbuch. Ich muss gerade oft an dieses Buch denken, wenn ich unterwegs bin und alles so dunkel und grau ist.

Alle Mäuse sind fleißig. Sie sammeln alles, was man so als Maus halt fressen kann und legen sich so den Vorrat für den Winter an. Alle bis auf Frederick. Deshalb machen sie ihm Vorwürfe. Aber Frederick hilft wohl mit. Er sammelt Sonnenstrahlen, Farben und Wörter. Wie wichtig das ist, erfahren die anderen Mäuse dann später. Sie teilen ihr Essen und Frederick teilt das, was er hat. Er erzählt von den Farben des Sommers und wie warm die Sonne scheint.

Es ist schon so. Es ist Dezember. Mittlerweile haben auch die letzten Bäume ihre Blätter verloren. Es wird spät hell und früh dunkel und an manchen Tagen da schafft es die Sonne nicht wirklich durch den Nebel. Wenn irgendwo was blüht, dann höchstens in unseren Wohnungen.

Das drückt auch auf die Stimmung. Das schöne ist aber: Ich kann was dagegen tun! Ich kann es machen wie Frederick die kleine Maus. Denn glücklicherweise müssen wir uns keine Sorgen darüber machen, ob wir auch im Winter etwas zu essen finden. Aber Farben sammeln und schöne Wörter, das kann ich immer. Deshalb ist das mein Adventsvorsatz in diesem Jahr: Ich möchte jeden Tag ein bisschen Farbe suchen und ein schönes Wort. Davon gibt es gerade im Advent genügend. Heute ist z.B. der Barbara-Tag. Wenn man heute einen Kirschzweig schneidet oder Forsythie, dann blühen sie an Weihnachten. Es gibt aber auch Farben bei den Kerzen am Adventskranz, die vielen bunten Kindermützen, überall die blinkenden Lämpchen der Weihnachtsmärkte und die schönen Farben der Weihnachtssterne. Und es gibt gerade ganz besonders schöne Worte: Christstollen, Glühpunsch, Engelshaar, Christkind.

Richtig dunkel wird es draußen dann nach Weihnachten. Wenn auch die Weihnachtsmärkte vorbei sind. Dann kann ich meine Farben teilen.

Wie das geht? Indem ich mir Zeit nehme. Mit anderen Leuten rede. Zuhöre. Wenn ich die Geschichte erzähle, wie ein kleines Kind, geboren in Bethlehem im Stall, unsere Welt ganz schön auf den Kopf gestellt hat. Wie viel Farbe und Licht dieses Kind zu uns gebracht hat. Ich glaube, dann kann etwas entstehen, zwischen Menschen. Hoffnung und Zuversicht, dass auch der Frühling wiederkommt und die Farben.

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Tannenduft, Mandarinenschalen und Zimt. So riecht für mich der Advent. Ich glaube: Keine andere Zeit im Jahr ist so mit Gerüchen und Düften verbunden. Die Städte riechen nach einer Mischung aus gebrannten Mandeln, Glühwein, Bratwurst, Kerzenwachs und Seife. Zuhause riecht es nach Plätzchen, frisch geschnittenen Tannenzweigen und Kaminfeuer. Ein wahres Dufterlebnis.

Ein wahres Dufterlebnis war das sicher auch in diesem Stall in Bethlehem. Bei der Geburt von Jesus, an die wir mit jeder Krippendarstellung erinnert werden. Diese Mischung aus Mist, frischem Heu und verbrauchter Luft. Und dazwischen das Weinen eines neugeborenen Kindes. Kein steriler Krankenhausgeruch, kein Desinfektionsmittel, sondern eine Futterkrippe mit Stroh in einem stinkenden Stall.

Ich mag diese Vorstellung. Denn für viele Menschen riecht der Advent dieses Jahr überhaupt nicht lecker. Da riecht er nach zu vielen Menschen auf zu wenig Raum. Nach verbrannter Erde und Pulverdampf. Nach Verzweiflung und Armut.

Und die Erinnerung an den Stall sagt mir: Gott wird an Weihnachten Mensch. Und das genau dort, wo man es am wenigsten erwartet. Nicht in einem schicken Krankenhaus mit hygienisch einwandfreien Zuständen. Sondern in diesem stinkenden Stall. Mitten hinein.

Das zeigt mir. Gott ist mit dabei. Überall. Er hat keine Angst davor, sich die Hände schmutzig zu machen. Und er kommt zu den Ärmsten der Armen als erstes.

Ich bin mir sicher: Gott hätte es auch ganz anders machen können. In der Bibel wird oft erzählt, dass Gott bei den Menschen als Feuersäule erscheint oder in einem brennenden Dornbusch z.B. Aber anscheinend war das nicht nah genug bei den Menschen. So ist er schließlich Mensch geworden, ein kleines Kind in diesem stinkenden Stall. Seitdem wissen wir, wie Gott ist. Sich für nichts zu schade und mittendrin. Vielleicht spürt man das nicht immer. Aber es gibt mir Hoffnung, dass er auch da ist, wenn mein Advent oder Weihnachten nicht perfekt ist. Denn er kommt zu uns Menschen, genau dahin wo wir sind. Das ist für mich die Botschaft von Advent und Weihnachten. Ja, ich mag es, wenn es gut riecht. Und ja, ich liebe diesen besonderen Adventsduft. Aber, egal, wie mein oder auch Ihr Advent riecht oder duftet. Gott ist genau da. Mittendrin.

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„Ui da genießt aber jemand die Aussicht.“ Unser Hund hatte seine Nase tief in einen Blätterhaufen gesteckt. Da hat das die Trainerin in der Hundeschule gesagt. Ich habe das in dem ersten Moment nicht verstanden aber dann wurde mir klar: Hunde riechen natürlich viel besser als sie sehen deshalb: Aussicht genießen.

Da muss ich heute oft dran denken, wenn ich mit unserem Hund unterwegs bin. Man kann die Aussicht also auch mit der Nase genießen. Es scheint so, dass es noch mehr Möglichkeiten gibt, zu sehen, als mit den Augen.

Ich glaube: jeder weiß, dass einem die Augen auch manchmal einen Streich spielen können. Da gibt es ganze Bilder, die unsere Augen auf eine völlig falsche Fährte führen. So optische Täuschungen z.B. Und wir haben schon früh gelernt: Kleider machen Leute.

Gut, dass es da mehr gibt, als die Augen. Vor sehr langer Zeit hat ein weiser Mann gesagt: „der Mensch sieht was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an“ Samuel hieß der Mann. Er sollte einen König aussuchen für sein Volk. Und er wollte den nehmen, der am stärksten wirkte und am besten aussah. Aber Gott selber hat ihm gesagt: Nein, der nicht. Der andere, der kleine, der junge: der soll König werden. Deshalb: „der Mensch sieht was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an“

Gott sieht mein Herz. Er kennt mich, weiß ganz genau, wie ich bin und wer ich bin. Das mag vielleicht auch ein bisschen beängstigend klingen. So Big-Brother mäßig. Aber das ist es nicht. Denn ich kann mich vor Gott nicht verstellen. Und das muss ich auch überhaupt nicht. Ob ihm alles gefällt, was er da so sieht, weiß ich nicht. Vermutlich nicht. Aber wahrscheinlich ist es genau das: Gott findet vielleicht nicht alles gut an mir. Aber er schaut mich trotzdem liebevoll an und meint es gut mit mir.

Ich kann nicht wie Gott, in die Herzen der Menschen sehen. Aber die Geschichte von Samuel zeigt mir: Manchmal lohnt es sich zweimal hinzuschauen. Auch die zu beachten, die sonst nicht so im Rampenlicht stehen. Denen eine Chance zu geben, die sonst keine bekommen.

Das nehme ich mir zumindest immer wieder vor, wenn unser Hund mal wieder die Aussicht genießt.

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