Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Im November werden die Gräber auf den Friedhöfen von Angehörigen besonders geschmückt. Mit Gestecken, Tannengrün oder auch Kerzen. Der November gilt deshalb als Trauermonat. So manche Gedanken und Erinnerungen an die Verstorbenen kommen da in einem hoch. Gemeinsame Feste, Urlaubserlebnisse oder ganz Banales aus dem Alltag: Das Lieblingsgericht, Spazierwege oder bestimmte Ausdrucksweisen. Erinnerungen an gute gemeinsame Zeiten, aber auch an das, wo man aneinander geraten ist. Eben das, was das Leben im Großen wie im Kleinen ausmacht.

„Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir so sterben wir dem Herrn. Darum wir leben oder sterben so sind wir des Herrn“ (Rö 14, 8)– heißt es in der Bibel.

Es ist nie leicht, wenn ein Mensch stirbt und uns verlässt. Ganz egal, welches Alter er hatte. Ob ein langer Leidensweg damit verbunden gewesen ist oder es ein schneller Tod war. Der Tod trennt uns voneinander, die gemeinsame Zeit ist vorüber. Und doch bleibt man verbunden. So verstehe ich das. Verbunden durch Gott, der durch alle Zeiten hindurch für uns da ist und uns in seine Ewigkeit aufnimmt. Dort, in Gottes Liebe geborgen, weiß ich die Verstorbenen gut aufgehoben. Bei Gott sind sie frei von Schmerz, frei von Leid. Mir tut diese Vorstellung gut. Vor allem wenn ich daran denke, wie es meinem Vater in den letzten Monaten seines Lebens ergangen ist – wie er gelitten hat.

Mein Vater ist nicht mehr bei uns. Und doch, finde ich, ist er auf eigene Weise präsent. Hier und da erinnere ich mich an ihn – mitten aus dem Nichts heraus. Er hat mir viel auf meinen Lebensweg mitgegeben und dafür bin ich dankbar. Dazu gehört auch, dass ihm der Toten- oder auch Ewigkeitssonntag am Herzen lag. An diesem Wochenende wird er in den evangelischen Kirchen begangen. Treu ist mein Vater in diesen Gottesdienst gegangen, um die Namen der Verstorbenen des vergangenen Jahres zu hören. Er konnte über die meisten Verstorbenen ein gutes Wort sagen und hat den Angehörigen so gezeigt, dass sie in ihrer Trauer nicht allein sind - auch wenn der Tod schon ein paar Monate her gewesen war. Als Kind war mir das sehr fremd. Heute denke ich: Ja, lasst uns den Tod nicht aus unserem Alltag verdrängen. Die Trauer braucht ihren Raum, um das Leben zu feiern.

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Mein Lieblingsladen in unserem Ort ist das kleine Blumengeschäft. Die Frauen, die dort arbeiten verstehen es, aus nur drei, vier Blüten einen Blumenstrauß zu zaubern, der Herz und Seele erfreut. Gerade jetzt in den trüben Novembertagen bin ich gerne dort. Irgendwie leuchtet und strahlt es aus dem Geschäft heraus. Es ist wie ein Blick in ein Schaufenster von Gottes Schöpfung - verschiedene Rosen, Nelken – jetzt um diese Jahreszeit ganz unterschiedlich Amaryllisblüten. Eine Pracht. Im Grunde genommen gehe ich nicht nur wegen der Blumen gerne in das Geschäft, sondern weil die Atmosphäre dort besonders ist.

Das liegt vor allen Dingen an den Mitarbeiterinnen. Ganz gleich wer als Kundin oder Kunde vor ihnen steht, sie lassen sich auf das Gegenüber ein: Der junge Mann, der sich verlegen umschaut und sehr nervös ist, macht sich am Ende mit einer wunderschönen roten Rose auf den Weg und strahlt – und alle anderen im Laden auch. Die ältere Dame hat ein paar Zweige für das Grab ihrer Freundin gesucht und sich bei der Auswahl durch die Fragen der Verkäuferin an deren Lieblingsfarbe erinnert. Eine Frau mit kleinen Kindern holt einen großen bunten Geburtstagsstrauß für die Oma. Zu ihren Kindern sagt sie: „Oma, hat viel mit mir gemacht als ich so alt war wie ihr! Das war toll.“ In den paar Minuten, in denen ich in dem Blumenladen bin, spüre ich viel Leben. Es geht um Freude und Dankbarkeit, um Liebe aber auch um Trauer. Darum bin ich so gerne da. Die Verkäuferinnen geben den Gefühlen ihrer Kunden eine Gestalt.

In der Bibel heißt es: Lasst uns aufeinander achten und uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen. (Hebr. 10.24) Dieses „aufeinander achten“ bewegt mich. Denn oft denke ich an jemanden, aber meine Gedanken kommen gar nicht bei demjenigen an. Wie sage ich der Freundin, dass ich mich um sie sorge, ohne sie zu überfallen? Wie sage ich nach Jahren, dass ich sehr dankbar dafür bin wie ein Mensch sich um mich gekümmert hat? Wie drücke ich meine Trauer aus, wenn mir Worte fehlen? „Lasst uns aufeinander achten!“ Ein kleiner Blumengruß könnte ein Weg dafür sein. Er sagt ohne viele Worte: „Du bist mir wichtig und liegst mit am Herzen!“

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Heute ist Buß- und Bettag. Bis in die 90er Jahre ein staatlicher Feiertag, viele evangelische Gemeinden haben heute darum zum Gottesdienst eingeladen. „Buß- und Bettag“ - da zieht es sich erst einmal ein wenig in mir zusammen. Buße klingt nach Strafe. Aber darum geht es gar nicht.

Bußtage wurden in der Geschichte der Kirche vor allen Dingen in Notzeiten angesetzt. Man wollte die Menschen zur Umkehr und zum Gebet aufrufen. Wenn sich die Menschen besinnen und ihr Verhalten ändern, dann ändern sich hoffentlich auch die Verhältnisse. Das war der Gedanke.

Für mich ist der Buß- und Bettag deshalb eine Chance. Ein Tag, an dem ich es wage, mich mit meinem eigenen Fehlverhalten auseinanderzusetzen und es nicht einfach unter den Teppich kehre. Das mag auf den ersten Blick vielleicht leichter sein, aber irgendwann holt mich das ein, was da in mir rumort. Ich schaue in mich und spüre: Da ist etwas nicht in Ordnung. Es ist etwas passiert, was ich vielleicht nicht wieder gut machen kann. Vor Gott kann ich das bedenken, Worte dafür finden, was mich bewegt. Ich kann um Vergebung bitten. In der Bibel sagt ein Prophet einmal: „Du, Gott, hast alle meine Sünden hinter deinen Rücken geworfen“ (Jes 38, 17) Ich finde: Das ist ein gutes Bild. Gott, nimmt mir meine Last ab. Er wirft sie hinter sich. Zwischen ihm und mir steht nichts mehr. Ich kann neu anfangen. Das tut mir gut. Gott ermutigt mich zudem, mein Verhalten zu verändern. Im Kleinen und Privaten, aber auch darüber hinaus.

Dazu kommt: Der Bußtag gilt für die ganze Gemeinde, nicht nur für mich allein. Daher steht die Frage im Raum: Wie gehen wir miteinander um? In diesem Jahr wurde kontrovers über den Klimaschutz oder die Rettung von Menschen im Mittelmeer diskutiert. Das ist gut, denn es sind wichtige Themen. Die Art und Weise der Diskussion macht mir aber manchmal Angst. Die Sprache wird wüst und rau. Ich bin fest davon überzeugt, dass das unserer Gesellschaft nicht gut tut. Darum bete ich heute dafür, dass wir Wege finden wie wir unser Miteinander besser gestalten: Dass wir einander besser zuhören und Ängste Ernst nehmen und dass wir bereit sind, Verhalten zu ändern. Ich finde: das schulden wir der nächsten Generation.

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Ich mag die dunkle Jahreszeit! Es gefällt mir, wenn es früh dunkel ist und ich auf dem Weg nach Hause die Sterne und den Mond am Himmel sehe. Im Grunde genommen staune ich jedes Mal neu darüber, wenn ich bei klarer Nacht die ganze Pracht des Sternenhimmels bewundern kann. Ich stehe da wie die Menschen vieler Generationen vor mir. Ich sehe das, was schon Menschen beschrieben haben, deren Aufzeichnungen in die Bibel eingegangen sind. Den Großen Wagen, den Orion und manch andere Sternenbilder haben sie schon gekannt. Der Prophet Jesaja schrieb vor rund zweieinhalbtausend Jahren:  „Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat diese Gestirne erschaffen? Der vollzählig herausführt ihr Heer, er ruft sie alle beim Namen. Wegen seiner Fülle an Kraft und mächtiger Stärke fehlt kein einziges.“ (Jes 40,26)

Ja, wer kann sie zählen, dass keins fehlt? „Gott, der Herr“ möchte ich mit dem Kinderlied „Weißt du wieviel Sternlein stehen?“ antworten. Ich staune über Gottes Schöpfung. Immer noch und immer wieder, auch wenn die Naturwissenschaft heute viel erforscht hat und erklären kann wie die Entwicklung unserer Erde gewesen ist. Ich frage mich: Warum ist die Welt so wie sie ist? Warum ist in der Welt so viel Schönheit zu entdecken? Ich bin fasziniert von den Sternen, vom Leuchten des Mondes, obwohl er ja gar nicht selbst leuchtet. Genauso staune ich immer wieder, zum Beispiel, wenn ich ein Neugeborenes sehe, dass so klein und doch schon in sich perfekt ist. Was für ein Geschenk ist das! Für mich ein Geschenk von Gott. Und so kann ich ihn aus voller Überzeugung „den Schöpfer des Himmels und der Erde“ nennen.

Mir gefällt diese Vorstellung. Für mich ist Gott größer als die Summe dessen, was Menschen gerade naturwissenschaftlich erklären können. Er ist für mich der Grund allen Seins. Er schenkt uns das Leben. Und er ruft nicht nur die Sterne, sondern auch mich bei meinem Namen. Und Sie auch. So endet ja das Kinderlied: „Gott im Himmel hat an allen, seine Lust, sein Wohlgefallen. Kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und hat dich lieb“.

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„Ist es in Ordnung, dass ein Fußballspieler sehr, sehr viel Geld verdient, während ein Arbeiter oder eine Friseurin kaum mit ihrem Lohn eine Familie versorgen kann?“ „Ist es gerecht, dass es uns hier so gut geht und Menschen in anderen Ländern viel schlechter?“ Das haben sich unsere Konfirmanden gefragt. „Nein, gerecht ist das nicht“, fanden sie, „aber wir können auch nichts dafür, dass es uns hier in Deutschland besser geht.“ Wild haben sie miteinander diskutiert, denn wir haben mit ihnen einen Gottesdienst zum Thema „Gerechtigkeit“ vorbereitet.

Und mit Hilfe des Internets haben sie dann auch die Bibel zum Thema durchsucht. Ganz still war es dabei. „Der Herr hilft den Gerechten, er ist ihre Stärke in der Not“ (Psalm 37, 39) oder „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.“ (Mt 5,10)

Den Jugendlichen hat gefallen, dass Gottes Gerechtigkeit anders ist als die unter uns Menschen. Menschen, haben sie gesagt, würden oft um Macht und Geld streiten und dabei nicht gut miteinander umgehen. Sehr schnell würde man einander beurteilen und in Schubladen stecken: Der Streber, die Liebe, der Klassenclown, naja und der, der gar nichts drauf hat – so haben sie selbstkritisch ihren eigenen Umgang miteinander in der Schule beschrieben.

Das Wort „Gott hilft den Gerechten, er ist ihre Stärke in der Not!“ hat sie beeindruckt. So haben sie es dann auch im Gottesdienst gesagt „So ein Wort aus der Bibel macht Mut. Es sagt: Gib nicht auf! Halte durch, auch wenn es nicht leicht ist. Gott ist an deiner Seite. Er kämpft für dich. Aber es ist unsere Aufgabe, uns für andere Menschen einzusetzen, die Gerechtigkeit brauchen. Das wünscht sich Gott.

Und dann kam ihre Erklärung. So stellen sich 13 und 14jährige Gerechtigkeit vor: „Gerecht ist, wenn jedem geholfen wird, der Hilfe benötigt. Gerecht ist, wenn jeder so viel bekommt, wie er zum Leben braucht. Gerecht ist, dass der, dem es gut geht, andere unterstützt.“ Und: „Gerecht ist, wenn jeder Mensch egal welcher Religion, Hautfarbe oder Kultur gleich behandelt wird.“

Mir macht es Mut und Freude, wenn ich auf solche jungen Menschen treffe. Und ich hoffe, Ihnen auch.

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