Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

War Jesus ein Weinkenner? An einer Stelle im Evangelium wird berichtet, das er als „Fresser und Weinsäufer“ verschrien war. Das gehört zwar am ehesten in die Rubrik „Üble Nachrede“. Aber fest steht, dass Jesus sich gerne mit anderen zusammen gesetzt hat und dass es dabei auch meistens etwas zu essen und zu trinken gab. Wie sich’s gehört eben. Die entscheidende Stelle wenn’s um seine Expertise in Weinfragen geht, war aber die Hochzeit zu Kana. Sie ist als erstes Zeichen im Johannesevangelium überliefert. Zeichen, mit denen Jesus unter Beweis stellt, dass er von Gott kommt und in dessen Namen etwas auszurichten hat. In Kana hat er Wasser in Wein verwandelt. Und hinterher beschwert er sich beim Gastgeber und sagt:

Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt (Johannes 2,10).

Klare Ansage, kann ich da nur sagen. Und: Recht hat er! Wenn man zu viel getrunken hat, schmeckt man die Feinheiten nicht mehr so gut. Und es interessiert einen auch gar nicht mehr so sehr. Bei einer Hochzeit erst recht. Da geht es nicht in erster Linie um den besonderen Weingenuss, sondern darum, das Paar hochleben zu lassen und sich miteinander zu freuen, dass zwei Menschen sich gefunden haben und gemeinsam durchs Leben gehen wollen. Ich vermute: Das sieht Jesus genauso. Aber bei ihm geht es noch um etwas ganz anderes. Der Wein steht bei ihm gewissermaßen für das, was Gott dem Menschen schenkt. Der Wein wird bei ihm zu einer Art Lebenselixier, zu einem Labsal für den Menschen, zu dem Getränk des Lebens. Er hat diesen Wein, dieses Lebenselixier. Und er verschenkt es großzügig, wo immer man ihn braucht. Von sieben Krügen ist in der Bibel die Rede. Was so viel bedeutet wie: Es ist mehr als genug für alle da.

Von dem Wein, um den es da geht, hatte Jesus jedenfalls eine Ahnung. Da war er ein echter Experte. Wer von diesem Wein trinkt, gewinnt neues Vertrauen im Leben, lernt Frieden mit anderen zu halten, baut auf die Liebe und nicht auf den Hass. Auch heute gibt es diesen Wein zu trinken. Und ich meine ausdrücklich nicht nur beim Abendmahl in der Heiligen Messe. Nein, wann immer Jesus die Chance kriegt, etwas von meinem Wasser in Wein zu verwandeln, da geschieht das.

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Was wäre eigentlich, wenn… So fangen manchmal Vorsätze an. Für Vorsätze im neuen Jahr ist es zwar schon ein bisschen spät. Aber weil aus vielen Vorsätzen sowieso nichts wird, ist es auch recht egal, wann sie gefasst werden. Ich habe mir überlegt: Was wäre eigentlich, wenn ich dieses Jahr mehr wie Jesus wäre. Also mehr Angelegenheiten mehr so behandeln würde, wie er es getan hat. Ohne zu viel vorweg zu nehmen. ich vermute, da wäre manch einer, mit dem ich zu tun habe, ziemlich überrascht. Und ich wahrscheinlich nicht selten auch über mich selbst.

Wenn ich mehr wie Jesus wäre, würde ich auf Booten ein Schläfchen halten. Davon erzählt die Bibel, dass Jesus das getan hat. Während die anderen geschafft und geschwätzt haben, ja, sogar als ein schwerer Sturm aufzog, hat Jesus geschlafen. Sich nicht aus der Ruhe bringen lassen.  In den Stürmen des Lebens ruhig bleiben, die Augen schließen, Kräfte sammeln.

Wenn ich mehr wie Jesus wäre, würde ich mehr unbeliebte Zeitgenossen um mich haben. Jesus hatte eine Vorliebe für solche Typen. Söhne, die das Geld ihrer Väter verschleudern. Kranke, die nur am Jammern sind. Fromme, die viel zu genau wissen, wie Gott ist und was er denkt und tut. Ich kenne auch solche „Nervensägen“, halte mich aber meistens von ihnen fern. Wenn ich das ändern würde, das würde schon etwas verändern.

Oder aber die Anführer der Religion vor den Kopf stoßen. Das hat Jesus nämlich auch getan. Die Hohepriester hat er auflaufen lassen, so selbstgerecht wie sie waren. Wer sich selbst damit gebrüstet hat, fromm zu sein, dem hat er den Spiegel vorgehalten. Da gehört Mut dazu: einem Bischof zu sagen: So geht’s nicht.

Wenn ich mehr wie Jesus wäre in diesem Jahr, dann würde ich viel Zeit mit Sündern verbringen. Manche kommen von sich aus zu mir. Aber ich könnte ja auch auf sie zugehen. Und zwar ohne sie wegen ihrer Sünde in Verlegenheit zu bringen. Nein, Jesus hat mit ihnen einfach Zeit verbracht. Mit Leuten, denen das Leben schwer war, denen eine Last auf der Seele lag, die sich in ein Problem so verstrickt hatten, dass sie keinen Weg herausfinden konnten. Mit denen hat er Gemeinschaft gepflegt. Ihnen keine klugen Ratschläge verpasst, sondern ihnen gezeigt: Du gehörst genauso dazu wie alle anderen, die meinen eine weiße Weste zu haben.

Jesus war so anders in vielem. Wenn ich etwas mehr wie er wäre, das würde mein Leben verändern und die Welt um mich herum auch. Wenigstens ein bisschen.

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