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SWR4 Sonntagsgedanken

16MAI2021
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„Ihr müsst ja ein dehydriertes Land sein! Total vertrocknet und ausgedörrt.“ Immer wenn ich in den letzten Jahren meinen Freund Mike aus Chicago getroffen habe, haben wir über seinen ersten Eindruck aus Deutschland gelacht. Ein vertrocknetes Land. Das hat er nicht etwa über die Wälder und den Klimawandel gesagt. Sondern es war sein Eindruck nach ein paar Tagen in Heidelberg mit viel Zeit in Cafés und Restaurants. Der Kaffee wird in kleinen Tassen serviert und ein Glas Wasser muss man extra bestellen. In Amerika und vielen anderen Ländern ist das völlig anders. Da bekommt man als erstes ein großes Glas Wasser, noch bevor man überhaupt was bestellt hat. Für umme.

Durst stillen. Nichts ist grundlegender. Nach dem ersten Atemzug trinkt ein Neugeborenes. Und am Ende, wenn das Leben weicht und es fast nichts mehr braucht, benetzt man die Lippen der Sterbenden mit Wasser. Wenn ich so richtig Durst habe, dann kann ich nichts Anderes denken und fühlen. Die Sehnsucht nach etwas zu trinken steigt ins Unermessliche.

Manchmal habe ich solchen Durst auch, wenn es nicht um das Glas Wasser geht. In diesen Wochen spüre ich den Durst nach Leben besonders. Draußen explodiert das saftige Grün. Alles ist auf Aufbruch gepolt. Aber Corona macht mein Leben trocken. Viele erfrischende und belebende Begegnungen und Umarmungen fallen weg. Von feuchtfröhlichen Runden im Biergarten ganz zu schweigen. Meine Kehle ist trocken – und meine Seele auch. Ich habe Durst.

Die Bibel erzählt davon, dass Jesus diesen Durst kennt und die Durstigen ruft. Es war die Zeit des Laubhüttenfests in Jerusalem. Dem Fest, an dem Jüdinnen und Juden Gott für die Ernte des Jahres danken und ihn um Regen für die kommende Zeit bitten. Die Stadt war übervoll. Die Jünger haben Jesus zum großen Auftritt gedrängt. Aber er hat abgelehnt. Später ist er dann doch hoch zum Tempel gegangen. Im allgemeinen Gewusel der großen Feierlichkeiten ist er aufgetreten und hat die heiligen Schriften ausgelegt. Er stand zwar nicht auf der großen Bühne. Aber die, die ihn gehört haben, waren verwundert, woher er das alles weiß und kann. Doch Jesus will sich nicht mit Weisheit schmücken. Er baut nicht allein auf seine Klugheit, es geht ihm nicht darum, selber groß rauszukommen: Er redet aus einer Quelle, die von Gott selbst am Sprudeln gehalten wird.

Jesus schöpft aus einer Quelle, die von Gott selbst am Sprudeln gehalten wird. An den ersten Tagen des Festes hat er sich noch im Hintergrund gehalten. Aber am letzten Tag des Festes ergreift er in aller Öffentlichkeit das Wort. Seine Stimme hallt laut über das Festgetümmel.

Und Jesus stellt mit seinen Worten allen ein großes „Wasserglas“ hin. „Wer Durst hat, der soll zu mir kommen und trinken“, sagt er. Die vertrockneten Seelen und die dürr gewordenen Herzen werden neu erfrischt. Jesus redet vom lebendigen Wasser, das meinen Durst nach Leben stillt.

Solche Erfrischung kann ich mir nicht selbst geben. Ein Wasserglas, ein offenes Herz, eine Hand, die mir jemand reicht – das lässt mich das Leben wieder spüren. Auch in diesen Tagen. Wenn nach Monaten der Isolation unverhofft Freunde auf einen Kaffee auf den Balkon kommen. Wenn ich im Briefkasten einen Gruß finde. Dann spüre ich auch in mir wieder Hoffnung und dass der Glaube über das hinaussieht, was mein Leben hier und heute einschränkt.

Jesus hat auch davon geredet, dass die mit Wasser Erfrischten selbst zur Quelle für andere werden. Ich brauche die anderen Menschen, die mir den Himmel öffnen. Das Kindergebet, das ich in der Gebetsmauer in unserer Kirche finde. Mit Kinderschrift steht da: „Hallo, lieber Gott, hier ist Salome. Heute will ich Dir was Schönes erzählen!“ Da muss ich lächeln. Die fröhlichen Kindergartenkinder, deren ansteckendes Lachen auch in Zeiten von Notbetreuung nicht zu überhören ist. Dann weht plötzlich ein anderer Wind durch meine Seele.

Das Wasser und der Geist Gottes gehören zusammen. In der Bibel wird er manchmal als Wind bezeichnet. Und er ist auch das lebendige Wasser. Ich muss an den letzten Sommer an der Nordsee denken. Nirgends ist die Weite des Himmels und das Zusammenspiel von frischem Wasser und Wind so spürbar. In der Wucht des Windes, der Weite des weißen Sandes und im Tosen der Wellen kann ich mich selbst vergessen.

Das frische, lebendige Wasser muss ich nicht extra bestellen. Es wird mir einfach hingestellt. Es nährt mich vom ersten bis zum letzten Atemzug – und darüber hinaus.
Ich wünsche ihnen einen erfrischenden Sonntag und eine gesegnete Woche.

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