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SWR2 Lied zum Sonntag

Ich mag dieses Lied. Sehr sogar. Vielleicht, weil ich mir eine gute Portion meines Kinderglaubens ins Erwachsenenalter hinübergerettet habe. Ich bin noch heute berührt, wenn ich in einer klaren Nacht die Sterne über mir funkeln sehe. Als ausgebildete Theologin weiß ich natürlich, dass Sterne an sich keine Gottesbeweise sind, aber für mich persönlich sind sie es doch. Die Sterne sind für mich wie Fingerzeige Gottes, und ich stelle mir vor er möchte, dass ich über seine Schöpfung ins Staunen gerate. Da glitzern Sterne, die es womöglich gar nicht mehr gibt, alle sind Lichtjahre entfernt, und ich winziges Menschlein darf daran glauben, dass sie und ich sich demselben Schöpfer verdanken. Manchen mag die Pädagogik des Liedes „Weißt du wieviel Sternlein stehen“ antiquiert vorkommen. Da werden Fragen gestellt, die kein Mensch beantworten kann. Mich stört das nicht. Es gibt ja tatsächlich Fragen, auf die ich keine Antwort weiß, übrigens auch sonst kein Mensch. Nämlich die Frage, wieviel Sterne genau es gibt.

Zugegeben: die Mücken in der zweiten Strophe sind nicht so mein Fall. Trotzdem gehören auch sie zur Schöpfung dazu. Natürlich könnte man diese zweite Strophe auch verniedlicht finden. Wo bleibt die Kritik an Umweltverschmutzung? Udo Lindenberg hat das Lied 1989 übrigens entsprechend umgedichtet. Es hat ja etwas, dass der alte Rocker sich tatsächlich an diesem Kinderlied aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgearbeitet hat. Wahrscheinlich war es ihm einfach zu romantisch. Doch mir scheint, dass die Haltung des Liedes, die noch das Spiel der Mücken entzückend findet, zu einer tatsächlichen Ehrfurcht dem Leben gegenüber anleitet, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben. Albert Schweitzer hat gesagt: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will. Genau das vermittelt das Lied auf poetische Weise. Gott hat alle Geschöpfe beim Namen gerufen, sie sind ihm lieb wie ich, sein Menschenkind. Ich werde trotzdem weiter gerne Fisch essen. Aber doch mit Achtung und Respekt vor dem Leben.

Der Dichter des Liedes war der Pfarrer und Dichter Wilhelm Hey. Er mochte Kinder sehr und fütterte arme Kinder in seinem Haus durch, längst, bevor er selbst eigene Kinder hatte. Dieser Mann wusste ganz genau, dass es viele Kinder gibt, die nicht fröhlich morgens aus ihren Bettchen steigen sondern vielmehr gar kein eigenes Bett besitzen und oft genug vor Hunger nicht einschlafen können. Er selbst hat sich tätig für diese Kinder eingesetzt. Das Idyll, das er beschreibt, weiß um die Dunkelheit der Zeit. Gerade deshalb ist seine Zusage so liebevoll: Kennt auch dich und hat dich lieb. Mag sein, dass du für alle anderen nicht wichtig bist, überflüssig, dass du meinst, die Welt hätte dich vergessen: Da ist einer, dem du unendlich wichtig bist. Kennt auch dich und hat dich lieb. Es hat Zeiten gegeben, in denen mir bei diesen Zeilen die Tränen in die Augen stiegen, einfach, weil ich mir so allein vorkam und es mich tröstete, dass es, allem Anschein zum Trotz, doch nicht so ist. Kennt auch dich und hat dich lieb!

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