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SWR1 3vor8

20FEB2022
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Die Schöpfungsgeschichte erzähle ich gern im Religionsunterricht in der zweiten Klasse, die Erschaffung der Welt in sieben Tagen. Gott spricht – und es geschieht. Gott spricht und schafft so eine wunderbar geordnete Welt, indem er Licht und Finsternis trennt, Wasser und Land, Himmel und Erde.

Ein Schüler traut der Sache nicht so recht. „Gott spricht und es geschieht?“. Er lehnt sich zurück, verschränkt die Arme und fragt: „Und warum hört man dann heute nichts mehr von ihm?“

Das ist jetzt ein paar Jahre her, und ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe. Seine scharfe Frage aber wirkt in mir nach bis heute, denn er hat ja recht: Gottes Wort kann man nicht hören wie aus dem Radio. Auch die Bibel laut vorzulesen bewirkt nicht unmittelbar viel – jedenfalls nichts so Spektakuläres wie in der Schöpfungsgeschichte. Wie kann man Gottes Wort heute hören?

In der Bibel steht ein Satz dazu, der meinem Schüler wahrscheinlich gefallen hätte. Heute ist er in den evangelischen Gottesdiensten zu hören. Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert (Hebr 4,12-13). Gottes Wort ist schärfer als ein zweischneidiges Schwert, wahrlich kein Kinderspielzeug.

Gottes Wort ist natürlich nicht gewalttätig wie ein echtes Schwert, und doch geht es durch und durch, bis ans Herz eines Menschen. Hier, am offenen Herzen hat Gott ein Wort mitzureden.

Mein Herz klopft schneller, wenn mir etwas durch und durch geht. Wenn mir durch ein Wort, eine Geste, nicht selten durch ein Kunstwerk oder eben auch durch eine skeptische Schülerfrage Entscheidendes über das Leben aufgeht. Ich spüre mein Herz schlagen, ich fühle einen Druck im Magen, wenn ich begreife, dass Gott etwas von mir erwartet: Meine Stimme gegen Gewalt. Meinen Einsatz für Menschen, die schwächer sind, als ich. Gott lässt sich hören, wenn etwas in mir Gefühle auslöst und mich konsequenter handeln lässt.

Heute ist mein Schüler ein junger Erwachsener, und ich würde ihn auf der Straße nicht erkennen. Aber gerne würde ich ihm endlich antworten: Das, was Dein Herz unmittelbar berührt, dich tiefenscharf Licht und Finsternis in dieser komplexen Welt unterscheiden lehrt, ist Gottes Wort. Bleibe offen dafür, denn dann kannst Du ihn gar nicht überhören.

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