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SWR1 3vor8

01NOV2021
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Mt 5,1-12

Ein Zuhörer schreibt mir: „Wenn Sie als Pfarrer morgens im Radio sprechen, erwarte ich von Ihnen etwas Erbauliches.“ Ich verstehe das gut. Dass es zwischen all den schlimmen Nachrichten und großen Problemen unserer großen und kleinen Welt unbedingt auch Positives geben muss. Auch: Dass das von der Kirche erwartet wird, die für einen Gott steht, von dem sie sagt, er sei liebevoll, gut und barmherzig. Zudem heißt das Buch von Jesus, der uns Gott so verkündet hat, Evangelium, übersetzt: Frohe Botschaft. Das ist alles richtig. Aber auch hier gilt: Eins nach dem andern. Denn zuerst kommt die nüchterne Realität, wie sie nun einmal ist, mit all dem, was das Leben eben auch schwierig und traurig macht; mit den Grenzen, unter denen die Schöpfung auf unserem Planeten leidet und stöhnt. Da ist zunächst erstmal nicht so viel Erbauliches. Wie uns der Abschnitt des Evangeliums vor Augen führt, der heute an Allerheiligen in den katholischen Kirchen gelesen wird: die Seligpreisungen. Der Evangelist Matthäus stellt sie einer großen Predigt voran, die Jesus seinen Jüngern gehalten hat. Dort heißt es:

Selig, die arm sind vor Gott;denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden[1].

In komprimierter Form sieht man hier die zwei Schritte, die nötig sind, um zu dem zu kommen, was wir brauchen: Trost und Hoffnung, eine gute Perspektive. Aber sie kommen eben erst nach den schweren Dingen: Dass es Armut gibt in vielerlei Weise, materiell und seelisch. Ungerechtigkeit. Dass wir über vieles, was geschieht, nur traurig sein können. Weil wir uns gegenseitig weh tun, weil wir böse sind und das Falsche tun. Dem müssen wir uns stellen. Jeder Mensch sollte das tun. Nicht vor der Realität weglaufen, sondern ihr ins Auge schauen. Um zu wissen, wo etwas geändert werden muss. Und dann, aber eben erst in einem nächsten Schritt, darauf zu vertrauen: Wenn ich getan habe, zu was ich in der Lage war, wenn ich meinen Teil geleistet habe, dann wird Gott den Rest tun. So, dass es gut wird. Dann öffnet sich für die Armen der Himmel. Dann werden die Hungrigen satt werden.

Menschen, die diese Reihenfolge beherzigt haben, mehr wohl, als die meisten von uns das schaffen, werden in der Katholischen Kirche als Heilige verehrt: Martin von Tours, Franz von Assisi, Edith Stein und so viele andere. Der Weg dorthin ist eben nicht nur erbaulich. Er steht aber prinzipiell allen offen. Und das ist der tiefere Sinn des Feiertags heute.

 

[1] Matthäus 5,3f.

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31OKT2021
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„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Galater 5,1) Ein Satz aus der Bibel vom Apostel Paulus. Er ist heute in vielen evangelischen Gottesdiensten zu hören. Und es ist eine wunderbar positive Aussage: Jesus Christus macht frei!

So ein positiver Satz. Aber ich gestatte mir trotzdem die Frage: Wäre ich ohne Christus denn nicht frei? In einem mitteleuropäischen Land wie Deutschland? Wo die Gesellschaft zumindest bemüht ist, möglichst viel Freiheit für alle zu bieten? Gleiche Chancen für alle. Es herrscht freie Berufswahl, freie Lebensplanung und nicht zuletzt: Glaubens- und Religionsfreiheit! Auf den ersten Blick würde ich sagen: Wir haben ein sehr freies Leben - ob wir nun Christen sind, oder nicht.

Aber auf den zweiten Blick merke ich, dass ich mich trotzdem nicht immer frei fühle. Und damit bin ich nicht alleine. Eine Schülerin aus meinem Reli-Unterricht zum Beispiel: Sie stand kurz vor ihrem Schulabschluss so sehr unter Leistungsdruck, dass sie Magenkrämpfe hatte. Nachbarn in meiner Nähe stecken wegen Corona seit Monaten in Kurzarbeit. Das bedeutet weniger Geld, und ihre Pläne fürs eigene Haus sind dabei, zu platzen. Die 91 Jahre alte Tante meiner Cousine kann von jetzt auf nachher das Bett nicht mehr verlassen. Und noch vor einer Woche ist sie zu Fuß zum Einkaufen gegangen… So fühlt sich Freiheit nicht an.

Deshalb noch einmal dieser ermutigende Satz: Jesus Christus macht frei - dieser Mann aus dem antiken Palästina, der unter der Fremdherrschaft des römischen Kaiser zu leiden hatte. Der in aller Öffentlichkeit seine freie Meinung gesagt hat - und dafür ins Gefängnis gewandert ist und sogar zum Tode verurteilt wurde. Jesus selbst war äußerlich nicht frei - aber er war frei im Herzen.

Kaum zu fassen, wie viel Freiheit ihm sein Gottvertrauen gegeben hat. Jesus hatte es nicht nötig, sich oder anderen etwas zu beweisen: Kein schickes Haus und kein dickes Auto, kein schweres Bankkonto und auch keinen Applaus. Mit solchen Maßstäben versuchen wir zu beweisen, dass wir etwas wert sind. Jesus Christus hat sich davon nicht beherrschen lassen. Er war frei davon - und er hat Menschen davon befreit: Den Bettler auf der Straße, dir Frau, die ihre Ehe zerstört hat, den Mann, der es zu nichts gebracht hat. Ihnen hat er ihre Würde zurückgegeben. Freiheit, zu der Jesus Christus bis heute befreit: Er gibt uns unsere Würde zurück. Menschenwürde! Die können wir nicht selber machen, diese Würde schenkt uns Gott.

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