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SWR1 3vor8

 (zum Blinden Bartimäus Mk, 10 46-52)

Heute wird in den katholischen Kirchen eine Heilungsgeschichte gelesen, die Christen ziemlich bekannt ist. Jesus heilt den blinden Bettler Bartimäus. Mit den großen Heilungsgeschichten Jesu geht es mir oft so, dass sie mir zu glatt erscheinen. So nach dem Motto: bedürftiger oder kranker Mensch kommt zu Jesus, dieser hat die Fähigkeit zu heilen, heilt ihn, seine Macht, Kraft, Göttlichkeit ist unter Beweis gestellt und fertig. Aber das ist zu oberflächlich und wird weder dem Menschen gerecht, der geheilt wird und schon gar nicht Jesus. Darum versuche ich zwischen den Zeilen dieser großen Geschichten zu lesen. Und da gibt es Einiges zu entdecken. Beim blinden Bartimäus fängt es schon damit an, dass er schreit, 2 mal sogar nach Jesus schreit. Er, als Blinder ein Ausgestoßener der Gesellschaft will auf sich aufmerksam machen. Mehr noch, er schreit seine Not heraus: „ Hab Erbarmen mit mir!“ Das gefällt den Jüngern Jesu gar nicht und sie wollen Bartimäus fernhalten von Jesus. Jesus nimmt ihn aber wahr und lässt ihn zu sich bringen. Als Bartimäus das mitbekommt, springt auf, wirft seinen Mantel weg und rennt auf Jesus zu. Schutzlos, mit all seiner Not und Hoffnung zieht es ihn zu Jesus. Und der? Der stellt ihm eine Frage. Was für mich der zentrale und wunderbar irritierende Punkt dieser Heilungsgeschichte ist. Denn was braucht es eine Frage? Die Sache ist doch klar, Bartimäus will von Jesus wieder sehend gemacht werden. Aber Jesus fragt ihn davor: „Was willst Du dass ich Dir tue?“ Mit dieser Frage holt er den blinden Bettler aus seiner passiven Rolle. „Was willst Du, dass ich Dir tue?“ Damit spricht Jesus den inneren Bartimäus an, seinen Glauben, sein Selbst und damit seine Selbstheilungskräfte. Er muss schon auch das Seine dazu tun, damit Jesus ihn heilen kann, dass das Wunder Wirklichkeit werden kann.

Was nehme ich also mit aus dieser Geschichte? Dass Jesus die Not der Menschen sieht, hört und sich davon anrühren lässt. Dass er sich von seinem Umfeld nicht abhalten lässt. Weil er kein Guru ist, der über der Not der Menschen schwebt. Und das für mich Wichtigste: er nimmt den blinden Bettler auf Augenhöhe. Und da wird er sehend…

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