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SWR1 3vor8

Die Menschen werden immer lauter und fieser und Gott scheint gleichzeitig immer unsichtbarer und stiller. Ich stelle mir vor, das war für Jesus das Schlimmste an seinem Karfreitag. Genauso wie für alle Menschen nach ihm, die ähnliches erleiden mussten. Es hört ja nicht auf mit den Karfreitagen, seit damals. Immer wieder werden Menschen zu Opfern von Menschen.
Die Menschen werden immer lauter und fieser und Gott scheint stummer. So erzählt es auch der Evangelist Matthäus. Und ich habe das Gefühl. Er begreift es auch nicht. Man kann es nur erzählen und erschrecken dabei. Begreifen kann man es nicht.
Oder verstehen Sie, dass Menschen so sein können? Damals vor 2000 Jahren in Jerusalem und seither Millionen Male. Was geht in Menschen vor, dass sie einen, dem es so erbärmlich geht, auch noch verhöhnen und verspotten.
Wie Matthäus erzählt: Die Leute, die vorbeikamen, lästerten über ihn. Sie schüttelten ihre Köpfe und sagten: "Du wolltest doch den Tempel abreißen und in nur drei Tagen wieder aufbauen. Wenn du wirklich der Sohn Gottes bist, dann rette dich und steig vom Kreuz herunter!"
Sind Menschen wirklich fähig ihr Mitgefühl völlig auszuschalten? Oder abzutöten. Anscheinend ja. Dabei ist es eine unserer besten Eigenschaften. Mitgefühl. Spüren in sich selbst wie es einem anderen geht. Und trotzdem lehren die Geschichte Jesu und alle die Karfreitage seither: Vorsicht, es braucht nicht viel, dass man sich das Mitgefühl ausschalten lässt. Man muss nur meinen, der andere hat es verdient, was ihm angetan wird. „Er ist ein Islamist, ein Unmensch, eine Bedrohung, ein Schmarotzer." Oder wie sie bei Jesus sagen: „Vorher hat er so groß getan. Jetzt geschieht es ihm recht."
Verstehen kann ich nicht, dass wir Menschen so sein können. Aber ich fürchte, jeder von uns, kann in Situationen kommen, wo er sein Mitgefühl für andere ausschaltet. Deshalb ist es gut, wenn man das bedenkt: Vielleicht passiert es uns dann nicht so leicht.
Je lauter die Menschen höhnen, desto weniger ist von Gott zu hören. Das ist das zweite was ich kaum begreife. Warum zeigt er sich nicht? Jesus nicht und vielen anderen Opfern auch nicht. „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen," ruft Jesus noch. Und hofft und vertraut, dass Gott ihn hört. Und ihn nicht allein sterben lässt. Sondern ihn auffängt.
Wie gesagt, verstehen kann man das kaum. Trotzdem glaube ich: Dass Gott bei Jesus war und bei allen anderen Opfern nach ihm. Daran erinnert der Karfreitag auch.

Der vollständige Predigttext steht in Matthäus 27,33-50
So kamen sie zu der Stelle, die Golgota heißt, das bedeutet "Schädelplatz".
Sie gaben Jesus Wein zu trinken, der mit Galle gemischt war.
Er probierte davon, wollte ihn aber nicht trinken.
Dann kreuzigten sie ihn.
Sie verteilten seine Kleider und losten sie untereinander aus.
Danach setzen sie sich hin und bewachten ihn.
Über seinem Kopf brachten sie ein Schild an. Auf dem stand der Grund für seine Verurteilung: "Das ist Jesus, der König der Juden."
Mit Jesus kreuzigten sie zwei Verbrecher, den einen rechts, den anderen links von ihm.
Die Leute, die vorbeikamen, lästerten über ihn.
Sie schüttelten ihre Köpfe und sagten:
"Du wolltest doch den Tempel abreißen und in nur drei Tagen wieder aufbauen.
Wenn du wirklich der Sohn Gottes bist, dann rette dich selbst und steig vom Kreuz herunter!"
Genauso machten sich die führenden Priester zusammen mit den Schriftgelehrten und Ratsältesten über ihn lustig. Sie sagten:
"Andere hat er gerettet. Sich selbst kann er nicht retten. Dabei ist er doch der 'König von Israel! Er soll jetzt vom Kreuz  herabsteigen, dann glauben wir an ihn.
Er hat Gott vertraut -der soll ihn auch retten, wenn er ihn liebt. Er hat doch behauptet:"Ich bin Gottes Sohn .'"
Genauso verspotteten ihn die beiden Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt waren.
Es war die sechste Stunde, da breitete sich im ganzen Land Finsternis aus.
Das dauerte bis zur neunten Stunde. Um die neunte Stunde schrie Jesus laut:
"Eli, Eli, lema sabachtani?"
Das heißt: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Als sie das hörten, sagten einige von denen, die dabeistanden:
"Er ruft nach Elija."
Sofort lief einer von ihnen hin, nahm einen Schwamm und tauchte ihn in Essig.
Dann steckte er ihn auf eine Stange und hielt ihn Jesus zum Trinken hin.
Aber die anderen riefen: "Lass das! Wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihn rettet."
Aber Jesus schrie noch einmal laut auf und starb.

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Palmsonntag (zu LK 19, 28-40)

Sie ist bekannt, allzu bekannt, die Geschichte vom Einzug Jesu nach Jerusalem. Der Anfang seines Leidens das am Kreuz endet. Bekannt ist, dass dieser Anfang ein euphorischer ist. Dass ihn eine Volksmenge jubelnd empfängt, mit Palmzweigen begrüßt, wie einen König, Kleider auf seinen Weg breitet. Also die eine Seite des klassischen „Hosianna", das dann kurze Zeit später ins „Kreuziget ihn!" umschlägt. Diese lebensgefährliche Wankelmütigkeit der Massen ist bekannt. Weniger bekannt ist die Version des Evangelisten Lukas, die heute in den katholischen Palmsonntagsgottesdiensten gelesen wird. Da sind es nur seine Jünger, die ihn jubelnd empfangen. Also keine große Volksmenge, sondern „nur" die Seinen. Es ist bibelwissenschaftlich umstritten wie groß die Menge gewesen ist. Ich denke das ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist die Wirkung, die von Jesus und den Seinen ausgegangen ist. Und die muss groß gewesen sein. So groß, dass die Pharisäer Jesus aufgefordert haben, er soll seine Jünger zum Schweigen bringen. Das heißt, das religiöse Establishment hat sich von Jesus und seiner Bewegung mindestens provoziert, wenn nicht bedroht gefühlt. Und diesen Pharisäern antwortet Jesus mit einem Satz der mich richtig gepackt hat: „Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien!" Ein grandioses Sprachbild. Denn was gibt es Lebloseres und Stummeres als Steine? Und wenn sie schreien, dann heißt das nichts anderes als dass die Wahrheit nicht zu unterdrücken ist. Dass das was gut, schön und richtig ist, ans Licht dringt, sich Gehör verschafft, nicht mundtot zu machen ist. Wenn die befreiende Botschaft Jesu unterdrückt werden soll, dann schreien die Steine! Ein Satz der mich ermutigt und mich hoffen lässt.

Dass die Stimmen nicht verstummen, die berichten, dass weltweit Millionen von Christen wegen ihres Glaubens unterdrückt oder verfolgt werden. Dass der stumme Schrei der Millionen Hungernden auf der Südhalbkugel unserer Welt nicht mehr als Selbstverständlichkeit hingenommen wird. Und dass der neue Papst den Mut und die Kraft hat, die Reformen anzupacken nach denen die versteinerten Strukturen der Katholischen Kirche geradezu schreien.

Einen schönen Palmsonntag wünsch' ich Ihnen.                                                                         

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