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SWR1 3vor8

Manchmal kann sogar ein Misserfolg zum Segen werden. Der einen am Ende weiter bringt, als wenn man mit Ehrgeiz Erfolg gehabt hätte. Meistens kapiert man das nicht gleich, ist enttäuscht. Aber dann dämmert es einem, mit der Zeit. Man kann akzeptieren und versteht: Es war gut so, dass ich an Grenzen gestoßen bin. Vielleicht hat es ja sogar Gott gut mit mir gemeint mit dem Misserfolg.
Wie ich darauf komme? Ich habe über die Geschichte nachgedacht habe, die heute in den evangelischen Gottesdiensten erzählt wird. Uralt ist sie die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Sie geht mit ihrer Einsicht sogar noch einen Schritt weiter: Misserfolge tun manchmal nicht nur mir gut. Die Turmbaugeschichte erzählt: Grenzen zu erleben ist gut für die ganze Menschheit:
In der Geschichte wird erzählt wie für die Menschen ein neues Zeitalter beginnt. Sie lassen die bäuerliche Welt hinter sich, werden Großstädter. Und weil Menschen gern immer mehr, weiter und höher wollen, „weil sie sich einen Namen machen wollen" wie es in der Bibel heißt, bauen sie nicht nur ihre Stadt, sondern mitten hinein auch noch einen hohen Turm.
Gott sieht das, erzählt die Bibel, und erkennt. Sie sehen keine Grenze mehr. Wenn man sie immer weiter erfolgreich sein lässt, verlieren sie jedes Maß."
Was sich im Einzelnen abgespielt hat, erfährt man nicht. Aber das Ergebnis ist deutlich: Die Menschen werden zerstreut in viele Kulturen und Sprachen. Sie sind keine Einheit mehr. Sie werden sich fremd, uneins, oft feindlich.
Jetzt fragen Sie vielleicht: Warum soll so ein Misserfolg ein Segen für die Menschen sein? Wäre es nicht gut, wenn wir als Menschheit richtig zusammenhalten würden? Wären wir da nicht erfolgreicher. Fragt sich bloß, erfolgreich worin.
Denn genau in diese Stelle legt die Geschichte vom Turmbau ihren Finger. Und beobachtet sehr weise, glaube ich: Die Menschen bauen den Turm nicht aus Freude, oder um anderen was Gutes zu tun. Sie bauen den Turm, weil sie sich was beweisen müssen: Dass sie nämlich jemand sind. Dahinter steckt Angst. Die lässt uns Menschen oft so grenzenlos werden. Wir haben Angst, klein zu sein. Und um zu beweisen, dass man jemand ist, will man immer mehr, immer höher. Aber das ist kein guter Geist.
Ich glaube, deshalb kann ein Misserfolg zum Segen werden. Denn Gott hilft uns, unsere Grenzen zu akzeptieren, persönlich und als Gesellschaft im Ganzen auch. Und er lehrt, dass Menschen mit Vertrauen besser leben als mit Angst.

Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.
Und der HERR sprach:...Wohlauf, lasst uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!
So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder. 1. Mose 11,1ff

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10876

(zu Apg. 2, 1-11)

Ich bin Peter Kottlorz von der Katholischen Kirche. Einen schönen guten Morgen!

Es ist bis heute ein Rätsel was genau sich da abgespielt hat, am Pfingsttag vor rund 2000 Jahren. Die verstreuten Christen der ersten Generation kommen zusammen und da passiert ganz Außerordentliches: Sie werden wie von einem Sturm durchgeschüttelt, haben Lichtvisionen mit Feuerzungen, reden in verschiedenen Sprachen und verstehen sich doch.  Nachzulesen in der Apostelgeschichte des Neuen Testaments und heute zu hören in den christlichen Gottesdiensten. Was hat sich da nur abgespielt? Eine religiöse Massenekstase? Ein im Nachhinein mystisch aufgeblähter Gründungsmythos der Kirche? Oder eine spirituelle Explosion mit gemeinschaftlichen Entgrenzungserfahrungen?  Ich tendiere dazu das Pfingstgeschehen als eine Art spirituelle Explosion zu sehen, auch weil ich das Heftige, das Unkontrollierte daran mag. Eine Explosion muss nicht immer zerstörerisch sein - wir sind nur durch die mörderische Nutzung der Sprengkraft gewohnt sie negativ wahrzunehmen. Aber unsere Welt unser ganzes Universum ist durch eine gigantische Explosion entstanden. Und mögen sich viele gute Dinge auch langsam und sanft entwickeln, so gibt es doch auch die schlagartigen Veränderungen die die Welt verbessert haben. In Geistesblitzen oder als Sternstunden der Menschheit. Wenn sich etwas langsam entwickelt und sich dann in einem berauschenden Akt Bahn bricht. Der Fall der Mauer kommt mir dabei in den Sinn. Der Geist, diese unsichtbare, immaterielle Kraft kann Mauern einstürzen lassen. Der Heilige Geist ist nicht zu fesseln, nicht zu halten. Er hat was ungeheuer Drängendes, Freiheitliches, Zum Guten Veränderndes, was Individuelles und gleichzeitig Verbindendes. Weil er in jedem steckt und über jede kommen kann - jederzeit. Dass die Christusbeseelten vor 2000 Jahren so außer sich geraten sind, mag daran gelegen haben, dass sie gemeinsam gespürt haben wie es ist, wenn sich der Abstand zwischen Gott und den Menschen verringert. Das muss sie euphorisch gemacht haben, ansteckend glücklich, haltlos zuversichtlich. Das hat sie sich wohl ohne Worte verstehen und den Glauben in ihrer Muttersprache sprechen lassen. Was ihn in ihrer Seele beheimaten ließ, aber auch ein Protest war gegen die sprachliche Dominanz der jüdischen und römischen und griechischen Eliten. Darum mag ich das Pfingstfest. Weil es so anders ist. Weihnachten ist idyllisch und heimelig. Ostern lichtvoll abstrakt. Pfingsten ist der Rabauke unter den christlichen Hochfesten. Das Ungezähmte, Kreative und Freiheitliche inmitten der Kirchen, die doch oft so geordnet, ängstlich und brav sind.

Einen schönen Pfingstsonntag wünsch ich Ihnen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10794