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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

08APR2023
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Der Freund ist tot. Gestern haben wir ihn zu Grabe getragen. Heute am frühen Morgen bin ich noch mal zum Friedhof gegangen. Ich stehe vor seinem Grab. Der sanfte Tau eines Morgens im Frühling hat sich über die Blumen und Kränze gelegt. Die Sonne bricht sich durch den Nebel, es wird ein schöner Tag werden. Alles drum herum ist voller Leben, blüht und grünt, aber mein Freund ist tot. Niemals mehr werd' ich seine Stimme hören, ein Glas Wein mit ihm trinken, ihn umarmen. Der Gedanke schmerzt und ich will ihn nicht zulassen. Aber ich komme nicht daran vorbei. Zu groß ist das Grab, das vor mir liegt. Ich zupfe ein wenig an den Blumen herum und lege die Kranzschleifen gerade. Dabei werden Erinnerungen an den Freund wach. Die machen ein wenig warm ums Herz. Nicht so, dass ich den Schmerz vergessen kann, aber doch so, dass ich ihn besser aushalte. Ein ganz seltsames Gemisch von Gefühlen entsteht: Trauer und Schmerz aber auch Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit, für jedes gute Wort und jede Umarmung.

Im kirchlichen Kalender ist heute Karsamstag. Der Tag zwischen Karfreitag und Ostersonntag. Der Tag zwischen Kreuzigung und Auferstehung Jesu. Für die Jünger und Jüngerinnen Jesu damals sicherlich der Tag, an dem ihnen bewusstwurde: Der Freund ist tot. Diese brutale Realität können wir nicht verändern, nur aushalten. Von Ostersonntag, von der Auferstehung des Freundes, haben die Jüngerinnen und Jünger an Karsamstag nichts gewusst, diese Hoffnungsperspektive hat es für sie nicht gegeben.

Je älter ich werde, umso öfter stehe ich am Grab eines guten Freundes oder einer guten Freundin. Umso öfter habe ich Karsamstag, muss ich mich im Aushalten üben. Und der Glaube an die Auferstehung? Anders als die Jüngerinnen und Jünger damals weiß ich von der Geschichte. Aber – ganz ehrlich - oft fällt es mir schwer sie zu glauben. Aber bei allem Zweifel, die Hoffnung darauf möchte ich nicht aufgeben.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

06APR2023
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Er hat ihnen die Füße gewaschen, nicht den Kopf. Für mich eine der schönsten Geschichten in der Bibel. Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße. Es ist der letzte Abend, den Jesus mit seinen Freunden hat. Er weiß, dass seine Stunde gekommen ist, dass er bald gefangen genommen wird und die Geschichte ihren Lauf nehmen wird. Karfreitag, seine Hinrichtung, steht vor der Tür. In dieser Situation hält er seinen Jüngern keine langen Vorträge. Nach dem Motto: Was ihr alles beachten müsst, wenn ich nicht mehr bei euch bin. Er macht etwas anderes, etwas, was wohl mehr wirkt als alle Worte. Er gibt ihnen ein Beispiel. Er wäscht ihnen die Füße. Zur damaligen Zeit, als die Straßen sehr staubig waren und man im warmen Israel wohl in erster Linie in Sandalen umherlief, war das eine große Wohltat. Aber, weil das ja nicht besonders schön ist, andern den Dreck von den Füßen zu waschen, war das eine Arbeit für Sklaven.

Am Schluss, nachdem Jesus allen die Füße gewaschen hatte, gibt es dann den Satz zur Moral der Geschichte. Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13, 14) Das ist eine Moral, die ich gut abkann. Eine Moral, die vom andern nicht mehr verlangt, als das, was man selbst vorlebt. Eine Moral, die dem andern die Füße wäscht, nicht den Kopf. Die keine Regeln aufstellt, wie der andere sich zu verhalten hat. Sondern das Gebot der Nächstenliebe lebt, und nicht predigt. 

Nun, aufgrund der moralischen Situation meiner Kirche lässt sich keiner mehr von ihr den Kopf waschen, was ich gut verstehen kann. Vielleicht ist das ja ein guter Einstieg für meine Kirche, sich endlich konsequent an Jesus zu orientieren und sich auf’s Füße-waschen zu beschränken. Damit hätte sie auch genug zu tun.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

05APR2023
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Man schreibt das Jahr 5783. Der 14. Tag im Monat Nisan. Überall auf der Welt treffen sich jüdische Familien und feiern ein großes Fest. Dieser Tag ist heute. Denn das Judentum ist ein bisschen älter als das Christentum. Dort schreibt man bereits das Jahr 5783. Heute wird das Pessach Fest eröffnet. Man trifft sich in der Familie zu einer Art Hausgottesdienst mit festem Ritus. Der legt fest, was gegessen und getrunken wird, welche Gebete dabei gesprochen werden und dass das jüngste Kind am Tisch die entscheidende Frage stellen muss. Sie lautet: „Warum unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten.“ Und darauf erzählt der Vater die Geschichte vom Auszug der Israeliten aus der Gefangenschaft in Ägypten. Diese tolle Geschichte wie es dem kleinen Volk Israel mit der Hilfe Gottes gelingt, der Großmacht Ägypten ein Schnippchen zu schlagen. Allerlei Wunder spielen dabei eine Rolle, da wird schon mal das Rote Meer geteilt, damit das Volk durchschreiten kann oder es regnet Brot vom Himmel, damit man in der Wüste nicht verhungert. Historisch weiß man nicht genau, was damals passiert ist. Trotzdem ist diese uralte Geschichte quicklebendig, weil sie seit Jahrtausenden immer weitererzählt wird, von einer Generation an die andere. Diese Geschichte hat Kraft und gibt Kraft, weil die grundlegende Aussage lautet: Gott lässt uns nicht im Stich.

Ich stelle mir die Frage: Wie hat ein jüdischer Vater in der Zeit des Holocaust diese Geschichte seinem Kind erzählt. Verzweifelt, mutig, trotzig? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass diese Geschichte auch heute - nach dem Holocaust - weiterhin erzählt wird.

Gott lässt uns nicht im Stich. Das ist manchmal verdammt schwer zu glauben. Mir tut es dann gut, mich in den Glauben meiner Vorväter und -Mütter einzureihen und mich von ihm tragen zu lassen.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

04APR2023
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In meiner Kindheit musste ich ihn noch beten, den Kreuzweg und ich fand das ziemlich langweilig. Schließlich kannte ich als gut katholisches Kind doch die Geschichte von der Kreuzigung Jesu. Warum sich noch mal vierzehn Bilder davon anschauen – in der Kirche oder auch in freier Natur - und dazu immer die gleichen Texte beten und singen.

Heute freue ich mich, wenn mir am Wegesrand auf den Feldern, in den Wäldern oder auch in den Weinbergen Kreuzwege begegnen. Bildstöcke oder auch kleine Kapellen, auf denen der Leidensweg Jesu dargestellt wird. Meist sind es 14 Stationen, manchmal aber auch nur sieben. Sie zeigen wie Jesus verurteilt wird, wie er das Kreuz schleppt, er darunterfällt, eine Frau ,Veronika, ihm ein Schweißtuch reicht, wie er ans Kreuz genagelt wird und schließlich am Kreuz stirbt. Ich frage mich, was haben sich unsere Vorfahren dabei gedacht, diese grausame Geschichte nicht nur in der Kirche, sondern überall in der Landschaft aufzustellen? Und ihn dann auch noch betend abzugehen, einzeln oder gemeinsam, Bildstock für Bildstock? Warum haben sie sich das Leid Jesu so intensiv vor Augen geführt? Modern gesagt: Das Leid Jesu meditiert?

Ich denke an meine Oma. Bei der Station „Jesus begegnet seiner weinenden Mutter“ wird sie während des Krieges bestimmt an ihren Lieblingssohn gedacht haben. An die Szene als er ihr sagte, dass er in den Krieg muss, und es nach Stalingrad geht. Und nach dem Krieg hat sie sicherlich vor der Station „Der Leichnam Jesu wird in den Schoß seiner Mutter gelegt“ geweint. Denn der Sohn ist nie heimgekommen und bis heute weiß niemand, wo sein Grab ist. Sie hat nicht nur das Leid Jesu meditiert, sondern auch ihr eigenes Leid. Das hat sicherlich geschmerzt, aber auch Trost gegeben. Weil sie sich getragen wusste von der Gemeinschaft der anderen Mütter im Dorf, die ebenfalls Söhne verloren hatten. Und weil sie sich getragen wusste vom Glauben an einen Gott, der ebenfalls gelitten hat, der die Menschen auch im größten Leid nicht im Stich lässt.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

03APR2023
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Erst jubeln und dann pfeifen. Das kommt häufiger vor, z.B. beim Fußball. Wenn sie Erfolg haben, die Ballkünstler dann liegen die Fans ihnen zu Füßen. Sie klatschen, jubeln und skandieren die Namen der Stars. Aber wehe, es kommt der Misserfolg, dann wird gepfiffen und es kommen die brutalen Raus-rufe. Und zum Schluss muss oft auch ein Kopf rollen, meistens der des Trainers, denn einer muss den Kopf ja hinhalten, wenn's nicht so läuft, wie die Fans es gerne hätten.

Vom Jubeln und Auspfeifen wird in dieser Woche auch in den Kirchen erzählt. Denn es ist die Karwoche und in der geht es um die letzten Lebenstage Jesu. Und die beginnen erstmal mit Jubel. Jesus zieht in Jerusalem ein, die Menschen legen ihm ihre Kleider zu Füßen, streuen Palmzweige auf den Weg und rufen vor Begeisterung: Hosianna, hochgelobt sei Jesus, der Sohn Davids. Gestern an Palmsonntag wurde das in den Kirchen gefeiert. Aber in fünf Tagen, an Karfreitag, wird er ausgepfiffen. Nicht mehr "Hosianna", ruft das Volk, sondern ganz brutal " ans Kreuz mit ihm". Sie fordern seinen Kopf, denn Jesus hat die Erwartungen des Volkes nicht erfüllt. Sie sahen in ihm den Retter, der das Land von den verhassten Römern befreien sollte. Er aber treibt nur die Händler aus dem Tempel und redet von Nächstenliebe. Anstatt die Römer aus dem Land zu jagen, legt er sich mit der politisch-religiösen Führungsklasse des eigenen Landes an. Er fordert nicht Krieg gegen die Römer, sondern Gerechtigkeit in Israel. Es kam wie es kommen musste, das Volk, das ihn gestern noch liebte, hasst ihn nun. Und so können die religiösen Funktionäre ihn mit Billigung der öffentlichen Meinung kreuzigen lassen.

Es ist so eine Sache mit der so genannten Stimme des Volkes.  Sie schlägt schnell um, ist leicht manipulierbar und viele behaupten in ihrem Namen zu sprechen. Die Wahrheit bleibt dabei meist auf der Strecke.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

17DEZ2022
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Der Ochse fehlt in der Krippe. Sie ist die Attraktion auf dem Weihnachtsmarkt in Andernach am Rhein: Eine lebende Krippe. An den Adventswochenenden wird dort von Laienschauspielern die Weihnachtsgeschichte aufgeführt und die Tiere vom Stall von Bethlehem sind mit dabei. Aber nur Esel, Schafe und Ziegen, der Ochse fehlt.

Nun kann ich verstehen, wenn die Veranstalter einen Ochsen nicht die ganze Zeit auf den Marktplatz stellen wollen. Vielleicht ist es auch im Sinne des Tierwohls nicht so gut, aber schade finde ich es trotzdem.

Denn es ist kein Zufall, dass Ochs und Esel im Stall von Bethlehem stehen. Schon auf den ältesten Bildern von der Geschichte sind sie zu sehen. Die Maler erinnern damit an eine Bibelstelle aus dem Propheten Jesaja: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht:“ (Jes 1,3) Was die Maler uns damit sagen wollen: Nehmt Euch ein Beispiel an Ochs und Esel, sie wissen, wer der Herr ist. Nämlich dieses Kind in der Krippe.

Und es gibt noch einen zweiten Satz in der Bibel mit Ochs und Esel. In einem Buch aus dem Alten Testament, dem Buch Deuteronomium steht: „Du sollst nicht Ochs und Esel zusammen vor einen Pflug spannen.“ (Dtn 22,10) Das wird jeder Bauer verstehen. Denn die beiden Tiere sind unterschiedlich in Größe und Stärke. Ochs und Esel passen gar nicht zusammen, aber genau das passt an Weihnachten. Denn dieses Kind in der Krippe kann Gegensätze vereinen. Da spielen Größe und Stärke keine Rolle.

Wäre das nicht ein tolles Krippenbild. Die Mächtigen dieser Welt stehen vereint an der Krippe und vergessen mal die Frage, wer von ihnen der Größte, Stärkste und Schlaueste ist. Sondern es geht mal nur um dieses Kind in der Krippe und damit um die Kinder dieser Welt, die ein Recht darauf haben in Frieden und Gerechtigkeit groß zu werden. Das ist nämlich der Wille des Herrn in der Krippe. Die Frage, wen die Maler dann als Ochse und wen sie als Esel darstellen, ist mir dabei ziemlich egal.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

16DEZ2022
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Eigentlich ist sie so wie immer, nur ich sehe sie mit anderen Augen: Die Krippe im Kölner Hauptbahnhof. Ich kenne sie seit Jahren, immer wenn ich in der Advents- und Weihnachtszeit in Köln ein-, aus- oder umsteige, schaue ich sie mir an.

Sie ist schon was Besonderes. Etwa 20 qm groß und steht mitten im Shopping-Bereich des Hauptbahnhofs. Maria, Josef und das Jesuskind, die eigentlichen Hauptfiguren der Geschichte sieht man nicht direkt. Denn dargestellt ist die Kölner Altstadt im Zustand von 1946 – nichts als Ruinen. Mit viel Liebe zum Detail sind zerstörte Bürgerhäuser, die im Wasser liegende Hohenzollernbrücke, der Torso der Kirche Groß St. Martin und mit Schutt bedeckte Straßen dargestellt. Und dazwischen Menschen, viele mit Koffer, Rucksack, Decke und irgendwelchen Habseligkeiten. Trümmerfrauen, die Steine sortieren und Sand sieben. Aber auch ein improvisierter Verkaufsstand einer Bäckerei und Kinder, die in all dem Chaos spielen. Und wenn man dann genau hinschaut, sieht man im zerstörten Eingangsbereich der Kirche auch Maria, Josef und das Jesuskind. Maria sitzt mit dem Kind auf einem kleinen Schutthaufen, der notdürftig mit einem Teppich abgedeckt ist. Wie alle andern sind sie Opfer eines Krieges geworden, der unsägliches Leid und Zerstörung über Europa gebracht hat.

Warum ich sie in diesem Jahr mit anderen Augen betrachte? Bisher hat sie mich in erster Linie an die Erzählungen meiner Eltern und Großeltern erinnert, die all dies erlebt haben.

Jetzt erinnert sie mich an Städte in der Ukraine. An Kiew, Cherson, Mariupol. Dort, wo zurzeit Menschen in Trümmern ihre Habseligkeiten suchen und sich auf ein kaltes Weihnachtsfest vorbereiten.

Die Botschaft von Weihnachten: Irgendwo dort auf einem Schutthaufen in einer zugigen Ecke sitzen heute Maria, Josef und das Jesuskind. Gott ist immer auf der Seite der Opfer. Kein Täter dieser Welt wird daran vorbeikommen.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

15DEZ2022
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Alte indianische Weisheit: „Beurteile einen Menschen erst, wenn du einen Monat in seinen Mokassins gelaufen bist.“  Will sagen: Urteile nicht zu schnell, gehe erst mal einige Wege, die der andere geht, mit. Erst dann erlaube dir ein Urteil.

Einen ganzen Monat sich für ein solches Projekt freizunehmen, das schaffen nur wenige. Aber auch nur einige Stunden, können schon neue Einsichten bringen. Der Caritasverband des Bistums Trier lädt dazu ein.  Er nennt das „Eintauchen in soziale Lebenswirklichkeiten.“ Er lädt Personen aus Politik, Verwaltung, Kirche und Gesellschaft ein, mal einige Stunden mit Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen, Wohnungslosen, Geflüchteten oder Arbeitssuchenden zu verbringen. Oder gut indianisch: Mal in ihren Mokassins zu laufen.

Und so hat ein Landtagsabgeordneter Müll eingesammelt. Zusammen mit einem Kurden, der aus der Türkei geflohen ist und heute in einem Integrationsbetrieb der Caritas in der Landschaftspflege arbeitet, wo auch Müll eingesammelt werden muss. Und beim Müllsammeln kommt man sich näher. Man redet miteinander. Erzählt aus seinem Leben. So hat der Landtagsabgeordnete erfahren, dass sein „Compagnion“ nie eine Schule besucht hat – auch seine Frau nicht. Sie aber trotzdem Töchter haben, die heute in Deutschland studieren. Worauf er natürlich sehr stolz ist. Ich denke mal, dass der Politiker innerlich seinen Hut gezogen hat vor der Lebensleistung des Kurden. Denn einfach ist es nicht, eine Flucht aus der Heimat zu organisieren. Und dann in der Fremde angekommen, seinen Kindern so viel Rückhalt zu geben, dass sie in dem neuen Land sogar studieren. Und das alles ohne Schulbildung.

Ich weiß nicht, was der Kurde vom Landtagsabgeordneten mitbekommen hat. Vielleicht nicht viel, wie auch – man hat sich ja beim Müllsammeln getroffen und nicht im Landtag. Wäre vielleicht eine gute Fortsetzung des Projektes: Dass der Kurde auch mal einen Tag in den Mokkasinns des Politikers läuft. Wäre interessant zu wissen, wobei er dann innerlich den Hut zieht vor den Leistungen des Abgeordneten.

Auf alle Fälle ein gutes Projekt für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt.

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21SEP2022
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Ein Halsabschneider war er: Matthäus. Seine offizielle Berufsbezeichnung war Zöllner, aber das war in biblischer Zeit gleichzusetzen mit einem, der die Menschen übers Ohr haut. Denn Zöllner waren keine staatlichen Beamten mit geregeltem Einkommen. Sondern sie waren freie Unternehmer. Der Staat verpachtete das Recht Zoll einzunehmen an Privatpersonen oder Firmen zu einem Fixpreis. Und diese Zollpächter trieben dann den Zoll ein und dabei gingen sie oft recht willkürlich und durchaus betrügerisch mit den Zolltarifen um. Der Beruf des Zöllners galt deshalb in der Bevölkerung als unehrenhaft. So einer war Matthäus. Und so einen machte Jesus zu seinem Freund, seinem Jünger. Überhaupt hat Jesus sich oft mit Zöllnern getroffen. Ist doch klar, dass dann die braven Bürger fragten, wie kann ER sich mit solchen Gangstern abgeben? Und auf diese Frage hatte Jesus eine seiner alles schlagenden Antworten: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ (Mt 9,12) Leider ist in der Bibel nicht überliefert, wie die Zöllner reagierten, als Jesus sie als Kranke bezeichnet. Sie fühlten sich sicherlich nicht geschmeichelt, aber ich glaube Jesus hat Recht. Denn Menschen, die immer nur an ihren Gewinn denken, die bei allem was sie tun fragen, wie viel Geld kann ich damit verdienen, die sind krank. Und eine Gesellschaft, die Gewinnmaximierung als obersten Leitsatz hat, ohne zu sagen, was mit diesem Gewinn denn Gutes getan werden soll, ist ebenfalls krank.

Jesus konnte wenigstens einige dieser Zöllner heilen. Wie den Zachäus, der nach der Begegnung mit ihm die Hälfte seines Vermögens den Armen gab (Lk 19) und eben diesen Matthäus. Heute ist sein Gedenktag. Herzlichen Glückwunsch an alle die Matthias, Mattes, Matthäus, Matteo oder so ähnlich heißen.

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20SEP2022
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„Gemeinsam für Kinderrechte“ heißt das Motto des heutigen Weltkindertages. Kinder haben Rechte. Dazu zählen das Recht auf Schutz vor Gewalt, auf Bildung, auf Gleichbehandlung sowie das Recht auf Freizeit, Spiel und Erholung. Diese Rechte sind universal und gelten weltweit. Leider Gottes wurde und wird in vielen Ländern immer wieder gegen diese Rechte verstoßen. Und auch – was mich besonders wütend macht – in dieser meiner Kirche. Im Namen von Zucht und Ordnung, ja sogar im Namen Gottes wurden da z. B. in kirchlichen Kinderheimen Kinder systematisch geprügelt, gedemütigt und missbraucht. Es ist schlimm, was da alles ans Tageslicht kommt. Und ich kann nur hoffen, dass damit endlich Schluss ist und die Verbrechen von damals aufgearbeitet werden.

Jesus hat da was anderes vorgelebt. Er hat die Kinder gesegnet und ansonsten in Ruhe gelassen. Das Kinderrecht auf Freizeit, Spiel und Erholung war ihm wohl heilig. Er hielt ihnen keine Katechese, sagte ihnen nicht, was richtig oder falsch ist, sondern hat sie spielen lassen und gesegnet. Das hat ihm genügt. Denn mit dem Segen wird dem Kind zugesagt: Du bist ein Kind Gottes, so wie du bist. Egal wo dein Elternhaus steht – im Villenviertel oder in der Plattenhaussiedlung – du bist von Gott geliebt. Egal, was du kannst oder nicht kannst, was du hast oder nicht hast, du bist wer und deshalb hast du Rechte, so wie die großen, die erwachsenen Menschen auch.

Denen hat Jesus schon mal die Meinung gegeigt, insbesondere wenn sie Macht und Geld hatten. Den Erwachsenen hat er versucht klar zu machen, dass sie sich ändern müssten, um ins Reich Gottes zu kommen. Die Kinder hat er mit diesen Forderungen verschont, weil Ihnen – Originalton Jesus – das Reich Gottes schon gehört. Die Kinder sind uns eben um einiges voraus.

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