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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

26MAI2026
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Das kleine Kind mit dem roten Luftballon. Das Nashorn, das auf ein Auto klettert. Der Revolutionär, der statt eines Pflastersteins einen Blumenstrauß wirft. Die Werke, die der Künstler Banksy an Mauern und Hauswänden hinterlässt, faszinieren ganz viele. Zu dieser Kunst gehört aber auch, dass niemand weiß, wer dieser Banksy eigentlich ist. Ein Er? Eine Sie? Banksy ist ein Mysterium. Vor kurzem hat mal wieder einer damit geprahlt, dass er Banksy enttarnt habe. Dass er genau wisse, wer sich dahinter verbirgt. Ob an der Prahlerei was dran war? Unklar. Ich hab mir nur gedacht: Sei einfach still und behalt es für dich. Ich will auch Geheimnisse haben.

Natürlich ist es gut, wenn wir immer mehr wissen. Das Klima besser verstehen, erforschen, wie sich Krankheiten heilen lassen. Aber was wäre das letztlich für eine Welt, in der es nichts Geheimnisvolles mehr gäbe, nichts Rätselhaftes mehr? In der einfach nichts mehr verborgen bliebe? Es wäre eine kältere und ärmere Welt. Ich bin überzeugt, dass wir Menschen das Geheimnisvolle brauchen. Etwas, das vielleicht daran erinnert, dass die Welt immer mehr ist als das, was ich sehen, riechen, anfassen oder im Mikroskop erkennen kann. Zu diesem Mehr gehört für mich auch der Glaube. Niemand hat Gott je gesehen, heißt es schon in der Bibel. Und doch glauben unzählige Menschen an ihn. An etwas, das größer ist als die Welt. Das ich als Mensch nie begreifen kann. Und viele finden genau darin, so wie ich auch, Trost und Hoffnung.

Und deshalb hoffe ich, dass Banksy einfach ein Geheimnis bleibt. Eines das fasziniert und das Leben dadurch ein bisschen reicher macht.

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SWR1 3vor8

25MAI2026
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Was ist Wahrheit? Eine berühmte Frage. Gestellt hat sie der römische Statthalter Pontius Pilatus. So jedenfalls erzählt es die Bibel. Damals machten ihm die Jerusalemer Obrigkeiten Druck. Denn nur er, der römische Beamte, durfte Jesus verurteilen. Und das sollte er in ihren Augen auch tun. Aber Pilatus zögert und windet sich. Er weiß genau, dass es ein Unrechtsurteil wäre. Und stellt deshalb gequält diese Frage: Was ist Wahrheit?

Wahrheit. Das ist so ein Wort, dass zwei Seiten hat. Wahrheit ist grundsätzlich gut, hat in der Kirche aber leider auch eine unselige Geschichte. Nicht nur wegen Pilatus. Denn im Namen einer vermeintlichen Wahrheit sind auch Leute, die anders dachten und lebten, als es die Kirche vorgab, verfolgt und massakriert worden. Im Namen dieser Wahrheit wurden Kriege geführt. In ihrem Namen ist denunziert, ausgegrenzt und gedemütigt worden. Was ist Wahrheit?

Heute, am Pfingstmontag, ist in den Bibeltexten von ihr die Rede. Vom Geist der Wahrheit nämlich, den Gott in die Welt schicken werde. Jesus ist nicht mehr da. Und weil man ihn nicht mehr um Rat fragen kann, soll sein guter Geist kommen. Für alle. Überall. Er soll den Menschen helfen, den Spuren Jesu in ihrem Leben zu folgen. Soll sie erkennen lassen, wie das ist mit Himmel und Erde.

Wahrheit ist auch nicht nur abstrakt. Zwei mal Zwei ergibt Vier, und zwar immer. Das ist wahr. Und wahr ist auch, dass jeder Wassertropfen aus Millionen Molekülen besteht, die alle gleich gebaut sind. Aus Sauerstoff- und Wasserstoffatomen nämlich. Nachweisbar im Experiment. Das ist wahr. Beim Glauben allerdings, da wird es schwieriger. Ob es Gott gibt oder einen Heiligen Geist, das kann niemand beweisen. Das kann ich nur glauben und darauf hoffen. Und ich kann danach leben. So, wie Jesus es vorgemacht hat. Ich kann so leben, dass jeder Mensch zu meinem Nächsten wird. Weil ich ihn als Mensch achte und ernst nehme, selbst dann noch, wenn er vielleicht ein schlimmer Kotzbrocken ist. Ich kann so leben, dass Ehrlichkeit und Verlässlichkeit keine Worthülsen sind. Sondern dass Menschen das wirklich spüren, wenn sie mit mir zu tun haben. Auch das ist dann wahr.

Doch auch wenn ich das alles aufrichtig will, fällt es manchmal schwer. Als Christ kann ich da immerhin auf diesen guten Geist hoffen, der uns damals versprochen worden ist. Als Maßstab und Ansporn. Den „Geist der Wahrheit“, der spürbar wird, wo geglaubt, gehofft und geliebt wird.

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SWR1 3vor8

10MAI2026
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„Die Hoffnung stirbt zuletzt“. So heißt ein beliebtes Sprichwort. Und irgendwie ist da ja auch was dran. Hoffen zu können, das hält am Leben. Und hoffen kann ich letztlich auf ganz verschiedene Dinge. Da kann die Hoffnung sein, eine schwere Krankheit gut zu überstehen, bei der ich noch nicht weiß, wie sie ausgeht. Ich kann hoffen, dass mir ein berufliches Projekt gelingt, in das ich schon viel Zeit und Herzblut gesteckt habe. Aber auch, dass die kriselnde Beziehung zu einem nahen Menschen sich schon wieder einrenkt. Solange ich hoffen kann, dass etwas gut ausgehen wird, so lange spüre ich auf jeden Fall Lebensenergie in mir. Das Tolle an der Hoffnung ist ja: Sie braucht nicht mal einen handfesten, beweisbaren Grund. Und dennoch ist Hoffnung auch kein Wolkenkuckucksheim. Um hoffen zu können reicht schon ein kleiner Anhaltspunkt, eine Ahnung vielleicht, dass es klappen könnte. Dass die medizinische Therapie wirkt, die neue Sendung im Radio gut angenommen wird, die Aussprache mit dem Partner der Beziehung einen neuen Kick gibt.

Hoffen, das ist für mich aber auch ein anderes Wort für Glauben. Hoffen zu können ist deshalb etwas, das zum Christsein unbedingt dazugehört. Ja, das vielleicht sogar eine Art Markenzeichen sein kann für einen Christen, eine Christin. Petrus, der ja so was wie der engste Vertraute von Jesus war, hat die frühen Christen damals aufgerufen: Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt. Seine Aufforderung, fast 2000 Jahre alt, gilt auch noch heute. Was also würde ich einem antworten, der von mir wissen will, worauf ich als Christ eigentlich hoffe. Drei Dinge würde ich aufzählen.

Ich würde antworten, dass ich zwar nicht beweisen kann, dass es einen Gott gibt. Aber dass ich darauf hoffe. Und dass diese Hoffnung der Kern meines Glaubens ist. Ich würde antworten, dass meine Hoffnung auch den Tod einschließt, und ich darauf vertraue, dass der nicht das letzte Wort sein wird. Weil mir dieser Gott Hoffnung gibt, dass da noch etwas kommt. Und schließlich hoffe ich auf Gerechtigkeit. Weil ich es sonst kaum ertragen könnte, wie viel Unrecht, Niedertracht und Gewalt es gibt, die hier auf Erden nie gesühnt werden. Eine Gerechtigkeit über den Tod hinaus. Auch die verbinde ich mit Gott. Glauben. Für mich ein anderes Wort für Hoffen. Eine Hoffnung, die nicht stirbt.

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Begegnungen

03MAI2026
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Norbert Clausen copyright: Privatfoto

Vorgestern war der „Tag der Arbeit“. Dazu habe ich Norbert Clausen besucht, der sich um Menschen kümmert, die es schwer haben überhaupt Arbeit zu finden. Ich treffe ihn in seinem Büro im sogenannten „Gelben Haus“ in Offenbach am Main. Dort leitet er seit knapp zwei Jahren die Geschäftsstelle der Initiative Arbeit e.V., einer Einrichtung des Bistums Mainz. Davor war der diplomierte Theologe etliche Jahre in der Jugendhilfe tätig. Was hat ihn gereizt an diesem Wechsel?

 

Ich bin mein Leben lang ein überzeugter Christ, bin mein Leben lang ein sozialer Mensch, der in verschiedenen Bereichen gearbeitet hat. Und nachdem meine Zeit in der Jugendhilfe zu Ende ging, habe ich einfach einen sozialen Bereich wieder gesucht. Und ich finde es sehr spannend, wieder mit Menschen zu arbeiten, die dankbar dafür sind, dass sie Hilfe erhalten.

 

Denn darum geht es in der Initiative Arbeit: Menschen unterstützen, die oft große Probleme haben, einen normalen Job zu finden. Mit Faulheit, wie oft unterstellt, hat das aber selten zu tun. Es gibt Hindernisse. So vielfältig wie die Menschen.

 

Die einen haben nach ihrer Elternzeit keine Chance mehr, in die Arbeit wieder reinzukommen, … Andere haben krankheitsbedingte Ausfälle hinter sich, Suchterkrankungen, psychische Erkrankungen. Wer jahrelang arbeitslos ist, der hat oft keinen geregelten Tagesablauf. Das muss man tatsächlich monatelang erst wieder üben, bis man da reinkommt. Fehlende Kinderbetreuung, fehlende Pflege für alte Leute. Bei vielen Menschen mit Migrationshintergrund, die oft schon 20 Jahre hier leben, ist es einfach die Sprache, die fehlt.

 

Eine Arbeit zu haben, sagt Norbert Clausen, sei für Menschen immens wichtig. Warum das so ist?

 

Arbeit dient zum Erwirtschaften von Geld. Aber Arbeit ist natürlich auch ein Status. Wer keine Arbeit hat, fühlt sich oft wertlos. Arbeit stiftet Anerkennung, gibt einem das Gefühl, ich leiste etwas und bekomme etwas dafür. Es ist Wertschätzung. Es hat aber auch soziale Komponenten. Wenn ich in einem Betrieb arbeite, dann habe ich dort ein soziales Netz, was ich zu Hause alleine nicht hätte. Ich habe etwas, was ich erlebe, was ich wieder zu Hause teilen kann. Und das ist mir mindestens so wichtig wie die Erwerbsarbeit zum Gelderwerb.

 

Menschen, die warum auch immer aus dem Arbeitsleben rausgefallen sind, wieder so stark zu machen, dass sie im besten Fall einen festen Job finden – für ihn ist das konkrete, greifbare Seelsorge.

 

Wir bieten Räume, wo Menschen angenommen werden, die sonst diese Annahme als Menschen nicht finden. Wenn ich eines unserer Projekte nehme, sogenannte ‚Arbeitsgelegenheiten‘. Da kommen Langzeitarbeitslose und werden einfach gerne gesehen. Sie kommen zu einer bestimmten Zeit morgens. Sie gehen nachmittags nach Feierabend wieder. Sie lernen natürlich dieses geregelte Leben, aber vor allen Dingen erfahren sie Wertschätzung. Und diese Annahme des Menschen, das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt, weil damit stärke ich Menschen.

 

Wie er die Diskussion ums Bürgergeld sieht und warum das, was er tut, für ihn etwas christlich ist, darum geht’s gleich. 

 

… ich begegne Norbert Clausen von der Initiative Arbeit im Bistum Mainz. Dort kümmert man sich um Menschen, die es schwer haben, einen Job zu finden. Menschen ohne Arbeit sind immer wieder auch Gegenstand politischer Debatten. Die Diskussion ums Bürgergeld etwa vor der letzten Bundestagswahl. Wie hat Norbert Clausen sie empfunden?

 

Ich fand die Diskussion damals sehr plakativ, sehr flach, sehr kurz und es wurden Bilder gezeichnet, die einfach so nicht stimmen. Es wurde sehr stark herausgezeichnet: Wer nicht leistet, der ist auch nichts wert. Das finde ich aus christlicher Sicht eine Katastrophe. Der Mensch an sich ist wertvoll und nicht nur, wenn er leistet.

 

Denn jenseits von pauschalen Vorurteilen gilt …

 

Es gibt sehr wenige Verweigerer. Es gibt viele, die haben Hemmnisse, aus welchen Gründen auch immer. An die muss man herangehen, ohne zu stigmatisieren.

 

Menschen mit sogenannten Vermittlungshemmnissen wie etwa chronischen Krankheiten, der Pflege von Angehörigen oder Sprachproblemen finden oft nur ganz schwer in reguläre Beschäftigung. Diese Menschen zu sehen mit all ihren Problemen, das ist Norbert Clausen wichtig. Denn eine Gesellschaft, die nur noch auf maximale Leistungsfähigkeit getrimmt ist, sei letztlich eine arme Gesellschaft.

 

Wenn ich mich an früher erinnere, an die Dörfer, da gab es immer Menschen, die keine Arbeit hatten. Da war in jedem Dorf der, der einfach nur da war, aber überall mitgeholfen hat. Der war auch wertvoll. Und diese Menschen, die haben wir heute nicht mehr im Blick. Und die fehlen unserer Gesellschaft. Die Leistungsgesellschaft ist arm, wenn sie nicht solche Menschen hat, die mit ihrem Menschsein sie bereichern.

 

Nun ist Unterstützung für Menschen ohne Arbeit ja vor allem eine Sache der staatlichen Jobcenter. Warum engagiert sich die Kirche in diesem Bereich?

 

Für mich ist das die Nachfolge Jesu, weil, Jesus hat sich um die Menschen gekümmert, die kein Ansehen und keinen Platz in der Gesellschaft hatten, die abgehängt waren, hat dazu aufgerufen: Schaut nach denen, die am Straßenrand sind, die nicht mitkommen mit der Gesellschaft, die Hilfe brauchen. Und genau das tun wir. Wir kümmern uns um die, um die Gesellschaft sich nicht mehr so sehr kümmert.

 

Hört sich an wie eine ganz handfeste Art, das Evangelium zu verkünden.

 

Es ist keine Verkündigung mit vielen Worten, sondern eine Verkündigung mit Haltung, würde ich sagen, bei mir vom christlichen Selbstverständnis her. Die zeige ich anderen Menschen und gebe sie auch gerne als Beispiel weiter. Das ist für mich pure Verkündigung. Und ich glaube auch die nachhaltigste, weil nur mit der eigenen Haltung, mit dem eigenen Vorbild kann man andere auch überzeugen.

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SWR1 3vor8

26APR2026
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Für ein paar Euro kann man im Internet ein Bild erwerben, das manche wohl schlicht und einfach religiösen Kitsch nennen würden. Da steht Jesus mit fescher Föhnfrisur im milden Licht der untergehenden Sonne auf einer Weide. Um ihn herum eine Schafherde. Auf dem Arm trägt er ein Lämmchen. Es ist das klassische Bild von Jesus, dem „guten Hirten“. Eins der bekanntesten Motive aus der Bibel. Unzählige Künstler hat es im Lauf der Jahrhunderte zu Darstellungen inspiriert. Manche mehr, manche weniger gelungen. Ich gebe zu, dass ich schon öfter mit diesem biblischen Motiv gehadert habe. Weil ich mich einfach nicht mit einem unmündigen Schaf vergleichen will, das einem Hirten unreflektiert hinterhertrottet. Die Einladung, den Spuren Jesu in meinem Alltag zu folgen, habe ich so jedenfalls nie verstanden. Und dass kirchliche Würdenträger sich ja auch als Hirten und Oberhirten bezeichnen lassen, macht die Sache leider nicht besser.

Um Hirten und Schafe geht es heute Morgen auch in den katholischen Gottesdiensten. Von einem Schafstall ist da die Rede. Von der Tür, die in den Stall führt und durch die der Hirte kommt. Aber auch von zwielichtigen Gestalten, die nicht die Tür nehmen, sondern sich illegal Zutritt verschaffen, um den Schafen zu schaden. Manches an diesen Bildern ist heute nur noch schwer verständlich. (vgl. Joh 10,1-10)

Etwas aber hat mich an dieser Bibelstelle beeindruckt: Die Schafe. Die werden hier nämlich weder dumm noch einfältig dargestellt. Einem Fremden werden sie nicht folgen, weil sie die Stimme nicht kennen, heißt es da. Diese Schafe entscheiden also selbst, wem sie folgen und wem nicht. Spüren, wer es gut mit ihnen meint und wer nur egoistisch seine eigenen Interessen verfolgt. Die Schafe übernehmen Verantwortung für sich selbst. Keine dummen Geschöpfe, die bloß gehorsam einem Führer hinterhertrotten.

Am Ende sagt Jesus schließlich: Der Dieb kommt nur, um zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Darum geht es. Ums volle Leben. Für alle. Auch für die, die schwach, krank oder fremd sind. Wo Leben behindert, erniedrigt oder vernichtet wird, kann das nie im Sinne Jesu sein. Biblische Texte erklären keine gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie können aber Denkanstöße geben. Können mich etwa kritisch fragen lassen, wem ich vertrauen kann. Wer es wirklich gut meint mit mir und anderen, und wer nur sein ideologisches Süppchen kocht. In der Politik und auch in der Kirche. Das Lebensbeispiel, das Jesus hinterlassen hat, kann der Maßstab sein. Eine Tür ins Leben.

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SWR4 Feiertagsgedanken

06APR2026
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Gestern haben wir Christen Ostern gefeiert. Auferstehung vom Tod. Halleluja, Jesus lebt! So haben wir in den Kirchen gesungen. Und heute in den biblischen Texten im Gottesdienst schon Zweifel. Kann das wirklich sein? Soll man sich das ernsthaft vorstellen?

Nun gehören die Zweifel zum Glauben wie die Erde zum Himmel. Blind zu glauben ohne irgendeinen Zweifel? Ich persönlich kann mir das gar nicht vorstellen. Und mit am schwierigsten zu glauben ist ja das, worum es jetzt an Ostern geht. Dass dieser Jesus auferstanden ist vom Tod und dass ein paar seiner Freunde ihm sogar begegnet sind. So berichtet es die Bibel. Andere, denen sie aufgeregt davon erzählen, nehmen ihnen das zuerst gar nicht ab. Und auch die beiden Jünger, die nach dem Tod Jesu traurig aus Jerusalem weggehen, unterhalten sich unterwegs über nichts anderes. Angeblich soll er leben, haben sie gehört. Doch so richtig glauben können sie das nicht. Noch nicht. Heute, am Ostermontag, wird ihre Geschichte in den Kirchen erzählt. (Lk 24,13-35) Für mich gehört sie zu den schönsten in der Bibel. Die Geschichte der beiden Jesusjünger, die sich von Jerusalem auf den Weg machen ins Dorf Emmaus, ist einer meiner absoluten Favoriten. Weil sie eben nicht schwarz-weiß ist. Weil sie auch Raum lässt für Fragen und Zweifel. Weil sie gerade nicht fundamentalistisch daherkommt, nach dem Motto: Entweder glaubst du alles, wie es im Katechismus steht, oder du gehörst nicht dazu, bist kein richtiger Christ.

Die Geschichte berichtet davon, wie die beiden, die den Tod ihres Freundes noch gar nicht fassen können, immer wieder darüber reden. Sie müssen einfach, wollen begreifen, was da geschehen ist. Die Nachricht, dass Jesus leben soll, verstört sie. Auf ihrem Weg treffen sie einen Fremden. Er schließt sich ihnen an, fragt behutsam nach, lässt sich alles von ihnen berichten. Den beiden, so aufgewühlt wie sie sind, tut die Begegnung mit ihm gut. Es ist so wohltuend, einem anderen sein Herz ausschütten zu können. Einem, der aufmerksam ist, genau hinhört, Anteil nimmt. Am Ziel angekommen ist es Abend geworden. Die beiden laden den Fremden ein, zu bleiben. Als sie dann miteinander am Tisch sitzen, nimmt der das Brot, spricht den jüdischen Lobpreis und bricht es. Und an der Art, wie er das macht, merken sie: Das ist Jesus! Mit ihm selbst haben sie also den ganzen Tag gesprochen. In dem Augenblick aber, als ihnen das klar wird, können sie ihn nicht mehr sehen.

 

Ein verstorbener Freund, der plötzlich wieder auftaucht. Kann gar nicht sein. Gibt’s doch nicht! Auf den ersten Blick erscheint die Geschichte der beiden Jünger tatsächlich etwas schräg. Schon möglich, dass mir auch Zweifel kämen, wenn ich sie zum allerersten Mal hören würde. Dass sie mit ihm reden, sich sogar mit ihm austauschen. Dass ihnen dabei das Herz brennt, wie es in der Geschichte heißt.

Aber vielleicht erzählt die Geschichte ja auch etwas, das vielen, die einen lieben Menschen verloren haben, gar nicht so fremd vorkommt. Vor ein paar Monaten ist ein Kollege und Freund von mir gestorben. Aus heiterem Himmel, über Nacht, völlig unerwartet. Eine gemeinsame Bekannte, die in seiner Nähe wohnt, sagte vor kurzem: Wenn ich um die Ecke gehe, dann denke ich immer noch: Gleich kommt er mir wieder entgegen. Ganz ähnlich ging es mir auch. Wie oft sind wir in der Mittagspause ein paar Schritte zusammen gegangen. Haben diskutiert, über Gott und die Welt geredet. Wenn ich in den Wochen nach seinem Tod dieselben Wege gelaufen bin, dann kamen mir viele Gespräche mit ihm wieder in den Sinn. Und bei Problemen, die mir durch den Kopf gingen, habe ich mich immer wieder gefragt: Was hätte er jetzt dazu gesagt. Dann war es fast so, als ob ich seine Stimme neben mir hören würde.

Natürlich weiß ich, dass er gestorben ist. Ich war auf seiner Beerdigung, habe an seinem Grab gestanden. Aber ich weiß auch, dass es vielen anderen, die den Partner, Freund oder Freundin, Mutter oder Vater verloren haben, ähnlich geht. Sie wissen: Dieser Mensch ist tot, kommt nicht mehr wieder. Und ist trotzdem da. Ganz nah, beim Spaziergang, am Tisch gegenüber. Lebt, irgendwie und doch so anders. Und deshalb steht ein entscheidender Satz in der Geschichte der beiden Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus auch am Ende: Als sie erkennen, dass er es ist, sehen sie ihren Freund nicht mehr. Es gibt keinen greifbaren Beweis. Kein sicheres Wissen. Nur ein Vertrauen, dass das möglich ist: Auferstehung. Das schafft nur der Glaube. Ein so oft strapazierter Satz des Dichters Antoine de Saint Exupery trifft da mitten hinein: Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Die Menschen, die meinem verstorbenen Freund nahe waren, seine Witwe, seine Freunde, seine Bekannten, können es ahnen: Es muss noch mehr geben als den Tod. Das ist Ostern.

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SWR1 3vor8

29MRZ2026
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„Heute ein König“! Mit dem Satz wurde vor Jahren mal Werbung für ein Bier gemacht. Der Satz passt aber auch auf die Geschichte, die heute am Palmsonntag im Mittelpunkt der katholischen wie evangelischen Gottesdienste steht. (Mt 21,1-11) Denn auch da geht’s um einen König. Sie erzählt davon, wie Jesus kurz vor seinem Tod mit seinen Jüngern in Jerusalem einzieht.  Wie ein König eben, nur nicht nach den üblichen Maßstäben. Eher ein König der Herzen. Einen, der später von sich selbst sagen wird, dass sein Königtum nicht von dieser Welt sei. Denn so manches an dieser Geschichte passt nicht zu einem König, wie man ihn sich gemeinhin vorstellt. Da lässt Jesus etwa eine Eselin samt Fohlen organisieren, kein stolzes Pferd. Und auf der Eselin reitet er, wenig königlich, nach Jerusalem hinein. Oder da sind Leute, die ihre Kleider vor ihm auf dem Weg ausbreiten, ihm quasi den roten Teppich ausrollen wie einem großen Herrscher. Das Ganze garniert mit Palmzweigen. Einem alten Symbol für den Triumph. Und doch wirkt das verglichen mit einem echten Herrscher oder Feldherrn eher wie eine Parodie auf den ganz großen Auftritt. Man stelle sich die Szene mal vor: Kurz vor dem Passahfest war Jerusalem damals prallvoll mit tausenden Pilgern. Die Stadt platzte förmlich aus allen Nähten. Und die Jesusanhänger eine kleine, überschaubare Gruppe unter vielen anderen. Der Einzug auf einem Esel mit ein paar dutzend Anhängern, die ihn wie einen König bejubeln. Aus der Distanz betrachtet wirkt er wie eine Lachnummer. Warum also erzählt die Bibel das so bewusst?

Weil dieser König nicht wie die üblichen Herrscher sein soll. Weil es bei ihm nicht um Macht und Einfluss und schon gar nicht um militärische Stärke geht. Weil dieser Herrscher eher ein Anti-König ist. Einer, in dem sich die alten Prophezeiungen vom Friedenskönig erfüllen. Juble laut, Tochter Zion! / Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir, heißt es da. Und weiter:  Demütig ist er und reitet auf einem Esel, / ja, auf einem Esel, dem Jungen einer Eselin. (Sach 9,9) In einer Welt, in der – wie gerade mal wieder – das Recht des Stärkeren herrscht, mag so ein König eine Lachnummer sein. Aber vielleicht wäre er gerade jetzt besonders wichtig.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

18MRZ2026
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„Viel Erfolg“! Vor kurzem erst habe ich das einer Kollegin gewünscht. Sie musste sich um eine Fernsehübertragung kümmern und da gibt’s unglaublich viel zu organisieren. Viel Erfolg! Was ich ihr damit sagen wollte: Ich wünsche dir, dass alles so gelingt, wie du es geplant hast.

Nun ist das mit dem Erfolg so eine Sache. Ein Erfolg kann ja ganz vieles sein. Ein berufliches Projekt, wie bei meiner Kollegin. Das Fairnesskaufhaus in unserer Stadt, wo Leute für wenig Geld gute, gebrauchte Dinge bekommen. Oder auch konsequenter Naturschutz, wenn Pflanzen und Tiere plötzlich wiederkommen, die wir fast ausgerottet hatten. Auf der anderen Seite kann aber auch ein Krieg erfolgreich sein. Oder ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter schikaniert und ausbeutet. Und ein Garant für gute Laune ist Erfolg leider auch nicht. Manchmal spaltet er. Lässt die neidisch und gehässig werden, die nicht so erfolgreich sind wie andere. „Über deine Erfolge freuen sich deine Eltern. Über deine Misserfolge freuen sich alle anderen“, meinte der Autor Harald Martenstein mal spöttisch in einem Interview.

Der große jüdische Religionsgelehrte Martin Buber war deshalb skeptisch beim Wort „Erfolg“. Erfolg, so hat Buber mal gesagt, sei für ihn „keiner der Namen Gottes“. Das heißt: Wenn irgendwas super läuft, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch gut und wünschenswert ist. Dass es Menschen nützt, ihnen Zuversicht gibt, im Sinne Gottes ist. Wer Schlechtes tut. Wer rücksichtslos mit Menschen und Natur umgeht, kann nicht mit Gott rechnen, selbst, wenn er noch so erfolgreich erscheint. 

Für mich heißt das: Als gläubiger Mensch sollte ich besonders wachsam sein, wenn ich mal wieder sage: Viel Erfolg. Es kommt halt drauf an, was damit gemeint ist.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

17MRZ2026
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Er steht noch immer da, der alte Kulturbeutel meines Vaters. Vor ein paar Jahren ist mein Vater im Krankenhaus gestorben. Den Beutel haben wir damals mit anderen persönlichen Dingen mitgenommen. Darin ist wertloses Zeug. Seine Zahnbürste, sein Rasierapparat, etwas Duschgel und manches andere. Nichts davon konnte ich gebrauchen und doch habe ich diesen Kulturbeutel lange aufbewahrt wie einen Schatz. Wegwerfen ging nicht. Es hätte zu weh getan.

Ich habe mich oft gefragt, warum das so ist. Denn nüchtern betrachtet war er zu nichts mehr zu gebrauchen. Mit dem Beutel ist es wie mit zig anderen Gegenständen, die ebenfalls mein Haus bevölkern. Die herumliegen, in Schränken oder Schubladen. Die zustauben und Platz wegnehmen. Ich brauche sie nicht und doch kann ich sie auch nicht einfach wegwerfen. Da sind Mitbringsel aus einem wundervollen Urlaub. Geschenke, die mir meine Kinder mal gemacht haben, als sie klein waren. Und an jedem einzelnen Teil kleben Erinnerungen, zäh wie ein altes Kaugummi. Manche tun gut und wärmen die Seele. Andere sind schmerzhaft, wie beim Kulturbeutel meines Vaters. Aber jedes einzelne Teil erzählt eine Geschichte und jedes steht für etwas Wichtiges in meinem Leben.

Oft spüre ich erst viel später, dass die Erinnerungen ein Teil von mir geworden sind. Dass ich sie anschauen, mich daran freuen kann. Dass sie aber nicht mehr weh tun. Das ist der Moment, an dem ich endgültig Abschied nehmen und Dinge loslassen kann. Von dem alten Kulturbeutel werde ich mich demnächst wohl doch trennen. Weil die Erinnerungen an meinen Vater längst ein Stück von mir sind.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

16MRZ2026
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„Home is, where your heart beats“. Heimat ist da, wo dein Herz schlägt. Der Spruch steht auf einem Aufkleber. Er pappt an der Tür zum früheren Kinderzimmer meiner Tochter. Als Schülerin vor vielen Jahren hatte sie den Spruch mal dorthin geklebt. Heimat, da, wo ich ganz ICH sein darf, das war ihr wichtig. Ich glaube, es ist es heute noch.

Wenn ich an der Tür vorbeilaufe und den Spruch sehe, dann erinnert er mich immer auch an einen kleinen Satz aus der Bibel, den ich mag: Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. (Mt 6,21) Nun meint die Bibel mit dem Schatz nicht das, was Verliebte meinen, wenn sie von „meinem Schatz“ reden. Hier geht’s um andere Schätze. Klar, mancher denkt bei „Schatz“ wohl erstmal ans Materielle. Mein Haus, mein Auto, mein Bankdepot. Dabei könnten es auch Orte sein, an denen ich mich wohlfühle. Wo ich ICH sein darf. Werte vielleicht, die mir kostbar sind im Leben. Gerecht zu handeln etwa oder barmherzig zu sein. Und natürlich Menschen, die mich durchs Leben begleiten. Die sind sogar ein besonderer Schatz.

Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Was die Bibel damit sagen will: Mach dir klar, welche Schätze wirklich wichtig sind im Leben. Welche nachhaltig sind, würde es heute vielleicht heißen. Welche ein Schatz im Himmel sein könnte. Ich glaube, am Ende würde ich mich wohl für Beziehungen entscheiden. Beziehungen zu Menschen, die mein Leben reicher machen. Die mir Heimat geben, egal wo ich bin. Ein Stückchen Himmel auf Erden. Dort, wo mein Herz schlägt.

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