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SWR Kultur Wort zum Tag
Ich bin vor Kurzem mit zwei Freunden zusammengesessen und wir haben über Gott und die Welt diskutiert. Es war, wie in der guten alten Zeit. Mit jedem Bier stieg der Übermut, wurde das Sprechen freier. Aber wir waren in Wirklichkeit nicht nur zu dritt, sondern wir waren mindestens zu siebt. Siri, der Sprachassistent auf dem I-Phone war mit dabei, auch Bixby, der Sprachassistent auf dem Samsung Handy. Außerdem nahmen noch Chat GPT und google Gemini an dem Gespräch teil. Vor allem einer meiner Freunde wandte sich mit jeder Frage sofort an die Künstliche Intelligenz und die Künstliche Intelligenz antwortete prompt. Es gab also keinerlei Unklarheiten in unserem Gespräch, jeder Zweifel wurde sofort beseitigt, jede Frage geklärt. Das war natürlich höchst effektiv. Wir mussten nicht lange grübeln oder überlegen, wir konnten uns bei jedem Thema sofort auf den aktuellen Wissensstand bringen und auf der Basis von Fakten weiter diskutieren.
Es ist im Grunde das effektivste Gespräch gewesen, das ich jemals geführt habe. Zugleich aber auch ein sehr langweiliges. Denn auch wenn wir eine Fülle von Themen und Fragen für uns geklärt haben, fühlte ich mich danach irgendwie leer und schal – nicht so inspiriert wie nach anderen Gesprächen. Ich glaube, diese ganzen KI-Sachen können uns im beruflichen Umfeld und in der Verwaltung gute Dienste erweisen. Im Privaten machen sie aber vieles kaputt. Denn, wenn jede Frage sofort geklärt ist, geht vieles verloren. Das Grübeln, das Vermuten, das Ausschweifen in Gedanken und Ideen. Das Ausprobieren von Möglichkeiten. Das kreative Spielen mit den Gedanken und den Worten. Das alles wird weniger durch die unnatürliche Intelligenz aus dem Smartphone, die alles zu wissen scheint.
Ich habe den Eindruck, als ersticken wir geradezu in einem Zuviel an Information, an einem Überangebot von Wissen. Nicht immer – wie gesagt, ich glaube, es gibt viele Bereiche, in denen uns die KI ganz sicher weiterhilft – aber gerade in solch privaten Runden, hemmt und stört sie mich eher mit ihrem ganzen Wissen. Ja, mit ihrer Besserwisserei. Ich glaube, es gibt Situationen, da ist es besser weniger zu wissen, dafür aber mehr zu denken.
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Es gibt dieses Lied von Max Raabe, das ich sehr gern habe: „Es wird wieder gut“.
Das ist ein kleines, einfaches Lied mit einer einfachen Melodie und einem einfachen Text.
„Es geht mal runter und mal rauf“ singt er „nimms in Kauf, im Leben wie beim Dauerlauf – gib nicht auf“. Der Text beschreibt mit einem Augenzwinkern das Auf und Ab des Lebens in einem Tonfall, der mir sehr gut gefällt. Es schwingt immer der Gedanke mit: Es ist eben, wie es ist. Mach dich nicht verrückt. Du kannst es sowieso nicht ändern. Das Leben geht weiter. Dieses Lied hat mir geholfen, mit der Trauer um meine Mutter fertigzuwerden – auch wenn es erst viel später erschienen ist.
Wer schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat, der kann es vielleicht nachvollziehen. Es ist, als tritt man aus der Zeit heraus. Plötzlich steht man neben allem. Das ganze Dasein und das ganze Empfinden ist irgendwie, wie das Pfeifen in den Ohren nach einem großen lauten Knall. Ich war ganz in mich zurück geworfen. Plötzlich war alles anders. Nichts ist mehr gewesen, wie es war. Die Welt hatte sich vollkommen verändert. Sie war zerbrochen und noch nicht wieder zusammengesetzt. Nichts ergab mehr einen Sinn. Die Zeit war irgendwie stehengeblieben. Und weil ich es so empfunden habe, habe ich gedacht, dass alle es auch so empfinden müssen. Dass die Welt für alle anderen auch auseinander gebrochen ist.
Aber das ist sie gar nicht. Es ist einfach alles weitergegangen. Meine Familie und ich, wir haben viel aufrichtige Anteilnahme erfahren. Aber im Grunde ist alles einfach weitergegangen, wie bisher. Die Menschen haben ihren Alltag gelebt, morgens lag die Zeitung im Briefkasten, abends um acht kam die Tagesschau. Es heißt immer, wenn einem das Schicksal einen Schlag versetzt hat, dass es weitergehen muss. Aber das stimmt nicht, denn es geht einfach weiter. Es geht alles immer weiter, wie bisher. Die Kunst ist es, wieder mitmachen zu können. Wieder Schritthalten zu können.
Und da kommt mir wieder dieses kleine Liedlein in den Sinn. Das mit etwas Abstand auf das Ganze schaut und eine tiefe Zuversicht verbreitet: „Es wird wieder gut – singt Max Raabe- auch wenn‘s nicht so aussieht“. Heute kann ich sagen, dass es stimmt. Auch wenn es lange nicht danach ausgesehen hat, aber es ist wieder gut. Anders als davor. Ein anderes Gut. Aber gut.
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Ein guter Freund von mir hat mir vor einiger Zeit erzählt, dass er sich intensiv mit der Börse und der Finanzwelt beschäftigt. Das hat mich sehr überrascht. Denn wir hatten gemeinsam Philosophie studiert und in unseren jungen und wilden Studienjahren nichts Geringeres als die Rettung der Welt und den Weg zur Erleuchtung im Sinn gehabt. In durchzechten Nächten sind wir dem Sein auf den Grund gegangen und haben versucht herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wie es eben so ist, wenn man jung ist und man das Gefühl hat, die Welt stehe einem offen oder gehöre einem sogar.
Er ist dann irgendwann ausgewandert und hat ein sehr buntes und abwechslungsreiches Leben geführt. Unser Kontakt ist seltener geworden, aber immer, wenn wir uns getroffen haben, ist es schnell wieder um die großen philosophischen Fragen gegangen. Aber plötzlich hat er eben mit der Finanzwelt angefangen und das hat für mich gar nicht zu ihm gepasst. Denn mein Klischeebild von Menschen im Finanzsektor hat etwas mit teuren Anzügen zu tun, mit einer marktliberalen Weltsicht, mit Profit und Reichtum. Aber nichts mit Schopenhauer, Heidegger, Meister Eckhardt oder Platon - mit denen wir uns sonst immer beschäftigt haben. Nichts mit den großen Fragen des Lebens, nichts mit der Suche nach dem richtigen, wahren Sein, nichts mit der Angst vor dem Tod. Er hat gelacht, als ich ihm das gesagt habe und gemeint, dass es ihm lange genauso gegangen ist. Und, so hat er mir erzählt, er interessiere sich auch gar nicht fürs Geld. Er interessiere sich auch nicht sonderlich für die Wirtschaft und habe kein Bedürfnis ein Leben zu führen, das sich nach diesen Dingen ausrichtet. Nein, er habe ein philosophisches Interesse daran. Er findet es spannend, wie sich Börsenkurse verhalten, wie die Menschen darauf reagieren, wie die Reaktion der Menschen wieder die Kurse beeinflusst. Er meinte, dass das alles Psychologie sei, dass das allermeiste auf Vermutung und Spekulation beruht. Dass man die Entwicklungen nicht in der Hand hat. Und das, meinte er, hat sehr viel mit Philosophie und mit Lebenskunst zu tun. Mit der Welt in der wir leben, mit den Fragen, die uns umtreiben, mit der Suche danach, wie das Leben zu meistern ist.
Er brachte es schließlich auf eine ganz einfache, beinahe banale Formel – Ja, beinahe ein Kalenderspruch - die mir aber ganz gut gefallen hat: An der Börse geht es auf und ab, wie im Leben. Mal steht man hoch im Kurs, mal fällt man hinten herunter. Die größte Kunst besteht darin, sich nicht davon verrückt machen zu lassen.
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Ich lebe und arbeite im Sommer in den Bergen. Wenn ich Besorgungen machen muss, steige ich vom Berg hinunter bis zu meinem Auto und fahre durch die Wälder ins Tal, um einzukaufen. Vor ein paar Wochen war der Fahrweg von einer Kuhherde versperrt. Es war eine Herde Jungvieh, das den Sommer auf den Almen verbringt, zu Beginn der Saison aber noch recht schreckhaft und ängstlich ist, weil alles für sie noch neu und ungewohnt ist.
Deshalb bin ich ganz langsam weitergefahren. Die meisten Tiere wichen schnell aus und glotzten mein Auto recht fragend an. Nur das letzte Tier blieb einfach mitten auf dem Weg stehen. Eigentlich blieb es nicht stehen, sondern es ging etwas nervös von der einen Seite zur anderen. Aber immer gerade nur so weit, dass ich nicht vorbeifahren konnte. Ab und an näherte es sich langsam dem Auto und schien daran zu schnuppern, schreckte dann auf und rannte geradezu ein Stück zurück. Blieb dann wieder stehen und wandte sich wieder dem Auto zu. Es wurde immer unruhiger, sein Blick streifte hin und her und schien etwas zu suchen. Ich habe überlegt, was ich machen könnte. Hupen wollte ich nicht, denn das arme Tier schien mir schon durcheinander genug zu sein. Schließlich habe ich die Scheibe heruntergelassen und meinen Kopf herausgestreckt und irgendetwas gesagt wie „Jaaa, mein Guter, lass mich vorbei“. Ich wollte das Tier beruhigen. Und es beruhigte sich auch. Aber nicht wegen meiner Stimme, wie ich zuerst gedacht hatte. Sondern ich hatte den Eindruck, dass es sich beruhigte, als wir uns in die Augen geschaut haben. Denn nachdem es meine Augen gesehen hatte, zumindest bilde ich mir das ein, wurde es ganz ruhig und ging zu den anderen an den Straßenrand. Als sich unser Blick getroffen hat, muss irgendetwas passiert sein. Das Tier muss mich als ein Lebewesen erkannt haben. Als etwas oder jemand, der auch lebt und ihm deshalb irgendwie ähnlich ist. Mit dem Auto konnte es nichts anfangen, erst als es meine lebendigen Augen gesehen hat, ist das Tier mit der Situation zurechtgekommen. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber ich habe es in dem Moment so empfunden. Und ich fand es sehr schön. Als wir uns angesehen haben, haben wir eine Verbindung aufgebaut, obwohl wir uns ganz fremd und völlig verschieden sind. Ich finde, das ist ein schönes Bild. Wenn wir auch ganz anders, ganz fremd sind, ganz andere Sprachen sprechen und ganz andere Wesen sind. Wenn wir es schaffen uns offen in die Augen zu sehen, nicht unsere Unterschiede, sondern unsere Ähnlichkeiten entdecken, kann eine Verbindung entstehen.
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Schon als Kind war ich ein großer Fan von Hörspielen. Die hab ich geliebt und bin ganz in die Welten, die mir vorgespielt wurden, eingetaucht. Und auch heute mag ich sie noch, wenn es auch nicht mehr dieselben sind wie früher. Kein Benjamin Blümchen und kein Alf mehr. Heute sind es eher Hörbücher, die mich begleiten, wenn ich unterwegs bin. Und es sind auch keine Kassetten mehr wie früher, sondern dafür habe ich heute eine App auf meinem Smartphone. Und wie es nun einmal so ist, wenn man irgendwo regelmäßig etwas Neues kauft, bekomme ich ständig Vorschläge, was ich denn als Nächstes hören könnte. Offensichtlich gibt es da eine künstliche Intelligenz, die sich an meinem Hörverhalten orientiert und mir Angebote macht. Das ist recht witzig, weil ich dazu neige mir sogenannte Literaturklassiker anzuhören. Die Angebote klingen dann in etwa so: „Empfehlung für Dich: Das neue Buch von Georg Büchner“. Oder: „Jetzt neu: Der aktuelle Roman von Truman Capote.“ Oder auch: „Nicht verpassen: Neues von Thomas Mann“!
Ich muss da immer schmunzeln, denn all diese Autoren sind schon lange tot und haben ganz sicher kein neues Buch geschrieben. Aber offenbar weiß das die Künstliche Intelligenz nicht. Sie ist nicht darauf ausgerichtet herauszufinden, was neu oder alt ist oder was hinter den angepriesenen Titeln wirklich steckt. Es geht ihr darum etwas zu verkaufen. Da nimmt sie es mit der Wirklichkeit nicht so genau. Sie bietet mir Altes und längst Bewährtes als brandneu an. Und das ist etwas, das mir auch in anderen Bereichen immer wieder begegnet. Wir leben ja, wie es heißt, in einer beschleunigten Zeit voller Veränderungen. Ständig gibt es etwas Neues, etwas völlig Revolutionäres. Aber oft frage ich mich, ob das dann wirklich so neu oder ob es nicht vielmehr etwas längst Bekanntes, nur in einem neuen Gewand, ist. Ich denke da vor allem an gesellschaftliche Themen. Zum Beispiel wird in den letzten Jahren ja sehr viel über den menschengemachten Klimawandel gesprochen und gestritten. Doch ist das Thema gar nicht so modern. Schon in den 1920er Jahren warnte der Philosoph Theodor Lessing vor dem – wie er schrieb - „Kohlendunst der Riesenstädte“ und sprach von einem drohenden Klimawandel.
Auch wenn vieles heute anders klingt, anders aussieht, sich anders anfühlt. Schneller und komplexer ist. Ich denke, dass im Kern gar nicht so viel Neues geschieht oder entsteht. Dass das Allermeiste schon einmal da gewesen ist und es sich uns heute lediglich anders zeigt. Wie ein altes Buch von Thomas Mann – nur als Hörbuch.
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Weil es ein schöner Sonnentag war und ich Zeit hatte, habe ich mich auf mein Fahrrad gesetzt und bin ein paar Stunden durch die Gegend gefahren. In Dinkelsbühl, einer kleinen Stadt bei mir in der Nähe, habe ich eine Pause eingelegt. Die Stadt ist wunderschön. Die Verheerungen des Krieges sind an ihr vorbei gegangen, es gibt viele historische Gebäude, eine Stadtmauer und vor dieser einen schönen Park. Dort hab ich mich hingesetzt, mein mitgebrachtes Brot gegessen und die Sonne genossen. Eine Frau saß neben mir auf der Bank. Sie hatte Ähnliches im Sinn. Auf der nächsten Bank saß ein junger Mann, der beständig auf sein Handy geschaut hat. Das hat die Frau neben mir irgendwie gestört. „Sehen Sie den?“ hat sie zu mir gesagt „Der kommt von dem Ding nicht mehr weg. Der schaut die ganze Zeit nur auf sein Handy. Der sieht doch gar nichts sonst“. Genau wie der junge Mann auf sein Handy, schaute die Frau jetzt auf den jungen Mann. Sie konnte den Blick nicht mehr von ihm lassen. Sie war nicht verärgert, war nicht eine von denen, die über die Jungen schimpfen, die nur noch ihr Handy im Kopf haben. Nein, sie machte sich ernsthaft Sorgen. Es schien ihr leid zu tun, dass der Mann all das Schöne um sich herum gar nicht wahrnehmen konnte oder wollte. Schließlich ist sie zu ihm hingegangen und hat ihn freundlich angesprochen. „Entschuldigen Sie, aber ich muss Ihnen dass jetzt sagen: Sie schauen ja nur auf den Bildschirm. Sie sehen ja gar nicht, wie schön es hier ist, die Sonne, der Fluss, die Bäume, die Vögel. Schauen Sie sich doch mal um. Legen Sie das Ding doch mal weg. Das raubt Ihnen doch die Welt.“ Der junge Mann lächelte. „Sie haben ganz recht, aber sehen Sie: Ich arbeite gerade. Normalerweise müsste ich in meinem tristen Büro sitzen. Aber durch dieses Ding hier“, er hob sein Smartphone hoch, „kann ich hier draußen sein. Kann ich die Sonne spüren, die Vögel hören und das Rauschen in den Bäumen. Das Ding raubt mir nicht die Welt. Es schenkt sie mir.“
Die Frau hat sich dann zu dem Mann gesetzt und sie haben sich noch eine Weile leise unterhalten. Ich hab ihnen zugeschaut. Sie saßen da, die Vögel haben gesungen, in den Bäumen rauschte ein leichter Wind. Der Bildschirm des smartphones spiegelte sich in der Sonne. So oft sind die Dinge ganz anders, als sie zunächst aussehen.
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Ich habe den Soldatenfriedhof in Colleville-sur-mer besucht. Dort liegen die meisten amerikanischen Soldaten, die am 6. Juni 1944 bei der Landung der Alliierten in der Normandie und in den darauffolgenden Kämpfen gefallen sind. Scheinbar endlos reihen sich dort die weißen Kreuze aneinander. Allein die schiere Masse der Kreuze zeigt die Monstrosität der Ereignisse dort vor über 80 Jahren. Der Friedhof liegt etwas oberhalb des als Omaha Beach bezeichneten Strandes. Man hört, wie die Wellen anbranden. Die waren 1944, nach dem sogenannten D-Day Berichten zufolge vom Blut der Soldaten rot gefärbt. Es ist ein Ort, der mich sehr aufgewühlt und ratlos gemacht hat.
Also brauchte ich eine Verschnaufpause und habe mich etwas abseits auf eine Bank gesetzt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass hinter dem Gebüsch neben mir ein Liebespärchen zugange ist. Zwei Junge Leute. Sie kicherten und alberten herum, küssten und neckten sich. Das hat mich gestört. Ich bin weggegangen. Ja, ich war entsetzt über dieses respektlose Verhalten an einem so geschichtsträchtigen, würdevollen Ort. Ich bin dann weg und durch die Reihen der Kreuze gegangen. Schließlich ist mir aufgefallen. wie jung die meisten der gefallenen Soldaten waren. Viele 18 oder 19 Jahre alt. Sie sind aus dem Landungsboot gesprungen und über den Strand gerannt mitten ins Maschinengewehrfeuer der Deutschen. Wie ich gelesen habe, waren die ersten Angriffswellen wohl hauptsächlich mit jungen und unerfahrenen Soldaten besetzt, weil die nicht wussten, was auf sie zukommen würde. Man hat wohl geglaubt, dass man sie leichter ins Feuer schicken kann. Dann musste ich wieder an das knutschende Liebespaar von eben denken, das etwa im gleichen Alter sein musste, wie die meisten der Soldaten hier. Die etwas taten, was denen verwehrt geblieben war. Viele dieser dort am Strand Gefallenen haben niemals ein Mädchen geküsst, waren niemals verliebt gewesen. Haben keine Chance dazu gehabt, weil sie den Strand in der Normandie stürmen mussten. Da wurde ich etwas milder in meinem Urteil über das Liebespaar. Eigentlich freute ich mich, dass sie getan haben, was sie getan haben. Dass sie sich verhalten hatten, wie sich junge Leute in diesem Alter verhalten sollten. Dass sie nicht wie ihre Altersgenossen mit einem Gewehr in der Hand auf den Atlantikwall zustürmen mussten, sondern turtelten und knutschten. Und ich war froh, dass sie das konnten. Auch an diesem Ort. Und vielleicht ist es das Beste, was man an so einem Ort tun kann. Sich küssen.
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Immer wieder gibt es Bücher oder Spekulationen darüber, wie er ausgesehen haben könnte. Ich erinnere mich an eine Theorie, nach der er groß und schlank gewesen sein soll. Auch an eine, nach der er eher rundlich und klein war und eine Knollennase gehabt hat. Jenseits ihres vermutlich fragwürdigen wissenschaftlichen Werts irritieren mich solche Untersuchungen immer. Weil ich die Frage gar nicht nachvollziehen kann. Mir ist es eigentlich egal, wie Jesus ausgesehen hat. Außerdem glaube ich es schon zu wissen.
Ich bin einmal durch Südtirol gewandert, wo es in den Bergen viele Wegkreuze gibt. Das sind oft sehr schöne Schnitzarbeiten, die ich mir gerne ansehe. Auf dieser Wanderung bin ich an besonders vielen davon vorbeigekommen. Außerdem bin ich unterwegs auch mit vielen Bewohnern der Region ins Gespräch gekommen. Alles kräftige, drahtige Bergbauern. Schließlich hatte ich den Eindruck, dass der Gekreuzigte der Wegkreuze genauso ausgesehen hat. Jesus sieht dort aus wie ein Südtiroler Bergbauer. Aber als ich einmal im Schwarzwald war, hatte ich den Eindruck, Jesus sieht genauso aus wie die Menschen dort im Schwarzwald. Ich war noch nie in Afrika, aber ich habe in einer Ausstellung einmal Kreuze aus Äthiopien gesehen und der Mann, der daran hing, sah aus, wie ich mir Menschen in Äthiopien vorstelle. Ich weiß nicht, ob es so ist, aber ich könnte mir vorstellen, dass Jesus in China aussieht, wie ein Chinese und in Peru, wie ein Peruaner.
Und das finde ich sehr treffend. Wenn die Künstler, die die Kreuze herstellen, sich an den Menschen ihrer Umgebung orientieren, dann ist das ein schönes Bild: Jesus als der Sohn Gottes, der Mensch geworden ist, sieht eben aus wie Menschen aussehen, das ist mal so und mal so. Mal hat er die eine Hautfarbe, mal eine andere, mal trägt er die Haare so, mal so, mal hat er einen Bart, mal keinen. Für mich sind all diese Darstellungen völlig in Ordnung. Jede versucht Jesus zu beschreiben und zu zeigen. Es gibt eben verschiedene Möglichkeiten, wie wir Menschen aussehen. Nimmt man alle zusammen, dann sind in den Jesusdarstellungen alle vertreten. Und dann lässt sich erkennen, wie er ausgesehen hat: Wie einer von uns.
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Pipi Langstrumpf war für mich als Kind immer ein Vorbild. Wahrscheinlich war sie es für sehr viele Kinder damals. Egal, ob Mädchen oder Jungen. Pipi lebte in ihrem eigenen Haus, in dem sie die Chefin war, zusammen mit dem Affen Herr Nielson und dem Pferd „Kleiner Onkel“ und sie konnte dort tun und lassen, was sie wollte. Sie musste nicht in die Schule, sie hatte genug Geld, war der stärkste Mensch der Welt, lustig und unbeschwert. Und alles ist ihr geglückt. Was sie angepackt hat, sie hat es geschafft und dabei immer gelächelt.
Ja, es ist eine schöne Welt, die Astrid Lindgren da entworfen hat. Ich wollte als Kind lange wie Pipi sein, aber habe dann recht schnell gemerkt, dass ich es einfach nicht bin. Dass das Leben einfach nicht so ist. Ich hatte keine Goldkoffer im Schrank, ich konnte keine Eisenstangen verbiegen, wenn ich einen Affen als Haustier mit nach Hause gebracht hätte, wäre zuhause was los gewesen. Und in die Schule bin ich auch gegangen. Ich bin also die ganze Zeit an meinem Vorbild Pipi gescheitert oder habe an ihr vorbeigelebt. Also habe ich mit den Vorbildern aufgehört. Eine zeitlang wollte ich noch so gut Fußball spielen wie Lothar Matthäus, aber auch dieser Wunsch ist nie in Erfüllung gegangen. Ich habe es vorgezogen mich an mir selbst, meinen Talenten und Fähigkeiten und eben auch meinem Unvermögen zu messen. Und bin damit ganz gut gefahren. Ich halte nicht mehr viel davon anderen nachzueifern. Aber ich finde es gewinnbringend anderen zuzuhören. Was sie zu sagen haben, was sie denken. Was sie mir über das Leben und für mein Leben sagen können. Das finde ich spannend. Und da spielen dann auch meine ersten Idole wieder eine Rolle. Von Lothar Matthäus ist der tolle Satz überliefert: “Gewollt hab ich schon gemocht, aber gedurft haben sie mich nicht gelassen“. Auch wenn viele über diesen Satz lachen, ich finde ihn großartig und weiß genau was gemeint ist. Noch tiefer geht aber ein Zitat, das von Pipi Langstrumpf stammt, es geht so: „Das hab ich noch nie probiert, deshalb bin ich mir ganz sicher, dass ich es schaffe.“
Dieser Satz ist wundervoll und hilft mir immer wieder dabei neue Situationen oder Herausforderungen zu meistern. Es ist nicht so, dass mir alles gelingt, im Gegenteil. Aber das ist auch nicht wichtig. Der Satz drückt eine tiefe Zuversicht aus, dass die Zukunft gelingt. Ich glaube, diese Zuversicht ist wirklich vorbildhaft. Und notwendig.
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Das Besondere an Jesus war vielleicht, dass er viele Tabus überschritten hat. Ihm war vieles egal: Ob jemand verstoßen, aussätzig, oder anders war - Er ist hin zu den Leuten. Ob etwas schicklich war oder nicht - Er hat es gemacht.
Er hat die eine oder andere Grenze überschritten und damit sicher auch manche Menschen provoziert oder verletzt. Auf jeden Fall hat er damals viele irritiert und das hat ihn bestimmt wiederum auch interessant gemacht.
Heute würde man vielleicht sagen, er war „disruptiv“, hat Dinge unterbrochen, hinterfragt, manches einfach über den Haufen geworfen. Disruption ist ein Begriff, den ich in den letzten Monaten vermehrt höre. Vor allem in der Politik und in der Wirtschaft. Man muss hemmende Strukturen durchbrechen, um voranzukommen. Muss mal einen Schritt weiter gehen. Das hat seinen Reiz, das gebe ich zu. Aber ich muss gestehen, ich finde das auch schwierig. Denn Disruption ist kein Selbstzweck und kann nicht zum Prinzip werden. Man kann hier vielleicht sagen: Das Mittel heiligt nicht die Zwecke. Denn mit Zerstörung und Demontage allein komme ich nicht weiter. Bei Jesus war klar, es ging ihm um die Menschen, darum Gerechtigkeit und Respekt herzustellen. Alles, was das in Frage gestellt hat, hat er infrage gestellt. Zum Beispiel lässt er sich von dem Zöllner Zachäus einladen, der qua seines Amtes von den anderen gemieden wird. „Bei einem Sünder ist er eingekehrt“, murren sie. Aber Jesus ist das egal. Er sieht durch das Sündhafte hindurch den Menschen. Er schaut nicht auf Gerüchte und Vorurteile.
Wenn heute von Disruption gesprochen wird, bin ich mir nicht sicher, ob es immer um uns Menschen geht, ob es um Gerechtigkeit und Respekt, um eine gute Welt und ein besseres Miteinander geht. Oder nur um die Vorteile für einen selbst und die eigene Gruppe.
Es ist manchmal wirklich an der Zeit Festgefahrenes zu durchbrechen, neue Wege zu gehen, Systeme zu überdenken. Im Privaten wie im großen Politischen. Aber es kommt dabei immer auf das Ziel an. Jesus hatte sein Ziel und dem ist er treu geblieben. Es ging ihm um die Menschen und die Gemeinschaft. Um ein gutes Leben für alle. Auch für die „Anderen“. Wenn das das ehrliche Ziel ist, ist Disruption notwendig und willkommen. Wenn es dem Selbstzweck dient und es nur darum geht für Aufmerksamkeit und Empörung zu sorgen, kann ich gern darauf verzichten.
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