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SWR4 Abendgedanken

25APR2025
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Eine Krippe an Ostern? Also sozusagen Weihnachtsfeeling in den Ostertagen? Das gibt’s bei uns in der Kirche. Dort, wo im Winter sonst die Krippe steht, ist jetzt auf drei mal zwei Metern eine Osterlandschaft aufgebaut. Es gibt ein kleines Stadttor, einen Miniatur-Garten mit Bäumchen und schmalen Sandwegen, einen Hügel mit drei kleinen Kreuzen und eine Höhle aus Steinen, vor der eine brennende Kerze steht. Drumherum blühen Tulpen und Narzissen und es duftet nach Moos und frischer Erde. Frauen aus unserer Gemeinde haben diesen kleinen Ostergarten angelegt. Von Palmsonntag, über Gründonnerstag und Karfreitag bis Ostern ist immer wieder was dazugekommen.

Statt der Weihnachtsgeschichte also Ostern erleben. Schon im Mittelalter hat es solche sogenannten Passionskrippen gegeben, und damit konnten auch diejenigen, die nicht lesen konnten, die Geschichte von Tod und Auferstehung Jesu verstehen. Heute fasziniert der Ostergarten vor allem Kinder. Und ich stehe auch gern davor – gerade in der Woche nach Ostern.

Denn jetzt, wo alle Feiertage vorbei sind und der Ostergarten komplett ist, sehe ich auf einen Blick das ganze Osterpanorama. Und ich sehe, wie verschieden und vielfältig die einzelnen Tage sind.

Es geht los mit dem Palmsonntag, an dem Jesus nach Jerusalem kommt. Die Menschen stehen am Straßenrand und jubeln ihm zu. Sie feiern und freuen sich. Dann der Gründonnerstag mit dem letzten Abendmahl. Jesus ringt mit seinem Schicksal und wird verhaftet. Am Karfreitag wird er gekreuzigt, stirbt und wird begraben. Und an Ostern erscheint er seinen Freundinnen und Freunden als der Auferstandene. So viele Stimmungen und Gefühle geballt in nur wenigen Tagen: Freude, Verzweiflung, Schmerz, Tod und am Ende doch neues Leben und Hoffnung. All das steckt in Ostern.

Und ich finde mich darin wieder: Finde die Freude, die ich spüre, wenn ich bei der Arbeit ein wichtiges Projekt geschafft habe. Ich spüre Verzweiflung, wenn ich die Nachrichten sehe von Krieg und Katastrophen. Ich kenne Schmerz und fühle mich machtlos, weil eine Freundin Depressionen hat und ich nichts tun kann. Und ich spüre die Hoffnung, wenn sich jemand nach dem Tod eines geliebten Menschen wieder ins Leben zurückkämpft und eine neue Perspektive sieht.

Der Blick über den Ostergarten zeigt mir, dass ich für das, was ich erlebe, Anknüpfungspunkte im Leben von Jesus finden kann. Das entlastet mich, denn ich sehe, dass ich damit nicht allein bin. An Ostern wird zusammen gefeiert, was Menschen schmerzt und was sie freut. Sie tragen es als Bitte im Gottesdienst vor oder genießen die Gemeinschaft und die Gespräche am Osterfeuer.

Und daran denke ich jetzt nochmal, wenn ich in der Kirche den Ostergarten anschaue. So bunt und reich ist Ostern, einfach voller Leben.

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SWR4 Abendgedanken

24APR2025
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Wenn ich als Seelsorger mit Angehörigen eine Beerdigung vorbereite, stelle ich immer diese eine Frage. Ich frage die Familien: „Sind Kinder bei der Trauerfeier dabei?“ Oft haben die Eltern Bedenken und wissen nicht, ob das mit den Kindern auf dem Friedhof gut gehen kann. Manche lehnen es auch kategorisch ab, ihre Kinder mitzubringen. Und auch wenn die Entscheidung letztlich natürlich bei den Eltern liegt, ermutige ich sie, mit den Kindern zu sprechen. Es lohnt sich immer, wenn man beides gut überlegt, was die Kinder brauchen und wie Eltern unterstützt werden können. Denn Kinder können meistens gut bei Trauerfeiern dabei sein.

Auch Kindergartenkinder können schon deutlich sagen, ob sie auf den Friedhof mitkommen wollen oder nicht. Beides ist völlig ok. Es kommt darauf an, dass Eltern die Kinder und ihre Wünsche ernst nehmen. Denn es ist schwer für die Kleinen, wenn sie merken, dass Mama und Papa traurig sind und allein zu Beerdigung gehen, obwohl die Kinder sie eigentlich begleiten möchten. Und wenn sie dann dabei sind, müssen Kinder immer die Reißleine ziehen können. Wenn es zu schwer wird, dann können sie den Ort der Feier verlassen und mit jemandem eine Runde über den Friedhof spazieren. Bewegung hilft. Und man kann die anderen einfach später wieder am Grab treffen.

Und was besonders schön ist: Kinder können sich auf ihre eigene Art einbringen und verabschieden. Zum Beispiel mit einem Bild oder einem Brief, den sie ins Grab legen. Neulich hab ich eine Frau beerdigt, die mit ihren Enkeln immer viel gebastelt hat. Und zum Abschied haben die kleinen Enkelkinder für ihre verstorbene Oma gebastelt. Ein ganzes Glas voller buntem Konfetti haben sie ausgestanzt. Das haben wir dann zusammen mit Blütenblättern in ihr Grab gestreut. Das war ein schöner Moment, denn die fliegenden Blüten und die farbenfrohen Papierschnipsel haben richtig gut zur Verstorbenen und ihrer Lebensfreude gepasst. Und ich habe noch nie so ein fröhliches und buntes Urnengrab gesehen.

Bei einer anderen Beerdigung hat ein Enkel extra seine Arbeitshose angezogen. Das war im Friedwald. Nach der Feier hat das Kind zusammen mit der Försterin das Grab mit Erde vollgemacht. Ganz ausführlich und in aller Ruhe durfte er mit seiner Kinderschaufel mithelfen. So konnte er ganz praktisch was tun, das hat ihm geholfen.

Wenn Kinder bei der Bestattung dabei sind, ist es auch für Erwachsene ein anderes Gefühl. Es wird nicht weniger getrauert oder geweint, aber es wird vielleicht ein bisschen mehr gelächelt oder sogar gelacht.

Und man spürt, dass alles dabei sein darf, wenn man trauert: Tränen, Lachen, Zupacken und sogar Konfetti.

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SWR4 Abendgedanken

23APR2025
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Ein furchterregender Drache, eine Prinzessin in Not und ein Happy End – klingt nach einer guten Story, oder einem alten Märchen. Aber dahinter steckt viel mehr. Drache, Prinzessin und Happy End, das alles steht für den Heiligen Georg.

Georg hat vor 1700 Jahren irgendwo in einer Stadt in Nordafrika gelebt. Der Legende nach trieb dort ein furchterregender Drache sein Unwesen. Um ihn zu besänftigen, haben die Bewohner täglich zwei Schafe geopfert. Und jetzt wird’s leider brutal: Als es keine Schafe mehr gab, haben die Menschen untereinander gelost und Menschenopfer dargebracht. Hier kommt Georg ins Spiel. Eines Tages fiel das Los auf die Tochter des Königs. Während sie auf den Drachen wartete, kam der heilige Georg angeritten. Mit seiner Lanze hat er den Drachen verwundet und schließlich getötet. Ende gut, alles gut. Eine tolle Geschichte. Kein Wunder, dass viele Leute damals zu Georg-Fans wurden. Er ist einer der beliebtesten Heiligen und ein Schutzpatron, an den man sich in der Not wenden kann.

Der Heilige Georg ist auch der Patron der Pfadfinderinnen und Pfadfinder. Ich bin selbst Pfadi und kenne seine Geschichte seit ich Kind bin. Was ihn auszeichnet, ist dass er einfach gemacht hat und mutig war. Jetzt kann man natürlich sagen: An der Legende ist doch nichts dran. Und das stimmt vermutlich ja auch. Aber am Kern, dass Georg selbstbewusst losgeritten ist, es einfach probiert hat und sich leidenschaftlich für andere eingesetzt hat, da ist was dran. Das passt zu vielem anderem, was sonst noch aus seinem Leben bekannt ist.

Tapfer zu sein und für andere was zu riskieren: So erlebe ich die Pfadfinder. Wenn sie sich eben nicht vor Verantwortung drücken, sondern mutig gegen die – um im Bild zu bleiben – „Drachen im Alltag“ kämpfen. Wenn sie auch die Kinder mit aufs Zeltlager nehmen, die mit ihrem Charakter und ihrem Verhalten eine große Herausforderung sind. Oder wenn sie in ihrer knappen Freizeit tolle Aktionen auf die Beine stellen.

„Gegen Drachen“ kämpfen, das ist so ein typisches Pfadfindermotto. Das kann ich auch gut gebrauchen. Zum Beispiel bei der Freundin, mit der ich mich verkracht habe und mit der ich die Dinge dringend wieder grade rücken müsste. Vor dem Drachen dieses Gesprächs hab ich mich bisher verkrochen. Und ich kenne auch noch andere Alltags-Drachen. Ich denke an kleine unliebsame Aufgaben oder große wie den Kontrollbesuch beim Arzt, den ich vor mir herschiebe.

Die Pfadfinder und der heilige Georg sind wie ein Ansporn für mich. Sie helfen, dass ich mir meine innere Rüstung anziehe und mich mutig meinen ganz persönlichen Drachen stelle.

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SWR4 Abendgedanken

22APR2025
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Wie viele Kinder sich an dieser Scheibe wohl schon ihre Nase plattgedrückt haben? Keine Ahnung! Aber hinter dieser besagten Scheibe liegen eine Handvoll Eier. Meine Kinder stehen da auch und haben die Eier genau im Visier: Tatsächlich – ein Ei wackelt ein bisschen und nach und nach schaut ein kleiner Schnabel aus der aufgepickten Schale. Wir sind im Naturkundemuseum in der Ausstellung „Vom Ei zum Küken“ und wir beobachten begeistert, wie eines langsam schlüpft. Daneben tapsen flauschige Küken umher und piepsen munter um die Wette.

Dass da so putzige Wesen rauskommen! … Faszinierend. Und so ist es auch kein Wunder, dass das Ei in vielen Religionen ein Zeichen für Fruchtbarkeit und neues Leben ist. So gibt es die alte chinesische Vorstellung, dass alles Leben aus einem mystischen Welten-Ei kommt. Und beim persischen Nouruz-Fest, das schon seit über 2500 Jahren immer im Frühling gefeiert wird, liegen gefärbte Eier auf dem Gabentisch. So wie bei uns an Ostern.

Christen haben das Ei als Symbol für die Auferstehung gedeutet. Denn so ein Ei mit seiner Schale wirkt ja erstmal kalt und leblos. Wie das Grab, in das man Jesus nach seinem Tod hineingelegt hat. Doch im Inneren ist neues Leben versteckt. Ein alter christlicher Osterspruch lautet: „Wie der Vogel aus dem Ei gekrochen, hat Jesus das Grab zerbrochen.“

Mir gefallen die Bräuche rund um Ostereier: Ich mag es, wenn wir in der Familie Eier färben. Wenn wir damit die Wohnung dekorieren, sie an Nachbarn und Freunde verschenken oder sie füreinander verstecken. Sehr beliebt ist bei uns auch das Eiertitschen beim Frühstück. Wir spielen das reihum am Tisch und immer zwei stoßen mit ihren Eiern gegeneinander. Wessen Ei heil bleibt, gewinnt. Von der jüngsten Enkelin mit gerade zwei Jahren bis zur Oma mit fast 80: Alle haben Spaß miteinander.

Diese Bräuche haben gemeinsam, dass sie das Leben feiern. Und darauf kommt es an Ostern an. Jesus ist damals vor den Machthabern gescheitert und umgebracht worden. Aber sie haben es nicht geschafft. Er lebt. Was ihm wichtig ist, geht weiter. Seine Auferstehung zeigt, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist, sondern dass die Verstorbenen bei Gott gut aufgehoben sind und dort weiterleben. Auferstehung heißt, dass das Leben und die Liebe stärker sind als der Tod.

Und dieses Leben und die Freude über die Osterbotschaft feiern wir mit den Ostereiern. Wenn wir ein verstecktes Ei im Garten finden oder am Frühstückstisch beim Eiertitschen.

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SWR4 Abendgedanken

22NOV2024
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Heute Abend muss ich mal zwei richtig platte Stammtischparolen zitieren. Ich höre sie leider immer wieder: auf dem Schulhof oder abends auf dem Dorffest. Schlimme Sätze wie: „Die Juden kontrollieren die Welt.“ und „Schwule sind doch alle krank.“ Wenn jemand so was sagt, will ich das nicht so stehen lassen. Aber meistens bin ich nicht besonders schlagfertig.

Jetzt hab ich genau passend dazu eine App für mein Handy gefunden. Sie heißt „Konterbunt“. Ja, richtig gehört: „konterbunt“ – vorne mit einem „o“. Diese Wortschöpfung aus „kontern“ und „bunt“ ist genial, denn es geht darum dagegen zu halten, wenn jemand was Diskriminierendes sagt. Denn jeder hat das Recht zu glauben, was er oder sie will und zu lieben, wen man will. Und niemand darf wegen seiner Herkunft diskriminiert werden oder weil er eine andere Hautfarbe oder eine Behinderung hat. Das macht unsere Gesellschaft bunt und ist sehr bereichernd.

„Konterbunt“ liefert Argumente für die Hosentasche. Und wenn ich zum Beispiel meine Tochter vom Tanzen abhole und im Auto warte, kann ich mit der App mal eben schnell trainieren, was eine gute Antwort auf solche Parolen ist. Die App schlägt mir verschiedene Sätze vor und ich suche die Antwort aus, die am besten passt. Zum Beispiel kann ich auf die üble Parole „Schwule sind doch alle krank.“ antworten: „Wie würde es dir gehen, wenn jemand deine Gefühle als Krankheit beschreibt?“ Ich bin realistisch: Mein Gegenüber wird bestimmt nicht gleich überzeugt sein, nur weil ich einen guten Konter bringe. Aber vielleicht denkt er oder sie nach dem Gespräch nochmal drüber nach. Und alle drumherum merken, dass man sich solche Sätze nicht einfach anhören muss, sondern was dazu sagen kann.

Hinzustehen und Haltung zu zeigen, wenn jemand Parolen schwingt, das hat Jesus auch wunderbar vorgemacht. Er hat sich konsequent auf die Seite derer gestellt, die in der Gesellschaft verachtet wurden. Und ich finde, dass „Konterbunt“ Jesus-mäßig aufgebaut ist. Die App trainiert einen nämlich genau in die Richtung: dass ich den anderen nicht bloßstelle und nicht provoziere. Denn – so sagt die App – wer eskaliert, verliert. Wenn ich aber trotzdem dagegen halte und wir es schaffen, im Gespräch zu bleiben, dann gibt es vielleicht die Chance, dass mein Gegenüber seine Meinung ändert.

Es ist wichtig, diejenigen zu unterstützen, die diskriminiert werden. Und dass wir miteinander reden. Für ein gutes Gesprächsklima braucht es ganz viele, die die richtigen Worte finden. Es ist klasse, wenn „Konterbunt“ dabei hilft.

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SWR4 Abendgedanken

21NOV2024
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Spinnen, Hunde, Höhen – das sind die Top 3 der Dinge, vor denen sich meine Schülerinnen und Schüler fürchten. Wir sprechen im Religionsunterricht über „Angst“ und haben erstmal eine Umfrage gemacht. Mit den Top-3 Antworten hab ich schon gerechnet, aber meine Sechstklässler haben auch Sachen aufgeschrieben, bei denen ich schlucken musste:

„Angst vor der Schule“ oder „Angst davor, dass meine Eltern sterben“. Puh… Heftig, welche Ängste meine elfjährigen Schüler schon begleiten.

Dann beginnen wir und überlegen zusammen, welche guten und welche schlechten Seiten Angst hat. Bei den schlechten kommt schnell was zusammen: Luisa meldet sich: „Angst macht einsam, wenn man sich was nicht traut.“ Und Tom ergänzt: „Angst spürt man im ganzen Körper – man wird starr, oder zittert und hat ein blödes Gefühl im Bauch.“ Beim Positiven überlegen meine Schüler länger. Nach einer Weile meint Maxym: „Wenn ich Angst habe irgendwo runterzufallen, passe ich viel besser auf und mir passiert nichts.“ Von anderen kommt: „Angst kann auch Spaß machen – wenn man sich in der Geisterbahn gruselt.“ Oder „Es fühlt sich toll an, wenn ich meine Angst überwinde und mich etwas traue.“

Und schließlich sammeln wir Rezepte, was man gegen Ängste machen kann. Mit einer Ärztin oder Therapeutin sprechen. Oder sich informieren: Denn wenn ich mich richtig gut mit Spinnen auskenne, finde ich sie vielleicht irgendwann nicht mehr schlimm, sondern voll interessant. Niemand muss seine Ängste unterdrücken oder wegschieben. Manche Ängste bleiben Lebensbegleiter. Aber wenn ich merke, dass sie mich zu sehr einschränken, dann darf ich auch Hilfe annehmen.

So überlege ich mit meinen Schülerinnen und Schülern, und dann kommt die Frage von Tom: „Und was hilft, wenn ich Angst habe, dass meine Eltern sterben?“ Da wird es ruhig im Klassenzimmer, aber allmählich können wir auch darüber reden. Jemand schlägt vor, mit den Eltern oder Freunden über diese Angst zu sprechen. Was für eine wunderbare Idee. Immer wenn ich mit jemandem darüber rede, was mich belastet, merke ich, dass ich mit meiner Angst nicht alleine bin. Im besten Fall merke ich, dass es andere gibt, denen ich mich anvertrauen und auf die mich verlassen kann.

Am Ende der Stunde schnauft Tom einmal tief durch. Er war derjenige, der mit seiner Frage das Gespräch erst so richtig ins Rollen gebracht hat. Jetzt wirkt er erleichtert. Seine Angst ist sicher noch nicht weg, aber wir haben ihr gemeinsam ein bisschen den Schrecken genommen. Denn: Über Ängste sprechen hilft. Immer.

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SWR4 Abendgedanken

20NOV2024
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„Bitte anklopfen, sonst werdet ihr zu Schnitzel!“ Das hat meine Tochter auf einen Zettel gekritzelt und an ihre Zimmertür gehängt. Wir sind vor ein paar Wochen umgezogen, seitdem hat sie ein eigenes Zimmer. Und sie legt großen Wert darauf, dass niemand ungefragt reinplatzt. Das ist ihr gutes Recht. Dafür steht sie ein. Und das finde ich – auch wenn’s manchmal anstrengend ist – richtig gut. Es ärgert mich zwar auch irgendwie, dass sie uns droht. Aber gleichzeitig bin ich auch glücklich, dass sie so selbstbewusst sein kann. Und dass sie weiß, was ihre Rechte sind, auch als Kind.

Genau heute vor 35 Jahren haben die Vereinten Nationen die Kinderrechtskonvention verabschiedet. Dort sind die sog. „Kinderrechte“ festgelegt. Zum Beispiel das Recht jedes Kindes auf gewaltfreie Erziehung, das Recht, eine Schule zu besuchen und das Recht auf Freizeit, also zu spielen, sich zu erholen und kreativ zu sein. Knapp zweihundert Staaten haben die Konvention unterzeichnet und sich verpflichtet, die Kinderrechte politisch zu berücksichtigen.

Das klingt gut, aber die Realität sieht meistens anders aus. Denn vielen Kindern in der Welt geht es schlecht: 250 Millionen von ihnen, vor allem Mädchen, gehen nicht in die Schule und ganz viele von ihnen müssen arbeiten und werden dabei ausgebeutet. Und auch bei uns in Deutschland ist nicht alles in Butter: Viele Kinder sind arm oder Kindergärten und Schulen sind total unterfinanziert, so dass Unterricht in maroden Gebäuden stattfindet oder gleich ganz ausfällt.

Weil das mit den Kinderrechten so wichtig ist, gibt es nicht nur offiziell den „Internationalen Tag der Kinderrechte“ heute, sondern auch in gut sechs Wochen eine riesige Aktion. Dieses Jahr setzen sich nämlich auch die Sternsinger besonders für Kinderrechte ein. Sie sammeln Spenden für Projekte auf der ganzen Welt, die Kindern helfen, deren Rechte eben nicht geachtet werden.

Meine Tochter wird auch wieder mitmachen. Das passt gut zu ihr. Denn sie kann sich super in andere Kinder hineinversetzen und merkt sofort, wenn es irgendwo nicht gerecht zugeht. Wenn sie bei den Sternsingern genauso energisch dabei ist, wie sie das Recht auf ihr Kinderzimmerreich einfordert, wird das im Januar eine gute Sache.

Und was dabei auch noch ein starker Nebeneffekt ist: Sie sieht, dass sie nicht machtlos ist, sondern dass sie was bewegen kann. Dass es sich lohnt, wenn sie aufsteht und sich für andere stark macht. Auch in Sachen Kinderrechte.

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SWR4 Abendgedanken

19NOV2024
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Ich war im ersten Moment erschrocken. Und sofort hatte ich diesen Satz im Kopf: „Das gehört sich doch nicht.“ Ein Lied über Laster und Prostitution beim Warten auf den Papst. Die katholische Kirche ist doch in ihrer Lehre über Sexualität eindeutig. Und selbst wenn die Jugendlichen das nicht so genau wissen, es muss ihnen doch klar sein, dass dieses Lied hier kurz vor dem Vatikan so gar nicht passt. Das denke ich zumindest. Aber offenbar stolpere nur ich über den Stilbruch. Ein paar Minuten später singen sie was ganz Anderes und als wir dann auf dem Petersplatz sind, hören sie aufmerksam dem Papst zu.

An diesem Nachmittag in Rom hab ich mal wieder gelernt, was es heißt, katholisch zu sein. Also dass das, was die Jugendlichen machen, eben auch katholisch ist. Auch wenn manche Kirchenleute rote Ohren kriegen. Die Ministranten, die bei der Wallfahrt dabei waren, sind die Zukunft unserer Kirche. Und sie gehen erfrischend unverkrampft an die Themen ran und fühlen sich wunderbar wohl dabei.

Und ganz allgemein sind Verkrampfungen nichts Gutes. Sie machen eng und schränken ein. Natürlich ist es wichtig, auf Grenzen zu achten und anständig miteinander umzugehen. Aber je nach Situation tut es gut, auch mal locker zu bleiben und das Ganze mit einem Augenzwinkern zu nehmen. Denn das wirkt Wunder: Meine Jugendlichen in Rom haben mit ihrem Humor die heftige Hitze überstanden. Sollen sie dabei doch singen, was sie wollen. Und auch mir geht es besser, wenn ich gelassener bin und manches nicht zu eng sehe. So lassen sich sogar Schranken im Kopf abbauen.

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SWR4 Abendgedanken

18NOV2024
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Manchmal muss man sich so richtig ins Zeug legen und sich dabei auch noch voll einsauen. Das hab ich beim Pizzabacken gelernt. Wenn wir backen, übernimmt meistens unsere Küchenmaschine die klebrige Arbeit. Alle Zutaten rein, anschalten und warten, bis der Teig fertig ist. Aber neulich habe ich einen besonders fluffigen Pizzateig gemacht. Im Rezept stand ausdrücklich, dass man die Zutaten von Hand vermengen soll und dann den Teig eine halbe Ewigkeit kneten, falten und auf die Arbeitsfläche hauen. Richtig viel Arbeit und eine ordentliche Sauerei. Und wie ich da schnaufend und mit klebrigen Händen in der Küche stehe, denke ich an einen Vergleich, den Jesus gezogen hat. Da kommt auch ein Teig vor.

Bei dem Vergleich erklärt Jesus: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte, bis er ganz durchsäuert war.“

Da fühl ich mich in meiner Pizza-Backstube direkt angesprochen. Denn das mit dem Himmelreich fängt ganz unscheinbar an. So wie bei meinem Teig. Wenn ich nach der Ruhezeit das Küchentuch lupfe, bin ich immer gespannt und freu mich, wenn er so richtig an Volumen zugelegt hat. Und Jesus erzählt da nicht nur von ein bisschen Teig, sondern von einer riesigen Menge. Drei Scheffel Mehl, das sind mehr als 22 Kilo! Für diese riesige Menge reicht ein kleines bisschen Sauerteig aus. Aber neben dem Sauerteig braucht es auch die Frau, die die da in der Backstube richtig ackert. Bei 22 Kilo Mehl muss sie viel kneten.

Es braucht also beides: Gottes Wirken – unscheinbar wie die Bakterien und Hefen im Sauerteig – und jemanden, der sich so richtig ins Zeug legt. Gott zaubert das Himmelreich nicht einfach her, also seine neue Welt, wo es allen gut geht. Sondern Himmelreich entsteht, wenn ich loslege und mich voll reingebe. Dass ich helfe, wenn jemand Unterstützung braucht. Jemanden besuche oder anrufe, der einsam oder krank ist. Wenn ich da nicht schweige, wo andere ungerecht behandelt werden. Das ist anstrengend und kostet Mühe, aber so wird das Himmelreich Stück für Stück Realität.

Ich hab an dem Abend unsere Küche wieder sauber gekriegt. Die Pizza war lecker und das Abendessen hat uns nicht nur satt gemacht, sondern es war auch sonst schön, dass wir beieinandersaßen und Zeit hatten. Bei der Frau in der Bibel stelle ich mir vor, dass sie aus ihren 22 Kilo Mehl jede Menge Brot gebacken hat. Und dass sie das dann verteilt hat, so dass richtig viele davon satt wurden – wie im Himmelreich.

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SWR4 Abendgedanken

05JUL2024
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Schwimmbadpommes sind für mich einfach die besten Pommes, am liebsten eine große Portion mit ordentlich Ketchup und Mayo. Ich esse Pommes eigentlich immer gern. Aber im Freibad schmecken sie ganz besonders gut. Vielleicht ist es dieser besondere Mix aus frischer Luft, Sonnencremeduft und Chlor, der Schwimmbadpommes so unwiderstehlich macht. Oder vielleicht lechzt mein Körper nach Kalorien, die er nach einem langen Tag mit Schwimmen und Rutschen dringend braucht.

Diese Kombination aus einem bestimmten Ort und einer Sache, die für mich dort besonders gut oder intensiv ist, kenne ich auch in anderen Zusammenhängen. Zum Telefonieren gehe ich zum Beispiel am liebsten nach draußen. Ich laufe meistens eine ganz bestimmte Route, auf der ich nicht so vielen Leuten begegne. Unterwegs freu ich mich an den Feldern und dem schönen Ausblick. Und ich merke, dass ich dort draußen auf meinem Weg freier sprechen kann. Und ich kann meinem Gegenüber auch besser zuhören.

Ort und Stimmung sind auch für mein Glaubensleben wichtig: Ich gehe nämlich ganz klassisch zum Beten gern in eine Kirche. Ich glaube schon, dass Gott mich jeden Tag begleitet und bei mir ist. Und dass ich deshalb auch überall beten kann. Im Bett, im Auto oder am Schreibtisch. Aber so ganz in Ruhe kann ich beten, wenn ich dafür in eine Kirche gehe. Ich rieche das Wachs der Kerzen, die andere Leute vor mir angezündet haben. Vielleicht schwebt auch noch ein Hauch von Weihrauch durch das Kirchenschiff. Die Sonne bricht sich in den bunten Fenstern. Vielleicht spielt sogar jemand Orgel. Ich suche mir einen Platz irgendwo in den Kirchenbänken. Und dann setze ich mich einfach und fahre innerlich runter. Und auch hier ist es wieder meine Umgebung, die mich das Ganze intensiver erleben lässt. Es ist die besondere Mischung aus Düften, Licht und Einrichtung, die dafür sorgt, dass ich in Kirchen schnell ins Gebet finde und das Gefühl habe, dass Gott mir hier besonders nahe ist. Natürlich klappt das nicht immer und es gibt Tage, da spüre ich nichts von Gottes Nähe. Aber Ort und Atmosphäre helfen mir oft beim Runterkommen und Kraft tanken.

Ich bin froh, dass ich immer wieder spüre, was mir guttut: in einer Kirche, beim Telefonieren oder im Schwimmbad. Dass ich weiß, wie ich am besten mit Gott zur Ruhe komme. Wie ich aufmerksam zuhören und selbst erzählen kann. Oder an welchem Ort die Pommes unvergleichlich lecker sind.

Benjamin Vogel aus Freiburg von der katholischen Kirche.

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