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SWR4 Abendgedanken

27SEP2022
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Die Wahrheit hat Kraft. Sie kann sogar Wände zum Einreißen bringen. Das ist ein Gedanke der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Ich habe ihn an einer Kirche gelesen. Da war ein Bild aufgehängt, auf dem Risse in einer Fassade abgebildet waren. Und daneben die poetischen Worte der Schriftstellerin: „Und doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand.“

Ich weiß nicht, warum das jemand aufgehängt hat. Ich musste dabei auf jeden Fall an die Fälle von sexuellem Missbrauch in der Kirche denken. Da bröckelt schon lange die Fassade und es sind ordentlich Risse drin. Es ist schrecklich, dass lange Zeit vertuscht wurde, nur um die Institution zu schützen. Und es ist bitter, dass man Menschen nicht zugehört hat, denen so viel Gewalt angetan wurde. Mit jedem Gutachten der Kirchen kommt die Wahrheit hoffentlich mehr und mehr ans Licht.

So entstehen Risse in der Wand oder eben Sprünge. Und das ist gut so. Denn das heile Bild von Kirche gibt es nicht mehr. Viel zu lange hat es einen heiligen Schein gegeben, hinter dem gelogen und vertuscht wurde. Die Betroffenen wurden mit ihrem Schmerz oft allein gelassen. Und deshalb haben viele Menschen kein Vertrauen mehr, wenden sich ab und treten aus der Kirche aus.

Ich habe engagierte Kolleginnen und Kollegen, die sich dafür einsetzen, dass Betroffenen endlich zugehört wird und sie die Hilfen bekommen, die sie brauchen. Die sich um eine Kirche bemühen, die ein sicherer Ort ist und sich für die Täter und Täterinnen verantwortlich fühlt. Dass sie für Veränderung und Gerechtigkeit kämpfen, motiviert mich. Und diese Bemühungen sind ein erster wichtiger Schritt. Doch das reicht noch nicht aus. Die Kirche kann das nicht aus eigener Kraft aufarbeiten, sondern braucht Hilfe und Druck von außen.

Ich muss wieder an den Satz von Ingeborg Bachmann denken: „Und doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand.“ Ich hoffe, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Und dass die Sprünge, die dabei entstehen, auch eine Chance für Veränderung sind. Jesus war nicht den Starken und Mächtigen nahe, sondern den Verletzten und Schwachen. Sie müssen im Mittelpunkt stehen. Denn es reicht nicht, die Risse in der Kirche kosmetisch zu zu spachteln. Es reicht nicht, wenn Bischöfe betroffen reden und doch alles beim Alten bleibt. Wir müssen in der Kirche grundlegend anders mit Macht, Verantwortung und Sexualität umgehen. Für mich ist das ein Hoffnungssatz geworden: „Und doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand.“

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