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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Im November kommt dann und wann meine Trauer auf einen Besuch vorbei. Ich kann ihre Besuche schlecht im Voraus planen. Manchmal reicht es aus, wenn ich ihr einen Tee koche und wir uns ein paar Stunden Zeit nehmen für ein Gespräch und die eine oder andere Träne. Doch es gibt Tage, da ist sie hartnäckig. Sie bleibt da, setzt sich auf meine Schultern. Sie macht mein Herz schwer und senkt meinen Blick. An diesen Tagen fällt mir jeder Handgriff und jeder Schritt schwer und ich werde stumm.
Letzte Woche war es mal wieder so weit: Sie ist gekommen und geblieben, obwohl ich wirklich gar keine Lust auf sie hatte. Schweren Herzens habe ich sie dann mithochgeschleppt in mein Arbeitszimmer. Das habe ich mir ganz neu im Haus unter dem Dach eingerichtet. Bis vor einiger Zeit hat dort einer meiner Söhne gewohnt. Jetzt hat er eine eigene kleine Wohnung und hat mir sein altes Zimmer großzügig überlassen. Der Schreibtisch steht direkt unter dem großen Dachfenster.
Ich habe mich an den Schreibtisch gesetzt, den Computer angeschaltet, reingestarrt. Dann Blätter auf dem Tisch von rechts nach links verschoben. Die Zeit ist verstrichen und ich habe noch keinen Punkt auf meiner To-Do-Liste erledigt. Dabei stehen da gerade wirklich viele drauf. Mit aller Kraft habe ich mich gegen die Trauer gestemmt, habe versucht, sie abzuschütteln. Keine Chance.
Also habe ich mich irgendwann ergeben, mich in meinem Stuhl zurückgelehnt und durch das Dachfenster geschaut. Und da war da auf einmal der Himmel. In der Bibel wird der Himmel als ein Ort beschrieben, an dem die Toten bei Gott sind. Hier leben sie neu und sind frei. Der Blick durch das Dachfenster hat mich an diesen himmlischen Hoffnungsort erinnert. Viele Wolken sind vorbeigezogen und das hat mir gutgetan. Mein Blick hat sich geweitet. Die Trauer ist nicht weggegangen an diesem Tag, aber der Himmel hat mir die Hoffnung neu gezeigt und hat die Hoffnung neben die Trauer gestellt.
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Ich fädele die Regenbogenschnürsenkel in meine schwarzen Schuhe. Dann laufe ich los zur Kirche. Ich traue zwei befreundete Pfarrerinnen. Vor etwas mehr als einem Jahr haben sie mir ein Paar Strümpfe mit einem Regenbogenherz geschenkt und erzählt, dass sie heiraten wollen. Dann haben sie mich gefragt, ob ich sie trauen möchte. „Ja“, habe ich laut gerufen, „ich freue mich riesig!“ Gerade bin ich eher angespannt, weil es gleich losgeht und ich ganz schön aufgeregt bin. Dann sehe ich die beiden: Sie halten sich an den Händen und strahlen über das ganze Gesicht. Ihre Liebe fließt zu mir hin und sie füllt den ganzen Raum, als wir gemeinsam in die Kirche einziehen. Und sie kommt zurück von all den Gästen, Familie, Freundinnen und Freunden. Ich spüre diese große raumfüllende Liebe und denke: Ja, genau hier ist Gott mitten drin dabei. Gott ist Liebe. Nach der Trauung feiern wir bis tief in die Nacht, genießen die Hochzeitstorte und tanzen ausgelassen.
Am nächsten Morgen sind ganz viele zum Aufräumen gekommen. Da kommt ein Notruf aus der Nachbarkirche. Dort wird an diesem Sonntag Erntedank gefeiert und in dem Gottesdienst hat es einen medizinischen Notfall gegeben, eine Frau ist zusammengebrochen und jetzt ist der Notarzt vor Ort und es sieht nicht gut aus. Eine der Freundinnen ist da Pfarrerin. Sie macht sich auf den Weg dorthin und ich begleite sie als Unterstützung. Zusammen mit der Kollegin vor Ort führen wir die Gemeinde und den Chor in einen anderen Raum. Nach Erntedank ist hier gerade niemandem mehr zumute. Aber nach Gemeinschaft. Ich sitze mit den Frauen aus dem Frauenkreis zusammen. „In der letzten Woche haben wir noch zusammengebastelt und jetzt ist sie einfach umgekippt“, sagt die eine. „Aber sie war nicht allein, wir waren hier und sie ist in ihrer Kirche“, sagt eine andere. Sie kennen sich alle seit vielen Jahren. Später erfahren wir, dass die Frau im Krankenhaus gestorben ist.
Manchmal liegen die Feier des Lebens und der Tod ganz nah beieinander, wie an diesem Wochenende. Wie gut, wenn man beides miteinander teilen kann. Dann kann man besser spüren, dass man in allem, was geschieht, aufgehoben ist in der Liebe und damit in Gott.
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Wie trauert eigentlich ein ganzes Volk? Das habe ich mich als Kind am Volkstrauertaggefragt. Oft habe ich an diesem Tag mit meinen Eltern vor dem Fernseher gesessen und die Feierstunde aus dem Bundestag angeschaut. Ich habe der traurigen Musik zugehört, die vielen schwarz gekleideten Menschen gesehen und Reden gehört, die ich damals nicht verstanden habe. Aber ich habe damals schon begriffen, dass viele Menschen in Kriegen gestorben sind und dass Krieg Menschen tötet und sehr viele andere traurig macht. Und schon als Kind hatte ich das Bedürfnis an diesem Tag irgendwie still zu sein. Ich habe mir auch vorgestellt, dass in ganz vielen Wohnungen Menschen sitzen und weinen, weil da ein Bruder oder ein Sohn oder ein Vater gestorben ist.
Der Volkstrauertag wurde eingeführt vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Jahr 1919 nach dem ersten Weltkrieg. Damals als Gedenktag für die gefallenendeutschen Soldaten. In der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten wurde aus dem Volkstrauertag ein Heldengedenktag. Deutschland selbst hatte den Krieg begonnen. Und so wurden die Schrecken und das Leid und die Trauer, die ein Krieg hervorbringt, ganz in den Hintergrund gedrängt. Die Stille dieses Trauertagesmusste dem Triumph weichen. Wie schrecklich muss das für all die Familien gewesen sein, die um einen Menschen getrauert haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam er seinen ursprünglichen Namen zurück und wurde wieder zum Volkstrauertag.
Doch erst seit 1952 liegt der Volkstrauertag im November, eine Woche vor dem Totensonntag. In der evangelischen Kirche denken wir an diesem Tag an die Verstorbenen des letzten Jahres. So fügt sich der Volkstrauertag ein in das Erinnern an geliebte Menschen und die Hoffnung, dass sie bei Gott neu leben werden.
Heute ist Volkstrauertag. Auch 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs brauchen wir einen Tag, um gemeinsam zu trauern. Nicht nur, weil es immer noch Menschen gibt, die um einen Angehörigen trauern, der in diesem Krieg gestorben ist. Krieg ist weltweit eine grausame Realität. Jeden Tag sterben Menschen im Krieg. Und da ist es gut, wenn wir heute gemeinsam still sind und weinen und vor allem darum bitten, dass Frieden wird.
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40 junge Menschen ziehen unter begeistertem Applaus in die Trinitatiskirche in Bonn ein. Einer von ihnen ist mein jüngster Sohn. Ich bin beim Semesterabschlusskonzert der Chöre der Evangelischen Studierendengemeinden aus Köln und aus Bonn. So sitze ich zusammen mit vielen jungen Menschen und anderen stolzen Eltern und Großeltern in der Kirche und warte gespannt auf das Konzert.
Und dann singen sie los. Sie sind mit solch einer Freude und Begeisterung dabei, bewegen sich zum Rhythmus, achten auf die Signale des ebenso jungen Dirigenten. Ich sehe und spüre ihre Freude am Singen und sie springt über. Zwischen den einzelnen Liedern moderieren verschiedene Sängerinnen und Sänger, erzählen etwas zum nächsten Lied und zur jungen Geschichte des Chores. Das Programm ist sehr bunt zusammengestellt. Da erklingt Herbert Grönemeyers „Der Weg“ neben einem klassischen Chorsatz, neben einem lustigen Lied über den Sommer und seine Vorzüge. Denn dem Chor sind demokratische Entscheidungen wichtig. Jeder konnte auf eine Liste Liedvorschläge eintragen, die der Chor einüben soll. Und über diese Vorschläge haben sie dann abgestimmt.
Als letztes Lied singt der Chor das Lied „Labour“ von Paris Paloma. Es ist ein Lied über die ungerechte Verteilung der CareArbeit in Familien. Und eine junge Frau aus dem Chor hält zur Einstimmung auf das Lied eine kleine politische Rede: Dass wir eine Verantwortung haben, weil in unserer Gesellschaft noch immer Frauen viel mehr unbezahlte Pflegearbeit leisten. Leidenschaftlich spricht sie auch darüber, dass Frauen in vielen Bereichen immer noch weniger Geld verdienen als Männer. Und es wäre unser aller Verantwortung, uns für mehr Gerechtigkeit einzusetzen.
Nicht nur das Publikum applaudiert der jungen Frau. Die Sängerinnen und Sänger feiern sie für ihre Worte. Und stimmen sich ein für ihr letztes Lied.
Erfüllt verlasse ich die Kirche, nicht nur als dankbare Mutter. Die jungen Menschen haben mir heute Abend gezeigt, wie sie mit Freude singend auch christliche Gemeinschaft verantworten und wie gut das funktionieren kann.
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„Bitte schließt eure Augen und achtet erst mal nur auf euren Atem.“ Bei Francescas Stimme fällt mir das gar nicht schwer. Sie spricht warm und ruhig und einladend. Ich bin für einige Tage zu Gast auf der Vollversammlung unserer Partnerkirche in England. Francesca leitet die Bibelarbeiten am Morgen. Und an diesem Morgen führt sie uns ein in das sehr alte Herzensgebet. Es ist ein Gebet, das sich mit dem Atem verbindet. Man verbindet in Gedanken einen Satz mit dem Einatmen und einen Satz mit dem Ausatmen. Ich bete das Herzensgebet schon seit vielen Jahren und denke oft: „Jesus Christus“ und atme ein und „Erbarme dich meiner“ und atme aus. Francesca schenkt mir an diesem Morgen zwei neue Sätze: „I am enough.“ und „I am beloved.“ Auf Deutsch: „Ich bin genug, Ich bin geliebt“, doch das reimt sich nicht so schön wie im Englischen. Francesca ist es wichtig, dass die Menschen mit sich selbst und mit der Liebe Gottes gut in Kontakt kommen. Sie versteht diese beiden Sätze als Grundlage für alles Handeln und alle Entscheidungen. Weil du genug bist und geliebt bist, kannst du handeln. Du kannst auch Fehler machen und falsche Entscheidungen treffen. Der Grundton bleibt: Du bist genug, du bist geliebt.
Mir tut das an diesem Morgen so gut. Denn ich ringe seit meiner Ankunft in England mit mir und meinem nicht perfekten Englisch. Und nun atme ich und sage mir: I am enough, I am beloved. Und das begleitet mich während der Tagung und macht mich mutiger und freier. Und die anderen haben Geduld mit mir, fragen nach, bieten mir Worte an. Seit meinem Besuch in England sind das meine neuen Sätze für mein Herzensgebet: Ich atme ein mit: I am enough und ich atme aus mit: I am beloved.
Heute ist der letzte Ferientag in Rheinland-Pfalz. Heute endet für viele eine freie Zeit. Am Montag geht es wieder los. Und für das, was war und das, was kommt, schenke ich mit Freude weiter, was Francesca mir in England geschenkt hat:
You are enough – you are beloved! Du bist genug! Du bist geliebt!
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Ich sitze mit einer Freundin in einem Restaurant am Hafen. Wir feiern meinen Geburtstag mit einem gemeinsamen Essen.
Am Nachbartisch sitzen drei ältere Frauen. Sie lachen und reden miteinander. Da fällt einer das Brillenetui aus der Hand und auf den Boden. Ich drehe mich um, hebe das Etui auf und reiche es ihr. Sie bedankt sich lachend und dann vertiefen sich die drei wieder in ihr Gespräch. Sie reden und lachen und ein wenig flirten sie mit dem jungen schönen Kellner. Und er scherzt mit ihnen.
Meine Freundin und ich schauen uns an und uns beiden kommt gleichzeitig derselbe Gedanke: Es ist toll, Freundinnen zu haben. Dann reden auch wir weiter, feiern meinen Geburtstag. Und immer mal schauen wir rüber zu den drei Freundinnen am Nachbartisch. In diesem Moment habe ich nur einen Geburtstagswunsch: Ich wünsche mir, dass ich auch in 10 oder 20 Jahren noch mit Freundinnen essen gehen kann, dass wir miteinander lachen können. Dass wir mit jungen Kellnern flirten und das Leben mit all seinen Herausforderungen und auch leidvollen Erfahrungen für den Moment leicht nehmen. Denn Freundinnen sind ein Geschenk.
Ich wünsche mir, dass wir einander stärken und uns unsere Liebe zeigen, ein offenes Ohr haben und eine offene Tür. Denn ich habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, Freundschaften tragen durchs Leben. Aber auch die Erfahrung, dass man sie pflegen muss. Als ich 14 Jahre alt war, kam eine Austauschschülerin aus England für ein paar Monate in unsere Klasse. Wir sind damals Freundinnen geworden. An ihrem letzten Tag in Deutschland hat sie mir eine kleine englische Bibel geschenkt. Vorne hat sie einen Bibelvers als Widmung für mich reingeschrieben: „Eine Freundin zeigt immer ihre Liebe.“ Die Bibel nehme ich immer mal wieder in die Hand und denke an die Freundin von damals, aber diese Freundschaft hat die Zeit nicht überdauert.
Und mir ist klar, mein Geburtstagswunsch braucht nicht nur meine Freundinnen, mein Wunsch braucht vor allem auch mich. Deswegen schreibe ich Ihnen noch heute einen kleinen Gruß an meine Freundinnen: Wie schön, dass es euch gibt.
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Ich bin auf dem Kirchentag in Hannover und die Wege sind weit. Nach einem guten Frühstück im Hotel mache ich mich zu Fuß und mit der Straßenbahn auf den Weg zur Bibelarbeit. Ich bin noch unterwegs, da schreibt eine Freundin: „Die Kirche ist schon überfüllt.“ Ich überlege kurz, ob ich woanders hinfahren soll, entscheide mich dann aber doch für die überfüllte Kirche. Meine Freundin hat mir einen Platz vor der Kirche in der Sonne gesichert. Draußen an der Kirchenmauer sitze ich mit vielen anderen, um den Worten drinnen zu lauschen. Die Übertragung ist gut, aber noch viel besser ist es, dass ich hier in der Sonne sitze. Es ist der dritte Kirchentags-Tag und mir geht vieles durch Kopf und Herz. Was ich bisher gehört habe, hat eigene Themen in Bewegung gebracht. Und die brauchen Zeit, um sich zu sortieren. Und so wird mir der Platz in der Sonne zur Atempause.
Nach der Bibelarbeit treffe ich eine Kollegin, die ich lange nicht gesehen habe. Wir beschließen, gemeinsam zur Messe zu fahren. In ein paar Stunden mache ich dort Standdienst auf dem Markt der Möglichkeiten. Auf der Messe angekommen schlendern wir ein wenig hin und her und ich erzähle ihr, was in mir in Bewegung gekommen ist. Sie hört mir sehr aufmerksam zu. Schließlich sagt sie: „Lass uns doch mal hierhin setzen, ich habe noch Zeit.“ Sie hört weiter zu. Und sie stellt gute Fragen. So kann sich das, was in mir ist, weiter sortieren.
Mutig, stark, beherzt! Das war das Motto des Kirchentags in Hannover. An vielen Stellen bin ich dort gefragt worden: Wann warst du das letzte Mal mutig, stark und beherzt? An diesem Morgen war ich beherzt und habe meine unfertigen Gedanken erzählt. Und meine Kollegin war stark, weil sie gespürt hat, dass ich das jetzt gerade brauche. Aber war es auch mutig? Wenn mutig sein bedeutet, sich auch sehr verletzlich zu zeigen, dann war ich auch mutig. Und ich habe mitten in der Angebotsfülle einfach mal eine Pause eingelegt. Manchmal wachsen gerade aus den Pausen neue Möglichkeiten und machen den Aufbruch wieder möglich.
Meine Kollegin umarmt mich fest, dann gehe ich los zu meinem Standdienst und sie besucht das nächste Podium.
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Als ich am Bahnhof ankomme, merke ich, dass es gut gewesen wäre, wenn ich den Spielplan des 1. FCK im Blick gehabt hätte. Mit mir stehen nämlich Hunderte fröhlicher Fans nach einem Heimspielsieg auf dem Bahnsteig. Als der sowieso schon gut gefüllte Zug kommt, schaffe ich es nicht mehr rein mit Koffer und Rucksack. Ich muss eine Stunde auf den nächsten Zug warten. Ich setze mich in die Sonne und überprüfe auf dem Handy, ob ich mein Ziel heute noch erreichen kann. Es wird klappen und da gelingt es mir meinen Ärger über meine schlechte Planung loszulassen. In der nächsten Bahn bekomme ich sogar einen Sitzplatz.
Alles gut. Bis Ludwigshafen. Dort bleibt die Bahn stehen. Keine Durchsage, keine Information, nur Stillstand. Irgendwann läuft über die Anzeige der Text: „Bitte alle aussteigen.“ Gehetzt steige ich aus und sehe, wie ein Mann kurz mit einem Bahnmitarbeiter spricht und dann mit seinem Koffer Richtung Ausgang rennt. Ich schließe mich an und frage ihn, wie er nun nach Mannheim kommt. „Mit einem Taxi!“, ruft er und rennt weiter. „Kann ich mitfahren?“, rufe ich und renne neben ihm her zu den Taxis. „Klar“, sagt er und schon sitzen wir beide im Taxi zum Mannheimer Hauptbahnhof. Ich will ihm den halben Fahrpreis bezahlen. Er lädt mich ein. In Mannheim ist der Anschluss weg, aber wir können einen anderen Zug nehmen. Wir erzählen einander, dass wir beide auch in Frankfurt noch einmal umsteigen müssen und bangen, ob wir das schaffen. Wir sind nun eine kleine Gemeinschaft mit einem Ziel geworden. Wir informieren uns über die wachsende Verspätung und rüsten uns zum Spurt über den Frankfurter Hauptbahnhof. Dort haben wir knappe 2 Minuten. Wir nehmen es sportlich, rennen nebeneinander 6 Gleise weiter und schaffen es gerade in den ICE. Wir strahlen uns an und er hält mir die High Five Hand hin. Ich klatsche ab. Dann trennen sich unsere Wege. Er geht in die 1. Klasse und ich in die 2.
Diese Fahrt fällt nicht nur in die Kategorie Alltagsabenteuer, sondern sie macht mir so deutlich, wie gut es ist, dass wir als Menschen einander zu Nächsten werden können. Denn zu zweit lassen sich nicht nur die kleinen Abenteuer des Lebens besser bestehen.
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Vor mir erstreckt sich ein großes Rasenlabyrinth. In der Mitte dieses Labyrinths steht ein schöner alter Baum.
Ich bin auf dem Disibodenberg. Hier hat im Mittelalter Hildegard von Bingen viele Jahre in einer sogenannten Frauenklause gelebt. Es wird erzählt, dass sie als junges Mädchen mit zwei anderen Frauen in dieser Klause fern von den Männern des Klosters eingemauert war. Nur durch ein Fester kam das Tageslicht herein. Dennoch kamen viele Pilger an dieses Fenster, um sich Rat zu holen. 40 Jahre hat Hildegard hier gelebt und im Laufe der Jahre sind immer mehr Frauen dazugekommen. Es entstand eine eigene Frauenabteilung und die Frauen sind in ein größeres Gebäude innerhalb des Klosters umgezogen. Hildegard wurde für viele Frauen ein Vorbild im Glauben und Hoffen.
All das geht mir durch den Kopf, als ich mich auf den Weg mache durch das Rasenlabyrinth. Ich tauche gewissermaßen ein in die alte Geschichte dieses Klosters und denke gleichzeitig über die Ziele in meinem eigenen Leben nach. Wohin geht mein Weg? Meine Kinder sind jetzt alle ausgezogen und das fühlt sich für mich nach einem neuen Lebensabschnitt an. Unbekannte Wege sind das für mich. Brauche ich ein neues Ziel? Hier oben ist es leicht, das Ziel zu finden. Der Baum in der Mitte steht groß und fest und das Labyrinth lenkt meinen Schritt.
Ob Hildegard immer ein Ziel vor Augen hatte? Von ihr wird der Satz überliefert: „Wo der menschliche Zweifel nicht ist, da ist nicht die Antwort des Heiligen Geistes.“ Das gefällt mir sehr gut. Es geht gar nicht um ein klares Ziel. Der Zweifel gehört zum Weg und im Zweifel ist Platz für den Heiligen Geist. Hildegards Weg ging weiter. Auf dem Rupperstberg in Bingen gründete sie gegen viele Widerstände ein eigenes Frauenkloster.
Schritt für Schritt gehe ich weiter durch das Labyrinth. Und dann stehe ich am Baum, berühre seine harte Rinde, lehne mich an, ruhe aus. Der frische Wind streichelt mein Gesicht. Ich bin auf dem Weg und ein neues Ziel wird sich finden, wenn der Heilige Geist genügend Platz hat.
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Heute ist Frühlingsbeginn der Wetterfrösche. Endlich. Dieses Jahr konnte ich es kaum erwarten. Die dunklen Tage waren lang, haben mich gefangen genommen.
So auch an diesem regnerischen Tag, es ist fast schon wieder dunkel. Ich schwinge mich auf mein Rad, ziehe Handschuhe und Mütze an und radele los. Mein Ziel ist das Krankenhaus am anderen Ende der Stadt. Ich bin spät dran. Groß liegt das Krankenhaus vor mir. Ich stelle mein Fahrrad auf dem einen Platz am Fahrradständer, der noch frei ist und gehe durch die Drehtür nach drinnen. Die Anmeldung ist nicht besetzt und ich weiß nicht wohin; ich habe meine Bekannte gar nicht gefragt, wo sie denn liegt. So irre ich ein wenig hilflos durch das große Klinikum und wäre am liebsten wieder umgekehrt, als mein Handy klingelt. Ich höre ihre Stimme, sie fragt mich, wo ich denn bleibe und sie nennt mir Stockwerk, Station und Zimmernummer. Vor dem Fahrstuhl muss ich noch mal eine gefühlte Ewigkeit warten. Das passt genau zu diesem grauen Tag. Schließlich kommt der Fahrstuhl, doch schon nach einem Stockwerk bleibt er wieder stehen. Ein Vater tritt mit seiner Tochter an der Hand in den Fahrstuhl. Die Tür ist noch nicht richtig zu, da platzt es aus dem kleinen Mädchen heraus: „Ich habe gerade meinen Baby-Bruder besucht. Er ist ganz klein und ganz neu.“ Ihr kleiner Körper bebt vor Freude und ihre Augen leuchten. Und auf einmal wird es heller in dem Fahrstuhl und in mir drin. Das Leben hat mich getroffen, ganz unerwartet. „Das ist ja toll“, sagte ich, „Wie heißt er denn?“ „Er hat noch keinen Namen, er ist ganz neu, mein Bruder“, sagt sie und lacht. Dann steige ich aus.
Manchmal hat das neue Leben noch keinen Namen, aber es ist da und zeigt sich und zieht andere mit hinein. Manchmal wird es schon mitten im Winter Frühling. Ich sehe die Schneeglöckchen und die Traubenhyazinthen in meinem Vorgarten, zarte neue Lebenszeichen. Und ich höre die Blaumeisen vor meinem Fenster um die Wette singen. Wir brauchen die Zeichen des neuen Lebens so dringend. Ich mache das Fenster weit auf.
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