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Glaube kann Berge versetzen. Sagt jedenfalls die Bibel. Jesus war davon fest überzeugt. Als er zu seinen Jüngern gesprochen hat, hat er nicht nur dieses bekannte Sprichwort geprägt. Er hat das immer wieder betont: Auf den Glauben kommt es an.
Eine Geschichte über die Macht des Glaubens ist heute auch in den Katholischen Gottesdiensten zu hören (Mt 14,22-33). Da wird erzählt, wie die Freunde Jesu mit einem Boot rausfahren auf den See Genezareth. Er selbst bleibt zurück. Als es in tiefer Nacht stürmisch wird und das Boot gefährlich schlingert, kommt er ihnen plötzlich mitten auf dem See entgegen. Über das Wasser! Die Männer im Boot sind entsetzt. Petrus, der immer besonders forsch auftritt, fängt sich als erster und sagt: Wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme! Und dann steigt er aus dem Boot und läuft tatsächlich über den See. Wenigstens ein paar Schritte. Doch dann verlässt ihn der Mut und er fängt an zu sinken. Jesus hält ihn fest und stellt ihm die entscheidende Frage: Warum hast du gezweifelt? Soweit die Geschichte.
Klingt erstmal so, als ob das ganz simpel wäre. Nur richtig feste glauben und dann kann ich auch übers Wasser gehen. Wer absäuft, ist selbst schuld. Hat eben nicht genug geglaubt. Erwartet Jesus also eine Art von Super-Glauben? Einen ohne jeden Zweifel? Und was heißt das überhaupt: Ganz fest glauben? Sicher ist: Jesus ist es nie um Äußerlichkeiten gegangen. Bei ihm musste keiner die Bibel auswendig können. Nicht täglich den Gottesdienst besuchen und alle Gebote bis ins Kleinste erfüllen. Kurioserweise hat er stattdessen wildfremde Leute für ihren großen Glauben gelobt. Und zwar, weil sie ihn um Hilfe gebeten hatten. Weil sie vertraut haben, dass nur Gott ihnen helfen kann. Und er, Jesus, ihnen Gottes Hilfe vermittelt. Glauben, das hieß für Jesus also: Vertrauen können. Rückhaltlos. Ohne Wenn und Aber. Doch daran ist auch Petrus manchmal gescheitert.
Christsein heißt nicht, alle Fragen und Zweifel beiseite zu wischen. Meinen kritischen Verstand an der Kirchentür abzugeben. Aber die kleine Geschichte fragt mich, wie sehr ich vertrauen kann. Darauf, dass es da wirklich diesen Gott gibt. Der mir nahe ist. Auf den ich hoffen darf. Das tue ich zwar. Manche Fragen und Zweifel kann ich trotzdem nicht einfach beiseitelegen. Aber ich kann ja schließlich auch nicht übers Wasser gehen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45008Eine große weiße Tür. Und ich stehe davor und hab´ keine Ahnung was mich dahinter erwartet. Mein Herz klopft, und ich merke, wie meine Hände schwitzig werden.
Das war während meiner Seelsorgeausbildung so, als ich das erste Mal vor einer Tür im Krankenhaus gestanden hab´ und einen Patienten besuchen sollte: alles Mögliche ist mir gleichzeitig durch den Kopf geschossen: Wenn ich die Türe öffne, was sage ich dann? Bin ich hier überhaupt erwünscht? Am liebsten würde ich umkehren und mich irgendwo draußen auf eine Parkbank setzen.
So habe ich mich beim ersten Mal gefühlt. Und so war es auch beim zweiten, dritten und vierten Mal. Wenn ich ehrlich zu mir bin, dann ist da bis heute ein kleiner Rest von diesem Gefühl geblieben – trotz Ausbildung und der Erfahrung, die ich mittlerweile habe. Auch als ausgebildeter Pfarrer stehe ich vor jeder Zimmertür ohne die leiseste Ahnung, was mich erwartet: Welcher Charakter begegnet mir? Wie geht die Person mit ihrer Erkrankung um? Will sie überhaupt reden? Und wenn ja, worüber? Im Krankenhaus kommt alles mögliche an die Oberfläche – nicht nur die Krankheit…
Klar, ich bin zum Seelsorger ausgebildet, hab´ Theologie studiert und kenne einige Gesprächstechniken. Aber ich bin jedes Mal unsicher, ob ich meiner Aufgabe als Seelsorger wirklich gewachsen bin. Da fühle mich dem Propheten Jeremia aus der Bibel verbunden. Ganz am Anfang seiner Laufbahn als Prophet und Prediger, wollte der nämlich auch am liebsten auf eine Parkbank flüchten. Er sagt: „Ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung!“ Doch Gott lässt nicht locker und spricht: „Siehe, ich lege meine Worte in Deinen Mund.“
Nicht nur bei der Seelsorge im Krankenhaus fühle ich mich mit Jeremia verbunden, sondern auch privat, wenn ich nicht als Pfarrer unterwegs bin und eine Freundin mir etwas anvertrauen will. Oder wenn wir im Freundeskreis über einen verstorbenen Freund reden, dann vertraue ich darauf, dass Gott in unserem Gespräch anwesend ist. Ich weiß nicht, was als nächstes passiert, aber ich bin für die Patientin, die Freundin oder den Freund ein Gegenüber, das einfach da ist. Denn Gott allein weiß, was geschehen wird und spricht: „Siehe, ich lege meine Worte in Deinen Mund.“ Das muss jetzt nicht jedes einzelne Wort sein, sondern mehr ein Gespür dafür, wann Trost, wann Fragenstellen, wann Gebet und wann Ablenkung an der Reihe sind. Und manchmal sind die Worte in meinem Mund auch still. Auch das ist ein Segen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44890Kurz vor dem Urlaub ballt sich gerade wieder alles und mein Alltag fühlt sich an wie ein großes Durcheinander. Da gibt es herrliche Sommerfeste und lange Abende mit Freunden. Gleichzeitig stapeln sich im Job die Aufgaben und ich denke, ich müsste noch schnell alles erledigen. Und dann ist da noch das, was sonst so täglich auf mich einströmt: Gute Nachrichten und schlechte, Wichtiges und Belangloses, Schönes und Erschreckendes. Alles passiert gleichzeitig.
Im Evangelium, das heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist, finde ich dafür ein überraschend passendes Bild. Jesus sagt: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Netz, das ins Meer ausgeworfen wurde und in dem sich Fische aller Art fingen.“ (Mt 13,47) Genau so kommt mir das Leben manchmal vor: als hätte jemand ein riesiges Netz ausgeworfen. Und darin landet erst einmal alles. Das, was mir gelingt und auch misslingt; Dinge, über die ich mich freue und sorge, Erfolg und Enttäuschung. Mein erster Impuls ist oft, sofort Ordnung schaffen zu wollen. Alles einordnen, bewerten, lösen. Doch im Gleichnis passiert genau das nicht mitten auf dem Meer. Jesus erzählt weiter: „Erst als das Netz voll war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten sich, sammelten die guten Fische in Körbe, die schlechten aber warfen sie weg.“ (Mt 13,48)
Dieser Gedanke entlastet mich. Denn vielleicht muss ich gar nicht alles sofort sortieren. Ich muss nicht jede Erfahrung gleich bewerten und nicht jede Krise sofort löse n. Ich darf akzeptieren, dass das Leben manchmal unübersichtlich ist.
Für mich steckt darin eine große Hoffnung: ich vertraue darauf, dass ich die Unvollkommenheit des Augenblicks aushalten kann und dass am Ende das Gute bewahrt wird. Dass das, was mir jetzt Angst macht und Leben behindert oder gar zerstört, letztlich nicht gewinnt. Das nimmt Druck raus. Ich muss nicht perfekt sein. Ich muss nicht alles gleichzeitig schaffen. Meine Aufgabe heute ist eine andere. Nämlich das Gute nicht aus dem Blick zu verlieren. Freundlich zu sein und mitfühlend zu bleiben. Und Hoffnung weiterzugeben, wo es möglich ist.
Vielleicht ist das gerade in diesen vollen Sommertagen die wichtigste Erkenntnis: Das Leben muss nicht schon mitten auf dem Meer fertig sortiert sein. Es reicht, wenn ich heute meinen kleinen Beitrag zum Guten leiste – und das Sortieren auf später verschiebe. Und ich mag daran festhalten, dass ich das, was ich nicht sortiert bekomme, zuletzt Gott überlassen kann.
Nach 130 Kilometern hatte ich es fast geschafft. Gerade eben habe ich mit meinem Fahrrad die schweizerisch-französische Grenze passiert. Die Sonne ist schon untergegangen. Der Stopp für diese Nacht: Ein kleiner Campingplatz direkt hinter der Grenze. Es kann nicht mehr weit sein und ich trete nochmal kräftig in die Pedale.
Dann tut es einen lauten Schlag. Mein Rad bleibt abrupt stehen. Mich hebt es fast aus dem Sattel. Ich ahne Schlimmes. Und als ich mein Hinterrad anschaue, verstehe ich wie misslich meine Lage ist: Gleich mehrere Speichen sind gebrochen und das Rad ist nicht mehr rund, sondern grotesk in sich verdreht. Aber vor allem: Es lässt sich keinen Zentimeter mehr bewegen.
Während sich in mir mehr und mehr Verzweiflung breit macht, spricht mich schon ein junger Franzose an, Händen, Füßen und ein paar Brocken Französisch mache ich ihm klar, dass ich zum Campingplatz will. Und noch während ich mit ihm rede, hält ein zweiter Mann mit einem Van an und fragt auch, ob er helfen kann.
Wenig später sitze ich auf dem Beifahrersitz – das Fahrrad ist hinten im Kofferraum verstaut. Der andere Helfer ist sogar vorausgefahren, um Bescheid zu sagen und so begrüßt der Campingplatzbesitzer mich trotz der späten Uhrzeit noch herzlich. Er zeigt mir meinen Platz, drückt er mir ein kaltes Bier in die Hand und sagt grinsend: „Das kannst du jetzt bestimmt gebrauchen.“
Noch heute denke ich an diese wunderbare Gastfreundschaft und die drei Engel, die mir an diesem Abend begegnet sind. Ob das für meine Helfer auch so ein besonderer Moment war?
Dass Gastfreundschaft zu himmlischen Momenten führt, das wusste auch schon der Autor des Hebräerbriefs in der Bibel. Er ermutigt die Menschen zur Nächstenliebe und schreibt: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt!“
Bei mir war es genau andersrum: Nicht ich habe Engel beherbergt, sondern ich bin ihnen begegnet. Aber die Geschichte passt trotzdem. Weil ich überzeugt bin: Offenheit und Herzlichkeit können aus zufälligen Begegnungen Himmelserlebnisse machen. Egal ob der Engel jetzt der Gastgeber oder der Gast ist. Auf jeden Fall gehören immer zwei dazu: jemand, der sich aufmacht und das Vertraute verlässt. Und diejenigen, die bereit sind, ihr Zuhause zu öffnen und das zu teilen, was sie haben.
Wer einmal so eine Gastfreundschaft erlebt hat, der wird danach oft selbst gern zum Gastgeber. Ich bin seit diesem Abend bei einem Portal im Internet angemeldet, wo man reisenden Radfahrern einen kostenlosen Schlafplatz anbietet. Und ich kann Ihnen sagen: Ich hatte dadurch schon ein paar richtig gute, fast schon himmlische Begegnungen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44819Ein Vorwurf gegen das Christentum lautet: Ihr Christen vertröstet ins Jenseits. Und damit macht ihr die Leute gefügig und stellt sie ruhig. Wer daran glaubt, dass es einmal besser wird, irgendwann, in der Welt nach diesem Tod, der lässt sich mehr gefallen, solange er lebt. Der probt keinen Aufstand gegen die, die ihn klein halten wollen.
Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll[1]. Das schreibt der Apostel Paulus an die Christengemeinde in Rom. Heute ist diese Bibelstelle im katholischen Gottesdienst dran. Und der Verdacht liegt nahe, dass Paulus damit genau das tut, was man Christen gerne vorhält: Er vertröstet die Christen dort in der Hauptstadt des mächtigen Römerreichs. Er lenkt sie ab von ihren Problemen, von ihrer existentiellen Not, damit sie länger durchhalten, solange sie bis aufs Blut bekämpft und verfolgt werden.
Wer diesen Satz des Paulus so verwendet, der muss sich den Vorwurf der Vertröstung gefallen lassen. Wer einer Familie im Libanon sagt, sie müsse den Krieg eben aushalten, das sei nun ihr Los, und im Himmel würde es schon besser, argumentiert eiskalt. Wenn mir jemand sagt, der Krebs an meiner Niere sei nun eben mein Schicksal, nimmt mein Leben nicht ernst. Er lenkt vom Leid ab, tut so, als sei ein Krieg oder eine Krankheit etwas, das man halt hinnehmen müsse. Und verspricht etwas, worüber er nicht verfügt. Die Not von Menschen ist real. Die Hoffnung auf Erlösung aber hat niemand in der Hand. Und Hoffnung verträgt es nicht, wenn man mit ihr rechnet.
Trotzdem hat Paulus recht. Die Welt, in der wir leben, ist nicht perfekt. Sie liegt – wie er sagt - in Geburtswehen. Gottes Schöpfung seufzt bis zum heutigen Tag[2]. Weil das Älterwerden eine Last ist, weil wir das Böse nicht in den Griff kriegen, weil wir aus Egoismus den Planeten zerstören.
Aber er hat auch mit dem zweiten Teil seiner Botschaft recht: Wir werden davon befreit werden, wir werden die Herrlichkeit Gottes[3] schauen und diese Zukunft nicht aus den Augen verlieren. Wenn und solange wir uns nicht mit der Gegenwart und ihren Problemen abfinden. Beides gehört zusammen. Beides darf nicht gegeneinander ausgespielt oder miteinander verrechnet werden. Mehr noch: Gerade weil Christen wissen, was ihre Hoffnung ist, stellen sie sich auf die Seite der Notleidenden. Sie spenden echten Trost, keine Vertröstung.
[1] Römerbrief 8,18
[2] Römerbrief 8,22
[3] Ebd.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44790In dem rheinhessischen Ort, in dem ich wohne, soll ein Wolf unterwegs gewesen sein. Angeblich ist er dabei der Schafsherde am Ortsrand verdächtig nahegekommen. Bei der Abschlussandacht unserer Osterferienbetreuung überlegen die Kinder und ich gemeinsam: wie kann der Bauer seine Schafe schützen?
Die Vorschläge sprudeln: Elektrozäune, Schäferkarren, Hütehunde. „Wie wäre es denn mit einem Esel?“, steuere ich eine Idee bei. Und ernte Protest! Der muss ja selber aufpassen, dass er nicht zur Beute wird lautet die einhellige Meinung. Stimmt, meine ich, aber trotzdem: So ein Esel ist nicht zu unterschätzen. Der flieht nicht. Der bleibt bei „seiner“ Schafherde und wenn Gefahr droht, steht er ihr bei. „Ganz schön dumm“, meint ein Junge, „was ist, wenn der dabei stirbt?“ „Also ich finde es gut, wenn einer für andere da ist“, widerspricht einer.
Ich zeige den Kindern das Bild, das ich mitgebracht habe. Darauf zu sehen: Ein Junge, der auf Jesus am Kreuz blickt. Das ungewöhnliche dabei: Jesus ist mit einem Eselskopf dargestellt. Ich lese die Inschrift auf dem Bild vor. Übersetzt steht da: „Alexamenos betet Gott an!“
Das Bild ist über 1800 Jahre alt und stammt aus dem alten Rom. Eigentlich ist es nur eine Kritzelei. Von Schülerhand in eine Hauswand geritzt macht sich das Graffito über einen Jungen namens Alexamenos und seinen Glauben an Jesus lustig. Sie ist eine Karikatur, ein Spottbild. Meinen Kindern aus der Ferienbetreuung fällt sofort auf warum: „Der Jesus da hat ja einen Eselskopf“ ruft ein Mädchen. „Ganz schön dumm“, wiederholt der Junge, „Jesus ist wirklich ein Esel, wenn er am Kreuz stirbt, statt rechtzeitig davonzulaufen.“
Ein älteres Mädchen betrachtet nachdenklich den Jesus mit dem Eselskopf. „Eigentlich ist das gar nicht dumm“, meint sie plötzlich: „Das Bild stimmt, gerade weil Jesus nicht davongelaufen ist. Er ist geblieben. Und der Esel bei einer Schafherde tut das auch. Der bleibt da, auch, wenn es gefährlich wird.“
Ich denke nach. Was das Mädchen gesagt hat, beeindruckt mich. Es verdeutlicht mir, dass der Esel in dem Bild genau seinen richtigen Platz gefunden hat – bei Jesus, so eng wie möglich. Der angeblich dumme Esel hilft mir zu glauben, dass es sich lohnt, die Nähe von Jesus zu suchen. Beim „Wort vom Kreuz“ wie das der Apostel Paulus nennt (1. Kor 1,18) zu bleiben. Wie ein Esel, der bereit ist, für andere da zu sein – sogar in Todesgefahr.
Während sich die Kinder zum Aufbruch bereitmachen frage ich: „Ist es denn wirklich so dumm, dass Gott die, die zu ihm gehören, selbst im Tod nicht allein lässt?“ Aus 20 Kehlen schallt mir ein entschiedenes „Nein“ entgegen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44679Es gibt Worte aus der Bibel, die gehören eigentlich in den Giftschrank. „Vorsicht! Gefahr!“ müsste darüberstehen. Der Satz, mit dem der Bibeltext in den katholischen Gottesdiensten heute beginnt, fällt in diese Kategorie. Da sagt Jesus nämlich, an seine Jünger gewandt: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Auf den ersten Blick ist das starker Tobak. So was zu sagen klingt anmaßend und unerhört. Und Jesus setzt sogar noch eins drauf: Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.
In den Giftschrank gehört der Satz aber nicht wegen der Worte an sich, sondern weil sie schon so oft in schlechten Predigten instrumentalisiert worden sind. Wenn etwa die Liebe zu Jesus ausgespielt wird gegen die Liebe zu den Menschen, die einem am allerwichtigsten sind. Oder wenn der Eindruck erweckt wird, dass echter, wahrer Glaube weh tun, ja, Leid bedeuten muss. Christenleben – Opferleben halt. Und so bleibt am Ende womöglich hängen: Der Allerwichtigste ist Jesus. Wichtiger als die eigenen Kinder. Wichtiger als das Lebensglück. Wie absurd!
Dabei kann ich sehr wohl in Konflikte kommen, nur weil ich Christ bin. Ich kann mitleidig belächelt, schräg angeschaut, gemieden werden, weil ich an Gott glaube. Kann beschimpft oder in Mithaftung genommen werden für abscheuliche Dinge, die Priester meiner Kirche getan haben. Die Konflikte reichen oft bis in die Familien hinein. Das war schon bei den ersten Christen so und ist es heute noch. Der Abt der Benediktinerabtei in Jerusalem etwa berichtet, dass Christen im Heiligen Land immer öfter von national-religiösen Israelis auf der Straße angespuckt, angepöbelt, sogar körperlich angegangen werden. Und die Situation werde schlimmer.
Wer sowas erlebt, kann seinen Glauben verstecken, dem Gottesdienst fernbleiben. Kann sein Christsein verleugnen, um bloß nicht aufzufallen. Doch genau dagegen wendet sich Jesus, wenn er seine Anhänger auffordert, ihr Kreuz auf sich zu nehmen. Aufrecht und ehrlich sollen sie bleiben, auch dann, wenn es ungemütlich wird. Es geht eben nicht darum, Kinder oder Eltern abzuwerten. Nicht darum, mir aus falsch verstandener Opfersehnsucht irgendein Leiden an den Hals zu wünschen. Das wäre grotesk! Es geht darum, was ich für meinen Glauben auf mich nehmen will. Ob ich stark genug bin, für ihn einzustehen, wenn es Ärger und Anfeindungen gibt. Kurz gesagt, wenn er für mich zum Kreuz werden sollte.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44670Elf Kilometer tief ist der Mariannengraben im Pazifik Der Wasserdruck in dieser Tiefe ist so extrem, dass nur ein paar hochspezialisierte Lebewesen dort existieren könnten. Am Grund herrscht ein Druck von tausend bar. Auf den menschlichen Körper umgerechnet ist das so, als müsste man das Gewicht von fünfzig Jumbojets auf den Schultern tragen. Für uns sind diese Tiefen des Meeres absolut lebensfeindlich. Tödlich.
So genau wusste das der Autor des biblischen Michabuches zwar noch nicht. Aber schon vor über 2000 Jahren ist ihm klar gewesen: alles, was in den Tiefen des Meeres versenkt ist, das ist weit weg und für immer unerreichbar. Genau deshalb ist das für ihn der Ort, wohin Gott unsere Sünden verfrachtet.
In vielen evangelischen Gottesdiensten heute wird genau diese Bibelstelle gelesen: „Gott wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“
Ein Gott, der vergibt – das muss in den Ohren der Menschen damals wirklich wie eine Erlösung geklungen haben. Die Menschen hatten Schuld auf sich geladen. Sie haben lange auf Kosten anderer gewirtschaftet und weggesehen, wenn es ungerecht zugegangen ist. Nun tun sie Buße, weil der Druck der Schuld sie zu Boden drückt. Und sie hören die Worte von Micha: Er ist nämlich überzeugt, dass Gott den Druck nimmt, unsere Fehler im tiefsten Meer versenkt. Und gleichzeitig ist für ihn klar, dass dazu aber auch die Reue gehört: „Buße“ – nicht um uns Menschen klein zu machen sondern um zu befreien!
Ich will das Befreiende daran sehen. Ich kann mich dem, was in meinem Leben schiefgelaufen ist, offen stellen. Das ist schmerzhaft, ja. Gerade weil zur Buße ja auch gehört, dass ich mich darum bemühe, für Wiedergutmachung zu sorgen.
Die Perspektive ist alles andere als kleinmachend, sondern aufbauend: Dass ich meine Unehrlichkeit gegenüber einem lieben Menschen, oder meine Selbstbezogenheit ohne Rücksicht auf andere nicht ewig mit mir herumschleppen muss. Dass Gott diesen Druck von mir nimmt, ich neu anfangen kann. Und dass der gigantische Druck der Tiefe all das zunichte machen wird, was mich selbst bedrückt und nicht loslässt.
Denn zu dem Bild von einem Gott, der unsere Fehler so tief versenkt, dass sie für immer verschwinden, passt am Ende wunderbar ein zweites Bild: Das von der unendlichen Weite des Himmels. Denn genau so groß ist Gottes Güte.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44651Viele Menschen sind müde. Nicht nur, weil sie zu wenig geschlafen haben. Sondern auch, weil das Leben Kraft kostet. Weil Termine eingehalten werden müssen oder Sorgen im Kopf kreisen. Weil man versucht, allen gerecht zu werden. Der Alltag oft mehr Kraft nimmt, als er gibt.
Dieses Gefühl, erschöpft und ausgelaugt zu sein, ist kein neues Phänomen. Auch Jesus kennt es. In katholischen Gottesdiensten wird heute eine Bibelstelle vorgetragen, in der es heißt: „Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft.“ (Mt 9,36). Jesus sieht, wie es den Menschen um ihn herum geht. Und dann handelt er. Er ruft seine Jünger zu sich und fordert sie auf: „Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.“ (Mt 10,8)
Wenn ich damals eine der Jüngerinnen gewesen wäre, hätte ich vermutlich erstmal ungläubig den Kopf geschüttelt. Wie soll das denn gehen?
Doch vielleicht geht es Jesus gar nicht um spektakuläre Wunder, sondern darum Menschen nicht allein zu lassen. Denn Krankheit macht oft einsam. Wer krank ist, erschöpft oder belastet, zieht sich zurück und fühlt sich manchmal abgeschnitten von anderen. Damals wie heute.
Kranke heilen und Aussätzige rein machen – das bedeutet für mich: hinschauen und da sein. Einen Freund, der gesundheitlich angeschlagen ist, wissen lassen: ich denk an dich. Einer Kollegin zuhören, die nicht mehr weiß, wie sie alles schaffen soll. Das ist nicht immer einfach. Es kostet Zeit, Aufmerksamkeit und manchmal bedeutet es auch, dass ich meine eigenen Pläne für einen Moment zurückstellen muss.
Auch der Auftrag, Dämonen auszutreiben, bekommt für mich eine andere Bedeutung. Ich denke dabei an Menschen, die nicht wissen, wie es weitergehen soll. Die innerlich zerrissen sind. Gerade bei jungen Leuten begegnet mir das immer wieder. Die Schule ist geschafft – und jetzt? Ausbildung? Studium? Ein Jahr ins Ausland? Antworten habe ich meist keine. Aber vielleicht hilft es schon, wenn ich zuhöre und mittrage, dass ein anderer gerade den Weg noch sucht.
Und schließlich: Tote auferwecken. Auch das verstehe ich nicht nur wörtlich. Menschen können innerlich wie tot sein. Wenn sie nur noch funktionieren. Wenn sie jeden Morgen aufstehen und sich fragen, wofür. Vielleicht traut Jesus seinen Jüngern und auch mir zu, Menschen daran zu erinnern, was ihnen wichtig ist. Was sie erfüllt und ihrem Leben Sinn gibt. Und vielleicht geschieht genau darin ein kleines Wunder: Dass Menschen sich gesehen fühlen. Dass sie sich geliebt wissen. Und dass sie neue Kraft finden.
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