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SWR Kultur Wort zum Tag

10DEZ2025
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„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – dieses alte Adventslied klingt wie ein Ruf aus tiefster Seele. Es ist kein leiser Wunsch, sondern ein regelrechter Schrei. Nach Hilfe, nach Beistand, nach Trost. Für diese Welt, für das eigene Leben. Viele erzählen mir, dass sie die Nachrichten von Krieg und Gewalt und verdrehter Wahrheiten kaum noch aushalten können. Und andere wie einsam sie eigentlich sind.

„Reiß die Himmel auf“ – das ist die Bitte, dass etwas geschieht, das wir mit unseren menschlichen Möglichkeiten nicht herstellen können. Wie würde das aussehen, wenn der Himmel sich öffnet?

Ich stelle mir das so vor:
Am Horizont erscheint ein winziger, heller Spalt. Wie an einem dunklen, kalten Wintermorgen, wenn die Sonne erst spät aufgeht. Und alles sieht auf einmal anders aus.

Oder eine Frau hat schon lange keinen Besuch mehr erhalten. Erst ist es ihr gar nicht aufgefallen, dass sie immer einsamer wurde, dann hat sie gedacht, es würde jetzt immer so bleiben. Und dann klingelt doch plötzlich eines Tages die ehemalige Nachbarin, kommt herein und legt ihren Mantel ab. Es macht ihr nichts aus, dass es keinen Kuchen gibt. Sie setzt sich trotzdem an den Tisch, schweigt, hört zu. Und die Frau spürt zum ersten Mal wieder Wärme. Nähe. Hoffnung.

Wenn der Himmel sich öffnet, dann berührt Gottes Welt unsere Welt. Das Himmelreich bleibt nicht im Unsichtbaren, sondern findet einen Weg in unseren Alltag: sanft, unscheinbar, aber wirksam. Dieses alte Adventslied hat viele eindrückliche Bilder dafür: Der Tau, der Pflanzen und Erde benetzt, das Ausschlagen der Bäume und Sträucher im Frühling, der Sonnenstern, der mit seinem Licht die Welt erhellt.

All diese Bilder stehen für die Erwartung im Advent, dass Gott sich zeigt. Für diese Welt und für uns. Dass der Himmel eben nicht verschlossen bleibt über Krieg und Hass, Krankheit und Einsamkeit, persönlichen Sorgen und globalen Konflikten.

Der Himmel öffnet sich, wenn ein Mensch Trost erfährt – manchmal durch ein Wort, das zur rechten Zeit gesagt wird. Wenn Vergebung geschieht, obwohl alles nach Strafe ruft. Wenn Menschen sich aufrichten, die gebeugt waren. Wenn jemand Licht in das Chaos eines anderen bringt. Das sind die Momente, in denen Himmel und Erde sich berühren. Und einer spüren kann: Gott ist nah.

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SWR Kultur Wort zum Tag

09DEZ2025
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„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – es ist mein liebstes Adventslied, und schon das erste Bild lässt mich nicht los: ein aufgerissener Himmel. Das klingt erst einmal brutal. Was aufgerissen wird, tut weh. Da ist Gewalt im Spiel. Ich höre darin die verzweifelten Schreie von Menschen, die unter Krieg und der Zerstörung ihrer Heimat leiden. Ich höre aber auch umgekehrt Gottes Schmerz über den Zustand seiner Schöpfung, weil er im Himmel, nicht unberührt zuschaut, sondern sich verletzen lässt, verwundbar macht – für uns.

Und genau an dieser Stelle beginnt für mich der Advent: Wo etwas aufreißt, kann auch Licht durchdringen. Manchmal sieht man das nach einem Gewitter: Lauter dunkle Wolken, und plötzlich ein Riss, ein heller Streifen, der den ganzen Himmel verändert.

Und wenn es in der ersten Strophe weiter heißt: „Herab, herab vom Himmel lauf“, dann entsteht in mir das Bild, dass Gottes Himmelskraft und Lebenssaft zur Erde fließt. Nicht als rohe Gewalt, sondern als sanfte Feuchtigkeit, wie ein Tau, auf ausgedörrter Erde. Wenn unsere Welt ausgetrocknet ist von Hassreden, Dauerkrisen, Sozial- und Leistungsdruck – wenn Menschen innerlich ausgebrannt sind, müde, zynisch, hoffnungslos – dann ist dieser „Tau“ ein starkes Bild für Gottes Kraft. Langsam weckt er wieder Leben, löst starre Fronten, macht Begegnungen zwischen Menschen wieder fruchtbar: O Gott, ein Tau vom Himmel gieß …“.

Dann kann sogar im Jammertal, wie das Lied das Leben auf der Erde beschreibt, die Erde ausschlagen wie im Frühling. Ich sehe es bildlich vor mir: Ein rissiger Boden, trocken, grau. Und dann, wie aus dem Nichts, eine kleine, zarte Blume, die den Asphalt sprengt. Das Lied sagt: Genau so kommt der Heiland. Unscheinbar, verletzlich, aber unaufhaltsam. Für unsere Zeit könnte das heißen: Hoffnung beginnt vielleicht nicht in den großen Programmen, aber in den leisen Anfängen – dort, wo einer nicht aufgibt, wo jemand einem anderen die Hand reicht, wo eine trotzdem hofft, liebt, glaubt.

Ich glaube, das ist der Advent, den ich heute brauche: Ich muss die Risse in meinem Leben und in der Welt nicht verstecken. Ich kann sie Gott hinhalten. Und glauben: Durch genau diese Risse fällt sein Licht. Strömt seine Kraft. Hinter dem aufgerissenen Himmel steht kein leerer Raum, sondern ein offenes Herz. Gottes Herz für diese Welt – und für mich.

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SWR Kultur Wort zum Tag

08DEZ2025
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„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – so beginnt eines meiner liebsten Adventslieder. Für mich steht es wie kein anderes für diese besondere Zeit im Kirchenjahr. Wenn ich die ersten Töne höre, bin ich sofort „im Advent“: und zwar nicht im Lichterglanz der Kaufhäuser und Fußgängerzonen, sondern in einer tiefen, sehnsüchtigen Erwartung, dass Gott selbst kommt in unsere Welt.

Der Text ist vierhundert Jahre alt und führt uns zurück in die Zeit des 30jährigen Krieges. Friedrich Spee, dem der Text des Liedes zugeschrieben wird, war Seelsorger mitten im Krieg, in Not und Hexenverfolgung – und einer der mutigsten Kritiker der Gräuel, die er da mit ansehen musste.

Sein Lied erscheint um 1622, zunächst anonym, als Gebet derer, die im Elend um Gottes Kommen rufen. Die Melodie ist etwas jünger und aus einem Gesangbuch von 1666 überliefert.

Die erste Strophe bringt das Grundthema auf den Punkt:
„O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf;
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.“

Ein Gebet, ein flehentlicher Ruf. Da rüttelt einer mit Worten an der Himmelstür. Reiß auf! Reiß ab! Denn die Kriegszeit und der Hexenwahn, Not und Elend der Zeit legen die bittere Erfahrung nahe: Der Himmel scheint verschlossen, Gott selbst ewig weit weg, als hätte er die Welt und ihre Nöte von sich weggesperrt. Und gleichzeitig gibt es diese große Sehnsucht, dass Gott, diese Trennung doch endlich durchbrechen möge. Er soll kommen, um die Zustände auf der Erde zu verändern!

„Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.“

heißt es in der vierten Strophe. Wer so betet, wer so singt, hat die Welt noch nicht aufgegeben, sondern hält an Gott fest. Trotz allem Elend.

„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – das ist kein höflicher Wunsch, sondern ein mutiger Protestruf gegen die ewige Kluft zwischen Himmel und Erde. In diesem Ruf steckt die Weigerung, sich mit der Finsternis abzufinden. Und zugleich wächst die leise Hoffnung: Wenn Gott selbst den Riegel löst, dann bleibt unsere Welt nicht, wie sie ist – dann kann ein neuer Advent beginnen. Auch heute. Mitten in unserer Zeit und in unserem eigenen Leben.

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SWR Kultur Wort zum Tag

20SEP2025
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„Gerade da, wo die Philosophie scheitert und die Vernunft sich hinter den Ohren kratzen muss, wo man ein Sausen hört, aber nicht weiß, woher es kommt und wohin es fährt – gerade da vermute ich Gottes Finger.“

So schreibt der Dichter Matthias Claudius im 18. Jahrhundert. Und ich merke: Das spricht mir aus der Seele.

Wir leben in einer Welt, die alles erklären will. Für jede Frage eine Antwort. Für jede Unsicherheit ein System. Und doch gibt es diese Momente, in denen ich merke: Das kann nicht alles sein. Da ist mehr. Mehr als wir Menschen wissen. Mehr als wir berechnen können. Etwas entzieht sich. Rutscht durch die Finger. Und genau da beginnt für mich der Raum des Glaubens.

Ich erinnere mich an einen Moment auf einer Wanderung. Frühmorgens, Nebel im Tal, die Sonne noch nicht da. Es war still. Und doch war da etwas. Ein Hauch. Wie ein sanftes Sausen. Nicht sichtbar, nur spürbar. Aber da. Kein Beweis. Kein Gedanke. Nur Gegenwart. Und ein Staunen, das mich durchdrungen hat. Als hätte jemand leise seine Hand auf meine Schulter gelegt.

In solchen Momenten spüre ich diesen „Finger Gottes“. Nicht als Eingreifen mit Gewalt. Sondern als leise Berührung. Die Bibel kennt solche Geschichten. Von Elia wird erzählt, dass er Gott nicht im Sturm, nicht im Feuer, sondern in einem „stillen, sanften Sausen“ begegnet.

Manchmal muss sich auch unsere Vernunft „hinter den Ohren kratzen“. Wenn das Leben nicht aufgeht. Wenn wir keine Erklärung haben für Schmerz, für Schönheit, für Wunder. Dann beginnt ein anderes Verstehen. Ein Verstehen des Herzens. Der Stille. Der Beziehung.

Auch in unserer Zeit, in der sich so vieles beschleunigt, in der das Laute über das Leise zu triumphieren scheint, sind solche Momente möglich. Vielleicht gerade dann, wenn wir nicht mehr alles verstehen müssen. Wenn wir die Kontrolle verlieren – oder sie bewusst loslassen. Und Gott nicht als Erklärung suchen, sondern als Gegenwart.

Ich glaube: Glaube lebt nicht vom Wissen. Sondern vom Wahrnehmen. Vom Hinhören. Vom Aushalten des Nicht-Wissens. Und von der Hoffnung, dass mitten darin Gott spürbar wird.

Nicht beweisbar. Aber da.

Wie ein Sausen im Wind.

Wie ein Finger, der etwas in mein Leben schreibt. Ganz leise.

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SWR Kultur Wort zum Tag

19SEP2025
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„Beim Glauben geht es nicht darum, Beweise zu haben. Es geht darum, was dich aufrecht hält, wenn es keine Beweise mehr gibt.“

Diesen Satz hat mir einmal jemand gesagt. Und er ist geblieben. Nicht, weil er besonders klug oder originell klingt. Sondern weil er so ehrlich ist. So nüchtern. Und zugleich so tröstlich.

Ich wünsche mir oft Gewissheit. Beweise, schwarz auf weiß, für das, was ich glaube. Dass es Gott gibt. Dass Gebete etwas verändern. Dass mein Leben einen Sinn hat. Aber manchmal stehe ich da – und sehe: nichts. Keine Spur von Gott. Keine Antwort. Nur Fragen. Und Zweifel.

In solchen Momenten wird mein Glaube aber nicht weniger wichtig. Sondern vielleicht erst richtig bedeutsam. Weil er dann nicht mehr nur eine Theorie ist. Sondern etwas, das trägt. Mich aufrecht hält.

Ich denke an eine ältere Frau aus der Gemeinde. Ihr Mann war gestorben. In der Kirche saß sie allein in der letzten Bank. Immer mit Tränen in den Augen. Und doch kam sie jeden Sonntag. Ich habe sie einmal darauf angesprochen. Da hat sie gesagt: „Ich komme, weil ich sonst nicht mehr weiß, wie ich durch die Woche kommen soll.“

Kein Beweis für Gottes Gegenwart. Kein Wunder, das ihre Tränen in ein Lachen verwandelt hätte. Aber etwas, das sie gehalten hat.

Auch die Bibel erzählt von Menschen, die diesen Glauben erfahren: Abraham zum Beispiel, bricht auf, – ohne Ziel, ohne Beweis, nur mit einer Verheißung im Herzen. Oder Hiob: Er verliert alles, Besitz, Gesundheit, Familie – und lässt trotzdem nicht los! Oder Jesus selbst: Er schreit am Kreuz, dass er sich verlassen fühlt. Und sagt doch: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“

Glaube ist nicht immer stark. Manchmal ist er nur ein Versuch, zu glauben. Ein letzter Rest Vertrauen. Ein Gebet in der Nacht. Ein Schritt weiter – ohne zu wissen, wohin.

Aber vielleicht ist gerade das der tiefste Glaube: Nicht, wenn ich alles verstehe, sondern wenn ich trotzdem nicht aufhöre zu hoffen. Wenn ich mich halten lasse – von etwas, das größer ist als ich selbst. Von einem Gott, der nicht beweisbar ist. Aber erfahrbar. Im Rückblick. In stillen Momenten. In der Kraft, weiterzugehen. Im Mut, nicht aufzugeben.

Ich glaube heißt nicht: Ich weiß alles. Sondern: Ich bleibe. Ich gehe weiter. Ich halte mich fest. An dem, der mich hält.

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SWR Kultur Wort zum Tag

18SEP2025
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Wir leben in einer Sicherheitsgesellschaft. Soziale Absicherung, Krankenversicherung, Rentensystem, Wohlstand und Vorsorge – vieles ist darauf angelegt, Risiken zu vermeiden, Krisen abzufedern, die Kontrolle zu behalten. Und vielleicht liegt deshalb auch der Wunsch nach einem Gott nahe, der genau so funktioniert: wie ein göttlicher Notfallplan. Ein Deus ex machina – das war im antiken Theater die Figur, die am Ende mit einem Kran auf die Bühne „herabgefahren“ kam, um das Chaos der Handlung mit einer letzten Wundergeste aufzulösen. Alles wird gut. Einfach so.

Aber der Gott, den Jesus zeigt, wirkt anders. Kein Eingreifen von oben, kein Retten per Kran. Sondern Herunterkommen in unsere Wirklichkeit. In das Chaos. In das Leiden. In die Ohnmacht. In das Sterben. Und genau das ist so schwer zu glauben: an einen Gott, der sich nicht als Sieger präsentiert, sondern als Verwundeter. Der nicht verhindert, dass wir leiden, sondern stillhält. Aber mittendrin ist. Als nah und tragend erlebt wird.

Ich frage mich: Hat dieser Gott eine Chance? In einer Welt, in der das Starke so viel zählt? Das Effektive, das Schnelle, das Nützliche? Vielleicht hat er es tatsächlich schwer. Und doch glaube ich: Genau dieser Gott ist es, der bleibt, wenn alle Sicherheiten bröckeln. Dann trägt nämlich keine Theorie mehr – nur noch Beziehung. Und dieser Gott sucht Beziehung, sucht Nähe. Nicht zu einer perfekten Version von uns Menschen. Sondern zu denen, die wir wirklich sind. Auch im Zweifel. Auch in der Angst. Gerade in der Ohnmacht. Im Leben. In dieser Welt.

Der von den Nationalsozialisten eingesperrte Theologe Dietrich Bonhoeffer hat dies im Gefängnis erfahren, wie seine Briefe eindrücklich belegen. Es ist gerade dieser Gott, an dem er festhält, wenn er schreibt: „Gott ist schwach und ohnmächtig in der Welt, und genau so, auf keine andere Art, kann er bei uns sein und uns helfen.“

Wenn ich das ernst nehme, gerade in diesen Zeiten – mit Kriegen, Krisen, Klimakatastrophe – brauche ich, so glaube ich, keinen Über-Gott, der alles repariert. Sondern einen Gott, der mitgeht. Der mitfühlt. Der mitträgt. Der in der Nacht nicht einfach das Licht anknipst, aber still bei mir bleibt. Und gerade darin Hoffnung wachsen lässt. Ganz leise. Ganz echt.

Kein Kran-Gott. Sondern ein Kreuz-Gott. Und genau deshalb: Ein glaubwürdiger Gott.

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SWR Kultur Wort zum Tag

09AUG2025
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„Hoffnungslosigkeit können sich nur diejenigen leisten, die alles haben.“

Diesen Satz hat Pirmin Spiegel gesagt. Er war viele Jahre als Priester in Brasilien tätig und dann als Hauptgeschäftsführer von Misereor, einer weltweit tätigen katholischen Hilfsorganisation. Der Satz hat sich mir eingebrannt.

Es klingt provokant – und ist es auch. Ich fühle mich ertappt: Ich lebe in einer Überflussgesellschaft, die alles hat und doch immer wieder feststellt: Es reicht nicht. Und wenn nichts fehlt, außer Sinn – dann kann sogar Hoffnung überflüssig erscheinen.

Aber stimmt das wirklich? In Westeuropa leben wir in einem System, das von Konsum, Verfügbarkeit und scheinbarer Selbstoptimierung geprägt ist. Wenn alles erreichbar scheint, wird der Mangel zur persönlichen Niederlage. Hoffnungslosigkeit ist dann kein Luxus, sondern im Gegenteil ein ständiger Begleiter.

In vielen Regionen der Welt, besonders im globalen Süden, sagt Pirmin Spiegel, ist Hoffnung hingegen oft das Einzige, was Menschen noch besitzen. Hoffnung auf sauberes Wasser, auf Bildung, auf Frieden, auf eine sichere Bleibe. Und auch: Hoffnung auf Gott. Diese Hoffnung ist Halt und Kraftquelle, ein kostbares Gut, das Menschen leben und überleben lässt. Aller Not und allem Leid zum Trotz.

Ich bin mir nicht sicher, ob sich Hoffnung und Hoffnungslosigkeit so pauschal zuteilen lassen, wie das Zitat es nahelegt. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass auch Menschen, die scheinbar alles haben, Hoffnung brauchen. Dringend sogar.

Denn auch Besitz macht Sinnfragen nicht überflüssig. Erfolg füllt nicht die Seele. Fortschritt ersetzt keine Liebe. Hoffnung ist nicht Luxus, sie ist existenziell – für alle. Gerade in Zeiten, in denen vieles aus den Fugen zu geraten scheint.

Und im Glauben öffnet sich eine Hoffnung, die nicht nur auf morgen oder ein besseres Leben vertröstet, sondern eine Tiefe aufmacht, die mich im Hier und Jetzt trägt. Die Bibel spricht von einer Hoffnung, „die nicht zuschanden werden lässt“ (Röm 5,5). Es ist die Hoffnung, dass Gott gegenwärtig ist – in jeder Krise, jeder Not, jedem Zweifel, jedem Scheitern.

Wer glaubt, hat nicht automatisch weniger Probleme. Aber er hat jemanden, der mitgeht. Der sagt: Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir. Diese Hoffnung kann sich jeder leisten.

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SWR Kultur Wort zum Tag

08AUG2025
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Links, rechts, links, 4 Schritte geradeaus, dann rechts, wieder 3x geradeaus, nochmal links, 2x geradeaus… – und ich bin am andern Ufer angekommen. Als Erster!

Ich bin mit drei Freunden auf einer Wanderung durch das Allgäu unterwegs und wir müssen eine flache Furt überqueren. Eigentlich gehöre ich nicht zu den Schnellsten. Auch jetzt gehen die anderen gleich los, zügig, entschlossen, mit großen Schritten.

Aber dann stockt es. Der eine rutscht ab, der andere dreht wieder um. Der dritte findet keinen Anschluss an den nächsten Stein. Ich stehe noch am Ufer, schaue zu, beobachte genau. Merke mir, wo es nicht weitergeht. Wo das Wasser zu tief steht. Und wo der Tritt auf dem Stein wirklich sicher ist. Dann erst gehe ich los. Stetig, Schritt für Schritt. Und komme als Erster auf der anderen Seite an.

Für mich ist diese kleine Szene mehr als eine Wanderanekdote. Sie sagt etwas über das Leben. Wer als erster losgeht, ist nicht immer der Schnellste. Manchmal ist es gut, wenn man sich Zeit lässt, hinschaut, überlegt, abwägt – und dann seinen eigenen Weg geht. Auch wenn man zunächst hinter den anderen zurückbleibt.

Jesus sagt: „Die Letzten werden die Ersten sein.“ (Mt 19,30). Ein Satz, der unsere alltäglichen Maßstäbe radikal infrage stellt. Denn wir denken oft in Kategorien wie: schneller, besser, weiter. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Doch Jesus kehrt diese Logik um. In Gottes Reich gelten andere Maßstäbe.

Da zählt nicht, wer am lautesten ist. Sondern wer zuhört. Nicht, wer vorausprescht. Sondern wer bereit ist, den richtigen Weg zu erkennen. Nicht, wer immer im Rampenlicht steht. Sondern wer treu bleibt. Auch da, wo keiner es sieht.

Gottes Blick ist ein anderer. Und das ist eine gute Nachricht – besonders für all jene, die sich im Leben oft abgehängt fühlen: die Langsamen, die Zweifelnden, die Bedachten.

Der Glaube braucht nicht das Tempo, sondern das Vertrauen. Und manchmal liegt darin eine große Kraft: Dass ich mir Zeit lasse. Dass ich nicht jedem Hype hinterherlaufe. Sondern dass ich frage: Was ist wirklich mein Weg? Und wo hat Gott vielleicht schon einen Weg gebahnt, um mich sicher ans andere Ufer zu bringen?

Die Letzten werden die Ersten sein – das ist ein Zuspruch an alle, die nicht gleich bei allem vorne mit dabei sind. Denn Gott schaut nicht auf die Reihenfolge. Sondern auf das Herz. Und manchmal reicht auch ein später Schritt – um am Ende ganz vorn zu stehen. Bei ihm. Und auch im Leben.

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SWR Kultur Wort zum Tag

07AUG2025
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Ich bin in Bad Cannstatt aufgewachsen. Und habe dort auch regelmäßig die Gottesdienste in der Stadtkirche besucht. Der Pfarrer hat das Stille Gebet immer mit demselben Psalmvers beendet: „Herr, wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft“ (Ps 138,3).

Das Stille Gebet war der Moment, in dem man Gott mit seiner inneren Stimme sagen konnte, was einen beschäftigt hat. Ich kann mich daran noch gut erinnern: An meine Kinder- und Jugendgebete um tolle Spielsachen, Freunde, gute Noten. Manchmal habe ich auch gar nicht gewusst, was ich jetzt beten soll. Weil es mir einfach gut ging. Und es da gerade einfach nichts gegeben hat, worum ich den lieben Gott hätte bitten können. Aber die Worte von der großen Kraft, die Gott der Seele schenkt, haben mir gutgetan, ob ich nun gebetet habe oder nicht. Ich habe mich aufgehoben gefühlt. Irgendwie umfangen. Und: gestärkt.

Das habe ich auch auf einer Reise zu Gemeinden unserer Partnerkirche in Papua erfahren. Dort sind die Menschen viel mit dem Boot unterwegs, zum Fischen, oder um zwischen den vielen Inseln hin- und herzufahren. Das Boot ist für sie ein wichtiges Verkehrsmittel. Und oftmals ist das Meer auch rau und unruhig, und die Fahrten sind dadurch nicht ungefährlich. Das habe ich selbst erlebt. Aber vor jeder Überfahrt haben die Papua im Boot ganz selbstverständlich innegehalten und gebetet. Um Schutz und Bewahrung für die Fahrt. Und nach der Ankunft auf der anderen Seite gab es diese Unterbrechung wieder. Dieses gemeinsame Gebet hat mir gutgetan. Ich habe gespürt: diese Menschen wissen genau, was es heißt, sich ganz und gar Gott anzuvertrauen.

Das habe ich auch bei der alten Frau im Seniorenheim eindrücklich gespürt, die ich immer wieder besuche. Sie leidet an Demenz. Oft weiß sie nicht mehr, was vor zehn Minuten geschehen ist. Sie verliert immer wieder den Faden ihres Lebens. Aber eines verliert sie nie: Ihre Dankbarkeit. Ich finde das beeindruckend. Jeden Abend bedankt sie sich für alles, was gut gewesen ist an diesem Tag. Für die freundliche Pflegerin, das gute Essen oder einfach für einen Moment, in dem sie gelacht hat. Und jeden Morgen dankt sie für alles, was gut war in der Nacht. Das Danken gibt ihrer Seele Kraft. Wir beten oft zusammen. Auch mit diesem Psalmvers. Und bei aller Vergesslichkeit spricht sie diese Worte immer mit: „Herr, wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft.“

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SWR Kultur Wort zum Tag

05APR2025
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Manchmal, wenn es mir zu viel wird mit der ganzen Geschäftigkeit in den Straßen der Stadt, oder auch mit meiner eigenen Umtriebigkeit, dann gehe ich in die Kirche, setze mich in eine Bank und lasse die Ruhe des Raums auf mich wirken. Ich wohne in Speyer, nicht weit von der Gedächtniskirche. 

Und dann sitze ich einfach nur da. Manchmal minutenlang. Eingehüllt in Schweigen. Ich werde still. Und auch von außen dringen keine Geräusche auf mich ein. Mein Verstand, mein Herz, meine Seele kommen zur Ruhe. Und es fühlt sich an, als ob die Zeit auf einmal stehenbleibt.

Das tut mir gut. Weil ich dann spüre, dass es hinter der Zeit eine Ewigkeit gibt, die über meinem Leben liegt. Und auch über dieser Welt. Dass ich nur ein winzig kleiner Teil von ihr bin, nicht mehr als ein Sandkörnchen. Und über allem ist Gott, der Allmächtige und Ewige. Ich kann seine Gegenwart spüren. Im Raum. Und auch bei mir.

Dann bete ich. In aller Stille. Sage Gott in Gedanken, was mich sorgt, und was mir zu schaffen macht. Dass ich erlebe, wie Menschen ohne Scham die Wahrheit verdrehen. Dass Machthaber andere Länder überfallen und mit Krieg überziehen. Dass ein Freund von mir drei inoperable Hirntumore hat. Und es in seinem Leben jetzt nur noch um zwei Fragen geht: wie lange noch? Und mit welcher Lebensqualität?

Und dann sitze ich da. Verharre in der Stille. Aber die Stille, die mir gerade noch so gut getan hat, hat sich verändert. Denn jetzt ist es Gott, der schweigt. Und das ist schwer zu ertragen. Martin Luther hat diesen schweigenden, unbemerkbar in der Stille verharrenden Gott, den verborgenen Gott genannt. Den Deus absconditus. Im Lateinischen, merke ich, fällt es mir leichter, ihn zu ertragen, weil die Verborgenheit in der fremden Sprache eher wie ein geheimnisvoller Name klingt und nicht wie die offensichtliche Verweigerung einer Offenbarung.

Wie finde ich von diesem sich verbergenden, unzugänglichen Gott wieder zu dem Gott, der hilft und rettet und erlöst, wie es in so vielen Geschichten der Bibel steht? Ich muss gestehen, ich weiß es gerade nicht. Der Glaube an ihn ist da. Auch bei mir. Darum bin ich ja hier. Aber hier ist nur Stille. Und Schweigen. Ein Schweigen, das einfach nicht zu fassen ist.

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