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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

08OKT2026
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Als unsere Kinder klein waren, hatte ich immer mal wieder das Gefühl, dass sie viel mehr wahrnehmen als ich. Mal schauten sie wie gebannt auf eine Stelle im Zimmer, als gäbe es da etwas Besonderes zu entdecken – aber für mich war da nichts. Mal hatten sie Angst an Stellen und Orten, die ich so gar nicht zum Fürchten fand. Oder Orte im Garten oder im Wald zogen sie magisch an ohne dass ich mir erklären konnte, warum. Wenn ich sie gefragt habe, was denn los ist, erklärten sie mir, dass sie etwas gesehen oder gehört haben. Oder, dass sie dort etwas Spannendes vermutet haben.

So befremdlich für mich das Verhalten meiner Kinder manchmal war, trotzdem habe ich mich auch bei dem Gedanken erwischt: „Vielleicht gibt es da doch etwas. Etwas, was ich nicht entdecken, nicht wahrnehmen kann – nicht fühle. Vielleicht auch: nicht mehr fühle.“ Ich erinnere mich, dass die Natur in meiner Kindheit für mich auch voller Geheimnisse war.  Heute überfällt mich dieser Schauer des Geheimnisvollen, den ich nicht erklären kann, nur noch selten. Aber manchmal zum Glück doch noch. Und ich liebe solche Momente: Sie sind eine Erinnerung daran, dass es mehr gibt, als ich in diesem Moment sehe und wahrnehme. Dass ich eingebettet bin in Gottes Schöpfung und verwoben bin mit Gottes Welt.

Was seltsam klingen kann, ist mir wichtig geworden, gerade weil es sicher mehr gibt als das, was wir sehen. „Es gibt auf dieser Welt viel mehr, als Du sehen kannst.“ Diese Wahrheit hat der Dichter Matthias Claudius schon vor über 200 Jahre wunderbar in Worte gefasst. Er hat in dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ gedichtet: „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsere Augen Sie nicht sehn.“ (Matthias Claudius, Der Mond ist aufgegangen, Strophe 3)

Ich möchte offen sein, für das, was ich nicht sofort wahrnehme. Offen sein, für mehr als das, was offensichtlich ist. Das ist mir wichtig geworden, um mehr von der Welt zu sehen.

Auch Ihnen wünsche ich heute offene Sinne für die Menschen und für die Welt, die sie umgibt. Für das, was erst auf den zweiten Blick zu sehen ist.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

07OKT2026
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Was hilft Ihnen, zur Ruhe zu kommen? Zu sich selbst zu finden? Ihr Zentrum zu spüren? Vielleicht ein Waldspaziergang? Vielleicht joggen oder meditieren Sie? Vielleicht brauchen Sie dafür Ihre Familie oder ein gutes Buch oder die Lieblingsserie im Fernsehen.

Bei mir gibt es verschiedene Wege, wieder zu mir zu kommen.  Mal klappt bei mir das eine, mal das andere besser. Aber was immer gleich ist: Mein Zentrum ist das Herz. Wenn sich die Gedankenwolken lichten, wenn Ruhe und Ordnung in mich kommen – dann spüre ich mein Herz in mir. Es entspannt sich und füllt meinen Körper gleichmäßig und ruhig aus. Diese neue Ruhe stärkt mich von meiner Mitte, aus meinem Herzen heraus.

Ich habe mich eigentlich immer für einen Kopfmenschen gehalten – aber wenn ich es richtig besehe, bin ich ein Herzmensch. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass meine Herzensmenschen am besten dazu beitragen, dass ich wieder zur Ruhe komme, dass ich mein Zentrum, meine Mitte finde. Dass ausgerechnet diese Menschen es sind, die mich manchmal auch am schnellsten aus der Ruhe bringen können, nehme ich dafür gerne in Kauf.

Bei Kopfmenschen mag das anders sein – da sind es vielleicht weniger Menschen, als vielmehr Situationen, Worte oder Dinge, die sie zur Ruhe bringen - aber eben auch wieder aus der Ruhe heraus.

Was sind Sie: Herz- oder Kopfmensch? Wo liegt ihr Zentrum? Was bringt sie aus der Ruhe – und was hilft Ihnen, wieder zur Ruhe zu kommen?

Wie auch immer: Ich finde, es ist nicht das eine besser oder schlechter als das andere. Wichtig ist, zu wissen, wie ich meine Mitte wieder finde, und was mir dabei hilft. Ich muss schauen, wie ich mit mir umgehe und was meine Aufgabe im Leben ist, damit mein Herz und mein Kopf im Einklang sind.

Egal ob Kopf- oder Herzmensch: Kommen Sie gut durch den Tag!

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

06OKT2026
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Gewalt ist schlimm. Und Gewalterfahrungen können Menschen lange begleiten, manchmal ein ganzes Leben. Deshalb sind Schutzkonzepte gegen Gewalt entwickelt worden. Zum Beispiel in Kirche und Diakonie, aber auch in Vereinen, Schulen und Unternehmen. So soll Gewalt verhindert werden, bevor sie entsteht. Und wenn doch etwas passiert, sollen die Schutzkonzepte einen offenen und klaren Umgang mit einem Vorfall sicherstellen. Und zwar bei allen Arten von Gewalt. Denn Gewalt kann viele Formen haben: Körperliche, sexuelle, seelische oder auch verbale Gewalt.

Gerade die möchte ich heute in den Blick nehmen:  verbale Gewalt. Also Gewalt die durch Worte wirkt. Und ich meine hier nicht nur offensichtliche verbale Gewalt wie Beschimpfungen, Beleidigungen oder Hasstiraden. Auch scheinbar unscheinbare Worte und Sätze können verletzen und als Gewalt erlebt werden.

Wenn z.B. der Lehrer beim Austeilen der Klassenarbeit sagt: „Wenn sogar Sven eine drei hat, dann kann die Klausur ja nicht so schwierig gewesen sein“. Oder wenn bei der Mannschaftswahl fürs Fußballspiel gesagt wird: „Na dann nehmen wir heute mal Julia zuerst, dann fühlt sie sich nicht so schlecht, am Ende landet sie eh bei uns.“ –

Ich glaube wir alle kennen solche Sätze – vielleicht oft gar nicht wirklich böse gemeint– aber sie tun trotzdem weh. Manchmal jahrelang. Sie setzen sich in Menschen fest und tun weh. Sätze, die sitzen.

Sensibilität, Zugewandtheit und einen liebevollen Umgang kann man leider mit keinem Schutzkonzept sicherstellen. Denn zunächst einmal ist es ein Stück Papier, das mit Leben gefüllt werden muss. Da kommt es auf uns alle an: Nicht einfach schnell mal einen Satz raushauen, sondern erst denken, dann reden. Und wenn es doch passiert ist, wenn ich doch jemanden verletzt habe mit meinen Worten, dann bitte wenigstens nicht kleinreden nach dem Motto: So habe ich das doch nicht gemeint.  Sondern zuhören und ernst nehmen, wenn es mein Gegenüber schafft mir zu sagen – „Du, das hat mit echt getroffen, das hat mich verletzt“. Und mich dann entschuldigen. Und beim nächsten Mal ein bisschen behutsamer mit meinen Worten umgehen.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

05OKT2026
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„Es geht mir nur um die Sache.“  Diesen Satz hört man oft, wenn jemand in einer Diskussion sehr engagiert seine Position vertritt, vielleicht sogar verletzend wird. Ich frage mich dann immer: Warum passiert das? Warum schießt hier Jemand so über das Ziel hinaus?

Ich glaube, dass es etwas mit dem Herzen zu tun hat. Wenn es mir wirklich nur um die Sache geht, dann steuert eher der Kopf.  Und dann schieße ich seltener über das Ziel hinaus. Ich überlege genauer, was ich wann und vor allem wie ich es sage. Ich wäge ab, wie ich am besten zu meinem Ziel komme. Dabei kann ich mich stärker von der Sache selbst distanzieren und sachlich argumentieren. Aber wenn ich mit dem Herzen bei der Sache bin, zumal mit vollem Herzen, geht es irgendwie um mehr. Dann bin ich viel stärker mit dem Thema verbunden. Es berührt mich. Ich bin emotional beteiligt. Dann wird es schwieriger, zwischen der Sache selbst und mir zu unterscheiden.

Mit ganzem Herzen bei der Sache zu sein bedeutet alles daran zu hängen, sich voll und ganz rein zu begeben: Mit meiner ganzen Kraft, mit meinen ganzen Emotionen. Und weil ich mich ganz und gar hineinbegebe, ist es oft so schwierig, wenn meine Mitmenschen nicht mitgehen oder mitmachen. Dann fühle ich mich unverstanden, fühle ich mich allein gelassen und ohnmächtig und ja, dann schieße ich leicht über das Ziel hinaus und werde verletzend. Das will ich nicht. Dann sage ich entschuldigend: „Aber es geht mir doch um die Sache!“

Schwierig.
Denn ich will nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit vollem Herzen bei der Sache sein. Denn ich bin anders, wenn ich mit ganzem Herzen bei der Sache bin. Dann bin ich voll dabei.

Nicht umsonst heißt es beim Doppelgebot der Liebe in der Bibel „Liebe Gott von ganzem Herzen und mit ganzer Kraft und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Vielleicht ist genau das die Herausforderung:  Mit ganzem Herzen bei der Sache sein und gleichzeitig Kritik an der Sache nicht persönlich zu nehmen und dadurch ein offenes Herz für den anderen zu behalten.

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20JUN2026
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Heute wird es romantisch. Ich erzähle Ihnen von meinem Freund Fred und seiner Frau, Sabine, die seit 30 Jahren ein Paar sind.

Das an sich ist statistisch gesehen schon eine Leistung - aber wenn man die beiden trifft, dann spürt man, dass das kein Zufall ist, denn die Tiefe und Liebe ihrer Beziehung ist auch für mich als Außenstehenden jedes Mal erkennbar.

Immer wieder berührt es mich, wenn er sagt „Ach, da kommt ja meine Traumfrau“ oder wenn sie ihn mit seinem Kosenamen ruft oder anspricht mit „Du mein Herz und meine Liebe“.

Wenn ich das höre, bin ich hin- und hergerissen zwischen absoluter Romantik und einem kitschigen Schauer. Aber ich bewundere die beiden für diese klaren, alltäglichen und ernst gemeinten Liebeserklärungen. Vielleicht machen die ein wenig den Zauber ihrer Ehe aus – eine Art Geheimrezept.

Ich glaube aber, dass das nicht alles ist. Ich erlebe bei den Beiden noch etwas ganz Wichtiges, nämlich wirkliche Solidarität. Sie stehen bedingungslos zueinander, nicht nur an guten Tagen, sondern auch in Peinlichkeit und Misserfolg. Und dabei verlieren sie nie die Zärtlichkeit in ihrer Sprache.

Auch ein noch so schlechter Tag kann einen Zauber entfalten, wenn man begrüßt wird mit „Meine Traumfrau“ oder „Du mein Herz und meine Liebe“.

Das ist Solidarität in der Liebe – in guten und in schlechten Zeiten. Und das ist im besten Sinne biblisch. Denn auch in der Bibel findet sich ein Geheimrezept für die Liebe:

„Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit“.

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19JUN2026
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Ich kenne Menschen die gehen regelmäßig in den Wald und umarmen Bäume. Und ich kenne Menschen, die machen sich regelmäßig über solche Menschen lustig. Eigentlich schade. Denn, wenn ich im Wald spazieren gehe, dann geht mir auch das Herz auf. Und es ist vielfach wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Waldluft und der Waldspaziergang entspannend wirken und viele gesundheitsförderliche Aspekte haben.

Vielleicht ist das so, weil wir im Wald ganz besonders spüren, dass wir ein Teil von Gottes großartiger Schöpfung sind. Weil wir für einen Augenblick fühlen können, wie alles zusammenhängt. 

Mir gibt das Stabilität, Sicherheit und Ruhe. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich dieses Gefühl noch verstärkt, wenn ich einen Baum umarme, der dort ganz sicher und ruhig steht. Bei den einen ist es der Wald. Andere erleben diesen Moment des erfüllten Seins beim Blick auf das Meer oder beim Wandern in den Bergen.

Die Augenblicke ganz Teil dieser wundervollen Welt zu sein. Ich glaube diese Augenblicke sind Gottesmomente. Momente in denen ich ganz mit und bei Gott bin. Geborgen in seiner Schöpfung und Liebe, eins mit mir und der Welt.

Ich werde zwar trotzdem in nächster Zeit wahrscheinlich keine Bäume umarmen.  Aber ich wünsche allen, die im Wald spazieren, laufen oder gar Bäume umarmen, dass sie diese Augenblicke des Erfülltseins mit sich tragen in den Alltag.

Die Sicherheit und Ruhe mitnehmen, um die unruhige Welt um uns herum sinnvoll und hoffnungsfroh zu gestalten.

Ob Meer, Wald oder Berge - Jeder der ein bisschen Vertrauen, Ruhe und Hoffnung durch sein verbunden sein mit der Welt Gottes in unseren Alltag bringt, verändert diese Welt zum Guten.

Manchmal vermute ich fast, dass es bei diesen Menschen ist wie bei Bäumen. Man sieht sie auch in großer Verantwortung ruhig und sicher stehen und sie strahlen Stabilität aus.

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18JUN2026
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„Wer Angst hat, hat Zukunft.“ Das sagt der Psychotherapeut Gunther Schmidt.Erst einmal klingt das seltsam. Wer Angst hat, der sorgt sich doch vor der Zukunft. Vor allem, was ihm in Zukunft passieren könnte.

Ich sorge mich zum Beispiel darum, dass mein Sohn seine lange Fahrradtour gut übersteht und er keinen Unfall hat. Immerhin macht er sich auf den Weg über die Alpen und dann durch die Berge auf dem Balkan bis nach Griechenland. Dabei wird er nicht nur viel auf Landstraßen zwischen all den Autos fahren, sondern auch wilden Hunden ausweichen müssen.

Ich habe auch immer Sorge, wenn eines meiner Kinder nachts alleine unterwegs ist. Sorgen entstehen, weil ich mir nicht sicher bin über die Zukunft, weil ich Befürchtungen habe, dass etwas Negatives, etwas Schlechtes geschieht, oder ich unsicher bin, wie es weiter geht.

„Wer Angst hat, hat Zukunft.“ Als ich diesen Satz das erste Mal gelesen habe, habe ich gedacht: „Ach, da macht es sich der Autor ganz schön einfach.“ Aber mittlerweile denke ich: „Das ist eigentlich eine ganz charmante Aufforderung.“

Und so kann ich wieder freier Denken und kann Vor- Sorge treffen. Vor Sorge - ein wundervoller Begriff: vor zu sorgen also tätig zu werden vor der Sorge.

Ich habe meinem Sohn zum Beispiel vor seiner Fahrradtour gebeten, auf jeden Fall immer einen Helm zu tragen. Als Vorsorge. Und wenn unsere Kinder nachts unterwegs sind, dann geben wir ihnen mit auf den Weg: Ihr dürft Euch jederzeit bei uns melden wenn irgendwas nicht okay ist – egal wie spät es ist. Und wenn mich dann trotzdem Sorgen quälen – und das passiert natürlich auch - hilft mir ein Satz aus der Bibel: Alle Sorge werft auf Gott, denn Gott sorgt für euch. (1. Petrus 5,7).

Wenn ich alle Vorsorge getroffen habe, dann darf ich den Rest Gott übergeben. Dann habe ich das menschlich mögliche getan und alles andere liegt nicht in meiner Hand. Ich halte diesen Umgang mit Sorgen, nach der Vorsorge, für sehr klug. Denn so kann ich nachts besser schlafen und die Sorge überfordert mich nicht. Und ihnen wünsche ich heute einen sorgenfreien Tag voller Zukunft.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

31JAN2026
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Manchmal frage ich mich, wie ich zu meinen Freunden gekommen bin. Also wie kam es, dass wir Freunde wurden und es auch zum Teil nach Jahrzehnten immer noch sind?

Natürlich haben persönliche Sympathie, gemeinsame Interessen eine wichtige Rolle gespielt. Daneben ist aber auch die gemeinsame Geschichte wichtig. Ich habe Freunde, da verstehen viele um mich rum nicht, wie wir befreundet sein können. Aber wir haben eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen. Dadurch sind wir miteinander verbunden.

Sich miteinander Erinnerungen schaffen, ist eine wertvolle Aufgabe. Denn die Erinnerung schafft sich nicht immer von allein. Nicht alles was ich erlebe und an Zeit mit anderen Menschen verbringe bleibt in Erinnerung.

Sondern Erinnerung – also etwas, was unser Gehirn für aufhebenswert hält, was es bewahren will, entsteht durch die besondere Verbindung von Moment, Menschen und Emotion.

So entsteht etwas, was eben die Menschen, die diesen Moment geteilt haben, zusammenschweißt.

Damit es eine gute Erinnerung ist, braucht es eine „gute“ Emotion. Selbst wenn der Augenblick, den man teilt, vielleicht tragisch oder traurig ist. Ein Abschied z.B., den man zusammen durchgestanden, zusammen getragen hat, kann zu einer schönen Erinnerung werden.

Erinnerungen schaffen Verbundenheit. So entstehen Geschichten und Freundschaften, die gerade auch in den schweren Momenten meines Lebens unendlich wertvoll sind. Gerade da merke ich, wer für mich da ist, wer mit mir verbunden ist – dann spüre ich eine Gemeinschaft aus Freundschaft und Liebe – eine Verbundenheit, die die Lebenden aber auch die Toten miteinschließt. Denn solch eine Verbundenheit stirbt nicht einfach – sondern hält oft über den Tod hinaus – zum Glück!

Wenn ich mich erinnere an Erlebtes mit schon verstorbenen Freunden, dann sind sie mir nahe. Sie und unsere gemeinsame Geschichte. Dann sind sie mir in diesem Augenblick so nahe und ganz da – nicht körperlich – aber in vollkommener Verbundenheit.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

30JAN2026
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„Die Liebe ist stärker als der Tod“, hat meine Oma oft gesagt, wenn sie auf ihren Bruder zu sprechen kam. Ihr Bruder, nur wenig älter als sie, ist im Krieg gestorben. Als sie ein junges Mädchen war, ist dieser Bruder ihr fester Halt gewesen, der sie auch schon mal zum Tanz-Café mitgenommen hat.

„Die Liebe ist stärker als der Tod.“ Als Kind konnte ich mit diesem Ausspruch meiner Oma wenig anfangen – aber mittlerweile verstehe ich ihn. Auch ich habe inzwischen Menschen verloren, die mir wichtig waren, die ich geliebt habe, auch meine Oma.

„Die Liebe ist stärker als der Tod.“ bedeutet für mich, dass es auch nach dem Tod eine Beziehung gibt zu den Menschen, die gestorben sind. Ich kann und darf nicht nur an sie denken – nein sie sind mir manchmal so nahe, als ob sie wirklich noch um mich wären.

Schon früher, als meine Oma noch gelebt hat, ist es vorgekommen, dass ich in so mancher Situation dachte: – “Oh das würde Oma jetzt sicher kommentieren“ - und ich wusste auch genau was sie sagen würde. Weil ich es eben schon so oft erlebt hatte und genau wusste: Sie konnte den Dreck auf der Straße oder das Plakat am Stromkasten nicht einfach unkommentiert lassen.

Und heute - Jahre nach ihrem Tod - ist es noch genauso. Wenn ich im Garten bin und mich mit dem Giersch rumärgere, der sich überall ausbreitet, denke ich an sie – sehe sie in ihrem Garten stehen und dem Unkraut zu Leibe rücken und dabei sagen: „Garten ist ja nicht alles, aber ohne Garten ist doch alles nichts“.

Dann ist sie wie früher da und mir ganz nahe. Die Liebe zu ihr und die Erinnerung an sie sind mit den Jahren nicht weniger geworden. Sondern die Liebe und die Erinnerung in Liebe macht sie für mich spürbar, hörbar – ja irgendwie auch in einer Form fühlbar.

Und so verstehe ich heute den Satz „Die Liebe ist Stärker als der Tod.“ Die Verbindung in Liebe wird durch den Tod nicht zerrissen – sie bleibt bestehen und kann auch lebendig bleiben – selbst, wenn ein Mensch schon lange tot ist.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

29JAN2026
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Wenn ich morgens die Zeitung aus dem Briefkasten hole, habe ich einen genauen - ja fast schon ritualisierten Ablauf, wie ich sie lese. Erst überfliege ich die Überschriften auf der ersten Seite. Dann durchstöbere ich den regionalen Teil.

Bevor ich zum eher unterhaltsamen „Zeitgeschehen“ komme, lese ich aber zunächst die Traueranzeigen – immer. Dafür nehme ich mir Zeit, auch wenn es dann für den Rest der Zeitung nicht mehr reichen sollte.

Vielleicht klingt das seltsam, aber dieses Ritual, jeden Morgen die Todesanzeigen zu lesen, gibt mir Kraft für den Tag – denn der Gedanke, dass auch mein Leben endet, gibt mir auch eine Form von Gelassenheit und macht so manche Ereignisse etwas weniger wichtig.

Die kleinen und großen Geschichten, die sich hinter den Traueranzeigen verbergen, kann ich nur erahnen. Da reicht dieser kurze Moment. Und das sortiert neu, ordnet die Wichtigkeit – lässt mich an meine Lieben denken.

Wenn ich dann ins Auto steige und zur Arbeit fahre, bin ich dankbarer für das, was ich habe. So manche Aufreger der Tage zuvor werden kleiner. Nicht mehr so unendlich weltbewegend – ich kann vieles besser einordnen und damit umgehen.

Und – das Lesen der Todesanzeigen - verändert auch meine Wünsche und Träume. Plötzlich ist der Wunsch, z.B. eine besondere Reise zu machen, deutlich kleiner, denn die Lektüre der Traueranzeige führt immer zu Dankbarkeit. Dankbarkeit für all das, was ich habe, was ich jetzt schon habe.

Der Wunsch oder gar die Sucht, noch unbedingt irgendetwas erleben zu wollen oder unbedingt sehen oder besitzen zu müssen, ist weg. Stattdessen ist da Ruhe, durch dieses kurze Gefühl, die kurze morgendliche Erkenntnis, wie zerbrechlich das Leben ist.

Dass ich um meine Endlichkeit weiß, macht mir dann keine Angst, sondern schafft mir Ruhe und zeigt mir, was mir wirklich wichtig ist. Das hilft mir entspannter in den Tag zu starten.

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