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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

31JAN2026
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Manchmal frage ich mich, wie ich zu meinen Freunden gekommen bin. Also wie kam es, dass wir Freunde wurden und es auch zum Teil nach Jahrzehnten immer noch sind?

Natürlich haben persönliche Sympathie, gemeinsame Interessen eine wichtige Rolle gespielt. Daneben ist aber auch die gemeinsame Geschichte wichtig. Ich habe Freunde, da verstehen viele um mich rum nicht, wie wir befreundet sein können. Aber wir haben eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen. Dadurch sind wir miteinander verbunden.

Sich miteinander Erinnerungen schaffen, ist eine wertvolle Aufgabe. Denn die Erinnerung schafft sich nicht immer von allein. Nicht alles was ich erlebe und an Zeit mit anderen Menschen verbringe bleibt in Erinnerung.

Sondern Erinnerung – also etwas, was unser Gehirn für aufhebenswert hält, was es bewahren will, entsteht durch die besondere Verbindung von Moment, Menschen und Emotion.

So entsteht etwas, was eben die Menschen, die diesen Moment geteilt haben, zusammenschweißt.

Damit es eine gute Erinnerung ist, braucht es eine „gute“ Emotion. Selbst wenn der Augenblick, den man teilt, vielleicht tragisch oder traurig ist. Ein Abschied z.B., den man zusammen durchgestanden, zusammen getragen hat, kann zu einer schönen Erinnerung werden.

Erinnerungen schaffen Verbundenheit. So entstehen Geschichten und Freundschaften, die gerade auch in den schweren Momenten meines Lebens unendlich wertvoll sind. Gerade da merke ich, wer für mich da ist, wer mit mir verbunden ist – dann spüre ich eine Gemeinschaft aus Freundschaft und Liebe – eine Verbundenheit, die die Lebenden aber auch die Toten miteinschließt. Denn solch eine Verbundenheit stirbt nicht einfach – sondern hält oft über den Tod hinaus – zum Glück!

Wenn ich mich erinnere an Erlebtes mit schon verstorbenen Freunden, dann sind sie mir nahe. Sie und unsere gemeinsame Geschichte. Dann sind sie mir in diesem Augenblick so nahe und ganz da – nicht körperlich – aber in vollkommener Verbundenheit.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

30JAN2026
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„Die Liebe ist stärker als der Tod“, hat meine Oma oft gesagt, wenn sie auf ihren Bruder zu sprechen kam. Ihr Bruder, nur wenig älter als sie, ist im Krieg gestorben. Als sie ein junges Mädchen war, ist dieser Bruder ihr fester Halt gewesen, der sie auch schon mal zum Tanz-Café mitgenommen hat.

„Die Liebe ist stärker als der Tod.“ Als Kind konnte ich mit diesem Ausspruch meiner Oma wenig anfangen – aber mittlerweile verstehe ich ihn. Auch ich habe inzwischen Menschen verloren, die mir wichtig waren, die ich geliebt habe, auch meine Oma.

„Die Liebe ist stärker als der Tod.“ bedeutet für mich, dass es auch nach dem Tod eine Beziehung gibt zu den Menschen, die gestorben sind. Ich kann und darf nicht nur an sie denken – nein sie sind mir manchmal so nahe, als ob sie wirklich noch um mich wären.

Schon früher, als meine Oma noch gelebt hat, ist es vorgekommen, dass ich in so mancher Situation dachte: – “Oh das würde Oma jetzt sicher kommentieren“ - und ich wusste auch genau was sie sagen würde. Weil ich es eben schon so oft erlebt hatte und genau wusste: Sie konnte den Dreck auf der Straße oder das Plakat am Stromkasten nicht einfach unkommentiert lassen.

Und heute - Jahre nach ihrem Tod - ist es noch genauso. Wenn ich im Garten bin und mich mit dem Giersch rumärgere, der sich überall ausbreitet, denke ich an sie – sehe sie in ihrem Garten stehen und dem Unkraut zu Leibe rücken und dabei sagen: „Garten ist ja nicht alles, aber ohne Garten ist doch alles nichts“.

Dann ist sie wie früher da und mir ganz nahe. Die Liebe zu ihr und die Erinnerung an sie sind mit den Jahren nicht weniger geworden. Sondern die Liebe und die Erinnerung in Liebe macht sie für mich spürbar, hörbar – ja irgendwie auch in einer Form fühlbar.

Und so verstehe ich heute den Satz „Die Liebe ist Stärker als der Tod.“ Die Verbindung in Liebe wird durch den Tod nicht zerrissen – sie bleibt bestehen und kann auch lebendig bleiben – selbst, wenn ein Mensch schon lange tot ist.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

29JAN2026
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Wenn ich morgens die Zeitung aus dem Briefkasten hole, habe ich einen genauen - ja fast schon ritualisierten Ablauf, wie ich sie lese. Erst überfliege ich die Überschriften auf der ersten Seite. Dann durchstöbere ich den regionalen Teil.

Bevor ich zum eher unterhaltsamen „Zeitgeschehen“ komme, lese ich aber zunächst die Traueranzeigen – immer. Dafür nehme ich mir Zeit, auch wenn es dann für den Rest der Zeitung nicht mehr reichen sollte.

Vielleicht klingt das seltsam, aber dieses Ritual, jeden Morgen die Todesanzeigen zu lesen, gibt mir Kraft für den Tag – denn der Gedanke, dass auch mein Leben endet, gibt mir auch eine Form von Gelassenheit und macht so manche Ereignisse etwas weniger wichtig.

Die kleinen und großen Geschichten, die sich hinter den Traueranzeigen verbergen, kann ich nur erahnen. Da reicht dieser kurze Moment. Und das sortiert neu, ordnet die Wichtigkeit – lässt mich an meine Lieben denken.

Wenn ich dann ins Auto steige und zur Arbeit fahre, bin ich dankbarer für das, was ich habe. So manche Aufreger der Tage zuvor werden kleiner. Nicht mehr so unendlich weltbewegend – ich kann vieles besser einordnen und damit umgehen.

Und – das Lesen der Todesanzeigen - verändert auch meine Wünsche und Träume. Plötzlich ist der Wunsch, z.B. eine besondere Reise zu machen, deutlich kleiner, denn die Lektüre der Traueranzeige führt immer zu Dankbarkeit. Dankbarkeit für all das, was ich habe, was ich jetzt schon habe.

Der Wunsch oder gar die Sucht, noch unbedingt irgendetwas erleben zu wollen oder unbedingt sehen oder besitzen zu müssen, ist weg. Stattdessen ist da Ruhe, durch dieses kurze Gefühl, die kurze morgendliche Erkenntnis, wie zerbrechlich das Leben ist.

Dass ich um meine Endlichkeit weiß, macht mir dann keine Angst, sondern schafft mir Ruhe und zeigt mir, was mir wirklich wichtig ist. Das hilft mir entspannter in den Tag zu starten.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

28JAN2026
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Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag: Eine Frau kam zu mir zum Trauergespräch. Sie hatte Schreckliches erlebt. Ihr Mann – Mitte vierzig – war völlig überraschend gestorben. Nun saß sie vor mir, wollte die Trauerfeier mit mir besprechen und konnte das eigentlich alles gar nicht fassen. Ihr Ehemann tot, der Lebens- und Gesprächspartner einfach fort, das ganze Leben, alle Pläne von jetzt auf gleich total verändert und scheinbar kaputt.

Ich habe sie über einen längeren Zeitraum begleitet. Wir haben gesprochen, immer wieder, und so konnte sie langsam - nach und nach ein wenig Mut, Lebensmut, fassen – auch ohne Ihren Lebenspartner. In dieser Zeit wurde ihr ein Satz wichtig:

Die Wand zwischen unserer Welt und der Welt Gottes ist dünn und hellhörig. Deshalb können wir im Gespräch verbunden bleiben mit Gott und mit unseren Toten.

Oft habe ich seitdem bei Beerdigungen diesen Satz verwendet, in dem es um die dünne Wand geht zwischen uns – den Lebenden - und Gott und seiner Welt.

Ich finde dieses Bild sehr tröstlich: Da ist nur eine ganz dünne Wand zwischen unserer Welt und der Welt Gottes, in der alle unsere Verstorbenen bei Gott geborgen sind. Der Gedanke tut mir gut: Sie sind nicht weg sind, sondern bei Gott – sie sind nur nebenan, ganz nahe, fast spürbar – hörbar.

Diese dünne Wand lässt Nähe zu. Ich bin mit meinen Verstorbenen in Verbindung – ich habe weiterhin eine Beziehung zu ihnen, sie ist jetzt nur anders.

Dieser Gedanke hat der Frau, deren Mann damals so plötzlich gestorben ist, Hoffnung gegeben. Sie hat weiterleben können auch ohne den geliebten Lebenspartner an ihrer Seite. Denn sie hat gemerkt, dass sie ihn als Gesprächspartner nicht aufgeben musste. Viel später hat Sie dann auch für sich die Freiheit gefunden wieder eine Beziehung einzugehen. Sie hat einen neuen Lebenspartner gefunden und einen guten Weg für sich, ihr Leben neu zu gestalten und dennoch im Gespräch zu bleiben mit ihrem verstorbenen Mann - ohne Schuld, aber in Liebe und Zuwendung.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

27JAN2026
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Es gibt ein Lied, das mir persönlich sehr wichtig ist. Es ist von Klaus Hoffmann und heißt Adieu Emile. Darin wird beschrieben wie ein Verstorbener sich an die Lebenden wendet. Und im Refrain wünscht er sich statt einer Beerdigung eine Feier – eine Feier des Lebens. Wenn ich meiner Frau von meinem Wunsch erzähle, dass dieses Lied bei meiner Beerdigung gespielt wird, dann berührt sie das immer sehr und uns beiden kommen die Tränen - über den Tod und die Endlichkeit.

Sie sagt aber, dass sie jetzt ja noch nicht weiß, wie es ihr dann gehen werde - falls ich denn vor ihr sterbe. Ob Sie dann dankbar ein Fest des Lebens in aller Trauer feiern kann oder ob die Trauer sie fest im Griff hat und zerreißt. Deshalb soll ich die Gestaltung der Trauerfeier doch ruhig ihre Sache sein lassen.

Und da hat sie Recht. Es geht ja bei der Gestaltung des Abschieds um die, die zurückbleiben und nicht um die Verstorbenen.

Wenn ich mir vorstelle ich müsste mich endgültig von meiner Frau verabschieden, dann will ich das so tun, wie es für meine Kinder, die Familie und Freunde, aber auch für mich gut ist. – Selbst wenn sich meine Frau zu Lebzeiten etwas anderes gewünscht hat. So weit geht die Autonomie, die Selbstbestimmung dann nicht oder sollte sie – wie ich finde - nicht gehen.

Wenn ich tot bin, hoffe ich bei Gott geborgen zu sein. Ganz Teil seiner Liebe zu werden.

Deshalb brauche ich mir dann keine Gedanken mehr über die Trauerfeier zu machen. Und ich hoffe, dass Gott dann auch bei meinen Lieben ist, wenn sie von mir Abschied nehmen müssen. Dass er sie stärkt und trägt. So dass Sie ihr Leben gut weiterführen können.

Dazu soll die Trauerfeier ihren Teil beitragen und dabei helfen die guten Formen der kirchlichen Bestattung - Gewachsene Rituale, die stützen und führen können.

Die in die jeweilige Situation passen müssen. Und die deshalb nicht eine Erfüllung meines Wunsches sein sollen.

Und so hören wir manchmal eben heute schon gemeinsam das Lied über das Fest des Lebens beim Tod, vergießen gemeinsam die eine oder andere Träne und widmen uns dann wieder voll und ganz dem Leben.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

26JAN2026
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Seit vergangenem November begleitet mich ein Video. Genauer gesagt seit dem Ewigkeitssonntag, dem Tag, an dem wir an unsere Verstorbenen denken. Ich habe das Video an diesem Tag in einem Whatsapp Status gesehen. Es zeigt wie sich jemand auf den Weg macht hin zu einem Friedhof und welche Möglichkeiten es gibt an seine Toten zu denken:  mit einer Blume die man in die Vase auf dem Grab steckt neben einem Kreuz oder mit einem Stein, den man auf das Grabmal legt.

Ein wunderbares Video voller Liebe und Anmut, das die Menschen, die gestorben sind ganz nah heran holt und doch der Trauer Raum lässt.

Dieses Video hat in mir eine Erinnerung geweckt an einen Weg, den ich vor Jahren gegangen bin. Er führte in einen Hinterhof. Ich war ein junger Pfarrer und wurde eingeladen, einen Bestatter zu besuchen. Nachdem ich durch das alte Sandsteintor getreten bin, konnte ich weiter hinten ein Backsteingebäude sehen, bewachsen mit Efeu und wildem Wein – schon in herbstlichen Farben.

In dem Gebäude war es angenehm warm, das Licht war gedämpft, zwei, drei bequeme Stühle standen bereit und in der Mitte war Platz, um einen Sarg abzustellen.

Der ganze Raum lud dazu ein, da zu bleiben. Es war ein Raum, der zu mir gesprochen hat: „Nimm dir Zeit, du darfst hier bleiben so lange du willst. Du bist nicht allein, du musst deinen verstorbenen Menschen hier nicht allein lassen. Bleib und trauere, spüre die Liebe und den Verlust.

Und dann gehe in deinen Alltag. Traurig, aber vielleicht auch ein bisschen getröstet. Behütet und begleitet von Gott, der Leben und Sterben in seiner Hand hält. Der dich und deine Lieben verbindet durch Raum und Zeit!“.

Sie sind mir wichtig geworden, die Räume und Dinge, die mich einladen, das Leben und das Sterben zu bedenken. Die eine Brücke schlagen zwischen unserer Welt und der großen Welt Gottes, in der wir miteinander verbunden sind über Zeit und Raum hinweg.

Seitdem bin ich immer auf der Suche nach solchen sprechenden Räumen. Und – zum Glück – werde ich immer wieder fündig: besonders in Kirchen, Klöstern, Abschiedsräumen und Aussegnungshallen.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

06DEZ2025
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„Hast du deine Stiefel auch geputzt?“ Das hat meine Oma mich immer gefragt, am 5. Dezember abends. Und natürlich hatte ich damals alles schon längst vorbereitet: Die Stiefel mehr oder weniger gut geputzt und aus Ermangelung eines Kamins unter den Heizkörper in der Küche gestellt. Damals als ich Kind war.

Auch als ich älter und erwachsen wurde, hat meine Oma die Frage immer mal wieder gestellt: „Hast du deine Stiefel geputzt?“ Und immer häufiger war ich unvorbereitet und die Stiefel waren nicht geputzt.

Längst der Aufregung am Vorabend des 6. Dezember entwachsen, habe ich auf die Frage meiner Oma, das ein oder andere mal blöd reagiert. Und zwar immer dann, wenn mir gar nicht bewusst war, dass es ja der Nikolausabend ist. Weil der alltägliche Stress den Blick verstellt hat für den in der Kindheit so wichtigen Tag. 

Wenn es besonders blöd lief, habe ich die Frage tatsächlich sogar als Maßregelung gehört, habe nach unten geschaut, ob meine Schuhe sauber sind. 

Wenn ich dann unwirsch reagierte, hat meine Oma mir einen enttäuschten, sorgenvollen Blick zugeworfen. Enttäuscht, weil ich unser Spiel aus Kindertagen vergessen habe und sorgenvoll, weil ich wohl so im Stress bin, dass ich noch nicht mal mitbekommen habe, dass Nikolausabend ist.

Heute – Jahrzehnte später – und einige Jahre nachdem meine Großmutter gestorben ist, tut mir ihr Blick immer noch weh, wenn ich an ihn denke. Denn er erinnert mich immer wieder daran, dass ich aufpassen muss, mich nicht zu verlieren.

Dass Advent und Nikolaus, Anker in meiner Zeit sein sollten – nicht Stressfaktoren. Anker, kleine Momente, in denen ich kurz innehalte, quasi die Stiefel putze und nachdenke – und eben ankomme bei mir und den anderen.

Der Nikolaustag ist für viele ein erster großer Schritt auf dem Weg nach Weihnachten. Heute verstehe ich die Frage meiner Großmutter „Hast du die Stiefel schon geputzt?“ als Aufforderung kurz innezuhalten und mich zu fragen: „Bist du auf dem Weg nach Weihnachten?“ Und wenn ich die Frage nicht ehrlich mit „Ja“ beantworten kann, dann lade ich mich selbst ein: Fang an!  Erinnere dich an die Legenden vom Nikolaus, öffne dich für das Wunderbare, damit du an Weihnachten die Chance hast, mit geputzten Stiefeln und offener Seele dem Wunder der Geburt Jesu zu begegnen.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

05DEZ2025
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Wie komme ich eigentlich an bei den Anderen? Eine Frage, die viele Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen stellen:
„Wie komme ich an bei den Anderen?“, fragt sich zum Beispiel ein Schüler, der neu in eine Klasse kommt. Oder die Kollegin, die das Gefühl hat, nicht so richtig dazu zu gehören. Wie komme ich an bei den Anderen? 

In Rhetorikschulungen, in denen man lernt, Vorträge und Reden zu halten, die bei den anderen gut ankommen, steht sie auch immer im Raum, diese Frage: Wie komme ich gut an bei den Anderen? Heißt: Wie kann ich die Brücke schlagen zu anderen Menschen?

Es ist also gar nicht so leicht bei der Anderen oder bei dem Anderen anzukommen. Ankommen ist vielleicht auch gar nicht so leicht zu „machen“.

Ich glaube, eine Grundvoraussetzung, um überhaupt beim Anderen anzukommen ist, dass ich bereit bin für offene und ehrliche Gespräche.  Ich muss die eigene Vorsicht, vielleicht sogar Abwehr ablegen - meine Maske fallen lassen, die mir so oft dabei hilft, mich und meine Gefühle zu verstecken. Wenn ich mich selbst offen und ehrlich zeige, dann mache ich es auch meinem Gegenüber einfacher, sich zu öffnen. So haben wir es leichter, uns näher zu kommen.

“Wie komme ich an? Bei mir und den anderen?“ Wie kommen wir uns näher – das hat erst einmal ganz viel damit zu tun, dass ich ehrliche und freundliche Angebote mache. Und dann – ja dann und das ist das Schwere – dann müssen die anderen auch noch wollen.

Das mit dem Ankommen und Sich-Öffnen ist also gar nicht so einfach. Aber: Im Advent fällt mir das etwas leichter – meistens.

Ich glaube das hängt damit zusammen, dass ich irgendwie „weicher“ bin, und das macht Nähe leichter.  Und ja, wahrscheinlich ist der Grund für dieses „weicher sein“, dass ich auf Weihnachten warte, dass ich schon oft an die Geburt Jesu denke. Ich denke an Jesus. An das kleine Kind in der Krippe. Mit ihm ist Gott angekommen. Ganz klein, ganz nackt und verletzlich. Er ist bei uns, bei seinen Menschen, angekommen. Bei mir. Und bei allen anderen.

Vielleicht braucht es nur diese Verletzlichkeit und ein Lächeln. Probieren wir es aus.  Advent heißt Ankunft, „Ankommen“. Einander Näherkommen. Lassen wir es darauf ankommen.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

04DEZ2025
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Der Advent ist für mich immer eine Zeit der Spannung. Innerlich wie äußerlich. Ich habe in mir den dringenden Wunsch die Adventszeit zu genießen. Zeit zu finden bei gemütlichem Licht und warmem Tee. Ich sehne mich danach langsam zur Ruhe zu kommen auf dem Weg nach Weihnachten.

Und gleichzeitig ist Jahresendspurt – der normale Wahnsinn mit zusätzlichen Adventsterminen und sovielen Dingen die auf dem Schreibtisch liegen und alle noch vor Jahresende bearbeitet sein müssen. Also eigentlich gar nicht die rechte Zeit, um mal durchzuatmen und bei mir selbst anzukommen.

Das Wort Advent kommt aus dem Lateinischen und heißt soviel wie Ankommen. Gott kommt in seinem Sohn Jesus in der Welt an.

Wenn ich dann so in der Schleife bin zwischen:  ich muß doch zur Ruhe und Besinnung kommen. Und es klappt einfach nicht mit dem Ankommen bei mir selbst, weil der Wahnsinn um mich herumtobt.

Dann denke ich: „es ist doch eigentlich auch gar nicht gesagt, dass ich unbedingt zur Ruhe kommen muss im Advent. Ich könnte doch auch warten bis ich sozusagen bei mir angekommen bin.“

Ich muss es vielleicht gar nicht erzwingen – nein ich kann doch einfach warten. Auf mich warten und bei mir ankommen.

Was jetzt vielleicht wie Wortklauberei klingt oder für manche auch einfach unsinnig, hat für mich im Advent ganz konkrete Auswirkungen.

Ich warte in all dem Vorweihnachts-Trubel, ob es Momente gibt, in denen ich bei mir bin. Das kann durchaus auch mal bei Tee und Kerzenschein sein, aber manchmal ist es dann doch im Stau auf der Autobahn oder in der überfüllten Straßenbahn.

Und ja – manchmal ist es leichter, wenn ich mich einlade anzukommen, wenn ich mir selbst entgegenkomme.

Wenn ich mal auf Nachrichten oder PodCasts verzichte, mir ruhige Musik anschalte und dann an Weihnachten denken.  An ein Weihnachten das so viel in sich trägt: Ruhe, Liebe und Hoffnung. Dann komme ich an, langsam aber sicher. Sehe Weihnachten als einen der großen Momente im Jahr, der mir Hoffnung gibt. Ich fühle mein Herz angefüllt mit Liebe zu meinen Lieblingsmenschen und Mitmenschen.

Ich denke an die Weihnachtsgeschichte und das, was für mich Weihnachten bedeutet: Gott ist hier – auf dem Sofa, auf der Autobahn, in der Straßenbahn, im Stress und Wahnsinn des Jahresendes.

Es ist Advent.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

02AUG2025
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„Der Schneider von Panama“ so heißt ein Buch von John le Carre – einem englischen Autor. Ganz konkret geht es in dem Buch um einen abgehalfterten Spion, der zusammen mit seinem Schneider eine politische Studentengruppe erfindet – die sogenannte „stille Opposition“. Aus Angst vor deren Wirken und einem vermeintlichen Umsturz soll sie dann blutig niedergeschlagen werden. Natürlich geht es um Macht und Geld.

Die „Stille Opposition“ – eine seltsame Wortkombination. Verbinden wir mit dem Wort Opposition doch Lautstärke, manchmal auch Gebrüll.  Aber es gibt sie, die stille Opposition. Ich habe sie schon erlebt. In Meetings, wenn keiner sich einbringt, niemand seine Meinung sagt oder Alternativvorschläge macht. Nun kann es die stille Opposition aus zwei Gründen geben: Erstens, weil man überhaupt nicht gefragt, nicht gehört wird, weil man keine Chance hat seine Perspektive und Meinung einzubringen – weil jegliche Opposition unterdrückt wird. Dann kann man nur still und passiv Widerstand leisten. z.B. mit den Füßen – d.h. man geht weg. Das ist eine Form der stillen Opposition, die versucht Haltung zu wahren in einem Umfeld, in dem Haltung nicht gewünscht oder auch nicht möglich ist. Diese Form der stillen Opposition finde ich wichtig und gut. Sie erfordert Mut. Die zweite Form der stillen Opposition ist dagegen mutlos, ja vielleicht manchmal sogar feige. Wenn ich es könnte, aber gar nicht erst probiere, meine Perspektive und Meinung einzubringen, sondern stattdessen z.B. aus Bequemlichkeit lieber schweige und abwarte. Wenn ich dann aber bei der Umsetzung von Absprachen querschieße und dann v.a. wenn etwas nicht gut läuft, sage, dass ich es ja gleich gewusst habe. Ich habe beides erlebt. Wir Menschen können beides. Stille Opposition ist für mich nur ein Weg, wenn alle anderen Möglichkeiten scheitern. Für alle anderen Fälle hat Jesus zu seinen Nachfolgenden gesagt: Euer Ja sei ein Ja und euer Nein sei ein Nein“ (Mt 5,37). Ehrlichkeit und Offenheit statt Schweigen und Hintertreiben. An dieser Messlatte von Jesus will ich mich messen lassen.

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