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SWR2 / SWR Kultur

 

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SWR Kultur Wort zum Tag

23APR2026
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„Heute bin ich mit dem falschen Fuß aufgestanden“ – ein Satz, den man manchmal sich selbst sagen muss, und vielleicht auch anderen, wie zur Warnung: “Achtung, ich bin nicht gut drauf“. Wer schlecht geschlafen hat, wacht beschwert auf. Da möchte man gar nicht erst aufstehen.  Vielleicht möchte man die schlaflosen Stunden erst nachholen oder die schlechten Träume abschütteln, die einen die Nacht über gequält haben. Manchmal ist es dann einfach schwer, in den Tag hineinzukommen und überhaupt ins Leben.  Und es braucht Zeit und Geduld, mit sich selbst und mit anderen.

Natürlich können wir heutzutage ein paar Pillen einwerfen, um solche Beschwernisse zu beseitigen und in bessere Laune zu kommen. Aber wir können solch widrigen Gefühlen und Situationen auch nachspüren und ihre Botschaft zu entziffern versuchen. Und Träume kann man lesen. Zeiten der Schlaflosigkeit sind womöglich eine Einladung zum Innehalten, zum Hineinhören in die Stille und zum Gebet. In einem biblischen Psalm z.B. lese ich: „Ich denke an dich auf nächtlichem Lager und sinne über dich nach, wenn ich wache.“ (Ps 63). Hilfreich finde ich auch das mentale Murmeln des Vaterunsers oder eines anderen Mantra-Gebetes. Ja, man kann sich in den ersehnten Schlaf sogar hinein beten, und wacht gestärkter auf, als hätte man durchgeschlafen. Die Kraft des Glaubens bewährt sich ja nicht nur in guten Zeiten, sondern in Phasen von Frust und Widerstreit.

Schlecht geschlafen, schlecht geträumt, mit dem falschen Fuß aufgestanden - ich finde es tröstlich, mit solchen Erfahrungen nicht allein zu sein. Vor bald 300 Jahren hat z.B. der evangelische Mystiker Gerhard Tersteegen gedichtet und gebetet: „Nun schläfet man; und wer nicht schlafen kann, der bete mit mir an den großen Namen“. Er meint Jesus: „du schläfst, mein Wächter, nie, / dir will ich wachen. / Ich liebe dich und lasse ewiglich / dich mit mir machen ...“ Ein inniges Gottvertrauen spricht aus diesen Versen - ganz auf der Linie des Jesus-Gebetes „Vater unser“. Das nächtliche Wachen als Einladung zu Zwiegespräch und Kontemplation.  Oder wie Gerhard Tersteegen es ausdrückt: „Herr, rede du allein / beim tiefsten Stillesein / zu mir im Dunkeln.“ (EG 480) So wünsche ich Ihnen und mir einen gesegneten Tag.

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SWR Kultur Wort zum Tag

22APR2026
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Ein Wunder ist heute Morgen in jedem Fall schon passiert: ich habe die Augen aufgeschlagen. Eigentlich der nackte Wahnsinn. Es gab ja keinerlei Garantie nach dem Abtauchen in den Schlaf gestern Abend. Es ist doch sehr erstaunlich, dass ich heute wieder hochkomme und jetzt da bin. Man kann kleine Kinder schon verstehen, dass sie nicht ins Bett wollen; und wenn dann doch, soll die Tür des Schlafzimmers ein bisschen offenbleiben. Dass ich diese unheimliche Phase heil durchgestanden habe und mir jetzt die Augen reiben kann – eigentlich ein Wunder.

Manche Menschen stellen sich den Wecker so, dass sie nicht gleich aus dem Bett springen und loshetzen müssen. Sie halten inne und spüren dem eigenen Augenaufschlag nach. Eine wunderbare Übung für Leib und Seele, eine kostbare Meditation für Körper und Geist. Man kann natürlich auch andere Körperregionen im Erwachen begrüßen. Jedenfalls kann man auch im Liegen gut beten und meditieren. Besonders intensiv empfinde ich das, wenn ich beim Beten mitspüre, dass ich so dereinst auch im Sarg liegen werde. Das Bett ist ja nicht nur zur Entspannung und zur Liebe da, es ist auch schon das Sterbebett und Vorausbild des Sarges, eine Liegekur der besonderen Art. Darf ich auch dann wieder die Augen aufschlagen und das Licht von Gottes Welt erblicken, ein letztes Mal und dann für immer? Voll österlicher Hoffnung sagt es der biblische Johannesbrief: „Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es, seine Töchter und Söhne. Aber was wir sind, ist noch nicht heraus. Wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Und in Seinem Licht werden wir auch uns sehen, wie wir wirklich sind, und es wird alles gut sein und sehr schön (vgl. 1 Joh 3,2). Eigentlich ein schöner Spruch für jeden Morgen jetzt schon. Ein anderer stammt von dem großen Glaubensdenker Romano Guardini. Der hat das in ein kurzes Gebet verdichtet, das immer gut zu beten ist, besonders morgens und eigentlich immer:

„Immerfort empfange ich mich aus deiner Hand. So ist es und so soll es sein. Das ist meine Wahrheit und meine Freude. Immerfort blickt mein Auge dich an, und ich lebe aus Deinem Blick, Du mein Schöpfer und mein Heil. Lehre mich in der Stille Deiner Gegenwart, das Geheimnis zu verstehen, das ich bin, und dass ich bin durch Dich und vor Dir und für Dich ...“

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SWR Kultur Wort zum Tag

21APR2026
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Sein ganzes Leben saß Bruder Konrad an der Klosterpforte. Und die glich im Wallfahrtsort Altötting einem Taubenschlag. Nicht nur, dass es damals noch reichlich Kapuzinermönche gab. Es galt ja vor allem, für die Massen von Wallfahrern da zu sein, die Kontakt oder Hilfe suchten. Schon zu Lebzeiten war dieser Bruder Konrad für seine freundliche Präsenz bekannt, stets gesprächs- und hilfsbereit und das mit unerschütterlicher Geduld. Konrad war sein Klostername, eigentlich hieß er Johann Evangelist Birndorfer, ein Bauernsohn aus Parzham bei Griesbach und dann selbst Bauer im Rottal. Mit 31 Jahren verzichtete er auf den Bauernhof, den er liebte, und ging ins Kloster. Drei Tage vor seinem Tod am 21. April 1894 sagte er: „ich kann nicht mehr“. Da hatte er 41 Jahre als Pförtner gedient. 1934 wurde er heiliggesprochen, und heute ist sein Geburtstag ins göttliche Leben.

Warum an solch ein unscheinbares Leben erinnern?  Weil es der christliche Normalfall ist. Und weil es ans Licht bringt, worauf es ankommt. Schon zu Lebzeiten merkten immer mehr Leute, dieser Bruder Konrad ist echt, der ist einfach da. Von dem geht ein Wohlwollen aus, das guttut. Und dafür hat jeder Mensch eine Antenne. Bruder Konrad wollte nichts Besonderes sein, er musste sich nicht inszenieren; er musste nicht belehren und werten. Und er musste sich nicht abwerten und klein machen. „In Gottes Namen“, sagte er gern und verriet damit die Quelle seiner Lebensart: ein abgrundtiefes Vertrauen auf Gott mitten im Alltag.

Unsereiner denkt beim Wort „Gott“ an etwas Überwältigendes und Großes. Und das ist ja auch wahr: Größeres kann gar nicht gedacht und geliebt werden. Meist aber wird das christlich Entscheidende vergessen: die Liebe im Kleinen. „Wer unter euch groß sein will, möge doch bitte so klein werden, wie er in Wahrheit ist“ und auf den Teppich kommen. Nichts Besonderes, aber das ganz und in Würde und mit Ausstrahlung. Davon war Bruder Konrad überzeugt und so wurde er ein Pförtner der Herzen, ein Türöffner und Netzwerker. An seine Schwester schrieb einmal: „Mir geht es immer gut. Ich bin immer glücklich und zufrieden in Gott. Ich nehme alles mit Dank vom lieben Himmelsvater an, seien es Leiden oder Freuden, er weiß wohl, was besser ist für uns“. Solch einen inneren Frieden wünsche ich Ihnen und mir.

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SWR Kultur Wort zum Tag

20APR2026
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Hast du gut geschlafen?  Eine beliebte Frage am Morgen, in Ruhe beim Frühstück oder im schnellen Aufbruch noch. Kann ich mit Ja antworten, so klingt das, als wär‘s schon die halbe Miete für den Tag. Gut durchschlafen, ist eine Wohltat – oft so selbstverständlich, dass wir es erst zu schätzen wissen, wenn wir die erste schlaflose Nacht hinter uns haben. Ja, Schlaf ist eine höchst kostbare Erfindung.  Allein, dass Körper und Geist auf Zeit ruhiggestellt werden und sich derart erholen können; wie viel Spannung kann da abfallen, wie viel neue Kräfte werden wachgerufen. Ja, wie neu geboren ist dann das Erwachen. Jochen Klepper hat recht mit seinem Gedicht: „Barmherzig ist der Schlaf, der tiefe, / als ob uns Gott zum Ursprung riefe / und wieder Adam zu uns riefe“, und natürlich auch Eva. Morgenstund hat Gold dann nicht nur im Mund, sie ist ein Stück Neuschöpfung wie ganz am Anfang, eine tolle Rückendeckung für den bevorstehenden Tag heute, keineswegs selbstverständlich, und also Grund mindestens für ein Dankeschön. Alle Religionen kennen das Morgenlob. Nicht nur dass das gefährliche Dunkel der Nacht bestanden wurde, nein es gibt diesen neuen Input an Energie. Warum denn sonst sagen wir bei größeren Entscheidungen: darüber muß ich nochmal schlafen? Das Morgengebet könnte genauso selbstverständlich sein wie das Zähne-Putzen.

Aber vergessen wir nicht: es gibt auch schlaflose und durchwachte Nächte. Da kann einen die totale Langeweile angähnen oder ein nagendes Problem. Man wünscht sich das erlösende Einschlafen, und es will sich einfach nicht einstellen. Stattdessen quälen einen Sorgen und immer wieder die Uhr. So wunderbar die stärkende und stillende Seite des Schlafes ist, irgendwie ist er auch unheimlich: wir kommen uns da irgendwie abhanden. Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes, sagt ein uralter Grundsatz, bei beiden werden wir uns genommen. Christen freilich bekennen: Wer tot ist, „schläft eigentlich nur“, denn er lebt aufgeweckt mit Gott. Sehr treffend ist deshalb auch die zweite Strophe in Kleppers Loblied auf den Schlaf und seinen Schöpfer: „Barmherzig ist der Schlaf, der schwere, / als ob uns Gott zum Ende kehre / und nur der Jüngste Morgen tagte.“ Mit dem täglichen Erwachen ist eben beides wieder da: das Wunder des neuen Tages und die befristete Zeit, mein sterbliches und geburtliches Leben, und immer der barmherzige Gott.

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SWR Kultur Wort zum Tag

11FEB2026
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Lourdes ist für viele ein Begriff. Das kleine Örtchen an den französischen Pyrenäen ist für unzählige Menschen zum Wallfahrtsort geworden. Immer noch fahren ganze Züge von Kranken dorthin, um Heilung zu erbitten. Das mag manchen komisch oder abergläubisch vorkommen, aber wer einmal in die Gesichter der Kranken in ihren Rollbetten und -stühlen geschaut hat, wer eine der großen Lichterprozessionen zur Grotte mitgemacht hat, wird das so leicht nicht vergessen. Wie viel menschliches Leid sich da zusammenfindet und nicht verstecken muss, wie viel Lebenstapferkeit auch und Hoffnungskraft. Lourdes ist ein Ort voll heilender Energie und spiritueller Kraft geworden. Und das kam so.

Genau heute vor 168 Jahren hatte ein 14-jähriges Hirtenmädchen dort eine Vision, und die mehrere Tage hintereinander. Diese Bernadette Soubirous sah beim Schafehüten eine weiße Lichtgestalt, sie hörte sich angesprochen von dieser „Dame“.  Sie solle da im Felsen nach einer Wasserquelle suchen, einem Ort der Reinigung, Erfrischung und Stillung also. Ein junges Mädchen in der Pubertät das nicht lesen und schreiben kann, offensichtlich äußerst empfänglich für das Geschehen in ihr und um sie herum, sieht das Bild einer anderen Frau, weiß wie ein leeres Blatt, äußerst anziehend  wie ein Ideal, sprechend mit einem klaren Auftrag. Nur Bernadette selbst sieht und hörte diese Frau. Und die bittet, die Menschen sollten doch zahlreich zu dieser Quelle kommen, in Gebet und Umkehr und mit der Bereitschaft zu Erneuerung und Wandlung. Bald dann gibt sich die faszinierende Frauengestalt   als Maria zu erkennen – und das mit einem Ehrentitel, den der Papst vier Jahre zuvor sogar  als Dogma formuliert hatte: Unbefleckte Empfängnis, höchste Erwählung , als Mutter Jesu von Anfang an frei von aller Sünde und Mutter aller Glaubenden. Im Rückblick erstaunt schon, dass das ungelehrte Bauernmädchen passgenau das römische Dogma ins Bild gesetzt sieht. Entscheidender ist jedoch, was Bernadettes religiöse Erfahrung auslöst. Nicht die vielen Heilungen sind das Erstaunlichste. Viel bewegender noch ist die Sehnsuchtsbewegung so vieler Menschen hin zur Quelle des Lebens, zur Heilkraft des Glaubens – ganz im Sinne des tiefsinnigen Gebetes: „Gegrüsset seist du Maria, voll der Gnade ...“

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SWR Kultur Wort zum Tag

10FEB2026
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Schaut man in den liturgischen Kalender, so trifft man heute auf eine Frau, von der wir praktisch nichts wissen. Scholastika heißt sie, schon das klingt wie ein Kunstname.  Warum da also nachforschen und sich mit einer Frau beschäftigen, die vor bald 1500 Jahren verstorben ist, vielleicht mehr der frommen Einbildungskraft entsprungen als der historischen Realität. Nun, Scholastika war die Schwester des heiligen Benedikt, und von ihm haben wir einen der größten spirituellen Texte der Christenheit, und nicht nur Texte. Er gilt als Gründergestalt des abendländischen Mönchtums, die Benediktsregel ist ein Weisheitsbuch der Extraklasse, vor allem für das Zusammenleben unterschiedlichster Menschen doch mit demselben Ziel, nämlich Christen zu werden und Gottes Schöpfung zu bewahren und zu pflegen. „Beten und Arbeiten“, lautet ihr Lebensprogramm, genau durchbuchstabiert. Es ist keine Übertreibung: ohne diesen Benedikt und seine Klöster gäbe es unser Europa nicht, seine Kunst und Kultur. Was wäre z.B. Deutschland ohne die Klöster der Reichenau damals, ohne Maria Laach oder die Schotten in Wien und Regensburg, ohne den Mönch Martin Luther – ein gewaltiges Netzwerk christlicher Klöster und monastischer Initiativen, die letzten 1500 Jahre lang bis heute.

Und es waren keineswegs nur Männer. Sehr früh schon bildeten sich auch weibliche Ordensgemeinschaften, ganz im Sinne der Benediktsregel. Eine der bekanntesten ist Hildegard von Bingen. Wie bezeichnend ist es deshalb, dass der erste Erzähler von Benedikts Leben ihm auch eine Schwester zur Seite stellt, eben Scholastika. Ihr Name ist Programm: da steckt das griechische Wort  „sholä“ drin, also Muße und Kontemplation, oder anders übersetzt: sich von Gott lieben lassen und darauf kreativ regieren, mit Aktion und Kontemplation.  „Betern und Arbeiten“, lautet das Motto, und zwar gleichermaßen für Frauen und Männer. Von Scholastika heißt es sogar, „sie war einflussreicher als ihr Bruder, weil ihre Liebe größer war“. Sie trägt das Wort „Kontemplation“ schon im eigenen Namen. Scholastika wie Hildegard wären heute sicher bei denen, die sich für eine Transformation der Männerkirche einsetzen, Powerfrauen für eine geschwisterliche Gemeinschaft und Welt.

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SWR Kultur Wort zum Tag

09FEB2026
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Endlich ist es so weit: vor einer Woche wurde in München das Verfahren zur Seligsprechung von Alfred Delp eröffnet. Längst wird der Jesuit von vielen verehrt und geschätzt – als Widerstandschrist, als Vordenker eines von Hitler befreiten Deutschland, vor allem aber als mutiger Glaubenszeuge und überzeugender Christenmensch. Seine Schriften, besonders die aus dem Nazigefängnis, sind eine Fundgrube geistlicher Inspiration, Tag für Tag mit Gewinn zu lesen.

E i n e r  von Delps Gefängnistexten wird besonders oft zitiert, aber selten als Kurzfassung seiner Biografie gelesen. Delp schreibt: „Innerlich habe ich viel mit dem Herrgott zu tun und zu fragen und dranzugeben. Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen...Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.“ Mit diesem Brieftext lässt sich Delps eigener Weg buchstabieren: früh bei den Jesuiten eingetreten, war er ein wissbegieriger und lebenshungriger Christenmensch. Ein Glaube nur für das Jenseits war nichts für ihn, bloß Tradition und Rückwärtsblick auch nicht. Nein, dieser Delp, lange als Journalist tätig, war heißhungrig nach Welt, da gilt es sich einzumischen, da quillt uns die Gegenwart Gottes entgegen – wenn wir nur konsequent sind und die Verhältnisse ins Gebet nehmen. Aber wie oft bleiben wir in den schönen und schweren Stunden hängen. Wie sehr spricht er auch da aus eigener Erfahrung. Immer wieder prüft er seine eigenen Motive, scharf kritisiert er seine Kirche, weil sie zu oft nur Eigeninteressen verfolge.

Wegen des Widerstandes gegen Hitler kam Delp ins Gefängnis: da findet er jene innerste Freiheit hinein, die ihm Widerstand und Ergebung schenkte. „Beten und glauben. Danke“. So steht auf seinem letzten Zettel, und auf dem Weg zur Hinrichtung sagte er dem Pfarrer: „In einer halben Stunde weiß ich mehr als Sie“.  Er hatte den Brunnenpunkt seines Lebens gefunden. Und nun gehört er zu unseren Vorgängern im Glauben, mehr als ein Jahresbegleiter.

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SWR Kultur Wort zum Tag

14JAN2026
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Immer noch zählen wir unsere Jahre nach Christi Geburt, auch 2026. Gewiss: Viele sagen heutzutage lieber „nach der Zeitenwende“ - aber das trifft ja den Punkt nicht minder. Besonders in Zeiten, wo wir uns dringend die Änderung der Verhältnisse zum Besseren wünschen, und alle spüren, dass es so nicht weiter gehen kann. Die ersehnte Zeitenwende vom Auftreten Jesu Christi her zu datieren, ist eine zweifellos mutige Geschichte, keineswegs selbstverständlich und auch für das jetzt begonnene Jahr von größter Bedeutung. Heißt das doch, dass die letzten 2000 Jahre trotz allem Mist auch sehr viel Gold ans Licht gebracht haben – und nicht nur die. Das Dasein von Anfang an ist ein Gesamtkunstwerk voller Segen, nie dankbar genug zu bestaunen und zu würdigen. In der Zeitrechnung nach Christi Geburt liegt auch ein Versprechen und damit eine Hoffnung: dieser Jesus mit seinem Gott ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Es gibt keine gottlose Zeit mehr, täglich lässt sich neu anfangen in seinem Namen. „Wenn Gott für uns, wer ist dann noch gegen uns?“ fragte schon der Apostel Paulus mit Recht. (Röm 8,31) Diese Gewissheit ist mit dem Namen Jesus Christus verbunden. Sein Geburtstag ist nicht nur ein einmaliger Glücksfall, sondern eine unerschöpfliche Ressource zum Jahreswechsel und zum täglichen Leben.

Jochen Klepper hat recht mit seinem Lied: „Die Menschenjahre dieser Erde sind alle nur ein tiefes Bild, dass uns dein heilges ‚Es werde‘ am Anfang aller Zeit enthüllt. Allein in diesem Schöpfungswort besteht, was Menschen tun, noch fort. / Wir wissen nicht den Sinn, das Ende. Doch der Beginn ist offenbar. Nichts ist, was nicht in deine Hände am ersten Tag beschlossen war, und leben wir vom Ursprung her, bedrückt uns keine Zukunft mehr.“* Ja, von der Geburt her leben, von unserer eigenen und von der Jesu Christi. Ist doch damit die Zusage verbunden, dass wir selbst neu geboren werden: unser wahres Selbst kommt ans Licht und der Weltfrieden wird sichtbarer. „Nach Christi Geburt“ ist eben nicht nur eine Zeitansage, es ist ein Lebensprogramm: endlich in Christus zur Welt kommen, endlich wohlauf und in Ordnung sein. Er ist ja längst gekommen, sonst wären wir nicht und nichts. In Kleppers Lied steht dazu der jubelnde Dank: „Und was du schickst, ob Glück, ob Angst, / zeigt stets, wie du nach uns verlangst.“

 

* Liedgedicht „Der Herr ist nahe“, in Jochen Klepper: Das Ziel der Zeit. Die gesammelten Gedichte, Neustadt an der Orla 2013, 87f

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SWR Kultur Wort zum Tag

13JAN2026
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Noch klingen Neujahrswünsche nach, noch ist etwas zu spüren von den freien und festlichen Tagen um Weihnachten und Jahreswechsel. Noch habe ich Jochen Kleppers bekanntes Kirchenlied im Ohr: „Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. / Nun von dir selbst in Jesus Christ die Mitte fest gewiesen ist, führ uns dem Ziel entgegen.“ (Gotteslob Nr. 257) Welch tiefes Vertrauen, welch zuversichtliche Orientierung auf ein klares Ziel – und mitzitternd das Wissen, wie schwierig alles ist. „Dieses Jahres Last“ hat 1938 einen konkreten Namen: Judenverfolgung durch die Nazis, und Kleppers Frau war Jüdin, beide dadurch mit den zwei Töchtern in erheblichen Schwierigkeiten schon.  Umso beschwörender die Bitte um bessere Verhältnisse, die Hoffnung auf Gottes wirkende Treue. Dreh- und Angelpunkt dabei ist Weihnachten:  Erschienen ist da die Menschenfreundlichkeit Gottes, und die ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen; auf die kann man sich immer verlassen.  Weihnachten ist nicht nur ein kalendarisches und liturgisches Datum, es gibt die Musik fürs ganze Jahr vor. Und jedes Kirchenlied, allesamt gesungene Gebete, ist vertrauensvoll angesungen gegen widrige Verhältnisse.  Es gibt keinen Grund zu resignieren und zu schweigen, auch heute nicht.

Dieses Lied zum Neuen Jahr zieht seine Kraft sogar aus der nüchternen Einsicht, dass all unser Tun vergänglich ist, auch das Böse. Das freilich bliebe ein schwacher Trost, wenn es seit Weihnachten nicht diese besondere Zusage gäbe gemäß Kleppers Lied: „Da alles, was der Mensch beginnt, vor seinen Augen noch zerrinnt, sei du selbst der Vollender. Die Jahre, die du uns geschenkt, wenn deine Güte uns nicht lenkt, veralten wie Gewänder.“  Jeder Augenblick trägt das Wasserzeichen von Gottes führender und fügender Gegenwart – die aber will erbeten und gelebt, ersungen und auch erlitten sein. „Wenn deine Güte uns nicht lenkt“   - das heißt ja auch: wenn wir uns von deiner Güte nicht lenken lassen. Die christliche Zentralbotschaft „Erschienen ist die Menschenfreundlichkeit Gottes“ will täglich gehört und gelebt sein. Welch gutes Vorzeichen am Anfang eines neuen Jahres - diese alles bestimmende Grundüberzeugung. Dank und Bitte zugleich: „Der Du allein der Ewige heißt und Anfang, Ziel und Mitte weißt im Fluge unserer Zeiten: bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten!“

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SWR Kultur Wort zum Tag

12JAN2026
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Früher hatte man mehr Zeit. Da feierte man Weihnachten vierzig Tage lang. Erst am zweiten Februar, an Mariä Lichtmess, wurden die Krippen abgebaut und die Christbäume entfernt. Dass Christus geboren wurde, war so umwerfend, dass man mehrere Wochen brauchte, um das einigermaßen zu verkraften. Zu groß war die Freude, zu unglaublich das Ereignis: „Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget, / sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget“ - so heißt es in einem der schönsten Weihnachtslieder, vom evangelischen Mystiker Gerhard Tersteegen (Gotteslob Nr. 251). Und weiter: „Gott ist im Fleische. Wer kann dies Geheimnis verstehen? Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen.“ Himmel und Erde werden da als Zeugen aufgerufen, und können sich vor Freude nicht einkriegen.

Nein, ich will die Uhr nicht zurückdrehen. Das Weihnachtsfest liegt längst hinter uns, fast zwanzig Tage schon. Das Neue Jahr hat schon wieder Fahrt aufgenommen. Aber ehrlich gesagt: ich bin mit Weihnachten noch nicht fertig, ganz im Gegenteil. Nicht nur, dass solche Liedverse nachklingen und schöne Erinnerungen da sind. Die Botschaft selbst ist so aktuell, dass ich sie ins Neue Jahr mitnehmen möchte: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden“ – was könnte wichtiger sein? Dass mit diesem Jesus endgültig der Durchbruch geschafft ist, ist ja wirklich unglaublich. „Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden“, dichtete Tersteegen. Frieden ist möglich geworden, überall und jederzeit abrufbar. Freundschaft ist das grundlegende Beziehungsmodell, nicht Rivalisieren und Kriegen.  Ja, Weihnachten ist nicht nur ein Datum im Kalender, es ist das Vorzeichen zuversichtlichen Lebens. Recht hatten unsere Vorfahren, wenn sie fortan alles „nach Christi Geburt“ datierten – als wär‘s der Notenschlüssel zum ganzen Jahr, eine Art Wasserzeichen für jeden Tag. 

Freilich:  Zur Weihnachtsgeschichte gehört auch, was wohl alle zu spüren bekommen: Menschwerden ist nichts für Feiglinge, und der Lebensweg Jesu war nicht ohne. Auch seine Geburt wird schon vom Kreuz her erzählt, und beides im Licht von Gottes Schöpfertreue und Auferweckungskraft. Der Lebensweg zur österlichen Vollendung kann sehr mühsam sein. Billiger ist schon Weihnachten nicht zu haben. Das zu erfahren und zu leben, ist jeder Tag eine Chance, eine gesegnete.

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