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Die „to do Liste“ an diesem Samstag war lang: Getränke holen, Altglas wegbringen, ein neues Bild aufhängen, Lampe reparieren, die Gartenmöbel für die Sommersaison herrichten, Unkraut jäten … und dann, sozusagen als Belohnung, noch in die Outletcity nach Metzingen fahren und mir neue Schuhe kaufen.
Eigentlich lief alles ganz gut. Bis ich ans Unkraut jäten kam. Giersch und Brennnessel. Und dann noch der ewige Löwenzahn, da, wo ich ihn nicht haben will. Darauf hatte ich überhaupt gar keine Lust. Deshalb hab ich’s ‘eine Weile vor mir hergeschoben. Noch einen Kaffee getrunken, den Lokalteil der Zeitung ausführlicher als sonst gelesen, Mails gecheckt, die Eltern angerufen. …
Bis ich es dann doch anfing. Und dann war es auf einmal gut. Giersch, Brennnessel, Löwenzahn, dazu Verblühtes…“ Drei Eimer wurden voll, und ich hatte ein richtig gutes Gefühl.
Geht Ihnen das auch so? Bei den Dingen, die ich nicht so gerne mache - das nächste Projekt dieser Art wird die Steuererklärung - da geht es tatsächlich in der Hauptsache darum, einen Anfang zu finden. Wenn ich den gefunden habe, dann läuft es in der Regel. Und meistens bringe ich es dann auch fertig.
Ich glaube, dass es zu uns Menschen gehört, dass wir etwas anfangen und etwas fertigbringen wollen. Ja, ich glaube, der liebe Gott hat uns genau dazu geschaffen. Auch wenn es manchmal schwerfällt, einen Anfang zu finden. Nicht umsonst sind die Aussagen: „Mit dem kann man was anfangen …“ – und „die bringt was fertig“ ausgesprochen positiv gemeint.
Ich wünsche allen, denen es so geht wie mir, dass es heute gelingt, an irgendeiner Stelle einen Anfang zu finden und etwas fertig zu bringen. Aber nehmen Sie sich nicht zu viel vor- das kann nämlich auch kontraproduktiv wirken.
Ach ja: Zum Schuhshopping hat es noch gereicht. War gut. Ich hab was gefunden. Aber nur weil ich mich begrenzt habe auf drei Shops und nicht gemeint hab, ich müsste die ganze Outletcity durchkämmen, damit ich auf keinen Fall etwas verpasse. Dann wär ich nämlich nie fertig geworden.
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Heute, am 8. Mai denken wir daran, dass vor 81 Jahren der 2. Weltkrieg in Deutschland zu Ende ging. Meine Mutter ist ein Kriegskind. 1944 geboren hat sie ihren Vater nie gesehen. Eines erzählt sie immer wieder: Wie sie bis tief in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts immer wieder mit ihrer eigenen Mutter zum Bahnhof ging. Weil immer wieder Hoffnung aufgekeimt ist, wenn Züge aus dem Osten am Bahnhof ihrer Heimatstadt Esslingen ankamen. Züge voll mit Soldaten. Ausgemergelt und doch sehnsüchtig.
Leider ist ihr Vater, mein Großvater, nie dabei. Leider gehen die beiden, Mutter und Tochter immer wieder alleine nach Hause. Dort angekommen wartet Oma Clara am Fenster. Sie hat schon das Abendessen vorbereitet. Bescheiden, aber liebevoll. Mit ein bisschen Knackwurst von den Verwandten aus Thüringen, die immer wieder mal ein Paket schicken. Nach dem Abendessen liest die Oma der kleinen Margret vor. Auf dem Sofa. „Heidi2 von Johanna Spyri. Und als die Geschichte für diesen Abend zu Ende ist - Heidi liegt weinend auf dem Bett in Frankfurt, voller Angst vor Fräulein Rottenmeier - da bricht es auch aus der kleinen Margret heraus: „Oma, ich glaub, der Papa kommt nicht mehr. Nie mehr.“
Oma Clara sagt nicht viel. „Komm mal her, mein Liebes, komm mal her.“ Und sie nimmt sie in den Arm. Die kleine Margret mag den Geruch der Oma. Ein bisschen wie Lavendel. „Komm her, mein Kleines. Heute schläfst du bei mir.“ Und dann beginnt sie zu singen: „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ und „Breit aus die Flügel, beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will Satan dich verschlingen, so lass die Englein singen, dies Kind soll unverletzet sein …“
Die kleine Margret ist so froh, dass sie die Oma hat. Ihre Oma. Und sie schläft ein. Im Bett der Oma, und es riecht nach Lavendel.
Mein Großvater kam nicht mehr aus dem Krieg. Nie mehr. Es war nicht leicht. Aber eines, das hat meine Mutter wohl bis heute nicht vergessen: die Abende und die Nächte im Bett der Oma. Sie hat bis heute nicht vergessen, was es bedeutet, getröstet zu werden. Und dass jemand da war. Einfach da.
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Wir müssen reden. Wenn meine Frau das zu mir sagt, dann ist es ernst. Kurz nach Ostern war es mal wieder soweit. Es ging ums Fensterputzen. In unserem wunderbaren schwäbischen Pfarrhaus gibt es genau 38 davon. Mit Sprossen, was die Reinigung nicht leichter macht. Mir sind saubere Fenster nicht so wichtig. Meiner Frau schon. Aber das Putzen ist ihr zu viel. Deshalb: Wir müssen reden.
Gut vorbereitet ist sie in unser Gespräch gekommen. Und hat mich überrascht. Mit dem Angebot eines Fensterreinigers. 150 € für 38 Fenster mit Sprossen. Ich habe ziemlich schnell zugestimmt. Zum einen, weil ich selbst keine Lust habe, mich mit Bockleiter und Fenstertuch an die Arbeit zu machen, vor allem aber, weil ich gespürt habe, wie wichtig ihr das ist.
Wir müssen reden. Nicht nur wenn’s ums Fensterputzen geht. Immer wieder höre ich, dass unsere Gesellschaft auseinanderzubrechen droht, weil sich viele nur noch in der eigenen Blase, dem eigenen Echoraum begegnen und die anderen gar nicht mehr wahrnehmen. Und das führt dann zur Sprachlosigkeit oder dazu, dass aufeinander eingeschlagen wird, verbal und leider auch real.
Was können wir dagegen tun? Ein kleines Beispiel, das zwar zugegebenermaßen unsere Gesellschaft nicht gleich rettet, mir aber doch Mut macht: Wenn Fußball-Champions-League übertragen wird, geh ich gerne in eine Kneipe bei uns am Ort. Es wird geraucht da. Und Spielautomaten gibt’s in Hülle und Fülle. Normalerweise nicht meins. Aber dort verbindet der Fußball über alle Grenzen hinweg. Und da liegt man sich, wenn in der 89. Minute der entscheidende Treffer fällt, in den Armen. So entsteht Beziehung. Mir gefällt das. Auch weil ab und zu nach dem Spiel noch ein Gespräch entsteht. Manchmal sogar kontrovers. Und weil dann, wenn ich meine Fußballkumpels mal zufällig beim Einkaufen treffe, auch wieder geredet wird. Über Gott und die Welt.
Ja, wir müssen reden. Und die Grenzen immer wieder mal überschreiten. Und keine Angst haben, vor denen, die anders sind. Ich glaube, Jesus würde wahrscheinlich heute auch in die Fußballkneipe gehen. Denn er hatte keine Angst vor den Menschen, vor allem nicht vor denen, die anders sind oder eine andere Meinung haben. Aber das Gespräch hat er immer wieder gesucht. Und zugehört.
Gestern übrigens war der Fensterputzer da. Zum Abschied zwinkerte er mir zu. „Ich komme gerne wieder. Sie wissen ja: Happy wife, happy life…“ Die 150 € habe ich gerne bezahlt.
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Manchmal lässt mich unsere erwachsene Tochter ganz schön hängen. Da schreibt der zuweilen besorgte Vater eine WhatsApp nach der anderen. Ruft an. Sucht sogar über Insta Kontakt. Und sie schweigt. Eine gewisse Zeit kann ich das aushalten. Aber je länger es dauert, desto höher steigt der Pegel aus Sorge, Frust und auch Enttäuschung. Manchmal schiebe ich dann noch ein wenig souveränes „Haaalooo! Lebst du noch?“ hinterher. Irgendwann, für mich viel zu spät, kommt dann ein gnädiges „Hi Papa, war grad viel. Melde mich die Tage …“
Meine Frau rät mir in solchen Situationen zur Gelassenheit. Lass sie, die meldet sich schon wieder. Ist allerdings nicht grade meine Stärke, das Lassen. Jemanden in Ruhe lassen, der diese Ruhe und diesen Abstand braucht, obwohl ich Nähe und Kontakt möchte, kann ganz schön schwer sein. Und doch so wichtig, weil es Grenzen respektiert.
Wenn dieser Respekt verloren geht, dann kann es sogar gefährlich werden. Stichwort: Stalking. Dass gerade Männer damit Schwierigkeiten haben und sich leider viel zu oft zu Stalkern entwickeln, die anderen das Leben zur Hölle machen, beschämt mich. Sehr. Von Gewaltanwendungen im Netz oder in den eigenen vier Wänden ganz zu schweigen. Das muss aufhören. Und wo wir es beobachten oder auch nur ahnen, gilt es, den Mund aufzumachen und einzuschreiten. Es eben nicht auf sich beruhen lassen. Einander lassen.
Noch was: Loslassen, einen Menschen loslassen, hat mit Respekt und Vertrauen zu tun. Respekt, weil ich seine Entscheidungen respektiere und akzeptiere. Weil ich meinem Gegenüber, egal ob Kindern oder Kolleginnen, dem Lebenspartner oder Freunden eigene Wege zugestehe. Vertrauen, weil ich daran glaube, dass da noch ein anderer ist, der mitgeht und begleitet und auch hält und auffängt. Das hilft mir. Auch wenn ich an unsere Tochter denke. Wenn ich sie loslasse, dann entlasse ich sie eben nicht ins Nichts. Und auch nicht ins Bodenlose. Gottseidank. Daran denke ich, wenn der Pegel wieder steigt, weil die Antwort aus Leipzig von der Tochter mal wieder auf sich warten lässt.
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Stimmt bei Ihnen die Work-Life-Balance? Sind Arbeit und Leben, Verpflichtungen und Freizeit im rechten Verhältnis? Ganz ehrlich, mir persönlich widerstrebt dieser in Mode gekommene Ausdruck: Work-Life-Balance. Work und Life – Arbeit und Leben – das sind doch keine getrennten Bereiche. Und ich höre doch nicht auf, zu leben, wenn ich bei der Arbeit bin. Die Rede von der Work-Life Balance aber vermittelt genau das. Und das wiederum kann dann dazu führen, dass die die Arbeit als leblos oder zumindest als freudlos erlebt wird. Für mich passt das nicht. Ich halte es für wichtig, dass die Arbeit Teil meines Lebens ist und ich eben auch in meiner Arbeitszeit lebe, Freude habe lachen kann, Erfolge feiere; es mir manchmal schön mache; die Kolleginnen zum Lachen bringe.
Das bedeutet nicht, dass immer alles locker und easy ist. Nein, auch das Schwere und das Mühsame gilt es zu erleben und zu durchleben. Auch das ist ja Teil meines Lebens. Die Bibel spiegelt das wider, dass unser Leben ein ganzes ist: Wenn ich an Jesus und seine Geschichte denke: Der hat gekämpft wie ein Löwe, gefastet und gefeiert ohne Ende. Gelitten und geliebt. Ja, gerade das Leiden war ein zwar schwerer, aber wichtiger Teil seines Weges. Aber es war nicht das Ende.
Als Christ glaube ich daran, dass nichts, nicht mal der Tod, es festhalten, in den Griff bekommen kann, das Leben. Deshalb muss ich das selbst auch nicht versuchen oder Angst haben, die Arbeit und die Verpflichtung könnten es verdrängen, an den Rand schieben, in den Griff bekommen. Und weil ich das glaube, möchte ich ihm Raum geben. Jeden Tag. Auch bei der Arbeit. Und es suchen. Das Leben. Und nicht immer nur hoffen, dass der eine Teil irgendwie vorbeigeht und der andere sich möglichst toll anfühlt.
Zum Schluss: Eine gute Freundin hat unter die Todesanzeige ihres Vaters nur einen Satz geschrieben: „Er hat gelebt.“ Gefällt mir. Gelebt hat er, weil er sein Leben eben nicht damit verbracht hat, sich darauf vorzubereiten irgendwann mal zu leben - im Urlaub oder im Ruhestand, oder wenn die Kinder groß sind. Denn Leben ist immer jetzt. Auch bei der Arbeit.
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Es ist zehn Uhr. Ich sitze an einem traumhaften Tag im Sessellift in Lech am Arlberg. Über mir stahlblauer Himmel, unter mir strahlend weißer Schnee. Und Sonne satt. Schöner kann das Leben kaum sein. Dann Pling. Eine WhatsApp.
„Herr Brändle, henn Sie mih vergessa?“ Das schreibt, in leicht vorwurfsvollem Ton, unsere Putzfrau, die vor der verschlossenen Pfarrhaustür steht. Mist. Ja, ich hab sie tatsächlich vergessen. Jetzt kam sie umsonst. Sollte nicht passieren. Ist mir unangenehm. Sehr. Weil ja ganz offensichtlich ist, dass ich einen Fehler gemacht habe. Kurz trübt das meine Laune. Ich mag es nicht, wenn mir Fehler passieren.
Der amerikanische Schriftsteller Arthur Miller – seines Zeichens vierter Ehemann von Marylin Monroe - hat einmal gesagt: Ohne unsere Fehler sind wir Nullen. Hm, müsste es nicht umgekehrt lauten: Wer Fehler macht, ist eine Null?
Für mich sind es drei Gründe, die für seine Einschätzung sprechen:
Zum Ersten: Fehler macht nur, wer sich traut, etwas zu tun. Wer etwas in die Hand nimmt, wer Entscheidungen trifft. Und es ist so wichtig, dass es Menschen gibt, die sich das trauen – trotz des Risikos, auch mal für einen Fehler gerade stehen zu müssen.
Ein Zweites: Auch wenn ich einen Fehler mache oder meine Schwächen ans Licht kommen, hat das seine zwei Seiten: Ein Beispiel: Es nervt mich, wenn jemand sich nicht entscheiden kann, einfach nicht klar Position bezieht. Aber so jemand ist meistens auch ziemlich einfühlsam. Ja, solche Menschen haben oft ein ausgeprägtes Mitgefühl. Schwächen als Stärken.
Und noch ein Drittes: Gerade, wenn ich Schwäche zeige, an Dingen scheitere, Fehler mache, werde ich für andere greifbar, bin ich Mensch und kein Übermensch. Es entsteht Nähe und Platz für andere Kräfte außer meinen eigenen.
Vor bald 2000 Jahren hat Paulus den Menschen in Korinth geschrieben: „Wenn ich schwach bin, bin ich stark.“ (2. Korinther 12, 10) Er meint damit: Wenn wir unsere Grenzen und Schwächen anerkennen, machen wir Platz für eine stärkere Kraft, die Kraft Gottes. Mit dieser Kraft in meinem Leben kann ich dann auch leichter Fehler zugeben und muss nicht so tun, als sei ich perfekt. Ach, übrigens: Als ich oben aus dem Sessellift ausgestiegen bin, hat es wieder Pling gemacht: „Macht nix, dann geh ich jetzt auf den Marktplatz und trinke einen Kaffee in der Sonne. Komm dann nächste Woche wieder.“
„Der Kaffee geht auf mich,“ schreibe ich zurück.
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In ein paar Tagen wird er 76 Jahre alt. Die Rede ist von Thomas Gottschalk. Seine Fernsehkarriere hat er schon mehrfach für beendet erklärt, um dann doch wieder in irgendeiner Show aufzutauchen. Da ist der, der für viele auch im fortgeschrittenen Alter und trotz Erkrankung noch immer der Thommy ist, nicht besonders konsequent. An anderer Stelle schon. Gefragt, ob er noch in der Kirche sei, antwortet er: „Solange ich mir Schuhe von Louis Vuitton leisten kann, solange kann ich mir auch die Kirche leisten.“ Da hat er leicht Reden – kann man jetzt sagen – hat ja auch Geld wie Heu. Stimmt. Und sowohl von Louis Vuitton Schuhen als auch von Thomas Gottschalk kann man halten, was man will.
Was mir gefällt, ist sein klares Bekenntnis zur Kirche. Und seine versteckte Kritik an denen, die behaupten, sie könnten sie sich nicht mehr leisten. Mal ehrlich: Auch mit weniger Geld als Thomas Gottschalk können die meisten von uns entscheiden, was für sie wichtig ist. Und ich glaube, darum geht es: Sich ehrlich klarzumachen, was mir wichtig ist.
Warum mir die Kirche wichtig ist? Ein paar Beispiele: Weil sie mich geprägt haben, die kirchlichen Jugendräume, in denen wir früher die ersten Partys ohne Eltern gefeiert haben, und ich mir wünsche, dass es solche Orte auch heute noch gibt. Weil ich sie im wahrsten Sinn des Wortes notwendig finde, die Hilfsangebote von Diakonie und Caritas, zu denen ich Menschen schicken kann, die nicht mehr weiterwissen. Und weil sie mir am Herzen liegen, die Kirchen in unseren Städten und Dörfern, die oft geöffnet sind und Orte der Ruhe bieten. Zweckfreie Gebäude, Leerräume, in denen nichts produziert wird, die uns aber verbinden, mit so vielen, die vor uns waren und vorausgegangen sind.
Natürlich kann und darf nicht alles beim Alten bleiben, gerade in der Kirche. Natürlich wurden Fehler gemacht und sind wir Menschen nicht gerecht geworden. Und natürlich müssen wir uns täglich neu fragen, was es heute bedeutet, Kirche für die Menschen zu sein. Aber gerade deshalb bin ich Thomas Gottschalk und allen anderen, die uns die Treue halten, sehr dankbar. Denn im Gegensatz zu den Louis Vuitton Schuhen handelt es sich hier nicht um eine Geschmacksfrage. Vielmehr geht es um die Frage: Bin ich bereit, etwas beizutragen und einzubringen, auch wenn mir das vielleicht nicht immer und sofort etwas Zählbares bringt? Bin ich bereit, in Leerräume zu investieren, die es ermöglichen, dass Menschen sich getragen fühlen? Ganz gleich in welchen Schuhen ich durch mein Leben gehe.
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„Du, Heut Abend muss ich dir was erzählen…“ Manchmal schreibt mir das meine Frau tagsüber von der Arbeit aus, als WhatsApp. „Ich muss dir was erzählen…“
Und wenn wir uns dann abends sehen, dann höre ich, was ihr auf dem Herzen liegt: Mal, dass ihr 6jähriger Enkel zwei Tore beim Fußballturnier geschossen hat oder dass sie einen ganz tollen Mantel entdeckt hat und sich den für den Herbst gerne kaufen würde … „Du, ich muss dir was erzählen.“
Auch wenn es immer wieder notwendig ist, Dinge für sich zu behalten: Der Wunsch, das, was wir erleben, mit anderen Menschen zu teilen, gehört zu uns.
Ganz am Anfang der Bibel steht eine Geschichte, die diesem Bedürfnis auf den Grund geht. Es wird da berichtet, dass Gott, der Schöpfer, mit der Erschaffung eines ersten Menschen eben noch nicht fertig ist. Noch fehlt diesem Wesen etwas Entscheidendes. Und erst als Gott einen weiteren Menschen schafft, ist die Schöpfung vollkommen. Erst als Adam zu Eva und Eva zu Adam „Du“ sagt, verschwindet die Leere.
Für mich steckt in dieser alten Geschichte viel Wahrheit. Auch ich brauche ein Gegenüber. Denn wie oft stelle ich fest: es gibt Dinge, die kann ich mir selbst nicht sagen. Sowohl ein Kompliment als auch eine kritische Rückmeldung braucht ein Du.
Konkret: „Du Idiot!“ trifft in der Regel härter, als wenn ich mir sage „was bin ich nur für ein Idiot … Und bei allem Respekt vor der notwendigen Selbstfürsorge: Einen Blumenstrauß geschenkt zu bekommen, ist schöner als sich selbst einen zu kaufen.
Natürlich, immer einfach ist es mit anderen Menschen nicht. Manchmal sogar furchtbar kompliziert. Und, ja, ich habe tatsächlich auch nicht immer Lust zuzuhören, wenn mir meine Frau etwa erzählen will. Manchmal bin ich sehr mit mir selbst beschäftigt. Oder will nach einem langen Tag mit vielen Gesprächen meine Ruhe haben.
Und doch: ich bleibe dabei: Andere Menschen, zuweilen auch gerade die, über die ich mich ärgere, sind der Reichtum meines Lebens. Oder mit Worten von Hannes Wader, die mich seit langem begleiten:
Wer daran glaubt, alle Gefahren
nur auf sich selbst gestellt zu überstehn,
muss einsam werden und mit den Jahren
auch an sich selbst zugrunde gehen.
Und soll mein Denken zu etwas taugen
und sich nicht nur im Kreise drehn,
will ich versuchen, mit euren Augen
die Wirklichkeit klarer zu sehn.
Nun Freunde, lasst es mich einmal sagen:
Gut wieder hier zu sein, gut euch zu sehn
mit meinen Wünschen, mit meinen Fragen
fühl ich mich nicht allein: Gut euch zu sehn.
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Dienstagabend 20.30 Uhr. Feierabend. Pling. Mein Handy meldet sich. Nachricht von der Mesnerin: „Herr Brändle. Die Kirchentür stand heute Abend sperrangelweit offen. Ich hab sie zugemacht.“ Ich schreib zurück: Super! Vielen Dank.
Wieder pling. Prompte Antwort: „Das ist doch mein Job.“ Wieder antworte ich: Trotzdem danke.
„Das ist doch mein Job.“ An dem Satz bleib ich hängen. Ja, stimmt. Das ist ihr Job. Aber, warum dann nicht danke sagen? Heißt das, wenn jemand etwas gegen Bezahlung macht, dann ist Dank unangemessen? Das wäre ja schlimm.
Es gibt in unserem Land unendlich viele Menschen, die einen guten Job machen. Von der Ministerin bis zum Müllmann. Vom Vorstandsvorsitzenden bis zur Pflegefachkraft.
Kürzlich hab ich einer Kassiererin beim Rewe gesagt, dass ich mich darüber freue, dass sie immer so freundlich ist und auch bei langen Schlangen vor der Kasse die Ruhe bewahrt. Seither hab ich das Gefühl, lacht sie noch mehr, wenn sie mich sieht. Auch sie macht nur ihren Job. Aber sie macht ihn gut. Und ich bin mir sicher, es tut der Stimmung in unserem Land gut, wenn wir uns das ab und zu auch gegenseitig sagen.
Danke. In diesem Wort steckt nämlich eine revolutionäre Kraft. Ja, dieses Wort kann uns im wahrsten Sinn des Wortes umwälzen, umdrehen. Wenn ich danke sage, dann richte ich meinen Fokus auf das, was ist, und nicht auf das, was fehlt.
Und vielleicht ist die Dankbarkeit ein rettender Schutzwall gegen die Lawine des Negativen, die in unserem Kopf manchmal losgetreten wird.
Ein Beispiel: da sind 20 Mitarbeitende. 18 machen einen tollen Job. Zwei nicht. Die Gefahr, vor lauter Ärger über die zwei die Freude über die 18 anderen zu vergessen, ist riesig. Aber sie ist nicht unausweichlich.
Auch deshalb nehme ich mir jeden Abend vor dem Einschlafen kurz Zeit, um Danke zu sagen. Ganz still für mich denke ich dann an Menschen, die mir an dem Tag gutgetan haben und danke meinem Gott.
An dem Dienstagabend übrigens auch für die Mesnerin, die den tollen Job macht. Und oft noch Blumen aus dem eigenen Garten auf den Altar stellt.
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Es sind nur zwei Buchstaben, die gerade vielen Leuten Angst machen: K und I. KI. Künstliche Intelligenz. Laut einer aktuellen Umfrage lösen sie bei 34 % der Menschen in Deutschland Angst aus. Auch die Angst, ersetzbar zu sein und nicht mehr gebraucht zu werden. Manche Unternehmen haben es sogar schon beziffert, wie viele ihrer Aufgaben in ein paar Jahren von einer KI erledigt werden.
Wie immer sind auch im Umgang mit dieser Angst zwei Dinge wichtig: Zum einen: es hilft nicht, sie unter den Teppich zu kehren. Und zum anderen: Sie ist ein schlechter Ratgeber.
Aber was hilft dann? Möglicherweise ist gerade die Tatsache, dass KI in vielen Fällen so unfassbar perfekte und nicht angreifbare Ergebnisse liefert, ihre größte Schwäche.
Denn absolute Perfektion ist zwar einerseits faszinierend, kann auf Dauer aber auch sehr langweilig sein. Weil etwas fehlt. Die Angriffsfläche, das Berührbare.
Ich glaube, das ist unser menschlicher Mehrwert. Da machen wir den Unterschied. Als berührbare, angreifbare, und eben nicht makellose Originale. Wir mit unserem gelebten Leben, unseren Geschichten, die wirklich passiert sind, auch mit unseren Narben.
Vor einigen Wochen habe ich eine Predigt gehalten. An einer Stelle habe ich von meinen Geschwistern erzählt. Durchaus persönlich. Und da musste ich auch kurz schlucken. Konnte nicht gleich und rhetorisch perfekt weitersprechen. Weil ich berührt war. Einem Roboter wäre das wohl nicht passiert. Der hätte glatt drüber weggelesen. Nach dem Gottesdienst kam eine Frau auf mich zu und hat sich bei mir bedankt. Vor allem für diesen Moment, in dem ich von meinen Geschwistern erzählt habe. Weil das so greifbar war. Und ich habe gemerkt: Das ist es, was ich will: Greifbar werden. Auch angreifbar, und gerade so den Unterschied machen.
Und wenn wir das jeden Tag versuchen, uns zeigen, so wie wir sind, gerade auch mit den Macken, die wir haben, und den Narben, ich glaube, dann machen wir den Unterschied.
Die KI wird bleiben, definitiv, aber wir auch. Als Menschenkinder. Als Gottes-Kinder, der uns ja erstaunlicherweise eben gerade als angreifbare, unperfekte und doch wunderbare Wesen auf unsere Lebensreise geschickt hat.
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