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SWR1 Begegnungen

Caroline Haro-Gnändinger trifft Uta Heß aus Weinstadt-Schnait bei Stuttgart.
Wir treffen uns in ihrem Fußpflegestudio und sprechen über ihr Ehrenamt: Denn sie hilft bald wieder in der Stuttgarter Vesperkirche mit. Dort bekommen Wohnungslose und Menschen mit wenig Geld warmes Essen und wer mag, auch Pflege für die Füße:
Wir haben eine Schüssel für‘s Fußbad dabei, Handtücher, alle Werkzeuge, die wir brauchen zum Nägelschneiden, zum Feilen, wir haben Cremes dabei, Desinfektionsmittel und wir haben eine Box mit Socken dabei, weil am Ende bekommt immer jeder ein frisches Paar Strümpfe.
Uta Heß und weitere Ehrenamtliche bauen vorne in der evangelischen Kirche eine Fußpflegeecke auf. Neben der Kanzel. Für die Privatsphäre stellen sie Sichtschutzwände auf. Die Besucher können dort für eine halbe, dreiviertel Stunde Platz nehmen.
Die Menschen, die auf der Straße leben, die kriegen es immer hin, dass sie mit ordentlichen Füßen kommen. Also, dass sie dann sagen: Ich wusste, ich habe den Termin. Ich war heute Nacht in der Obdachlosenunterkunft. Da kann ich mich waschen, da kann ich mich duschen. Schau mal, ich habe mir extra die Füße gewaschen, bevor ich gekommen bin. Es hört sich für uns so lapidar an: Ich habe mir die Füße gewaschen. Für diese Menschen ist das ein richtig großer Aufwand.
Einmal habe ich vorbeigeschaut, als sie in der Vesperkirche im Einsatz war. Und mir ist ein Mann aufgefallen. Er hatte nur Sandalen an – und das im Winter.
Es kommen tatsächlich Menschen bei minus sieben Grad und haben Sommersöckchen an, die dann dazu noch zwei, drei Löcher haben. Ich hatte mal einen Herrn, der hatte zwei verschiedene Paar Schuhe an. Also zwei verschiedene Schuhe. Und gar keine Socken.
Umso besser, wenn sie hier warme Socken bekommen – viele Ehrenamtliche haben sie gestrickt. Manche von den Besuchern haben Schmerzen wegen Problemen mit der Hornhaut oder den Nägeln. Meist können Uta Heß und ihr Team helfen.
Manche haben natürlich gesundheitliche Einschränkungen, merken es vielleicht gar nicht. Also wir haben schon auch Menschen, denen wir keine Fußpflege geben, wo wir sagen, da wollen wir erst, dass da ein Arzt drüber schaut. Es sind ja auch Ärzte im Team anwesend. Da ist es manchmal einfach notwendig.
Viele Menschen lassen sich ungern näher auf die Füße gucken, gerade wenn die nicht so gut aussehen. Uta Heß sagt, ein Eisbrecher ist, dass die Pflege an der Fußsohle oft kitzelt…
Also ganz viele Menschen sind zum Glück sehr kitzelig. Und bei der Behandlung freue ich mich, wenn die Menschen was zu lachen haben. Das soll ja was Schönes sein. Die Menschen sollen ja gern kommen und sich wohlfühlen.
Mich erinnert das, was sie tut, an eine Szene in der Bibel – Jesus wäscht beim letzten Abendmahl seinen Freunden die Füße:
Jesus stellt sich ja da so ein bisschen runter, was ich in der Vesperkirche da vielleicht gleichsetzen möchte, ist, dass wir alle auf Augenhöhe sind. Also da gibt's kein ' wir sind besser' oder ' schlechter' oder ' anders'.
Und doch gibt es auch Herausforderungen in ihrem Ehrenamt. Sie pflegt ehrenamtlich auch Menschen in der Stuttgarter Vesperkirche die Füße. Wohnungslosen oder Menschen mit kleinem Geldbeutel. Einfach ist das nicht immer:
Ich habe eine Frau gefragt, warum sie eine Mülltüte um die Hose herum hat. Dann sagt sie zu mir, wenn sie einschläft und sich einnässt, damit sie nicht am Boden festfriert. Das sind Antworten, da muss ich dann schon schlucken, also damit muss man schon auch umgehen.
Ihr wird da klar, wie schwer der Alltag der Vesperkirchen-Besucher ist und wie anders als ihr Alltag. Sie versucht dann, sich an eins zu erinnern:
Dass diese Frau genauso nett und schätzenswert ist, wie jeder andere auch und da muss ich mir drüber im Klaren sein: Das sind alle Menschen, wie du und ich.
Ich finde, das ist wirkliche christliche Nächstenliebe. Ihr ist Zusammenhalt wichtig. Mit der Kirche als Institution hadert sie. Aber an Gott glaubt sie. Uta Heß hat sich für ihr Engagement Unterstützung gesucht: Jetzt machen Ehrenamtliche auch aus Ostfildern oder sogar aus Freiburg mit.
Also, es ist wirklich ein familiäres Miteinander und macht wahnsinnig Spaß, dorthin zu gehen.
Die Teamarbeit gibt ihr wirklich viel. Und das hilft gerade auch, wenn sie von tragischen Geschichten der Vesperkirchen-Besucher hört:
Der eine Mann, der hat eine Firma gehabt, Frau, Kinder Reihenhäuschen, Hund, der hat 'nen Fehler gemacht im Geschäft, einen bewussten Fehler, der hat eine kleine Steuerhinterziehung begangen, bekam eine Haftstrafe dafür. Seine Firma ging pleite damit. Die Frau und die Kinder haben sich abgewendet.
Das habe ihn erst in die Alkoholsucht gebracht und dann auf die Straße. Uta Heß erinnert sich auch an eine junge Frau. Die war auf einen sogenannten Loverboy hereingefallen. Er hatte sie in die Prostitution gelockt und in die Drogenabhängigkeit:
Die junge Frau, die war gerade Anfang 20 und die hat mir während der Fußpflege erzählt, sie möchte eigentlich gar nicht clean werden, weil sie weiß nicht, ob sie das ertragen könnte, wenn sie einen klaren Kopf hätte.
Schicksale wie das dieser Zwangsprostituierten machen auch mich sprachlos. Uta Heß konnte immerhin zuhören. Und zumindest ihren Füßen was Gutes tun. Sie freut sich umso mehr, wenn sich bei Besuchern etwas zum Guten entwickelt wie bei diesem Mann:
Der Herr kam schon mehrere Jahre zu uns in die Fußpflege in der Vesperkirche, und hat sich verabschiedet, weil: Er hat jetzt eine Wohnung und er kriegt vielleicht sogar demnächst eine Arbeitsstelle. Das freut mich ganz arg, dass er die Möglichkeit hat, zurück in einen geregelten Alltag zu finden, zu einer Selbständigkeit, zu einem Erwerbseinkommen, ich würde mich sehr freuen, in dem Fall, wenn ich ihn nicht wiedersehe.
In wenigen Wochen geht’s an vielen Orten wieder los mit Vesperkirchen für Menschen in Not und ich finde es ist ein wichtiges Engagement.
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Caroline Haro-Gnändinger trifft: Marie Sophie George.
Sie lebt mit ihrer Familie im Landkreis Esslingen. Mich macht es neugierig, dass sie schon in vielen unterschiedlichen Ländern gewohnt hat. Und ich will wissen, was ihr geholfen hat, so oft neu anzufangen. Sie zieht zum ersten Mal in den 1980ern um, aus dem Elsass auf die Insel Mauritius, mit ihren Eltern und ihrem Bruder, als Kind.
Ich war sehr klein. Ich war nur vier Jahre alt. Ich hatte eine tolle Kindheit, ja, wir haben am Strand gelebt. Ich bin barfuß jeden Tag in den Kindergarten gegangen, also es war ein ganz anderes Leben als im Elsass.
Es ist mehrere tausend Kilometer weit weg, Mauritius liegt vor Ostafrika. Die meisten dort sprechen Französisch, das macht es leichter anzukommen. Ihre Eltern gehen wegen der Arbeit dorthin, aber nicht nur deshalb:
Sie mögen Abenteuer und sind sehr neugierig auf andere Kulturen und sie waren auch in einem Beruf, wo sie es machen konnten, sie waren in der Textilindustrie und es gab nicht so viel Arbeit in Frankreich und darum sind wir nach Mauritius gegangen.
Und nach einigen Jahren ziehen sie weiter, nach Madagascar. Später geht Marie Sophie zum Studieren nach Frankreich – nach Nantes und Aix-en-Provence und nach Südamerika, nach Uruguay. Sie packt oft Koffer und Umzugskartons.
Ich mag es nicht so, wenn es zu viel Sicherheit gibt. Ich mag Herausforderungen, es ist für mich wie ein Antrieb, ein Motor.
Es weitet ihren Blick aufs Leben – sie sieht zum Beispiel, wie arm manche Menschen leben – dass schon Kinder im Müll nach Essen suchen müssen. Und dass andere im Wohlstand leben. So in andere Länder einzutauchen, das machen viele im Studium oder in der Ausbildung. Marie Sophie George hat auch danach immer wieder den Mut dazu. Vor fünf Jahren geht sie mit Mann und Kindern und schwanger nach Baden-Württemberg. Umziehen heißt auch Papierkram:
Ich erinnere mich, dass mein Mann drei Monate lang jeden Abend Papier gemacht hat: Kindergartenpapiere, Krankenkasse, Steuer.
Auch wenn es aufwendig ist, sieht sie darin eine Chance:
Ins Ausland als Familie, also mit Mann und Kinder, macht die Familie stark, weil wir etwas stark zusammen erleben.
Um wirklich anzukommen und sich wohlzufühlen, was braucht es dafür? Eine Wohnung, Arbeit. Und sie findet: offene Menschen:
Leute! Mit wem kann man reden? Über alles, um sich nicht verloren zu fühlen. Und das war nicht einfach am Anfang, wegen der Sprache.
Auch das braucht Zeit. Sie hat viele Neuanfänge versucht, ist immer wieder umgezogen. Was ihr geholfen hat, das möchte ich erfahren. Schließlich glückt nicht jeder Neustart. Sie hat es an einem Skiort erlebt. Sie ist damals zu ihrem Mann an den Berg Montblanc gezogen:
Viel Schnee, wir waren auf 1.000 Höhenmeter. Der Blick war wunderschön. Der Blick auf Mont Blanc war wie im Paradies, aber für ein Alltagsleben, für mich war es nicht einfach, weil ich habe mich oft isoliert gefühlt.
Denn der Ort ist sehr von Touristen geprägt und ihr fehlen Möglichkeiten, enge Kontakte zu knüpfen. Sie, ihr Mann und ihre Kinder ziehen um, und es geht eher zufällig nach Baden-Württemberg. Marie Sophie George sagt, dass sie einfach ein großes Vertrauen spürt, auch dass Gott auf ihrem Weg dabei ist:
Ich glaube, dass in diesen Situationen, Gottvertrauen ist superwichtig, ich würde nie es mir vorstellen, wie ich es ohne meinen Glauben machen könnte.
Und doch: Sie erzählt mir, dass es ihr schon wehtut, wegzugehen – von Freunden, die sie liebgewonnen hat. Und besonders als Familie.
Wir müssen auch Rücksicht jetzt nehmen auf unsere Kinder und Kinder haben Freunde und möchten nicht immer wieder umziehen.
An den neuen Orten haben sie immer wieder Unterstützung bekommen. Von Nachbarinnen zum Beispiel oder von Leuten aus einer Kirchengemeinde, die sie willkommen geheißen haben:
Also ich habe persönlich immer Leute getroffen, die haben geholfen. Wirklich. Und ich bin dafür sehr dankbar.
Sie möchte das auch weitergeben. Deshalb hilft sie in der Schule ihrer Kinder mit oder kocht auch mal mit geflüchteten Menschen französische Gerichte:
Ich finde, dass in einer Gesellschaft mit Wohlstand es auch Armut gibt. Und ja, es ist anders, aber es gibt auch Leute, die Hilfe brauchen.
Sich für andere engagieren – auch das macht es einfacher, neu Wurzeln zu schlagen. Außerdem: alte Freundschaften pflegen, auch wenn man inzwischen nicht mehr am selben Ort lebt. Es gibt ihr Halt.
Natürlich kann man nicht mit alle im Kontakt bleiben, aber mit Freunde, es ist wichtig und es gibt immer wieder schöne Treffen.
Und dann ist da noch die Arbeit – sie arbeitet aktuell mit Menschen mit Demenz. Eine neue Herausforderung - ihr ist es auch aus ihrem Glauben heraus wichtig:
Es ist eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenzkrankheit, In meiner Arbeit, wenn ich Leuten helfe, fühle ich mich mit Gott sehr nahe.
Ja, sie findet immer wieder Orte, wo man auch Gott nah sein kann - Marie Sophie George zeigt mir, dass Neuanfänge eine Chance sein können, egal, ob es ein neuer Wohnort ist oder neue Aufgaben. Und dass es guttut, auf Menschen offen zuzugehen, die neu sind im Verein, in der Kirchengemeinde oder in der Nachbarschaft.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42979SWR1 Begegnungen

Die Gegend wirkt auf mich wie ein Paradies – mit Wasser und Obstgärten. Wir unterhalten uns aber über einen Ort, der gerade überhaupt nicht paradiesisch ist. Wegen Krieg – mit Verletzten und Toten - in der Ukraine. Ralf Eisenhut ist immer wieder dort – inzwischen über den Verein „Lindau hilft“. Seit 2022 ist er 15 Mal in der Ukraine gewesen.
Die letzten Male war ich hier an der Front bei Soldaten. Das waren 150 Soldaten in diesem Bataillon und für die habe ich täglich gekocht.
Mehrere Wochen lang kochen für Soldaten an der Front in der Ukraine – das ist außergewöhnlich! Er übernachtet in seinem Transportwagen und hat eine Feldküche dabei. Die stellt er bei Soldaten auf, die andere Soldaten versorgen. Wie kann ich mir das vorstellen?
Bei den Soldaten, die waren in einem zerbombten Dorf, dort habe ich die Sachen dann gekocht, um ein Uhr, musste immer fertig sein und dann haben wir das eingepackt, sind dann vorgefahren. In den Schützengräben haben wir dann das Essen verteilt oder ich habe das Essen dort verteilt.
Ralf Eisenhut hat schon oft für viele Menschen gekocht, weil er in der Gastronomie arbeitet. Natürlich bekommen die Soldaten auch so zu essen, aber er will ihnen was Gutes zubereiten.
So das mit dem Sauerkraut war ganz gut, das lieben sie. Und meine Kässpätzle, ich habe die frisch gemacht, die waren total begeistert von diesen Kässpätzle.
Es klingt so leicht, wie er mir davon erzählt. Aber er kocht in einem Kriegsgebiet. Soldaten in genau der Einheit, bei der er war, sind schon umgekommen.
Die ganzen Raketen, die in Odessa oder irgendwo in großen Städten einschlagen, die sind alle über uns drüber geflogen. Aber auch diese Shaheddrohnen, die suchen Ziele aus der Luft und solche Nachschubzentren, so wie wir es waren, die sind schon auch ein gesuchtes Ziel von den Drohnen. Und man muss da schon sehr vorsichtig sein.
Mich berührt sein Einsatz. Aber ich finde es auch krass, weil er sich in Gefahr begibt. Warum? Er erzählt mir, was in ihm vorgegangen ist, als Russland im großen Stil begonnen hat, die Ukraine anzugreifen:
Da habe ich Bilder gesehen im Fernsehen, von einem jungen Mädchen, das ein Herz an die Zugscheibe gemalt hat. Und der Reporter hat dann gesagt: So, das ist wahrscheinlich der letzte Gruß eines Mädchens an ihren Vater mit der Ungewissheit, ob es den jemals wieder sieht.
Er hat damals geweint, sagt er. Und dann Gulasch mit Semmelknödeln gekocht. Sehr viel davon:
Ich habe dann meinen Fleischlieferant angerufen, hab zu dem gesagt: Ich brauche 500 kg Gulaschfleisch. Und ich habe dann Freunde angerufen, die haben mir dann beim Schnibbeln geholfen.
Und das Essen haben sie dann an die ungarisch-ukrainische Grenze gefahren, für geflüchtete Menschen. Ralf Eisenhut lässt also die Not von anderen nicht kalt und er bleibt bis heute dran, das finde ich gut. Ich kenne niemanden, der so etwas macht wie er: Er hat vom Beruf her mit Gewürzen, Töpfen und Schöpflöffeln zu tun. Und er fährt immer wieder an die ukrainische Front im Krieg und kocht dort - für Soldaten.
Wenn die von der Front gekommen sind, weil ich habe dann auch abends da auch noch gekocht, und diese müden Gesichter, wenn ich nachher schaute, in diese müden Augen… Nachdem sie dann meine Speisen probiert haben und ich denen dann doch ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnte - in dem Moment wusste ich einfach: Das war jetzt gut, dass ich das gemacht hab.
Er kocht dort Schwäbisch, aber er hat auch Ukrainisch kochen gelernt, die Suppe Borschtsch zum Beispiel:
Es gibt ja den Borschtsch und ich liebe den grünen Borsch. Den koche ich ganz gut, ja. Grüner Borschtsch ist mit Sauerampfer. Und Gemüse, kann man auch mit Fleisch, Rind- oder Hühnerfleisch machen. Ah, ist sehr, sehr lecker.
Ralf Eisenhut fährt nicht nur zum Kochen dorthin. Er macht es zusammen mit anderen Deutschen und Ukrainern vom Verein „Lindau hilft“. Er bringt Spenden zu ukrainischen Kinderheimen und Krankenhäusern: wie Verbandsmaterial, gebrauchte Handys oder Schulsachen. Den Ehrenamtlichen ist das Leid der Menschen im Krieg nicht egal. Ralf Eisenhut berührt es, was die Menschen dort erleben. Er erzählt mir von seinem Opa im Zweiten Weltkrieg - sicherlich spielt das für ihn auch eine Rolle:
Ich habe natürlich auch sehr viele Geschichten von meinem lieben Opa erzählt bekommen, wie sehr die Menschen dort gelitten haben. Er hat mir aber auch erzählt, dass er in der Ukraine war und dass er dort von den Ukrainern auch versorgt worden ist. Er war zum Beispiel ohne Schuhe unterwegs. Und sie mussten im Schnee ohne Schuhe laufen. Und er hat dann auch Schuhe bekommen.
In der Not Hilfe bekommen und selbst helfen – für ihn hängt es zusammen. Auch, weil er Christ ist:
Im Glauben ist natürlich auch die Nächstenliebe schwer verankert, und es hängt sehr wohl an uns, wie wir die Welt gestalten.
Ja, die Welt kann viel schöner sein, so stellt er es sich vor.
Ich glaube, dass der liebe Gott schon ein bisschen verzweifelt ist. Momentan denke ich, was wir hier alles veranstalten. Es tut mir fast leid für ihn, weil diese Welt so toll ist, diese Natur, diese Tiere. Und wir treten das mit Füßen und machen alles kaputt.
Auch deshalb setzt er sich für die Menschen im Krieg ein. Er nutzt seine Talente. Und das motiviert auch mich – was kann ich richtig gut und wie kann ich das für Menschen in Not sinnvoll einsetzen? Im August will Ralf Eisenhut wieder losfahren. Kann er denn wirklich etwas bewegen, dadurch, dass er für Soldaten etwas Gutes kocht?
Natürlich ist es ein Tropfen auf einen heißen Stein. Aber ganz viele Tropfen geben auch einen Liter. Und da gibt es ganz viele, die noch unterstützen: Zeigen, dass es Menschen gibt im westlichen Europa, wo solidarisch an ihrer Seite stehen. Dass sie nicht das Gefühl haben, dass sie alleine dastehen.
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Caroline Haro Gnändinger trifft die ungarische Autorin Noémi Kiss.
Ihre Bücher wurden auch ins Deutsche übersetzt und sie schreibt für die Wochenzeitung DIE ZEIT. In ihren Texten geht es oft darum, was Frauen erleben, und wie der Alltag im Sozialismus war. Den hat sie selbst als Kind und Jugendliche erlebt. Was ich an ihren Geschichten mag, sind die Details - sie schaut genau hin. Ein gutes Ende haben ihre Geschichten aber selten - warum eigentlich?
Ich glaube nicht, dass es immer gut sein muss. Es gibt auch Gutes und auch viele Schicksale, einfach Schicksale, die nicht so gut gelungen sind.
Und wie Menschen damit umgehen, wenn etwas ganz anders kommt, als vorher erhofft, das findet sie interessant. Und mir geht es auch so:
Dieses Streben, dieses Vorstellen, gerade, dass du etwas enttäuscht bist und trotzdem weiter machst.
Enttäuschungen erlebt schließlich jeder, auch Noémi Kiss. Als sie vor einigen Jahren Kinder bekommen hat, Zwillinge, gab‘s Komplikationen und sie war manchmal auch überfordert, erzählt sie. Was ihr geholfen hat, war auch: der Glaube, dass Gott bei ihr ist:
Das war schon eine schwierige, ein sehr schöne, aber schwierige Zeit. Bei dem Arzt zu sein, diese ärztlichen Sachen, die nicht unbedingt angenehm sind. Und dass ich dann eine Frühgeburt hatte und dann hat Glauben sehr viel gerettet.
Sie erzählt mir, dass es ihr auch gut getan hat, dass die Kirchengemeinde vor Ort es möglich gemacht hat, dass Eltern sich austauschen können. Auch in ihren Büchern taucht immer wieder Christliches auf. Eine Kinderbibel, die irgendwie tröstet. Oder ein Christusfigürchen aus Blech, das die Mutter zum Schutz unter‘s Kopfkissen ihrer Tochter legt. Von dem Das Figürchen soll auch niemand erfahren und es riecht komisch, metallisch.
Ich bin in Ungarn aufgewachsen. In meiner Kindheit war es verboten zu glauben. Es war nicht gut angesehen, wenn du in die Kirche gegangen bist. Dass Gott überhaupt nicht existiert, das hat auch meine Lehrerin immer gesagt und dann zu Hause waren wir trotzdem gläubig. Es war ein geheimes Leben, ein Doppelleben, sagt man auch, und das ist schon schwierig. Aber deinen Glauben kann das noch mal stärken. Und ich glaube, dass das heute noch verarbeitet wird in meiner Generation.
Den Glauben verstecken müssen, das prägt ihre Gefühle und ihre Seele bis heute noch, findet sie. Bei mir war es anders, als ich aufgewachsen bin: Kirchliche Jugendgruppen und Religionsunterricht, das war zum Glück nicht verboten. Noémi Kiss arbeitet inzwischen übrigens an einer Literatur-Zeitschrift der Erzabtei Pannonhalma mit. Die ist UNESCO-Weltkulturerbe. Dorthin werden regelmäßig Autoren eingeladen. Auch Noémi Kiss – sie hat so dort schon die Wochen vor Ostern verbracht.
Das fand ich auch lustig, weil es nicht so streng war wie ich mir das vorgestellt habe. Wir haben auch gegessen und Gespräche geführt. Kino, Kunst, alles gibt es dort.
Sie hat dort an ihren Geschichten gearbeitet. Und das Gebet der Benediktiner-Mönche ganz früh morgens zum Start in den Tag hat ihr sehr gut gefallen:
Dass du wirklich erst mal dieses Gebet machst und dann fängst du an zu sprechen und denken und überhaupt, dass es Zunge und Sprache beeinflusst.
Ein schöner Gedanke! Wie sehr das, was ich morgens höre und spreche, meinen Tag und was so passiert, inspirieren kann. Und so ein Gebet gehört für sie auch immer noch zu ihrem Tag.
Autorin Noémi Kiss lebt in der Nähe von Budapest in Ungarn. Ich kenne sie von einer Journalistenreise und wir treffen uns in Ulm. Die Stadt liegt ja an der Donau und an dem Fluss spielen oft ihre Geschichten. Die Autorin recherchiert gerade für ein neues Buch über zwei heilige Frauen – die Heilige Elisabeth und die Heilige Margit. Sie haben vor 800 Jahren gelebt und waren Tante und Nichte. Um mehr über sie zu erfahren, bleibt Noémi Kiss nicht an ihrem Schreibtisch sitzen:
Ich besuche Orte, ich spreche mit Menschen. Es wird ein Reportage-Roman sein, oder - ich weiß es noch nicht - also es wird bestimmt ein modernes Format sein, über heilige Frauen zu sprechen.
In der katholischen Kirche gelten Elisabeth und Margit als Vorbilder. Elisabeth kenne ich, weil meine Heimatgemeinde nach ihr benannt ist. Und auf Bildern sind bei ihr oft Rosen zu sehen – weil sie armen Menschen heimlich Brot gebracht haben soll und als sie dabei entdeckt wurde, soll sich das Brot in Rosen verwandelt haben. Eine Legende, aber sie zeigt den großen Einsatz von Elisabeth für Menschen, die es im Leben schwer hatten. Sie, Elisabeth, und Margit waren ursprünglich aus Ungarn:
Die beiden waren aus dem Árpad Haus, aus diesem ungarischen Königshaus. Also das war wirklich eine der bedeutendsten Königsfamilie in Ungarn, auch sehr offen, auch christlich.
Noémi Kiss hat die Erzählungen über die Frauen gelesen und neue Erkenntnisse über sie. Es erstaunt sie, dass Margit und Elisabeth ihre Privilegien abgelegt haben, wegen ihres Glaubens an Gott. Wie ist es eigentlich bei ihr selbst: Wie stellt sie sich Gott vor?
Ich glaube mehr, dass es eine Instanz gibt und dass dein Leben geführt wird, du bestimmte Aufgaben hast und dass du das erfüllen musst.
Die Heilige Elisabeth damals hat ihre Aufgabe darin gesehen, sich für arme und kranke Menschen zu engagieren. Sie hat dafür sogar die Unterstützung ihrer Verwandten verloren und sich für radikale Armut entschieden. Ihre Nichte, die Heilige Margit hat eine Heirat abgelehnt – gegen den Willen ihres Vaters - und hat als Ordensfrau gelebt und Kranke gepflegt:
Sie sind sehr dramatische Dinge und ich finde, die beiden Legenden sind sehr schön emanzipiert. Also zwei Frauen, die selbst Entscheidungen treffen durften und in ihrer Zeit eine andere Mystik, eine andere Spiritualität angefangen haben.
Sich zurückziehen und weg zu kommen von dem, was man halt so macht, und sich stattdessen auf etwas Größeres einzulassen, das ist eigentlich sehr aktuell, findet Noémi Kiss:
Ich merke, dass Spiritualität, Aussteigen, sehr verbreitet ist, besonders unter Frauen. Und das hat bestimmt ein Grund, dass unsere Gesellschaft zu schnell geworden ist.
Den eigenen Alltag so radikal umkrempeln für mehr Mitmenschlichkeit und mehr Nähe zu Gott, wie es Elisabeth und Margit getan haben, das gelingt nur wenigen. Ich als Christin glaube, dass aber auch schon kleine Schritte in diese Richtung viel bewegen können.
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Caroline Haro-Gnändinger trifft: Sarah Tischer.
Sie lebt in Freudenstadt-Igelsberg im Schwarzwald und dafür hat sie sich ganz bewusst entschieden. Davor hat sie lange in Großstädten gelebt, zuletzt in der Schweiz in Zürich. Und sie hat als Wirtschaftswissenschaftlerin im Bereich Versicherungen gearbeitet.
Ich wollte immer Karriere machen als Frau, auch in der Wirtschaftswelt und so nach dem Motto: Ich kann das auch und das war mein Treiber. Also es war auch nicht Geld oder Lebensstil oder so oder auch nicht Sicherheit, sondern wirklich dieses: Ich wollte vorankommen, das war mein Ziel.
Vorangekommen, das ist sie auch. Aber nach ein paar Jahren hat sie gemerkt, dass der Rahmen an sich für sie nicht passt. Mit Mitte 20 kündigt sie damals – und zwar ohne einen genauen Plan für danach zu haben.
Es war wirklich nur diese Sinnkrise, aber die war letztendlich einfach so groß, wo ich dann gemerkt habe, es macht keinen Sinn. Ich will nicht Geld hin und her schieben und nichts Sinnvolles machen und mich daran selbst bereichern, dass ich irgendwie da so ein bisschen mitwurschtle.
Wo bin ich am richtigen Platz? – diese Frage kenne ich auch. Wo kann ich dahinterstehen? Klar, nicht immer haben wir die Wahl, manchmal zählt auch einfach, Geld verdienen zu können. Sarah Tischer hat damals jedenfalls keinen Partner oder Kinder und sie hat ein kleines finanzielles Polster. Das hat es ihr leichter gemacht. Außerdem fängt sie gerne etwas Neues an:
Ich interessiere mich für wahnsinnig viele Dinge und bin auch sehr begeisterungsfähig und habe auch schon immer gern Neues angefangen und mich da so komplett reingestürzt.
Aber ihr fällt damals das Entscheiden schwer. Sie überlegt, Yogalehrerin zu werden, ein Restaurant zu eröffnen oder vielleicht doch ein Haus mit Gästezimmern zu kaufen.
Dann kamen aber schon wieder von allen Seiten ganz viele Vorschläge für mich und ich hatte wieder dieses Gefühl wie nach dem Abi, wo auch alle gesagt haben, du hast alle Möglichkeiten, dann dachte ich: Jetzt bin ich mit Mitte 20 schon wieder da und alle sagen: Ja, du hast alle Möglichkeiten. Und die bringen dir doch gar nichts, weil ich mich für eine Sache entscheiden muss.
Und beim Entscheiden hilft ihr unter anderem, pilgern zu gehen – sie läuft los, zwei Monate auf dem Jakobsweg. Von Frankreich nach Spanien, nach Santiago de Compostela. Es ist ein Weg, den Christen schon vor Jahrhunderten gelaufen sind. Eigentlich hat Sarah Tischer mit Glauben nicht viel zu tun, sie zweifelt. Aber sie hat sich in den Pilgerrucksack eine kleine Bibel gelegt.
Ich habe mich da sehr drauf eingelassen. Als ich auf den Weg bin, in so einer Sinnkrise will ich mich auch mit Religion beschäftigen und mit größeren Themen, weil im Alltag hat man einfach immer so viele Sachen um die Ohren. Und auf dem Weg ist man auf dem Weg und hat banale Sorgen mit: Wo esse ich? Wo schlafe ich? Und viel mehr ist da nicht.
Verstehe ich gut, auch mir tun ein paar Tage ganz woanders nur für Fragen rund um meinen Glauben sehr gut. Übrigens ist sie im Winter gestartet! Im Februar.
Ich habe das auch irgendwie gesucht, das Abenteuer und bin dann auch wirklich losgelaufen, obwohl gesagt wurde, da liegt dann schon zum Teil irgendwie kniehoch Schnee und so und dann war ich da war mir da irgendwann auch nicht mehr sicher, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Ja, also so ein bisschen Abenteuer gehört dann auch dazu.
Unterwegs trifft sie andere Pilger und Herbergsbesitzerinnen und die inspirieren sie. Was den Beruf angeht, und auch den Glauben an Gott.
Ich spreche mit Sarah Tischer – sie ist aus Überlingen am Bodensee und lebt heute mit Mann und Kind in Freudenstadt-Igelsberg. Nach dem Studium hatte sie Daten von Versicherungsunternehmen ausgewertet. Heute führt sie ihr eigenes Gästehaus im Schwarzwald – sie organisiert alles von den Finanzen, bis zu Frühstück und Renovierungen:
Was ich jetzt auch merke: Immer, wenn man was wirklich mit Leidenschaft macht und auch sein Eigenes macht, das merken die Leute.
Was hat ihr dabei geholfen sich für diesen Beruf zu entscheiden?
Sie erzählt mir, dass sie auf ihr Inneres gehört hat. Und dabei haben ihr auch gute Freunde geholfen. Auf dem Jakobs-Pilgerweg hat sie sich außerdem mit Herbergsbesitzerinnen darüber ausgetauscht, wie das so ist, eine Herberge zu betreiben. Sarah Tischers Alltag ist heute deutlich anders als damals im Versicherungsunternehmen:
Die Gastronomiebranche, wo ich jetzt arbeite, ist natürlich auch ein hartes Pflaster. Also man verdient da nicht so viel Geld. Das habe ich davor um Welten einfacher verdient. Das ist viel anstrengender, aber nichtsdestotrotz sehr viel sinnerfüllter, mein ganzes Leben.
Es kann sicherlich nicht jeder so plötzlich etwas ganz Neues anfangen. Aber etwas finden, wo ich im Alltag mit dem ganzen Herz dahinterstehen kann, finde auch ich sehr wichtig. In Igelsberg mag Sarah Tischer übrigens auch die Gemeinschaft. Und sie hat eine evangelische Kirchengemeinde gefunden, in der sie sich wohl fühlt. Ein monatliches Treffen von Frauen mag sie besonders, sie schauen sich biblische Texte genauer an, singen und sitzen zusammen:
Die beiden lieben Frauen, die das organisieren, die bereiten auch immer Programm vor. Und die machen das alles so liebevoll. Und dann durchaus auch noch den Austausch über Glaubensthemen. Und dann ist da noch so viel schöne Gemeinschaft und dann geht man immer relativ beglückt wieder. Deswegen geh ich da gerne hin.
Für sie etwas Neues. Sie ist nach dem Schulabschluss aus der katholischen Kirche ausgetreten. Die Predigten haben sie oft nicht angesprochen und sie stört zum Beispiel, dass Frauen da keine Priesterinnen werden können. Inzwischen ist sie in der evangelischen Kirche, aber der Institution Kirche steht sie schon auch noch kritisch gegenüber. Was sie überraschend gut fand: Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist sie einem katholischen Pfarrer begegnet:
Ich fand es einfach der Wahnsinn, dass ich dem begegnet bin. So diese Fragen, die mir so ewig schon auf der Seele gebrannt sind, konnte ich einfach da alles fragen. Also sehr zugänglich. Wir saßen auch einmal in der Bar und er hat ein Fußballspiel angeschaut und ich habe ihn während dessen Sachen gefragt. Also das war für mich eine sehr prägende Erfahrung.
Sie hat mit ihm diskutiert und ein paar Antworten für sich gefunden. Aber es bleiben auch Zweifel:
Gerade in Bezug auf Krankheiten so: Warum trifft es die einen, dass sie so schwer krank werden oder so früh sterben und die anderen nicht?
Diese Fragen lassen sie nicht los. Trotzdem ist ihr der Glaube wichtig und sie fühlt sich im Alltag verbunden mit Gott:
Ich merke schon, dass ich oft anfange zu beten, wenn ich wirklich ein Problem habe oder in einer blöden Situation bin. Und sonst würde ich sagen, dass ich nicht ganz regelmäßig bete, aber schon oft morgens oder abends so auch gerne Sachen aufzähle, für die ich dankbar bin.
Und da gibt es so vieles. In solchen Momenten erlebt sie Gott:
Wenn man so ganz viel Schönheit erlebt, man hat mal Vogelgezwitscher und der Sonnenaufgang und der Himmel wird so rot und so, also es sind für mich oft diese Momente, auch an der Natur, wo das so sehr präsent wird.
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Caroline Haro-Gnändinger trifft die Autorin Susanne Niemeyer.
Sie schreibt kurze Geschichten auch für Adventskalender. Sie erzählt mir, wie sie sich für den Kalender in diesem Jahr eine Szene vorgestellt hat mit den Eltern von Jesus in der Bibel, Maria und Josef: Wie hat sich das wohl angefühlt – so in einem Stall im Stroh? Ganz ohne jede Krippenromantik:
Und natürlich: Maria ist schwanger. Das ist alles nicht das Tollste. Es ist zugig, es piekst, es gibt Spinnen. Ach, es ist alles nicht so, wie es geplant war.
Nicht gemütlich also. Und das passt für sie generell zu dem, was vor 2000 Jahren passiert sein soll. Dass Gott als kleines Kind auf die Welt gekommen ist. In einem Stall, ohne richtige Unterkunft.
Niemand ist da, der einen, der einen reinlässt. Alles ist belegt, also auch, dass es heute auch eine dramatische Vorstellung und dann bleibt nichts übrig, als irgendein Stall zu nehmen und es ist garantiert kalt. Es stinkt garantiert. Es ist trostlos. Und dann, glaube ich, gibt es Trost, weil Menschen kommen, also weil die Hirten kommen und weil die Könige kommen, weil Leute da sind. Ich glaube, das bringt die Wärme da rein.
So eine Wärme von anderen – das braucht es auch heute, findet sie. Und sie erzählt mir, was ihr Wärme gibt. Nämlich die sogenannte Wohnzimmerkirche – gibt’s mehrmals im Jahr in Hamburg, wo sie lebt, auch im Advent:
Da machen wir die Kirche zum Wohnzimmer. Also wir haben Sofas und Stehlampen, und wir singen zusammen, wir reden ganz viel zusammen, wir essen zusammen. Und da habe ich wirklich das Gefühl von okay, hier ist Gemeinschaft, wir gehen wieder auseinander, aber ein bisschen verwandelt. immer eine sehr innige, intensive Stimmung mit ersten Weihnachtsliedern, aber auch mit Pop Liedern. Also wenn man auf einmal „Fix You“ singt im Kerzenschein, dann ist es sehr, sehr besonders.
„Fix You“, ein Lied von der Band Coldplay. Ich mag’s sehr, aber hab‘ ich das richtig verstanden: Für sie ist es ein Adventslied?
Weil es darum geht, was Zerbrochenes zu reparieren, klingt zu technisch, aber zu heilen, zusammenzuflicken. Vielleicht deshalb finde ich, ist es auf jeden Fall ein Advents Song. Er hat was Gebrochenes und ich finde, darum geht es bei Adventsliedern, dass es dunkel ist, aber irgendwo gibt es kleine Lücken, durch die das Licht durchkommt.
Gott ist also gerade auch da, wo es im übertragenen Sinn dunkel und kaputt ist. Und will es ganz machen. Wenn es jetzt im Winter auch draußen dunkel ist, wird ihr das besonders klar:
Ich finde es so eine geheimnisvolle Jahreszeit. Also nach wie vor finde ich, dass ich glaube, dieses Kindheitsmoment von: Es wird irgendwas kommen und es gibt Überraschungen und es ist alles ein bisschen mit Neugier getränkt. Ich glaube, das habe ich immer noch in meiner Seele.
Ich treffe Autorin Susanne Niemeyer. Bei ihr steht jetzt im Advent ein Adventskalender mit kleinen Überraschungen von ihrem Freund. Und sie stellt sich schon eine Weihnachtskrippe ins Fenster.
Das ist für mich sehr besonders, weil ich nicht mit Krippen aufgewachsen bin und damit eigentlich auch nicht viel anfangen kann. Aber jetzt habe ich eine ganz schlichte Krippe, in der es vor allem Tiere gibt. Die Tiere strahlen Wärme aus. Und da haben es Maria, Josef und das Baby gut. Und diese Krippe stelle ich tatsächlich auf, die ist nicht angemalt, die ist ganz modern. Die steht auf einer weißen Fensterbank mit ein paar Kerzen. Und wenn ich diese Kerzen anzünde und ein bisschen so die Schattenspiele sehe - das, finde ich, ist ein guter Ankerpunkt für mich.
Sie nimmt sich immer wieder vor, ganz früh morgens eine Weile lang da zu sitzen, mit Kerzenschein und Stille. Und manchmal klappt es. Wenn sie auf die Krippe schaut und an die Notunterkunft denkt von Josef, Maria und Jesus, fragt sie sich auch, was ihr eigentlich Heimat gibt.
Ein großer Teil von Heimat, von dem Gefühl von: Okay, hier darf ich sein, hier kann ich sein, habe ich einen Ankerpunkt, sind Menschen. Ich glaube, wir brauchen Verbündete. Und ich glaube wirklich, in dieser Zeit brauchen die noch viel mehr. Also Menschen um uns herum, bei denen wir wissen, die meinen es gut mit uns, mit denen können wir reden, mit denen können wir auch streiten. In allem Respekt. Und die zuhören, mit einem lachen und einfach da sind.
Susanne Niemeyer begleitet übrigens viele Menschen jetzt im Advent, über ihre Texte. Die stehen in Adventskalendern und Büchern, sind ungewöhnlich und überraschen auch mich. Meinen Alltag und was ich so glaube, mal von einer ganz anderen Seite anzuschauen, darum geht‘s.
Mir hilft es, mir vorzustellen, wie es wäre, wenn Gott jetzt hier säße, wenn er jetzt der dritte oder vierte in der Runde wäre, was es verändern würde und das versuche ich mir vorzustellen, wo auch immer ich bin.
Ja, was würde es denn ändern? In ihren Texten spenden Menschen dann einander Trost. Bekommen Mut und schließen Frieden. Und sie nutzen ihren freien Willen. Susanne Niemeyer schreibt zum Beispiel über Maria. Ein Engel sagt ihr ja, laut Bibel, dass sie Gottes Sohn zur Welt bringen soll. Ob das so einfach für die junge Frau war?
Man muss sich ja klar machen, in welcher Zeit diese Geschichten aufgeschrieben worden sind. Das ist ja in einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft geschrieben. Und ganz oft wird ein Gottesbild transportiert von einem Herrn, der einfach bestimmt. Und das ist nicht mein Bild von Gott. Ich glaube so ist Gott nicht.
Sie findet: Gott respektiert den freien Willen der Menschen. Deshalb lässt sie in ihrer Geschichte Maria und Gott miteinander diskutieren. Gott bestimmt nicht einfach, dass Maria schwanger wird, sondern am Ende sagt sie ganz bewusst Ja dazu. Susanne Niemeyer schaut bei biblischen Texten einfach genau hin. Ihr bedeutet sehr viel, was an Weihnachten passiert ist:
Da geht es nicht um die starken Männer. Es geht nicht darum, den anderen zu zeigen, wer der Größte ist, sondern es geht tatsächlich um den Kleinsten oder die kleinste Person. Und wie was ganz Kleines groß werden kann und was ganz Zartes auch, und dass es um Mitgefühl und Vertrauen geht und um Miteinander.
Sich das wieder mehr klar machen, das möchte auch ich, besonders jetzt im Advent.
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Caroline Haro-Gnändinger trifft: Michael Albrecht aus dem Rems-Murr-Kreis.
Er hat sich einen Künstlernamen zugelegt: Tommy. Und als Tommy ist er Zauberer. Dabei geht’s ihm um Sinnestäuschungen, aber auch um Sinnfragen und die stellt er aus seinem christlichen Glauben heraus. Das macht mich neugierig. Denn mich faszinieren Zaubertricks - und ich bin gläubige Christin. Tommy erzählt, wie er bei einem Jugendtreff vom CVJM, dem Christlichen Verein Junger Menschen, mit dem Zaubern angefangen hat:
Da war ich noch Jugendreferent und wir hatten ein offenes Jugendcafé, in dem tatsächlich, glaube ich, ein Jugendlicher war, der nicht vorbestraft war. Es waren wirklich schwere Jungs, die da waren. Aber wenn man da so einen kleinen Münztrick oder irgendwas mit Karten gemacht hat, dann standen die alle außen rum und wollten das noch mal sehen. Also da habe ich gemerkt, Zauberkunst zieht einfach unheimlich Aufmerksamkeit.
So erlebe ich es auch, als ich ihn besuche - bei einer Show für Ehrenamtliche in einem Kirchengemeindehaus. Er verwandelt ein Messer in eine Gabel oder befreit sich von Handschellen. Zwischendrin erzählt er dem Publikum auch davon, was er mit Gott verbindet. Dass der Glaube an Gott ihm ein Gefühl von Freiheit gibt.
Eigentlich geht es mir darum, dass die Leute lachen und staunen und vor allem staunen über die Botschaft, die ich ihnen erzähle. Also die ist ja nicht von mir, sondern aus der Bibel, weil ich finde, diese Botschaft ist es wert, dass man sie erzählt und dass auch Leute drüber staunen und auch fröhlich sind dabei. Wenn die Leute lachen können und hinterher sagen, das bleibt mir im Kopf, dann finde ich es gelungen.
In seiner Show zeigt er einen kleinen Spiegel – den scheint er mit Nägeln zu durchstechen, aber am Ende ist der Spiegel ganz.
Ich habe einen Spiegel dabei, in den ich auch reinschaue, den ich den Leuten vor‘s Gesicht halte und sage: Was siehst du? Die ganzen Verletzungen, alles, was du schon erlebt hast und so. Was siehst du eigentlich, wenn du in den Spiegel guckst? Und dann die Frage: Was sieht Gott, wenn er dich anschaut?
Tommy glaubt: Gott sieht mit Liebe auf jeden. Mich berührt das deshalb, weil er mir erzählt, dass es für ihn zuerst nicht so eindeutig war. Mit Gott konnte er als Jugendlicher wenig anfangen, hatte große Versagensängste und seine Kindheit war schwierig. Über seine Schwester kommt er damals zu einer Jugendgruppe einer Kirchengemeinde:
Dann bin ich in diesem Jugendkreis gelandet. Und habe plötzlich dort Leute kennengelernt, die mich angenommen haben, wie ich bin, die mir ein Zuhause gegeben haben, das ich vorher nirgends hatte, weder in der Schule noch wirklich zu Hause. Und ich habe relativ schnell so ein Gefühl davon bekommen, dass das nicht einfach nur nette Menschen sind, sondern dass die an einen Gott glauben, der anders ist, als ich immer dachte. Nämlich ein Gott, der eine Beziehung will.
Das sehe ich auch so. Und für mich als Christin ist Gott jemand, der ein gutes Leben will – für mich und für alle Menschen. Ein Leben in Fülle, so heißt es in der Bibel. Dafür muss ich auch aktiv werden. Tommy hat da Vorbilder:
Also Mutter Teresa zum Beispiel finde ich unheimlich spannend, wie jemand so sich aufopfern kann für arme Menschen. Das inspiriert mich. Da denke ich: Mensch, würde ich nie schaffen. Da bin ich wahrscheinlich viel zu egoistisch dafür.
Klar, wer würde das schon schaffen, sich so für kranke und sterbende Menschen einzusetzen. Aber wie er finde ich: Vorbilder können mir helfen, Menschlichkeit in meinen Alltag zu bringen.
Ich treffe Michael Albrecht mit dem Künstlernamen Tommy bei einer seiner Zaubershows in einer evangelischen Kirchengemeinde. Immer wieder staunen die Zuschauer: Das Seil war doch eben noch durchgeschnitten, warum ist es jetzt ganz? Wie konnte aus der Seifenblase eine glänzende Glaskugel werden? Und ich frage mich – kann Tommy eigentlich noch staunen?
Mein Blick auf die Welt hat sich auch dadurch, dass ich an Gott glaube, sehr verändert. Dass ich irgendwann gemerkt habe: Warum muss ich denn groß nach Wundern suchen? Es reicht doch, wenn ich mir diese Welt angucke. Diese ganzen Mechanismen auch in Physik und Biologie und so, wie das alles funktioniert. Sogar an den schlimmsten Orten in der Wüste und in der Antarktis und so gibt es irgendwo Leben. Also überall trifft man auf Leben.
Da wo Leben möglich ist, sich wieder Türen auftun, da ist Gott auch, so stelle ich‘s mir auch vor. Und ansonsten: Wo erlebt Tommy Gott noch? Im Auto, wenn er Musik hört, bei der es auch um Glauben geht:
Das ist so eine total abwechslungsreiche und groovige Musik und trotzdem unheimlich tiefgehende Texte. So was baut mich unheimlich auf.
Tommy erzählt mir davon, dass er Gott immer wieder auch in schwierigen Situationen erlebt hat, zum Beispiel im Krankenhaus.
Also es war zum Beispiel so, dass meine Eltern relativ kurz hintereinander gestorben sind, beide an Krebs. Als mein Vater im Krankenhaus war, in diesem Sterbebett dann lag, haben meine Frau und ich die Gitarre mitgebracht, wir haben gesagt, wir wollen einfach noch ein paar Lieder für ihn singen. In dem Moment, als wir da gesungen haben, habe ich plötzlich so sehr Gottes Gegenwart in diesem Krankenzimmer gespürt.
Ein intensives Erlebnis. Ich frage mich: Kennt er eigentlich auch Zweifel?
Bevor mein Vater gestorben ist, war ich tatsächlich ein bisschen im Zweifel. Liebt Gott mich noch, weil ich habe oft gebetet dafür, dass mein Vater wieder gesund wird und es hat halt nicht geklappt. Und ich habe mich gefragt: Ist er noch da? Also hört er mich noch? Interessiert es ihn, was ich bete?
Ich finde, wer zweifelt, nimmt seinen Glauben auch ernst. Und ihm ist es ernst, trotz Zweifel glaubt er: Gott ist da und interessiert sich. Und das erlebt Tommy auch durch andere Menschen. Deshalb betet er bis heute sehr oft.
Ich weiß noch: Meine Mutter hat mal gesagt, sie will nicht so viel bitten, weil Gott was Besseres zu tun hat. Und das glaube ich nicht. Ich glaube, Gott ist so groß, dass er sich wirklich um all unsere Kleinigkeiten kümmert. Er wird die natürlich nicht alle erfüllen, aber ich glaube, wenn es um eine Beziehung geht, dann geht es auch darum, alles miteinander zu teilen. Und das ist das, was ich dann auch mache.
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Caroline Haro-Gnändinger trifft: Helga Klär, Seelsorgerin von „Kirche im Nationalpark Schwarzwald“
Wir treffen uns in Kappelrodeck in der Ortenau - mit Blick auf Wald und Weinhänge. Ganz in der Nähe ist der Nationalpark Schwarzwald. Dort kann man viel entdecken, findet sie: die Natur, sich selbst und Gott. Deshalb ist sie mit Besuchergruppen auch mal ganz früh morgens unterwegs:
Wir treffen uns noch im Dunkeln und dann laufen wir ohne Taschenlampe auf dem Teerweg hoch. Und haben dann halt die herrliche Aussicht, erstmal in die Rheinebene mit den vielen Lichtern. Dann wenden wir uns nach Osten hin, wo dann diese Bergketten sind vom Schwarzwald und Schwäbische Alb, oft auch noch so Nebelschwaden noch dazwischen. Und da geht dann wie so in einem großen Panorama die Sonne auf.
Diese kleine Wanderung beginnt beim Mummelsee an der Schwarzwaldhochstraße und Ziel ist der Berg Hornisgrinde.
Es gibt kurz vor Sonnenaufgang so ein Gedanke oder Morgengebet. Nach dem Sonnenaufgang gibt es dann noch mal einen Lobpreis oder einen Psalm und ein kurzes Gebet, das dazu passt, das gibt dem ganzen noch mal einen Tiefgang. Die Leute sind sehr berührt danach.
Auch ich fühle mich als Christin Gott oft dann nahe, wenn ich draußen bin – an Flüssen oder in stillen Wäldern. Helga Klär denkt dann zum Beispiel daran, dass Gott das Leben überhaupt möglich gemacht hat und damit auch Pflanzen, Tiere und Berge:
Man hat ja da den Ausblick über die Rheinebene bis zu den Vogesen. Ich weiß ja auch so ein bisschen um die Geschichte, warum der Rheingraben da ist, wie viel Jahrhunderte, Jahrtausende, Billionen da drinstecken. Und ich bin ja nur ein kleiner Ausschnitt in dieser riesigen Weltgeschichte, sage ich jetzt mal.
Wenn so ein Ausblick sie beeindruckt, geht ihr das so. Aber auch wenn sie einfach losläuft – durch den „wilden Bergwald“, wie sie ihn nennt, oder zu ihrem versteckten Lieblingssee. Da fühlt sie sich wohler als in einem Meditationsraum.
Ich wollt immer auch so stundenlang sitzen können und meditieren und habe irgendwann für mich gemerkt: Mich macht es so zappelig, aber sobald ich zehn Minuten gehe, werde ich ruhig. Das Gehen ist für mich eine große, tiefe Meditation.
Wir kommen im Gespräch auch von der Schöpfung zum Schöpfer. Wie stellt sie sich Gott vor? Zuerst antwortet sie ganz klassisch: Gott Vater, Jesus und der Heilige Geist. Aber in letzter Zeit beschäftigt sie auch die Vorstellung von Gott als Mutter wie es auch in der Bibel im Alten Testament vorkommt. In manchen katholischen Kirchengemeinden taucht das in Gebeten schon auf, aber Helga Klär wünscht sich das noch öfter:
Also gerade dieses Lebensspendende. Wenn ich dann rausgehe, überall ist es grün und alles wächst und da perlen die Bäche und so… Gott wirklich mal mit die Ewige, die Heilbringende, Lebensspendende anzusprechen, diese weibliche Seite zu beleuchten, das ist das, was mich grad inspiriert und auch meinen Glauben.
Ihr ist es wichtig, die Augen offen zu halten, für Gott und für Schönes und Ungewöhnliches in der Natur. Das ist leicht im Nationalpark, wo es Moore oder auch Wasserfälle gibt. Ich glaube, das funktioniert aber überall – auch auf Feldwegen oder in grünen Innenhöfen in Städten. Helga Klär und ihre Kollegen bieten auch kleine Pilgertouren durch den Wald an und Seelsorgespräche und offene Ohren rund um die Kapellen auf dem Gelände. Sie erinnert sich noch gut an eine spontane Besucherin in der Kapelle am Mummelsee:
Da ging eben einmal eine junge Frau mit Hund und einem zwei Meter langen aufgeblasenen Badekrokodil in die Kapelle und ich weiß noch, dass wir uns so angeguckt haben: Hund und auch so riesiges Krokodil… Und als sie dann rauskam, hat sie so Tränen im Gesicht gehabt und wir haben sie dann angesprochen. Und dann hat sie gesagt: Mein Vater ist vor zwei Tagen gestorben.
Trauer um einen lieben Menschen – das beschäftigt so manche Besucher. Deshalb macht das Seelsorgeteam mit ihnen auch Wanderungen, dabei sind auch ausgebildete Trauer-Begleiterinnen und -begleiter. Gerade die Landschaft im Nationalpark ist da passend, findet Helga Klär:
Überall liegt Totholz kreuz und quer, Moos wächst darüber, aber dazwischen viele kleine Bäumle und es ist überall grün. Das singt noch irgendwas. Ich sehe hier Tod und Leben, gleichzeitig ist es da.
Für sie ist es ein Zeichen von Hoffnung, auch von christlicher Hoffnung. So etwas in der Natur zu erleben, ist möglich, weil in einem Teil des Nationalparks nicht mehr eingegriffen, quasi nicht mehr aufgeräumt, wird. Stück für Stück immer weniger.
Einfach auf 10.000 Hektar, das ist Mindestgröße, wird nicht mehr eingegriffen, sondern der Mensch schaut zu. Und das Anliegen ist: Eine Ethik der Zurückhaltung zu leben. Und ich finde, es hat ganz viel mit dem, was wir mit Bewahrung der Schöpfung auch meinen, der Artenvielfalt den Raum zu geben.
Nicht jeder ist damit glücklich, das weiß sie auch. In den zehn Jahren des Nationalparks haben Anwohner das Vorhaben immer wieder kritisiert. Für Helga Klär zählt die Haltung zur Natur. Und damit zurück zu den umgestürzten Bäumen und dass da auch immer wieder Pilze, Moos und neue Pflanzen wachsen. Das passt eigentlich zu vielen Lebenslagen.
Mir geht es auch so: Es ist ja immer irgendwas, was gerade eher zurückgeht, sei es Interessen, sei es Hobbies, ob beruflich oder irgendwas. Und es ist immer irgendwas, und sei es noch so klein, was mich plötzlich neu interessiert oder was da wieder wächst.
Auch für sie selbst wird sich bald etwas verändern. Es dauert nicht mehr lang, bis sie in Ruhestand geht. Sie fragt sich immer mal wieder: Wie wird es dann sein – ohne den Arbeitsalltag in der Kirchengemeinde und im Nationalpark? Ihr hat es geholfen, mit diesem Gedanken los ins Grüne zu laufen.
Wo ich sonst immer links auf dem Teerweg gehe und das alles halt ganz geordnet ist und rechts der Weg - war eigentlich auch sicher, aber er war halt wild und es war eine schöne Nähe zum Bach, sodass ich für mich so gesehen habe: Okay, es gibt immer noch mal einen anderen Weg, obwohl du jetzt schon, was weiß ich, hundertmal den anderen gegangen bist.
Helga Klär lässt sich von Gottes Schöpfung immer wieder inspirieren. Und das mache ich selbst auch gern – bei geistlichen Auszeiten mit Wandern oder auch bei kleinen Spaziergängen in der Mittagspause. Oder so wie heute am Sonntag.
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Caroline Haro-Gnändinger trifft Schwester Bettina Berens, Ordensfrau und Ex-Fußballerin
Sie hat früher in der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gespielt. Wir treffen uns kurz bevor der Nervenkitzel zur Europameisterschaft anfängt. Sie erzählt mir davon, wie es bei ihr mit dem Fußball angefangen hat - in ihrer Kindheit auf dem Bauernhof in der Nähe von Bitburg in der Eifel:
Wie jeder Bauernhof hatten wir ein Scheunentor. Also ich habe immer wieder die ganze Nachbarschaft tyrannisiert, weil es immer bum, bum, bum, bum machte, weil ich dann stundenlang gegen dieses Tor geschossen habe.
Damals entdeckt ihr Sportlehrer ihr Talent und dann kickt sie regelmäßig im Verein. In den 1980ern und 90ern spielt sie erst links außen, dann im Mittelfeld beim Verein TuS Ahrbach. Mit ihm steigt sie in die Bundesliga auf. Und einmal spielt sie in der Frauen-Nationalelf – 1992, ein Länderspiel gegen Italien.
Man steht da so plötzlich in einer Reihe, die man eigentlich sonst immer nur im Fernsehen sieht. Wenn Spieler bei der Nationalhymne dann da stehen. Also das ist schon ein Gänsehautmoment.
Bettina Berens macht den Sport damals wie ein Ehrenamt, neben ihrem Vollzeit-Bürojob. Sie liebt es, muss dann aber mit 28 wegen Problemen an ihrem Sprunggelenk aufhören. Eine große Umstellung:
Wohin mit der Leidenschaft, wo die Leidenschaft wieder spüren, dieses Sich-Freuen und dieses Daraufhinarbeiten. Heimat, teilweise Heimat.
Sie sucht eine ganze Weile lang. Eine ehemalige Schulfreundin von ihr ist inzwischen Nonne geworden. Über sie kommt Bettina Berens wieder mehr in Kontakt mit dem Glauben an Gott. In ihrer eigenen Familie hatte sie den Glauben eher streng erlebt:
Meine Mutter hat viele Schicksalsschläge gehabt und die hat durch ihren Glauben ihr Leben irgendwo bewältigen können. Der Glaube war ihr ein wichtiger Halt und manchmal ging das für uns etwas in Extreme.
Über ihre Schulfreundin bekommt Bettina Berens also nochmal ein neues Bild von Gott und vom Glauben.
Meine Freundin hat mir dann immer mal wieder Bibelverse geschickt und ich merkte: Da tut sich was in mir und sie spricht da auch was in mir an, was mir wichtig ist.
Ihr Vater war vor ihrer Geburt verunglückt und hat ihr oft gefehlt. Sie glaubt, dass sie auch deshalb fasziniert ist von den Geschichten über Jesus und seinen Vater im Himmel. Ein Satz einer Ordensgründerin spricht sie besonders an: „Gott ist mein Vater und ich bin sein Kind.“ Sie tritt in diesen Orden ein. Ihr ist die Verbindung zu Gott sehr wichtig:
Sein tiefstes Verlangen ist, dass es uns gut geht, dass wir glücklich sind, dass wir unser Leben leben, dass wir unser Leben gestalten, dass wir blühen, dass wir uns nicht verstecken. Ihr seid das Salz der Erde, dass wir die Würze sind für diese Welt.
So hat es Jesus in der Bibel gesagt. Salz der Erde zu sein, dieses Bild gibt ihr im Alltag oft neue Kraft. Gestalten, anpacken - so erlebe ich Schwester Bettina und das finde ich als Christin wichtig. Das Leben in der Ordensgemeinschaft ist für sie aber nicht immer so leicht. Die ehemalige Fußballerin und heutige Ordensfrau Bettina Berens arbeitet in einer Pfarrei in Mönchengladbach und besucht regelmäßig ihre Heimat in der Eifel. Davor war sie viele Jahre lang als Seelsorgerin in verschiedenen Ländern der Welt, eine lange Zeit auch in den Niederlanden:
Wenn ich von Holland so in die Eifel gefahren bin, und ich sehe dann diese Weite und dieses Hügelige, dann geht erst mal mein Herz auf. Also ich habe mich dann noch mal ganz neu in meine Heimat verliebt.
Immer wieder setzt sich Schwester Bettina besonders für Kinder ein – sie spielt mit ihnen zum Beispiel Fußball. Damit sie ihre Taktik trainieren und Selbstbewusstsein tanken können. Und das macht natürlich auch ihr großen Spaß:
Egal wie schwierig es auch manchmal drumherum ist oder wenn was eben mal nicht passt, sobald der Ball da ist, kommen diese guten Gefühle auch.
Es erinnert sie an ihre Zeit in der Frauenbundesliga in den 1990er-Jahren. An das Training, Wettkampf, Teamgeist. Und Teamgeist spürt sie auch in einem Kinder- und Jugendzentrum, wo sie sich um die Kinder kümmert.
Wir haben 20 Kulturen, verschiedene Religionen, die spielen zusammen, da funktioniert Interreligiosität. Von daher ist für mich auch immer die Einrichtung ein Ort, der mir auch Hoffnung macht auf die Zukunft.
Sie begleitet außerdem Kinder, wenn diese Angehörige verloren haben und trauern. Und das liegt sicherlich auch an ihrer eigenen Geschichte: Sie weiß noch, wie es war, ohne Vater aufzuwachsen und wie wichtig dann Bezugspersonen für sie waren, auch ihre Großeltern, Tanten und Onkel – und sie möchte auch so eine Bezugsperson für andere sein:
Kinder sind halt noch von Erwachsenen wirklich abhängig und ich finde immer noch, dass Kinder oft übersehen werden.
Und überhaupt mag es Schwester Bettina nicht, wenn Menschen übersehen werden. Sie hat Herzblut in eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung gesteckt und dann war sie an einem Ort im Einsatz, den man sonst gar nicht zu sehen bekommt, im Frauengefängnis. Sie möchte etwas weitergeben:
Die Botschaft einfach, die Gott uns gibt, ist: Du bist geliebt. Ich glaube, dass viele Menschen einfach sich nicht geliebt fühlen und viele Menschen einsam sind, aber da ist einer, der uns bedingungslos annimmt und der uns liebt.
Es ist gar nicht so leicht, das immer wieder anzunehmen und dann auch konkret an die Mitmenschen weiterzugeben. Das weiß sie auch. Allein, wenn sie an das Vergeben aus dem Gebet Vaterunser denkt:
Wie schwer tun wir uns oft mit Vergebung? Dann auch wirklich in die Demut zu kommen und zu sagen: Okay, lieber Gott, ich probier‘s, aber ich tu mich mit diesem Menschen schwer.
Bettina Berens als Ex-Fußballerin freut sich übrigens auch auf die Kraft der anstehenden Fußball-Europameisterschaft. Sie wünscht sich viele neue gute Begegnungen:
Dass dieses Fest auch noch mal ermöglicht, dass wir zusammenstehen und das Schöne von Deutschland und den Menschen zeigen. Auch mit den vielen verschiedenen Kulturen, die wir haben, dieses Fest begehen.
Diese Haltung von Schwester Bettina, immer wieder nach dem zu suchen, was einen wirklich begeistert und was Menschen verbindet, motiviert mich als Christin, danach auch in meinem Leben zu suchen.
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Caroline Haro-Gnändinger trifft Pater Tobias Breer, Marathonläufer und Seelsorger
Und mit dem sportbegeisterten Ordensmann Tobias Breer. Ich spreche mit ihm, weil er dieses Jahr bei einem Marathon in der Antarktis mitgemacht hat, als einziger Deutscher. Das heißt: Viele Kilometer und das bei großer Kälte. Er ist auf einer der südlichen Shetlandinseln gelaufen und wegen Unwettern sogar nachts:
Wir hatten -18 Grad gehabt. Das war jetzt nicht so dramatisch. Wir haben natürlich Mundschutz gehabt, sodass die kalte Luft nicht direkt in die Lunge kommt, und, ja gut, der ganze Bart war alles voll mit Eis und so weiter.
Der Bart voll mit Eis – da friert‘s mich schon beim Zuhören. Es haben Leute aus der ganzen Welt mitgemacht. Am Ende hat Tobias Breer einen Halbmarathon geschafft, also etwa 21 Kilometer, in weniger als drei Stunden. Einer der ersten Plätze ist es nicht, aber für ihn zählt, dass er es überhaupt durchgezogen hat. Gequält haben ihn dabei leider Knieschmerzen:
Dann war es eigentlich die letzten Kilometer nicht mehr so eine große Freude zu laufen, sondern ich musste da schon sehr kämpfen. Also, ich musste mich dann selber wieder überreden: Komm, du musst weitermachen, weitermachen. Dann ruft man sich die Bilder vor, dass man dann die Medaille bekommt und wofür ich eigentlich laufe - für die Kinder und für die bedürftigen Kinder. Und wenn man die strahlenden Kinderaugen sieht.
Denn Tobias Breer läuft fast immer für einen guten Zweck. In der Antarktis hat er mehr als 20.000 Euro zusammen bekommen und eine Förderschule konnte damit Sport-Rollstühle für die Schülerinnen und Schüler kaufen. Schon viele solcher Spendenläufe hat er hinter sich: fast 200 Marathons und etliche Halbmarathons. Trotzdem bleibt Kinderarmut ein strukturelles Problem, das sieht er auch. Er will aber in kleinen Schritten etwas verbessern und behält einen langen Atem.
Ich kann nicht die Welt retten letztendlich. Aber wo ich helfen kann, das tut meiner Seele besonders gut. Für mich ist es einfach gut, für die Seele, für den Geist, für den Körper und dass ich dann, wenn ich laufe, meine Sponsoren habe, die dann ein neues Projekt, Kinderprojekt, mit unterstützen oder mitfinanzieren.
Damit ermöglicht er Kindern aus ärmeren Familien, Sport im Verein zu machen, Fußball oder Schwimmen zum Beispiel. Oder dass Kinder mit Behinderung ein Therapiepferd bekommen oder Kinder in der Ukraine in Schutzzentren Spielräume. Das finde ich toll! Er verknüpft also konkrete Nächstenliebe mit seinem Hobby. Er läuft immer wieder los, weil er weiß, wofür.
Da habe ich immer diese gelben kleinen Aufkleber, mit einem kurzen Satz oder nur drei, vier oder vier Wörter ist vielleicht noch besser. Und die klebe ich immer bei mir im Badezimmer, wo ich dann morgens und abends reinschaue. Das heißt, ich werde immer wieder an diese Ziele erinnert.
Und das Laufen selbst spornt ihn natürlich auch an. Deshalb schnürt er seit fast 20 Jahren seine Sportschuhe.
Laufen ist für mich mehr als Sport, pure Leidenschaft, pure Meditation, etwas, das Körper, Seele und Geist immer wieder in Einklang bringt.
Das kann ich nachvollziehen, mir geht es zum Beispiel bei längeren Fahrradtouren so. Es fühlt sich gut an, sich zu bewegen, draußen zu sein und neue Gegenden zu entdecken. Und manchmal bringt mich das in Gedanken auch zu Gott. Pater Tobias Breer hat als Seelsorger übrigens viele unterschiedliche Aufgaben und ihm hilft, dass jeder Tag mit Ruhe anfängt.
Der Tag beginnt morgens bei mir immer mit einer persönlichen Meditation. Also ich kann auch ruhig sitzen. Es ist nicht so, dass ich immer in Bewegung bin.
Danach betet er gemeinsam mit den anderen Ordensleuten. 19 Mönche im Orden der sogenannten Prämonstratenser leben zusammen in der Abtei in Duisburg – er mag die Gemeinschaft:
Ich habe noch sechs Geschwister damals zu Hause war schon eine große Familie und ich muss da Menschen um mich haben und bin auch ganz gerne aber alleine. Ich laufe auch gerne alleine, aber dann bin ich auch froh, wenn ich mal wieder nach Hause komme und da sitzt der eine oder andere Pater noch im Wohnzimmer oder wie auch immer und kann mit ihm noch sprechen.
In seinem Büro, wo er Trauergespräche führt oder Gottesdienste vorbereitet, hängen an der Wand Medaillen und Urkunden. Mehrere Schuhe stehen bereit und am Kleiderständer hängen Laufshirts. Er nennt es auch sein kleines Sportstudio. Fast jeden Tag startet er von dort aus eine kleine Runde:
Ich ziehe gerne farbenfrohe Kleidung an und dann gehe ich vor die Tür und schalte meine Uhr ein auf GPS und dann starte ich und dann laufe ich. Ich weiß: Heute muss ich zum Beispiel zehn Kilometer laufen. Es geht an einem Kanal vorbei, in Oberhausen. So eine wunderschöne Strecke. Und jetzt gerade, wo der Frühling beginnt, genieße ich natürlich die ersten warmen Sonnenstrahlen.
Er ist schon viele Marathons, Ultra- und Halbmarathons gelaufen, zum Beispiel in Oman in der Wüste und in Großstädten wie Paris und Tokio. Dabei sammelt er Spenden für Kinder in Togo oder in Syrien oder bei sich in der Umgebung. Durchs Laufen Not zu lindern, bedeutet ihm nämlich auch, als Christ zu handeln. Und es verbindet ihn manchmal mit Gott. Mal kommen ihm Ideen für die nächste Predigt, mal staunt er über die Natur.
Es war ein wunderschöner Lauf an der Wupper entlang und ich sah dann die ersten Tiere, Kälber, auf der Wiese. Und das berührt mein Herz, weil hier in der Stadt in Duisburg sieht man diese Tiere kaum und das ist einfach ein tolles Gefühl. Und das ist auch eine Begegnung mit Gott letztendlich, weil Gott hat alles erschaffen.
Dem Schöpfer in all seinen Geschöpfen begegnen – für Tobias Breer eine Art, Gott dankbar und nahe zu sein. Einmal wollten Jugendliche vor ihrer Firmung mit ihm das Laufen starten – und zwar direkt nach dem Gottesdienst. Für Pater Tobias Breer auch Seelsorge:
Gemeinsam unterwegs zu sein, nicht in einem Raum zu sitzen, in einem Kreis, wo dann mittendrin irgendwo eine Kerze steht und eine Blume, wie man es kennt. Das ist auch sehr schön und mag ich auch sehr gerne, aber nicht so oft, sondern ich bin immer draußen unterwegs. Da sehe ich auch ganz viele Blumen. Und während des Laufens kommen halt diese tollen Gespräche dann auch zusammen.
Gespräche über Gott und die Welt und das, was junge Menschen bewegt. Läuft also bei Pater Tobias Breer! Und auch mich spornt die Begegnung an, beweglich zu bleiben, sportlich und im Glauben.
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