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23SEP2022
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„Ich dekoriere dann jetzt bald für Weihnachten.“, hat mir eine Bekannte diese Tage erzählt. Also, bis zu den Herbstferien will sie vielleicht noch warten. Aber dann aller spätestens.

Das hat mich reichlich überrascht. Mich nervt dieses ganze Weihnachtszeugs in den Läden immer. „Last Christmas“ dudelt schon im Oktober durch die Supermärkte. Glitzerketten überall. Und die Schokoweihnachtsmänner stehen Schlange im Regal. Och ne…

Meine erste Reaktion war auf jeden Fall: Ich habe jetzt noch keinen Nerv für zu viel Glitzern, Strahlen und Vorfreude. Das passt nicht zu dem, wie ich die Welt gerade erlebe: Krieg, Sorgen um genug Wärme im Winter, so viele Flüchtlinge… Da passt diese Weihnachtsglitzerwelt nicht rein.

Und darum habe ich ihr gesagt: Ne, bei uns bleibt die Krippe mit Maria, Joseph und dem Kind erst mal noch im Keller.

Aber dann bin ich doch ins Denken gekommen: Die Krippe mit dem neugeborenen Kind, seiner vermutlich ziemlich erschöpften Mutter und dem besorgten Vater, der Angst hat, wie er Mutter und Kind in den nächsten Tagen durchbringen soll, bleibt im Keller? Vielleicht würden mir die Krippenfiguren mit ihren Sorgen und Nöten in meinem Alltag gerade jetzt nahe kommen… In dieser Familie war ja eben nicht Glitzern, Strahlen und Vorfreude. Ein Kind auf dem Weg in einem Stall gebären zu müssen, das ist kein Vergnügen. Es in Lumpen wickeln zu müssen, weil sonst nichts da ist, ist auch nicht der Traum der Eltern. Und mit dem Neugeborenen dann weiterreisen, fliehen zu müssen, so wie es von Maria und Joseph erzählt wird, schon gar nicht.

Vielleicht passt die Krippe gerade jetzt mitten in mein Leben hinein. Gerade jetzt, in diesem Herbst. Wie nah das Schicksal dieser Familie doch dem Schicksal vieler Familien heute ist. Armut, Kälte, Zukunftssorgen. Flucht in ein fremdes Land. Das kennen allzu viele auch jetzt.

Soll ich die Krippe doch jetzt schon aus dem Keller holen? Eine Kerze dazu stellen, die Licht spendet, Wärme, Hoffnung vielleicht? Und den Weihnachtsengel daneben, der über diese Menschen wacht und ihnen zuruft: „Fürchtet Euch nicht!“

Bei Maria und Joseph ist alles gut gegangen, schlussendlich. Sie kamen irgendwann wieder zu Hause an. Trotz allem. Gott ist mit ihnen gegangen. In allem Elend. Gott war dabei. Das kann ich nur uns allen auch wünschen.

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22SEP2022
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„God agrees to abortion.“ – Das stand auf einem T-Shirt, das eine junge Frau getragen hat, die in der Stadt an mir vorbeigegangen ist. „Gott ist für die Abtreibung“. Stand da. Schwarz auf weiß.

Ich war reichlich baff, als mir diese Aussage da so mitten beim gemütlichen Stadtbummel entgegen leuchtete. Ich muss die Frau wohl auch recht irritiert angeguckt haben. Sie hat mich auf jeden Fall freundlich angelächelt. Und dann war sie ja auch schon vorbei und weg.

Aber der Spruch auf ihrem T-Shirt hat mich noch beschäftigt. „Gott ist für die Abtreibung“. Kann man das sagen?

Vielleicht ist die junge Frau Amerikanerin. Dort hat der Supreme Court im Juni das bundesweite Recht auf Abtreibung gekippt. Gerade viele christlich-konservative Kreise hatten darauf gedrängt. Mit dem Argument, dass es in den zehn Geboten heißt: Du sollst nicht töten. Und andererseits haben viele Frauen gegen dieses Urteil protestiert. „My body, my choice“, stand auf ihren Plakaten. „Mein Körper, meine Entscheidung“. Und vermutlich gehört die junge Frau, die ich gesehen habe, zu diesen Frauen dazu.

Aber: „Gott ist für die Abtreibung“. Kann man das sagen?
Ich glaube, dass Gott ein Gott des Lebens ist. Gott hat das Leben geschaffen. Er liebt seine Schöpfung. Und er will Leben erhalten und fördern. Es soll gedeihen. Der Gott, an den ich glaube, ist gegen den Tod. Gegen alles, was zerstört. Gegen alles, was verdorren lässt.

Ich glaube aber gleichzeitig, dass Gott ein Gott ist, der an der Seite der Leidenden steht. Der die im Blick hat, denen es dreckig geht. Der mit ihnen mitleidet. Ihr Leid versteht. Denn ich glaube an einen Gott, der liebt. Über alle Maßen.

Darum kann ich nicht sagen: „Gott ist für die Abtreibung.“ Er ist ein Gott des Lebens. Aber ich kann auch nicht sagen: „Gott ist gegen die Abtreibung.“ Gott steht an der Seite der Leidenden, der Verzweifelten. Ich kann mir Situationen vorstellen, in denen es für eine Frau unerträglich ist, ihr Kind auszutragen. Gott wird daran verzweifeln, wenn ein Kind im Bauch der Mutter sterben muss. Aber er wird auch die Verzweiflung der Mutter verstehen. Mit ihr mitleiden. Hoffen, dass sie Trost findet. Und neue Hoffnung.

Mein Gott ist ein Gott der Liebe. Darum ist er auch der Gott des Lebens. Und der Gott an der Seite der Leidenden. Leider passt das nicht alles auf ein T-Shirt.

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21SEP2022
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Am letzten Tag vor den Sommerferien werden die Kollegen und Kolleginnen verabschiedet, die in den Ruhestand gehen. So ist es Tradition an der Schule, an der ich unterrichte. Meist sagen sie noch ein paar Worte zum Abschied. In diesem Jahr ist ein lieber Kollege von mir dran gewesen. Er hat ein Gedicht verfasst, in dem er seine Zeit an der Schule nochmal Revue passieren lässt. Ich möchte Ihnen einen Ausschnitt daraus vorlesen:

„Mir war es immer wichtig
und ich halte es für richtig,
auch schwierige Schüler nicht zu übersehn
und zu versuchen ihre Lage zu verstehn.(…)
Ich bereue es nicht, im Zweifelsfalle, lieber einmal mehr die bessere Note zu geben,
denn manche haben es doch schwer genug im Leben.“

Mich haben diese Worte beeindruckt. Sie zeigen so viel von diesem Menschen und seinem Verständnis davon, wie er Lehrer sein wollte. Zugewandt nämlich, gerade zu den Schülerinnen und Schülern, von denen sich manche lieber abwenden. Weil sie schwierig sind und anstrengend. Solch einen Pädagogen würde doch jeder seinem Kind wünschen, oder?

Aber sein Gedicht ging noch weiter:

„Was mir Trost gibt in dieser schwierigen Zeit,
ist, dass ich glaube, dass einer im Himmel über uns wacht,
der die Welt in seinen Händen hält
und gibt auf uns Acht.“

Da musste ich dann schlucken. Ich fand es beeindruckend, wie sich da jemand hinstellt und ohne groß Aufsehen zu machen sagt, was ihn tröstet und trägt: Trotz dieser schwierigen Zeit glaube ich, dass Gott auf uns aufpasst und diese Welt in seinen Händen hält. Ich bin ja selbst Religionslehrerin. Aber in diesem Moment habe ich mich gefragt: Angesichts all der Probleme, den Kriegen, den Klimaängsten, angesichts all dessen, glaube ich das eigentlich selbst noch?

Vielleicht beneide ich meinen Kollegen sogar ein bisschen um dieses tiefe Gottvertrauen, das ihn trägt und hält. Da ist einer, der meint es gut mit uns. Es wird gut ausgehen. Ganz sicher.

Mein Kollege hat mich berührt mit seinen Abschiedsworten. Auch herausgefordert. Und vielleicht ein bisschen getröstet. Auf jeden Fall werde ich ihn im neuen Schuljahr vermissen.

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20SEP2022
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Kurz vor den Sommerferien hat es in unserem Garten ganz laut gepiepst. Es war fast schon ein Schreien. Ziemlich kläglich. Und vor allem: Tagelang hörte es nicht auf. Immer wieder habe ich dieses Piepsen gehört.

Als ich dann doch mal genauer gesucht habe, wo es herkommt, habe ich ein kleines Amselküken gefunden. Es saß in unserem Kaninchengehege und kam nicht mehr raus. Das Gehege ist natürlich zu, damit die Kaninchen nicht abhauen. Und es ist mit einem Netz abgedeckt, damit kein Greifvogel kommen kann. Da saß also dieses Amselküken mutterseelenallein und rief seine Mama. Die natürlich nicht kommen konnte. Fliegen konnte es offensichtlich noch nicht.

Tja, was tun? Ich konnte das Tier ja nicht verenden lassen. Eine Amselmutter war weit und breit nicht zu sehen. Und ich hatte herzlich wenig Lust, die Aufzucht und Pflege eines Amselwaisenkindes zu übernehmen. In mir stieg ziemliche Panik auf: Unser Sommerurlaub stand bevor. Wie sollte das weitergehen?

Also habe ich die Kaninchen in ihren Stall gesperrt und das Netz vom Gehege genommen. Und tatsächlich: Das Kleine piepste und ich konnte versteckt vom Küchenfenster aus beobachten, wie die Amselmama kam und ihr Kind gefüttert hat. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Das Küken schien nun äußerst zufrieden. Es schlief einfach mit dem Kopf unter den Flügeln ein. Die Mama würde schon wiederkommen…

„Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet (…).Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch“ (Mt 6,25-26).

Alle meine Zukunftssorgen waren umsonst gewesen. Die Mama war ja wiedergekommen. Alles gut! Aber: Nicht um die Zukunft sorgen? – Das schaffe ich nur selten. Gerade in diesen Zeiten. Ich habe mir trotzdem vorgenommen, mich ab und zu an dieses kleine Küken zu erinnern: Unser himmlischer Vater versorgt uns doch. Kann ein Küken ein Vorbild im Glauben sein?

Wie die Geschichte mit dem Küken ausgegangen ist? – Naja, nach ein paar Tagen hatte es offensichtlich fliegen gelernt und ist aus dem Gehege rausgeflogen. Es hat sich noch ein paar Tage lang in den Büschen in unserem Garten versteckt. Und dann habe ich es nicht mehr gesehen. Jetzt gehe ich mal davon aus, dass unser himmlischer Vater es schon ernähren wird…

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19SEP2022
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Wussten Sie, dass es in der jesidischen Religion verboten ist, Eissalat zu essen?
Bis vor ein paar Wochen wusste ich das nicht. Da haben wir bei uns an der Schule einen „Tag der Religionen“ veranstaltet. Da saßen orthodoxe, katholische und evangelische Christen und Christinnen im Stuhlkreis mit sunnitischen Muslimen, Nicht-Gläubigen Menschen, einer Schülerin, die sagt, sie ist eher „heidnisch“ geprägt, und zwei jesidischen Schülerinnen. Eine kunterbunte Runde.

Es ging um den Koran und die Bibel. Es ging um Bräuche und Feste und vieles mehr. Das war spannend. An manchen Stellen wurde es aber auch angespannt: Wenn politische Themen dazu kamen, zum Beispiel als wir uns damit auseinandergesetzt haben, dass die Jesiden zwar vom „Islamischen Staat“ verfolgt und ermordet wurden, dass aber ganz sicher die Muslime in unserer Gruppe das auch ganz furchtbar und total „unislamisch“ finden. Islam und Islamismus sind halt nicht das Gleiche. Da konnte man fast ein Knistern spüren.

Und doch haben sich dann alle fröhlich und ausgelassen zusammen an den Tisch gesetzt. Jede und jeder hatte Essen aus seiner Tradition mitgebracht: Kartoffel-Reis-Bällchen mit Hühnchenfleisch gefüllt, Börek mit Käse, Wassermelone mit Feta, Nudelsalat, Dattelkekse. So gut habe ich selten gegessen!

Und am Ende hat eine Schülerin gesagt: „Das war jetzt toll. Wir haben gelernt, miteinander zu reden.“ Für mich, war das das größte Lob. Miteinander reden können. Ohne sich gegenseitig zu verletzen. Und zu verstehen, wirklich zu verstehen, warum der einen etwas Wichtig ist. Und warum ein anderer etwas ablehnt. Es wurde klar: Ich muss mit Dir gar nicht in allem einig sein. Ich darf das auch seltsam, oder sogar falsch finden. Aber ich kann jetzt verstehen, warum es für Dich wichtig ist.

Auch ich habe viel gelernt an dem Tag. Dass Jesidinnen z.B. keinen Eissalat essen, weil früher einmal viele Jesidinnen und Jesiden auf einem Feld, auf dem Salat wuchs, ermordet wurden. Seitdem mag niemand aus diesem Volk diese Salatsorte mehr in den Mund nehmen. Und plötzlich ist eine seltsam anmutende Tradition nachvollziehbar geworden. Ich kann sie wertschätzen. Auch wenn ich sie selbst nicht befolge.

Es war ein schöner Tag. Die Schülerinnen und Schüler und auch ich sind anders aus diesem Tag herausgekommen, als wir hineingegangen sind. Verstehen verändert.

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01JUL2022
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Ein Mann radelt zu der Eisdiele, in der er in seiner Jugend schon Eis gekauft hat. Das Eis dort schmeckt nicht nur nach Erdbeer, Zitrone und Schokolade. Nein, für ihn schmeckt es nach Freistunde und Hollandrad, nach Pink Floyd, erster Liebe und erstem Kuss.

Diese Geschichte habe ich in der Zeitung gelesen.[1] Der Herr, von dem sie stammt, schreibt dazu, dass er sich freue, diese Erinnerungen im Rucksack zu haben, wenn er einst sterben wird. Seine Einstellung fasziniert mich: Da jammert einer nicht, dass der erste Kuss vorbei und das Hollandrad von damals kaputt ist. Er schafft es, das, was schön war, lieb zu haben. Und es trotzdem loszulassen. Es war gut, als es war. Nun ist es vorbei. Und er kann sich immer noch daran freuen.

„Alles hat seine Zeit: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; (…) weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.“ (Pred 3,2ff) So beschreibt die Bibel im Buch Prediger das Leben. Schönes kommt und geht. Tanzen und Lachen wechseln sich ab mit Klagen und Weinen.

Tja, „that’s life“. So ist es nun mal. Trotzdem komme Ich nicht so gut damit klar: Warum kann es nicht immer schön sein? Warum auch Tief- und nicht nur Höhepunkte im Leben? In diese Frage könnte ich mich manchmal griesgrämig eingraben und würde am liebsten nie wieder ans Licht kommen.

Der Prediger in der Bibel fände diese Einstellung falsch. Er schreibt: Gott „hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in der Menschen Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut (…).“ Und weiter sagt er: „Da merkte ich, dass es nichts Besseres in seinem Leben gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. (Pred 3,11ff)“

Der Prediger findet: Wir verstehen halt nicht alles, was Gott plant und tut. Nur: Griesgrämig und grummelig dem Schönen hinterher trauern hilft nix. Wir haben halt nur das eine Leben. Das sollen wir, so gut es geht, genießen: Es gibt nichts Besseres, als fröhlich sein und sich gütlich tun, schreibt er. Und: Der gute Mut zum Leben, der sei eine Gabe Gottes.

Genau diese Gabe Gottes wünsche ich mir. Heute. Und später, wenn ich hoffentlich auf ein langes Leben zurückblicken kann. Damit auch mein Rucksack dann voll ist mit freudigen Erinnerungen, die ich mitnehmen kann in Gottes Ewigkeit.

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[1] Aus „Die Zeit“, Rubrik: Was mein Leben reicher macht, Das genaue Erscheinungsdatum konnte leider nicht mehr ermittelt werden.

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30JUN2022
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Ich habe diese Tage einen kleinen Knirps getroffen, der ganz enttäuscht war, dass er kein Müllmann werden kann. Überrascht habe ich ihn gefragt, was denn dagegenspräche. Da hat er mir erklärt: „Müllmänner sind immer braun. Oder schwarz. Aber nie so weiß wie ich.“

Das hat mir einen Stich versetzt. Denn der Junge hat Recht: Bei uns hier in Tübingen haben tatsächlich viele Müllwerker eine dunkle Hautfarbe. Mir ist das vorher noch nie bewusst aufgefallen. Aber, ja, es ist so. Nun gehe ich mal schwer davon aus, dass die Hautfarbe kein Einstellungskriterium bei der Müllabfuhr ist. Und das habe ich dem Knirps auch erklärt. Aber trotzdem, der Stich, den mir diese Entdeckung gegeben hat, der ist geblieben.

In was für einer Gesellschaft leben wir? Ist es bei uns wirklich so, dass alle freien Zugang zu Bildung haben? Sind die Chancen gleich verteilt? Was ist mit der jungen Muslima, die gar nicht auf die Idee kommt, Lehrerin zu werden. Schlicht aus dem Grund, weil sie noch eine Lehrerin mit Kopftuch gesehen hat. Oder der Junge, dessen Eltern wenig Geld haben. Da ist kein Geld da, um ein Instrument zu lernen. Wenn er auch noch so musikalisch ist. Und der keinen Nachhilfeunterricht bezahlt bekommt, auch wenn er nötig wäre.

In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Wie können wir dahin kommen, dass nicht immer die Gleichen die gleichen Jobs machen? Was brauchen wir, damit ein Kind, das von seiner Zukunft träumt, nicht dadurch beeinflusst sein muss, ob er oder sie ein Junge oder ein Mädchen ist oder welche Farbe seine oder ihre Haut hat. Oder welcher Religion er oder sie angehört. Was brauchen wir, damit Menschen ihre Gaben und Vorlieben entfalten können und ihnen Flügel wachsen, die sie ins Glück tragen?

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der die altbekannten Schubladen – Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft und was es da noch so alles gibt – keine Bedeutung mehr haben für die Chancen, die wir bekommen. In einem alten Gebet aus der Bibel, im Psalm 39, ist der Beter ganz fest davon überzeugt, dass das auch Gottes Wille ist. Er sagt: „Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Ps 31,9).

Gott gibt uns viel Platz. Er wünscht sich für uns einen weiten Raum mit vielen Möglichkeiten, unser Glück zu finden. Einen weiten Raum, in dem jede und jeder frei atmen kann, Flügel bekommt, sich entfalten und weiter entwickeln kann. Und das wünsche ich mir auch für unsere Gesellschaft hier. Für ein gerechtes Miteinander mit gleichen Chancen und Möglichkeiten für alle.

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29JUN2022
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Mein Gott, ist das Leben doch schön! Dieser Gedanke kam mir vor ein paar Tagen, als ich gerade auf dem Fahrrad unterwegs war: Alles ist grün und es blüht um mich herum, die Sonne wärmt mir den Rücken, ich bin unterwegs zu lieben Menschen, die mir wichtig sind und für die ich wichtig bin. Es geht mir so, so gut!

Und gleich, beim nächsten Tritt in die Pedale, setzt das schlechte Gewissen ein: Mir geht es so gut. Und den anderen? In der Ukraine leiden die Menschen, hungern, sind krank und können nicht versorgt werden, sterben. Und ich radele hier fröhlich durch die Sonne. Darf ich das? Eine Bekannte von mir wollte sogar ihren Urlaub absagen: „Ich kann doch nicht in Urlaub fahren, während in der Ukraine Menschen sterben.“, hat sie gesagt. Ich vermute, so geht es gerade vielen: Zum Alltag übergehen und etwas Schönes unternehmen - das verbietet sich in Kriegszeiten irgendwie. Aber andererseits fühlt es sich auch falsch an: Gibt man so nicht den negativen, zerstörerischen Kräften noch mehr Raum? Es kann doch nicht sein, dass jetzt alles Schöne verboten ist. Für mich fühlt sich das an wie eine kleine Kapitulation. Als würde ich aufgeben. Aber das will ich doch gar nicht. Ich will dem Schlechten nicht noch mehr Platz machen. Im Gegenteil: Ich will es doch loswerden!

In der Bibel gibt es tatsächlich den Gedanken, dass man das Schlechte und Böse mit Gutem und Schönem loswerden kann. Der Apostel Paulus hat in einem Brief an die ersten Christen in Rom geschrieben: „Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Röm 12,21). Gib dem Bösen keinen Raum, lass das Gute wachsen und gedeihen.

Dem Dunkel keinen Raum geben. Manchmal funktioniert das. Wenn ich es schaffe, nicht in negativen Gedanken zu versinken, sondern sehen kann, was alles Gut ist in meinem Leben. Wenn es mir gelingt, mutig etwas Neues zu beginnen. Wenn ich jemandem offen und unvoreingenommen begegne. Wenn ich aus Freude und Liebe handle, nicht aus Neid oder Missmut.

Schon klar, damit kann ich den Krieg in der Ukraine auch nicht beenden. Das kann ich aber genau so wenig, wenn ich mir jede Lebenslust verbiete. Was in den Kriegsgebieten dieser Welt passiert, wird mir niemals egal sein. Aber: Zumindest bekommt das Böse nicht auch noch Macht über mich. Ich kann es eindämmen. Und vielleicht wird meine Lebenslust andere Menschen anstecken. So dass wir gemeinsam das Böse mit Gutem überwinden. Das wünsche ich mir!

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28JUN2022
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„Bei uns zu Hause ging es an Ostern eigentlich immer darum, wie Jesus gelitten hat.“ Eine Freundin hat mir vor ein paar Tagen bei einem wunderbaren Waldspaziergang von ihrer Kirche zu Hause erzählt. Sie ist Spanierin und in ihren Kindheitserinnerungen spielen vor allem die Prozessionen, die den Leidensweg Jesu darstellen, eine große Rolle. Daraufhin habe ich ihr erzählt, dass ich mich eigentlich vor allem daran erinnere, dass es an Ostern um die Auferstehung geht. Wichtig war doch vor allem immer: Jesus ist auferstanden!

Mich hat dieses Gespräch noch länger beschäftigt. Warum haben wir das so unterschiedlich kennengelernt?

Ich weiß von der katholischen Kirche in Spanien nicht viel. Ich kann nur spekulieren: Steht das Leiden Jesu dort vor allem dafür, dass wir uns sicher sein können, dass Gott unsere Sünden vergibt? Dass Jesus uns freigekauft hat? Und je größer das Leid, desto eindeutiger ist es, dass Gott uns ganz wirklich und in echt vergeben hat? – Das wäre für mich ein sehr fremder Gedanke. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott ein „Opfer“ braucht, um uns vergeben zu können, um uns vergeben zu wollen. Für mich ist Gott Liebe. Liebe braucht keine Gegenleistung.

Vielleicht ist für manche Christen aber das Leiden Jesu auch aus einem ganz anderen Grund so wichtig: Wenn wir uns in Jesu Leiden hineinversetzen, dann kommen wir ihm ganz nah. Jesus weiß, wie sich Leiden anfühlt und wie es uns geht. Er kann mit uns und wir können mit ihm mitleiden. Ich kann nachvollziehen, dass in dieser Nähe ein großer Trost steckt: Gott will bei den Menschen sein. Er kennt unser Leid. Gott ist nicht irgendein Gott fern im Himmel, sondern unser Gott, hier bei uns, mitten in unserem Leben.

Und diesen Gedanken, den brauche ich tatsächlich, um auch die Auferstehung feiern zu können: Aus allem Leid heraus, durch den Tod hindurch, nimmt Gott Jesus zu sich. Das ist kein Geschehen, dass fern von mir stattgefunden hat. Nein: Gott ist hier bei uns, mitten in unserem Leben. Und auch ich darf auf Rettung, Trost und Leben hoffen. Ich kann mitleiden. Und mit auferstehen. Im Leben und im Sterben gilt: Die Dunkelheit wird überwunden. Es gibt Hoffnung, sogar über den Tod hinaus.

Ob das so gemeint ist bei den Prozessionen in Spanien? Ich muss meine Freundin einmal fragen. Beim nächsten Waldspaziergang. Und ob sie so wohl auch mit der Auferstehung etwas anfangen kann? Ich bin gespannt…

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27JUN2022
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Es passierte in den ersten Tagen des Krieges in der Ukraine. Meine Stimmung war gedrückt. Die Welt kam mir feindlich vor. Ich hatte Angst. Eigentlich wollte ich nur schnell Brot kaufen gehen. Da sehe ich, dass in der Eingangstür der Sparkasse eine ältere Frau liegt. Auf dem kalten Boden. Und die Schiebetür, die ging immer auf und zu und schlug gegen ihre Schulter. Sie musste gefallen sein. Ich bin gleich hingegangen, eine andere Dame hat sich geistesgegenwärtig in die Lichtschranke gestellt. So blieb immerhin die Tür offen. Die Frau auf dem Boden hat gestöhnte, sie hat auf ihren Körper gezeigt und gejammert. Und sie hat dann in kaum verständlichem Deutsch erklärt, dass sie aus dem Iran sei. „Kein Deutsch. Kein Deutsch.“, hat sie immer wieder gesagt. Aufstehen konnte sie nicht. Wenn sie sich bewegt hat, hatte sie starke Schmerzen.

Wir haben den Krankenwagen angerufen. Immer mehr Menschen sind dazu gekommen. Der eine hat sich vorne an die Straße gestellt, damit der Krankenwagen uns auch finden würde. Die andere ist zum nahe gelegenen Kinderhaus gerannt und hat eine Decke geholt. Es war kalt an dem Tag. Jemand anderes hat uns seine Jacke gegeben, die wir der Frau zusätzlich über die Beine gelegt haben.

Und sie hat gejammert und gejammert. Irgendwann habe ich mich zu ihr hingekniet. Ich habe versucht, ruhig mit ihr zu reden. Ihr zu sagen, dass sie keine Angst haben muss, dass wir sie nicht allein lassen. Ich weiß nicht, wie viel sie verstanden hat. Aber sie hat meine Hand genommen und sie ganz fest gedrückt. Und sie nicht mehr los gelassen.

Mich hat der Händedruck dieser alten Frau sehr berührt. Sie hat damit so viel gesagt. Und ich habe so viel verstanden. Ganz ohne Worte. Wir alle haben die gleichen Gefühle, hat dieser Händedruck mir gesagt. Wir alle spüren Angst, wir alle spüren Trost, Hoffnung, Dankbarkeit. Wir alle sind Menschen.

Dann kam der Krankenwagen. Die Sanitäter waren ganz wundervoll. Die vielen Helferinnen und Helfer drumherum wurden nicht mehr gebraucht.

Auf dem Rückweg nach Hause, ein noch warmes Brot unter dem Arm, musste ich in mich hinein lächeln: Es gibt so viele so wundervolle Menschen. So viele haben sich bemüht, einer fremden Frau beizustehen. Ja, in der Ukraine ist Krieg. Es kann nicht plötzlich alles wieder gut sein. Friede, Freude, Eierkuchen – das geht nicht. Aber trotzdem: Ich hatte wieder neuen Mut. Zumindest für diesen Tag. Und auch noch den nächsten. Wir alle sind Menschen, haben die gleichen Gefühle, Träume und Hoffnungen. Wir alle sind Gottes Kinder.

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