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SWR4 Abendgedanken

22MAI2026
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Goethes Faust hat unglaubliche 4612 Verse! Jeden einzelnen dieser Verse druckt der Künstler Philip Görres Buchstabe für Buchstabe auf ungefähr handgroße Tonplatten. Er nimmt kleine Stempel dafür und so entsteht jeden Tag eine neue Platte mit etwa zehn Versen. Die werden dann getrocknet und später im Ofen gebrannt. Etwas mehr als die Hälfte vom Faust hat Philip Görres auf diese Weise schon gedruckt. Über tausend Stunden wird er vermutlich in das Projekt investieren. Er wünscht sich, dass am Ende alle 700 Platten in einer Stadt zu einem Faustplatz verlegt werden. Das soll ein Ort der Begegnung sein. Ein Platz, wo man Literatur nochmal neu wahrnimmt.

Als Künstler schafft Philip Görres da etwas Bleibendes. Ein großes Werk. Und während ich das Projekt im Internet verfolge, frage ich mich: Was bleibt von dem, was ich tue, eigentlich? Nun bin ich mit Anfang 40 vermutlich früh dran, wenn ich über so etwas wie mein Vermächtnis nachdenke. Wahrscheinlich werde ich, so wie die allermeisten Menschen, keine großen sichtbaren Werke schaffen. Aber ich glaube und hoffe, dass vieles von dem, was ich mit meinem Tun bewirke, auch bleibenden Wert hat. Zum Beispiel ist der Mann unserer betagten Nachbarin gestorben. Da war in den letzten Wochen immer wieder Hilfe beim Einkaufen angesagt oder einfach zuzuhören.

Das sind lauter kleine Werke. Und ich glaube, das passt gut zu dem, was Jesus mit Nächstenliebe gemeint hat. Der hat auch keine Bilder gemalt oder Bücher geschrieben. Sondern er hat sich Zeit genommen und ist Menschen unvoreingenommen begegnet. Und mit dem, wie er gesprochen und gehandelt hat, hat er die Welt verändert. Ich glaube, dass es auf diese vielen einzelnen Momente und Schritte ankommt. Dass das, was ich Liebevolles oder Hoffnungsstarkes bewirke, für die Menschen um mich herum in dem Moment ganz konkret wichtig und wertvoll ist.

Natürlich gelingt mir das nicht immer. An manchen Tagen bin ich zu müde oder zu faul, anderen zu helfen. Aber ich glaube fest, dass auch simple Taten viel bewirken können, und das hilft mir, dass ich es immer wieder versuche. Und wie schön, dass neben mir jeden Tag Millionen von Menschen auch gute kleine Werke vollbringen.

Trotzdem faszinieren mich Künstlerinnen und Künstler wie Philip Görres, die an ganz großen Werken arbeiten. Sie sind so kreativ und inspirierend! Und so wie beim Faust-Projekt Buchstabe für Buchstabe was Neues entsteht, zählt jeder Versuch, jeder Mini-Schritt und jede gute Idee, mit der Menschen unsere Welt zum Besseren verändern.

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SWR4 Abendgedanken

21MAI2026
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Was passt besser auf einer Beerdigung: klassische Musik oder das Badnerlied?

Wenn ich als Seelsorger bei Angehörigen bin und wir zusammen die Beerdigung vorbereiten, geht es natürlich auch um die Musik. Aber erstmal erzählen mir die Angehörigen vom Leben der verstorbenen Mutter, des Bruders oder der besten Freundin. Was waren die wichtigsten Meilensteine, was waren Hobbys und Eigenheiten? Irgendwann später geht es dann darum, wie die Feier gestaltet werden kann.

Oft wird Musik vorgeschlagen, die der Verstorbene gern gehört hat oder die viel von dem ausdrückt, was ihm oder ihr wichtig war. So auch beim Badnerlied: Als ich zum Trauergespräch gekommen bin, hab ich im Garten gleich eine riesige Badner-Flagge hängen sehen. Da war jemand aus ganzem Herzen mit seiner Heimat verbunden. Und deshalb hat das Badner-Lied dann auch so gut in die Trauerfeier gepasst.

Ein anderes Mal hab ich den Vater eines sechzehnjährigen Mädchens beerdigt. Sie hat für ihren Papa ein Lied ausgesucht, das war laut und wild. Sie hat es in den Tagen nach seinem Tod oft gehört, und das hat ihr in dieser ersten Zeit geholfen. Bei der Trauerfeier haben wir erklärt, warum genau dieses Lied jetzt passt. Denn im ersten Moment war die Musik für viele ungewohnt. Aber als dann alle wussten, was die Tochter mit dem Lied verbindet, da war die Stimmung in der Feier noch viel persönlicher.

Es gab bisher noch keinen Liedvorschlag, bei dem ich gesagt hätte, das geht gar nicht. Nur wenn jemand sagt: „Das war unser Lied. Das lief, als wir uns kennengelernt haben.“ Oder „Zu dieser Musik haben wir bei unserer Hochzeit getanzt.“ Dann erkläre ich, dass zu den schönen Erinnerungen, die man mit diesem Lied verbindet, dann auch die auch schmerzhaften dazukommen können. Ich hab das selbst erlebt.

Bei der Trauerfeier meines Schwiegervaters haben wir mein Lieblings-Osterlied gesungen. Ich mag es immer noch gern, aber jedes Mal, wenn ich es jetzt singe oder höre, denke ich auch an den Tag der Beerdigung und wie traurig wir alle waren.

Musik kann so viel. Deshalb lohnt es sich, dass man sich ganz bewusst entscheidet. Denn Musik kann unsere Seele berühren. Sie kann eine Hoffnungsbotschaft transportieren und trösten. Und sie kann auf ganz innige Weise an Verstorbene erinnern. Wie schön, wenn man sich dann gut verabschieden kann. Und das kann ich mit klassischer Musik erleben, mit ganz moderner Musik oder mit dem Badnerlied.

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SWR4 Abendgedanken

20MAI2026
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„Und diese Biene, die ich meine, nennt sich …“

Natürlich „Maja“! Die „sehr bekannte Biene“ ist nur ein Beispiel dafür, welch große Sympathieträgerinnen Bienen bei uns sind. Ich denke an Zeichentrickserien oder Kinderlieder, an ihren sprichwörtlichen Fleiß und natürlich darf an keinem Frühstücksbuffet der Honig fehlen. Bienen haben ein tolles Image.

Trotzdem sind sie in Gefahr. Einseitig betriebene Landwirtschaft führt dazu, dass viel zu viel Pflanzenschutzmittel gespritzt wird. Das schadet den Bienen. Es gibt in den Städten immer weniger Bäume und in den Gärten immer weniger Blumen. All das schwächt Bienen und macht sie anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Und so geht es nicht nur unserer beliebten Honigbiene schlecht, sondern auch den vielen Tausend Wildbienen-Arten. Um darauf aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen den 20. Mai zum Internationalen Welttag der Bienen erkoren.

Bienen – vor allem Wildbienen – sind unglaublich wichtig für unser Ökosystem. Sie bestäuben nicht nur ein paar Bäume und Blümchen, sondern auch das, was landwirtschaftlich angebaut wird. Sie sind deshalb für eine gute Ernte enorm wichtig. Ohne Bienen hätten wir nicht nur eine Brotaufstichs-Option weniger beim Frühstück, sondern überhaupt viel weniger zu Essen. Forschende schätzen, dass etwa ein Drittel der Nahrung, die weltweit produziert wird, davon abhängt, dass Insekten Pflanzen bestäuben.

Je mehr ich über Bienen lerne, desto mehr bringen sie mich zum Staunen: Sie bilden Staaten, in denen jedes Tier eine bestimmte Aufgabe hat. Bienenvölker überleben den Winter nur, weil sie sich zusammentun und sich gegenseitig mit ihrer Körperwärme vor der Kälte schützen. Und wie charmant ist es bitte, dass Bienen ganz individuelle Tänzchen aufführen, um einander mitzuteilen, wo es leckeren Nektar gibt. Sie können so ganz absolut präzise ausdrücken wie weit es zur begehrten Blumenwiese noch ist, und in welcher Himmelsrichtung man fliegen muss. Kommunikation durch Tanz, das finde ich einfach brillant!

Und Bienen haben es sogar in den wichtigsten katholischen Gottesdienst geschafft: Zu Beginn der Osternacht wird die Osterkerze in die dunkle Kirche getragen, und dann wird ein Lob auf die Bienen gesungen, die mit ihrem Fleiß das Wachs dieser Kerze bereitet haben.

Wenn es schon morgens auf dem Balkon um mich herum summt und brummt, mache ich mir bewusst, wie sehr alles in der Natur miteinander verbunden ist. Wie genial sich das im Laufe der Jahrtausende aufeinander eingespielt hat. Ich spüre die riesige Verantwortung, die wir Menschen haben, mit dieser wunderbaren Schöpfung gut umzugehen. Und ich staune über Biene Maja und ihre Millionen Artgenossen. Die kleinen Geschöpfe Gottes begeistern mich!

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SWR4 Abendgedanken

19MAI2026
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Die 10. Klässler aus meiner Reli-Klasse schauen sich ein Video aus dem Internet an: Eine junge Frau geht zehn Stunden lang durch New York und wird dabei mit versteckter Kamera gefilmt. Was sie erlebt, ist erschreckend: Unzählige Male wird ihr hinterhergepfiffen. Es gibt heftige Kommentare über ihr Äußeres oder Fragen nach ihrer Telefonnummer. Über hundert Mal sprechen sie fremde Männer an und belästigen sie.

Wir sprechen in der Klasse darüber. Emma bemerkt: „Die war doch ganz normal angezogen. Schwarzes Oberteil ohne Ausschnitt und eine Jeans. Und sie ist einfach nur die Straße langgelaufen. Sie hat überhaupt nicht gezeigt, dass sie jemanden kennenlernen will.“ Julia fällt auf: „Zwei Typen sind einfach ein paar Minuten lang neben ihr hergelaufen. Die haben sie richtig verfolgt. Wie gruselig!“

Dann frage ich als Religionslehrer: „Hat jemand von euch schon ähnliche Erfahrungen gemacht?“. Alle Schülerinnen können von mindestens einer Begebenheit erzählen. Alle kennen sexistische Bemerkungen oder Nachrichten und viele haben ein ungutes Gefühl, abends allein nach Hause zu gehen. Eine Schülerin erzählt sogar, wie sie zusammen mit ihrer Mutter massiv sexuell belästigt wurde. Sie haben laut gerufen und konnten sich Gott sei Dank aus der Situation retten.

Die Jungs in der Klasse sind sonst um keinen blöden Spruch verlegen, aber jetzt werden sie immer ruhiger. Sie sind überrascht, manche sind auch erschrocken.

Natürlich sprechen wir auch darüber, dass nicht alle Männer so sind. Aber es sind eben in den aller, allermeisten Fällen Männer. Und dann sind zwei meiner Schüler besonders mutig. Sie geben zu, dass sie selbst schon sexistisch gehandelt haben oder zumindest jemanden kennen. Wir sind uns in der Klasse einig, dass diese Form von Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen alltäglich ist. Und dass sie aufhören muss.

Und was kann man selbst tun? Ich kann mich zum Beispiel direkt einmischen, wenn jemand herabgewürdigt wird. In meiner Kirchengemeinde arbeite ich immer wieder mit jungen Leuten. Zusammen mit den älteren Jugendlichen schaue ich drauf, dass sie mit ihrem Verhalten ein Vorbild für die Jüngeren sein können. Und wie wichtig es ist, einen guten Umgangston miteinander zu haben. Das trägt alles dazu bei, dass möglichst alle eine gute Zeit miteinander haben.

Das Fazit am Ende der Reli-Stunde ist: Es werden weniger Menschen bedrängt und belästigt, wenn mehr Menschen mutig sind. Ich sehe diesen aufkeimenden Mut in den Augen meiner Schülerinnen und Schüler und das lässt mich hoffen.

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SWR4 Abendgedanken

18MAI2026
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Fünfundzwanzig Jugendliche und ich zusammen auf einem Hüttenwochenende! Und ich höre zu, wie sie miteinander diskutieren. Ein Mädchen erklärt: „Also, ich hab die Jungfrau Maria ausgeschnitten. Das kann ich nicht glauben!“ Und ein sonst zurückhaltender Junge meint: „Und ich möchte diesen Abschnitt nicht haben: ‚dass Jesus die Lebenden und die Toten richtet‘. Was soll das überhaupt bedeuten?“

Was die Jugendlichen da machen? Sie bereiten sich auf ihre Firmung vor. Es ist das kirchliche Fest ein paar Jahre nach der Erstkommunion. Und gerade bearbeiten sie das katholische Glaubensbekenntnis. Alle haben ein großes Blatt mit dem traditionellen Text vor sich liegen, darauf steht: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ und so weiter. In der Hand haben alle eine Schere, denn die Jugendlichen sollen das ausschneiden, womit sie nichts anfangen können oder was sie nicht verstehen. Schnell liegen die ersten Schnipsel am Boden.

Als ich das vor ein paar Jahren zum ersten Mal gemacht habe, ist ein Stich durch mein Theologen-Herz gegangen. Man kann doch aus dem Glaubensbekenntnis nicht einfach rausschneiden, was einem nicht passt. Immerhin ist der Text des sogenannten Apostolische Glaubensbekenntnisses über 1500 Jahre alt. Es steckt alles Wichtige drin, was Christen glauben: Dass Gott alles gemacht hat, dass Jesus Gottes Sohn ist, dass er umgebracht wurde und auferstanden ist. Und dass der Heilige Geist auch heute noch wirkt. Da kann man nicht beliebig was wegnehmen.

Trotzdem finde ich es super, dass die Jugendlichen kritisch auf den Text schauen und bei jedem Wort überlegen: Verstehe ich das? Welche Worte sind wichtig für mich, und welche nicht? Das ist nicht in jeder Lebensphase gleich.

Da geht es mir ja ganz ähnlich. Manchmal ärgere ich mich über die Kirche als Institution. Dann geht mir der Teil im Glaubensbekenntnis mit der „heiligen katholischen Kirche“ gar nicht leicht über die Lippen. Ein paar Wochen später kann das wieder anders aussehen.

Und jetzt zurück zu den Jugendlichen und ihren Glaubenstexten mit den Lücken drin. Da wird es noch richtig spannend. Denn am Schluss legen alle ihre durchlöcherten Blätter passgenau übereinander. Und jedes Mal gibt’s einen Aha-Effekt: Denn nie schneiden alle dieselben Stellen aus. Wenn man die Blätter übereinanderlegt, verschwinden die Löcher und man bekommt wieder das vollständige Glaubensbekenntnis.

Das ist ein schöner Gedanke, der mir immer wieder mal in den Sinn kommt, wenn ich diesen Text zusammen mit anderen im Gottesdienst spreche. Es gibt immer jemanden, der das glaubt, was ich gerade nicht aus vollem Herzen mitbeten kann. Die Glaubensgemeinschaft der Kirche hält das aus. Und sogar noch mehr: Genau deswegen ist der Glaube so vielfältig und lebendig.

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SWR4 Abendgedanken

24OKT2025
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Wenn ich an Büchereien denke, habe ich sofort diesen typischen Geruch von Papier in der Nase, und sehe meterlange Regale voller Bücher vor mir. Ich liebe Bibliotheken; schon immer. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie sich das als Kind angefühlt hat, vor dem Regal zu stehen und endlich das Buch zu finden, das sich vor mir ständig jemand anderes ausgeliehen hatte. Endlich wissen, wie die Geschichte weitergeht. Oder wie überwältigt ich war, als ich das erste Mal in eine Universitätsbibliothek gekommen bin und gedacht habe: Selbst wenn ich jetzt mit Lesen anfangen würde und bis zum Lebensende nichts anderes täte: Ich würde nicht fertig werden mit so viel Lesestoff.

 

In der Uni-Bibliothek wird geforscht und gelernt. Meine Freundin Jana hat sich dort fast schon häuslich eingerichtet und schreibt ihre Master-Arbeit. Und in der Stadtbücherei gibt es regelmäßig Märchenstunden für Kinder, die mit leuchtenden Augen dasitzen, wenn Freiwillige die alten Geschichten für sie zum Leben erwecken. Heute ist der „Tag der Bibliotheken“, immer am 24. Oktober, schon 30 Jahre lang. Der Tag soll daran erinnern wie wichtig die über 8.000 Bibliotheken in Deutschland sind und was die Menschen leisten, die dort arbeiten.

 

Sogar in dem Dorf, wo ich lebe, in Hochdorf bei Freiburg, gibt es eine kleine Bücherei. Sie wird von der Kirchengemeinde getragen und Ehrenamtliche sorgen dafür, dass sie regelmäßig öffnet, dass neue Bücher angeschafft werden und dass man sich dort wohlfühlt. Alle paar Wochen kommen Kinder aus der Kita oder der Grundschule vorbei. So können schon die ganz Kleinen erleben, was eine Bibliothek ist und wie schön und spannend Bücher sind. Und vor den Ferien schleppen Kinder stapelweise Bücher nach Hause.

Toll ist auch ein Angebot, das es noch nicht so lange gibt: Das Bücherei-Café. Immer freitags werden Tische und Stühle rausgestellt, es gibt Kaffee, Kuchen und frische Waffeln und es ist immer was los. Das ist ein richtiger Treffpunkt fürs Dorf geworden. So wird die Bibliothek nicht nur ein Ort des Wissens und der Literatur, sondern man kann dort auch Zeit mit anderen zusammen verbringen.

Wenn mich jemand fragt, ob die Kirchen nicht Wichtigeres zu tun haben als eine Bücherei zu betreiben, dann erzähle ich ihnen genau von diesem Café. Denn das ist es, was Christen wollen: Dafür sorgen, dass Menschen zusammenkommen und über ihren eigenen Tellerrand rausschauen. Und das funktioniert einfach wunderbar bei und mit Büchern.

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SWR4 Abendgedanken

23OKT2025
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Bei Lebkuchen scheiden sich ja die Geister. Die einen werden schon im Sommer schwach, wenn die ersten Lebkuchen in den Regalen liegen. Die anderen bleiben eisern und warten bis zum Advent. Bei mir geht die Vorfreude los, wenn ich sie im Supermarkt sehe. Bei 30 Grad mag ich zwar noch keine kaufen, aber jetzt im Herbst lege ich mir gern eine Packung in den Einkaufswagen. Ja, ich bin ungeduldig, aber ich stehe dazu. Und was mir auch gut gefällt: Dass Lebkuchen nicht nur lecker sind, sondern dass hinter diesem traditionellen Gebäck auch eine ganz reichhaltige Geschichte steht.

 

Bereits die alten Ägypter haben kleine Kuchen gebacken, die mit Honig gesüßt waren. Und schon in der Antike waren sie besonders geformt und die Leute haben sie verschenkt. Lebkuchen kann man lange lagern, ohne dass sie schlecht werden. Deshalb waren sie auch noch viele Jahrhunderte später als Kraftnahrung für unterwegs sehr beliebt. Oft wurden sie von Mönchen gebacken. Denn in den Klöstern hatte man Zugang zu den verschiedenen Gewürzen, die den charakteristischen Geschmack ausmachen. In der Zeit vor Weihnachten, in der viele Menschen weniger zu essen hatten, haben die Mönche Lebkuchen an Arme verteilt. Was muss das für eine Geschmacksexplosion und für ein nahrhafter Genuss gewesen sein.

 

Lebkuchen sind etwas Besonderes. Ich hab mal nachgeschaut, welche guten Zutaten dabei traditionell enthalten sind: Anis und Kardamom wirken beruhigend und sind gut für die Verdauung. Nelke und Ingwer stimulieren. Zimt ist gut für den Blutzucker und Muskatnuss sagt man gute Eigenschaften für Konzentration und Gedächtnis nach. Also sind Lebkuchen eine richtige Wohltat. Und passen deshalb wunderbar nicht nur in den Advent, sondern auch schon in den Herbst.

 

Denn wenn es draußen dunkler und kälter wird, ist es besonders wichtig, dass man sich was Gutes tut. Vielleicht mache ich einen Herbstspaziergang oder setze mich mit der Kuscheldecke aufs Sofa. Oder ich gönne mir eben einen würzigen und guten Lebkuchen. Und denke an die lange Geschichte, die damit verbunden ist. Wenn ich solche Traditionen kenne, dann geht so eine innere Tür in mir auf. Dann sitze ich nicht nur da und futtere einen Lebkuchen nach dem andern, sondern ich genieße viel bewusster und achte auf das, was hinter den Dingen steckt. Es ist die jahrtausendealte Tradition, dass man sich mit Lebkuchen in herben Zeiten gut stärken kann. Und dass es eine wunderbare Idee ist, alles was stärkt und nährt, auch an andere weiterzugeben.

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SWR4 Abendgedanken

22OKT2025
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„Wem gehörst du?“, oder im badischen Dialekt gesprochen: „Wem g’härsch du?“ Das ist ein Satz, den Kinder im Schwarzwald oft zu hören bekommen. Meistens fragen ältere Leute noch so. Und dann sagt man zum Beispiel: „Ich g‘här em Wiesler Hans.“ Damit hat man dann erklärt, zu welcher Familie man zählt. Ich finde die Frage ein bisschen befremdlich. Denn es kann doch nicht gemeint sein, dass man jemandem gehört, sondern wo man dazugehört. Deswegen fände ich es schöner, wenn man fragen würde „Wer bist du?“ Denn im Leben geht es ja nicht darum, wem ich gehöre, sondern wer ich bin.

 

„Wer bin ich?“ die Frage begleitet einen das ganze Leben. Ich kann sie ganz unterschiedlich beantworten: ich kann davon erzählen, wo ich herkomme, von meiner Familie oder der Heimat, was ich beruflich mache oder womit ich meine Freizeit verbringe.

Immer geht es drum, was bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Welche Menschen mir wichtig waren und sind. Und was ich erlebt habe, das mich bis heute ausmacht.

Mir fällt eine Menge ein. Schöne Dinge, wie meine Zeit bei den Pfadfindern oder die Geburt meiner Kinder. Und ich bin heute sicher der, der ich bin, weil ich auch herausfordernde Zeiten durchgemacht habe oder Schicksalsschläge verarbeiten musste. Gleichzeitig weiß ich, dass ich mich auch weiterhin entwickle.

 

Die Frage „Wer bist du?“ spielt auch bei der Taufe eine wichtige Rolle. Der Pfarrer sagt dem Täufling, dass Gott ihn in Liebe erschaffen hat und dass es gut ist, dass es ihn gibt. Ich glaube, dass Gott das zu jedem Menschen sagt, egal ob getauft oder nicht. Aber in der Taufe wird das ausgesprochen. Und dass man das persönlich gesagt bekommt, das kann schon prägen. Da verändert sich tief im Inneren der Person etwas. Auch wenn ich damals als Baby getauft wurde und mich natürlich nicht mehr daran erinnern kann: Ich erlebe bei jeder Taufe meiner Nichten und Neffen aufs Neue, wie schön und kraftvoll diese Botschaft ist.

Dass Gott das bei der Taufe sagt, das gilt für immer. Ich kann mich innerlich von der Kirche entfernen und aus der Kirche austreten. Aber für Gott bleibt diese Zusage bestehen. Das kann mir niemand wegnehmen.

Gott und die Gemeinschaft unter Christen ist mir wichtig. Und das sage ich, wenn mich jemand fragt: „Wem gehörst du?“

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SWR4 Abendgedanken

21OKT2025
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Von Freiburg nach Italien in knapp fünf Minuten. Das schaffe ich jeden Mittag, wenn ich mir nach dem Essen eine Tasse Espresso koche. Ich zelebriere das richtig: Wärme meine Tasse vor, lege mir ein Stück Schokolade bereit, freue mich am Duft, wenn der heiße Kaffee aus der Maschine kommt. Und wenn ich das herbe Aroma genieße, fühle ich mich sofort nach Italien versetzt. Mit diesem kleinen Ritual fliehe ich vor dem nass-kalten Herbstgrau und katapultiere mich in Windeseile mitten rein in Sonne und Dolce Vita.

Meine Tochter hat mittags auch so ein Ritual. Sie kommt aus der Schule, pfeffert den Ranzen in die Ecke und verkrümelt sich mit Kopfhörern und Tablet erstmal aufs Sofa. Dort macht sie es sich gemütlich und verbringt ihre täglichen 20 Minuten Medienzeit mit ihrer Lieblingsserie. Vorher brauchen wir Eltern gar nicht fragen, wie es in der Schule war oder welche Hausaufgaben anstehen. Wir würden keine Antwort bekommen.

Ich mag solche Rituale und im Laufe des Tages gibt es viele davon. Manche haben mit Genießen zu tun, andere sind ganz praktisch. Zum Beispiel wenn ich morgens als erstes die Spülmaschine ausräume und alle anderen noch schlafen. Diese zehn Minuten Ruhe sind mir heilig, weil sie mir helfen wach zu werden und im Tag anzukommen. Und ich kenne auch liebe Gewohnheiten, die mit Gott zu tun haben: Wenn ich ein Kreuzzeichen mache, immer wenn ich in eine Kirche reinkomme. Oder wenn ich vor einem schwierigen Gespräch ein Stoßgebet spreche.

Das sind alles keine großen Sachen. Aber diese kleinen Unterbrechungen sind wie Inseln im Alltag. Sie setzen ein Stopp-Schild bei den vielen To-Dos, an die man denken muss. Und so strukturieren sie den Tag und geben mir Sicherheit und die Gelegenheit, mal durch zu schnaufen. Sei es der gedankliche Mini-Urlaub mit der Tasse Kaffee oder die Pause nach der Schule mit der Lieblingsserie. Oder dass ich mir ein bisschen Zeit für Gott nehme. Dass ich mir bei Gott bewusst werde, was mir gerade schwerfällt und wofür ich dankbar bin. Dass ich innerlich an das rankomme, was mir auf dem Herzen liegt, und ich damit auch zu Gott kann.

Gott ist in meinem Alltag da. In allem Trubel und bei allem, das auch mal schiefgeht oder Schmerzen bereitet. Ich bin behütet und darf einfach sein.

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20OKT2025
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Mit über 30 Neuntklässlern zum Schulausflug auf den Friedhof? Das hab ich gemacht. Mit dem lässigen Finn und der stillen Mathilda. Und den anderen Jugendlichen aus meiner Religionsklasse.

Davor haben wir darüber gesprochen, wie unterschiedlich Menschen mit Tod und Trauer umgehen und welche Möglichkeiten es gibt, jemanden zu beerdigen. Soweit die Theorie – jetzt schauen wir wie das in echt ist. Und so schwärmen die Jugendlichen aus und schauen sich den Friedhof und die Gräber genauer an.

Nach einer halben Stunde treffen wir uns wieder. Mathilda hat die Ruhe und die Natur gefallen. Und sie hat es genossen, sich zwischendurch in die Sonne zu setzen und die Eichhörnchen zu beobachten. Finn ist überrascht, dass so viele Menschen unterwegs sind. Sie gehen kurz bei einem Grab vorbei oder haben Gartenwerkzeug mitgebracht, um die Bepflanzung wieder auf Vordermann zu bringen. Und man sieht einige, die miteinander reden. Friedhöfe können ein wichtiger Treffpunkt sein. Wenn man ein Grab regelmäßig besucht, lernt man manchmal auch die Angehörigen kennen, die zu den umliegenden Gräbern gehören. Es tut gut, wenn man sich über die eigene Trauer unterhalten kann. Solche Begegnungen können trösten und man merkt, dass man mit dem Gefühl des Verlusts nicht allein ist.

Was vielen Schülerinnen und Schülern aufgefallen ist, sind die Symbole auf den Grabsteinen. Es gibt Segelschiffe, Musikinstrumente, Sterne oder Tiere, die den Verstorbenen wichtig waren. So erfahre ich gleich auf den ersten Blick etwas mehr von den Toten als nur den Namen: Da war jemand leidenschaftliche Seglerin oder ich denke: Der Mann hat seinen Hund sicher sehr geliebt.

Dann hat meine Schülerin Helena noch erzählt, dass sie vor ein paar Wochen in Frankreich auf dem Rhein bei der Flussbestattung ihres Opas war. Das hatte er sich so gewünscht. Gleich berichten andere, dass sie schon bei Beerdigungen im Friedwald dabei waren. In den letzten Jahren hat sich die Bestattungskultur verändert. Das ist gut so, wenn die Wünsche der Menschen auch nach dem Tod noch berücksichtigt werden. Und es tut gut, wenn der Ort der Trauer auch zu den Hinterbliebenen passt. 

Gleichzeitig stellen auch heute noch vielen Menschen ganz bewusst ein Kreuz auf dem Grab ihrer Lieben auf. Für mich persönlich sind diese Kreuze Hoffnungszeichen. Sie erinnern daran, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Und ich glaube daran, dass ich einmal wieder mit meinen Verstorbenen vereint sein werde.

Überall, wo Menschen an ihre lieben Verstorbenen denken sind besondere und reiche Orte: Wo man die Natur genießen und andere Menschen treffen kann, und wo trotz Tod und Trauer auch Leben und Hoffnung wohnen.

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