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SWR4 Abendgedanken

24OKT2025
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Wenn ich an Büchereien denke, habe ich sofort diesen typischen Geruch von Papier in der Nase, und sehe meterlange Regale voller Bücher vor mir. Ich liebe Bibliotheken; schon immer. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie sich das als Kind angefühlt hat, vor dem Regal zu stehen und endlich das Buch zu finden, das sich vor mir ständig jemand anderes ausgeliehen hatte. Endlich wissen, wie die Geschichte weitergeht. Oder wie überwältigt ich war, als ich das erste Mal in eine Universitätsbibliothek gekommen bin und gedacht habe: Selbst wenn ich jetzt mit Lesen anfangen würde und bis zum Lebensende nichts anderes täte: Ich würde nicht fertig werden mit so viel Lesestoff.

 

In der Uni-Bibliothek wird geforscht und gelernt. Meine Freundin Jana hat sich dort fast schon häuslich eingerichtet und schreibt ihre Master-Arbeit. Und in der Stadtbücherei gibt es regelmäßig Märchenstunden für Kinder, die mit leuchtenden Augen dasitzen, wenn Freiwillige die alten Geschichten für sie zum Leben erwecken. Heute ist der „Tag der Bibliotheken“, immer am 24. Oktober, schon 30 Jahre lang. Der Tag soll daran erinnern wie wichtig die über 8.000 Bibliotheken in Deutschland sind und was die Menschen leisten, die dort arbeiten.

 

Sogar in dem Dorf, wo ich lebe, in Hochdorf bei Freiburg, gibt es eine kleine Bücherei. Sie wird von der Kirchengemeinde getragen und Ehrenamtliche sorgen dafür, dass sie regelmäßig öffnet, dass neue Bücher angeschafft werden und dass man sich dort wohlfühlt. Alle paar Wochen kommen Kinder aus der Kita oder der Grundschule vorbei. So können schon die ganz Kleinen erleben, was eine Bibliothek ist und wie schön und spannend Bücher sind. Und vor den Ferien schleppen Kinder stapelweise Bücher nach Hause.

Toll ist auch ein Angebot, das es noch nicht so lange gibt: Das Bücherei-Café. Immer freitags werden Tische und Stühle rausgestellt, es gibt Kaffee, Kuchen und frische Waffeln und es ist immer was los. Das ist ein richtiger Treffpunkt fürs Dorf geworden. So wird die Bibliothek nicht nur ein Ort des Wissens und der Literatur, sondern man kann dort auch Zeit mit anderen zusammen verbringen.

Wenn mich jemand fragt, ob die Kirchen nicht Wichtigeres zu tun haben als eine Bücherei zu betreiben, dann erzähle ich ihnen genau von diesem Café. Denn das ist es, was Christen wollen: Dafür sorgen, dass Menschen zusammenkommen und über ihren eigenen Tellerrand rausschauen. Und das funktioniert einfach wunderbar bei und mit Büchern.

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SWR4 Abendgedanken

23OKT2025
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Bei Lebkuchen scheiden sich ja die Geister. Die einen werden schon im Sommer schwach, wenn die ersten Lebkuchen in den Regalen liegen. Die anderen bleiben eisern und warten bis zum Advent. Bei mir geht die Vorfreude los, wenn ich sie im Supermarkt sehe. Bei 30 Grad mag ich zwar noch keine kaufen, aber jetzt im Herbst lege ich mir gern eine Packung in den Einkaufswagen. Ja, ich bin ungeduldig, aber ich stehe dazu. Und was mir auch gut gefällt: Dass Lebkuchen nicht nur lecker sind, sondern dass hinter diesem traditionellen Gebäck auch eine ganz reichhaltige Geschichte steht.

 

Bereits die alten Ägypter haben kleine Kuchen gebacken, die mit Honig gesüßt waren. Und schon in der Antike waren sie besonders geformt und die Leute haben sie verschenkt. Lebkuchen kann man lange lagern, ohne dass sie schlecht werden. Deshalb waren sie auch noch viele Jahrhunderte später als Kraftnahrung für unterwegs sehr beliebt. Oft wurden sie von Mönchen gebacken. Denn in den Klöstern hatte man Zugang zu den verschiedenen Gewürzen, die den charakteristischen Geschmack ausmachen. In der Zeit vor Weihnachten, in der viele Menschen weniger zu essen hatten, haben die Mönche Lebkuchen an Arme verteilt. Was muss das für eine Geschmacksexplosion und für ein nahrhafter Genuss gewesen sein.

 

Lebkuchen sind etwas Besonderes. Ich hab mal nachgeschaut, welche guten Zutaten dabei traditionell enthalten sind: Anis und Kardamom wirken beruhigend und sind gut für die Verdauung. Nelke und Ingwer stimulieren. Zimt ist gut für den Blutzucker und Muskatnuss sagt man gute Eigenschaften für Konzentration und Gedächtnis nach. Also sind Lebkuchen eine richtige Wohltat. Und passen deshalb wunderbar nicht nur in den Advent, sondern auch schon in den Herbst.

 

Denn wenn es draußen dunkler und kälter wird, ist es besonders wichtig, dass man sich was Gutes tut. Vielleicht mache ich einen Herbstspaziergang oder setze mich mit der Kuscheldecke aufs Sofa. Oder ich gönne mir eben einen würzigen und guten Lebkuchen. Und denke an die lange Geschichte, die damit verbunden ist. Wenn ich solche Traditionen kenne, dann geht so eine innere Tür in mir auf. Dann sitze ich nicht nur da und futtere einen Lebkuchen nach dem andern, sondern ich genieße viel bewusster und achte auf das, was hinter den Dingen steckt. Es ist die jahrtausendealte Tradition, dass man sich mit Lebkuchen in herben Zeiten gut stärken kann. Und dass es eine wunderbare Idee ist, alles was stärkt und nährt, auch an andere weiterzugeben.

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SWR4 Abendgedanken

22OKT2025
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„Wem gehörst du?“, oder im badischen Dialekt gesprochen: „Wem g’härsch du?“ Das ist ein Satz, den Kinder im Schwarzwald oft zu hören bekommen. Meistens fragen ältere Leute noch so. Und dann sagt man zum Beispiel: „Ich g‘här em Wiesler Hans.“ Damit hat man dann erklärt, zu welcher Familie man zählt. Ich finde die Frage ein bisschen befremdlich. Denn es kann doch nicht gemeint sein, dass man jemandem gehört, sondern wo man dazugehört. Deswegen fände ich es schöner, wenn man fragen würde „Wer bist du?“ Denn im Leben geht es ja nicht darum, wem ich gehöre, sondern wer ich bin.

 

„Wer bin ich?“ die Frage begleitet einen das ganze Leben. Ich kann sie ganz unterschiedlich beantworten: ich kann davon erzählen, wo ich herkomme, von meiner Familie oder der Heimat, was ich beruflich mache oder womit ich meine Freizeit verbringe.

Immer geht es drum, was bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Welche Menschen mir wichtig waren und sind. Und was ich erlebt habe, das mich bis heute ausmacht.

Mir fällt eine Menge ein. Schöne Dinge, wie meine Zeit bei den Pfadfindern oder die Geburt meiner Kinder. Und ich bin heute sicher der, der ich bin, weil ich auch herausfordernde Zeiten durchgemacht habe oder Schicksalsschläge verarbeiten musste. Gleichzeitig weiß ich, dass ich mich auch weiterhin entwickle.

 

Die Frage „Wer bist du?“ spielt auch bei der Taufe eine wichtige Rolle. Der Pfarrer sagt dem Täufling, dass Gott ihn in Liebe erschaffen hat und dass es gut ist, dass es ihn gibt. Ich glaube, dass Gott das zu jedem Menschen sagt, egal ob getauft oder nicht. Aber in der Taufe wird das ausgesprochen. Und dass man das persönlich gesagt bekommt, das kann schon prägen. Da verändert sich tief im Inneren der Person etwas. Auch wenn ich damals als Baby getauft wurde und mich natürlich nicht mehr daran erinnern kann: Ich erlebe bei jeder Taufe meiner Nichten und Neffen aufs Neue, wie schön und kraftvoll diese Botschaft ist.

Dass Gott das bei der Taufe sagt, das gilt für immer. Ich kann mich innerlich von der Kirche entfernen und aus der Kirche austreten. Aber für Gott bleibt diese Zusage bestehen. Das kann mir niemand wegnehmen.

Gott und die Gemeinschaft unter Christen ist mir wichtig. Und das sage ich, wenn mich jemand fragt: „Wem gehörst du?“

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SWR4 Abendgedanken

21OKT2025
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Von Freiburg nach Italien in knapp fünf Minuten. Das schaffe ich jeden Mittag, wenn ich mir nach dem Essen eine Tasse Espresso koche. Ich zelebriere das richtig: Wärme meine Tasse vor, lege mir ein Stück Schokolade bereit, freue mich am Duft, wenn der heiße Kaffee aus der Maschine kommt. Und wenn ich das herbe Aroma genieße, fühle ich mich sofort nach Italien versetzt. Mit diesem kleinen Ritual fliehe ich vor dem nass-kalten Herbstgrau und katapultiere mich in Windeseile mitten rein in Sonne und Dolce Vita.

Meine Tochter hat mittags auch so ein Ritual. Sie kommt aus der Schule, pfeffert den Ranzen in die Ecke und verkrümelt sich mit Kopfhörern und Tablet erstmal aufs Sofa. Dort macht sie es sich gemütlich und verbringt ihre täglichen 20 Minuten Medienzeit mit ihrer Lieblingsserie. Vorher brauchen wir Eltern gar nicht fragen, wie es in der Schule war oder welche Hausaufgaben anstehen. Wir würden keine Antwort bekommen.

Ich mag solche Rituale und im Laufe des Tages gibt es viele davon. Manche haben mit Genießen zu tun, andere sind ganz praktisch. Zum Beispiel wenn ich morgens als erstes die Spülmaschine ausräume und alle anderen noch schlafen. Diese zehn Minuten Ruhe sind mir heilig, weil sie mir helfen wach zu werden und im Tag anzukommen. Und ich kenne auch liebe Gewohnheiten, die mit Gott zu tun haben: Wenn ich ein Kreuzzeichen mache, immer wenn ich in eine Kirche reinkomme. Oder wenn ich vor einem schwierigen Gespräch ein Stoßgebet spreche.

Das sind alles keine großen Sachen. Aber diese kleinen Unterbrechungen sind wie Inseln im Alltag. Sie setzen ein Stopp-Schild bei den vielen To-Dos, an die man denken muss. Und so strukturieren sie den Tag und geben mir Sicherheit und die Gelegenheit, mal durch zu schnaufen. Sei es der gedankliche Mini-Urlaub mit der Tasse Kaffee oder die Pause nach der Schule mit der Lieblingsserie. Oder dass ich mir ein bisschen Zeit für Gott nehme. Dass ich mir bei Gott bewusst werde, was mir gerade schwerfällt und wofür ich dankbar bin. Dass ich innerlich an das rankomme, was mir auf dem Herzen liegt, und ich damit auch zu Gott kann.

Gott ist in meinem Alltag da. In allem Trubel und bei allem, das auch mal schiefgeht oder Schmerzen bereitet. Ich bin behütet und darf einfach sein.

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SWR4 Abendgedanken

20OKT2025
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Mit über 30 Neuntklässlern zum Schulausflug auf den Friedhof? Das hab ich gemacht. Mit dem lässigen Finn und der stillen Mathilda. Und den anderen Jugendlichen aus meiner Religionsklasse.

Davor haben wir darüber gesprochen, wie unterschiedlich Menschen mit Tod und Trauer umgehen und welche Möglichkeiten es gibt, jemanden zu beerdigen. Soweit die Theorie – jetzt schauen wir wie das in echt ist. Und so schwärmen die Jugendlichen aus und schauen sich den Friedhof und die Gräber genauer an.

Nach einer halben Stunde treffen wir uns wieder. Mathilda hat die Ruhe und die Natur gefallen. Und sie hat es genossen, sich zwischendurch in die Sonne zu setzen und die Eichhörnchen zu beobachten. Finn ist überrascht, dass so viele Menschen unterwegs sind. Sie gehen kurz bei einem Grab vorbei oder haben Gartenwerkzeug mitgebracht, um die Bepflanzung wieder auf Vordermann zu bringen. Und man sieht einige, die miteinander reden. Friedhöfe können ein wichtiger Treffpunkt sein. Wenn man ein Grab regelmäßig besucht, lernt man manchmal auch die Angehörigen kennen, die zu den umliegenden Gräbern gehören. Es tut gut, wenn man sich über die eigene Trauer unterhalten kann. Solche Begegnungen können trösten und man merkt, dass man mit dem Gefühl des Verlusts nicht allein ist.

Was vielen Schülerinnen und Schülern aufgefallen ist, sind die Symbole auf den Grabsteinen. Es gibt Segelschiffe, Musikinstrumente, Sterne oder Tiere, die den Verstorbenen wichtig waren. So erfahre ich gleich auf den ersten Blick etwas mehr von den Toten als nur den Namen: Da war jemand leidenschaftliche Seglerin oder ich denke: Der Mann hat seinen Hund sicher sehr geliebt.

Dann hat meine Schülerin Helena noch erzählt, dass sie vor ein paar Wochen in Frankreich auf dem Rhein bei der Flussbestattung ihres Opas war. Das hatte er sich so gewünscht. Gleich berichten andere, dass sie schon bei Beerdigungen im Friedwald dabei waren. In den letzten Jahren hat sich die Bestattungskultur verändert. Das ist gut so, wenn die Wünsche der Menschen auch nach dem Tod noch berücksichtigt werden. Und es tut gut, wenn der Ort der Trauer auch zu den Hinterbliebenen passt. 

Gleichzeitig stellen auch heute noch vielen Menschen ganz bewusst ein Kreuz auf dem Grab ihrer Lieben auf. Für mich persönlich sind diese Kreuze Hoffnungszeichen. Sie erinnern daran, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Und ich glaube daran, dass ich einmal wieder mit meinen Verstorbenen vereint sein werde.

Überall, wo Menschen an ihre lieben Verstorbenen denken sind besondere und reiche Orte: Wo man die Natur genießen und andere Menschen treffen kann, und wo trotz Tod und Trauer auch Leben und Hoffnung wohnen.

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SWR4 Abendgedanken

25APR2025
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Eine Krippe an Ostern? Also sozusagen Weihnachtsfeeling in den Ostertagen? Das gibt’s bei uns in der Kirche. Dort, wo im Winter sonst die Krippe steht, ist jetzt auf drei mal zwei Metern eine Osterlandschaft aufgebaut. Es gibt ein kleines Stadttor, einen Miniatur-Garten mit Bäumchen und schmalen Sandwegen, einen Hügel mit drei kleinen Kreuzen und eine Höhle aus Steinen, vor der eine brennende Kerze steht. Drumherum blühen Tulpen und Narzissen und es duftet nach Moos und frischer Erde. Frauen aus unserer Gemeinde haben diesen kleinen Ostergarten angelegt. Von Palmsonntag, über Gründonnerstag und Karfreitag bis Ostern ist immer wieder was dazugekommen.

Statt der Weihnachtsgeschichte also Ostern erleben. Schon im Mittelalter hat es solche sogenannten Passionskrippen gegeben, und damit konnten auch diejenigen, die nicht lesen konnten, die Geschichte von Tod und Auferstehung Jesu verstehen. Heute fasziniert der Ostergarten vor allem Kinder. Und ich stehe auch gern davor – gerade in der Woche nach Ostern.

Denn jetzt, wo alle Feiertage vorbei sind und der Ostergarten komplett ist, sehe ich auf einen Blick das ganze Osterpanorama. Und ich sehe, wie verschieden und vielfältig die einzelnen Tage sind.

Es geht los mit dem Palmsonntag, an dem Jesus nach Jerusalem kommt. Die Menschen stehen am Straßenrand und jubeln ihm zu. Sie feiern und freuen sich. Dann der Gründonnerstag mit dem letzten Abendmahl. Jesus ringt mit seinem Schicksal und wird verhaftet. Am Karfreitag wird er gekreuzigt, stirbt und wird begraben. Und an Ostern erscheint er seinen Freundinnen und Freunden als der Auferstandene. So viele Stimmungen und Gefühle geballt in nur wenigen Tagen: Freude, Verzweiflung, Schmerz, Tod und am Ende doch neues Leben und Hoffnung. All das steckt in Ostern.

Und ich finde mich darin wieder: Finde die Freude, die ich spüre, wenn ich bei der Arbeit ein wichtiges Projekt geschafft habe. Ich spüre Verzweiflung, wenn ich die Nachrichten sehe von Krieg und Katastrophen. Ich kenne Schmerz und fühle mich machtlos, weil eine Freundin Depressionen hat und ich nichts tun kann. Und ich spüre die Hoffnung, wenn sich jemand nach dem Tod eines geliebten Menschen wieder ins Leben zurückkämpft und eine neue Perspektive sieht.

Der Blick über den Ostergarten zeigt mir, dass ich für das, was ich erlebe, Anknüpfungspunkte im Leben von Jesus finden kann. Das entlastet mich, denn ich sehe, dass ich damit nicht allein bin. An Ostern wird zusammen gefeiert, was Menschen schmerzt und was sie freut. Sie tragen es als Bitte im Gottesdienst vor oder genießen die Gemeinschaft und die Gespräche am Osterfeuer.

Und daran denke ich jetzt nochmal, wenn ich in der Kirche den Ostergarten anschaue. So bunt und reich ist Ostern, einfach voller Leben.

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SWR4 Abendgedanken

24APR2025
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Wenn ich als Seelsorger mit Angehörigen eine Beerdigung vorbereite, stelle ich immer diese eine Frage. Ich frage die Familien: „Sind Kinder bei der Trauerfeier dabei?“ Oft haben die Eltern Bedenken und wissen nicht, ob das mit den Kindern auf dem Friedhof gut gehen kann. Manche lehnen es auch kategorisch ab, ihre Kinder mitzubringen. Und auch wenn die Entscheidung letztlich natürlich bei den Eltern liegt, ermutige ich sie, mit den Kindern zu sprechen. Es lohnt sich immer, wenn man beides gut überlegt, was die Kinder brauchen und wie Eltern unterstützt werden können. Denn Kinder können meistens gut bei Trauerfeiern dabei sein.

Auch Kindergartenkinder können schon deutlich sagen, ob sie auf den Friedhof mitkommen wollen oder nicht. Beides ist völlig ok. Es kommt darauf an, dass Eltern die Kinder und ihre Wünsche ernst nehmen. Denn es ist schwer für die Kleinen, wenn sie merken, dass Mama und Papa traurig sind und allein zu Beerdigung gehen, obwohl die Kinder sie eigentlich begleiten möchten. Und wenn sie dann dabei sind, müssen Kinder immer die Reißleine ziehen können. Wenn es zu schwer wird, dann können sie den Ort der Feier verlassen und mit jemandem eine Runde über den Friedhof spazieren. Bewegung hilft. Und man kann die anderen einfach später wieder am Grab treffen.

Und was besonders schön ist: Kinder können sich auf ihre eigene Art einbringen und verabschieden. Zum Beispiel mit einem Bild oder einem Brief, den sie ins Grab legen. Neulich hab ich eine Frau beerdigt, die mit ihren Enkeln immer viel gebastelt hat. Und zum Abschied haben die kleinen Enkelkinder für ihre verstorbene Oma gebastelt. Ein ganzes Glas voller buntem Konfetti haben sie ausgestanzt. Das haben wir dann zusammen mit Blütenblättern in ihr Grab gestreut. Das war ein schöner Moment, denn die fliegenden Blüten und die farbenfrohen Papierschnipsel haben richtig gut zur Verstorbenen und ihrer Lebensfreude gepasst. Und ich habe noch nie so ein fröhliches und buntes Urnengrab gesehen.

Bei einer anderen Beerdigung hat ein Enkel extra seine Arbeitshose angezogen. Das war im Friedwald. Nach der Feier hat das Kind zusammen mit der Försterin das Grab mit Erde vollgemacht. Ganz ausführlich und in aller Ruhe durfte er mit seiner Kinderschaufel mithelfen. So konnte er ganz praktisch was tun, das hat ihm geholfen.

Wenn Kinder bei der Bestattung dabei sind, ist es auch für Erwachsene ein anderes Gefühl. Es wird nicht weniger getrauert oder geweint, aber es wird vielleicht ein bisschen mehr gelächelt oder sogar gelacht.

Und man spürt, dass alles dabei sein darf, wenn man trauert: Tränen, Lachen, Zupacken und sogar Konfetti.

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SWR4 Abendgedanken

23APR2025
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Ein furchterregender Drache, eine Prinzessin in Not und ein Happy End – klingt nach einer guten Story, oder einem alten Märchen. Aber dahinter steckt viel mehr. Drache, Prinzessin und Happy End, das alles steht für den Heiligen Georg.

Georg hat vor 1700 Jahren irgendwo in einer Stadt in Nordafrika gelebt. Der Legende nach trieb dort ein furchterregender Drache sein Unwesen. Um ihn zu besänftigen, haben die Bewohner täglich zwei Schafe geopfert. Und jetzt wird’s leider brutal: Als es keine Schafe mehr gab, haben die Menschen untereinander gelost und Menschenopfer dargebracht. Hier kommt Georg ins Spiel. Eines Tages fiel das Los auf die Tochter des Königs. Während sie auf den Drachen wartete, kam der heilige Georg angeritten. Mit seiner Lanze hat er den Drachen verwundet und schließlich getötet. Ende gut, alles gut. Eine tolle Geschichte. Kein Wunder, dass viele Leute damals zu Georg-Fans wurden. Er ist einer der beliebtesten Heiligen und ein Schutzpatron, an den man sich in der Not wenden kann.

Der Heilige Georg ist auch der Patron der Pfadfinderinnen und Pfadfinder. Ich bin selbst Pfadi und kenne seine Geschichte seit ich Kind bin. Was ihn auszeichnet, ist dass er einfach gemacht hat und mutig war. Jetzt kann man natürlich sagen: An der Legende ist doch nichts dran. Und das stimmt vermutlich ja auch. Aber am Kern, dass Georg selbstbewusst losgeritten ist, es einfach probiert hat und sich leidenschaftlich für andere eingesetzt hat, da ist was dran. Das passt zu vielem anderem, was sonst noch aus seinem Leben bekannt ist.

Tapfer zu sein und für andere was zu riskieren: So erlebe ich die Pfadfinder. Wenn sie sich eben nicht vor Verantwortung drücken, sondern mutig gegen die – um im Bild zu bleiben – „Drachen im Alltag“ kämpfen. Wenn sie auch die Kinder mit aufs Zeltlager nehmen, die mit ihrem Charakter und ihrem Verhalten eine große Herausforderung sind. Oder wenn sie in ihrer knappen Freizeit tolle Aktionen auf die Beine stellen.

„Gegen Drachen“ kämpfen, das ist so ein typisches Pfadfindermotto. Das kann ich auch gut gebrauchen. Zum Beispiel bei der Freundin, mit der ich mich verkracht habe und mit der ich die Dinge dringend wieder grade rücken müsste. Vor dem Drachen dieses Gesprächs hab ich mich bisher verkrochen. Und ich kenne auch noch andere Alltags-Drachen. Ich denke an kleine unliebsame Aufgaben oder große wie den Kontrollbesuch beim Arzt, den ich vor mir herschiebe.

Die Pfadfinder und der heilige Georg sind wie ein Ansporn für mich. Sie helfen, dass ich mir meine innere Rüstung anziehe und mich mutig meinen ganz persönlichen Drachen stelle.

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SWR4 Abendgedanken

22APR2025
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Wie viele Kinder sich an dieser Scheibe wohl schon ihre Nase plattgedrückt haben? Keine Ahnung! Aber hinter dieser besagten Scheibe liegen eine Handvoll Eier. Meine Kinder stehen da auch und haben die Eier genau im Visier: Tatsächlich – ein Ei wackelt ein bisschen und nach und nach schaut ein kleiner Schnabel aus der aufgepickten Schale. Wir sind im Naturkundemuseum in der Ausstellung „Vom Ei zum Küken“ und wir beobachten begeistert, wie eines langsam schlüpft. Daneben tapsen flauschige Küken umher und piepsen munter um die Wette.

Dass da so putzige Wesen rauskommen! … Faszinierend. Und so ist es auch kein Wunder, dass das Ei in vielen Religionen ein Zeichen für Fruchtbarkeit und neues Leben ist. So gibt es die alte chinesische Vorstellung, dass alles Leben aus einem mystischen Welten-Ei kommt. Und beim persischen Nouruz-Fest, das schon seit über 2500 Jahren immer im Frühling gefeiert wird, liegen gefärbte Eier auf dem Gabentisch. So wie bei uns an Ostern.

Christen haben das Ei als Symbol für die Auferstehung gedeutet. Denn so ein Ei mit seiner Schale wirkt ja erstmal kalt und leblos. Wie das Grab, in das man Jesus nach seinem Tod hineingelegt hat. Doch im Inneren ist neues Leben versteckt. Ein alter christlicher Osterspruch lautet: „Wie der Vogel aus dem Ei gekrochen, hat Jesus das Grab zerbrochen.“

Mir gefallen die Bräuche rund um Ostereier: Ich mag es, wenn wir in der Familie Eier färben. Wenn wir damit die Wohnung dekorieren, sie an Nachbarn und Freunde verschenken oder sie füreinander verstecken. Sehr beliebt ist bei uns auch das Eiertitschen beim Frühstück. Wir spielen das reihum am Tisch und immer zwei stoßen mit ihren Eiern gegeneinander. Wessen Ei heil bleibt, gewinnt. Von der jüngsten Enkelin mit gerade zwei Jahren bis zur Oma mit fast 80: Alle haben Spaß miteinander.

Diese Bräuche haben gemeinsam, dass sie das Leben feiern. Und darauf kommt es an Ostern an. Jesus ist damals vor den Machthabern gescheitert und umgebracht worden. Aber sie haben es nicht geschafft. Er lebt. Was ihm wichtig ist, geht weiter. Seine Auferstehung zeigt, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist, sondern dass die Verstorbenen bei Gott gut aufgehoben sind und dort weiterleben. Auferstehung heißt, dass das Leben und die Liebe stärker sind als der Tod.

Und dieses Leben und die Freude über die Osterbotschaft feiern wir mit den Ostereiern. Wenn wir ein verstecktes Ei im Garten finden oder am Frühstückstisch beim Eiertitschen.

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SWR4 Abendgedanken

22NOV2024
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Heute Abend muss ich mal zwei richtig platte Stammtischparolen zitieren. Ich höre sie leider immer wieder: auf dem Schulhof oder abends auf dem Dorffest. Schlimme Sätze wie: „Die Juden kontrollieren die Welt.“ und „Schwule sind doch alle krank.“ Wenn jemand so was sagt, will ich das nicht so stehen lassen. Aber meistens bin ich nicht besonders schlagfertig.

Jetzt hab ich genau passend dazu eine App für mein Handy gefunden. Sie heißt „Konterbunt“. Ja, richtig gehört: „konterbunt“ – vorne mit einem „o“. Diese Wortschöpfung aus „kontern“ und „bunt“ ist genial, denn es geht darum dagegen zu halten, wenn jemand was Diskriminierendes sagt. Denn jeder hat das Recht zu glauben, was er oder sie will und zu lieben, wen man will. Und niemand darf wegen seiner Herkunft diskriminiert werden oder weil er eine andere Hautfarbe oder eine Behinderung hat. Das macht unsere Gesellschaft bunt und ist sehr bereichernd.

„Konterbunt“ liefert Argumente für die Hosentasche. Und wenn ich zum Beispiel meine Tochter vom Tanzen abhole und im Auto warte, kann ich mit der App mal eben schnell trainieren, was eine gute Antwort auf solche Parolen ist. Die App schlägt mir verschiedene Sätze vor und ich suche die Antwort aus, die am besten passt. Zum Beispiel kann ich auf die üble Parole „Schwule sind doch alle krank.“ antworten: „Wie würde es dir gehen, wenn jemand deine Gefühle als Krankheit beschreibt?“ Ich bin realistisch: Mein Gegenüber wird bestimmt nicht gleich überzeugt sein, nur weil ich einen guten Konter bringe. Aber vielleicht denkt er oder sie nach dem Gespräch nochmal drüber nach. Und alle drumherum merken, dass man sich solche Sätze nicht einfach anhören muss, sondern was dazu sagen kann.

Hinzustehen und Haltung zu zeigen, wenn jemand Parolen schwingt, das hat Jesus auch wunderbar vorgemacht. Er hat sich konsequent auf die Seite derer gestellt, die in der Gesellschaft verachtet wurden. Und ich finde, dass „Konterbunt“ Jesus-mäßig aufgebaut ist. Die App trainiert einen nämlich genau in die Richtung: dass ich den anderen nicht bloßstelle und nicht provoziere. Denn – so sagt die App – wer eskaliert, verliert. Wenn ich aber trotzdem dagegen halte und wir es schaffen, im Gespräch zu bleiben, dann gibt es vielleicht die Chance, dass mein Gegenüber seine Meinung ändert.

Es ist wichtig, diejenigen zu unterstützen, die diskriminiert werden. Und dass wir miteinander reden. Für ein gutes Gesprächsklima braucht es ganz viele, die die richtigen Worte finden. Es ist klasse, wenn „Konterbunt“ dabei hilft.

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