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18FEB2022
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Erfolgreich einkaufen? Alles eine Frage der richtigen Vorbereitung. Und ich bin da ein echter Stratege. Ich gehe immer in denselben Supermarkt und kenne mich dort aus: Kaffee gibt’s direkt am Eingang, dann Äpfel, gegenüber Olivenöl und so weiter. Und in genau dieser Reihenfolge schreibe ich die Sachen auf meinen Einkaufszettel. Zielstrebig fülle ich den Wagen und muss nicht unnötig im Laden hin und her laufen.

Ganz anders fühlt sich Einkaufen an, wenn ich im Urlaub bin. Da genieße ich meinen Besuch im Supermarkt richtig. Lasse mir Zeit und schaue mich um. Ich habe ja auch keine Ahnung, in welchem Gang die Sachen sind. Und so schlendere ich gemütlich durch die Regale und lasse mich überraschen. Und dabei entdecke ich neue und meistens leckere Sachen: Beim letzten Urlaub zum Beispiel eine neue Schokocreme fürs Frühstücksbrot oder eine ausgefallene Gewürzmischung.

Was ich nach einem solchen gemütlichen Einkauf im Wagen habe, ist abwechslungsreicher als beim möglichst effektiven Wocheneinkauf. Wenn ich mir mehr Zeit nehme und Dinge mal anders mache als sonst, kann ich tolle Sachen entdecken. Und das funktioniert nicht nur beim Einkaufen: Wenn ich mich bei der Arbeit nicht immer mit derselben Kollegin unterhalte, sondern den Kollegen anspreche, mit dem ich sonst nicht so viel zu tun habe. Das kann ein richtig gutes Gespräch geben. Oder wenn ich auf einer Strecke, die ich sonst immer mit dem Auto fahre, mal zu Fuß unterwegs bin. Dann sehe ich endlich diesen einen schönen Garten oder entdecke einen witzigen Aufkleber an einer Straßenlaterne.

So eine Offenheit tut mir auch in meinem Glaubensleben gut. Wenn ich im Gottesdienst mal wieder genau hinhöre, was gesungen oder gebetet wird. Oder bei einer Bibelstelle, die ich eigentlich gut kenne, darauf achte, was da steht.

Das Leben birgt so viel Schönes und Interessantes. Doch wenn ich im Stress bin oder alles möglichst effektiv machen will, laufe ich wie mit Scheuklappen durch die Gegend. Und sehe gar nicht wirklich, wer oder was mir begegnet.

Damit mir das besser gelingt, kann ich auch bei ganz alltäglichen Dingen in den Urlaubs-Einkaufs-Modus schalten. Gleich morgen früh probiere ich’s aus. Mit einer unsortierten Einkaufsliste. Dann bin ich ganz bewusst ohne Strategie unterwegs und mit offenen Augen.

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17FEB2022
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Meine Tochter verkündet: „Ich will noch mehr Warzen auf der Nase haben!“. Es geht um ihre neue Hexenmaske. In meiner Familie haben wir alle so eine. Meine Tochter ist fünf Jahre alt und will jetzt auch ihr eigenes Kostüm, mit Maske. Und so sitzen wir am Basteltisch und bauen aus Drahtgestell und Pappmache ein kleines Hexengesicht.

Heute in einer Woche ist schmutziger Donnerstag. Und Fastnacht ist nicht nur bei uns in der Familie eine große Sache, sie hat auch einen festen Platz im kirchlichen Kalender. Denn sie kommt im Kirchenjahr vor der Fastenzeit. Schon im Mittelalter ist der Brauch entstanden, dass man es vor dem Verzicht nochmal so richtig krachen lässt.

Deshalb geht es an Fastnacht verrückt zu. Das hat auch meine Tochter verstanden, wenn sie als Hexe unterwegs sein will. Mit gruseliger Visage und bucklig durch die Straßen ziehen. Was sonst gar nicht so reinpasst, soll an Fastnacht erst recht sein. Und meine Tochter darf mal die Böse spielen und anderen einen kleinen Schreck einjagen. Das macht ihr riesigen Spaß.

Wir feiern an Fastnacht das pralle Leben: Fanfarenzüge ziehen durch die Straßen, man ernährt sich eine Woche lang von Süßkram und Bratwurst und die Menschen lachen und tanzen. Und auch das gehört zur christlichen Botschaft: Dass das Leben ein Geschenk ist und dass es oft schön ist. Dass man sich aneinander freuen darf und dass es einfach gut tut, miteinander zu feiern und beieinander zu sein. Und das gilt im dritten Jahr der Pandemie ganz besonders. Wieder gibt es wegen Corona nicht die gewohnte Straßenfastnacht und keine rauschenden Partys. Aber es ist großartig, wie kreativ die Narren sind und was sie sich alles einfallen lassen, damit trotzdem Stimmung aufkommt. Da werden Christbäume zu Narrenbäumen umfunktioniert und es gibt wieder närrische Videos im Internet. In meinem Ort bringt die Narrenzunft sogar Pakete mit Luftschlangen und Konfetti in die Kindergärten. Dann haben es die Kinder dort auch lustig und bunt.

Es kommt die Zeit, in der die Fastnacht wieder so gefeiert werden kann wie früher. Ganz bestimmt. Und bis dahin gibt’s Fastnacht im kleinen Kreis: in der Familie, in der Schulklasse oder mit den Nachbarn im Garten. Meine Tochter jedenfalls freut sich über jede einzelne Warze auf ihrem Hexengesicht. Recht hat sie. Denn das Leben lässt sich auch im Kleinen feiern.

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16FEB2022
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An Weihnachten war ich mit meinen Gedanken bei der Krippe in Bethlehem und weit draußen im Weltall. Denn am 25.12. wurde das James-Webb-Weltraumteleskop ins All geschossen. Ich hab das Ganze gespannt verfolgt. Das Teleskop war lange unterwegs und ist inzwischen an seinem Ziel angekommen. Es ist jetzt etwa viermal so weit von der Erde entfernt wie die Erde vom Mond. Bevor das Teleskop erste Bilder senden kann, muss es noch abkühlen. Doch dann hoffen Astronomen auf der ganzen Welt, dass sie so weit ins Universum blicken können wie noch nie zuvor. Sie wollen Verborgenes hinter Staubwolken entdecken, wollen herausfinden, aus was die Atmosphäre fremder Planeten besteht und sogar das Licht der ersten Sterne sehen.

Man konnte man die Mission immer wieder live übers Internet verfolgen. Ich hab das gemacht, vor allem am 25. Dezember. Da war die Anspannung der ganzen Raumfahrtcrew riesig. Und als das Teleskop dann erfolgreich gestartet ist, waren alle einfach glücklich.

Das Leuchten der Sterne und das begeisterte Leuchten in den Augen der Crewmitglieder: Beides erinnert mich an Gott. Denn ich glaube, dass Gott der Ursprung von allem ist. Dass er den Anstoß dafür gegeben hat, dass die Galaxien und Himmelskörper entstanden sind. Den Anstoß dafür, dass es überhaupt Leben gibt. Das James-Webb-Weltraumteleskop zeigt, wie unglaublich riesig und faszinierend unser Universum ist. Das sind so große Entfernungen und Zeiträume, dass ich mir das alles gar nicht vorstellen kann.

Ich finde das faszinierend und ich bin überzeugt, dass Gott den Menschen den Verstand gegeben hat. Kluge Köpfe auf der ganzen Welt haben so unglaublich filigrane und komplexe Technik entwickelt. Und mit diesem brillanten Instrument können wir Milliarden von Jahren in die Vergangenheit schauen. Das ist genial. Ich glaube auch, dass Gott die Menschen neugierig geschaffen hat und daraus dieser enorme Forschergeist entsteht. Ein Forschergeist, der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über Kontinente hinweg verbindet, so wie beim neuen Weltraumteleskop.

Wenn ich mir das bewusst vor Augen halte, macht mir das Mut. Dann bin ich zuversichtlich, dass wir Menschen auch andere riesige Herausforderungen angehen können, wie den Klimawandel zum Beispiel. Und zwar mit dem, was Gott uns gegeben hat. Wenn die ganze Menschheit ihren Verstand und ihre Neugierde einsetzt. Wenn wir forschen, uns zusammentun und etwas wagen.

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15FEB2022
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Ich hab noch tausend Wackelaugen auf Vorrat. Wackelaugen – das sind diese kleinen schwarz-weißen Plastik-Dinger, bei denen man die Folie auf der Rückseite abzieht und dann kann man sie irgendwohin kleben. Ich hab klitzekleine Augen und solche, die so groß sind wie eine Geldmünze. Und ich hab immer welche in der Jackentasche dabei. Wenn gerade niemand schaut, klebe ich die Augen an die verschiedensten Stellen. Auf die Ü-Pünktchen bei einem Büro-Schild, auf eine Banane im Obstkorb oder einen Jogurt im Kühlschrank. Ich mach das zu Hause oder bei der Arbeit. Dann entstehen kleine Gesichter, zum Beispiel, wenn ich zwei Augen über ein Schlüsselloch klebe, oder an einen Lichtschalter. Ich bin dann gespannt, wie lange die Augen da bleiben bis sie jemand wieder abmacht. Und ich freue mich immer dabei zu sein, wenn sie jemand entdeckt: Die meisten schauen zuerst total irritiert, wenn sie sehen, dass da etwas Augen hat. Aber dann müssen eigentlich alle lachen. Und ich auch.

Ich hab mit diesem Schabernack angefangen, weil nach bald zwei Jahren Pandemie vieles immer noch ernst ist und es manchmal wenig Anlass gibt, dass Leute sich an was freuen. Natürlich herrscht auch bei mir schon lange nicht mehr der absolute Ausnahmezustand, wie in den ersten Wochen von Corona. Aber trotzdem finde ich die Gesamtsituation oft ganz schön belastend.

Das geht mit den Wackelaugen natürlich nicht weg. Aber mich bringt mein ganz eigener Blödsinn auf andere Gedanken und zum Lachen. Und das finde ich wichtig. Ich glaube, dass gerade in diesen Zeiten jeder so etwas braucht. Dinge, die einfach guttun und auf die man sich freut. Das kann auch ein Spaziergang mit der besten Freundin sein. Oder ein neues Hobby. Ein Kollege hat sich mit Erklär-Videos im Internet handwerklich weitergebildet und zeigt mir begeistert seine selbst renovierte Küche. Und ein Freund hat sich im Sommer eine Kamera gekauft und dreht jetzt wunderbar kitschige Videos von Sonnenuntergängen am See. Das sind alles keine weltbewegenden Sachen. Aber es sind Kleinigkeiten, die Freude machen und die irgendwie wichtig geworden sind.

Und weil ich das mit den Wackelaugen so herrlich witzig und blödsinnig finde, hab ich meinen Kolleginnen im Büro eine ganze Handvoll Augen aus meinem Vorrat abgegeben. Die kleben sie jetzt auch irgendwohin. Denn mit so ein paar Wackelaugen kann man richtig viel Lächeln in die Welt zaubern.

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14FEB2022
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110 Millionen Rosen sollen heute weltweit verschenkt werden. Das passt, heute ist ja Valentinstag. wer der heilige Valentin genau war, kann man gar nicht sicher sagen. Wahrscheinlich war er ein Priester oder Bischof und hat im dritten Jahrhundert in Rom gelebt. Viele Paare und Ratsuchende haben sich wohl an Valentin gewandt. So ist er im Laufe der Zeit zum Schutzheiligen der Liebenden geworden.

Am Valentinstag denke ich erstmal an verliebte Pärchen, die sich Blumen oder Pralinen schenken und sich bei einem romantischen Abendessen ihre Liebe schwören. Ein bisschen kitschig, aber das ist das, was ich im Fernsehen und in der Werbung so sehe. Und ich denke auch noch an eine ganz bestimmte Liebesgeschichte und die ist aus dem wahren Leben. Es ist die Geschichte eines Mannes, den ich letztes Jahr beerdigt habe. Seine Frau ist ein paar Jahre vor ihm gestorben und er ist nach ihrem Tod täglich auf den Friedhof gegangen und hat ihr Grab besucht. Fünf Jahre lang hat er keinen Tag ausgelassen. Auch wenn sich der Schmerz und das Vermissen im Laufe der Zeit verändert haben, war ihm das immer ganz wichtig. Und jedes Jahr am 14. Februar hatte er Blumen dabei.

Was für eine lebendige Liebesgeschichte. Sie zeigt mir so viel: Nämlich welche große Kraft Liebe hat. Dass sie Menschen auch über den Tod hinaus verbinden kann. Und dass sie vielschichtiger und mehr ist als Herzchen und Hollywood-Klischees. Natürlich ist es wunderschön, wenn man verliebt ist. Und wie glücklich kann man sich schätzen, wenn man jemanden liebt und auch zurückgeliebt wird. Aber mit Liebe hängt noch viel mehr zusammen.

Und das alles gehört für mich heute zum Valentinstag dazu, denn der Tag ist für alle Liebenden da: Auch für die Menschen, die gerade in einer schwierigen Beziehung stecken und unter ihrer Liebe leiden. Für alle, die früher voller Liebe waren, aber deren Partnerschaft zerbrochen ist und die gerade keine Liebe mehr in sich spüren. Auch für die, die unglücklich verliebt sind oder sich danach sehnen, endlich jemanden zu finden, dem sie ihre Zuneigung schenken können. Und ich denke auch an alle, die um einen geliebten Menschen trauern und vielleicht heute Rosen auf den Friedhof gebracht haben.

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20AUG2021
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Fünfmal am Tag schickt mir mein Handy eine Nachricht. Es ist immer dieselbe. Sie ist ganz kurz und hat es in sich: „Vergiss nicht, du wirst sterben.“ Die Nachrichten stammen von einer besonderen App, die ich auf meinem Smartphone installiert habe. Ein Zufallsgenerator steuert, wann die Nachrichten erscheinen. Und so klingelt es zum Beispiel morgens beim Zähneputzen, auf dem Weg zur Arbeit oder wenn ich das Abendessen koche. Und ich lese auf dem Display: „Vergiss nicht, du wirst sterben.“

Der Gedanke hinter der App ist ein Brauch aus dem Land Bhutan im Himalaya. „Denke fünfmal am Tag an den eigenen Tod, dann wirst du glücklicher sein.“ Man kann sich das natürlich auch auf einen Notizzettel oder in den Kalender schreiben und braucht nicht unbedingt eine App dafür.

Ich hab die App runtergeladen, weil ich ausprobieren wollte, wie das ist, wenn ich fünfmal am Tag so eine Nachricht bekomme. Der Tod betrifft uns alle: Ganz egal, ob ich an Auferstehung, Wiedergeburt oder an das große Nichts glaube. Ich habe früher erst dann bemerkt, dass meine Lebenszeit begrenzt und wertvoll ist, wenn in meinem Umfeld jemand gestorben ist. Wenn es jemand war, der mir nicht so nahe stand, hat mich der Alltag schnell wieder eingeholt und der Gedanke an die Vergänglichkeit war weg. Es ist erstaunlich, aber durch die App ändert sich das. Der Tod ist für mich präsenter.

An das Ende zu denken, macht mich natürlich traurig. Besonders in den schönen Momenten. Neulich saß ich abends mit Freunden im Garten. Wir haben Karten gespielt und viel gelacht. Und dann hat mich mein Handy plötzlich daran erinnert, dass ich irgendwann einmal sterben werde. Das war ein komisches Gefühl. Denn jede dieser Nachrichten ist eine Unterbrechung. Ich halte inne bei dem, was ich gerade mache.

Aber das hilft mir dabei, bewusster zu leben. Immer wenn diese Nachricht kommt, wird mir klar, dass meine Lebenszeit begrenzt ist, und deshalb kostbar. Und darum versuche ich, viele Dinge mehr zu genießen: einen Ausflug am Wochenende, den Geruch von frischgemähtem Gras, in Ruhe mit Freunden zu sprechen oder das Spaghetti-Eis in meiner Lieblingseisdiele. Es gibt in meinem Leben so vieles, worüber ich mich freuen kann. Mein Handy erinnert mich daran. Fünfmal am Tag.

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19AUG2021
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„Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200.“

So begann in den 60er Jahren die Fernsehserie „Star Trek - Raumschiff Enterprise“. Gene Roddenberry hat Star Trek erfunden. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden. Und auch nach so langer Zeit gibt es viele Fans - ich bin einer davon. Vieles fasziniert mich an Star Trek: Die Raumschiffe, die Abenteuer und ganz besonders, wie die Zukunft der Menschen dargestellt wird. Gene Roddenberry hat eine sehr positive Vision: Die Menschheit strebt nach Wissen und Fortschritt und hat Krieg, Armut und Hunger besiegt. Was mich dabei nachdenklich macht: Die Menschen haben auch die Religion überwunden. Sie spielt in der Zukunftsvision, wie sie bei Star Trek gezeichnet wird, keine Rolle mehr.

Als gläubiger Mensch überlege ich: Kann Religion dabei helfen, die Probleme unserer Zeit zu lösen und friedlich miteinander leben zu können? Oder steht sie eher dabei im Weg? Es ist erschütternd, wenn Religion als Vorwand für Gewalt und Krieg missbraucht wird oder Menschen aus religiösen Gründen ausgegrenzt werden. Solche Ungerechtigkeiten und Verbrechen – angeblich im Namen Gottes – sind schrecklich und müssen aufhören. Religion hat ganz klar Schattenseiten.

Religion kann aber auch Gutes bewirken: Ich schöpfe viel Kraft aus meinem christlichen Glauben. Etwa aus dem Glauben daran, dass nicht alles Zufall ist und dass Gott gewollt hat, dass es uns Menschen gibt und wir gut miteinander umgehen. Und ich erlebe Leute, die für eine bessere Welt kämpfen und sich für andere einsetzen. Sie sind davon überzeugt, dass auch Gott möchte, dass es uns gut geht und wir gemeinsam in eine bessere Zukunft gehen. Und aus dieser Überzeugung heraus setzen sie sich für andere ein. Sie sammeln zum Beispiel Lebensmittel für die Tafel oder engagieren sich mit viel Herz und Kreativität für Kinder und Jugendliche.

Abseits aller Schattenseiten kann Glaube Halt geben, wenn ich nicht mehr weiter weiß. Er kann eine Kraftquelle sein oder inspirieren. Mein christlicher Glaube und die Hoffnung auf eine gute Zukunft passen zusammen. Und so sehr mich die Vision aus Star Trek begeistert: Ich hoffe, dass auch im 23. Jahrhundert Glaube und Religion noch weiter Gutes bewirken können.

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18AUG2021
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„Endlich ist die neue Lieferung Engel angekommen.“ Das sagt meine Kollegin. Sie arbeitet mit mir in der Kirchengemeinde und letzte Woche hat sie einen unserer letzten Engel hergegeben. Ich meine kleine Engelsfiguren aus Olivenholz. So richtige Handschmeichler, die man in der Tasche haben und immer wieder berühren kann. Wir verschenken die Engel an diejenigen, die gerade was zum Festhalten brauchen: an Menschen, die krank sind oder die um jemanden trauern. Wenn das Leben ins Wanken gerät, tut es gut, wenn man sich an etwas festhalten kann.

Die katholische Kirche feiert heute den Namenstag der heiligen Helena. Sie hat im 4. Jahrhundert in Rom gelebt und ist eine Heilige, für die das Handfeste auch wichtig war. Sie hat eine Wallfahrt nach Jerusalem gemacht. Von dort hat sie Reliquien mitgebracht, also Gegenstände, die verehrt werden, weil sie in Kontakt mit Heiligen oder sogar mit Jesus gewesen sein sollen: etwa die Dornenkrone oder Teile des Kreuzes Jesu. Also auch ganz handfeste Dinge, die man anfassen und festhalten kann. Natürlich zweifeln Historiker, ob die Sachen alle echt sind. Aber Reliquien und religiöse Gegenstände faszinieren bis heute. Und ich kann verstehen, dass man manche Dinge auch berühren oder zumindest sehen möchte.

Für viele Menschen ist es im Glauben wichtig, etwas in der Hand zu haben. Religion muss nicht nur geistig und verkopft sein und ist mehr als alte Texte und abstrakte Gedanken. Glaube hat mit dem ganzen Körper zu tun. Wenn ich bei einem Problem nicht weiter weiß oder wenn ich Angst um jemanden habe, hilft es mir, in der Kirche eine Kerze anzuzünden. Davon wird nicht alles wieder gut, aber ich hab in meiner Verzweiflung etwas gemacht.

Auch im Gottesdienst werden alle Sinne angesprochen. Ich höre den mächtigen Klang der Orgel, ich rieche den Duft von Weihrauch und sehe die bunten Kirchenfenster. Dazu bin ich mit Stehen, Sitzen oder Knien immer in Bewegung. Glaube ist für mich etwas Sinnliches und etwas, das mir Halt im Leben gibt. Und ich finde es schön, das immer wieder handfest zu spüren. Zum Beispiel auch mit einem kleinen Engel aus Olivenholz.

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17AUG2021
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Zeitreisen sind möglich. Also zumindest ein Bisschen. Jedenfalls habe ich neulich im Auto eine kleine Zeitreise gemacht – 30 Jahre in die Vergangenheit: Im Radio lief das Lied „The boxer“ von Simon und Garfunkel. Ich weiß noch genau, wann ich diese Musik zum ersten Mal gehört habe. Ich war acht Jahre alt und auf meinem ersten Pfadfinderlager. Obwohl es schon so lange her ist, waren bei mir im Auto, als ich das Lied wieder mal gehört habe, die ganzen Erinnerungen wieder da. Ich hatte sogar den Geruch von Wald und Lagerfeuer wieder in der Nase. Nur durch die Musik hab ich mich in die Zeit versetzt gefühlt.

Es geht mir bei anderen Liedern genauso: Bei Musik, die ich gehört habe, als ich endlich glücklich verliebt war oder beim Motto-Song meines Abiturjahrgangs. Da kommt auch heute noch richtige Feierstimmung in mir auf. Und wenn ich das Osterlied „Christ ist erstanden“ singe, denke ich sofort an die Beerdigung eines Verwandten und bin gerührt.

Musik erinnert mich an prägende Erfahrungen. An die besonderen Momente, die mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin. Und wenn ich diese Lieder höre, erinnere ich mich eben nicht nur ein bisschen in Gedanken, sondern so stark, dass meine Gefühlswelt, die Gerüche und Geschmäcker von damals sogar wieder da sind.

Ich habe eine Liste mit diesen Liedern gemacht und als ich fertig war, habe gedacht: Ja, das ist so etwas wie der Soundtrack meines Lebens. Wenn mein Leben ein Film wäre, wäre das die passende Hintergrundmusik.

Ich finde, es lohnt sich, so eine Liste mit den ganz persönlichen Lebensliedern aufzuschreiben. Mir tut das gut: Wenn ich mir meine Lieder so ansehe oder auch anhöre, hilft mir das beim Erinnern. Mir wird deutlich, dass ich durch schwierige Phasen irgendwie durchgekommen bin. Meine Lieder lassen mich die Höhepunkte und Freudenmomente nochmal erleben, und auch die traurigen Momente klingen noch einmal an. Mein Soundtrack hilft mir, dass ich mein Leben wertschätze. Und er gibt mir Perspektive: Ich schaue nach vorn und bin gespannt, welche Lieder in den nächsten Jahren beim Soundtrack meines Lebens noch dazukommen.

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16AUG2021
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Meine Familie und ich bekommen auf unserem Balkon gerade viel Besuch. Es summt und brummt, denn Bienen, Hummeln und viele andere Insekten fliegen bei uns ein und aus. Und ein großer Blumentopf zieht sie ganz besonders an. Es ist unser Ostertopf. Darin haben wir genau an Ostern eine bunte Blumenmischung gepflanzt. Inzwischen wächst darin eine richtige kleine Blumenwiese. Die ersten Blüten sind zwar schon verwelkt, aber das macht nichts.

Mir gefällt unser Topf, denn so blüht Ostern noch lange weiter und ich denke auch noch mitten im Sommer daran, was wir an Ostern in der Kirche gefeiert haben: Dass am Ende nicht alles vorbei ist, sondern dass die Verstorbenen aufgehoben sind bei Gott. Dass das Leben stärker ist als der Tod.

Im Kleinen konnten wir etwas in unserem Blumentopf beobachten: Erstmal war nur braune Erde zu sehen. Es sah ziemlich tot aus und es hat gedauert, bis die Samen aufgegangen sind und das Leben durchkam. So ähnlich wird es wohl auch bei den Jüngerinnen und Jüngern von Jesus gewesen sein. Nach dem Karfreitag war erstmal alles trostlos. Die Nachricht von der Auferstehung musste sich erst verbreiten und es hat gedauert, bis die Jünger sich dann freuen konnten.

Blumen und Ostern passen gut zusammen und deshalb gehören sie für mich auch bei einer Beerdigung dazu. Wenn ich Blütenblätter ins offene Grab streue oder später das Grab bunt bepflanze, drücke ich damit meine Dankbarkeit für das aus, was schön und gelungen im Leben war. Und so wie die prächtigen Blumen aus unscheinbaren Samenkörnern gewachsen sind, kann das, was uns die Verstorbenen an Gutem mitgegeben haben, vielleicht auch irgendwann aufgehen oder noch weiter wachsen. Ich denke zum Beispiel an meine Großtante und meinen Großonkel. Die beiden sind voller Liebe und Humor miteinander umgegangen. Das fand ich schon als Kind toll und wünsche mir das für meine Ehe auch. Ich hoffe, dass diese Samen, die die beiden in meinem Leben gelegt haben, noch richtig zum Blühen kommen.

Blumen sind für mich ein Zeichen des Lebens und der Auferstehung. Vieles, was jetzt noch irgendwo vergraben schlummert, kann aufgehen und wachsen. Daran erinnert mich unser Ostertopf, mitten im Sommer.

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