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SWR Kultur Wort zum Tag
Weil ich viel zu viel sitze, gehe ich seit einiger Zeit ins Fitnessstudio. Und ich merke, es tut mir gut. Allerdings komme ich mitunter auch an meine Grenzen. Die Muskeln schmerzen und die Kraft lässt nach. Die Trainer sagen dann immer: „Da geht noch was!“.
Einerseits stimmt es. Meistens bin ich nicht am Ende, sondern an der Stelle, an der ich die Komfortzone verlassen muss. Zwei Wiederholungen mehr. Etwas ruhiger. Ausatmen. Und tatsächlich: Über Wochen bauen sich Kraft und Kondition auf und ich staune, was plötzlich möglich ist. „Da geht noch was“ ist dann kein Drill, sondern ein freundlicher Schubs aus der Komfortzone.
Andererseits gilt auch: Der Körper hat Grenzen, und er signalisiert sie. Nicht jedes Ziehen ist „Training“, manchmal ist es auch ein Warnsignal. Darum gehört zu dem Satz im Fitnessstudio ein zweiter: Hör hin. Hör auf deinen Körper. Maß halten ist keine Schwäche, sondern Weisheit.
Das hat auch eine theologische Dimension. Es gibt Tage, da fühle ich mich innerlich wie nach der letzten Wiederholung am Gerät: müde, kraftlos. Und doch: Im Vertrauen auf Gott entdecken Menschen eine erstaunliche Ausdauer. Paulus bringt es in einem Satz auf den Punkt: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht“ (Phil 4,13). Manchmal ist das genau der leise Mut, den ich brauche: Nicht aufgeben. Noch einen Schritt. Noch ein Wort. Da geht noch was.
Aber Gott ist kein Trainer mit Stoppuhr, der immer nur mehr will. Er überfordert nicht, und er liebt nicht nach Leistung. Paulus hört von Christus: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2 Kor 12,9). Das ist Befreiung: Ich muss nicht beweisen, dass ich stark bin, um zu zählen.
Und dann bekommt „Da geht noch was!“ einen ganz anderen Klang. Nämlich im Blick auf Liebe und Vergebung. Wo ich denke: „Das ist vorbei, das kann nicht mehr werden“, sagt Gott: Doch. Da geht noch was. Ein Neuanfang ist möglich. Ein Schritt aufeinander zu. Und manchmal auch: mir selbst vergeben, weil Gott längst nicht aufgehört hat, mir etwas zuzutrauen.
Vielleicht ist das die beste Trainingsform des Glaubens: mutig werden, ohne hart zu werden. Grenzen achten, ohne aufzugeben. Lieben, wo es leichter wäre, abzuwinken. Und wenn heute etwas schwer wird – innerlich oder äußerlich –, dann höre ich beides zugleich: Hör hin. Und: Da geht noch was!
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„Kommt! Bringt eure Last.“ Unter diesem Motto feiern heute Menschen in über 150 Ländern den Weltgebetstag. Die Gottesdienstordnung wird immer von Frauen verschiedener Kirchen aus einem anderen Land vorbereitet. In diesem Jahr aus Nigeria.
Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Mit 230 Millionen Einwohnern, vielen Ethnien, mehr als 500 Sprachen und der jüngsten Bevölkerung weltweit, nur 3% sind über 65 Jahre alt. Was für ein Potential! Viele Kulturen, Sprachen und Religionen prägen den Alltag. Dank der Öl-vorkommen ist das Land wirtschaftlich stark, mit boomender Musik- und Filmindustrie. Allerdings sind Reichtum und Macht ungleich verteilt.
In Nigeria werden Einkäufe und Waren von Männern, Kindern, aber vor allem von Frauen auf dem Kopf transportiert. Wenn ich das sehe, staune ich immer: Wie schaffen die das? Das muss doch ungeheuer schwer sein! Und es gibt auch andere Lasten, die schwer wiegen: Angst vor islamistischen Terrorgruppen wie Boko Haram, Sorge um das tägliche Auskommen, Umweltverschmutzung durch Ölindustrie und Klimawandel führen zu Hunger. Armut, Perspektivlosigkeit und Gewalt sind erdrückende Lasten, die das Leben der Menschen dort schwer machen.
„Kommt! Bringt eure Last.“ Das ist die Kurzfassung einer Einladung, die Jesus im Matthäusevangelium an alle richtet, die schwer zu tragen haben: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken“. Jesus verspricht nicht, dass Lasten einfach verschwinden. Aber er bietet an, sie nicht allein tragen zu müssen. Er spricht von einem Joch, das entlastet – weil es gemeinsam getragen wird. Zusammen mit ihm. Denn er trägt mit.
Vielen Menschen in Nigeria schenkt ihr Glaube Hoffnung. Am Weltgebetstag teilen christliche Frauen von dort diese Glaubenshoffnung weltweit mit – in Gebeten, Liedern und berührenden Lebensgeschichten. Sie berichten vom Mut alleinerziehender Mütter, von Stärke durch Gemeinschaft, vom Glauben inmitten der Angst. Und von der Kraft, selbst unter schwersten Bedingungen durchzuhalten und weiterzumachen.
„Kommt! Bringt eure Last.“ Das ist doch eine großartige Einladung. Einfach kommen dürfen. Mit der eigenen Last. Mit unseren Sorgen um die Welt, um andere, um uns selbst. Und darauf vertrauen, dass Gott trägt. Uns und diese Welt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43940SWR Kultur Wort zum Tag
„Die Wege Gottes sind wie ein hebräisches Buch, das man nur von hinten lesen kann.“ Der Satz wird Martin Luther zugeschrieben.
Er greift ein simples Bild auf: Hebräisch liest man von rechts nach links; was für uns im Deutschen „vorn“ ist, liegt dort „hinten“. Übertragen heißt das: Gottes Handeln erschließt sich selten im Augenblick. Oft verstehen wir erst im Rückblick, was uns getragen, bewahrt oder auch zurechtgerückt hat.
Vorwärts gehe ich meinen Weg oft wie im Nebel. Ich sehe den nächsten Schritt, vielleicht die nächste Kurve – aber nicht die Landschaft dahinter. Rückwärts, im Erinnern, lichtet sich manchmal der Nebel. Dann merke ich: Da war mehr Sinn, mehr Führung, mehr Geduld, als ich damals zu hoffen wagte. So geht es mir auch, wenn ich ein Buch am Schluss zuschlage und plötzlich verstehe, warum die Kapitel davor so spannend, so schmerzhaft, so widersprüchlich gewesen sind.
Ein Freund von mir hat das in drastischer Weise erfahren, als er unerwartet seine Arbeitsstelle als Manager verloren hat. Das war richtig schlimm für ihn. Monate später hat er mir dann erzählt: „Gerade diese Krise hat mich gezwungen, neu zu fragen: Wofür brenne ich? Was ist mir wirklich wichtig?“ Und aus der Not wurde für ihn ein neuer Beruf, ja sogar eine Berufung. Er ist Einrichtungsleiter in einem Sozialunternehmen geworden – nicht, weil die Kündigung „gut“ gewesen wäre, sondern weil Gott in der Bruchstelle Raum geschaffen hat: für Mut, für einen neuen Weg, den er ohne diese Krise wohl nie betreten hätte.
Was hilft im Heute, wenn ich noch „vorwärts“ lesen muss? Mir hilft es, mir abends Zeit zu nehmen und zu fragen: Wo hat Gott mich heute gehalten? In einem Wort, das mich aufgerichtet hat. In einem Menschen, der da war. In einer Gefahr. Und dann sage ich danke. Und übe so, die Handschrift Gottes zu erkennen – nicht als Beweis, sondern als Spur in meinen Tagen.
Darum liegt in Luthers Satz Hoffnung: Mein Leben ist nicht ein wirres Durcheinander, das ich allein zusammensetzen muss. Gott schreibt eine Geschichte, die ich heute nur stückweise entziffern kann. Diese Gewissheit gibt mir Glaubenskraft für die Höhen – dankbar zu erkennen, wer da schenkt. Und für die Tiefen – auszuhalten, was ich noch nicht verstehe, im Vertrauen: Es wird einmal lesbar werden. Vielleicht nicht alles. Aber genug, um sagen zu können: Ich war gehalten.
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„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – dieses alte Adventslied klingt wie ein Ruf aus tiefster Seele. Es ist kein leiser Wunsch, sondern ein regelrechter Schrei. Nach Hilfe, nach Beistand, nach Trost. Für diese Welt, für das eigene Leben. Viele erzählen mir, dass sie die Nachrichten von Krieg und Gewalt und verdrehter Wahrheiten kaum noch aushalten können. Und andere wie einsam sie eigentlich sind.
„Reiß die Himmel auf“ – das ist die Bitte, dass etwas geschieht, das wir mit unseren menschlichen Möglichkeiten nicht herstellen können. Wie würde das aussehen, wenn der Himmel sich öffnet?
Ich stelle mir das so vor:
Am Horizont erscheint ein winziger, heller Spalt. Wie an einem dunklen, kalten Wintermorgen, wenn die Sonne erst spät aufgeht. Und alles sieht auf einmal anders aus.
Oder eine Frau hat schon lange keinen Besuch mehr erhalten. Erst ist es ihr gar nicht aufgefallen, dass sie immer einsamer wurde, dann hat sie gedacht, es würde jetzt immer so bleiben. Und dann klingelt doch plötzlich eines Tages die ehemalige Nachbarin, kommt herein und legt ihren Mantel ab. Es macht ihr nichts aus, dass es keinen Kuchen gibt. Sie setzt sich trotzdem an den Tisch, schweigt, hört zu. Und die Frau spürt zum ersten Mal wieder Wärme. Nähe. Hoffnung.
Wenn der Himmel sich öffnet, dann berührt Gottes Welt unsere Welt. Das Himmelreich bleibt nicht im Unsichtbaren, sondern findet einen Weg in unseren Alltag: sanft, unscheinbar, aber wirksam. Dieses alte Adventslied hat viele eindrückliche Bilder dafür: Der Tau, der Pflanzen und Erde benetzt, das Ausschlagen der Bäume und Sträucher im Frühling, der Sonnenstern, der mit seinem Licht die Welt erhellt.
All diese Bilder stehen für die Erwartung im Advent, dass Gott sich zeigt. Für diese Welt und für uns. Dass der Himmel eben nicht verschlossen bleibt über Krieg und Hass, Krankheit und Einsamkeit, persönlichen Sorgen und globalen Konflikten.
Der Himmel öffnet sich, wenn ein Mensch Trost erfährt – manchmal durch ein Wort, das zur rechten Zeit gesagt wird. Wenn Vergebung geschieht, obwohl alles nach Strafe ruft. Wenn Menschen sich aufrichten, die gebeugt waren. Wenn jemand Licht in das Chaos eines anderen bringt. Das sind die Momente, in denen Himmel und Erde sich berühren. Und einer spüren kann: Gott ist nah.
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„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – es ist mein liebstes Adventslied, und schon das erste Bild lässt mich nicht los: ein aufgerissener Himmel. Das klingt erst einmal brutal. Was aufgerissen wird, tut weh. Da ist Gewalt im Spiel. Ich höre darin die verzweifelten Schreie von Menschen, die unter Krieg und der Zerstörung ihrer Heimat leiden. Ich höre aber auch umgekehrt Gottes Schmerz über den Zustand seiner Schöpfung, weil er im Himmel, nicht unberührt zuschaut, sondern sich verletzen lässt, verwundbar macht – für uns.
Und genau an dieser Stelle beginnt für mich der Advent: Wo etwas aufreißt, kann auch Licht durchdringen. Manchmal sieht man das nach einem Gewitter: Lauter dunkle Wolken, und plötzlich ein Riss, ein heller Streifen, der den ganzen Himmel verändert.
Und wenn es in der ersten Strophe weiter heißt: „Herab, herab vom Himmel lauf“, dann entsteht in mir das Bild, dass Gottes Himmelskraft und Lebenssaft zur Erde fließt. Nicht als rohe Gewalt, sondern als sanfte Feuchtigkeit, wie ein Tau, auf ausgedörrter Erde. Wenn unsere Welt ausgetrocknet ist von Hassreden, Dauerkrisen, Sozial- und Leistungsdruck – wenn Menschen innerlich ausgebrannt sind, müde, zynisch, hoffnungslos – dann ist dieser „Tau“ ein starkes Bild für Gottes Kraft. Langsam weckt er wieder Leben, löst starre Fronten, macht Begegnungen zwischen Menschen wieder fruchtbar: O Gott, ein Tau vom Himmel gieß …“.
Dann kann sogar im Jammertal, wie das Lied das Leben auf der Erde beschreibt, die Erde ausschlagen wie im Frühling. Ich sehe es bildlich vor mir: Ein rissiger Boden, trocken, grau. Und dann, wie aus dem Nichts, eine kleine, zarte Blume, die den Asphalt sprengt. Das Lied sagt: Genau so kommt der Heiland. Unscheinbar, verletzlich, aber unaufhaltsam. Für unsere Zeit könnte das heißen: Hoffnung beginnt vielleicht nicht in den großen Programmen, aber in den leisen Anfängen – dort, wo einer nicht aufgibt, wo jemand einem anderen die Hand reicht, wo eine trotzdem hofft, liebt, glaubt.
Ich glaube, das ist der Advent, den ich heute brauche: Ich muss die Risse in meinem Leben und in der Welt nicht verstecken. Ich kann sie Gott hinhalten. Und glauben: Durch genau diese Risse fällt sein Licht. Strömt seine Kraft. Hinter dem aufgerissenen Himmel steht kein leerer Raum, sondern ein offenes Herz. Gottes Herz für diese Welt – und für mich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43354SWR Kultur Wort zum Tag
„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – so beginnt eines meiner liebsten Adventslieder. Für mich steht es wie kein anderes für diese besondere Zeit im Kirchenjahr. Wenn ich die ersten Töne höre, bin ich sofort „im Advent“: und zwar nicht im Lichterglanz der Kaufhäuser und Fußgängerzonen, sondern in einer tiefen, sehnsüchtigen Erwartung, dass Gott selbst kommt in unsere Welt.
Der Text ist vierhundert Jahre alt und führt uns zurück in die Zeit des 30jährigen Krieges. Friedrich Spee, dem der Text des Liedes zugeschrieben wird, war Seelsorger mitten im Krieg, in Not und Hexenverfolgung – und einer der mutigsten Kritiker der Gräuel, die er da mit ansehen musste.
Sein Lied erscheint um 1622, zunächst anonym, als Gebet derer, die im Elend um Gottes Kommen rufen. Die Melodie ist etwas jünger und aus einem Gesangbuch von 1666 überliefert.
Die erste Strophe bringt das Grundthema auf den Punkt:
„O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf;
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.“
Ein Gebet, ein flehentlicher Ruf. Da rüttelt einer mit Worten an der Himmelstür. Reiß auf! Reiß ab! Denn die Kriegszeit und der Hexenwahn, Not und Elend der Zeit legen die bittere Erfahrung nahe: Der Himmel scheint verschlossen, Gott selbst ewig weit weg, als hätte er die Welt und ihre Nöte von sich weggesperrt. Und gleichzeitig gibt es diese große Sehnsucht, dass Gott, diese Trennung doch endlich durchbrechen möge. Er soll kommen, um die Zustände auf der Erde zu verändern!
„Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.“
heißt es in der vierten Strophe. Wer so betet, wer so singt, hat die Welt noch nicht aufgegeben, sondern hält an Gott fest. Trotz allem Elend.
„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – das ist kein höflicher Wunsch, sondern ein mutiger Protestruf gegen die ewige Kluft zwischen Himmel und Erde. In diesem Ruf steckt die Weigerung, sich mit der Finsternis abzufinden. Und zugleich wächst die leise Hoffnung: Wenn Gott selbst den Riegel löst, dann bleibt unsere Welt nicht, wie sie ist – dann kann ein neuer Advent beginnen. Auch heute. Mitten in unserer Zeit und in unserem eigenen Leben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43353SWR Kultur Wort zum Tag
„Gerade da, wo die Philosophie scheitert und die Vernunft sich hinter den Ohren kratzen muss, wo man ein Sausen hört, aber nicht weiß, woher es kommt und wohin es fährt – gerade da vermute ich Gottes Finger.“
So schreibt der Dichter Matthias Claudius im 18. Jahrhundert. Und ich merke: Das spricht mir aus der Seele.
Wir leben in einer Welt, die alles erklären will. Für jede Frage eine Antwort. Für jede Unsicherheit ein System. Und doch gibt es diese Momente, in denen ich merke: Das kann nicht alles sein. Da ist mehr. Mehr als wir Menschen wissen. Mehr als wir berechnen können. Etwas entzieht sich. Rutscht durch die Finger. Und genau da beginnt für mich der Raum des Glaubens.
Ich erinnere mich an einen Moment auf einer Wanderung. Frühmorgens, Nebel im Tal, die Sonne noch nicht da. Es war still. Und doch war da etwas. Ein Hauch. Wie ein sanftes Sausen. Nicht sichtbar, nur spürbar. Aber da. Kein Beweis. Kein Gedanke. Nur Gegenwart. Und ein Staunen, das mich durchdrungen hat. Als hätte jemand leise seine Hand auf meine Schulter gelegt.
In solchen Momenten spüre ich diesen „Finger Gottes“. Nicht als Eingreifen mit Gewalt. Sondern als leise Berührung. Die Bibel kennt solche Geschichten. Von Elia wird erzählt, dass er Gott nicht im Sturm, nicht im Feuer, sondern in einem „stillen, sanften Sausen“ begegnet.
Manchmal muss sich auch unsere Vernunft „hinter den Ohren kratzen“. Wenn das Leben nicht aufgeht. Wenn wir keine Erklärung haben für Schmerz, für Schönheit, für Wunder. Dann beginnt ein anderes Verstehen. Ein Verstehen des Herzens. Der Stille. Der Beziehung.
Auch in unserer Zeit, in der sich so vieles beschleunigt, in der das Laute über das Leise zu triumphieren scheint, sind solche Momente möglich. Vielleicht gerade dann, wenn wir nicht mehr alles verstehen müssen. Wenn wir die Kontrolle verlieren – oder sie bewusst loslassen. Und Gott nicht als Erklärung suchen, sondern als Gegenwart.
Ich glaube: Glaube lebt nicht vom Wissen. Sondern vom Wahrnehmen. Vom Hinhören. Vom Aushalten des Nicht-Wissens. Und von der Hoffnung, dass mitten darin Gott spürbar wird.
Nicht beweisbar. Aber da.
Wie ein Sausen im Wind.
Wie ein Finger, der etwas in mein Leben schreibt. Ganz leise.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42934SWR Kultur Wort zum Tag
„Beim Glauben geht es nicht darum, Beweise zu haben. Es geht darum, was dich aufrecht hält, wenn es keine Beweise mehr gibt.“
Diesen Satz hat mir einmal jemand gesagt. Und er ist geblieben. Nicht, weil er besonders klug oder originell klingt. Sondern weil er so ehrlich ist. So nüchtern. Und zugleich so tröstlich.
Ich wünsche mir oft Gewissheit. Beweise, schwarz auf weiß, für das, was ich glaube. Dass es Gott gibt. Dass Gebete etwas verändern. Dass mein Leben einen Sinn hat. Aber manchmal stehe ich da – und sehe: nichts. Keine Spur von Gott. Keine Antwort. Nur Fragen. Und Zweifel.
In solchen Momenten wird mein Glaube aber nicht weniger wichtig. Sondern vielleicht erst richtig bedeutsam. Weil er dann nicht mehr nur eine Theorie ist. Sondern etwas, das trägt. Mich aufrecht hält.
Ich denke an eine ältere Frau aus der Gemeinde. Ihr Mann war gestorben. In der Kirche saß sie allein in der letzten Bank. Immer mit Tränen in den Augen. Und doch kam sie jeden Sonntag. Ich habe sie einmal darauf angesprochen. Da hat sie gesagt: „Ich komme, weil ich sonst nicht mehr weiß, wie ich durch die Woche kommen soll.“
Kein Beweis für Gottes Gegenwart. Kein Wunder, das ihre Tränen in ein Lachen verwandelt hätte. Aber etwas, das sie gehalten hat.
Auch die Bibel erzählt von Menschen, die diesen Glauben erfahren: Abraham zum Beispiel, bricht auf, – ohne Ziel, ohne Beweis, nur mit einer Verheißung im Herzen. Oder Hiob: Er verliert alles, Besitz, Gesundheit, Familie – und lässt trotzdem nicht los! Oder Jesus selbst: Er schreit am Kreuz, dass er sich verlassen fühlt. Und sagt doch: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“
Glaube ist nicht immer stark. Manchmal ist er nur ein Versuch, zu glauben. Ein letzter Rest Vertrauen. Ein Gebet in der Nacht. Ein Schritt weiter – ohne zu wissen, wohin.
Aber vielleicht ist gerade das der tiefste Glaube: Nicht, wenn ich alles verstehe, sondern wenn ich trotzdem nicht aufhöre zu hoffen. Wenn ich mich halten lasse – von etwas, das größer ist als ich selbst. Von einem Gott, der nicht beweisbar ist. Aber erfahrbar. Im Rückblick. In stillen Momenten. In der Kraft, weiterzugehen. Im Mut, nicht aufzugeben.
Ich glaube heißt nicht: Ich weiß alles. Sondern: Ich bleibe. Ich gehe weiter. Ich halte mich fest. An dem, der mich hält.
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Wir leben in einer Sicherheitsgesellschaft. Soziale Absicherung, Krankenversicherung, Rentensystem, Wohlstand und Vorsorge – vieles ist darauf angelegt, Risiken zu vermeiden, Krisen abzufedern, die Kontrolle zu behalten. Und vielleicht liegt deshalb auch der Wunsch nach einem Gott nahe, der genau so funktioniert: wie ein göttlicher Notfallplan. Ein Deus ex machina – das war im antiken Theater die Figur, die am Ende mit einem Kran auf die Bühne „herabgefahren“ kam, um das Chaos der Handlung mit einer letzten Wundergeste aufzulösen. Alles wird gut. Einfach so.
Aber der Gott, den Jesus zeigt, wirkt anders. Kein Eingreifen von oben, kein Retten per Kran. Sondern Herunterkommen in unsere Wirklichkeit. In das Chaos. In das Leiden. In die Ohnmacht. In das Sterben. Und genau das ist so schwer zu glauben: an einen Gott, der sich nicht als Sieger präsentiert, sondern als Verwundeter. Der nicht verhindert, dass wir leiden, sondern stillhält. Aber mittendrin ist. Als nah und tragend erlebt wird.
Ich frage mich: Hat dieser Gott eine Chance? In einer Welt, in der das Starke so viel zählt? Das Effektive, das Schnelle, das Nützliche? Vielleicht hat er es tatsächlich schwer. Und doch glaube ich: Genau dieser Gott ist es, der bleibt, wenn alle Sicherheiten bröckeln. Dann trägt nämlich keine Theorie mehr – nur noch Beziehung. Und dieser Gott sucht Beziehung, sucht Nähe. Nicht zu einer perfekten Version von uns Menschen. Sondern zu denen, die wir wirklich sind. Auch im Zweifel. Auch in der Angst. Gerade in der Ohnmacht. Im Leben. In dieser Welt.
Der von den Nationalsozialisten eingesperrte Theologe Dietrich Bonhoeffer hat dies im Gefängnis erfahren, wie seine Briefe eindrücklich belegen. Es ist gerade dieser Gott, an dem er festhält, wenn er schreibt: „Gott ist schwach und ohnmächtig in der Welt, und genau so, auf keine andere Art, kann er bei uns sein und uns helfen.“
Wenn ich das ernst nehme, gerade in diesen Zeiten – mit Kriegen, Krisen, Klimakatastrophe – brauche ich, so glaube ich, keinen Über-Gott, der alles repariert. Sondern einen Gott, der mitgeht. Der mitfühlt. Der mitträgt. Der in der Nacht nicht einfach das Licht anknipst, aber still bei mir bleibt. Und gerade darin Hoffnung wachsen lässt. Ganz leise. Ganz echt.
Kein Kran-Gott. Sondern ein Kreuz-Gott. Und genau deshalb: Ein glaubwürdiger Gott.
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„Hoffnungslosigkeit können sich nur diejenigen leisten, die alles haben.“
Diesen Satz hat Pirmin Spiegel gesagt. Er war viele Jahre als Priester in Brasilien tätig und dann als Hauptgeschäftsführer von Misereor, einer weltweit tätigen katholischen Hilfsorganisation. Der Satz hat sich mir eingebrannt.
Es klingt provokant – und ist es auch. Ich fühle mich ertappt: Ich lebe in einer Überflussgesellschaft, die alles hat und doch immer wieder feststellt: Es reicht nicht. Und wenn nichts fehlt, außer Sinn – dann kann sogar Hoffnung überflüssig erscheinen.
Aber stimmt das wirklich? In Westeuropa leben wir in einem System, das von Konsum, Verfügbarkeit und scheinbarer Selbstoptimierung geprägt ist. Wenn alles erreichbar scheint, wird der Mangel zur persönlichen Niederlage. Hoffnungslosigkeit ist dann kein Luxus, sondern im Gegenteil ein ständiger Begleiter.
In vielen Regionen der Welt, besonders im globalen Süden, sagt Pirmin Spiegel, ist Hoffnung hingegen oft das Einzige, was Menschen noch besitzen. Hoffnung auf sauberes Wasser, auf Bildung, auf Frieden, auf eine sichere Bleibe. Und auch: Hoffnung auf Gott. Diese Hoffnung ist Halt und Kraftquelle, ein kostbares Gut, das Menschen leben und überleben lässt. Aller Not und allem Leid zum Trotz.
Ich bin mir nicht sicher, ob sich Hoffnung und Hoffnungslosigkeit so pauschal zuteilen lassen, wie das Zitat es nahelegt. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass auch Menschen, die scheinbar alles haben, Hoffnung brauchen. Dringend sogar.
Denn auch Besitz macht Sinnfragen nicht überflüssig. Erfolg füllt nicht die Seele. Fortschritt ersetzt keine Liebe. Hoffnung ist nicht Luxus, sie ist existenziell – für alle. Gerade in Zeiten, in denen vieles aus den Fugen zu geraten scheint.
Und im Glauben öffnet sich eine Hoffnung, die nicht nur auf morgen oder ein besseres Leben vertröstet, sondern eine Tiefe aufmacht, die mich im Hier und Jetzt trägt. Die Bibel spricht von einer Hoffnung, „die nicht zuschanden werden lässt“ (Röm 5,5). Es ist die Hoffnung, dass Gott gegenwärtig ist – in jeder Krise, jeder Not, jedem Zweifel, jedem Scheitern.
Wer glaubt, hat nicht automatisch weniger Probleme. Aber er hat jemanden, der mitgeht. Der sagt: Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir. Diese Hoffnung kann sich jeder leisten.
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