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07SEP2022
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„Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Das bete ich täglich im Vaterunser. Dabei sitzeich jeden Tag mehrfach vor gefüllten Tellern. Ich genieße es, samstags über den Markt zu schlendern und einzukaufen. Und jetzt im Herbst freue ich mich wieder darauf, nach einer langen Wanderung einzukehren und einen Zwiebelkuchen zu essen. Wenn mich zwischendurch mal der Hunger plagt, muss ich nur die Kühlschranktür öffnen. Was für ein wundervolles Gefühl, dass jederzeit alles zur Verfügung steht.

Wir leben in einem Land, in dem sich die meisten jeden Tag satt essen können. Viele hungern höchstens freiwillig. Für die Gesundheit oder die Figur. Und doch gibt es auch bei uns immer mehr Menschen, die eben nicht satt werden, nicht genug zum Leben haben. Oder nicht das essen können, was ihnen am meisten schmeckt, sondern das nehmen, was gerade günstig ist oder was die örtliche Tafel noch im Angebot hat.

Erst recht in anderen Ländern und Regionen. Dort herrscht ständig Mangel an ausreichend Essen und sauberem Trinkwasser. Weizen ist weltweit eine Mangelware. Der Krieg in der Ukraine hat dies noch verschärft. In manchen leeren Regalen der Lebensmittelgeschäfte macht es sich auch bei uns bemerkbar.

Und es wird auch zu spüren sein, wenn wir vielleicht bald am eigenen Leib erfahren, dass im Winter zum sattsein auch eine warme Wohnung dazu gehört.

Die vierte Bitte im Vaterunser „unser tägliches Brot gib uns heute“ hat auch heute noch ihre Dringlichkeit. Denn satt werden ist nicht selbstverständlich. Allen modernen Anbau- und Verarbeitungstechniken, Handelsnetzen und Lieferketten zum Trotz.

Wir haben es weltweit nicht geschafft, Dürreperioden und Hungersnöte zu verhindern. Im Gegenteil. Mit der Erderwärmung werden sie weiter zunehmen. Auch die Wasserknappheit. Es ist jetzt unsere Aufgabe, etwas dagegen zu tun. Für unsere Kinder und Kindeskinder.

Es braucht ein Umdenken. Hin zu viel mehr Nachhaltigkeit. Und das heißt ganz einfach: weniger an Energie, Strom, Wasser, Produkten verbrauchen. Auch wenn es schon viele Bestrebungen in diese Richtung gibt. Da ist und muss noch viel mehr drin sein!

All das geht mir durch den Kopf, wenn ich vor einem vollen Teller sitze. Ich werde dankbar für das, was ich habe. Ich weiß darum, dass es nicht selbstverständlich ist. Und ich weiß um meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sich die Bitte auch für andere Menschen erfüllt.

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06SEP2022
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Es regnet. Fast hätte ich es nicht gemerkt. Dabei hätte ein Blick aus dem Fenster genügt. Aber ich schaue gerade nicht zum Fenster hinaus. Ich sitze seit geraumer Zeit am PC und schreibe an meiner Predigt. Völlig vertieft in meine Gedanken und darüber wie ich diese am besten zum Ausdruck bringe. Und da fällt mein Blick zufällig auf die kleine Anzeige rechts unten in meiner Taskleiste. Und da steht neben einer kleinen grauen Wolke mit Regentropfen und der Temperaturangabe 22° Grad: Es regnet!

Ich bin doch ein wenig verblüfft. Einerseits über das völlige Vertieftsein in meine Arbeit. Wobei ich es durchaus als gerechtfertigt empfinde, wenn ich mich intensiv mit etwas beschäftigen möchte. Andererseits finde ich es aber auch erschreckend, dass mir mein PC mitteilen muss, dass es draußen regnet. Ich frage mich: Sind wir jetzt schon so weit, dass ich mir per Satellit über ein digitales Endgerät sagen lassen muss, wie das Wetter draußen vor meinem Fenster ist?

Diese kleine Anzeige an meinem PC ist ein automatisch generiertes Angebot von Microsoft. Und nun suggeriert sie mir, lebensweltlich so in meiner digitalen Höhle gefangen zu sein, dass ich erst durch dieses Fenster an meinem PC die Welt da draußen wahrnehme, wie sie ist. Das muss ich innerlich erst mal sacken lassen.

Sicher ist dieser Informationsservice über das gegenwärtige Wetter gut gemeint. Es kann ja durchaus sein, dass mancher im Keller am PC arbeitet. Oder wegen der Hitze den ganzen Tag die Jalousien geschlossen hat. Und auch wenn es nicht so ist, werde ich als Nutzer stets aktuell und rechtzeitig informiert. Und kann, immerhin, diese Information mit meinem eigenen Wahrnehmen und Erleben in einen Abgleich bringen. Manchmal vermeldet mir nämlich mein PC ein „leicht bewölkt“ und in Wirklichkeit sehe ich durch mein „analoges“ Glasfenster, dass es regnet. Das kommt selten, aber eben doch auch mal vor.

Irgendwie bringt mich das wieder zurück zu meiner Predigt. Es geht um die Frage, was eigentlich wichtig ist im Leben. Auch im Blick auf die digitale Technik, die wir nutzen: Was ist Wirklichkeit? Da fällt mir Meister Eckhart ein. Ich meine, er hat den deutschen Ausdruck „Wirklichkeit“ als Übersetzung des lat. „actualitas“ geprägt. Der Begriff hat also seine Wurzeln in der Theologie. Das ist ja interessant. Also – wirklich!

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05SEP2022
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„Jetzt ist es geschehen“, sagt eine Frau zu mir. Wir sitzen bei ihr zu Hause am Küchentisch und sie erzählt mir mit verweinten Augen wie sie gestern abend wie immer noch zusammen mit ihrem Mann Abendbrot gegessen hat, wie sie anschließend im Wohnzimmer einen Film im Fernsehen zusammen angeschaut haben, und dann zusammen ins Bett gegangen und eingeschlafen sind. Und als sie am Morgen aufgewacht ist, war er tot. Einfach so. Eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Ein bisschen hat sie ja damit gerechnet, sagt sie. Er sei schon länger schwach und kränklich gewesen und, ja, auch schon 89 Jahre alt.

Jetzt ist es geschehen. Immer wieder sagt sie diesen Satz. Ihre Hände suchen dabei nach Halt auf dem Tisch. Aber, sagt sie zu mir, nun ist es wie es ist. Und eines ist mir ganz wichtig, deswegen habe ich Sie gleich angerufen, Herr Pfarrer. Ich hätte gerne eine Aussegnung. Hier bei uns zu Hause. Dass er gesegnet wird. Ich glaube, das hilft mir. Damit ich Abschied nehmen kann. Auch wenn ich es noch gar nicht fassen kann.

Gerne komme ich ihrer Bitte nach. Denn ich kann ihren Wunsch gut nachvollziehen. Ich weiß, dass Rituale und Gebete gerade in solch einer Situation Kraft geben können. Die gebundene Form einer Andacht und die biblischen Worte können sehr hilfreich sein. Sie können dem Unfassbaren Sprache geben. Und sie geben Halt. Sie lindern die Hilflosigkeit und Ohnmacht, die man spürt, wenn ein Mensch hat gehen müssen.

Wir sind dann ins Schlafzimmer zu dem Verstorbenen gegangen. Ich habe eine Kerze mitgebracht und sie angezündet. In meiner Andacht habe ich mich auf weniges beschränkt. Und lese unter anderem folgende Verse aus Psalm 139:

Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten,
siehe, so bist du auch da. 
Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten. 

Als wir später wieder am Küchentisch sitzen, hat mir die Frau dann gesagt, wie wichtig ihr dieser Segen war. Und vor allem wie sehr sie diese Verse berührt haben. Diese wunderbare Sprache. Und das Gefühl geborgen zu sein. Das hat in ihr eine große Ruhe ausgelöst. Und Trost gespendet.

Auch für mich ist Psalm 139 einer der schönsten Psalmen der Bibel. Und wohl auch eines der kraftvollsten Gebete der Bibel. Immer wieder berührt es mich, welche Kraft er entfalten kann.

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13AUG2022
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Manche Menschen führen ein Tagebuch. Sie schreiben Tag für Tag auf, was sie erlebt haben, was wichtig war an diesem Tag. Fassen ihre Gedanken und Gefühle in Worte. Und vertrauen es dem Tagebuch an. Manchmal füllt so ein Tag mehrere Seiten, manchmal sind es nur ein paar Sätze, manchmal steht vielleicht auch gar nichts drin.

Auch in der Bibel ist von einem solchen Tagebuch die Rede. Es steht gewissermaßen bei Gott im Regal oder liegt vielleicht auch gerade aufgeschlagen auf seinem Stehpult. In ihm sind, so die Vorstellung, die Erlebnisse und Erfahrungen aller Menschen enthalten. „Und alle Tage waren in dein Buch geschrieben“ heißt es in einem Psalm (Ps 139,16).

Manche mögen diese Vorstellung vielleicht schrecklich finden. Ich finde das einen tröstlichen Gedanken. Dass jeder Tag meines Lebens darin vorkommt. Naja, vielleicht nicht wirklich jeder. Manche Tage waren tatsächlich eher zum Vergessen, einfach nur öde und langweilig. Und bei anderen wäre es mir tatsächlich lieber, wenn niemand von ihnen wüsste.

Aber dass es Gott ist, der um mich und mein Leben weiß, gerade auch um meine Zweifel, Ängste und Nöte an bestimmten Tagen, das ist schon ein gutes Gefühl.

Als mich während des Studiums auf einmal Zweifel überkamen, ob das mit der Theologie wirklich das Richtige für mich ist und ich ständig darüber gegrübelt habe und lange gebraucht habe, bis ich mich dann doch dazu durchgerungen habe, das Examen zu machen, da war es tröstlich zu wissen, dass Gott meine Zweifel lesen konnte.

Genauso gern weiß ich aber unsere vielen Familienfeste in diesem Buch festgehalten.

Herrliche Tage, unbeschwert und fröhlich, mit einem leckeren Essen, gutem Wein, schöner Musik und vielen liebenswerten Gästen. Es ist gut, dass sie festgehalten wurden, denn manchmal vergesse ich, dass es sie gegeben hat.

Aber all diese Tage sind Teil meines Lebens und gehören zu mir. Mit jedem Tag meines Lebens habe ich mich in Gottes Tagebuch eingeschrieben. Mit meinem Lachen genauso wie mit meinem Weinen, mit schönen Tagen in froher Runde wie mit traurigen Tagen, Stunden der Stille und der Einsamkeit. Und ich weiß, in diesem Buch ist kein einziger davon vergessen.

Ich finde, es ist doch eine schöne Vorstellung zu wissen, dass ein Mensch mit seinem Leben Gott so wertvoll ist, dass er sein Leben in einem Buch bei sich festhält. So geht kein einziger verloren.

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12AUG2022
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Die Welt ist ein einziges Wunder. Wenn ich an einem warmen Sommerabend am Strand sitze, und der runde Sonnenball langsam tiefer sinkt, seine Farbe immer mehr verändert, der Himmel rot und röter wird, bis er schließlich am Horizont im Meer versinkt und dann das das tiefe Blau der Nacht den Himmel bedeckt. Dann denke ich: Das alles ist doch eigentlich nicht wirklich zu fassen, zu begreifen. Da kann man nur staunen!

In solchen Augenblicken wird mir immer deutlich, was für ein Wunder es ist, dass auch ich auf dieser Erde lebe, als ein Teil von ihr, jetzt, heute, in dieser Welt, mit all meinen Möglichkeiten.

Dann denke ich manchmal: wie klein und unbedeutend mein Leben doch ist, unter dem weiten Horizont des Himmels, unter dem großen Bogen der Geschichte der Menschheit und erst recht dieser Erde.

Solches Staunen ist wohl der Beginn der Religion. Der Anfang allen Glaubens. Denn mit dem Staunen stellt sich gleichzeitig die Frage, was diese Welt im Innersten zusammenhält. Ich fange an, mich damit auseinanderzusetzen, an wen oder was ich mich mit all der Vielfalt, Großartigkeit und Unfassbarkeit dieser Welt gewiesen weiß.

Das wird auch mit dem Begriff Religion ausgedrückt, einer Ableitung des lateinischen Wortes „re-ligio“ und bedeutet wörtlich Rückbindung. Für mich heißt das: Sich bewusst sein und sich immer wieder neu bewusst darüber werden, dass die eigene Existenz, die Welt, alles Leben nicht einfach nur aus sich heraus besteht.

Natürlich können mir die Naturwissenschaften auch erklären, wie Leben entsteht und was in der Natur wie und warum funktioniert. Zum Beispiel dass Pflanzen mittels Photosynthese Kohlenstoffdioxid in Sauerstoff umwandeln. Die Photosynthese ist einer der zentralsten Vorgänge auf der Erde. Sie ermöglicht unser Leben. Eine einhundertjährige Buche gibt innerhalb von einer Stunde so viel Sauerstoff ab, wie 50 Menschen zum Atmen brauchen. Das ist eine wunderbare Erklärung. Aber eine Antwort auf die Frage nach dem letzten Sinn, warum das so ist, bietet sie, zumindest mir, nicht.

In der Religion und im Glauben an einen Gott, der diese Welt hat werden lassen und sie weiter werden lassen will, finde ich für mich einen Sinn, der über funktionale Erklärungsmuster hinausreicht. Dass da einer ist, dem diese Welt am Herzen liegt. Der Regenbogen mit all seiner Farbenpracht, sagt die Bibel, ist sein Zeichen dafür. Auch darüber kann ich nur staunen!

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11AUG2022
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Bist du noch ganz bei Trost? So fragen wir, wenn Jemand etwas gesagt oder getan hat, über dessen Folgen er oder sie sich wohl nicht ganz im Klaren war.

Z.B. wenn ein Kind sich plötzlich von der Hand der Mutter losreißt, um einfach so über die Straße zu rennen, weil auf der anderen Seite eine Katze ist, mit der es spielen will. Die Mutter ist entsetzt und stellt das Kind zur Rede: Einfach so über die Straße zu rennen! Bist du noch ganz bei Trost? Da hätte weiß Gott was passieren können!

Die meisten werden Situationen wie diese kennen. Gemeint ist, dass Jemand dann nicht bei Verstand, sondern verrückt, verwirrt ist. Und was hat das jetzt genau mit Trost zu tun? Ich schaue im Internet unter Redensarten nach und lerne, dass der Begriff Trost mit „treu“ und „trauen“ verwandt ist und mit innerer Stärke und Festigkeit gleichzusetzen ist. Wer nicht ganz bei Trost ist, ist also geistig nicht gefestigt, nicht ganz bei sich, ein bisschen ver-rückt.

Umgekehrt heißt dann „bei Trost sein“ im positiven Sinn: Ganz bei sich sein, sich treu sein, im Sinne dessen, dass man sich selbst gewiss ist, in dem, was man tut oder gerade nicht tut, sagt oder eben nicht sagt. Im Vertrauen auf den eigenen Verstand, die eigene Erfahrung, oder die von anderen. Man ist sich der Situation bewusst, in der man sich gerade befindet und auch über die Folgen, die damit einher gehen können.

Das ist schön und gut. Aber was, wenn gerade das nicht der Fall gewesen ist? Wenn das Kind, das doch nur mit der Katze spielen wollte, sich zu Tode erschreckt, weil plötzlich ein Auto mit kreischenden Reifen auf es zugefahren kommt?

Da braucht es jemanden, der Trost spendet. Der erst einmal zuhört, wahrnimmt, was geschehen ist, die richtigen Worte findet. Es braucht die Mutter, die nach dem ersten Schrecken das Kind in den Arm nimmt und tröstet, anstatt ihm weiter Vorwürfe zu machen.

Die Bibel sagt, dass auch Gott trösten kann. Dass, wer sich an ihn wendet, getröstet wird. Bei Jesaja, dem Propheten, gibt es eine Stelle, die das besonders eindrücklich zum Ausdruck bringt: Da sagt Gott: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jes, 66,12)

In solch einer Situation von Gott, umarmt, umfangen, gehalten, getröstet zu werden wie ein Kind von seiner Mutter. Ich stelle mir das wunderbar tröstend vor.

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06APR2022
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Ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer geht in diesen Tagen mit mir um: „Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen.“1

Es ist ein starkes Bild, das Bonhoeffer da aufruft. Noch stärker wird es, wenn ich die Umstände bedenke, in denen er es gesagt hat: Als inhaftierter Pfarrer und Widerstandskämpfer gegen das 3. Reich, der in den letzten Tagen des Krieges noch hingerichtet wurde.

Aber hält es auch den Bildern aus der Ukraine stand? Sie zeugen von einer beispiellosen humanitären Katastrophe. Menschen, die wochenlang in Kellern ausharren müssen, ohne genug Lebensmittel, manchmal sogar ohne Leitungswasser. Tage, Nächte voller Angst unter den Bomben und Raketenbeschuss. Ich mag gar nicht an die vielen Kinder denken, die das tagtäglich erleben müssen.

Dieses Leid mit ansehen zu müssen bringt mich an die Grenzen meines Glaubens. Zusammengefasst in der einen Frage: Warum lässt Gott all das zu?

„Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen.“ So antwortet Bonhoeffer.

Seine Worte fallen mir zunächst nicht leicht zu glauben. So auch jetzt. Ich versuche die Dinge aus dem Blickwinkel von Bonhoeffer zu betrachten. Und kann eigentlich nur staunen. Mit welchem Mut die Ukrainer, und ihnen allen voran ihr Präsident, der Invasion der russischen Armee entgegentreten. Mit einer Widerstandskraft, die niemand für möglich gehalten hätte. Es gibt viele Menschen, die Gottseidank Hilfe erfahren, fliehen können, Unterkunft erhalten. So viele Staaten, Einrichtungen und Organisationen bieten Unterstützung und liefern Hilfsgüter. Da ist eine unglaublich große Welle weltweiter Solidarität von so vielen Menschen, die spenden und helfen.

All das kann das Böse nicht ungeschehen machen. Aber es stellt sich ihm entgegen. Mit all jenen Menschen, die Widerstand leisten, die retten und helfen. Es entsteht Zuversicht und Hoffnung.

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Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Hrsg. Von Eberhard Bethge, München 1990, 14. Auflage, S. 19

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05APR2022
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Manchmal hilft nur noch Beten. Wenn ich auf die Ereignisse in der Ukraine schaue, kommt mir dieser Satz unweigerlich in den Sinn. Ich sehe ein Land, das in großen Teilen zerstört ist. Menschen, die unsagbares Leid erdulden. Und habe eine gehörige Wut im Bauch. Nicht gegen Russland und seine Menschen. Aber gegen einen Diktator, der dieses Land einfach überfallen hat und so viel Gewalt und Zerstörung über dieses Land bringt.

Gleichzeitig spüre ich eine große Ohnmacht und Hilflosigkeit. Die Situation ist, im wahrsten Sinne des Wortes, furchtbar komplex. Angesichts der drohenden Gefahr, dass dieser Krieg weiter eskaliert und zu einem Flächenbrand wird, ist jede unbedingt nötige Hilfe für die Ukraine letztlich doch nur bedingt möglich. Das auszuhalten fällt mir schwer.

Denn ich war bis vor kurzem ferst davon überzeugt, dass Gewalt keine Lösung und Frieden schaffen mit Waffen ein Ding der Unmöglichkeit ist. Dafür bin ich auf die Straße gegangen. Und jetzt? Ich bin erschrocken darüber, welches Vokabular sich wie selbstverständlich in die politischen Debatten eingeschlichen hat.

Ich habe das Gefühl, wie ich es drehe und wende, es gibt kein Handeln, das per se und grundsätzlich gut ist. Wenn ich den Frieden mit Waffengewalt zu gewinnen suche, mache ich mich schuldig an den Menschen, denen durch diese Waffen Leid und Tod zugefügt wird.

Und wenn ich den Einsatz von Waffen ablehne, mache ich mich schuldig an den Menschen, die Leid und Tod erleiden, weil sie dadurch schutzlos bleiben und ich sie der Gewalt ausliefere.

Die ethische, moralische und für den, der glaubt, auch theologische Kategorie, die damit untrennbar verbunden ist, ist nicht nur die Frage nach der Gerechtigkeit, sondern vor allem eine Frage der Schuld. Mit jedem Handeln. Und auch mit jedem Unterlassen.

Aus dieser Zwickmühle komme ich einfach nicht heraus. In allem Streben, die Dinge zum Guten wenden zu wollen, bin und bleibe ich gefangen und verstrickt mit allem Bösen, Ungerechten, Unbarmherzigen und Ungenügen dieser Welt, wie auch in mir selbst.

Einer, der das lange vor unserer Zeit erkannt hat, war Martin Luther. Und er hat daraus den Schluss gezogen, dass ich als Mensch eben darum Gott mit seiner ganzen Barmherzigkeit nötig habe. In meinem ganzen Tun und Lassen.

Mir geht es genauso. Mir hilft manchmal nur beten. Nicht erst in diesen Zeiten. Aber jetzt erst recht!

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04APR2022
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„Wenn das mein Vater und meine Mutter noch einmal erleben müssten“, sagt eine über 85jährige alte Frau zu mir. Und dann erzählt sie mir, wie sie als kleines Kind den zweiten Weltkrieg, Flucht und Vertreibung erlebt hat, und dass nun auf einmal all das wieder da ist: Wie sie mit Pferd und Wagen über die zugefrorene Weichsel sind, während andere einbrechen und immer wieder Tiefflieger kommen.

Auch wer diese Zeit nicht selbst erlebt hat: die Geschehnisse in der Ukraine machen betroffen. Erschüttert sehen wir die Bilder von Krieg, Zerstörung und Gewalt. Menschen in Kellern, auf der Flucht. Die Frau, die weinend vor den Trümmern ihres zerbombten Hauses steht, ihr kleines Kind an der Hand.

Und das, weil ein Diktator einem Land, einem Staat und seinen Menschen das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung nicht nur abspricht, sondern mit Gewalt nehmen will. Brutal und herzlos.

Von einem Tag auf den anderen hat sich die Welt verändert. Wer hätte das vor kurzem je gedacht? Es ist Krieg. Mitten in Europa. Und wir sind davon betroffen. In jeder Hinsicht: Von dem ungeheuren Leid, das wir sehen und hören. Von der unsäglichen Ohnmacht, die wir dabei spüren. Vielleicht auch von der eigenen Leichtgläubigkeit und Blindheit, die uns nicht hat sehen lassen, dass so etwas möglich sein könnte. Und der wir uns, seien wir ehrlich, nur allzu gern hingegeben haben. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Ja, wir sind betroffen.

Doch allein unsere Betroffenheit zu äußern, das reicht nicht. Nicht im Blick auf die Gefahr, dass dieser Krieg zum Flächenbrand werden kann. Und auch nicht im Angesicht der Flüchtlinge, der vielen Mütter und Kinder, die ihre Heimat verlassen müssen und nicht wissen, wo sie unterkommen sollen und wie es überhaupt weitergehen soll mit ihnen und ihren Kindern.

 „Mich würde es nicht mehr geben, wenn wir damals nicht so viel Hilfe und Unterstützung bekommen hätten“, sagt die alte Frau. „Dafür bin ich Gott dankbar. Und auch den Menschen, die uns damals geholfen haben. Darum spende ich für die Flüchtlinge. Viel mehr kann ich in

Jesus hat einmal gesagt: Was ihr andern tut, das habt ihr mir getan. Ihr habt mich besucht, mir Nahrung und Kleidung gegeben, ihr habt mir Unterschlupf gewährt.“ Das erlebe ich gerade in überwältigender Weise im Land. Da sind so viele, die spenden, helfen, Unterkunft bieten, beistehen, trösten. So dass Menschen in ihrer Not auch sagen können: Gottseidank, dass wir das erleben dürfen.

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09FEB2022
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Ich habe jetzt gerade überhaupt keine Zeit, sagt Stefan. Lass uns einen Termin ausmachen. Dann haben wir ein Zeitfenster dafür. Ruf mich an! Und schon ist er weg. Eigentlich wollte ich ihn nur kurz fragen, ob er am nächsten Donnerstag nach der Sitzung noch Zeit hätte, um ein paar Organisationsfragen zu besprechen.

Ich stelle fest, es ist gar nicht so einfach mit den Terminen und dem Umgang mit der Zeit. Und wenn ich ehrlich bin, ist es bei mir nicht viel anders. Wenn ich in meinen Outlook-Kalender sehe, ist er voll von Terminen, Projekten, Seelsorgegesprächen und Besprechungen. Lauter Balken, die eng aneinander gereiht sind.

Ein Blick in die Bibel zeigt mir, dass offensichtlich auch Gott einen Kalender gehabt hat, als er sein Megaprojekt „die Erschaffung der Welt“ durchgeführt hat. Wenigstens haben es sich jene Menschen so vorgestellt, die es vor über zweieinhalbtausend Jahren so aufgeschrieben haben. Sieben Zeitfenster für 7 Tage. Alles genau getaktet.

Aber nicht nur im Blick auf die Arbeit. Am Ende eines jeden Tages hat Gott innegehalten: und sah, dass es gut war. Ein kleines, aber wichtiges Zeitfenster für eine Evaluation. Und ganz am Ende der Woche steht ein dickes Zeitfenster nur für Ruhe und Erholung in diesem Kalender: Und Gott ruhte am siebten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.

Ich stelle fest, da hat sich einer etwas dabei gedacht. Alles braucht seine Ordnung. Auch Arbeit. Und auch Erholung. Und dafür braucht es festgelegte Zeitfenster. Sonst ist und wird es im wahrsten Sinne des Wortes nicht gut. Für die Arbeit nicht und für einen selbst auch nicht.

Das ist das eine. Das andere ist, dass man klärt, welche Termine wann wichtig sind und welche nicht. Jemand hat einmal gesagt: ein Termin ist keine Frage der Zeit, sondern eine Frage der Entscheidung.

In diesem Sinne gestalte ich jetzt meinen Outlook-Kalender. Mit verschiedenfarbigen Arbeitsbalken. Und vor allem mit grünen Zeitfenstern für Pausen, Innehalten, einen freien Abend, privaten Terminen mit Familie und Freunden. Damit habe ich im Blick auf meine Work-Life-Balance doch eine gute Aussicht. Das ist auch die deutsche Übersetzung von outlook.

Und mit Stefan werde ich nicht nur einen Besprechungstermin vereinbaren, sondern ein weiteres Zeitfenster, an dem wir einfach mal ein gutes Glas Wein zusammentrinken.

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