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27APR2022
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„Mit allen Menschen geschwisterlich zusammenleben.“ Mit Blick in die Welt erscheint das als schmerzhafte Utopie. Aber manchmal gelingt es. Das habe ich im Februar erlebt. In dieser Zeit war ich in Taizé. Taizé ist ein kleiner Ort in der Nähe von Cluny in Frankreich. 1942 hat der Schweizer Roger Schutz dort ein ökumenisches Kloster gegründet. Heute leben dort mehr als 100 Mönche aus 25 Nationen friedlich zusammen.

„Mit allen Menschen geschwisterlich zusammenleben.“ Das schlägt der Abt von Taize, Frère Alois für dieses Jahr vor. Und die Mönche versuchen das jeden Tag zu leben. Hunderttausende – vor allem junge Menschen kommen Jahr für Jahr in diesen kleinen Ort nach Frankreich. Sie singen und beten mit den Mönchen. Sie helfen in der Küche, putzen die Gemeinschaftsräume, sprechen miteinander über Texte aus der Bibel.

Die Bibelgruppen sind bunt zusammengewürfelt. Ich habe mit einer Gruppe aus Malta und einer Österreicherin eine Woche geschwisterlich gelebt. Am ersten Tag haben wir uns erst einmal ein wenig kennengelernt. Woher wir kommen, was wir so machen, wie oft wir schon in Taizé waren. Zunächst waren wir noch etwas zögerlich. Doch jeden Tag sind unsere Gespräche intensiver geworden. Eine Malteserin gibt an ihrer Schule Sprachunterricht für geflüchtete Jugendliche. Die Österreicherin hat erzählt, wie sie die letzten zwei Jahre während der Pandemie als Lehrerin erlebt hat und wie erschöpft sie ist. Wir haben uns Geschichten aus unserem Leben anvertraut und miteinander die Bibel gelesen.  Und jeden Tag haben wir miteinander gebetet. Geschwisterliches Leben braucht Gemeinschaft.

Das haben wir am 24. Februar besonders gespürt. Die Nachrichten von den ersten Angriffen auf die Ukraine haben uns erschüttert. An diesem Tag haben wir auch miteinander geweint. Geschwisterliches Leben bedeutet auch, einander den Schmerz zu zeigen und die Hilflosigkeit.

„Mit allen Menschen geschwisterlich zusammenleben.“ Das bleibt noch eine Utopie. Aber im Kleinen gelingt es schon jetzt. Und es lohnt sich heute damit zu beginnen.

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26APR2022
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Ein Kollege hat mir vor kurzem ein kleines Video geschickt. Eine junge Frau tanzt und singt: Let it got, let it go – ich lass los, lass jetzt los.

Die junge Frau heißt Elsa. Elsa ist die Eiskönigin. Der Disneyfilm lief schon 2013 in den Kinos. Aber irgendwie war der Film bisher an mir vorbeigegangen. Eine Bildungslücke laut meinem Kollegen. Und so habe ich mir den Film gekauft und saß dann gebannt und gerührt auf dem Sofa.

Elsa kann aus ihren Händen wunderbare Eisfiguren entstehen und Schnee regnen lassen. Als sie und ihre Schwester Anna klein sind zaubert Elsa wunderbare Schneewelten mitten im Palast. Dabei verletzt sie mit einem Eisregen aus ihrer Hand ihre Schwester. Anna überlebt. Doch von nun an hat Elsa Angst und zieht sich von allen zurück.

Und da berührt mich der Film, das kenne ich auch. Manchmal ist es notwendig, sich zurückzuziehen. Wenn dich das Leben aus der Bahn geworfen hat und du dir selbst nicht mehr über den Weg traust. Du möchtest dich anderen so auf keinen Fall zumuten. Und dann richtest du dich ein in deinen Rückzug. Doch irgendwann musst du wieder raus, zurück ins Leben.

Bei Elsa ist es der Tag ihrer Krönung. Die Türen des Palastes werden geöffnet. Und was sie so lange in sich verschlossen hat, bricht hervor. Doch sie ist mit der Situation überfordert. Sie hält sich die Menschen mit Eis und Schnee vom Leib und flieht in die Berge. Fern von allen in der Einsamkeit kann sie zu sich stehen und hier tanzt sie und lässt endlich wieder zu, was in ihr ist. Jetzt lass ich los, singt sie. Doch alle anderen hält sie weiter auf Abstand.

Doch das hält Anna, ihre Schwester, nicht aus. Mit ihrer Liebe, die selbst den Tod nicht scheut, holt sie Elsa zurück ins Leben.

Niemand kann leben, ohne sich anderen zuzumuten. Wie gut, wenn man dann die Erfahrung macht, da ist jemand, der hält mich aus – genauso wie ich bin.  Manchmal ist es ein langer Weg zurück ins eigene Leben. Menschen wie Anna helfen dabei. Sie locken einen mit ihrer Liebe hartnäckig aus dem Eis hervor.

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25APR2022
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Ganz früh am Morgen steht Maria am Grab. Sie möchte allein sein. Jesus noch einmal sehen. Abschied nehmen. Irgendwie begreifen, was da passiert ist. Vor ein paar Tagen auf Golgatha. Und dann das. Das Grab ist leer. Das kann doch alles nicht wahr sein. Noch einmal schaut sie hinein. Vielleicht hat sie nicht richtig hingeschaut. Doch Jesus liegt wirklich nicht dort. Aber jetzt sitzen da zwei Engel. „Frau, was weinst du?“ fragt einer der beiden. Meine Güte, was für eine Frage, denkt Maria. „Sie haben Jesus aus dem Grab geklaut,“ sagt sie. Ihre Stimme ist laut und am liebsten würde sie die beiden schütteln. Sie muss hier weg, diese weißen zarten Engel machen sie wütend. Sie dreht sich um und jetzt steht da auch noch ein Mann. Was macht denn der Gärtner schon so früh hier beim Grab. Und auch er will wissen, warum sie weint. Und dann bricht es aus ihr raus: „Warum ich weine? Jesus ist tot. Alles ist vorbei. Das Leben ist ein dunkles schwarzes Loch. Und jetzt kann ich nicht mal mehr Abschied nehmen. Sie haben ihn einfach aus dem Grab geklaut. Und du fragst, warum ich weine? Lass mich einfach in Ruhe!“

Der Mann steht da, hält sie aus, schaut sie an und dann sagt er nur ein Wort: „Maria!“ Und in diesem Wort liegt alles drin. Die letzten drei Jahre. Der Aufbruch, die Freiheit, die Hoffnung, die Liebe. Und ihr gehen die Augen auf. Niemand hat Jesus geklaut. Hier steht er vor ihr. Er redet mit ihr. Und noch einmal kann sie ihn so ansprechen, wie so viele Male in den letzten drei Jahren: „Mein Lehrer!“ Und am liebsten würde sie ihm um den Hals fallen. Aber er hält sie zurück. „Du kannst mich nicht halten. Mein Ort ist jetzt nicht mehr hier bei euch. Ich gehe zu meinem Gott, zu eurem Gott. Dort bin ich gut aufgehoben.“

Die Sonne geht auf. Maria nimmt Jesu Worte tief in sich auf. Ich bin bei Gott gut aufgehoben, so hat er gesagt. Und sie spürt: das dunkle Loch verschluckt sie nicht. Denn der Aufbruch, die Freiheit, die Hoffnung, die Liebe. Nichts von alledem ist verloren. Und sie geht in den anbrechenden Morgen.

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22JAN2022
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Heute ist Samstag. Ich mag Samstage. Ich schlafe gerne etwas länger. Zum Frühstück gibt es Brötchen und mehr Zeit als unter der Woche. Und dann gehe ich auf den Markt. Ich kaufe Obst und Gemüse, Käse und Wurst. Und ich lasse mich treiben. Schaue mal hier und dann dort. Das ist schön

Manchmal treffe ich Bekannte und wir reden ein wenig. Auf dem Markt gelingt es mir geduldig zu sein, in der Schlange zu warten, bis ich dran bin. Hier renne ich nicht im Laufschritt von Stand zu Stand. Ich betrete den Markt und werde langsamer und oft bin ich glücklich. Und die Menschen, die mir auf dem Markt begegnen strahlen Ähnliches aus. Kinderlachen mischt sich mit Gesprächen.

Auf dem Markt gelingt es mir, was ich sonst nicht so gut kann: Ich bin im Moment. Oder wie der Mönch und Mystiker Meister Eckhart es vor einigen hundert Jahren geschrieben hat: „Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart.“

Leicht gesagt: Wie oft bin ich sonst schon mit den Gedanken in der Zukunft. Wenn der Wecker klingelt, denke ich schon an das, was heute anliegt, wenn ich mich nachts mal wieder schlaflos herumwälze, denke ich an den nächsten Morgen und wie müde ich dann sein werde.

Dass ich auf dem Markt den Moment so genießen kann, liegt nicht nur am Ort. Vor allem liegt es aber an meiner Haltung. Ich gestehe mir diese Zeit zu. Ich erlaube es mir, mich treiben zu lassen. Ich erlaube es mir einzukaufen. Auf dem Markt erlaube ich es mir, nichts zu müssen.

Und dann passiert es, dass ich mit dem Mann am Blumenstand über Frankreich spreche, dass ich der Fischfrau zuhöre, wie lange ich die Salzheringe wässern muss, damit sie genießbar sind. Ich werde langsam und mein Herz wird weit, samstags auf dem Markt.

„Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart.“ Gestehen Sie sich die zu! Das wünsche ich Ihnen heute am Samstag.

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21JAN2022
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Der Januar ist noch nicht vorbei und ich spüre nur noch wenig von dem Charme der Aufbruchsstimmung ins neue Jahr. Ich bin erschöpft von der Pandemie. Überall Krisengebiete, Klimawandel. … Ich mag keine Nachrichten mehr hören. Und mein Kalender füllt sich immer mehr und ich denke: wann kann ich endlich wieder ans Meer. Schon Ende Januar wird mein Gebet zur Klage: Ach, Gott.

Und die Tage werden irgendwie zu einem Einheitsbrei zusammengematscht. Die einzelnen Momente fließen ineinander. Und während das passiert, merke ich: So komme ich nicht gut durch dieses Jahr und das möchte ich nicht. Und dann habe ich zufällig von einem interessanten Brauch gehört: Dem Brauch, schöne Momente zu sammeln.

Und der geht so: In vielen Familien steht im Ess- oder Wohnzimmer ein leeres Einmachglas für die schönen Momente. Neben dem Glas liegen ein Block und ein Stift. Wenn jemand etwas Schönes erlebt, dann schreibt er den Moment auf einen Zettel, faltet den Zettel zusammen und tut ihn in das Glas. Und im Laufe der Zeit füllt es sich mit den schönen Erinnerungen der ganzen Familie. Und am letzten Tag des Jahres versammeln sich alle um den Tisch, öffnen das Glas. Gemeinsam erinnert man sich dann an das, was schön war in diesem Jahr. So ist der Brauch.

Es ist ja gerade mal Ende Januar.  Eigentlich verrückt, jetzt schon an Silvester und den Jahresrückblick zu denken. Dennoch habe ich aus der Garage ein altes Einmachglas geholt. Ich habe es gut gespült, eine Schleife rumgebunden. Es steht im Wohnzimmer auf dem Tisch. Daneben liegt ein kleiner Block mit bunten Blättern und ein Stift.

Ich bin gespannt, was da so alles steht, wenn wir die Zettel lesen. Und ich habe beschlossen: Wir warten nicht bis Silvester. Am Ende jedes Monats setzen wir uns zusammen und lesen die schönen Momente. Ich brauche das in diesen Zeiten. Und dann klingt neben dem Ach, Gott auch ein Danke, Gott im Raum. Und das hilft zum Leben.

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20JAN2022
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Glücksorte in Kaiserslautern. So heißt ein Buch. Eine Freundin hat es mir zu Weihnachten geschenkt. 80 Orte in und um Kaiserslautern hat das Autorenehepaar Sabine und Holger Wienpahl zusammengestellt. Fahr hin und werd glücklich, so der Untertitel. Viele Orte habe ich auch schon besucht.

Aber: Was macht einen Ort zu einem Glücksort? Ich denke an den Humbergturm, ein Aussichtsturm mitten im Wald, höher als alle Bäume. Aus ganz unterschiedlichen Richtungen bin ich mit Freundinnen schon hochgewandert. Und oben haben wir eine Pause gemacht und von dort die  Aussicht genossen. Mit der Bewegung, der Waldluft und den guten Gesprächen ist er zu einem Glücksort für mich geworden.

Oder die Kaffeerösterei. Ein sehr gemütliches Kaffee.  Wenn es mir nicht gut geht, ist es wie ein Fluchtort. Hier duftet es nach frisch geröstetem Kaffee. Ich kann den Alltag hinter mir lassen. Dort habe oft mit Menschen gesessen. Kaffee getrunken, Kuchen gegessen und geredet. Da habe ich auch Schweres ausgesprochen. Und deshalb ist auch das einer meiner Glücksorte in Kaiserslautern. Eine Unterbrechung bei einem Kaffee ermöglicht einen neuen Blick auf die eigenen Sorgen.

Dazu verhelfen Glücksorte. Die Erfahrung hat auch Jakob gemacht. Im Alten Testament wird von ihm erzählt. Seinen Glücksort nennt er Bethel- Das Haus Gottes. In einer Krise flieht er von zu Hause und vor seinem Bruder Esau. Jakob hatte ihn betrogen und nun will Esau ihn umbringen. Am Abend legt Jakob sich erschöpft auf die Erde. Im Traum sieht er eine Leiter. Sie ragt bis in den Himmel. Engel steigen auf ihr hinab und hinauf. Und er hört eine Stimme. Gott redet zu ihm. „Ich werde dir dieses Land geben und ich werde dich beschützen und in dieses Land zurückbringen.“ So wird dieser Ort zu einem Glücksort mitten auf der Flucht.

Glücksorte sind Orte, die über einen selbst hinausweisen. Wie von einem Aussichtsturm einen befreiten Blick auf die Welt wagen. Dort komme ich in Kontakt mit einer anderen Wirklichkeit als meiner eigenen. Dort kann ich durchatmen, ich werde gehört, ich darf von einer Zukunft träumen.

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24NOV2021
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Der Adventskranz steht schon auf dem Tisch. Seit ein paar Tagen. Jeden Morgen freue ich mich. Nur noch 4 Tage, dann zünde ich die erste Kerze an. Und ich denke daran, dass mit mir Millionen anderer Menschen auch die erste Kerze anzünden. Und damit die Hoffnung verbinden auf Frieden, Gerechtigkeit, das Ende der Pandemie und noch ganz viele persönliche Hoffnungswünsche. Für mich sind die Lichter des Adventskranzes Gottes ‚Gute Nachricht Licht‘. Jesus ist auf dem Weg. Das Licht der Welt kommt.

Licht braucht es vor allem in schweren Zeiten. Daran erinnert auch eine Geschichte aus Providence, in den USA. Die Geschichte erzählt von einem besonderen Ritual. Erfunden hat es der Cartoonist Steve Brosnihan. Er hat viele Abende dort in der Kinderklinik verbracht und für die Kinder persönliche Cartoons gezeichnet. Um sie aufzumuntern und auf andere Gedanken zu bringen. Als er eines Abends in die Stadt zurückgeradelt ist, hat er sich in einiger Entfernung umgedreht und das Krankenhaus gesehen. Spontan hat er Lichtzeichen mit seiner Stirnlampe gemacht. Er hat gehofft, dass wenigstens ein Kind seinen Gute-Nacht-Gruß sieht. Und ja, es gab Kinder, die ihn an diesem Abend gesehen haben. Aus diesem kleinen spontanen Lichtgruß ist ein Ritual entstanden. Jeden Abend um halb neun senden nun Hotels und Restaurants, Polizei und Feuerwehr und viele Bewohner von Providence Gute Nacht Grüße in die Kinderklinik. Um halb neun schalten alle ihre Lichter an und aus und an und aus. Sie zeigen den Kindern: Wir denken an euch. Wir hoffen mit euch. Und jeden Abend versammeln sich die Kinder an den Fenstern der Kinderklinik und empfangen das Licht.

Auch wir brauchen das Licht. Unsere Welt ist nicht heil. Doch der Advent kommt. Gott kommt in die Welt. Und mit jedem Licht des Adventskranzes sendet er uns ein Lichtzeichen: Bald bin ich bei euch. Habt keine Angst.

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23NOV2021
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Die Tage zwischen Totensonntag und dem 1. Advent fallen in die dunkle Jahreszeit. Wenn morgens der Wecker klingelt, dringt noch kein Licht durch die Jalousien. Und ich spüre: meine Trauer ist mal wieder zu Besuch. Sie fühlt sich wohl in den dunklen Tagen. Wir kennen uns sehr gut. Zwei Jahre war sie meine Mitbewohnerin, in der Zeit nach dem Tod meines Mannes. Jetzt kommt sie nur noch zu Besuch. An besonderen Tagen, wie Geburtstagen oder dem Hochzeitstag klingelt sie und setzt sich zu mir an den Tisch. Und den November mit seinen ganzen Gedenktagen und der Dunkelheit mag sie besonders. Da zieht sie vorrübergehend wieder ein. Und wie das so ist, Besuch braucht Zeit und Platz. Und mittlerweile nehme ich mir gerne Zeit für sie.

Als sie noch ganz bei mir gewohnt hat, wollte ich sie gerne immer mal loswerden. Aber sie blieb hartnäckig da. Egal, wohin ich gegangen bin, sie ist mitgekommen. Manchmal hat sie mich zum Weinen gebracht, dann wieder hat sie sich einfach auf meinen Schoß gesetzt und mich von anderen Menschen getrennt.

Manche fanden das ziemlich anstrengend, dass sie immer mit dabei war. Es gab mich nur noch im Doppelpack, meine Trauer und mich. Ich hatte viel Zeit sie kennenzulernen. Und, was soll ich sagen, wir haben uns miteinander angefreundet. Ich habe akzeptiert, dass sie bei mir wohnt. Und ich habe ihr Geschichten erzählt von früher. Ich habe uns einen Tee gekocht und mich mit ihr unter die Decke gekuschelt. Und so hat sie mich gestärkt.

Vor einiger Zeit ist sie ausgezogen. Ganz still und leise hat sie sich nach und nach verabschiedet. Daran musste ich mich nun auch wieder gewöhnen. Ab und zu fehlt sie mir sogar.Und deswegen freue ich mich, wenn sie klingelt und zu Besuch kommt. Wahrscheinlich spürt sie, dass ich mal wieder einen Tag unter der Kuscheldecke mit Tee und Erinnerungsgeschichten brauche. Gerade jetzt im November.

Falls also heute Morgen die Trauer auch bei ihnen mit am Tisch sitzt, kochen sie ihr vielleicht erst mal einen Tee. Nehmen Sie sich die Zeit und gönnen sie sich noch eine Runde unter der Kuscheldecke.

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22NOV2021
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Wohin gehen die Toten und wie sieht es da aus, wo sie jetzt sind. Und leben sie weiter wie wir hier oder ganz neu? Fragen, die nicht nur Kinder stellen. Wenn ein Mensch gestorben ist, kann es helfen, wenn zu diesen Fragen Bilder entstehen. Vorstellungen davon, wie es sein könnte, nach dem Tod.

Ein Vater hat mir nach dem Tod seines Sohnes ein wunderbares Bild beschrieben. Er hat erzählt: „Ich sehe meinen Sohn mit den blonden Locken über eine große Blumenwiese laufen. Er hüpft und lacht.“ Und er hat den Duft und die Farben der Blumen ausführlich beschrieben. Damals habe ich seinen Sohn inmitten all dieser Blumen sehen können. In seinem Schmerz taucht mit dem Bild noch ein anderes Gefühl auf. Dort, wo er seinen Sohn nun sieht, scheint es ihm gut zu gehen. Und er ist quicklebendig. Neben den Tod stellt der trauernde Vater ein Bild des Lebens.

Viel nüchterner bekennen es Christinnen und Christen im Glaubensbekenntnis: Ich glaube an die Auferstehung der Toten, heißt es da. Da der Tod und der Schmerz nun aber gar nicht nüchtern sind, helfen Bilder, das Bekenntnis mit Leben zu füllen. Auch im letzten Buch der Bibel wird ein Bild gemalt:
Da schreibt einer: Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr da. Gott wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein. Er wird jede Träne abwischen von ihren Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen.

In diesem Bild leben die Verstorbenen zusammen mit Gott. Sie leben auf einer neuen Erde unter einem neuen Himmel. Und Gott sorgt gut für sie. Er wischt jede einzelne Träne ab. Auf der neuen Erde gibt es keine Schmerzen mehr.

Diese Bilder bringen die Verstorbenen nicht zurück. Aber es ist tröstlich daran festzuhalten, dass sie auf der neuen Erde von Gott gut versorgt werden.

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21NOV2021
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Heute ist Totensonntag. Der letzte Sonntag im Kirchenjahr. In den evangelischen Kirchen werden die Namen der Menschen vorgelesen, die in diesem Jahr gestorben sind. Die Namen erklingen und füllen den Kirchenraum. Wir legen sie Gott ans Herz. Und oft wird für jeden Namen, für jeden verstorbenen Menschen, eine Kerze entzündet. Viele Angehörige sitzen heute im Gottesdienst. Sie hören den Namen eines Lieblingsmenschen und erinnern sich. An die Stimme und das Aussehen, an die Zeit der Krankheit, an die Beerdigung, an den letzten Urlaub in Italien. Da liegen Traurigkeit und Dankbarkeit ganz nah beieinander. Manchmal fließen Tränen, manchmal ist das Herz hart.

Als ich noch Pfarrerin in einer Gemeinde war, habe ich die Atmosphäre in diesem Gottesdienst fast gerne gehabt. Es war, als säßen die Verstorbenen noch einmal mitten in der Gemeinde.

Vor drei Jahren dann saß ich als Trauernde im Gottesdienst am Totensonntag. Der Name meines verstorbenen Mannes wurde vorgelesen. So gut es für mich war, seinen Namen in diesem Kirchenraum noch einmal laut ausgesprochen zu hören, so schmerzhaft war es. Tröstlich war: Ich war nicht allein. Es waren andere da, die auch einen Menschen betrauerten. Wir haben unseren persönlichen Schmerz zusammengetragen und ihn so auch miteinander geteilt.

Heute ist Totensonntag. Wieder gehe ich in die Kirche, setze mich in die Gemeinde und höre die Namen der Verstorbenen dieses Jahres. Ich sehe die Lichter der Kerzen. Die letzte Kerze wird hier im Gottesdienst für all die Menschen entzündet, die gestorben sind und deren Namen nicht mehr verlesen werden. Und leise für mich, spreche ich den Namen meines Mannes aus. Ich lege ihn, gemeinsam mit den anderen, Gott ans Herz und lege meinen Schmerz und meine Dankbarkeit mit in den Raum. Denn geteiltes Leid lässt sich besser tragen. Wir sind nicht alleine mit unserer Trauer. Vielleicht haben Sie heute Morgen auch den Namen eines Lieblingsmenschen auf den Lippen und legen ihn Gott ans Herz.

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