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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

14FEB2026
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„Ich hab dich lieb!“ Dieser Satz klingt heute durch die Welt. Laut mit Blumen und Pralinen oder ganz leise geflüstert ins Ohr.

Heute ist Valentinstag. Und die Geschichte, die sich um den Heiligen Valentin rankt, hat alles, was eine gute Love Story braucht. Der heilige Valentin ist der Schutzpatron der Liebenden. Er lebte im 3. Jahrhundert in Rom. Damals hatte der Kaiser verboten, dass Paare sich christlich trauen ließen. Doch viele haben sich Gottes Segen für ihre Ehe gewünscht. Und Valentin hatte ein Herz für die Liebenden und hat sich einfach über das Verbot des Kaisers hinweggesetzt. Er hat vielen Paaren Gottes Segen zugesprochen und sich damit in Gefahr gebracht, aber das hat ihn nicht abgehalten. Und jedes Mal, wenn er ein Paar getraut hat, hat er ihnen Blumen aus seinem Garten geschenkt und mit dem Wunsch verbunden, dass die Liebe blühen möge. Aber sein Wirken blieb nicht unentdeckt und er wurde vom Kaiser gefangen genommen und am 14. Februar getötet.

Doch die Liebe lässt sich nicht töten. Im 5. Jahrhundert wurde der Gedenktag des Heiligen Valentin in der Kirche eingeführt und seitdem gilt er als der Tag für die Liebe und die Verliebten.

„Ich hab dich lieb!“ So klingt es heute durch die Welt, laut und groß oder leise und ganz klein. Und es macht gar nichts, dass man nicht sicher weiß, ob Valentins Geschichte nur eine Legende ist.

Der Tag ist geblieben und die Kirchen haben ihn wieder für sich entdeckt. Und so laden auch heute ganz viele Kirchengemeinden Menschen ein, sich und ihre Liebe segnen zu lassen. Der Segen gilt nicht nur Paaren, sondern allen Menschen, die heute wieder auf die Liebe setzen.

Denn die Welt braucht Liebe. Die Welt braucht Menschen, die auf die Liebe setzen und damit dem Hass die Stirn bieten.

„Ich hab dich lieb!“ So klingt es nicht nur heute an allen Orten trotz allem durch die Welt. Und das lässt mich hoffen, jeden Tag.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

13FEB2026
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Einen Tag vor Weihnachten ist unser Stromkasten verkohlt. Durch einen Wasserschaden ist Wasser auf den Sicherungskasten getropft, es kam es zu einem Knall und alle Sicherungen sind im wahrsten Sinne des Wortes durchgebrannt.

Es war früh am Morgen und wir standen plötzlich im Dunkeln. Mir hat nicht nur der Schreck über den Knall in den Gliedern gesteckt. Der plötzliche Stromausfall hat meinen wohlerstellten Plan für die Weihnachtsvorbereitungen total über den Haufen geworfen. Der Besuch war schon da, das Essen war eingekauft. Ich wollte es uns richtig schön machen zu Weihnachten. Und dann: Kein Strom und wir brauchten Handwerker einen Tag vor Weihnachten. Mir war gerade gar nicht mehr nach Feiern.

Nachdem wir alles geklärt hatten, was wir klären konnten, musste ich erst mal raus. Wir sind spazieren gegangen und mein jüngster Sohn hat mich angeschaut und gesagt: „Mama, du weißt doch selbst, dass es viel Schlimmeres gibt. Wir sind zusammen, wir haben ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, leiden keine Not und es wird Weihnachten, egal ob wir Strom haben oder nicht.“

Zurück Daheim durften wir erleben, dass die Nachbarn schon Platz in ihrer Gefriertruhe gemacht und eine Kabeltrommel zu uns rübergelegt hatten. Im Schein der Solarlampe haben wir gepuzzlet, Weihnachtslieder gesungen, Plätzchen gegessen und miteinander erzählt. Es war alles anders als geplant und gleichzeitig sehr schön. Die batteriebetriebenen Lichterketten haben es um uns herum und auch in uns hell gemacht. Und an Heiligabend hat der Bruder meiner Vermieterin sogar noch den Stromkasten repariert, so dass wir ab mittags wieder Strom hatten. Und natürlich hat mein Sohn recht gehabt, es ist Weihnachten geworden.

Mittlerweile ist auch der Wasserschaden repariert, Weihnachten ist längst vorbei, aber in diesem Jahr habe ich die Lichterketten hängen lassen damit sie mich erinnern, dass es gerade durch andere hell sein kann, auch wenn es dunkel ist.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

12FEB2026
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In meinem glänzenden Charlston Kleid mit Fransen, den schwarzen Satinhandschuhen, meiner Federboa und den Stiefeletten fühle ich mich lebenslustig und wunderschön. Heute an Weiberfasching kann ich mit meiner Verkleidung ganz leicht zeigen, wer auch noch in mir steckt. Im Alltag sieht man das nicht auf den ersten Blick, wenn ich in Jeans und Pullover durchs Leben gehe.

Deswegen mag ich Fasching. Ich schlüpfe in eine Rolle und verändere damit meinen eigenen Blick und den Blick der anderen auf mich. Denn, das was direkt vor Augen steht, verleitet leicht zu einem Urteil.

Das erlebt auch Samuel. Die Bibel erzählt von ihm. Samuel ist ein Prophet. Propheten haben eine besonders enge Beziehung zu Gott und die Aufgabe, den Menschen zu erzählen, was sie von Gott gehört haben.  Aber diese Aufgabe hat es in sich: Gott will, dass Samuel den nächsten König für Israel salbt und so gibt Gott Samuel den Auftrag: „Geh zu Isai. Einer seiner Söhne wird der neue König.“ Doch Isai hat 8 Söhne. Schon als er den ältesten Sohn sieht, denkt Samuel: „Der wird es sein. Der ist groß und stark. Aber Gott mahnt ihn: „Lass dich nicht von seinem Aussehen beeindrucken, ihn habe ich nicht gemeint. Du musst wissen, Samuel: „Ich sehe nicht so, wie ihr Menschen seht. Ihr seht, was euch vor Augen steht, ich sehe ins Herz der Menschen.“ Und so salbt Samuel schließlich David, den Jüngsten, den Hirtenjungen mit den schönen Augen. Auf den ersten Blick erscheint er Samuel verträumt und klein. Aber Gott sieht in ihm den nächsten König.

Heute ist Weiberfastnacht und ich bin heute eine Charlston Tänzerin mit Federboa und kurzem Kleid. Aber ich war auch schon eine lustige Clownin mit einem bunt geschminkten Gesicht oder ein Blumenmädchen mit verträumten Augen. All das steckt in mir und im Alltag sieht man davon oft gar nichts.

Fasching durchkreuzt die normalen Sehgewohnheiten. Es ist nicht alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Lass dich nicht direkt leiten von dem, was du siehst. Vielleicht steckt in einer Tänzerin auch eine Pfarrerin und in einem Hirtenjungen ein König.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

19NOV2025
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Heute ist Buß- und Bettag. Seit einigen Jahren feiere ich am Buß- und Bettag Gottesdienst zusammen mit einer Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes. Das Blaue Kreuz ist ein christlicher Verein, der Menschen Wege aus der Sucht aufzeigt. In den Gruppen lernen Menschen miteinander ein Leben ohne Alkohol neu zu gestalten. Das ist kein leichter Weg und es geht nur mit Ehrlichkeit. Da muss sich jemand eingestehen: „Ich brauche Hilfe von außen, denn ich bin alkoholkrank.“ Und es hilft, dass man den Weg aus der Sucht nicht alleine geht, sondern andere sieht, die diesen Weg ohne Alkohol schon viele Jahre gehen.

Die Gruppe zeigt: Wir sind da, wenn du uns brauchst. Das konnte ich vor einigen Jahren miterleben. Ich habe als Pfarrerin im Krankenhaus gearbeitet. Dort habe ich eine Patientin begleitet, die auch Mitglied einer Selbsthilfegruppe war. Uli war schwer krank und sie wusste, dass sie nicht mehr viel Zeit in ihrem Leben haben würde. An manchen Tagen habe ich bei ihr im Krankenzimmer Menschen aus der Selbsthilfegruppe getroffen. Sie haben Uli besucht und begleitet. Nach Ulis Tod haben sie auch bei ihrer Beerdigung mitgewirkt. Einige Zeit danach haben wir auch in der Gruppe eine Abschiedsfeier für Uli gestaltet. Mich hat das sehr berührt: Der Zusammenhalt dieser Gruppe, wie sie füreinander da waren.

„Ich bin für dich da!“ Das ist in diesem Jahr auch das Motto des Buß- und Bettags. Das Motto erinnert an die Geschichte von Mose. Die Bibel erzählt von ihm. Mose hat das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten weggeführt. Er hatte eine besondere Beziehung zu Gott und gleichzeitig fühlte er sich manchmal ganz allein. Als er wieder einmal nicht weiterwusste, da ist ihm Gott in einem brennenden Dornbusch begegnet. Der Dornbusch hat gebrannt und ist nicht verbrannt. Und dann hat Mose Gottes Stimme gehört: „Ich bin für dich da!“ Hat Gott ihm versprochen.

Wenn ich weiß, dass jemand für mich da ist, dann fällt es mir leichter zu sagen, dass es in meinem Leben Brüche gibt. Dann kann ich ehrlich sagen, was in diesem Jahr nicht gut gelaufen ist und auch, wofür ich Hilfe brauche. „Ich bin für dich da!“ Gottes Versprechen gilt nicht nur heute am Buß- und Bettag.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

18NOV2025
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Im November kommt dann und wann meine Trauer auf einen Besuch vorbei. Ich kann ihre Besuche schlecht im Voraus planen. Manchmal reicht es aus, wenn ich ihr einen Tee koche und wir uns ein paar Stunden Zeit nehmen für ein Gespräch und die eine oder andere Träne. Doch es gibt Tage, da ist sie hartnäckig. Sie bleibt da, setzt sich auf meine Schultern. Sie macht mein Herz schwer und senkt meinen Blick. An diesen Tagen fällt mir jeder Handgriff und jeder Schritt schwer und ich werde stumm.

Letzte Woche war es mal wieder so weit: Sie ist gekommen und geblieben, obwohl ich wirklich gar keine Lust auf sie hatte. Schweren Herzens habe ich sie dann mithochgeschleppt in mein Arbeitszimmer. Das habe ich mir ganz neu im Haus unter dem Dach eingerichtet. Bis vor einiger Zeit hat dort einer meiner Söhne gewohnt. Jetzt hat er eine eigene kleine Wohnung und hat mir sein altes Zimmer großzügig überlassen. Der Schreibtisch steht direkt unter dem großen Dachfenster.

Ich habe mich an den Schreibtisch gesetzt, den Computer angeschaltet, reingestarrt. Dann Blätter auf dem Tisch von rechts nach links verschoben. Die Zeit ist verstrichen und ich habe noch keinen Punkt auf meiner To-Do-Liste erledigt. Dabei stehen da gerade wirklich viele drauf. Mit aller Kraft habe ich mich gegen die Trauer gestemmt, habe versucht, sie abzuschütteln. Keine Chance.

Also habe ich mich irgendwann ergeben, mich in meinem Stuhl zurückgelehnt und durch das Dachfenster geschaut. Und da war da auf einmal der Himmel. In der Bibel wird der Himmel als ein Ort beschrieben, an dem die Toten bei Gott sind. Hier leben sie neu und sind frei. Der Blick durch das Dachfenster hat mich an diesen himmlischen Hoffnungsort erinnert. Viele Wolken sind vorbeigezogen und das hat mir gutgetan. Mein Blick hat sich geweitet. Die Trauer ist nicht weggegangen an diesem Tag, aber der Himmel hat mir die Hoffnung neu gezeigt und hat die Hoffnung neben die Trauer gestellt.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

17NOV2025
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Ich fädele die Regenbogenschnürsenkel in meine schwarzen Schuhe. Dann laufe ich los zur Kirche. Ich traue zwei befreundete Pfarrerinnen. Vor etwas mehr als einem Jahr haben sie mir ein Paar Strümpfe mit einem Regenbogenherz geschenkt und erzählt, dass sie heiraten wollen. Dann haben sie mich gefragt, ob ich sie trauen möchte. „Ja“, habe ich laut gerufen, „ich freue mich riesig!“ Gerade bin ich eher angespannt, weil es gleich losgeht und ich ganz schön aufgeregt bin. Dann sehe ich die beiden: Sie halten sich an den Händen und strahlen über das ganze Gesicht. Ihre Liebe fließt zu mir hin und sie füllt den ganzen Raum, als wir gemeinsam in die Kirche einziehen. Und sie kommt zurück von all den Gästen, Familie, Freundinnen und Freunden. Ich spüre diese große raumfüllende Liebe und denke: Ja, genau hier ist Gott mitten drin dabei. Gott ist Liebe. Nach der Trauung feiern wir bis tief in die Nacht, genießen die Hochzeitstorte und tanzen ausgelassen.

Am nächsten Morgen sind ganz viele zum Aufräumen gekommen. Da kommt ein Notruf aus der Nachbarkirche. Dort wird an diesem Sonntag Erntedank gefeiert und in dem Gottesdienst hat es einen medizinischen Notfall gegeben, eine Frau ist zusammengebrochen und jetzt ist der Notarzt vor Ort und es sieht nicht gut aus. Eine der Freundinnen ist da Pfarrerin. Sie macht sich auf den Weg dorthin und ich begleite sie als Unterstützung. Zusammen mit der Kollegin vor Ort führen wir die Gemeinde und den Chor in einen anderen Raum. Nach Erntedank ist hier gerade niemandem mehr zumute. Aber nach Gemeinschaft. Ich sitze mit den Frauen aus dem Frauenkreis zusammen. „In der letzten Woche haben wir noch zusammengebastelt und jetzt ist sie einfach umgekippt“, sagt die eine. „Aber sie war nicht allein, wir waren hier und sie ist in ihrer Kirche“, sagt eine andere. Sie kennen sich alle seit vielen Jahren. Später erfahren wir, dass die Frau im Krankenhaus gestorben ist.

Manchmal liegen die Feier des Lebens und der Tod ganz nah beieinander, wie an diesem Wochenende. Wie gut, wenn man beides miteinander teilen kann. Dann kann man besser spüren, dass man in allem, was geschieht, aufgehoben ist in der Liebe und damit in Gott.

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

16NOV2025
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Wie trauert eigentlich ein ganzes Volk? Das habe ich mich als Kind am Volkstrauertaggefragt. Oft habe ich an diesem Tag mit meinen Eltern vor dem Fernseher gesessen und die Feierstunde aus dem Bundestag angeschaut. Ich habe der traurigen Musik zugehört, die vielen schwarz gekleideten Menschen gesehen und Reden gehört, die ich damals nicht verstanden habe. Aber ich habe damals schon begriffen, dass viele Menschen in Kriegen gestorben sind und dass Krieg Menschen tötet und sehr viele andere traurig macht. Und schon als Kind hatte ich das Bedürfnis an diesem Tag irgendwie still zu sein. Ich habe mir auch vorgestellt, dass in ganz vielen Wohnungen Menschen sitzen und weinen, weil da ein Bruder oder ein Sohn oder ein Vater gestorben ist.

Der Volkstrauertag wurde eingeführt vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Jahr 1919 nach dem ersten Weltkrieg. Damals als Gedenktag für die gefallenendeutschen Soldaten. In der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten wurde aus dem Volkstrauertag ein Heldengedenktag. Deutschland selbst hatte den Krieg begonnen. Und so wurden die Schrecken und das Leid und die Trauer, die ein Krieg hervorbringt, ganz in den Hintergrund gedrängt. Die Stille dieses Trauertagesmusste dem Triumph weichen. Wie schrecklich muss das für all die Familien gewesen sein, die um einen Menschen getrauert haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam er seinen ursprünglichen Namen zurück und wurde wieder zum Volkstrauertag.

Doch erst seit 1952 liegt der Volkstrauertag im November, eine Woche vor dem Totensonntag. In der evangelischen Kirche denken wir an diesem Tag an die Verstorbenen des letzten Jahres. So fügt sich der Volkstrauertag ein in das Erinnern an geliebte Menschen und die Hoffnung, dass sie bei Gott neu leben werden.

Heute ist Volkstrauertag. Auch 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs brauchen wir einen Tag, um gemeinsam zu trauern. Nicht nur, weil es immer noch Menschen gibt, die um einen Angehörigen trauern, der in diesem Krieg gestorben ist. Krieg ist weltweit eine grausame Realität. Jeden Tag sterben Menschen im Krieg. Und da ist es gut, wenn wir heute gemeinsam still sind und weinen und vor allem darum bitten, dass Frieden wird.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

16AUG2025
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40 junge Menschen ziehen unter begeistertem Applaus in die Trinitatiskirche in Bonn ein. Einer von ihnen ist mein jüngster Sohn. Ich bin beim Semesterabschlusskonzert der Chöre der Evangelischen Studierendengemeinden aus Köln und aus Bonn. So sitze ich zusammen mit vielen jungen Menschen und anderen stolzen Eltern und Großeltern in der Kirche und warte gespannt auf das Konzert.

Und dann singen sie los. Sie sind mit solch einer Freude und Begeisterung dabei, bewegen sich zum Rhythmus, achten auf die Signale des ebenso jungen Dirigenten. Ich sehe und spüre ihre Freude am Singen und sie springt über. Zwischen den einzelnen Liedern moderieren verschiedene Sängerinnen und Sänger, erzählen etwas zum nächsten Lied und zur jungen Geschichte des Chores. Das Programm ist sehr bunt zusammengestellt. Da erklingt Herbert Grönemeyers „Der Weg“ neben einem klassischen Chorsatz, neben einem lustigen Lied über den Sommer und seine Vorzüge. Denn dem Chor sind demokratische Entscheidungen wichtig. Jeder konnte auf eine Liste Liedvorschläge eintragen, die der Chor einüben soll. Und über diese Vorschläge haben sie dann abgestimmt.

Als letztes Lied singt der Chor das Lied „Labour“ von Paris Paloma. Es ist ein Lied über die ungerechte Verteilung der CareArbeit in Familien. Und eine junge Frau aus dem Chor hält zur Einstimmung auf das Lied eine kleine politische Rede: Dass wir eine Verantwortung haben, weil in unserer Gesellschaft noch immer Frauen viel mehr unbezahlte Pflegearbeit leisten. Leidenschaftlich spricht sie auch darüber, dass Frauen in vielen Bereichen immer noch weniger Geld verdienen als Männer. Und es wäre unser aller Verantwortung, uns für mehr Gerechtigkeit einzusetzen.

Nicht nur das Publikum applaudiert der jungen Frau. Die Sängerinnen und Sänger feiern sie für ihre Worte. Und stimmen sich ein für ihr letztes Lied.

Erfüllt verlasse ich die Kirche, nicht nur als dankbare Mutter.  Die jungen Menschen haben mir heute Abend gezeigt, wie sie mit Freude singend auch christliche Gemeinschaft verantworten und wie gut das funktionieren kann.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

15AUG2025
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„Bitte schließt eure Augen und achtet erst mal nur auf euren Atem.“ Bei Francescas Stimme fällt mir das gar nicht schwer. Sie spricht warm und ruhig und einladend. Ich bin für einige Tage zu Gast auf der Vollversammlung unserer Partnerkirche in England. Francesca leitet die Bibelarbeiten am Morgen. Und an diesem Morgen führt sie uns ein in das sehr alte Herzensgebet. Es ist ein Gebet, das sich mit dem Atem verbindet. Man verbindet in Gedanken einen Satz mit dem Einatmen und einen Satz mit dem Ausatmen.  Ich bete das Herzensgebet schon seit vielen Jahren und denke oft: „Jesus Christus“ und atme ein und „Erbarme dich meiner“ und atme aus. Francesca schenkt mir an diesem Morgen zwei neue Sätze: „I am enough.“ und „I am beloved.“ Auf Deutsch: „Ich bin genug, Ich bin geliebt“, doch das reimt sich nicht so schön wie im Englischen. Francesca ist es wichtig, dass die Menschen mit sich selbst und mit der Liebe Gottes gut in Kontakt kommen. Sie versteht diese beiden Sätze als Grundlage für alles Handeln und alle Entscheidungen. Weil du genug bist und geliebt bist, kannst du handeln. Du kannst auch Fehler machen und falsche Entscheidungen treffen. Der Grundton bleibt: Du bist genug, du bist geliebt.

Mir tut das an diesem Morgen so gut. Denn ich ringe seit meiner Ankunft in England mit mir und meinem nicht perfekten Englisch. Und nun atme ich und sage mir: I am enough, I am beloved. Und das begleitet mich während der Tagung und macht mich mutiger und freier. Und die anderen haben Geduld mit mir, fragen nach, bieten mir Worte an. Seit meinem Besuch in England sind das meine neuen Sätze für mein Herzensgebet: Ich atme ein mit: I am enough und ich atme aus mit: I am beloved.

Heute ist der letzte Ferientag in Rheinland-Pfalz. Heute endet für viele eine freie Zeit. Am Montag geht es wieder los. Und für das, was war und das, was kommt, schenke ich mit Freude weiter, was Francesca mir in England geschenkt hat:

You are enough – you are beloved! Du bist genug! Du bist geliebt!

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

14AUG2025
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Ich sitze mit einer Freundin in einem Restaurant am Hafen.  Wir feiern meinen Geburtstag mit einem gemeinsamen Essen.

Am Nachbartisch sitzen drei ältere Frauen. Sie lachen und reden miteinander. Da fällt einer das Brillenetui aus der Hand und auf den Boden. Ich drehe mich um, hebe das Etui auf und reiche es ihr. Sie bedankt sich lachend und dann vertiefen sich die drei wieder in ihr Gespräch.  Sie reden und lachen und ein wenig flirten sie mit dem jungen schönen Kellner. Und er scherzt mit ihnen.

Meine Freundin und ich schauen uns an und uns beiden kommt gleichzeitig derselbe Gedanke: Es ist toll, Freundinnen zu haben. Dann reden auch wir weiter, feiern meinen Geburtstag. Und immer mal schauen wir rüber zu den drei Freundinnen am Nachbartisch. In diesem Moment habe ich nur einen Geburtstagswunsch: Ich wünsche mir, dass ich auch in 10 oder 20 Jahren noch mit Freundinnen essen gehen kann, dass wir miteinander lachen können. Dass wir mit jungen Kellnern flirten und das Leben mit all seinen Herausforderungen und auch leidvollen Erfahrungen für den Moment leicht nehmen. Denn Freundinnen sind ein Geschenk.

Ich wünsche mir, dass wir einander stärken und uns unsere Liebe zeigen, ein offenes Ohr haben und eine offene Tür. Denn ich habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, Freundschaften tragen durchs Leben. Aber auch die Erfahrung, dass man sie pflegen muss. Als ich 14 Jahre alt war, kam eine Austauschschülerin aus England für ein paar Monate in unsere Klasse. Wir sind damals Freundinnen geworden. An ihrem letzten Tag in Deutschland hat sie mir eine kleine englische Bibel geschenkt. Vorne hat sie einen Bibelvers als Widmung für mich reingeschrieben: „Eine Freundin zeigt immer ihre Liebe.“ Die Bibel nehme ich immer mal wieder in die Hand und denke an die Freundin von damals, aber diese Freundschaft hat die Zeit nicht überdauert.

Und mir ist klar, mein Geburtstagswunsch braucht nicht nur meine Freundinnen, mein Wunsch braucht vor allem auch mich. Deswegen schreibe ich Ihnen noch heute einen kleinen Gruß an meine Freundinnen: Wie schön, dass es euch gibt.

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