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SWR2 / SWR Kultur

  

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SWR Kultur Wort zum Tag

20APR2024
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Die Finnen sind die glücklichsten Menschen der Welt. Das hat der „Weltglücksbericht“ gerade wieder bestätigt. Im internationalen Ranking stehen sie auf Platz 1. Und das, obwohl sie in einer politisch extrem bedrohlichen Lage mit einer langen Grenze zu Russland leben.

Die Ursachen für dieses Finnenglück sind vielfältig. Die Finnen leben Chancengleichheit und Gleichberechtigung, sie sind im Umgang miteinander freundlich und zuvorkommend und kümmern sich umeinander. Emotionale Fähigkeit steht als Lehrfach auf dem Stundenplan. Vor allem aber: Finnen sind nicht neidisch. Sie vergleichen sich nicht mit anderen Menschen. Neid ist ihnen fremd.

Kein Wunder, dass wir Deutschen im Glücksranking wieder abgerutscht sind. Platz 24. Objektiv gesehen geht es uns ziemlich gut. Aber es scheint, dass wir ein Volk sind, das ganz besonders anfällig dafür scheint, sich vom Neid auffressen zu lassen. Mit unserem Neid vertreiben wir uns aber selbst aus dem Paradies. Jedenfalls gibt es Millionen Menschen auf der Welt, die sehr gerne mit uns tauschen würden. Doch der Neid vernebelt den Blick auf unsere eigene gute Wirklichkeit.

Neid gilt als eine der sieben Todsünden. Neid vergiftet und zerstört Beziehungen. Wer niemandem etwas gönnt und sich ständig vergleicht, wird garantiert unglücklich.

Neid ist – Stichwort Paradies – eine sehr alte schlechte Eigenschaft des Menschen. Davon erzählt eine der Schöpfungsgeschichten in der Bibel. Der erste Mensch ist neidisch auf Gott, der als einziger vom Baum in der Mitte des Gartens essen darf. In der nächsten Generation bringt Kain seinen Bruder Abel aus schierem Neid um.

Jede Sünde führt zu einem getrübten Blick. Es geht also um einen Perspektivwechsel. Statt zu schauen, was der Nächste mehr hat, wäre es eine Idee, auf das zu schauen, was er braucht. Statt auf das Glück der anderen zu schielen, könnte ich mich freuen über das Glück, das mir selbst geschenkt ist. Wenn es richtig gut läuft mit dem Perspektivwechsel: Ich könnte auf die Idee kommen, mein Glück zu teilen!

Glücklicherweise gibt es viele Menschen, die das können. Gönnen und Teilen. Etwa alle, die sich für andere engagieren und so viel Sinn im Leben fühlen.

Vielleicht sollte man sie in Schulen schicken, so dass sie ihre Erfahrungen weitergeben können. Oder auch das Schulfach „emotionale Fähigkeiten“ bundesweit einführen. Oder beides.

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SWR Kultur Wort zum Tag

19APR2024
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Was wäre mein Leben ohne einen richtig guten Freund oder eine richtig gute Freundin? Eine Freundin, der ich bedingungslos vertrauen kann. Ein Mensch, der mir, wenn es notwendig ist, auch einmal auf die Sprünge hilft, mich ergänzt und zugleich Verständnis für mich hat. Der Reformator Martin Luther hatte einen solchen Freund. Philipp Melanchthon. Heute ist sein Todestag, am 19. April 1560 ist er gestorben.

Melanchthon war für Luther ein außerordentlicher Glücksfall, ein Freund auf Augenhöhe, intellektuell ebenbürtig, ein ausgezeichneter Wissenschaftler und Kenner der antiken Schriften, zugleich ein Reformer, der offen war für neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse.

Altes und Neues konnte er in seinem Denken verbinden und so verwundert es nicht, dass er schnell für die Gedanken der Reformation entflammt ist, die sich durch Martin Luther verbreitet haben. Er hat seinen Freund dann in politischen und religiösen Konferenzen vertreten, wenn der als Geächteter nicht reisen konnte.

Wichtige Bekenntnisschriften stammen aus Melanchthons Feder. Wenn Martin Luther wieder einmal als Hitzkopf agierte, versuchte Melanchthon zu vermitteln.

Die Freundschaft hat beiden gutgetan. Denn Melanchthon profitierte auch selbst! Er war nämlich jemand, der sich das Leben schwer machte. Er war bis aufs Äußerste skrupulös ist darüber immer wieder krank geworden. Schlaflosigkeit und Magengeschwüre quälten ihn. Ständig hat er gegrübelt: Waren seine Entscheidungen richtig oder falsch? Welche Konsequenzen würden sich ergeben? Würde er schwere Sünden auf sich laden? Melanchthon zweifelte. In dieser Situation hat ihm sein Freund Martin Luther weitergeholfen. Luther ist zwar ein Hitzkopf gewesen, doch zugleich ein sensibler Seelsorger. Pecca fortiter, zu deutsch: Sündige tapfer! lautet sein Ratschlag an seinen Freund Melanchthon. Dieser Ratschlag könnte heute glatt als moderner therapeutischer Hinweis durchgehen. Eine kluge Intervention!

Wenn du Angst vor den Konsequenzen deines Handelns hast, obwohl du eigentlich alles wohl bedacht hast: Riskiere es, schau dem, was du vorhast, mutig ins Auge! Die Folgen des eigenen Handelns kann schließlich kein Mensch vollständig übersehen. Und Luther hat noch eins draufgesetzt: glaube noch tapferer. Auch noch der letzte Rest an Zweifel, der an den Magenschleimhäuten Melanchthons genagt hat, sollte beseitigt werden. Sündige tapfer, glaube noch tapferer!

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SWR Kultur Wort zum Tag

18APR2024
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Ein Physikprofessor hat mir von einem faszinierenden Gedankenexperiment erzählt, das Albert Einstein zu verdanken ist. Angenommen, ein Mensch hätte einen Zwillingsbruder und begäbe sich auf eine Reise in einem Raumschiff mit sehr großer Geschwindigkeit in den Kosmos. Beide Zwillingsbrüder haben eine Uhr dabei. Nach Einsteins Theorie vergeht die Zeit in dem mit Lichtgeschwindigkeit durchs Weltall rasenden Raumschiff unendlich viel langsamer als auf der Erde. Wenn der Raumfahrer daher nach einem Jahr auf seiner Uhr umkehrt, trifft er nach seiner Rückkehr die Ururur-Enkel seines Zwillingsbruders. Bei genügend großer Geschwindigkeit könnte man tatsächlich tausend Jahre zu einem Tag machen. Auch wenn das tatsächlich wissenschaftlich bewiesen ist: Das Gedankenexperiment sprengt, ganz klar, mein Vorstellungsvermögen.

Mir als Theologin fällt dazu der Psalmvers ein: Tausend Jahre sind vor dir, Gott, wie der Tag, der gestern vergangen ist. Daraus folgt nicht, dass die Psalmen schon die Relativitätstheorie erfasst hätten. Es folgt aber daraus, dass eine eindimensionale oder gradlinige Auffassung von Zeit auch theologisch verstanden sicher zu kurz greift.

Ich bewundere Menschen wie Albert Einstein. Heute ist sein Todestag. 1955 ist er gestorben. Ganz ohne künstliche Intelligenz, rein mit der Kraft seiner Gedanken, hat er die Relativitätstheorie entwickelt. Es ist so unfassbar, was Menschen erdenken und erfinden können! Übrigens auch böseste Dinge! Albert Einstein stammte aus einer jüdischen Familie. Seine Schriften wurden von den Nationalsozialisten verbrannt, er emigrierte und half anderen so viel er konnte, aber Familienangehörige wurden von den Nazis ermordet. Antisemitismus und rechtsradikales Denken treiben gerade wieder ihr Unwesen. Es ist eben einfacher, eindimensional zu denken, als Relativitäten einzuplanen.

Aus den Wundern der rasenden Zeit und der Komplexität des Kosmos einen Gottesbeweis zu konstruieren, funktioniert nicht.

Leider nicht, mag mancher sagen. Ich finde: Es ist doch einfach schön, über Faszinierendes zu staunen! Ich muss nicht alle Feinheiten der Relativitätstheorie verstehen. Es kann doch reichen, zu staunen. Faszinierend! Wie übrigens der Astronaut Spock in meiner als Kind so geliebten Serie „Raumschiff Enterprise“ immer gesagt hat. Faszinierend! Und wer mag, so wie ich, kann dafür Gott loben.

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SWR2 Wort zum Tag

20MRZ2024
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Heute ist Frühlingsanfang! Das Grün sprießt, den drohenden Spät-Frösten zum Trotz. Mir scheint: Jede Knospe lebt das Lob Gottes, der uns Menschen diese anmutige Zeit des Frühlings geschenkt hat. Und jedes sprießende Grün ist auch ein Trost in schwierigen Zeiten. Gerade blühen die Mandelbäume, ein zartes Rosa färbt dann die Pfalz, und Tausende fahren hin, um sich an dieser Pracht zu erfreuen. Sie tun das auch, weil dieses Blütenmeer der Seele wohltut. Der jüdische Schriftsteller Schalom Ben-Chorin hat einmal gedichtet: Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt? Schalom Ben-Chorin beschreibt in dem Lied sehr drastisch den Schrecken, den die Welt abseits der Blütenmeere auch hat: Tausende zerstampft der Krieg. Er hat alles am eigenen Leib erlebt, in München geboren musste er zur Zeit der Nazidiktatur seine Heimat verlassen und fand Zuflucht in Israel. Freunde und Familienangehörige fanden dagegen im Holocaust den Tod. Doch er schließt sein Lied mit den Worten: Freunde, dass der Mandelzweig, sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.

Einen Fingerzeig – den brauchen wir. Besonders und gerade in frostigen Zeiten. Nur mit intellektuellen Appellen allein werden wir Menschen nämlich nicht getröstet. Wir brauchen lebendige Bilder, Hoffnungszeichen, etwas, dass wir mit Leib und Seele spüren können. So wie Mandelblüten. Oder die zartgrünen Sprösslinge im Garten oder im Park.

Dass Grün uns Menschen guttut, besonders das Grün des Frühlings nach langer, kalter Winterzeit, das ist sogar wissenschaftlich bewiesen und für jeden Menschen unmittelbar erfahrbar. Wer gestresst ist, kann am besten zu einem Spaziergang im Frühlingswald aufbrechen. Manche meinen sogar, Frühlingsgrün hilft gegen Bluthochdruck. Doch den zarten kleinen Blüten gelingt noch mehr, als gestresste Menschen zu erden. Schalom Ben-Chorin hat das gewusst.

Es hat etwas Großartiges, dass es diesen frühlingszarten Boten gelingt, sogar gegen die Gewalt des Kriegs und des Schreckens aufzutrumpfen. Mag sein, dass die Stiefel über das Grün hinwegtrampeln. Aber sie werden es nicht schaffen, die Macht des Frühlings aufzuhalten, diese Zeichen der Liebe, seinen Blütensieg. Der Mandelzweig treibt, die Liebe bleibt. Jede Blüte ein Gottesgeschenk.

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SWR2 Wort zum Tag

19MRZ2024
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Seit einigen Jahren habe ich es mir angewöhnt, den Tag mit einem kleinen Ritual zu beginnen. Ich spreche ein Gebet und bitte für Menschen, die mir am Herzen liegen. Manchmal kommt mir auch ein Lied in den Sinn und ich singe aus voller Kehle und vollem Herzen. Ein singender, klingender Tagesbeginn.

Der Liederdichter Michael Weiße war ganz sicher auch ein Freund des singenden und klingenden Tagesbeginns. Sein Gebet ist uns unter der Nummer 438 im Evangelischen Gesangbuch überliefert, es heißt: „Der Tag bricht an und zeiget sich“.  Das Lied dankt zuerst für das Leben, kein selbstverständliches Ding, sondern ein großes Geschenk. Bei allem sollte der innere Schweinehund nicht das letzte Wort haben „das arge Fleisch so zwing und treib“ heißt das in der bildhaften Sprache des 16. Jahrhunderts. So, finde ich, kann ein guter Start in den Tag gelingen! Dankbar, vertrauensvoll, mutig und gesegnet. Außerdem füllen sich beim Singen die Lungen, das tut auch leiblich gut.

Wer war eigentlich Michael Weiße? Auf jeden Fall jemand, dem das Singen am Herzen lag. 1531 hat er das erste deutsche Gesangbuch der Böhmischen Brüder herausgegeben. Mit 157 Liedern war es das umfangreichste Gesangbuch der Reformation. Die Texte sind gesättigt mit reicher Lebenserfahrung, der Widerstände und Kämpfe, die dieser Mann auch um seines Glaubens willen durchgestanden hat. Ich stelle mir vor: Singend hat er sein Leben gemeistert, die Höhe- und die Tiefpunkte. Er fand für alles einen passenden Ton.

Auf dem Tag heute vor 490 Jahren lag dann leider kein Glück. Michael Weiße war zu einem Festmahl eingeladen. Aber der schöne Anlass endete tragisch. Die servierte Delikatesse war verdorben. Alle Gäste und auch der Gastgeber sind daran gestorben. Michael Weiße war noch keine 50 Jahre alt.

Die Menschen seiner Zeit haben der Endlichkeit des Lebens bewusster ins Auge geblickt als wir heute. Wenn sie um Segen für den Tag gebetet haben, dann war ihnen klar, dass sie nicht unbedingt den Abend erleben würden. „Was wir hier verweslich sä'n, wird einst unverweslich auferstehn“ hatte Michael Weiße einmal gedichtet. Ich hoffe, dass er in dieser Gewissheit auch sterben konnte. Dankbar, vertrauensvoll, mutig und mit dem Gefühl, dass er ein zwar kurzes, aber doch gesegnetes Leben leben durfte.

Überlebt haben Michael Weiße, ganz sicher, seine Lieder, seine Unterstützung für einen guten Start in den Morgen! Und: ist nicht jeder Morgen eine kleine Auferstehung?

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SWR2 Wort zum Tag

18MRZ2024
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Jesus ist ein sehr treuer Freund gewesen. Er hat sich – so lese ich die Bibel – noch nicht einmal von Judas distanziert. Einen solch treuen Freund wie Jesus wünscht sich wohl jeder Mensch. Doch manchmal kommt es für uns Sterbliche darauf an, sich auch von einer Freundschaft verabschieden zu können.

Wenn ich in dieser Passionszeit darüber nachdenke, was ich in meinem Leben bewahren und was lassen sollte, dann darf ich auch meine Freundschaften in diese Überlegungen mit einbeziehen. Womöglich letztlich zu der Entscheidung kommen, dass manche dieser Freundschaften ihre Zeit gehabt haben. Freundschaften waren mir alle einmal wichtig. Aber das ist keine Garantie auf lebenslange Dauer. Manchmal ist es so, dass wir Freunde das gemeinsame Gespräch vernachlässigt haben. Wir sind uns fremd geworden, die Freundschaft hat ihre Zeit gehabt. Das schmälert keineswegs den Wert der Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben. Die kann wunderbar gewesen sein, und das möchte ich auch bewahren, das darf und kann in meiner Erinnerung bleiben. Doch zur Ehrlichkeit gehört, dass ich zugebe: Heute stimmt das Wort „Freundschaft“ nicht mehr.

Klar, man kann auch so tun, als ob sich nichts verändert hätte. Ich merke, dass mir das nicht guttut. Entweder offen kommuniziert oder als Entscheidung meines Herzens: Ich brauche Klarheit. Es fühlt sich falsch an, so zu tun als ob.

Leicht fällt eine solche Entscheidung meistens nicht. Sie will wohlüberlegt sein. Dabei kann mir dann Jesus - vielleicht überraschenderweise für einen so treuen Freund – durchaus helfen. Denn er empfiehlt seinen Jüngern, den Staub von den Füßen zu schütteln, wenn sie als seine Botschafter von Menschen abgelehnt werden. Staub abschütteln ist eine Zeichenhandlung. Es soll im neuen Lebensabschnitt nichts zurückbleiben, was verletzt, nicht einmal ein Staubkorn. Das finde ich hilfreich. Ich möchte friedlich Abschied nehmen von Freundschaften, die sich überlebt haben. Da soll kein Groll übrigbleiben, keine enttäuschten Erwartungen, keine Anrufe, die nur aus Pflichtgefühl geschehen und nicht aus Zuneigung und ehrlichem Interesse.

Für mich ist das eine wichtige Anregung in dieser Passionszeit – und eine große Herausforderung. Zu überlegen, welche Freundschaften ihre Zeit hatten. Wie auch immer ich das mit dem Staub abschütteln konkret gestalten mag.

Ich könnte anfangen, einen neuen Geburtstagskalender zu gestalten.

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SWR2 Wort zum Tag

16DEZ2023
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Ihr Porträt am Meißner Dom zeigt eine selbstbewusste, lächelnde Hoheit, die sich ihrem Ehemann Kaiser Otto freundlich und in gleichberechtigter Haltung zuwendet. Die Heilige Adelheid war Kaiserin des ostfränkisch-deutschen Reichs und Königin von Italien. Heute ist ihr Gedenktag, am 16. Dezember 999 ist sie gestorben. Eine starke Frau, die es gewagt hat, den mächtigen Männern ihrer Zeit die Stirn zu bieten. Sie war gebildet und klug, hat letztlich sowohl ihren Ehemann Otto als auch ihren Sohn und Enkel auf den Kaiserthron gebracht und sich nicht mit dem Titel der Kaiserin begnügt, sondern sich als Mitregentin einsetzen lassen. Die Wertschätzung ihrer Zeitgenossen hat sie sich auch durch ihre karitativen Aktivitäten erworben.

Diese Haltung, die ihr Porträt am Meißner Dom ausstrahlt, fanden spätere Generationen schwer zu ertragen. So wie es bis heute nicht selbstverständlich ist, dass Frauen einen gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft und in der Politik einnehmen. Eine Kopie der Statue aus dem 19. Jahrhundert präsentiert Adelheid denn auch demütig mit gesenktem Haupt. So war sie gewiss nicht.

Ihre mächtigen Zeitgenossen haben es Adelheid schwer gemacht. Ihr erster Ehemann, der König von Italien, wurde wahrscheinlich vergiftet. Seinen Mörder wollte sie nicht heiraten. Da ließ er sie, eine blutjunge Frau, mit ihrer Tochter Emma in einem Turm einkerkern. Doch der mutigen Königin gelingt eine abenteuerliche Flucht. Sie gräbt sich einen Fluchttunnel.

Der deutsche König Otto nimmt sie auf, heiratet sie und besiegt den Feind. Sie wiederum regt den Analphabeten Otto an, das Lesen und Schreiben zu lernen und bringt sich und ihre Fähigkeiten konstruktiv ein, um ihm den Weg zur Kaiserkrönung zu bahnen. Später übernimmt sie die Vormundschaft für ihren Sohn und ihren Enkel und sichert deren Herrschaft ab. Eine Frau, die sich tritt- und stilsicher auf dem politischen Parkett ihrer Zeit bewegt hat.

Bei allem Machtbewusstsein haben ihr aber wohl die Bedürftigen in ihrem Reich am Herzen gelegen, und knapp hundert Jahre nach ihrem Tod wird sie schon heiliggesprochen.

Ihr Porträt am Meißner Dom ist ein bleibendes Denkmal. Ihr Gedenktag heute ist Anlass, allen Frauen Mut zuzusprechen, die es wagen, politische Verantwortung zu übernehmen.

Widerstände wird es für Frauen weiter geben. Die heilige Adelheid macht Frauen Mut, nicht aufzugeben und Regierungen mitzugestalten. Auf Augenhöhe mit den Männern.

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SWR2 Wort zum Tag

15DEZ2023
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Johannes der Täufer, ihm ist der dritte Adventssonntag gewidmet. Johannes der Täufer – ein radikaler Bußprediger. Die Leute ziehen damals in Scharen an den Jordan, wo er predigt und tauft. Als Jesus sich von ihm taufen lassen will, meint Johannes, in Jesus den Messias zu erkennen.

Johannes der Täufer dürfte kein smarter Zeitgenosse gewesen sein. Johannes prangert das Unrecht seiner Zeit an. König Herodes lässt den Täufer daraufhin gefangen nehmen. Johannes war zu unbequem. In der Bibel lesen wir, dass der König sich gerne mit seinem Gefangenen Johannes unterhalten hat. Trotzdem hat er ihn schließlich umbringen lassen, diesen kompromisslosen Bußprediger, der den Mächtigen seiner Zeit den Spiegel vorgehalten hat. Das rächt sich meistens. Bis heute.

Kompromisslose Menschen sind mir in der Regel unheimlich. Sie wissen alles immer ganz genau und haben immer Recht. Für mich schmeckt das nach Unbarmherzigkeit. Insofern ist mir Johannes der Täufer, bei allem Respekt für seine Leistung, erst einmal suspekt. Doch eine kleine Episode lässt mir den radikalen Prediger sympathisch werden.

Am Ende seines Lebens, so lese ich in der Bibel, bekommt Johannes Zweifel. Er sitzt im Gefängnis und fragt sich, ob er auf die richtige Person gesetzt hat. Johannes schluckt seine Zweifel nicht herunter, er setzt sich ihnen aus. Das ist mutig.

Ein zweifelnder Johannes – damit kann ich viel anfangen. Es wäre schön, wenn alle, die sich einbilden, es ganz genau zu wissen, sich gelegentlich solche Zweifel gönnen würden. Das gilt auch für mich. Ich möchte mir Johannes zum Vorbild nehmen. Zweifeln dürfen. Unsicherheit zulassen. Das tut mir gut, aber auch den Menschen, die mit mir zu tun haben. Ich habe nicht die Weisheit der Welt mit Löffeln gefressen. Ich weiß auch nie ganz sicher, ob ich meine Lebensaufgaben erfüllt habe. Es bleibt immer ein gutes Quantum Unsicherheit.

Die Antwort von Jesus an Johannes bleibt übrigens eher vage. Johannes muss sich letztlich selbst entscheiden, ob sie ihm ausreicht. Die Bibel erzählt darüber nichts. Sicher scheint mir nur: Die letzten Zweifel sind bis zu seinem Lebensende nicht ausgeräumt worden. So wie bei allen wichtigen Dingen des Lebens. Hundertprozentig ist nichts. Mir genügt das.

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SWR2 Wort zum Tag

14DEZ2023
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Tödlich verunglückt, als sie das perfekte Foto schießen wollte. Das ist tatsächlich passiert, und die Geschichte hat mich schockiert. Ein Schritt zu nah am Abgrund. Und dann - ein tragischer Unglücksfall! Heute, mit etwas Abstand zu den Ereignissen damals, meine ich: Das hat noch eine tiefere Dimension: Es kann buchstäblich tödlich sein, wenn alles perfekt sein muss. Das gilt für perfekte Landschaftsfotos, das gilt auch für Bilder, die ich mir von meiner eigenen Person mache oder nach außen präsentiere.

Ein berühmter Theologe des 20. Jahrhunderts, Henning Luther, hat das in bewegenden Worten zusammengefasst. Er meint: Leben ist immer fragmentarisch. Wir Menschen sind nicht perfekt. Wer meint, er müsse perfekt und fehlerlos sein, erliegt einer verhängnisvollen Täuschung. Henning Luther war der Ansicht: Perfektionswahn ist Sünde. Ich sehe das auch so. Wer immer perfekt sein will, entfremdet sich von sich selbst und auch von Gott. Wir Menschen sind nämlich keine perfekten Geschöpfe. Wir haben – alle – Fehler.

Henning Luther war todkrank, als er seine Überlegungen aufgeschrieben hat. Vielleicht hat ihm sein schweres Schicksal geholfen, ganz neu über den Wahn der Perfektion nachzudenken. In einer Situation seines Lebens, in der nichts mehr perfekt war und auch nicht mehr perfekt werden konnte. Er ist nur 44 Jahre alt geworden. Als Vermächtnis hat er wertvolle Gedanken weitergegeben. Perfektionswahn ist Sünde. Leben ist Fragment.

Theoretisch ist mir das klar. Praktisch leide ich trotzdem immer wieder an Perfektionswahn. Und andere so wie ich. Jedes Jahr sterben viele Menschen auf der Suche nach dem perfekten Selfie, auf dem sie und ein spektakulärer Ort dieser Welt festgehalten werden sollen, am besten so, dass auch andere bestätigen, dass dieser Ort oder dieser Mensch perfekt sind.

Dabei: Ist es in Wirklichkeit nicht gerade umgekehrt? Echte Schönheit hat immer Webfehler. Die perfekte Schönheit oder Symmetrie wäre sterbenslangweilig. Gerade die Unregelmäßigkeiten machen ein Gesicht oder eine Landschaft spannend und unverwechselbar. Wirklich große Fotografen zeigen das auch. Ihre Bilder präsentieren keine Photo-Shop-Ergebnisse, sondern wirkliche Menschen und wirkliche Orte. Mit ihren Fehlern, die in Wahrheit ganz häufig gerade den Charme ausmachen.

Die Schönheit zeigt sich im Fragment. Ich glaube: Gerade so hat sich Gott das vorgestellt.

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SWR2 Wort zum Tag

07OKT2023
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Meine Freundin hat mir ein Foto geschickt. Das geliebte Ferienhaus in Griechenland, seit Jahrzehnten im Besitz der Familie. Nach der Flutkatastrophe im August steht es direkt an der Abbruchkante, die der Fluss gerissen hat. Unbewohnbar. Alle sind traurig. Immerhin – niemand ist in der Gegend ums Leben gekommen. Wie kostbar das Leben ist – das wird einem bei solchen Katastrophen unmittelbar deutlich. Mit dem drohenden Verlust des Hauses ist ein Riss ins Lebensgebäude der Familie gekommen. Was bisher so selbstverständlich zur Familie gehörte, ein wunderbar gestaltetes kleines Familienparadies – das gibt es so nicht mehr. In solchen Momenten brauchen Menschen Trost. Einer findet sich im Buch des Propheten Jesaja: „Es soll wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat.“ Beim Propheten findet sich die Vision, dass Lücken zugemauert und Wege ausgebessert werden. Bedingungen dafür nennt der Prophet auch: Die Voraussetzung ist soziale Gerechtigkeit. „Klar“, sagt meine Freundin, „eine Ursache für die Flutkatastrophe ist der Klimawandel. Erst kam die Trockenheit, dann das Wasser, das hat der trockene Boden nicht verkraftet“. Das hat auch mit sozialer Ungerechtigkeit zu tun und mit der Ausbeutung der Schöpfung. Umgekehrt heißt das: Der Einsatz für soziale und Klima-Gerechtigkeit schafft Voraussetzungen dafür, dass wieder aufgebaut werden kann. Da werden Wege erneuert und Risse zugespachtelt, auch Risse in Lebensgebäuden. Und manche Lücken im Mauerwerk dürfen bleiben, weil sie Hoffnungszeichen sind. Wie das aussehen kann habe ich einmal selbst gesehen, in einem einst verlassenen und verfallenen Dorf, in das Menschen zurückgekehrt sind. In einem Häuschen war ein Feigenbaum durch ein Kellerfenster gewachsen. Seine Zweige waren ganz krumm von dieser Anstrengung. Aber sie hingen voller Früchte. Die neuen Besitzer haben den Baum so stehen lassen. Sie werden sich gedacht haben, dass ein Kellerraum ruhig luftig sein darf.

Der Baum hatte nicht aufgegeben, als alles andere aufgegeben war, und er hat durchgehalten, bis die Menschen wiederkamen.

Die Vision des Propheten mündet im Bild eines fruchtbaren paradiesischen Gartens, in dem Menschen friedlich wohnen dürfen. In diesem Garten, da bin ich mir ganz sicher, wächst ein Feigenbaum. Für meine Freundin, und für alle, die mit Rissen und Abbrüchen leben müssen.

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