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SWR Kultur Wort zum Tag
Der September ist musikalisch inspirierend. Im Übergang vom Sommer zum Herbst ist die Stimmung dabei gerne melancholisch. Richard Strauß etwa setzt sich in seiner Komposition September mit der eigenen Sterblichkeit auseinander. Bei ihm klingt das – jedenfalls für meine Ohren – nicht morbid, sondern berauschend. Strauß zieht am Ende seines Lebens noch einmal alle Register. Der von ihm vertonte Text von Hermann Hesse trägt das Seine dazu bei: „Golden tropft Blatt um Blatt nieder vom hohen Akazienbaum. Sommer lächelt erstaunt und matt in den sterbenden Gartentraum.“ Da haben sich zwei Künstler im Pathos gefunden – obgleich Hesse die Straußsche Vertonung seines Gedichts gar nicht gefallen hat.
Neil Diamond erzählt in seiner Ballade „September Morn“ von zwei Liebenden, die ihre Liebe schon begraben hatten und sich nun fragen, ob es noch einmal neu funktionieren kann. Die schluchzenden Streicher verraten einem jedoch: das wird nichts, auch wenn die zwei tanzen, als ob es einen neuen Morgen für ihre Liebe geben könnte.
Ob nun eine Liebe oder ein ganzes Leben – im September klingt der Herbst an. Schön, wenn man das gelassen angehen kann wie Richard Strauß oder mit einem Tanz wie Neil Diamond. Mir gefällt‘s, weil ich finde, dass man jede Phase des eigenen Lebens feiern kann. Und, warum nicht, auch eine Liebe, die darum weiß, dass auch ein letzter Tanz sie nicht in einen glücklichen Altweibersommer retten kann.
Alles hat seine Zeit, heißt es im biblischen Buch des Predigers. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit, klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit. Und dabei gibt es die Jahreszeiten des Lebens, die Gott geschenkt hat. Wenn man am Rhein lebt, wie ich, kann man sich zur Musik von Richard Strauß und Neil Diamond einen Sonnenuntergang am Fluss vorstellen. Gerne mit einem guten Glas Wein in der Hand und dem Gedanken: mag sein, es ist das letzte Glas. Der letzte Tanz. Irgendwann wird das so sein.
Gut, wenn ich im September so denken kann, ohne verbittert zu sein. Meinetwegen melancholisch, das Leben ist ja eine wunderbare Sache, doch klug genug, um zu wissen, dass das Leben nicht ewig dauert. Sondern einmal, golden wie die Blätter von Hesses Akazienbaum, zu Boden sinken wird. Oder, wie ich es als Christin glaube: In Gottes Hand.
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Es lohnt sich, im Sommer über den Herbst nachzudenken. Schließlich kommt der Herbst mit Sicherheit jedes Jahr nach Juli, August und September.
In der Bibel erzählt Jesus in einem Gleichnis die Geschichte eines Menschen, der sich selbstverschuldet in einer bedrohlichen Lage befindet. Er hat seinen Dienstherrn betrogen und in die eigene Tasche gewirtschaftet, es droht die Buchprüfung. Immerhin: Es bleibt Zeit zum Überlegen und Handeln. Der Mann entscheidet sich schließlich für eine überraschende Lösung. Er erlässt Schuldnern seines Dienstherrn eigenmächtig deren Schulden. Sicherlich nicht aus reiner Nächstenliebe oder revolutionärem Klassenbewusstsein. Er erhofft sich vielmehr, sehr berechtigt, dass sich die Beschenkten später erkenntlich zeigen werden, wenn ihm selbst der Herbstwind hart ins Gesicht wehen wird.
Ein ziemlich ungewöhnliches Jesus-Gleichnis. Ein Betrüger als Held. Ich finde dieses Gleichnis dennoch inspirierend. Wie wäre es als Ratgeber für die Zeit bis zur Rente. Bislang habe ich noch nicht darüber nachgedacht, was ich mit der vielen Zeit im Ruhestand anfangen will. Statt pünktlich mit Rentenbeginn panisch daran zu verzweifeln, dass ich beruflich nicht mehr benötigt werde, könnte ich vor dem Renteneintritt mit vollen Händen: schenken. Zeit – und, warum nicht, auch Geld. Schließlich hat man vor der Rente in der Regel mehr Geld als später.
Warum nicht überlegen, welchem Verein ich im Spätsommer des Lebens eine Spende zukommen lassen möchte? Warum nicht der gesamten Familie eine richtig schöne Sommer-Sause ermöglichen, mit leckerem Essen und Trinken? Warum nicht Kinder und Enkelin in einen netten Urlaub einladen? Einfach so. Freie Sommerzeit. Es liegt doch nahe, dass die Beschenkten dann im Herbst des Lebens, wenn ich mit viel Zeit zu Hause sitze, auch mal Lust haben, Zeit und schöne Abende mit mir zu verbringen.
Hat ein solches Vorhaben ein gewisses „Geschmäckle“? Wie ich dir, so du mir? In der Bibel steht als Fazit: Der Mann wird – ausgerechnet von seinem Dienstherrn! - gelobt, weil er klug gehandelt hat. Wohlgemerkt: Nicht sein Betrug an seinem Herrn ist klug, sondern die Art und Weise, wie er letztlich seinen Kopf aus der Schlinge zieht. Es ist klug, großzügig zu sein. Vor der Rente. Gerne auch mit Hintergedanken.
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Der erste September. Noch Sommer, aber der Tag schmeckt schon ein bisschen nach Herbst. Die meisten Felder sind abgeerntet und die Tage werden kürzer. In einer sehr beliebten Kindergeschichte hat eine Maus Frederick die Sommerzeit genutzt, um Sonnenstrahlen, schöne Wörter und Farben zu ernten, während ihre Feldmauskollegen sich mit der Ernte von Samen und Nüssen abgemüht haben. Angeblich freuen sich dann in Hungerzeiten im Winter alle Mäuse an den gesammelten Sonnenstrahlen. Für Mäuse finde ich die Methode, sich im Winter auf gesammelte Farben zu verlassen, eher lebensgefährlich. Gerechte Arbeitsteilung stelle ich mir auch anders vor, aber es hat schon was, die Sommerzeit nicht einfach verrinnen zu lassen wie letzte Eistropfen in einem Glas Aperol Spritz.
Ich praktiziere schon seit vielen Jahren Exerzitien. Eine wichtige Übung in den Exerzitien ist die Übung der „liebenden Aufmerksamkeit“. Für eine Viertelstunde lasse ich abends den Tag in der Meditation an mir vorbeiziehen und stelle mir dabei vor, dass Gott mich und diesen Tag mit all seinen Ereignissen mit liebevollen Augen betrachtet. Ich habe festgestellt, dass ich viel zu viele schöne Dinge in der Hektik des Tages schnell vergesse – die schlechten bleiben leider eher haften – und dass diese Übung hilft, insgesamt dankbarer auf mein Leben zu schauen.
Sogar auf Ereignisse, die nicht so richtig erfreulich sind, kann ich dank dieser Übung mit mehr Gelassenheit blicken. Und so erblühen wunderschöne Sommertage, an die ich mich später gerne mit Wärme erinnern mag. Ein Reservoir der besonderen Art.
Gottes liebevollen Blick in dieser Übung stelle ich mir vor wie den Blick von entspannten Großeltern, die einen schönen Tag mit ihren Enkelkindern verbringen. Sie freuen sich mit jedem kleinen Glück und haben Geduld, wenn etwas nicht gleich klappt. Sie können auch trösten, wenn es nötig sein sollte. Sie haben Zeit und viel Liebe.
Ich glaube, auch Menschen, die nicht an Gott glauben, könnten so auf ihre Tage zurückblicken – und auf die nun schon fast vergangene Sommerzeit. Mit liebender Aufmerksamkeit, mit Geduld und Gelassenheit. Das ist wie ein spiritueller Vitamin D-Speicher, der hilft, die kommenden Nebeltage gut zu meistern. Nicht zuletzt: Auch Septembertage haben ihre eigene Schönheit, die gerne genossen und in der Betrachtung bewahrt werden will.
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Als Kind habe ich mich gefragt, wie Gott es eigentlich schafft, im Himmel alle Bitten zu sortieren. Wie er es packt, die Bitten der Bauern um Regen und die der Familien vor dem Sonntagsausflug um Sonnenschein zu koordinieren. Im Film „Bruce Allmächtig“ spielt Jim Carrey einen Mann, der versucht, diesen Job Gottes zu übernehmen. Das Ergebnis ist katastrophal. Bruce verursacht Naturkatastrophen, weil er das mit der Koordination nicht hinbekommt und versinkt völlig überfordert in der Flut der Gebete.
Eigentlich klar, dass die Angelegenheit schieflaufen muss. Wir Menschen haben nicht den völligen Überblick. Sind heillos überfordert, wenn wir versuchen, es allen oder gerade diesem einen Menschen recht zu machen. Erkennen nicht, wo wir durch unser Handeln Verantwortung für unser Unglück tragen. Dann stellt sich so ein gekränktes Gefühl ein, wenn die Welt sich wieder nicht nach unseren Wünschen gerichtet hat. Gott hat versagt! Dann bin ich beleidigt oder trete sofort aus der Kirche aus.
In solchen Verhaltensmustern steckt eine gute Portion Narzissmus. Übrigens auch im Film „Bruce Allmächtig“. Die Hauptfigur dreht sich nur um sich und verliert alle anderen aus dem Blick. Auch die, die ihn eigentlich sehr liebhaben.
Etwas narzisstischen Geist braucht jeder Mensch. Er entsteht im Babyalter, wenn einen die eigenen Eltern begeistert anschauen, obgleich man tatsächlich eher einem zu kurz geratenen Buddha ähnelt. Der liebevolle Blick der eigenen Familie ist wie eine rosarote Brille – und lebenswichtig. Wir brauchen das, damit wir später auch in schwierigen Lebenssituationen nicht an uns verzweifeln, sondern uns immer noch liebenswert finden – wenigstens ein bisschen. Wissenschaftliche Studien beweisen, dass jeder Mensch einen anderen Menschen braucht, der ihn so anschaut. Es müssen nicht unbedingt die eigenen Eltern sein, aber ohne diese Unterstützung eines anderen Menschen geht es nicht.
Ich glaube, dass Gott uns Menschen mit einem liebevollen Elternblick betrachtet. Mit seinem Blick der Liebe, mit dem er uns anschaut. Und wie ein Baby durch den Blick der Liebe in einen Herzensprinz verwandelt wird, so kann auch dieser liebevolle Blick Gottes verwandeln. Zu Menschen, die sich trauen, aufrecht zu gehen. Auch wenn es einmal krumm läuft im Leben. Das schenkt jedem Tag einen besonderen Glanz. Und das strahlt aus und macht die Welt schöner. Wie das liebevolle Lächeln eines geliebten Menschen.
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Bei jungen Menschen ist er wieder in Mode gekommen – der Kniefall. Jedenfalls wenn es ums Heiraten geht. Wer der Angebeteten oder dem Angebeteten einen Antrag macht, geht vor ihm oder ihr auf die Knie. Das gehört, jedenfalls für die meisten, einfach dazu.
Ich meine: Es gibt Situationen, die erfordern einfach einen Kniefall! Willy Brandt hat das gespürt und damit die Welt berührt, das war im Jahr 1970 in Warschau. Sein Kniefall als demütige Geste vor den Opfern des Nazi-Regimes, nach der Kranzniederlegung vor dem Warschauer Ghetto, hat viel bewirkt. Das Bild des knieenden Bundeskanzlers ging um die Welt. Das angespannte Verhältnis zu Polen konnte sich danach verändern, eine vorsichtige Öffnung wurde möglich. „Ich hatte das Gefühl, Stehen reicht nicht“, hat Willy Brandt später gesagt. Das war auch die Stärke dieser Geste. Sie hatte nichts Kalkuliertes an sich. Sie war echt.
Wenn etwas wirklich wichtig ist, geht ein Mensch auf die Knie. Als Zeichen der Demut. Als Zeichen der Angewiesenheit auf den anderen. Eine Liebe hat man nicht in der Hand - genauso wenig wie das eigene Leben oder die Vergebungsbereitschaft anderer Menschen. Da gibt es keine Garantien. Heinrich von Kleist hat sein Drama Penthesilea dem von ihm überaus verehrten Goethe auf den „Knien seines Herzens“ überreicht, so hat er es in seinem Begleitbrief geschrieben. Doch das Herz des Dichterfürsten blieb hart. Da konnte Kleist auf den Knien seines Herzens liegen so lange er wollte. Nicht jeder Antrag wird mit einem Ja beantwortet.
Mag sein, es erscheint altmodisch, sich Gott auf Knien anzuvertrauen. Bei evangelischen Christenmenschen ist es auch eher unüblich. Doch ich brauche immer wieder auch diese körperliche Erfahrung, vor allem, wenn mir etwas wirklich am Herzen liegt. Mit einer Mischung aus Demut und Hoffnung gehe ich vor Gott auf die Knie. Oft genug auch aus Dankbarkeit. Es gibt Tage im Leben, die sind einfach zum Niederknien schön, besonders, einzigartig. Wenn ich eine Krankheit überstanden habe. Wenn mir ein Mensch seine Liebe schenkt. Mir tut das gut – noch jedenfalls machen die Gelenke mit. Doch wenn meine Gelenke nicht mehr mitspielen, dann tue ich es halt auf den Knien meines Herzens. Und Gott wird, hoffentlich, gnädiger sein als Goethe.
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Ich miste gerne aus. Kleider, die mir schon lange nicht mehr passen, unvollständige Spiele, ausgelesene Krimis und nie wirklich getragene Schuhe. Sie verstopften das Haus. Ich mag es, Dinge auszusortieren, es hilft mir, den Kopf zu klären. Ich nehme jedes Teil in die Hand und wäge ab: Was brauche ich, was ist überflüssig und kann zum Flohmarkt oder auf den Müll?
Man kann aber auch Nicht-Materielles aussortieren. Es spricht für die eigene Beweglichkeit, auch innerlich ab und an einiges auf den Müll der eigenen Geschichte zu werfen, wenn man nicht wie in einem Museum seiner selbst leben will.
Da könnte es naheliegen, auch den eigenen Glauben auszusortieren, zumal, wenn er unbequem geworden ist wie ein zu enges Kleidungsstück. Ich kann mich noch gut an eine Zeit meines Lebens erinnern, in der ich mit meinem Glauben schon an der Sperrmüllstation angekommen war, ja, ihn dort schon abgegeben hatte. Ich war der Ansicht, dass ich aus meinem Kinderglauben herausgewachsen sei. Erst kam ich mir richtig befreit vor, aber dann drehte sich das Gefühl. Ich habe gemerkt, dass mir etwas Entscheidendes im Leben fehlt. Ich habe gespürt, dass ich ohne meinen Glauben nicht gut leben kann und will. Ich habe dann lange gesucht. Und glücklicherweise konnte ich ihn wiederfinden. Er hatte sich verändert, aber er war doch mein Glaube geblieben. Ich habe gemerkt, dass er auch der erwachsenen Frau passt. Heute weiß ich, dass dieser Glaube das Kostbarste ist, was ich habe.
Im Rückblick muss ich selbstkritisch sagen: Es war zunächst auch bequemer, so ohne meinen Glauben. Ich musste anderen Leuten nicht mehr erklären, warum mir diese Geschichte mit Gott denn so wichtig ist. Immerhin: Auch in der Bibel wird von Menschen erzählt, die es lieber bequem gehabt hätten. Die meisten Menschen, die sich von Gott angesprochen fühlten, hatten Ausreden parat: Ich bin zu jung, kann nicht gut vor anderen Leuten sprechen, habe gerade andere Pläne… Doch Gott ist hartnäckig geblieben.
Es ist gar nicht so einfach, den Glauben wiederzufinden, wenn er erst einmal auf der Müllhalde entsorgter Denk- und Glaubensmodelle liegt. Trotzdem plädiere ich dafür, den Glauben immer wieder kritisch in die Hand zu nehmen und abzuwägen: Brauche ich ihn noch? Ist er mir wertvoll? Möglicherweise merke ich erst beim Abstauben für den Flohmarktverkauf, dass er einen eigenen neuen Glanz für mich gewinnen kann und will.
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Im neuen evangelischen Gesangbuch ist es gesetzt, und in einer Hitliste der beliebtesten Kirchenlieder findet es sich ganz oben: Das Lied „Von guten Mächten“, gedichtet vom evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Selbst manche überzeugten Atheisten singen bei Beerdigungen angerührt mit: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“
In diesem Jahr denken wir besonders an Dietrich Bonhoeffer. 1945, kurz vor Ende der Nazidiktatur, ist er ermordet worden, auf Befehl Adolf Hitlers. Es hat schon eine Pointe: Adolf Hitler war es ein persönliches Anliegen, dass Dietrich Bonhoeffer umgebracht wurde, doch seine Gedanken und seine Botschaft hat das nicht töten können, im Gegenteil. Das Lied „Von guten Mächten“ wirkt zeitlos aktuell und wird auch von Menschen gesungen, die nicht wie Bonhoeffer im Gefängnis sitzen. Menschen sehnen sich in schwierigen Situationen nach dem Trost, trotzdem gehalten und begleitet zu sein.
Bonhoeffer dichtet: Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand. Selbst diese Zeilen verhöhnen Adolf Hitler und seine Schergen. Denn Bonhoeffer redet zu Gott. Du reichst mir den schweren Kelch. Er spricht damit Adolf Hitler und seinen Kerkermeistern die Machtbefugnis über ihn ab. Sie mögen sich einbilden, dass sie über sein Leben und seinen Tod verfügen können. Doch es ist Gott, der die Macht im Himmel und auf Erden hat. Bonhoeffers Haltung trotzt der Herrschaft des Terrors. Diese Haltung können sie nicht töten. Nicht einmal verletzen. Bonhoeffers Haltung ermutigt Menschen bis in die Gegenwart. Ich erkenne heute, welch ungeheure Kraft sich so entfalten kann.
Bonhoeffer nimmt um sich eine unsichtbare Welt wahr, die ihn tröstet. Er zeigt sie uns in seinem Gedicht. So hilft er mir und vielen anderen, diesen – wie er es nennt - vollen, zugleich stillen Klang wahrzunehmen, mitten im Gedröhn der Gewalt, im Lärm des Alltags.
Nicht alle Hoffnungen werden sich erfüllen, kein Mensch bleibt vom Leid verschont. Aber wir werden behütet sein, getröstet und gerettet. Wie Bonhoeffer dichtet: Von guten Mächten wunderbar geborgen, behütet und getröstet wunderbar.
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Ich kann mich noch gut erinnern, dass wir Mitte der 60er Jahre auf der langen Fahrt zu den Großeltern ins Lipperland im Auto gesungen haben. Alte Volkslieder rauf und runter, ich kann sie noch heute auswendig.
Manchmal ist es wie früher, einfach, weil das Autoradio ausfällt. Ich war mit einer Freundin auf Kreta unterwegs. Wir hatten ein klappriges Gefährt gemietet. Gas und Bremse funktionierten halbwegs, nicht so das Autoradio. Und so haben meine Freundin und ich angefangen, im Auto zu singen. Blowing in the wind, der Mond ist aufgegangen, O happy day… Es hat richtig Spaß gemacht. Irgendwo auf einer kurvigen Bergstrecke mit Blick auf das Mittelmeer hat meine Freundin mir das Lied „Vertraut den neuen Wegen“ beigebracht. Als wir abends wieder in unserem Hotel angekommen sind, hatte es das Lied schon in mein Herz geschafft. Die englische Sprache hat ja diesen schönen Ausdruck für etwas, das man auswendig kann: to know something by heart. Für mich ist das Lied „Vertraut den neuen Wegen“ zu meinem Herzenslied geworden.
Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist, weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.
Ich bin nicht die Erste, der es so gegangen ist. Das Lied hat offenbar die Fähigkeit, sich ganz schnell in die Herzen von Menschen zu stehlen. Ursprünglich ist es für eine Hochzeit gedichtet worden. „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt.“ Ein Theologieprofessor hat es in der damaligen DDR für sein geliebtes Patenkind gedichtet, das 1989 in Eisenach Hochzeit gefeiert hat. Gäste haben das Lied mit nach Hause genommen und in ihren Gemeinden bekannt gemacht. In Windeseile hat es sich in der ganzen DDR verbreitet, und das in den Zeiten der Diktatur. In der dritten Strophe heißt es: Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit. Ich stelle mir vor: Die Leute haben es in den Kirchen gesungen, bei den Demonstrationen gegen das Regime, sicher auch im Auto. Als Volkslied, als Protest gegen die Diktatur. Ein Lied trifft den Nerv der Zeit! Zwei Monate später fällt die Berliner Mauer. Die Tore stehen offen!
Ganz gewiss wird dieses Lied auch im nächsten neuen evangelischen Gesangbuch zu finden sein. Und es wird, ganz bestimmt, wieder den Weg in Herzen finden. Und die Hoffnung nähren, dass die Welt nicht den Diktatoren gehört, sondern Gott und seinen Menschen, wo auch immer sie sich auf den Weg machen. Auf Kreta, auf einer Straße im Lipperland. In Eisenach. Vertraut den neuen Wegen!
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Matthias Claudius: Berühmte Zeitgenossen haben höchst abfällig über ihn geurteilt. Wilhelm von Humboldt hat ihn für eine „völlige Null“ gehalten, Goethe für einen „Narren“. Nun, auch große Denker und Dichter können irren. Mich jedenfalls freut es, dass Matthias Claudius etwas gelungen ist, was der arrogante Dichterfürst Goethe nicht geschafft hat! Claudius hat das bekannteste aller deutschen Lieder gedichtet: „Der Mond ist aufgegangen“. Was für ein Lied! Einzigartig in seiner Schönheit! Mit einer Sprache, die Bilder in die Seele malt: „Die goldnen Sternlein prangen, am Himmel hell und klar, der Wald steht schwarz und schweiget.“
Matthias Claudius konnte poetisch und zugleich eindrücklich formulieren. Stromlinienförmig war er nie, was ihm sicher auch heute noch Schwierigkeiten bereiten würde. Menschen, die nicht im Zeitgeiststrom schwimmen, haben es immer schwer. Einfach dagegen ist die Sprache des Dichters. Ich glaube, das liegt auch daran, dass er ein Herz für Kinder hatte, und das spürt man seinem Lied auch ab. Er hat von und mit seinen Kindern die einprägsame Sprache gelernt: „Lass uns einfältig werden, und vor dir hier auf Erden, wie Kinder fromm und fröhlich sein.“
Dabei ist Einfalt, so wie Claudius sie versteht und gelebt hat, weder dumm noch naiv. Sie ist eine Herzenshaltung. Ein einfältiger Mensch im Sinne des Liederdichters ist jemand, der sich ohne Berechnung öffnen und hingeben kann und dabei auch an den notleidenden Nächsten denkt: „Verschon uns Gott mit Strafen, und lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch.“ Wie viele Menschen haben sich von diesem Abendlied schon trösten lassen. Manchmal mit Tränen in den Augen. Matthias Claudius hat Seelsorge gedichtet.
Mit meiner kleinen Enkelin habe ich sein Lied schon oft gesungen, sie kann es inzwischen auswendig. Sie singt es sehr gerne. Das liegt auch daran, dass Claudius nicht von oben herab pädagogisiert. Er spricht auf Augenhöhe, auch mit Kindern: „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön.“ Der Dichter weiß, dass es Dinge im Leben gibt, die nur so erfasst werden können: Mit einem „einfältigen“ Herzen. Und so öffnet er die Herzen von Kindern und Erwachsenen für ein Staunen über die Welt, eine unbefangene Freude über die wunderbare Schöpfung, für Trost in schweren Stunden und eine fröhliche Dankbarkeit für alles, was uns Menschen geschenkt ist.
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Manchmal muss man das Leben einfach feiern. Jesus hat das zwei Tage vor seinem Tod erlebt. Er ist bei einem wohlhabenden Freund eingeladen, als überraschend eine Frau den Raum betritt. Sie gießt Jesus wertvollstes Öl über den Kopf, eine Kostbarkeit. So teuer, dass ein Tagelöhner dafür ein ganzes Jahr lang hätte arbeiten müssen. Der Raum dürfte mit dem Duft des Öls geflutet worden sein.
Und: Die Frau schenkt Jesus noch mehr als kostbares Öl. Seine Botschaft ist bei ihr angekommen. Sie handelt, als ob sie jetzt schon Teil der kommenden Welt Gottes ist, von der Jesus mit aller Kraft erzählt hat auf der wilden Reise seines Lebens. Sie feiert das Leben!
Sofort flammt Empörung auf. Wenn man das Öl verkauft hätte, statt es so zu verschwenden, dann hätte man das Geld den Armen geben können.
Jesus stellt sich schützend vor die Frau. Er lässt zu, dass sie überschwänglich ist, voller Hingabe. Verschwenderisch, überfließend wie die Liebe Gottes, von der er so oft gepredigt hat. Mit dem Duft der Salbe entfaltet sich eine Ahnung im Raum: So könnte es sein, wenn die Welt für Augenblicke so ist, wie Gott sie einmal gewollt und geschaffen hat: Wohltuend, voller Liebe und Hingabe. Ohne Krieg und Schmerz. Eine Welt in Frieden. Duftend. Und Gott sah, dass es gut war.
Diese Begegnung der Frau mit Jesus beim Festmahl gibt mir zu denken: Vergiss über dem Einsatz für die Gerechtigkeit das Leben nicht. Oder um es mit den Worten des Liederdichters Wolf Biermann zu sagen: Du, lass dich nicht verbittern in dieser bittern Zeit.
Der Einsatz für eine bessere Welt kann nämlich auf Dauer auch ermüden. Wenn alles Engagement fruchtlos erscheint, wenn immer wieder die triumphieren, die sich selbst an die erste Stelle setzen. Wenn die Kriegstreiber und Diktatoren unbeirrt töten und siegen. Dann kann das hart machen, humorlos und traurig.
Mir scheint: Für alle, die es ernst nehmen mit der Botschaft Jesu, die sich nicht abfinden wollen mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt und zugleich darüber müde geworden sind, für sie ist diese Geschichte der Frau mit dem Salböl bewahrt worden.
Du, lass dich nicht verbittern! Lebe! Liebe!
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