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SWR Kultur Wort zum Tag
Das Geheimnis des Lebens ist mir ganz nah - bei jedem Atemzug. Ich kann meinen Atem zwar beobachten, doch nie ganz fassen. Wenn ich mit anderen im Chor singe oder meinen Körper trainiere, dann achte ich bewusst auf meinen Atem. Wenn ich aber schlafe, mich auf meine Arbeit konzentriere oder einen Film oder ein Theaterstück anschaue, dann atme ich einfach, ohne darüber nachzudenken.
Hin und wieder lege ich meine Hände auf meinen Bauch und atme ganz bewusst tief ein und aus. Dann staune ich darüber, wie selbstverständlich mein Atem in mir strömt und meinen Leib bewegt. Ich ahne, warum die Bibel sagt: Gott haucht dem Menschen den Atem ein und macht ihn dadurch lebendig. Das könnte auch beängstigend sein, Gott so nah in mir. Doch ich finde, es ist ein schöner Gedanke. Ich mag es, mir vorzustellen, dass es Gottes Atem ist, der mich bewegt und durchströmt. So nah kommt Gott mir, wie mein eigener Atem, und doch habe ich ihn, wie meinen Atem, nicht im Griff. Ich kann nur staunen über seine fremde Kraft.
Manchmal zeigt mir mein Atem lange vor meinem Verstand, dass ich mich nicht wohl fühle, er wird eng und gepresst, meine Stimme zittert. Manchmal stockt mir der Atem vor Schreck über diese Welt, vor Angst. Dann wieder gibt es Momente, in denen mein Atem ganz ruhig fließt, weil ich entspannt bin, an einem guten Ort, von Menschen umgeben, die mir zugewandt sind. Wenn ich auf meinen Atem höre, kann er mir viel zeigen und sagen.
Die Sommerzeit jetzt wird für mich eine Zeit des Aufatmens sein. Morgens laufe ich am Strand, mit langem Atem. Ich brauche solche Atempausen. Für mich, für die Menschen, die ich liebe, für meinen Gott. Damit ich nicht atemlos an mir vorbeilebe.
Ein alter Pater hat mir einmal erzählt, für ihn sei jeder Atemzug wie der Name Gottes. Der Mann meint, dass wir von unserem ersten Atemzug bis zu unserem letzten Gottes Namen beten. Der Name Gottes: Ein Hauch.
Die Abendsonne am Meer erinnert mich daran, dass ich eines Tages mein Leben aushauchen werde. Irgendwann kommt mein letzter Atemzug, vielleicht ein schwacher Seufzer, ein Gebet, hinein in Gottes unfassbare Wirklichkeit.
In meiner Atempause am Meer werde ich darüber nachdenken. Dankbar für die würzige Seeluft, die ich atmen darf, dankbar für das Leben, das Gott mir eingehaucht hat.
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„Bevor du über einen Menschen urteilst - geh erst mal vier Wochen in seinen Schuhen,“ das hat meine Mutter immer gesagt. Vor kurzem habe ich jetzt die tiefe Weisheit dieses Satzes erfahren.
Wir hatten eine Reise nach Los Angeles zu unserem Patenkind geplant, dann kam eine dringend notwendige Fußoperation meines Mannes dazwischen. Wir hatten überlegt, den Besuch abzusagen, weil mein Mann zwar kurze Strecken gehen konnte, keinesfalls jedoch die weiten Wege im Flughafen. Aber die kundige Frau im Reisebüro hat uns ermutigt und uns einen Assistenz-Service gebucht. Das ist gut organisiert. Allerdings ist die Perspektive aus dem Rollstuhl gewöhnungsbedürftig. Wir warten in einer Gruppe der Mühseligen und Beladenenen darauf, abgeholt zu werden. Schließlich holt uns eine freundliche Dame ab und dann geht es mit dem Rollstuhl durch den Flughafen. Ich wundere mich: Wie wenig die Leute aufeinander achten! Immer wieder kommt es vor, dass jemand fast in den Rollstuhl hineinläuft.
Mein Mann sagt, dass es auch ein merkwürdiges Gefühl ist, aus der Rollstuhlperspektive ständig nach oben sprechen zu müssen, ähnlich wie ein kleines Kind. Plötzlich ist er im wörtlichen Sinn nicht mehr auf Augenhöhe, das fühlt sich nicht gut an. Auch die mitleidigen Blicke der Menschen haben ihn seltsam berührt. „Ein Perspektivenwechsel ab und zu ist aber gar nicht schlecht,“ meint er.
Wir haben viel gelernt auf dieser Reise. Zum Beispiel, achtsam hinzusehen. Menschen im Rollstuhl oder mit einer Behinderung brauchen kein Mitleid, sondern Respekt. Das war mir theoretisch schon vorher klar, aber wenn man es am eigenen Leib oder gemeinsam mit einem Menschen, den man liebhat, fühlt, dann begreift man es ganz neu.
Wieder zurück im Alltag hat sich meine Wahrnehmung in vielen Situationen geändert. Wie viel Platz muss ich beim Parken auf dem Bürgersteig lassen, damit Kinderwagen und Rollstühle noch bequem durchpassen? Ich habe mich auch getraut, einen Mann anzusprechen, der unberechtigt auf einem Behindertenparkplatz geparkt hat. Achte ich auf Kinder und darauf, dass sie nicht übersehen werden? Auf Augenhöhe miteinander sprechen, das geht - auch wenn jemand kleiner ist - oder größer als ich.
„Geh erst mal vier Wochen in den Schuhen eines anderen Menschen.“ Meine Mutter hatte Recht. Übrigens: Beim Warten auf dem Flughafen haben wir viele interessante Gespräche mit den anderen Menschen geführt, die ebenfalls auf einen Rollstuhl-Transport gewartet haben. Und gemeinsam festgestellt: Toll, dass es diesen Service gibt.
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„Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“ Ein starker Hinweis, er stammt vom Apostel Paulus. Im Moment meditiere ich diesen Satz jeden Tag - er ist zu einem meiner augenblicklichen Lieblingssätze geworden. Er erinnert mich daran, dass ich Leib bin, und dass es mir insgesamt nur gut gehen kann, wenn ich mit diesem Leib auch liebevoll, zumindest freundlich umgehe.
Erstaunlich, dass ausgerechnet der Apostel Paulus den Körper so sehr wertschätzt: als Tempel Gottes – höher geht´s ja nicht. Schließlich war der Apostel selbst kein gesunder Mensch, wahrscheinlich litt er unter wiederkehrenden Anfällen. Sein Geist jedoch arbeitete auf höchstem Niveau. Da hätte es doch nahegelegen, den kranken Körper dem glänzenden Intellekt unterzuordnen. Doch Paulus denkt anders. Er ist nicht leibfeindlich, im Gegenteil. Er bewundert die feine Justierung aller Gliedmaßen und schärft mir ein: In meinen vergänglichen Sehnen und Gliedern, in meinem Hirn und Herz wohnt: der Heilige Geist!
Das lässt auch mich meinen Leib mit anderen Augen betrachten. Denn: Was tue ich ihm alles an! Oft gönne ich ihm keine Ruhe, trainiere ihn nur halbherzig, manchmal höre ich nicht auf seine Signale. Lange Jahre habe ich ihm mit Zigaretten die Luft zum Atmen genommen. Meinen persönlichen Tempel des Heiligen Geistes habe ich ganz schön vernachlässigt, ja richtig schlecht behandelt. Dabei geht es ohne ihn nun wirklich nicht, und, fromm gesprochen: Gott hat sich ja wohl was dabei gedacht, dass er uns Menschen handfest in Fleisch und Blut verpackt hat. „Verherrlicht Gott mit eurem Leib!“, ermuntert Paulus die Menschen. Wenn Menschen achtsam und liebevoll und zärtlich mit ihrem Körper umgehen, dann ist das zum Lob Gottes - eine atemberaubend schöne Vorstellung!
Mir gefällt auch, dass Paulus den Leib mit einem Tempel vergleicht, also mit einem lebendigen Ort, an dem Menschen Gott begegnen können. Oft genug wird der Körper mit einer Maschine verglichen, das Gehirn mit einem Steuermechanismus. Doch unser Körper ist keine seelenlose Maschine, sondern ein lebendiger Organismus, ständig in Resonanz, in Begegnung mit anderen Menschen und der Umwelt.
Vielleicht stelle ich mich heute Morgen einmal vor den Spiegel, so wie Gott mich schuf, und betrachte mich mit seinen Augen, liebevoll und achtsam, und stelle mir vor: Der Heilige Geist wohnt in mir, in jeder Zelle, in jedem kleinen Blutkörperchen. Kein schlechter Tagesanfang!
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Im Frühling, werden die Lämmer geboren. Manchmal ist auch ein kleines schwarzes mit dabei. Wer es einmal gesehen hat, weiß: Es gibt kaum ein schöneres Bild als kleine Lämmer auf der Weide. Sie springen vor Lebensfreude! Und voller Leben ist auch der 23. Psalm, einer der bekanntesten Psalmen der Bibel: Der Herr ist mein Hirte. So fängt er an. Für viele Menschen ist dieser Psalm wie ein vertrauter Begleiter auf dem Lebensweg.
Dabei verschweigt der Psalm auch die dunklen Seiten des Wegs nicht. Neben der grünen Aue droht Gefahr, im frischen Wasser spiegeln sich dunkle Wolken. Manchmal ist der Tisch gedeckt im Angesicht von Feinden. Gerade so ist das Leben. Schön und gefährlich, sanft und hart, unglücklich und sinnenreich. Deshalb ist der 23. Psalm tatsächlich ein Lebenspsalm.
Ich erinnere mich an einen Konfirmanden, den ich sehr gemocht habe. Ein wilder Junge, selbstbewusst, Typ „Kopf durch die Wand“. Wir sind trotz aller Sympathie einige Male heftig aneinander geraten, besonders, wenn er sich nicht an Regeln gehalten hat. Bei seiner Konfirmation hat er sich Psalm 23 als Konfirmationsspruch gewählt, konkret den Vers „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“ Ich war verblüfft. Er war entschieden in seiner Wahl. Jahre später, er ist inzwischen erfolgreich im Beruf und junger Familienvater, hat er mir davon erzählt, dass ihn dieser Vers durch alle Höhen und vor allem Tiefen seines Lebens begleitet hat. „Da gab es schon Abgründe,“ sagt er. „Manchmal war es ziemlich finster. „Ich fürchte kein Unglück!“ Darauf habe ich mich irgendwie immer verlassen. Das war meine Rettung.“
Gerade werden überall in Deutschland Konfirmationen gefeiert, junge Menschen gesegnet für ihren Lebensweg. Viele wählen immer noch diesen Psalm als Konfirmationsspruch. Ich wünsche mir, dass die jungen Leute an diesem Tag mit allen Sinnen erfahren: Ich bin gesegnet, umgeben von lieben Menschen. An diesem Tag müssen die Feinde, in deren Angesicht der Tisch gedeckt wird, mal Pause machen.
Mir gefällt, dass der Psalm von Großzügigkeit erzählt. „Du schenkst mir voll ein“ heißt es. Nicht knausrig knapp unter den Eichstrich, sondern so, dass das Glas fast überfließt. Das Leben ist immer wieder zum Feiern schön!
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Das Leben geht weiter, nach jedem Fest, auch nach Ostern. Auferstehung, der Tod besiegt, da stellt man sich die Schar der Jünger eigentlich beschwingt vor. Kraftstrotzend, mutig voran, in einer nicht enden wollenden Feierstimmung. Die Realität sieht anders aus. Statt Konfetti gibt’s den Kater danach. Das Johannesevangelium präsentiert uns die Jünger nach Ostern weder als Superhelden noch als Sieger auf dem Treppchen.
Sie sind wieder bei der Arbeit. So richtig frisch sieht die nachösterliche Gruppe dabei nicht aus. Als sie sich am See Genezareth treffen, surfen sie nicht auf den Wellen des Erfolgs. Zum ersten Arbeitstreffen sind noch nicht einmal alle gekommen. Nur sieben der elf Jünger haben sich zusammengefunden.
Das Evangelium ist realistisch. Der Alltag ist hart und frustrierend. Manchmal hilft da die Rückkehr in den alten Trott. Die Jünger werfen die Netze aus, am See Genezareth wie eh und je. Sie fangen erst einmal: nichts.
Der Alltag ist mühsam, manchmal ist gar kein Erfolg zu sehen, trotz aller Anstrengungen. „Was habt ihr erreicht?“ fragt der auferstandene Jesus, als er in dieser Situation plötzlich bei den Jüngern auftaucht. Eine unbequeme Frage, worauf können sie verweisen - auf zerrissene Netze und Hoffnungen?
Worauf kann ich verweisen, wenn mich jemand so fragen würde, ganz direkt, wenn ich gerade mit leeren Händen dastehe. „Was hast du erreicht?“ Enttäuschte Träume, langweiliges Einerlei? Die Sache wird nicht besser dadurch, dass ich mir eigentlich alles schöner vorgestellt habe.
Manchmal bleibt nur eine ehrliche Antwort: „Nichts.“ „Nichts“, antworten die Jünger. Zumindest sind sie ehrlich. Ich selbst mache mir manchmal noch etwas vor. Nichts.
„Wagt es,“ sagt Jesus, „werft das Netz noch einmal aus“. Versuch´s noch mal, es gibt Hoffnung. Mag sein, es sind nicht alle gekommen, aber die, die da sind, die sind gut und wichtig, die packen mit an. Auf die, die da sind, kommt es an.
Sieben Jünger waren es damals, sechs zählt das Johannesevangelium mit Namen auf. Und der siebte... Ich meine, es ist kein Zufall, dass offen bleibt, wie dieser Jünger heißt. Jede kann hier ihren, jeder kann hier seinen Namen einsetzen. Und dazugehören.
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Weiß haben sie gestrahlt – die Kleider, die sich die ersten Christen nach ihrer Taufe angezogen haben. Als Zeichen für einen grundsätzlichen Neuanfang im Leben. Rein und weiß. Wie neugeboren! Die ersten Christen haben diese Taufkleider dann eine ganze Woche lang getragen. Nach meiner eigenen Erfahrung mit weißen Blusen und Hosen und den Versuchen, sie nur halbwegs sauber über den Tag zu retten, weiß ich, ganz sicher und bestimmt: diese weißen Kleider der Täuflinge dürften nach sieben Tagen nicht mehr rein Weiß gewesen sein. Das kann gar nicht funktioniert haben!
Ich finde, symbolisch betrachtet hat das aber auch etwas. Sich durch die Taufe wie neugeboren fühlen heißt nicht, von nun an unbefleckt durchs Leben zu gehen. Pannen wird es immer geben. Darüber kann ich mich ärgern, ich kann es aber auch tröstlich finden. Denn die Flecken auf den weißen Kleidern der Täuflinge machen die Taufe nicht ungültig. Wahrscheinlich hätten sich auch die frischgetauften Christen lieber eine Woche lang rein weiß gezeigt. Gerade weil das nicht funktioniert hat, konnten sie aber entdecken: Gott wird sich von keinem Fleck, von keinem Schatten, von keinem Schmutz abhalten lassen, seine Menschen zu lieben.
Sicher – ich wäre auch lieber perfekt. Strahlend weiß. Manchmal merke ich dann, dass sich hinter diesem Wunsch auch ganz schön viel Hybris versteckt. Und Eitelkeit. Meine ich wirklich, ich könnte ausgerechnet Gott etwas vormachen? Ein perfektes Weiß - das funktioniert ja nicht einmal bei meinen T-Shirts.
Dann wieder bin ich nicht eitel, sondern komme mir wie eine Versagerin vor. Kein Wunder, wenn ich an akutem Perfektionswahn leide, das kann ja auf Dauer nicht gut gehen. An solchen Tagen kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendjemand, geschweige denn Gott, mich liebevoll ansehen könnte. Das kann genauso problematisch sein wie Eitelkeit. Mit Selbstvorwürfen kreise ich letztlich auch nur um mich selbst.
Was mich tröstet ist: Auch im schmutzigsten Taufkleid findet sich noch ein Rest Weiß. Und das finde ich, wieder symbolisch betrachtet, wichtig. Denn die Taufe wird durch die Flecken auf den Taufkleidern nicht unwirksam.
Manchmal denke ich: Einige Flecken gewinnen sogar Sinn, zumindest im Nachhinein betrachtet. Es gibt dunkle Schatten, die mir helfen, andere Menschen besser zu verstehen, die gerade unter einer ähnlichen Situation leiden.
Nicht zuletzt: Jeder Dreckspritzer ist eine Lebensversicherung gegen Arroganz.
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Mein erster Ausflug als Kind in alpine Bergwelten endete schnell mit einer schlimmen Fraktur. Beim Skifahren habe ich mir das Bein gebrochen. Ich lag hilflos im Schnee, zum Glück haben mir mitleidige Menschen geholfen, mich von der Piste getragen und versorgt. Der Knochen wurde eingerenkt und das Bein eingegipst. Das ist lange her - aber die Narben in meinen Knochen kann man heute noch im Röntgenbild erkennen.
Das hebräische Wort für Knochen hat zwei Bedeutungen. Es kann auch das Schilfrohr meinen. Beides ist zerbrechlich. Schilfrohr, einmal geknickt, ist wertlos geworden. Manchmal kommen sich Menschen wie zerbrochenes Schilfrohr vor. Nicht nur, wenn sie einen Skiunfall hatten.
In der Bibel wird beim Propheten Jesaja von einem Mann erzählt, der das geknickte Schilfrohr nicht zerbricht und wegwirft. Er tut nicht das, was eigentlich wirtschaftlich wäre und vernünftig. Er tut nicht das, was nahe liegt. Er tut nicht, was durchaus recht und billig wäre. Billige Lösungen liegen nahe, aber für ihn ist etwas anderes wichtiger: Barmherzigkeit. Das Matthäusevangelium bezieht die Worte des Propheten Jesaja auf Jesus. Dessen Leib wurde zerbrochen am Kreuz. Aber noch im Tod blieb Jesus barmherzig.
Vielleicht muss man Brüche im Leben schon einmal selbst erlebt haben, um zu verstehen, wie kostbar das ist: Barmherzigkeit. Das gilt für Knochenbrüche, es gilt auch für die Brüche der Seele. Sie brauchen: Barmherzigkeit.
Menschen leben von Barmherzigkeit. Viele Menschen warten darauf. Sehnsüchtig. In vielen Ländern der Welt! Manchmal muss man Präsidenten daran erinnern. In einer so schrecklich oft erbarmungslosen Welt. Herr Präsident, seien Sie barmherzig!
Das geknickte Rohr wird Gott nicht zerbrechen. Diese Botschaft der Barmherzigkeit klingt weiter, liebevoll und zugleich beharrlich. Selbst dort, wo auf den Straßen geschossen und gebrüllt wird, wo die Sprache der Gewalt regiert, das Recht der Bosheit herrscht. Das geknickte Rohr wird Gott nicht zerbrechen. Menschen sagen diese Worte weiter. Und es gibt, seit der Zeit des Propheten Jesaja, immer mindestens einen Menschen, der im Namen der Barmherzigkeit protestiert, sich nicht abfindet, die Kraft zur Liebe und zur Vergebung aufbringt - wenn auch oft nur mit Tränen in den Augen.
Barmherzigkeit lässt leben. Mit den Brüchen im Leben, mit der eigenen, ganz persönlichen Geschichte. So dass die Narben des Lebens zu Linien werden, durchlässig für einen göttlichen Schein.
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Den schwedischen Film „Wie im Himmel“ liebe ich sehr. Ein wunderschöner Film mit einem traurigen Ende, und doch: Er weitet den Blick über den Tod hinaus. Ich finde, er passt deshalb in diese Zeit vor dem Karfreitag. „Wie im Himmel“ erzählt von einem weltberühmten Dirigenten, der nach einem Herzinfarkt in sein schwedisches Heimatdorf zurückkehrt. Er möchte, so sagt er es jedem, der ihn anspricht: er möchte HÖREN lernen.
Der umtriebige Chef des Kirchenchors drängt ihn, doch einmal bei einer Probe vorbeizukommen. Eigentlich will der Dirigent nichts anderes als seine Ruhe haben. Doch dann lässt er sich tatsächlich breitschlagen und kommt zur Chorprobe. Man sieht und hört eine etwas merkwürdige Truppe, die sich beim Singen redlich Mühe gibt, aber doch fast peinlich wirkt. Warum er den Chor dann doch übernimmt, bleibt ein Rätsel. Jedenfalls kommt mit ihm der Erfolg, obwohl oder gerade weil sich die Sängerinnen und Sänger gehörig umstellen müssen. Sein Ziel ist: Jeder soll seinen eigenen, ganz persönlichen Ton finden. Und das Wunder geschieht: Die Menschen kommen immer mehr aus sich heraus, trauen sich was, finden zu ihren Tönen. Nicht nur die Stimmen verändern sich dadurch, auch sie selbst. Die Sängerinnen und Sänger entdecken mit ihrem eigenen Klang ihre eigene Persönlichkeit. Mit ihnen verändert sich auch das ganze Dorf, es verändert sich aber auch der Dirigent, auch ihn erfasst die Bewegung. Er entdeckt die Liebe. Zu einer Sängerin. Das ist ein Wunder, und doch auch wieder nicht, denn der Ton, der unser eigener Ton ist, ist immer ein Ton der Liebe.
Immer mehr Menschen schließen sich dem Chor an. Jeder Mensch, der kommt, darf bleiben, jeder Ton ist willkommen.
Wenn Menschen zu ihrem Lied finden, zu ihrem Lebensklang, dann verwandelt diese Entdeckung. Ihr Klang führt sie zurück zu ihrem Ursprung und zugleich zu ihrem Ziel, spannt den großen Bogen zwischen Geburt und Tod und wagt den Blick in den Himmel.
Ich weiß jetzt, was Liebe ist, sagt der Dirigent am Ende des Films. Es sind seine letzten Worte. Er hat wieder einen Herzinfarkt erlitten und wird den nicht überleben. Das ist sehr traurig, und doch ist irgendwie klar: Dieser Tod ist nicht das Ende. Größer als der Tod ist die Liebe. Zu lieben und geliebt zu werden – das ist wie im Himmel.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44140SWR Kultur Wort zum Tag
Die Karwoche wird als „stille Woche“ im Kirchenjahr bezeichnet. Wirkliche Stille ist zu etwas ganz Besonderem geworden, für viele Menschen ist sie sogar sehr schwer auszuhalten. In Konzerten fällt mir das immer auf. Der Moment etwa, nachdem der Dirigent den Taktstock gehoben hat bis zu seinem Zeichen, dass die Musik endlich losgeht. Wie oft höre ich da ein Rascheln oder Husten.
Die Frage liegt nahe, warum es das überhaupt braucht, diese Stille. Diesen Moment der Aufmerksamkeit. Warum nicht gleich loslegen mit der Musik? Oder – um wieder zur Karwoche zu kommen – warum nicht gleich ins frühlings-fröhliche Ostern springen, am besten gleich ganz ohne Passionszeit.
Das kann man tun. Doch nicht nur mir fehlt dann etwas. Wenn ich wirklich aufmerksam sein will, mich sammeln, dann braucht es: Stille. Im Konzert gilt das für die Musik, auf die ich mich innerlich einstellen möchte. In der Karwoche geht es um ein Thema, das eine eigene Aufmerksamkeit benötigt. Es geht um den Tod. Ich glaube, es hat etwas mit Lebensklugheit zu tun, sich mit der eigenen Sterblichkeit zu konfrontieren. Nicht jeden Tag, aber doch immer wieder.
Manchmal haben Kinder eine besondere Sensibilität dafür. Ich erinnere mich an eine Schülerin aus der 4. Klasse. Große Augen, ein schmales Gesichtchen. Ich habe der Klasse die Frage gestellt: „Warum ist das wohl so im Leben, warum läuft nicht alles leicht?“
Viele Kinder melden sich, nach einer Zeit auch sie, mit konzentriertem Blick. „Weil,“ meint sie, „wir sonst nicht merken würden, wenn wir glücklich sind.“
Sie hat sich später noch mal gemeldet. „Meine Oma stolpert jetzt immer über die Schwellen in ihrem Haus“, sagt sie leise. Der Opa ist vor einem Jahr gestorben. Wir werden alle nachdenklich. Die letzte Schwelle ist der Tod. Der Opa hat der Oma oft geholfen. Jetzt ist sie allein. Wer trägt sie jetzt? Ich erinnere mich: Die Klasse hat die Stille nach ihren Worten ausgehalten, ungewöhnlich für eine vierte Klasse. Das hat allen gut getan. Auch mir.
Die Karwoche. Warten, aushalten, bis der himmlische Dirigent den Taktstock hebt und den Einsatz für die große Oster-Symphonie gibt. Für den Opa, der gestorben ist, für die Oma, die stolpert, für die Schülerin. Für mich. Für uns alle. Nach der letzten Schwelle. Dann darf es Ostern werden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44139SWR Kultur Wort zum Tag
„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Diesen Satz habe ich einmal bei einem Vortrag gehört. Er hat sich mir eingeprägt und beschäftigt mich immer noch. Erst einmal klingt das nämlich ziemlich verrückt. Kein Mensch kann doch im Nachhinein etwas an seiner Kindheit ändern! Ihr ein nachträgliches Glück verpassen, das es in Wirklichkeit kaum gegeben hat. Wie soll das möglich sein?
„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Der Satz stammt ursprünglich von dem amerikanischen Psychiater und Psychotherapeuten Milton H. Erickson. Erickson war ein herausragender Arzt, der wichtige Impulse für die Psychotherapie entwickelt hat. Interessanterweise hat er selbst von außen betrachtet keine wunderbare Kindheit erlebt. Er hat als Kind unter Legasthenie gelitten und wurde deshalb verspottet. Eine Zeitlang dachten seine Eltern, dass er geistig zurückgeblieben sei. Später, als Jugendlicher, erkrankte er an Kinderlähmung und war lange bewegungsunfähig an Bett und Rollstuhl gefesselt. Ausgerechnet dieser Mann sagt: „Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben!“
Ich finde, dass gerade die Herausforderungen, denen Erickson ausgesetzt war, seinen Satz glaubwürdig machen. Hier spricht jemand, der weiß, wovon er redet. Ich glaube: Erickson möchte, dass Menschen wissen, dass sie ihrer Lebensgeschichte nicht hilflos ausgeliefert sind. Es gibt die Möglichkeit, die Perspektive zu wechseln. Aus einem unglücklichen Jungen mit Schulschwierigkeiten und einer schweren Behinderung ist so ein bedeutender Wissenschaftler geworden. Erickson hat für sich entdeckt: Es gibt mehr als die abwertenden Urteile anderer Menschen. Ich bin in der Lage, mein Leben und mich wertzuschätzen! Jedes Leben ist kostbar!
Ich weiß nicht, ob es mir gelungen wäre, aus eigener Kraft diese freundliche Sicht auf mein Leben zu entwickeln, dem eigenen Unglück zum Trotz. Milton H. Erickson hat gewusst, dass nicht jeder aus eigener Kraft die Perspektive wechseln kann. So hat er als Therapeut anderen geholfen. Als Christin freue ich mich darüber hinaus über göttliche Sehhilfe beim Perspektivwechsel. Ich glaube daran, dass Gott auch im größten Chaos meines Lebens etwas entdeckt, was es wert ist, glücklich genannt zu werden. Sein liebevoller Blick hilft, eine freundliche Perspektive auf das eigene Leben zu entdecken. Gott sagt: Komm, es ist nie zu spät. Schau hin. Du hast Glück! Du darfst nämlich: leben!
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