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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Sie ist eine der ganz frühen Frauen an der absoluten Machtspitze: die Königin von Saba.
Gelebt hat sie vermutlich vor rund 3000 Jahren. Wo genau ihr Land, Saba, liegt, lässt sich nicht sicher sagen. Manche vermuten, dass es sich im heutigen Jemen befunden hat. Andere glauben, dass die Königin aus Äthiopien stammte.
Und auch sonst gibt es nicht viel, was man über sie weiß, nicht einmal ihren Namen. Doch das Wenige, das in der Bibel über sie steht, inspiriert mich.
Ihre Geschichte ist schnell erzählt:
Die Königin von Saba hat gehört, dass ihr Amtskollege in Jerusalem, König Salomo, sehr reich und sehr weise sein soll. Alle schwärmen von ihm. Das muss die Königin mit eigenen Augen sehen. Sie beschließt nach Jerusalem zu reisen und Salomo mit schwierigen Fragen zu löchern, um herauszubekommen, ob er wirklich so toll ist.
Die Reise ist lang und anstrengend, aber dennoch macht sich die Königin mit einem großen Gefolge und mit jeder Menge Gold und Edelsteinen auf den Weg.
Als sie in Jerusalem ankommt, reden die beiden lange miteinander und die Königin stellt Salomo all ihre Fragen. Was genau sie von ihm wissen will, ist leider nicht überliefert. Doch die beiden sprechen auf Augenhöhe miteinander. Das ist in der damaligen Zeit alles andere als selbstverständlich. Und am Ende kann die Königin es kaum glauben: Salomo ist noch klüger, als die Leute behauptet haben. Sie ist so überwältigt von seiner Intelligenz, aber auch davon, wie es in seinem Königreich zugeht. Sie kann nicht anders, als Salomo mit Anerkennung und ihrem ganzen Reichtum zu überschütten. Und sie lobt Gott, weil er Salomo als König eingesetzt hat und er dafür sorgt, dass die Menschen in seinem Reich in Frieden und Gerechtigkeit leben.
Wie es nach der Rückkehr der Königin in ihrer Heimat weitergeht, erzählt die Bibel leider nicht. Doch von der starken Frau, mag ich mir gerne das ein oder andere abschauen.
Die Königin ist gesellschaftlich angesehen, mächtig und reich. Eine Frau, die voll im Leben steht und weiß, was sie kann. Und doch bleibt sie neugierig und sie ist bereit, dazuzulernen. Sie kann neidlos anerkennen, was andere wissen, können oder haben.
Ich merke mir: Es lohnt sich, kritisch, offen und anerkennend den Kontakt mit anderen zu suchen, die in ähnlichen Settings und Aufgaben stehen wie man selbst. Und so vernetzt, entfalten sich ganz neue Möglichkeiten.
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„Du bist gut genug…“ Vielleicht kennen Sie die Liedzeile. Den Sommer über ist das Lied auf Social Media in Dauerschleife gelaufen. Ob man den Song mag, ist natürlich Geschmackssache. Aber die Botschaft sitzt: „Du bist gut genug.“ Und sie ist nötig, denn wie oft flüstert meine eigene Stimme im Kopf: „Hättest du das nicht besser machen können? War da nicht noch mehr drin?“
Damit bin ich nicht alleine. Viele Menschen spüren diesen ständigen Leistungsdruck, attraktiver, erfolgreicher und einfach fehlerfrei zu sein. Genau deshalb ist dieser Song wahrscheinlich auch so durch die Decke gegangen. Er wirkt wie ein Mantra gegen den Alltagsdruck – ein kleiner, heilsamer Zuspruch.
Gut genug zu sein – der Gedanke passt zum heutigen Tag. Denn laut kirchlichem Kalender ist heute „Engel-Tag“. Mit Mittelpunkt stehen die Engel Gabriel, Raphael und Michael. Und wenn in der Bibel ein Engel auftaucht, lautet der erste Satz fast immer: „Fürchte dich nicht!“ Für mich ist das ein ganz wichtiger Satz. Denn hinter dem Satz kommt in der Bibel oft der Grund, warum ich mich nicht fürchten muss: Weil Gott bei mir ist. Weil er mir die Kraft gibt, die ich brauche, um die Situation durchzustehen und zu bewältigen. Und dass ich vor Gott eben gut genug bin. Dass ich nicht perfekt funktionieren muss, ich gesehen und geschätzt werde – genau so, wie ich bin.
Die drei Engel Gabriel, Raphael und Michael machen diese Botschaft ganz konkret: Der Engel Gabriel ist manchen aus der Weihnachtsgeschichte bekannt. Er bringt Maria die gute Nachricht, dass sie ein Kind bekommt und steht deshalb für gute Nachrichten – auch für uns. Er zeigt Perspektiven auf, die ich selbst nicht sehe. Im Alten Testament begleitet der Engel Raphael Tobias auf seinen Wanderungen. Er ist da, wenn er gebraucht wird, heilt und schenkt Trost, wenn es wehtut. Und Michael setzt sich für das Gute ein. Er kämpft gegen alles, was dem Leben schadet. Deshalb wird er auch gerne mit einem Schwert dargestellt. Wenn ich mich klein fühle, ruft er mir zu: Sei mutig. Du schaffst das.
Ob die Jahrtausende alte Engel-Tradition oder der moderne Song „Du bist gut genug“ – beides erinnert mich daran, dass ich wertvoll bin. Auch mit meinen Macken und Fehlern.
Diesen Gedanken nehme ich heute mit in den Tag. Und diese Zusage gilt ja nicht nur mir. Vielleicht gibt es ja jemanden, der genau heute dringend hören muss: „Schön, dass es dich gibt! Hab keine Angst, du bist gut genug!“
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Wer hat nur die vielen kleinen Jesusfiguren in unserem Büro platziert? Überall stehen sie seit Neustem rum: im Treppenhaus, neben dem Kopierer, selbst über dem Waschbecken im Bad. Kleine lachende Jesusfiguren aus Plastik. Die Figur entspricht dem typischen Klischee einer Jesusfigur: lange lockige Haare, Vollbart und ein weißes Gewand mit einer farbigen Schärpe, auf der steht: Jesus loves you.
Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass sie meine Kollegin Uli überall verteilt. Und sie stellt sie nicht nur bei uns ins Haus, sondern setzt auch mal eine kleine Figur im Park auf eine Bank oder im Supermarkt auf die Butter im Kühlregal.
Uli sagt: „Ich mag es, die Leute ein wenig zu irritieren und ihnen eine kleine Freude zu machen.“ Und sie erzählt weiter: „Ab und zu beobachte ich, wie die Leute reagieren, wenn sie eine Jesusfigur entdecken. So wie neulich im Supermarkt. Eine Frau greift nach der Butter und sieht den Jesus. Erst zögert sie, doch dann nimmt sie die kleine Figur in die Hand und läuft lächelnd weiter. Das Lachen hat sie auch dann noch im Gesicht, als sie noch einmal zum Kühlregal zurückläuft – denn die Butter braucht sie natürlich trotzdem.“
Die kleinen Jesusfiguren sind mittlerweile schon ganz schön rumgekommen. Und ab und an bekommt Uli Fotos, wohin es die Jesusfiguren schon überall geschafft haben: an den Strand, auf einen Burger, und auch mitten aufs Mischpult bei einem großen Musikfestival.
Ich kann mir vorstellen, dass die Figuren nicht jedem gefallen. Und dass es vielleicht auch Menschen gibt, die sich davon gestört fühlen. Mich erinnern die Figuren allerdings vielmehr daran, dass ich Gott überall entdecken kann. Beim Arbeiten, unterwegs im Park oder beim Einkaufen.
Diesen Gedanken hatte auch der Ordensgründer Ignatius von Loyola, der schon vor 500 Jahren gesagt hat: „Wir sollen die Gegenwart unseres Herrn in allen Dingen suchen, im Sprechen, im Gehen, Sehen, Schmecken, Hören, Denken, überhaupt in allem, was wir tun.“
Dass Gott in allen Dingen zu finden ist, motiviert mich, genauer hinzuschauen und bewusst wahrzunehmen: Wenn ich Gott erfahren will, muss ich nicht unbedingt in einer Kirche sein. Entscheidend ist vielmehr, dass ich aufmerksam und offen bin. Für andere Menschen, für mich selbst und für das, was mich bewegt.
Und vielleicht ist es so, wie Jesus es einmal versprochen hat: Da, wo Menschen an Gott glauben und da, wo zwei oder drei in seinem Namen zusammen sind, da ist er mittendrin.
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Auf einem Hof im Schwarzwald leben rund zwanzig Leute Tür an Tür: Familien mit Kindern, Singles, Jung und Alt – ein echtes Gemeinschaftsprojekt. Seit ein paar Jahren ist meine Freundin Katrin mit ihrer Familie ein Teil davon. Von Anfang an war für sie klar: „Ich wünsche mir, dass wir hier ausprobieren, wie wir gut zusammenleben können.“ Und immer wieder fragt sie sich: „Wie reden wir miteinander, vor allem dann, wenn Meinungen auseinandergehen und Konflikte entstehen?“
In dem Text, der heute in katholischen Gottesdiensten zu hören ist, schlägt Jesus dafür einen stufenweisen Weg vor. Er rät: Wenn dich jemand verletzt, geh direkt zu ihm und suche das persönliche Gespräch. Wenn das gelingt, ist der Streit aus der Welt. Falls das nicht gelingt, hole ein oder zwei Vertraute dazu. Dabei geht nicht darum, jemanden bloßzustellen, sondern in einem geschützten Rahmen offen und fair miteinander zu sprechen. Erst wenn das alles nichts bringt, kommt die Sache vor die Gemeinschaft und alle können sich gemeinsam um eine Lösung bemühen. Das Ziel bleibt immer, niemanden auszuschließen. Nur wenn es wirklich hart auf hart kommt, soll die Gemeinschaft Konsequenzen ziehen.
Jesus belässt es in dieser Bibelstelle jedoch nicht bei reinen Kommunikationsregeln. Er fügt einen entscheidenden Aspekt hinzu: das Gebet. Er verspricht: „Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20) Für mich bedeutet das, in schwierigen Situationen Kontakt mit Gott aufzunehmen, um etwas Abstand zu meinen eigenen Gefühlen zu gewinnen. Bei Streit geht es oft gar nicht um die Sache selbst, sondern darum, wer das Sagen hat, oder ob man sich mag oder nicht. Wenn ich mir das bewusst mache, dann kann ich mich davon lösen. Und ich kann mich daran erinnern, was Jesus vorgelebt hat: barmherzig zu sein, zu vergeben und sich zu respektieren.
Mein Eindruck ist, dass Katrin und ihre Wohngemeinschaft genau das im Alltag versuchen. Sie lassen sich aufeinander ein und üben sich darin, Konflikte ehrlich anzusprechen – zu zweit, in kleinen Gruppen oder im Plenum. Und das tut nicht nur dort gut. Wie viel besser würde das Zusammenleben in Freundeskreisen oder im Job funktionieren, wenn wir den anderen direkt ansprechen, statt Ärger in der Dienstbesprechung oder über einen Mailverteiler auszutragen. Und wie gut wäre es, wenn auch in sozialen Netzwerken Kritik nicht ungefiltert in die Öffentlichkeit posaunt wird – sondern direkt als persönliche Nachricht.
Das ist anstrengend. Denn man muss Gesicht zeigen, argumentieren und macht sich verletzlich. Aber ich glaube: Am Ende können wir als Menschen nur gewinnen.
SWR1 3vor8
Kurz vor dem Urlaub ballt sich gerade wieder alles und mein Alltag fühlt sich an wie ein großes Durcheinander. Da gibt es herrliche Sommerfeste und lange Abende mit Freunden. Gleichzeitig stapeln sich im Job die Aufgaben und ich denke, ich müsste noch schnell alles erledigen. Und dann ist da noch das, was sonst so täglich auf mich einströmt: Gute Nachrichten und schlechte, Wichtiges und Belangloses, Schönes und Erschreckendes. Alles passiert gleichzeitig.
Im Evangelium, das heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist, finde ich dafür ein überraschend passendes Bild. Jesus sagt: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Netz, das ins Meer ausgeworfen wurde und in dem sich Fische aller Art fingen.“ (Mt 13,47) Genau so kommt mir das Leben manchmal vor: als hätte jemand ein riesiges Netz ausgeworfen. Und darin landet erst einmal alles. Das, was mir gelingt und auch misslingt; Dinge, über die ich mich freue und sorge, Erfolg und Enttäuschung. Mein erster Impuls ist oft, sofort Ordnung schaffen zu wollen. Alles einordnen, bewerten, lösen. Doch im Gleichnis passiert genau das nicht mitten auf dem Meer. Jesus erzählt weiter: „Erst als das Netz voll war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten sich, sammelten die guten Fische in Körbe, die schlechten aber warfen sie weg.“ (Mt 13,48)
Dieser Gedanke entlastet mich. Denn vielleicht muss ich gar nicht alles sofort sortieren. Ich muss nicht jede Erfahrung gleich bewerten und nicht jede Krise sofort löse n. Ich darf akzeptieren, dass das Leben manchmal unübersichtlich ist.
Für mich steckt darin eine große Hoffnung: ich vertraue darauf, dass ich die Unvollkommenheit des Augenblicks aushalten kann und dass am Ende das Gute bewahrt wird. Dass das, was mir jetzt Angst macht und Leben behindert oder gar zerstört, letztlich nicht gewinnt. Das nimmt Druck raus. Ich muss nicht perfekt sein. Ich muss nicht alles gleichzeitig schaffen. Meine Aufgabe heute ist eine andere. Nämlich das Gute nicht aus dem Blick zu verlieren. Freundlich zu sein und mitfühlend zu bleiben. Und Hoffnung weiterzugeben, wo es möglich ist.
Vielleicht ist das gerade in diesen vollen Sommertagen die wichtigste Erkenntnis: Das Leben muss nicht schon mitten auf dem Meer fertig sortiert sein. Es reicht, wenn ich heute meinen kleinen Beitrag zum Guten leiste – und das Sortieren auf später verschiebe. Und ich mag daran festhalten, dass ich das, was ich nicht sortiert bekomme, zuletzt Gott überlassen kann.
SWR Kultur Lied zum Sonntag

Jedes Jahr um diese Zeit habe ich einen Ohrwurm. Allerdings keiner, der mich nervt, sondern einer von der angenehmen Sorte. Einer, der mich gern durch diese Tage begleiten darf.
Musik 1
Diese Melodie gibt es schon seit 450 Jahren. Ganz zu Beginn war es ein Liebeslied, das mit den Worten „Mit Lieb bin ich umfangen“ anfing. Und andere kennen das Lied vermutlich mit dem Text „Wie lieblich ist der Maien.“
Wenn ich diese Melodie als Ohrwurm im Kopf habe, dann mit den Worten des evangelischen Pfarrers Detlev Block. Vor knapp fünfzig Jahren hat er seine Fassung gedichtet und mit dem Titel „Lied im Mittsommer“ überschrieben. Bei ihm heißt die erste Strophe so:
Das Jahr steht auf der Höhe, die große Waage ruht.
Nun schenk uns deine Nähe und mach die Mitte gut,
Herr, zwischen Blühn und Reifen und Ende und Beginn.
Lass uns dein Wort ergreifen und wachsen auf dich hin.
Musik 2
Detlev Block war begeisterter Sternengucker. Und so taucht in seinem Mittsommer-Lied ein Sternbild auf: nämlich die große Waage. Ich stelle mir vor, wie er in einer der kurzen Juninächte in den Himmel schaut, die Sterne der Waage entdeckt und für einen Augenblick ganz von dem Gefühl erfüllt ist, dass scheinbar alles zur Ruhe kommt. Die große Waage ruht. Mitten im Jahr wirkt die Zeit wie aufgehoben. Fast so, als gäbe es nur noch diesen einen Moment.
Doch bei dieser Leichtigkeit bleibt es nicht. Nichts bleibt stehen. Die Sterne nicht und auch nicht der Sommer auf seinem Höhepunkt. Schon jetzt beginnt das Licht wieder abzunehmen. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger.
Im Lied bekommt deshalb alles Lebendige auch die Vergänglichkeit an die Seite. Zum Glücklich-sein kommt der Schmerz, zum Hellen das Dunkle. Das Jahr lehrt Abschied nehmen – und das mitten im Sommer. Es erinnert daran, dass alles vergänglich ist, und wir nichts festhalten können – so schön es auch sein mag.
Das Jahr lehrt Abschied nehmen schon jetzt zur halben Zeit.
Wir sollen uns nicht grämen, nur wach sein und bereit,
die Tage loszulassen und was vergänglich ist,
das Ziel ins Auge fassen, das du, Herr, selber bist.
Musik 3
Ich bin vergänglich. Vieles, was ich tue, vergeht. Umso wichtiger sind mir die Augenblicke, wenn die Zeit stillzustehen scheint. Vielleicht draußen, unter dem Sternenhimmel. Vielleicht in einem Moment der Stille, in dem ich ganz bei mir bin. Dann bricht ein wenig Ewigkeit in meine Endlichkeit hinein. Und ich ahne, dass hinter dem sichtbaren Himmel mehr steht: ein Ziel, ein Gegenüber. Gott selbst.
Musik 1
Als ich im letzten Jahr meinen 40. Geburtstag gefeiert habe, haben mir Freunde auf diese Melodie ein Ständchen gedichtet. Sie wissen, wie sehr ich dieses Lied mag. Und in den Wochen danach habe ich gemerkt: Dieses Lied passt nicht nur in die Mitte des Jahres, sondern auch in die Mitte meines Lebens.
Da ist vieles, was gewachsen ist. Freundschaften, die tragen. Erfahrungen, die Sicherheit geben. Die Fähigkeit, manches gelassener zu sehen als früher. Und die Freude an kleinen Dingen: einem farbenfrohen Blumenstrauß oder einem freien Nachmittag.
Gleichzeitig wird mir bewusster, dass Zeit kostbar ist. Dass das Leben nicht unbegrenzt vor mir liegt. Dass Menschen, die mich lange begleitet haben, älter werden. Und dass jeder Abschnitt seine eigenen Aufgaben mit sich bringt.
Vielleicht begleitet mich die Melodie deshalb jedes Jahr aufs Neue. Sie erinnert mich daran, dass ich die schönen Tage nicht festhalten muss. Dass ich genießen darf, was jetzt ist. Und dass ich dem Kommenden vertrauen kann.
So wird dieser Ohrwurm für mich zu einem kleinen Gebet. Zu einer Bitte für die Mitte des Jahres und die Mitte meines Lebens: Herr, schenk mir deine Nähe und mach die Mitte gut.
Musik 2
Komponist
T: Detlev Block 1978/2012
M: Johann Steuerlein 1575, geistlich Nürnberg 1581
Aufnahmen
Musik 1:
Titel: „Mit Lieb bin ich umfangen“
aus: Liebeslieder – Liedersingprojekt Carus-Verlag mit CD zum Mitsingen
Track: Nr. 6
ISBN 978-3-89948-266-9
Interpreten: Götz Payer, Klavier, und Christine Busch, Violine
LC 3989
Carus 2.408/97
Musik 2:
Titel: „Wie lieblich ist der Maien“
Interpreten: The Playfords
M0478713(AMS)
Musik 3:
Titel: „Das Jahr steht auf der Höhe“
Interpreten: 1585 consort, Leitung: Michael Braatz-Tempel
M0745716(AMS)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44587SWR1 3vor8
Viele Menschen sind müde. Nicht nur, weil sie zu wenig geschlafen haben. Sondern auch, weil das Leben Kraft kostet. Weil Termine eingehalten werden müssen oder Sorgen im Kopf kreisen. Weil man versucht, allen gerecht zu werden. Der Alltag oft mehr Kraft nimmt, als er gibt.
Dieses Gefühl, erschöpft und ausgelaugt zu sein, ist kein neues Phänomen. Auch Jesus kennt es. In katholischen Gottesdiensten wird heute eine Bibelstelle vorgetragen, in der es heißt: „Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft.“ (Mt 9,36). Jesus sieht, wie es den Menschen um ihn herum geht. Und dann handelt er. Er ruft seine Jünger zu sich und fordert sie auf: „Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.“ (Mt 10,8)
Wenn ich damals eine der Jüngerinnen gewesen wäre, hätte ich vermutlich erstmal ungläubig den Kopf geschüttelt. Wie soll das denn gehen?
Doch vielleicht geht es Jesus gar nicht um spektakuläre Wunder, sondern darum Menschen nicht allein zu lassen. Denn Krankheit macht oft einsam. Wer krank ist, erschöpft oder belastet, zieht sich zurück und fühlt sich manchmal abgeschnitten von anderen. Damals wie heute.
Kranke heilen und Aussätzige rein machen – das bedeutet für mich: hinschauen und da sein. Einen Freund, der gesundheitlich angeschlagen ist, wissen lassen: ich denk an dich. Einer Kollegin zuhören, die nicht mehr weiß, wie sie alles schaffen soll. Das ist nicht immer einfach. Es kostet Zeit, Aufmerksamkeit und manchmal bedeutet es auch, dass ich meine eigenen Pläne für einen Moment zurückstellen muss.
Auch der Auftrag, Dämonen auszutreiben, bekommt für mich eine andere Bedeutung. Ich denke dabei an Menschen, die nicht wissen, wie es weitergehen soll. Die innerlich zerrissen sind. Gerade bei jungen Leuten begegnet mir das immer wieder. Die Schule ist geschafft – und jetzt? Ausbildung? Studium? Ein Jahr ins Ausland? Antworten habe ich meist keine. Aber vielleicht hilft es schon, wenn ich zuhöre und mittrage, dass ein anderer gerade den Weg noch sucht.
Und schließlich: Tote auferwecken. Auch das verstehe ich nicht nur wörtlich. Menschen können innerlich wie tot sein. Wenn sie nur noch funktionieren. Wenn sie jeden Morgen aufstehen und sich fragen, wofür. Vielleicht traut Jesus seinen Jüngern und auch mir zu, Menschen daran zu erinnern, was ihnen wichtig ist. Was sie erfüllt und ihrem Leben Sinn gibt. Und vielleicht geschieht genau darin ein kleines Wunder: Dass Menschen sich gesehen fühlen. Dass sie sich geliebt wissen. Und dass sie neue Kraft finden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44586Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Wie man mit Hilfe der Computertastatur beten kann, habe ich im Internet gelesen.
In vielen Religionen gibt es Hilfsmittel, um zu beten. Im Christentum zum Beispiel den Rosenkranz. Oder im Judentum die Gebetsriemen, die sich Gläubige um den Arm binden. Aber die Computertastatur ist natürlich schon etwas ungewöhnlich. Und doch kann sie mir wirklich ganz gut dabei helfen, den Alltag zu unterbrechen. Das geht so:
Zuerst streiche ich über die Zahlenreihe oben auf der Tastatur und frage mich: „Wie geht es mir gerade?“ Die Neun steht für das beste Gefühl. Die Eins für das schlechteste. Manchmal weiß ich sofort, wie es mir geht, manchmal brauche ich einen Moment und wandere mit dem Finger hin und her, bis ich eine Zahl gefunden habe. Dann suche ich ein Wort für mein Gefühl. Nur eins. „Müde“ oder „angespannt“ oder „Vorfreude“. Das tippe ich und wenn ich das Wort geschrieben habe, drücke ich den Punkt. Punkt. So ist es grade mit mir, Gott.
Jetzt wandert mein Finger zur Leertaste. Die größte und längste Taste auf der Tastatur. Sie schafft Leerstellen. Und ich frage mich: Habe ich gerade genügend Raum in meinem Leben? Was füllt mein Herz, meinen Kopf? Und wonach sehne ich mich eigentlich?
Dann komme ich zur Steuerungstaste. Auf der Tastatur wird sie häufig mit Strg abgekürzt. Control heißt sie auch. Wie ist das grad mit mir und der Kontrolle? Am liebsten habe ich sie. Ich halte es nicht gut aus, wenn ich sie verliere. Wenn Termine mich treiben. Wenn ich nur noch reagiere statt selbst zu gestalten. Vielleicht wäre es manchmal gut, Kontrolle abzugeben. Andere machen zu lassen. Gott mehr zuzutrauen.
Ganz in der Nähe der Steuerungstaste ist die Shift-Taste. Das ist die mit dem Pfeil nach oben. Wenn ich diese Taste drücke, schreibe ich groß. Wie wäre es, mal wieder groß zu denken? Von mir selbst – und von anderen. Über mich hinaus. Mehr Vertrauen. Mehr Liebe. Mehr Hoffnung.
Und dann kommt die letzte Taste des Tastaturgebets: Ganz oben. Links. Die F1 Taste. In vielen Programmen ist das die Hilfetaste. Hier ruht mein Finger zum Schluss und ich überlege: was brauche ich wirklich? Jetzt gerade? Und das sage ich Gott.
Beten heißt mit Gott sprechen – und das geht einfach sehr gut, indem ich mit mir selbst gut im Dialog bleibe. Und sei es mit Hilfe der Computertastatur.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44437SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Ich bin mit meiner Mama auf dem Wochenmarkt. Zwischen Gemüse, Brot und Käse entdecke ich einen Blumenstand voller Pfingstrosen, Nelken und Hortensien. Während ich noch die Farben bestaune, hält meine Mama plötzlich einen kleinen Blumentopf hoch.
„Schau mal“, sagt sie, „eine Akelei. Die nehme ich für den Garten mit.“
Mir kommt die Pflanze mit ihren dünnen Stängeln und den paar Blättchen ziemlich mickrig vor, aber als ich genauer hinschaue, sehe ich, wie kunstvoll und fein die Blüten sind. Sie wirkt leicht, zart und gleichzeitig erstaunlich elegant.
Später schaue ich im Internet nach und lese: Die Akelei gilt auch als Symbol für den Heiligen Geist. Das überrascht mich. Mit dem Heiligen Geist verbinde ich bisher eher Sturm, Feuerzungen und große Kraft – so wie an Pfingsten eben. Laut und eindrucksvoll.
Vielleicht wirkt der Heilige Geist oft ganz anders. Nicht üppig und farbenfroh wie Pfingstrosen oder Hortensien, sondern leise und unaufdringlich. Wie eine Akelei eben. Vielleicht wächst er in mir wie ein Gedanke, der mich nicht mehr loslässt. Wie ein Mut, den ich plötzlich finde. Oder wie eine Entscheidung, die auf einmal klar wird, obwohl vorher alles unsicher war.
Und noch etwas fällt mir an der Akelei auf: Ihre Blüten neigen sich leicht nach unten, wie eine kleine Verbeugung. Fast demütig, bescheiden und still. Vielleicht bewirkt der Heilige Geist genau das manchmal auch in uns: Dass wir nicht immer im Mittelpunkt stehen müssen. Dass wir anderen Raum geben können. Zuhören. Rücksicht nehmen. Nicht größer von uns denken, als wir sind.
Dabei ist die Akelei alles andere als empfindlich. Sie ist widerstandsfähig und wächst an Orten, an denen man sie kaum erwartet – zwischen Steinen, am Wegesrand, im Halbschatten. Und wenn sie einmal Wurzeln geschlagen hat, kommt sie immer wieder.
So ist es auch mit dem Heiligen Geist. Er lässt manchmal gerade dort etwas wachsen, wo ich es nie vermutet hätte. Mich erinnert das an meine Cousine Moni. Sie kämpft seit Jahren mit ihrer Gesundheit. Kaum geht es mal bergauf, taucht eine neue Baustelle im Körper auf. Und trotzdem gibt sie nicht auf. Anstatt zu verzweifeln, ist da eine Kraft in ihr, mit der sie den nächsten Tag schafft. Eine Hoffnung, die sie immer wieder nach vorne schauen lässt.
Vielleicht wirkt der Heilige Geist genau so: nicht immer wie ein Sturm, der alles verändert. Manchmal eben eher wie eine Akelei – leise, zart und doch stark genug, selbst auf kargem Boden zu blühen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44436SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Ich lebe allein. Nicht, weil ich keine Menschen mag oder nicht mit anderen zusammenleben könnte. Im Gegenteil. Ich bin mit drei Geschwistern groß geworden, habe in WGs gelebt und bin gern unter Leuten. Ich treffe Freundinnen, gehe ins Konzert oder sitze nach der Chorprobe noch mit anderen in der Kneipe. Und ich mag eben auch das Alleinsein. Nach Hause kommen und dort einfach meine Ruhe haben. Tun und lassen können, wonach mir gerade ist.
Natürlich gibt es Momente, in denen ich mich einsam fühle. Momente, in denen ich mir jemanden wünsche, der mit mir den Alltag meistert. Der daran denkt, dass endlich eine Lampe aufgehängt werden müsste oder der Wasserkocher entkalkt gehört. Oder jemand, der mich nach einem anstrengenden Tag einfach in den Arm nimmt. Aber diese Momente sind seltener als andere vielleicht denken. Meistens fühle ich mich in meinem Leben allein ziemlich wohl.
Lange Zeit hatte ich trotzdem das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Vor anderen und vor mir selbst. So, als wäre das Alleinleben nur eine Übergangsphase. Bis irgendwann „der Richtige“ kommt. Doch dann habe ich gemerkt: Es bringt nichts, mein Single-Leben mit anderen Lebensformen zu vergleichen. Oder gar gegeneinander auszuspielen. Menschen sind verschieden. Und Lebenswege verlaufen oft anders, als man sie sich einmal vorgestellt hat. Deshalb gibt es ganz unterschiedliche Arten zu leben: Familien mit Vater, Mutter und Kindern. Patchwork-Familien. Paare ohne Kinder. Alleinerziehende. Wohngemeinschaften. Mehrgenerationenhäuser. Geschwister, die zusammenwohnen. Und Menschen wie mich, die allein leben – freiwillig oder weil das Leben es so mit sich gebracht hat.
Entscheidend ist für mich nicht, wie Menschen leben. Sondern ob sie verbunden sind mit anderen. Ob sie Menschen haben, die ihnen guttun. Freundschaften. Nachbarinnen. Kollegen. Familie. Menschen, die zuhören und sich mit mir freuen – auch über Kleinigkeiten. Und die da sind, wenn es mal nicht so rund läuft.
Genau das hat für mich mit Pfingsten zu tun. In der Bibel heißt es, dass Gott seinen Heiligen Geist schickt – einen Geist, der Menschen miteinander verbindet. Der Verständnis wachsen lässt, trotz aller Unterschiede. Der hilft, ehrlich, friedlich und liebevoll miteinander umzugehen.
Vielleicht ist das die eigentliche Frage: nicht, ob jemand allein lebt oder nicht. Sondern aus welchem Geist heraus wir leben. Denn wo Menschen einander offen und liebevoll begegnen, da ist niemand wirklich allein.
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