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SWR4 Abendgedanken
Ich mag Listen. Ich nutze sie gerne beim Arbeiten, um mich zu sortieren. Aber auch in meiner Freizeit notiere ich mir gerne alle To-Dos der Reihe nach. Doch am allermeisten gefällt mir eine ganz besondere Liste. Sie nennt sich „Lebenswertliste“. Darin tragen ganz unterschiedliche Leute zusammen, warum ihr Leben gerade lebenswert ist. Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung sammelt diese Alltagsmomente und veröffentlicht jede Woche eine neue Ausgabe davon. Menschen benennen darin ganz kurz, was ihnen in der vergangenen Woche Gutes passiert ist oder was ihnen gutgetan hat. Da lese ich zum Beispiel: „Nach Fehlkauf das Goldrichtige bekommen“, „Mein Medikament wirkt“, oder „Spontane Tanzeinlage beim Wäscheaufhängen“.
Ich schaue mir diese Liste jede Woche an und bin jedes Mal super gespannt, was drinsteht. Und ich weiß auch warum: Wenn Menschen ihre kleinen Alltagshighlights teilen, dann habe auch ich irgendwie Anteil an diesem Glück. Und manchmal male ich mir auch aus, welche Geschichten hinter den kurzen Stichworten stecken könnten. Wenn jemand schreibt „Ja sagen“, dann überlege ich mir, ob dahinter ein Heiratsantrag steckt, oder ob da jemand ein mutiges Ja zu einem herausfordernden Job gesagt hat. Und wenn ich lese „alleine einen Städtetrip machen“, erinnere ich mich daran, wie ich letzten Sommer ein paar Tage nur für mich weggefahren bin. Beim Stichwort „neuen Lieblingskuchen entdeckt“, habe ich auch richtig Freude. Denn dann ploppt bei mir innerlich der leckere Apfelkuchen meiner Oma auf.
Die Lebenswertliste zeigt mir, wie unterschiedlich Glück aussehen kann. Für die einen ist es in Bewegung bleiben, für die anderen eine feste Routine haben. Für manche ist es in Gemeinschaft sein und wieder andere wollen endlich mal die Ruhe genießen. Alles darf nebeneinanderstehen, ohne verglichen zu werden. Das ist das Schöne an der Lebenswertliste: Sie zeigt, dass es kein richtig oder falsch gibt, wenn es darum geht, was Menschen glücklich macht.
Und die Liste macht noch etwas: sie schärft meinen Blick für die kleinen Freuden bei mir selbst. Für das, was sonst so leicht untergeht, weil es selbstverständlich wirkt oder keinen Namen bekommt. Denn diese kleinen Erfahrungen wie „ein dickes Buch zu Ende lesen“ oder „Morgenluft nach einer Regennacht“ passieren meistens ohne, dass man sie so richtig anerkennt oder feiert.
Und manchmal, wenn ich eine der wöchentlichen Lebenswertlisten lese, ertappe ich mich dabei, wie ich gedanklich meine eigenen Punkt dazusetze und mich daran erinnere was im besten Sinne „lebenswert“ war an dieser Woche oder am heutigen Tag.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44022Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ein Kollege klopft an der Tür. „Ich habe ein paar berufliche Probleme, über die ich mit Dir reden will. Können wir ein paar Schritte gehen und ich erzähl Dir davon?“
So gehen wir los. Der Himmel ist strahlend blau. Die Sonne scheint und ich genieße es, obwohl die Themen wirklich zum Kopfzerbrechen sind. Immer wieder unterbrechen wir und staunen. Weil einer von uns sagt: „Schau mal diese Farben.“ Weiß, orange, lila, blau, die Frühblüher machen so Freude.
Wir wählen unsere Strecke so, dass wir möglichst immer in der Sonne sind. Schritt für Schritt denken wir die Themen durch. Wir überlegen, was für Möglichkeiten es gibt und wo wir uns Hilfe von dritten holen müssen. Alles bekommen wir nicht gelöst, doch wir sind anschließend ein gutes Stück weiter.
Nicht immer gehe ich meine Themen so an, dass ich mir jemanden an meine Seite hole, der mich unterstützt. Und manchmal passiert es, dass ich in so eine Grübel-Schleife komme, die mir nicht guttut und mich auch nicht weiterbringt. Dann fühlt sich alles so schwer und kompliziert an und manchmal hört die Grübelei nicht einmal abends auf, wenn ich einschlafen will.
Bei dem Spaziergang zu zweit zwischen Schrebergärten und Feldern habe ich es anders erlebt. Wir zwei haben uns zwar bei der einen oder anderen Frage echt das Hirn zermartert. Doch es hat sich nicht nach Sackgasse angefühlt. Beim Gehen sind wir inhaltlich Schritt für Schritt weitergekommen. Dass wir uns bewegt haben, hat auch beim Denken geholfen.
Und geholfen hat sicher auch die Sonne und die schöne Natur. Wenn ich über die Natur staune, dann entsteht in mir so eine Gelassenheit und auch Dankbarkeit. Ich spüre, wie dankbar ich Gott für die Schöpfung bin. Dann denke ich: wie klein sind meine Probleme, verglichen mit der unendlichen Weite der Natur. Irgendwie lässt mich das bescheidener werden. In der Natur fällt mir auf, welch kleines Rädchen ich bin. Das tut mir gut. Dann nehme ich mich selbst nicht zu wichtig. Im Buch Hiob gibt es eine Diskussion zwischen Hiob und Gott, in der sich Hiob bei Gott über seine Probleme beschwert. Gott antwortet ihm: „Wo warst du, als ich die Erde gründete und zum Meer sprach: Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter, hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!“? Ja, so denke ich dann auch. Ich überblicke nur einen kurzen Zeitabschnitt und sehe nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Und ich bin darauf angewiesen, mit anderen zusammen nach Lösungen zu suchen. Mit anderen Personen wie meinem Kollegen und auch mit Gott. Von Gott erhoffe ich mir, dass er mich bei meinen Entscheidungen leitet. Staunen statt Grübeln. Das sollte ich viel öfter tun.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44012SWR3 Worte
Der Fotograf Walter Schels hat viele Babys in den ersten Minuten nach der Geburt fotografiert. Mit den Jahren ist ihm dabei folgendes aufgefallen:
Ich entdeckte etwas für mich völlig Unerwartetes: Nicht ein gesichtsloses Neugeborenes schaut mich da an, sondern ein Gesicht mit Vergangenheit. Wissend. Ur-Alt.
Es war immer auch die Weisheit in den Gesichtern, die mich bewegte.
Das scheinbare Wissen über die großen Fragen unseres Lebens, woher wir kommen, wohin wir gehen. Am liebsten hätte ich diese kleinen (…) alles ahnenden Wesen mit meinen Fragen bedrängt, Antworten von ihnen geholt, ehe sie anfangen zu vergessen. Denn das Vergessen beginnt, vermute ich, bereits in den ersten Lebensminuten.
Quelle
Andere Zeiten, „Wege zum neuen Jahr“, Verlag Andere Zeiten e.V. Hamburg, 2020, S. 3.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44008Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Man hinterlässt immer Spuren, auch wenn man einfach nur rumsteht.“ Ein Satz, den uns ein Stadtführer mitgibt. In Halberstadt am Rande des Harzgebirges.
An der Außenwand der Martinikirche in Halberstadt stand nämlich jahrelang eine riesige aus Stein gehauene Ritterstatue. Vor fast 30 Jahren wurde diese Statue dann versetzt. An der Kirche kann man aber 30 Jahre später immer noch sehen, dass dieser große Ritter hier einmal gestanden hat. Die Mauersteine, vor denen der Ritter stand, sind viel heller und seine Silhouette ist auf der Kirchenwand deutlich erkennbar. Nachdem der Stadtführer uns das erklärt hat, sagt er: „Und das habe ich hier gelernt: Man hinterlässt immer Spuren, auch wenn man einfach nur rumsteht.“
Man hinterlässt immer Spuren… dieser Satz geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe ihn vor allem als Mutter gehört. Denn, ob ich es will oder nicht, ich präge ja die Welt für meine Kinder. Mit jedem Satz, den ich sage, mit allem, was ich tue, entstehen Spuren, die meine Kinder prägen. Sogar beim Rumstehen? Das finde ich beunruhigend. Aber ich weiß, dass da was dran ist. Denn die unbewussten Prägungen sind vielleicht am nachhaltigsten. Unüberlegte Sätze wie: „Du kannst das nicht – das habe ich Dir doch schon vorher gesagt, dass das nichts wird!“ Ich hoffe, dass solche Sätze, die ich meinen Kindern ganz sicher auch gesagt habe, nicht ihr Leben prägen.
Was ich meinen Kindern vor allem mitgeben möchte auf ihren Lebensweg? Einfach diese Gewissheit, die sie trägt, wenn Menschen sie klein machen wollen: „Gott hat euch wunderbar gemacht. Jeden und jede ganz anders und wunderbar. Das könnt ihr glauben!“
Ich möchte, dass meine Kinder später über mich sagen: Meine Mutter hat mir Mut gemacht. Sie hat mir Vertrauen mitgegeben – ins Leben, in die Menschen und zu Gott.
Man hinterlässt immer Spuren…ich will alles tun, dass es gute Spuren sind, die ich hinterlasse.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43996SWR Kultur Wort zum Tag
Mein Kumpel Kalle empfängt mich mit feierlichem Blick und führt mich wortlos in seine Garage. Dort zieht er mit Schwung einen samtigen dunkelblauen Überzug zur Seite. Darunter erscheint ein Mercedes-Oldtimer vom Feinsten. Kein Staubkorn, kein Rost, alles blitzeblank. „Wow, warum hab ich dich damit noch nie fahren sehen?“ Kalle schaut mich entgeistert an: „Fahren? Spinnst du? Das hier ist mein Garagengold!“
Dann erklärt mir Kalle, welchen Aufwand er betreibt, damit sein Garagengold so dasteht wie es dasteht: Garagenplatz, Luftentfeuchter, Samtüberwurf, ab und zu die Kolben bewegen und die Batterie laden. Das wäre mir zu viel Aufwand, und dann darf fährt er das schöne Stück noch nicht einmal.
Aber nach einer Weile fällt mir ein: In manchen Dingen bin auch nicht anders: Das Goldrandgeschirr meiner Eltern benutzen wir nie, weil es in der Spülmaschine den Glanz verlieren würde. Oder die schönen Polstermöbel, die durch potthässliche Schonbezüge abgedeckt werden. Auch das ist im übertragenen Sinne Garagengold: tolle Sachen, die aus lauter Vorsicht nie zum Einsatz kommen.
Garagengold - tolle Sachen, die nie zum Einsatz kommen – die gibt´s sogar in mir selbst: in meinem Beruf kann ich jemandem geduldigst Dinge am PC erklären, aber zu Hause regt mich das voll auf. Oder ein Kollege von mir: In der Kirche spielt er super Gitarre, aber seinen Kindern spielt er nie etwas vor. Oder meine Kinder: Sie beherrschen super verblüffende Kartentricks, aber es ist ihnen immer peinlich, sie vorzuführen. Es gibt so viele verborgene Talente, die eigentlich nur darauf warten, ans Licht zu kommen: Nudelsoßen kochen, Witze erzählen, Blumenkränze binden, das Handy verstehen, Toaster reparieren, sich Dinge merken, Tiergesichter schminken, Krawattenknoten binden und was noch alles.
Jesus hat nicht viel von Garagengold gehalten. In seiner berühmten Bergpredigt sagt er: „Ihr seid das Licht der Welt. (…) Man zündet nicht eine Leuchte an und stellt sie unter ein Gefäß, sondern auf den Leuchter.“ (Mt 5,14-15) Jesus war überzeugt davon, dass alle Menschen ein Licht in sich tragen und damit nicht nur anderen leuchten, sondern auch noch Gott damit ehren.
Garagengold sollte also nicht im Verborgenen bleiben, sondern immer und überall zum Einsatz kommen: Auch wenn es mit der Zeit ein wenig Patina ansetzt – dafür bringt es dann aber nicht nur die Garage zum Glänzen, sondern die ganze Welt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43990SWR3 Gedanken
Wie kann ich mir Gottes Liebe vorstellen? Es gibt eine Geschichte aus Japan, als ich die gehört habe, hab ich verstanden, wie das mit Gottes Liebe sein könnte.
Das Ganze hat sich vor ungefähr fünfzehn Jahren zugetragen, und es ist nicht erfunden, sondern wirklich so passiert. Der Mann Toshiyuki und seine Ehefrau sind zu dem Zeitpunkt schon dreißig Jahre verheiratet. Da verliert Toshiyukis Frau ihr Augenlicht und ist so verzweifelt, dass sie nur noch einsam in ihrer Wohnung sitzt. Toshiyuki möchte seine Frau aufmuntern, und macht etwas Unglaubliches. Er baut aus Liebe seinen gesamten Bauernhof um, er verwandelt den Milchbetrieb in einen riesigen Blumengarten. Er gräbt um und sät und sät. Zwei Jahre lang.
bDann ist der Garten fertig und es wird Frühling. Obwohl Toshiyukis Frau das gigantische pinke Blumenmeer rings um ihr Haus nicht sehen kann, lebt sie wieder auf. Denn sie kann überall die Liebe ihres Mannes riechen. Überall duftet es nach wunderschönen Blumen.
Und genau so stelle ich mir Gott vor: Er ist so kreativ wie Toshiyuki. Und wir Menschen sind wie seine Frau, wir können seine Liebe nicht sehen. Aber wir können was von ihr erahnen, zum Beispiel wenn ich einen Menschen treffe, mit dem sich einfach alles leicht anfühlt, wenn mich ein Melodiefetzen oder ein einziger Gitarrenakkord berührt, oder bei einem Geistesblitz oder einer Regung, die sich nach echter Zuneigung anfühlt.
Und jetzt im Frühling kann man Gottes Liebe vielleicht sogar erschnuppern.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43953SWR4 Abendgedanken
Mein Neffe und meine Nichte haben zum ersten Mal beim mir übernachtet. Die beiden sind fünf und acht Jahre alt. Es war ein toller Abend mit leckeren Dino-Nuggets zum Abendessen und einem gemütlichen Film samt Chips und Gummibärchen. Irgendwann war es Zeit ins Bett zu gehen. Im Vorhinein habe ich mich schon gefragt, wie das wohl klappt. Ob die beiden in einer fremden Umgebung gut einschlafen können, oder ob das Heimweh doch zu groß ist.
Gut schlafen zu können ist ein richtiger Segen. Wer dauerhaft schlecht schläft, weiß was ich meine. Ich jedenfalls fühle mich schon nach einer einzigen unruhigen Nacht am nächsten Morgen wie gerädert.
Es gibt eine christliche Heiligenlegende, in der rettet der Schlaf sogar Leben. Sie klingt erstmal ziemlich abstrus. Das ist typisch für Legenden, sie haben ja oft etwas Sonderbares an sich. Die Geschichte spielt im römischen Reich. Kaiser Decius herrscht über das Gebiet und ordnet an, dass die ganze Bevölkerung den römischen Göttern Opfer bringen soll. Eine Gruppe von sieben jungen Christen weigert sich dagegen. Sie wollen keinen fremden Göttern dienen. Deshalb lässt Decius die Sieben verfolgen. Auf der Flucht verstecken sich die jungen Männer in einer Höhle und bitten Gott um Hilfe. Gott lässt die Jungen tief einschlafen und wacht über sie. Bald finden die Soldaten das Versteck. Aus Ärger lässt der Kaiser die Höhle zumauern, denn die Gruppe soll bei lebendigem Leib begraben werden. Es vergehen ganze zweihundert Jahre, bis die Höhle ganz zufällig geöffnet wird. Und jetzt kommt das Abstruse: in diesem Moment wachen die jungen Christen auf. Sie sind nicht gestorben, sondern haben nur tief und fest geschlafen. Mittlerweile ist das Christentum in Rom zur Staatsreligion geworden. Der göttliche Schlaf hat den jungen Männern das Leben gerettet.
Ich kann und muss nicht wirklich glauben, dass sich die Legende wirklich so abgespielt hat. Trotzdem macht sie mir etwas deutlich: Gut schlafen zu können, ist wie ein Geschenk Gottes. Beim Schlafen kann sich mein Körper erholen, mein Kopf kann zur Ruhe kommen und ich kann auch mal aus der Realität fliehen, wenn ich etwas Schönes träume. Und wenn jemand nach langem Grübeln und endlosem Nachdenken am Abend endlich einschlafen kann, dann hat das etwas Erlösendes.
Bei der Übernachtungsparty mit meiner Nichte und meinem Neffen ist übrigens alles glatt gelaufen. Noch bei der Gute-Nacht-Geschichte sind den beiden die schweren Augen zugefallen. Und ich will mir vorstellen, dass – wie auch bei den jungen Christen in der Höhle – in dieser Nacht Gott ganz besonders gut auf sie aufgepasst hat.
Ich wünsche Ihnen, wenn es soweit ist, einen erholsamen und gesegneten Schlaf.
Mein Neffe und meine Nichte haben zum ersten Mal beim mir übernachtet. Die beiden sind fünf und acht Jahre alt. Es war ein toller Abend mit leckeren Dino-Nuggets zum Abendessen und einem gemütlichen Film samt Chips und Gummibärchen. Irgendwann war es Zeit ins Bett zu gehen. Im Vorhinein habe ich mich schon gefragt, wie das wohl klappt. Ob die beiden in einer fremden Umgebung gut einschlafen können, oder ob das Heimweh doch zu groß ist.
Gut schlafen zu können ist ein richtiger Segen. Wer dauerhaft schlecht schläft, weiß was ich meine. Ich jedenfalls fühle mich schon nach einer einzigen unruhigen Nacht am nächsten Morgen wie gerädert.
Es gibt eine christliche Heiligenlegende, in der rettet der Schlaf sogar Leben. Sie klingt erstmal ziemlich abstrus. Das ist typisch für Legenden, sie haben ja oft etwas Sonderbares an sich. Die Geschichte spielt im römischen Reich. Kaiser Decius herrscht über das Gebiet und ordnet an, dass die ganze Bevölkerung den römischen Göttern Opfer bringen soll. Eine Gruppe von sieben jungen Christen weigert sich dagegen. Sie wollen keinen fremden Göttern dienen. Deshalb lässt Decius die Sieben verfolgen. Auf der Flucht verstecken sich die jungen Männer in einer Höhle und bitten Gott um Hilfe. Gott lässt die Jungen tief einschlafen und wacht über sie. Bald finden die Soldaten das Versteck. Aus Ärger lässt der Kaiser die Höhle zumauern, denn die Gruppe soll bei lebendigem Leib begraben werden. Es vergehen ganze zweihundert Jahre, bis die Höhle ganz zufällig geöffnet wird. Und jetzt kommt das Abstruse: in diesem Moment wachen die jungen Christen auf. Sie sind nicht gestorben, sondern haben nur tief und fest geschlafen. Mittlerweile ist das Christentum in Rom zur Staatsreligion geworden. Der göttliche Schlaf hat den jungen Männern das Leben gerettet.
Ich kann und muss nicht wirklich glauben, dass sich die Legende wirklich so abgespielt hat. Trotzdem macht sie mir etwas deutlich: Gut schlafen zu können, ist wie ein Geschenk Gottes. Beim Schlafen kann sich mein Körper erholen, mein Kopf kann zur Ruhe kommen und ich kann auch mal aus der Realität fliehen, wenn ich etwas Schönes träume. Und wenn jemand nach langem Grübeln und endlosem Nachdenken am Abend endlich einschlafen kann, dann hat das etwas Erlösendes.
Bei der Übernachtungsparty mit meiner Nichte und meinem Neffen ist übrigens alles glatt gelaufen. Noch bei der Gute-Nacht-Geschichte sind den beiden die schweren Augen zugefallen. Und ich will mir vorstellen, dass – wie auch bei den jungen Christen in der Höhle – in dieser Nacht Gott ganz besonders gut auf sie aufgepasst hat.
Ich wünsche Ihnen, wenn es soweit ist, einen erholsamen und gesegneten Schlaf.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44021SWR3 Worte
Die Autorin Courtney Walsh über die wahre Liebe. Sie sagt:
(Die wahre Liebe) braucht keine näheren Bestimmungen.
Sie braucht keine perfekten Umstände.
Sie bittet Dich nur, dass Du kommst. Und Dein Bestes gibst.
Dass Du im Hier und Jetzt ganz da bist.
Dass Du leuchtest und fliegst und lachst und weinst
und verwundest und heilst und fällst und wieder aufstehst
und spielst und (…) lebst und stirbst als unverwechselbares Du.
Das genügt. Und das ist viel.
Quelle
Andere Zeiten, „Wege nach Innen“, Verlag Andere Zeiten e.V. Hamburg, 2020, S. 9.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44007Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Manchmal reicht ein Klick – und wir glauben, wir wüssten Bescheid. Über Länder, über Konflikte, über Menschen. Ich dachte das auch über Israel. Seit dem 7. Oktober 2023 hat mich der Nahostkonflikt stark beschäftigt – vor allem in den sozialen Medien. Irgendwie habe ich mir dort aus der Ferne mein Bild gebastelt.
Und dann war ich dort: sieben Tage in Israel. Um biblische Orte zu besuchen – aber auch die Schauplätze des schrecklichen Angriffs vom 7. Oktober.
In Israel wurde mir sehr schnell klar: Es gibt ein Israel vor dem 7. Oktober – und eins danach. Wie tief dieser Angriff die Seele des Landes getroffen hat, hatte ich aus der Distanz niemals erfassen können. Im Gespräch mit Menschen habe ich das unmittelbar gespürt. Diese Menschen haben mir neue Perspektiven eröffnet und manches zurechtgerückt. Ich habe ein paar Antworten gefunden – und viele neue Fragen wieder mit nach Hause genommen.
Eine Begegnung hat sich mir besonders tief eingeprägt. Ganz im Norden von Israel habe ich die Eltern eines Mädchens namens Alma getroffen. Alma ist bei einem Raketenangriff auf einem Spielplatz ums Leben gekommen. Eine unfassbar schreckliche Katastrophe für Almas Familie.
Aber bei Almas Eltern war kein Hass zu spüren. Mich hat zutiefst beeindruckt, mit welcher Würde und mit welchem Respekt vor dem Leben ihre Eltern gesprochen haben. Da war ein Wille zu spüren, dem Hass nicht das letzte Wort zu lassen. Nicht im Schmerz hart zu werden, sondern weiter die Verbindung mit Menschen zu suchen. Über Grenzen hinweg.
Meine Sicht auf Israel hat sich durch diese Reise grundlegend verändert. Vollständig ist sie längst nicht. Ich lebe nicht in der Region. Und ich müsste mindestens auch mit Menschen im Westjordanland, im Gazastreifen, im Libanon oder in Syrien sprechen. Deshalb bewundere ich Israelis und Palästinenser, die trotz aller Gegensätze den Dialog nicht aufgeben und weiter an ein friedliches Miteinander glauben.
Mittlerweile habe ich mich aus den sozialen Medien zurückgezogen. In Israel habe ich gelernt: Das Leben ist so viel komplexer als schnelle Klicks.
Der jüdische Philosoph Martin Buber hat gesagt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Begegnung mit vielen Fragen. Dem Willen, einander zuzuhören. Und vielleicht sogar mit dem Mut, innerlich in die Schuhe des Anderen zu schlüpfen.
So wie ich das bei Almas Eltern erlebt habe. Es scheint mir der einzige Weg, Brücken zu bauen. Und vielleicht – ganz leise – ein kleines Stück Frieden zu schaffen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44002Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Ich bin Mitglied im Landfrauen Verband Rheinhessen. Ich bin zwar keine Winzerin oder Landwirtin und ich habe auch keinen besonders grünen Daumen. Aber ich habe als Pfarrerin immer wieder erlebt, wie die Landfrauen sich einsetzen für ihren Ort und für die Menschen am Ort. Dass sie besonders schöne und kreative Ideen haben. Das gefällt mir. Und deshalb bin ich stolz darauf, eine von ihnen zu sein.
In dem kleinen rheinhessischen Dorf Selzen haben die Landfrauen zum Beispiel vor Jahren eine Blumenzwiebel-Pflanz-Aktion durchgeführt. Sie haben an einem Wochenende im Herbst über 1000 Blumenzwiebeln in allen möglichen öffentlichen Beeten in ihrem Dorf vergraben. Im nächsten Frühjahr hatten alle im Dorf etwas davon. Von den Tulpen und Narzissen, die mit der Sonne um die Wette gestrahlt und auch bei trübem Frühlingswetter bunte Farben ins Dorf gebracht haben. Und nicht nur einmal. Diese Blumenzwiebel-Pflanz-Aktion war nachhaltig: Bis heute blühen die Tulpen und Narzissen jedes Frühjahr wieder in den Beeten.
Heute ist mir diese Pflanzaktion der Landfrauen wieder eingefallen. Denn heute ist der Pflanz-eine-Blume-Tag. Dieser Aktionstag ist eine Einladung: Pflanz eine Blume im Garten, auf dem Balkon oder noch besser: in einem Beet in Deinem Ort, von dem Du denkst, dass es wirklich mal eine Blume nötig hätte.
Klar, es ist nur eine Blume. Aber wenn ganz viele „nur eine Blume“ pflanzen, dann werden es ganz schön viele Blumen. Viele kleine Hoffnungszeichen. Und aus den vielen kleinen Hoffnungszeichen wird dann ein großes.
Ich glaube fest daran, dass es so ist, wie es in einem Lied heißt: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern, können nur zusammen das Leben bestehn. Gottes Segen wird sie begleiten, wenn sie ihre Wege gehn.“
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