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SWR4 Abendgedanken

21JUN2024
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„Mami, Mama – die Mama soll wiederkommen“ schluchzt meine fünfjährige Enkelin. Seit Tagen geht das so, jeden Abend. Jeden Abend, an dem nur die Oma sie zu Bett bringt. Die Eltern sind leider beide beruflich unterwegs. Den ganzen Tag ist das Kind fröhlich, spielt, malt, turnt herum. Aber am Abend überkommt sie der große Jammer. Jeden Abend. „Die Mama soll kommen.“

Für mich sind diese Heimwehanfälle anstrengend. Gleichzeitig sind sie völlig normal. Die Mama fehlt. Das tut weh.  Auch wenn es mit der Oma noch so schön ist. Mama ist was Anderes. So kann ich nur bei ihr bleiben, sie ein wenig streicheln, gut zureden, manchmal lässt sie sich in den Arm nehmen, manchmal hilft auch ablenken. Manchmal aber hilft gar nichts. Dann drückt sie den Teddy an sich und weint sich in den Schlaf.

Heimweh ist schlimm. Vermutlich wissen das alle, auch die Großen. Heimweh hat viele Gesichter. Ich erinnere mich an Heimweh nach einem Familienumzug. Da war ich schon fast fünfzehn. Es war zwar toll, in einer neuen Stadt langsam wieder anzukommen. Aber der Ort meiner Kindheit hat mir trotzdem lange schmerzlich gefehlt. Eine alte Tante sagte, sie habe Heimweh nach ihrem vor kurzem verstorbenen Mann. Damit hat sie ihre Trauer benannt. Heimweh, das ist so eine Sehnsucht nach vertrauten Menschen und Orten, nach Geborgensein. Diese Sehnsucht kann sehr heftig sein.

Und dann gibt es ja noch so ein Lebensheimweh, das vielleicht gar keinen aktuellen Grund hat. Ich spüre nur, dass irgendwas fehlt, weiß aber nicht, was es ist. „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, Gott“. So hat vor Hunderten von Jahren schon der gelehrte Augustinus es ausgedrückt. Dieser Satz wird sehr oft zitiert. Weil das Gefühl einfach zeitlos ist und immer neu bewältigt werden möchte. Weil nichts in dieser Welt diese tiefe Sehnsucht nach einem wirklichen Zuhause-sein erfüllen kann. Davon weiß meine kleine Enkelin zum Glück noch nichts. Wenn ihre Mama sie wieder in die Arme schließt, ist bei ihr alles wieder gut. Wir Erwachsenen haben es da nicht so einfach.

Aber es gibt gute Strategien. Wenn mich mein Lebensheimweh überkommt, gehe ich spazieren und bete eine Weile. Andere hören Musik. Oder rufen einen lieben Menschen an. Putzen und Aufräumen kann auch helfen. Oder ich nehme dieses Lebensheimweh ganz bewusst wahr und atme einfach weiter. Denn es kommt - und geht wieder - und wird irgendwann wieder kommen - aber auch wieder gehen …

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SWR Kultur Wort zum Tag

21JUN2024
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Dieses Jahr stand das sogenannte Trierer Dom-Radeln unter einem weniger guten Stern: Nieselregen statt Sonnenschein, meistens jedenfalls; aber dass ich da mitradle, war doch Ehrensache – schon weil ich gern weiterhin der Radfahrer mit den meisten Runden rund um den Trierer Dom sein wollte; und weil wir damit Sponsorengelder sammeln für ein Forst-Projekt im Partnerland des Bistums Trier, in Bolivien; und auch, weil es meinem wehen Rücken guttun würde.

Tatsächlich: Alles prima trotz des nassen Pflasters. Nur wenige Fußgänger unterwegs, die manchmal ein bisschen stören… Es rollt – jedenfalls, bis es rechts in die Windstraße geht und da plötzlich ein Kind mit Tretroller im Weg steht; ausweichen – an die Bremse! Ich merke, dass das Hinterrad blockiert ist und rutscht; Lenken unmöglich – ich lande schon auf dem Boden… Gott sei Dank, weit vom Rollerkind weg – und der Kollege hinter mir stoppt rechtzeitig. Und fragt gleich, ob ich aufstehen und er mir irgendwie helfen kann.

Im Schock des ersten Moments blieb vom Schmerz nur eine Andeutung. Der Helm bisschen angekratzt, aber stabil; und der rechte Schuh hat eine Schramme abgekriegt. Das Rad schien in Ordnung – bald saß ich wieder drauf und war unterwegs. Noch zwanzigmal 700 Meter Rundkurs – diesmal musste ich den ersten Platz mit dem Kollegen teilen; aber der ist ja auch elektrisch unterwegs.

Beim Anstieg nach Hause auf die Trierer Höhen habe ich es dann so allmählich gespürt: Mann, guten Schutzengel gehabt. Nur weil ich im Kopf die Bremse nicht loslassen konnte, hat das Rad mich abgeworfen. Aber immerhin: Kind beschützt, nur ich allein zu Schaden gekommen – und beim nächsten Mal fährst du die Kurve bitte ein bisschen langsamer und weiter außen. Augen auf, halt. Nur paar kleine Prellungen – und sonst nix. Nicht mal das Rad muss in die Werkstatt.

Na ja: zwei Tage lang hat ein dicker Bluterguss das Gehen erschwert – und als nach einer Woche der Rücken immer mehr schmerzte, hat das Röntgenbild zwei gebrochene Rippen gezeigt. Müssen eben heilen. Und ich nehme mit: Tempo anpassen, gerade bei nasser Straße – und besser richtig bremsen, also ohne Blockade – wenn ich noch den letzten Rest Kontrolle behalten und wirklich alle beschützen will!

Und, ja: danke, lieber Schutzengel!

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

21JUN2024
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Trinkst du schon echten Bohnenkaffee? Das hat neulich eine ältere Dame meinen jugendlichen Sohn gefragt. Bohnenkaffee! Das ist ein Wort, das ich schon lange nicht mehr gehört habe. Höchstens vielleicht gelesen, in Büchern über die Nachkriegszeit. Deshalb bin ich daran hängen geblieben.

Bohnenkaffee – aus dem Mund der alten Dame klingt das ein bisschen nach Luxus. Sie kann sich noch daran erinnern, wie es war, als man nur schwer an echten Kaffee kam.

Für mich dagegen ist Kaffee völlig alltäglich. Morgens schalte ich – wie viele von Ihnen wahrscheinlich auch – ohne nachzudenken als erstes die Kaffeemaschine ein und werde erst nach dem ersten Becher Kaffee halbwegs wach. Nachmittags kippe ich die Reste weg und setze gegen das Mittagstief einen neuen auf.

Aber der Klang des Wortes „Bohnenkaffee“ hat mich erinnert, dass es eigentlich stimmt. Kaffee ist ein kleiner Luxus. Kaffeebohnen anzubauen, zu fermentieren, zu rösten und nach Europa zu transportieren ist ein ziemlich aufwändiger Vorgang – und verbraucht viele Ressourcen. Und dass für mich Kaffeetrinken so selbstverständlich ist, liegt auch daran, dass die Leute, die den Kaffee anderswo anbauen und verarbeiten, viel weniger verdienen als ich. Wenn ich fair gehandelten Kaffee kaufe, kann ich dafür sorgen, dass auch dort zumindest einigermaßen faire Löhne gezahlt werden. Das ist wichtig. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass mein täglicher Becher Kaffee eigentlich etwas Besonderes ist – echter Bohnenkaffee eben! Nur wenige bei uns wissen heute noch, wie es war, als es keinen gab. Und wie wunderbar es sich damals angefühlt hat, wieder eine Tasse davon trinken zu können.

 „Bohnenkaffee“ - seit mir dieses Wort wieder begegnet ist, atme ich den Duft der ersten Tasse am Morgen erst einmal genüsslich ein. Dann der erste Schluck… Ein Mini-Genussmoment, bevor der Stress wieder losgeht.

Schmecket und sehet, wie freundlich Gott ist, so heißt es in einem Psalmgebet in der Bibel. Ich mag diesen Vers. Und ja: Die Kaffeepause mit dem echten Bohnenkaffee, dazu vielleicht noch ein Stückchen Schokolade – das ist für mich so ein Moment, in dem ich das schmecken und sehen kann. Und dankbar dafür bin. Ein kleiner Luxus, der mir gut tut!

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

21JUN2024
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„In der Ruhe liegt die Kraft.“ Oh, wie habe ich es gehasst, wenn meine Großmutter diese Worte zu mir gesagt hat.

Inzwischen kann ich den Satz besser verstehen. Rückblickend muss ich ja auch zugeben, dass sie ihn immer in Momenten gesagt hat, in denen ich ziemlich hektisch war. Manchmal gar panisch. Der Satz ist immer dann gefallen, wenn ich entweder ganz begeistert losgelegt habe, voller Energie, enthusiastisch, aber auch planlos. Oder sie hat ihn gesagt, wenn ich panisch war, weil ich etwas vergessen oder falsch gemacht hatte, wenn zum Beispiel für die Schule noch schnell eine Hausaufgabe gezaubert werden musste.

In solchen Momenten hat mich meine Großmutter dann unterbrochen: „In der Ruhe liegt die Kraft.“ Ich denke heute viel an sie, mein „Ich“ aus Kinderzeiten hat eben doch noch ganz schön viel mit dem erwachsenen „Ich“ zu tun. Auch heute kenne ich die Begeisterung, lege manchmal los, ohne groß nachzudenken.  Mittlerweile geht zwar seltener etwas schief, meist habe ich sogar einen Plan und die Erfahrung tut das ihrige. Aber wenn etwas nicht so läuft, ich etwas vergessen habe, oder ich merke, da muss jetzt ganz schnell etwas passieren – dann ist es oft wie früher: hektisch und planlos. Dann höre ich die Stimme meiner Großmutter sagen: „In der Ruhe liegt die Kraft.“

Dieser Satz, manchmal ärgert er mich, weil er mich ausbremst. Aber meistens schleicht sich dann ein zweiter Satz in meine Gedanken, den ich schon lange sehr schätze: „Nur wer betet, erhält die notwendige Kraft.“

In Momenten der Panik, der Hektik oder Überforderung innezuhalten, zu beten ist klug, um aus dem Gebet zu Gott dann Kraft zu schöpfen für die Aufgabe, die vor mir liegt. Diesen Moment des Krafttankens, ordnen und einsortieren wünsche ich Ihnen heute auch bei Ihren Aufgaben, die vor Ihnen liegen. Denn so hat sich der Satz meiner Großmutter für mich verbunden mit meiner Bitte: Gott, Bitte lass mich zur Ruhe kommen. Denn: In der Ruhe liegt die Kraft.

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SWR3 Gedanken

21JUN2024
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Ein Make-up Unternehmen in den USA bringt eine neue Foundation raus – eine getönte Grundierung für das Gesicht – und löst damit eine große Welle der Empörung aus.

Mich überrascht ehrlich gesagt, dass ein kleiner Applikator gefüllt mit Make-up für so viel Aufregung sorgen kann. Aber beim Reinklicken in die Videos über das neue Produkt wird mir schnell klar, warum…Ich sehe Schwarze Frauen, die das für ihre Haut angeblich extra entworfene Produkt auf das Gesicht auftragen. Und diese Frauen reagieren mit schockierten Gesichtern, denn das Make-Up ähnelt mehr einer pechschwarzen Theaterschminke oder Teer – und hat echt nichts mehr mit einer angemessenen Farbnuance für die Haut von People of Color zu tun.

Dasselbe Kosmetikunternehmen hatte erst wenige Wochen zuvor mit einer Foundation extra für POCs geworben – und bereits eine ebenfalls völlig unpassende Farbnuance – nur damals viel zu hell – für teuer Geld verkauft.

Die Frauen aus den Videos zeigen sich nicht nur schockiert, sondern auch verletzt und beleidigt. Denn hinter all dem steckt nicht nur ein überteuertes Make-Up Produkt, sondern auch mieses blackwashing auf ihre Kosten: Das Kosmetikunternehmen behauptet, passende Produkte für People of Color rauszubringen, ohne sich ernsthaft mit deren Bedürfnisse auseinandergesetzt zu haben. Einfach, weil‘s zum guten Ton gehört, weil‘s grad Trend ist…

Blackwashing – Das dahinter steckende Prinzip ist nicht neu. Es gibt bereits das greenwashing – Produkte werden mit erfundenen Biosiegeln versehen, nur weil es sich besser verkauft, dem Trend entspricht, ohne wirklich ökologischen Kriterien zu genügen. Oder pinkwashing – Firmen, die sich jetzt im Juni, dem Pride Month, mit Regenbogen Flaggen schmücken, um ihr Image nach außen zu verbessern. Allerdings ohne ihre soziale Verantwortung innerhalb der Firmenpolitik ernst zu nehmen.

Greenwashing – pinkwashing – blackwashing: wenn all der Einsatz für Menschen und Natur nur ein Marketingspaß bleibt, ist das pures Gift für all die sozialen Bewegungen, die wirklich versuchen, etwas zu verändern.

Denn eine würdige Haltung gegenüber Anderen beginnt nicht mit einem passenden Make-Up, einem Ökosiegel oder der Regenbogenflagge, sondern mit meiner inneren Haltung und tiefem Respekt: Vor jedem Menschen!

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SWR3 Worte

21JUN2024
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Ihr kleiner Garten hat die Autorin Rachel Lancashire viel gelehrt. Sie erzählt:

Wenn ich eins beim Gärtnern gelernt habe, dann, dass Misserfolge und Pech dazugehören. So klein mein Garten auch ist, er schenkt mir ein Gefühl von Kontinuität, das ich nur an wenigen anderen Orten erlebe. Es gibt immer Hoffnung, es gibt immer einen neuen Plan, und selbst auf einer 40-Quadratmeter-Parzelle investiert man in die Zukunft: Man steckt nichts in den Boden, ohne daran zu glauben, dass daraus in der Zukunft etwas Schönes entstehen wird.

 

Quelle

Rachel Lancashire: Was mein kleiner störrischer Garten mich lehrt, in: flow. Das Magazin für persönliche Entwicklung, Kreativität & mehr Ruhe, Nummer 81, Deutsche Medien-Manufaktur GmbH & Co. KG, Münster 2024, S. 97.

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SWR Kultur Wort zum Tag

20JUN2024
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Wir waren unterwegs und ich hatte mir einen Fingernagel eingerissen. Da brauchte es eine kleine und preiswerte Nagelfeile; gut, dass da gerade die Apotheke am Weg lag und geöffnet hatte… „Moment bitte“, sagt der Apotheker –, „die Kollegin geht gerade nach hinten.“ Und während sie im Lagerraum verschwindet, meint der Chef: „Entschuldigen sie bitte – das sollte jetzt kein Mann beherrscht Frau-Spiel sein. Die Mitarbeiterin kennt sich einfach in unserem System da hinten besser aus.“ Und sie bestätigt das noch mal ausdrücklich.

Ob es ihm geholfen hat, dass ich wirklich kein Problem hatte? Hab ich ihm ausdrücklich gesagt: Weder wirkte die Kollegin, als hätte sie sich kommandiert gefühlt noch gar als Frau herabgesetzt. Und dass sie ins Lager ging, war einfach geschickter, weil sie ohne großes Suchen gleich die richtige Schublade wusste. „Kein Chef muss alle Details des Betriebs kennen“, meinte sie auch noch. Und ich war doch gut bedient.

Manchmal kann man das mit dem Gendern echt übertreiben. Und verschiedene Ranghöhen von Frauen und Männern als solche sind doch eigentlich längst abgeschafft. Aber manche – etwa der Apotheker in unserer Geschichte – manche hängen da in den alten Denkmustern irgendwie fest; und er hätte anscheinend gemerkt, dass sich da was ändern sollte.

Und sollte er das Gefühl haben, dass ich noch so altmodisch denke: Dann wär's doch sogar schön: Vielleicht will er mir das austreiben; und nutzt die Szene mit „Kollegin guckt im Lager nach“, um mir zum neuen Denken zu helfen. Ein bisschen Learning by Doing oder Lernen aus Erfahrung. Apotheke als Lernort fürs richtige Miteinander… Könnte ich gut mit leben … Apotheker sollen die Leute ja immer gut beraten. Gern auch darüber, dass Frauen und Männer gleiche Würde besitzen – so unterschiedlich sie sind. Und dass sie eben manchmal verschiedene Aufgaben übernehmen, weil es einfach praktisch ist und damit es vorangeht.

Ich weiß schon – ich rede da wie aus einem kirchlichen Glashaus; noch immer sieht es so aus, als wären Männer in meiner Kirche was Besseres – obwohl schon in der Bibel steht, dass Gott Mann und Frau gleich erschaffen hat und dass beide Gottes Bild sind, dass sie gleiche Würde und Rechte haben... Und ja: da muss sich was ändern – gerade an der Verteilung von Macht und Aufgaben – zwischen Frauen und Männern, zwischen klerikalen Amtsträgern und sogenannten Laien, die ja oft ganz gut wissen, wo sie suchen und finden, was die Menschen wirklich brauchen...

Hat mir der Apotheker nochmal klargemacht.

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SWR4 Abendgedanken

20JUN2024
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Die Kirchen sollen sich auf ihre „Kernkompetenz“ beschränken, lese ich in letzter Zeit häufiger. Aha, da wissen einige anscheinend, was die Kernkompetenz sein soll: Die Kirchen mögen sich doch bitte nur um die Frömmigkeit ihrer Mitglieder kümmern. Nicht um Politisches und Soziales. Also Kirchenraum statt Welt - so sehen das manche Kritiker. Ich sehe das nicht so. Es verkürzt das, was Christinnen und Christen aufgetragen ist. Und das empört mich. Denn: In der Bibel steht es deutlich anders!

Klar, für Frömmigkeit sorgen und von Gott sprechen ist die erste Aufgabe der christlichen Kirchen. Glauben ist für viele Menschen ein großer persönlicher Gewinn. Für mich auch. Ich kann mit meinem Glauben mein Leben besser meistern. Finde darin Mut und Lebenshoffnung. Aus dem Kontakt mit Gott entsteht eine Menge Energie. Und ich habe darin viele Lebensmöglichkeiten entdecken dürfen, die mein Leben reich machen.

Aber Glaube ist mehr als nur eine persönliche Entfaltung. Glauben muss über den Kirchturm hinausgehen. Raus in die Welt, nah oder fern. Fordert Engagement für die Menschen und ihre Nöte. Jesus hat gesagt: Selig, die Frieden stiften ... Selig, die barmherzig sind ... Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Manchmal hat er es auch so ausgedrückt: Ihr sollt Frucht bringen.

Eine Bekannte, die gerne weite Reisen gemacht hat, sagte: „Ich mache keine Flugreisen mehr. Unverantwortlicher Ausstoß von CO² und anderes mehr. Ich will darauf verzichten. Auch wenn es mir gar nicht leichtfällt. Aber ich tue das auch wegen meiner Enkelkinder. Ich kann doch nicht Christin sein und es ist mir egal, in welche kaputte Welt meine Enkelkinder hineinwachsen.“  Ich weiß, dass sie nicht nur hier verzichtet hat. Sie hat ihren Glauben ernst genommen und will Gottes Schöpfung nicht noch mehr belasten. Auch das gehört zur Kernkompetenz im Glauben. Christsein als Verantwortung - über den Kirchturm hinaus.

Das Ringen darum, die Schöpfung zu bewahren, ist kein Alleinstellungsmerkmal von Christinnen und Christen. Aber auch das gehört, neben anderen sozialen und politischen Themen, zur christlichen Kernkompetenz.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

20JUN2024
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Neulich habe ich eine Mutter mit ihrem Baby beobachtet. Gerade noch hat das Baby erbärmlich geschrien. Kurz darauf hört man nur noch zufriedenes Glucksen und leise Schmatzgeräusche. Mit großen Augen betrachtet das winzige Wesen seine Mutter, während es an der Brust trinkt – und wirkt dabei so tiefenentspannt, dass ich beim Beobachten auch gleich ganz ruhig werde.

Bei mir ist es nun schon Jahre her, dass ich gestillt habe – aber ich erinnere mich auch noch gut an dieses Glück, wenn das Baby aufhört zu quengeln und einfach zufrieden trinkt.  An das Gefühl von Nähe und Geborgenheit in diesem Moment… Für mich einfach ein kleines Wunder.

Was ich lange nicht wusste: Es gibt auch ein Gebet in der Bibel, das vom Stillen spricht – und von der wunderbaren Ruhe und Zufriedenheit, die sich dabei ausbreiten: Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter, wie das gestillte Kind an meiner Brust, so ist meine Seele zur Ruhe gekommen. So heißt es im 131. Psalm in der Bibel.

Mir gefällt dieses Gebet gut. Einmal schon allein deshalb, weil hier offenbar eine Frau betet. Lange ist man wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass alle Psalmen Gebete von Männern sind. Erst eine neue Übersetzung hat mich drauf gebracht, dass das hier anders ist. In älteren Versionen ist nämlich vom Stillen gar nicht die Rede – vielleicht haben sich die Übersetzer davor gescheut, das zu so klar zu benennen.

Wie das gestillte Kind an meiner Brust, so ist meine Seele zur Ruhe gekommen. Das Gebet berührt vor allem, weil es so anschaulich und innig ist. Die Beterin beschreibt, wie sie im Vertrauen auf Gott loslassen kann – schwierige Fragen, die sie umtreiben, aber auch falschen Stolz und zu hohe Ansprüche an sich selbst. Ich gebe mich nicht mit Dingen ab, die zu groß sind … für mich, vertraut sie Gott im Gebet an. Vielmehr fand ich zur Gelassenheit zurück und meine Seele konnte zur Ruhe kommen wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter.

Ja, solche Momente kenne ich auch – Momente, in denen die Seele zufrieden ist wie ein satter Säugling. Für mich haben diese Momente, genau wie die Beterin es im Psalm beschreibt, mit Vertrauen zu tun. Mit Gottvertrauen, aus dem Selbstvertrauen wächst – und das Vertrauen zu anderen Menschen.

Ich weiß: Es ist nicht immer möglich, dieses Vertrauen so ungebrochen zu spüren. Aber ich glaube: Gerade weil das Leben so viele komplizierte Herausforderungen an uns stellt, tut es mir gut, immer wieder loszulassen und mich anzuvertrauen – anderen Menschen und auch Gott. Und dann zu spüren: Meine Seele ist zur Ruhe gekommen – wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

20JUN2024
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Meine Kollegin Tina ist ein wandelndes Stopp-Schild. Nein, kein Verkehrszeichen. Ich meine: Wenn sie ansetzt zum Sprechen, kommt fast immer ein Ja, ABER! Heißt ja mit anderen Worten: Stopp! Lass uns nochmal nachdenken…..

Sie können mir glauben: oft und ausgiebig habe ich mich darüber schon geärgert. Denn dieses gedankliche Stopp-Zeichen – das mag ich eigentlich nicht. Ich komme mir dann so ausgebremst vor.

Manchmal war ich sogar schon genervt, bevor ich zu einer Besprechung mit Tina gegangen bin. Spätestens aber wenn sie den Mund aufgemacht hat, habe ich mich dann geärgert.

Ich gebe es zu:  Ein Teil des Problems lag durchaus bei mir. Aber mein Ärger – manchmal auch mein Frust war aufgrund der vielen Erfahrungen einfach da.

Bis zu dem Tag, an dem eine Kollegin zu mir gesagt hat: „Florian, Gott hat alle Menschen geschaffen und ich gehe davon aus, dass er sich dabei etwas gedacht hat. Vielleicht übersiehst du etwas bei all deinem Ärger.“

Das begleitet mich seither. Immer wenn es zu einem dieser nervigen Momente kommt, so einem Stopp-Moment, erinnere ich mich an diese Sätze. Ich atme durch und lasse mich auf das „Stopp“nein. Ich spreche mit Tina – oder wem auch immer - die Idee, das Anliegen, den Plan nochmal durch. Denke nochmal nach.

Mittlerweile kann ich so ein „Stopp“ besser annehmen. Ich sehe es als Chance, einen Augenblick innezuhalten, zu überlegen: ist das der richtige Weg?

Und ich kann zustimmen: Ja, Gott wird sich dabei etwas gedacht haben, Menschen wie Tina zu erschaffen, die mich zu einer Pause anhalten, zum Innehalten. Damit ich nochmal nachdenke, bevor ich dann weitermache. So oder so.

Inzwischen sehe ich Tina bei allen möglichen Gelegenheiten manchmal vor meinem geistigen Auge. Wie sie das Wort ergreift und zum Stopp-Schild wird. Und da hat Gott sicher recht – es ist wichtig, dass es solche Menschen gibt. Die sagen: Hey, denk nochmal nach! Und sei offen dafür, deinen Plan auch nochmal zu ändern. Gott wird sich ja hoffentlich auch etwas dabei gedacht haben, als er mich erschaffen hat.

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