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SWR2 Wort zum Tag

20FEB2024
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Vor ein paar Wochen habe ich mit meiner Konfirmandengruppe Ewigkeitskisten gebastelt. Ewigkeitskisten sind Schuhkartons, in die die Jugendlichen ihre eigenen Vorstellungen der Ewigkeit hineinbasteln.

Dazu gibt es buntes Papier und goldene Pappen, Wollknäule in den verschiedensten Farben, Knet und Kleber. Zuerst wurde viel gekichert.  Aber dann haben unsere Konfirmanden immer ernsthafter damit angefangen, ihren Vorstellungen der Ewigkeit Gestalt zu verleihen. Und als wir einander nach einer Stunde die Ergebnisse präsentiert haben, haben wir darüber gestaunt, wie unterschiedlich die Ewigkeitskisten geworden sind. Aber eins hatten sie alle gemeinsam: Die Ewigkeit ist wunderschön. 

Eine Kiste glänzt vor lauter Goldpapier: nicht nur der Boden des Schuhkartons, sondern auch die Wände sind ganz golden ausgestaltet. In der Mitte auf dem Boden findet sich ein Tor aus gelbem Knet, und ein Weg aus glänzendem Tonpapier führt dorthin. Eine Jugendliche sagt: „Wir haben einmal gehört, dass wir wie in ein helles Licht hineingehen, wenn wir sterben. So als ob Gottes Herrlichkeit überall da ist. Aber wenn man dann wirklich tot ist – geht man nochmal woanders hin. Wie durch ein Tor. Da wird alles in mir hell, von Gott her.“

Eine andere Kiste hat einen ganz anderen Ansatz: Sie zeigt nicht den Himmel, sondern die Erde. Dazu teilt sie den Boden des Schuhkartons in vier Bereiche. Berge sind dort zu sehen und das Meer. Ein kleiner Wald und ein Haus. Und ein Weg, der alle vier Bereiche miteinander verbindet. „Das sind die Lieblingsorte des Toten“, sagt eine Jugendliche, „vielleicht ist die Ewigkeit ja eher eine Art von Reise. Man begibt sich nochmal an die Orte, die einem besonders wichtig waren. Und entdeckt die Lieblingsorte von anderen Menschen.“

Ich mag die Idee dieser Kiste. Dass die Ewigkeit für uns nicht nur ein fester Ort bei Gott ist. Nicht nur helles Licht im Himmel und Goldglanz. Sondern, dass ich in der Ewigkeit in Bewegung bin.

Dadurch bekommt auch mein jetziges Leben mehr Gewicht. Es ist, als ob der Goldglanz der Ewigkeit bereits hier manchmal aufleuchtet. In einer schönen Situation, bei einer wunderbaren Begegnung mit einem anderen Menschen. Und auch dann, wenn ich traurig bin über den Tod eines Menschen – vielleicht ist dieser Tote heute an seinem Lieblingsort? Es tröstet mich, dass ich mich dem Toten nahe fühle - und dass er zugleich umstrahlt ist vom Goldglanz Gottes

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

20FEB2024
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„Sei ein Mensch“, diesen kleinen Satz trage ich seit dem 31. Januar in mir. Er ist wie eine Push-Nachricht, die immer mal wieder aufploppt, wenn ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll, was ich tun und was ich lassen sollte. Ich verdanke diesen Satz „Sei ein Mensch!“ dem Sportjournalisten Marcel Reif.

Bei der diesjährigen Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag hielt er eine Rede. Eine der besten, die ich je gehört habe. Er erinnerte an seinen jüdischen Vater, einer der wenigen die den Holocaust überlebt haben. Er habe nie von den Gräueln erzählt. Alles, was er heute über das Leben seines Vaters wisse, habe er erst Jahre nach seinem Tod von seiner Mutter erfahren. Und, so fügt Marcel Reif hinzu, er sei seinem Vater dankbar dafür, denn so habe er ihm und seiner Schwester eine fröhliche und sorgenfreie Kindheit ermöglicht. Marcel Reif wörtlich: „Es durfte nicht sein, dass auch noch seine Kinder von den furchtbaren Schatten heimgesucht ... werden, die seine Kindheit und Jugend ...  zerstört hatten. Wir sollten ... nicht in jedem Postboten, Bäcker, in jedem Straßenbahnfahrer oder Lehrer einen möglichen Mörder unserer Großeltern vermuten.”  Aber einen Satz habe ihm sein verschwiegener Vater doch mitgegeben. Er erinnere sich täglich mehr daran, wie oft er ihm diesen Satz geschenkt hat – mal als Mahnung, mal als Warnung, als Ratschlag oder auch als Tadel. „Sei ein Mensch!“

Und Marcel Reif wendet sich an die Damen und Herren im Bundestag: „Und wenn Sie es mir erlauben und wenn Sie mögen … dann lass ich Ihnen den kleinen und doch so großartigen, wundervollen Satz … hier:  „Sei ein Mensch!“ 

Ein wichtiger Satz für Menschen, die über Gesetze entscheiden müssen, die die Menschlichkeit in unserem Land betreffen. Ein wichtiger Satz aber auch für mich – für mein Tun und mein Lassen. 

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SWR3 Gedanken

20FEB2024
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Eine Freundin von mir postet neuerdings alles, was sie Gott sagen will in den sozialen Medien.

Katja erzählt Gott von ihrem Tag, ihren Sorgen und das, was sie an der Arbeitskollegin nervt. Sie macht Witze, ist oft sarkastisch und stellt schonungslose Fragen. Sie dankt Gott für Schwarzwälder Kirschtorte und fragt sich, ob Gott wohl am 8. Tag Staub wischen musste.

Und was ich lieb: Sie nennt Gott immer: Großer.
„Großer, ich hab Dir was zu sagen.“
„Großer, das ist doch nicht Dein Ernst?!“ So, oder ähnlich, fangen ihre Gott-Gespräche an.

Am Anfang hab ich mich ein wenig über diese Anrede gewundert – aber sie erklärte mir, dass sie aufgrund des Kirchenlieds: „Großer Gott wir loben Dich“, als Kind immer davon ausgegangen war: Großer sei der Vorname Gottes. Großer Gott - So wie Karel Gott.

Mit Gott gesprochen hat sie schon immer, sagt sie. Mindestens dreimal am Tag. Und als sie bei einer Pfarrerin auf Insta sah, dass diese jeden Abend einen Segen als Gespräch postete, war sie überrascht, dass es noch jemanden gab, der ohne festgefahrene Gebetsregeln mit Gott sprach. So entstand dieses Ritual. Und ich freue mich, dass sie mich und viele andere dran teilhaben lässt.

Ihre Worte sind so voller Vertrauen. Sie spricht Gott ganz persönlich an – Kein klassisches: Herr oder Vater. Nah und trotzdem nicht distanzlos. Auch nicht respektlos. Wie eine echte Freundin, die sich nicht verstellen muss. Sie lässt all ihre Gefühle raus. Da ist kein Anstands - oder „benimm Dich“ - Filter. Stattdessen eine Intimität, die mich anrührt und mir sehr gefällt.

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SWR3 Worte

20FEB2024
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Als Sportjournalist ist Marcel Reif eine Legende. Aber er ist auch Sohn eines polnischen Juden und hat einen großen Teil seiner Familie bei der Judenverfolgung zur Zeit des Nationalsozialismus verloren. Bei der Gedenkfeier zur Befreiung des KZ Auschwitz vor 79 Jahren erzählt er vom Schicksal seiner Familie und von seinem Vater:

(…) mir wurde irgendwann beinahe schlagartig klar, dass mein Vater (…) mir all das gesagt und mitgegeben hatte, was ihm wichtig war; was er gerettet hatte, als Essenz destilliert aus all dem Unmenschlichen der Häscher und Mörder (…). Das alles hat er in einen kleinen Satz gepackt. Und ich erinnere mich täglich mehr daran, wie oft er mir diesen Satz geschenkt hat – mal als Mahnung, mal als Warnung, als Ratschlag oder auch als Tadel. Drei Worte nur in dem warmen Jiddisch, das ich so vermisse: „Sej a Mensch!“ – „Sei ein Mensch!“

Quelle: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2024/kw05-gedenkstunde-rede-reif-988214

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SWR4 Abendgedanken

20FEB2024
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Marie ist meine Heldin. Aber in der Zeitung oder im Fernsehen wird man trotzdem nicht über sie berichten. Marie hat nichts gemacht, was Helden normalerweise so machen. Sie hat weder todesmutig einen Brand gelöscht, noch jemanden aus der Pasche geholfen.

Und trotzdem ist sie meine persönliche Heldin. Denn Marie gibt nicht auf. Mehrmals in den letzten Jahren ist sie schwer krank gewesen, ist es nun schon wieder. Gerade als alles gut war, ist erneut die Diagnose gekommen: Krebs. Sofortige Operation. Und Marie hat die Situation angenommen.

Mich beeindruckt Marie sehr mit ihrer lebensbejahenden Einstellung. Sie ignoriert die Krankheit nicht, sie informiert sich immer über jedes Risiko, wägt ab und blickt nach vorne. Aber ihre Krankheit schwächt sie natürlich auch. Und in den Momenten, in denen alles über sie hereinbricht, da sagt sie, dass sie froh ist, nicht alleine zu sein, dass sie und ihre Familie sich gegenseitig tragen und sich getragen fühlen.

„Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig“ – so formuliert es Paulus in der Bibel in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth. Und sagt damit: Gott macht einen nicht zum starken Helden, der alles im Griff hat. Nicht immer läuft alles wie geplant. Nicht immer ist alles gut, geht es dir nur gut, bist du gesund und erfolgreich. Es gibt die Momente der Schwäche, der Krankheit und der Enttäuschungen. Und dann zeigt sich Gottes Kraft und Gottes Liebe.

Mir kommt es vor, als würde Marie genau so leben. Sie weiß, dass nicht alles von ihr abhängt, dass sie nicht alles planen und bestimmen kann. Sie nimmt aber trotzdem nicht alles einfach so hin. Sie lebt weiter. Mit den Enttäuschungen des Lebens und freut sich über alles, was ihr gelingt, was sie noch oder wieder machen kann. Sie nimmt mit Freude am Leben teil, singt im Chor, engagiert sich. Voller Energie und mit Lebensfreude.

„Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Wenn ich Marie treffe, dann bin ich jedes Mal wieder beeindruckt. Weil sie ihr Leben lebt. Mit allem, was dazu gehört. Mit ihrer Krankheit, gegen die sie voller Kraft kämpft. Mit ihrer Zuversicht, dass sie gewiss noch einige Jahre leben kann – so Gott will.

Marie ist meine persönliche Heldin. Sie ist so stark, obwohl sie so schwach scheint. Und wenn ich sehe, wie Marie ihr Leben trotzdem lebt, dann bin ich zuversichtlich, dass diese Kraft auch in mir steckt. Und auch für mich gilt: Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

20FEB2024
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Plötzlich scheint alles anders zu sein. Ich sehe Dinge anders als noch Minuten zuvor. So eine Verwandlung habe ich an mir selbst erlebt.

Vor einigen Jahren ist in Furtwangen über Nacht wahnsinnig viel Schnee gefallen. Eine fast ein Meter hohe Schneedecke hat sich auf den Wegen breit gemacht. Es ist Sonntag. Mein Sohn und ich machen uns also an die Arbeit und schippen massenweise Schnee weg. Der Weg zur Kirche muss frei gemacht werden für den Gottesdienst. Über eine Stunde sind wir damit beschäftigt und hinterher ordentlich k.o.

Wenn viel Schnee fällt, macht sich das meistens auch in der Zahl der Gottesdienstbesucher bemerkbar: Viele Gemeindemitglieder müssen erstmal selbst ihre Wege räumen oder kommen nicht weg, bevor der Schneepflug durchgefahren ist. So kommt an diesem Sonntag nur eine einzige Frau zum Gottesdienst. Ich ertappe mich da bei dem Gedanken, ob sie nicht auch hätte zu Hause bleiben können. Der Gottesdienst würde einfach ausfallen, schließlich bin ich ja müde und erschöpft von der Schipperei.

Da erinnere ich mich an eine Geschichte. Sie geht so: Ein Pfarrer will den Gottesdienst beginnen. Als er in die Kirche kommt, sieht er nur einen einzigen Mann, einen Landwirt, in der Bank sitzen. Darauf fragt der Pfarrer, ob sie den Gottesdienst nicht ausfallen lassen sollen. Der Bauer antwortet: Ich habe zu Hause eine Kuh im Stall stehen und ich müsste doch verrückt sein, wenn ich ihr kein Futter gebe, bloß weil sie die einzige ist.

Die Geschichte verwandelt mich, und für mich ist klar, dass der Gottesdienst stattfindet, mit dem Organisten, der Frau und mir. Freudig ziehe ich in die Kirche und wir feiern, singen und beten gemeinsam. Kurz und intensiv. Nach einer halben Stunde ist der Gottesdienst vorbei und die Frau geht beschwingt nach Hause. Ich bin auch glücklich, es hat Freude gemacht.

Nun will ich Ihnen aber auch das Ende der Geschichte nicht vorenthalten.

Der Pfarrer hat scheinbar verstanden und beginnt mit dem großen feierlichen Hochamt. Am Ende fragt er den Bauern, ob es denn so recht war. Und der Bauer antwortet: Ich habe zu Hause eine Kuh im Stall und ich müsste ja verrückt sein, wenn ich ihr Futter für zehn vorlege.

Wenn Sie jetzt schmunzeln, dann haben Sie der Freude und dem Lachen in sich Raum gegeben. Und mit diesem Lachen kann dieser neue Tag auch für Sie beschwingt werden.

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SWR2 Wort zum Tag

19FEB2024
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Vor hundert Jahren war das eine echte Sensation: Die US-Amerikanerin Margaret Mead ist im Alter von gerade einmal 23 Jahren auf die kleine Inselgruppe Samoa in den südlichen Pazifik gereist. Ohne Begleitung. Sie hat dort einige Jahre lang gelebt und mit heranwachsenden jungen Frauen Gespräche über ihre Rolle in den traditionellen Gesellschaften geführt. Das daraus entstandene Buch hat das Verständnis menschlicher Verhaltensweisen stark beeinflusst und ist ein echter Bestseller geworden. Denn Margaret Mead hat herausgefunden, wie stark Menschen durch ihre jeweilige Kultur und Gesellschaft geprägt sind. Auch in der grundlegenden Frage, was uns Mensch zu Menschen macht.

Als sie später eine berühmte Professorin war, hat eine Studentin diese grundlegende Frage aufgenommen und sie einmal gefragt, was ihrer Meinung nach das erste Zeichen der Zivilisation ist. Wo also die Trennlinie zu ziehen ist zwischen tierischen und menschlichen Verhaltensweisen.

Die Studentin hatte wohl erwartet, dass Mead über das Feuer sprechen würde oder über Angelhaken, Tontöpfe und Schleifsteine. Aber nein, Mead hatte einen ganz anderen Ansatz. Sie hat gesagt: „Das erste Zeichen, das uns sicher zeigt, dass wir es mit Zivilisation zu tun haben, ist ein Oberschenkelknochen. Genauer: ein gebrochener und wieder verheilter Oberschenkelknochen. Warum das so ist? Nun, ein Tier stirbt, wenn es sich das Bein bricht. Denn wenn Tiere sich ein Bein gebrochen haben, können sie nicht mehr vor einer Gefahr fliehen. Sie können auch nicht zum Fluss gehen, um etwas zu trinken oder nach Nahrung zu suchen. Als Tier mit gebrochenem Bein bist du nur noch Fleisch für andere umherstreifende Tiere. Kein Tier überlebt einen Beinbruch lange genug, damit der Knochen heilen kann.

Ein gebrochener Oberschenkelknochen, der verheilt ist, ist dagegen ein Beweis dafür, dass sich jemand die Zeit genommen hat, bei dir zu bleiben. Auf dich aufzupassen. Er hat deine Wunde verbunden, dich in Sicherheit gebracht und dich während der Genesung betreut.Und genau das ist der Beginn der Zivilisation: Jemand anderem zu helfen, wenn er in Schwierigkeiten ist.“

Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Antwort heutzutage umstritten. Aber ich nehme den Impuls gern auf, der in der Position von Margaret Mead liegt: Jede menschliche Zivilisation gründet darin, dass wir einander helfen. Wenn jemand sich ein Bein gebrochen hat oder das Herz. Wir werden dadurch zu Menschen, dass wir einander unterstützen in Situationen der Not. Ich finde: In einer Gesellschaft, die über zunehmende Verrohung klagt, ist die Entdeckung von Margaret Mead aktueller denn je.  

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

19FEB2024
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„Meine Nationalität: Mensch!“ Auf einem Plakat auf dem Koblenzer Münzplatz stand dieser Spruch. Mitgeführt bei einer der vielen Demonstrationen der letzten Wochen gegen den Rechtsextremismus. Im ersten Moment hat mich dieser Satz irritiert. Denn Nationalität hat normalerweise etwas mit einem Land oder einem Volk zu tun. Diese Irritierung war vom Schreiber des Spruches wohl gewünscht und hat - bei mir zumindest - auch geklappt. Denn bevor ich Deutscher, bevor ich Engländer, Franzose, Chinese, Türke, Syrer oder Russe bin, bin ich erstmal Mensch. Und das gilt für jede und jeden, das verbindet uns Menschen über alle Grenzen hinweg. Dabei kommt jedem Menschen das zu, was unser Grundgesetz Würde nennt. Und als Deutscher bin ich stolz darauf, dass das der erste Satz unseres Grundgesetzes ist: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben dies bewusst an den Anfang gestellt, denn sie hatten den Nationalsozialismus erlebt und erlitten. Sie hatten erlebt, was dabei herauskommt, wenn man Menschen ihre Würde nimmt, weil sie Juden, Sinti oder Roma sind. Weil sie behindert oder homosexuell sind. Weil sie andere Auffassungen von Politik, Kunst und Kultur haben, weil sie eben nicht so sind wie eine herrschende Ideologie das gerne hätte.   

Viele von den Männern und Frauen, die das Grundgesetz geschrieben haben, waren gläubige Christen. Bis heute steht deshalb als Einleitung zum Grundgesetz der Satz: “Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen …. hat sich das Deutsche Volk … dieses Grundgesetz gegeben.” Für mich bedeutet das: Auch in meiner Verantwortung vor Gott habe ich dafür zu sorgen, dass die Würde eines jeden Menschen in unserm Land weiterhin unantastbar bleibt.

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SWR3 Gedanken

19FEB2024
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Da ist sie wieder: Frau Morgen- Panik!
Oh, ich mag sie gar nicht, diese nicht eingeladene Gästin, die gerne morgens zwischen 4 und 6 unter meine Bettdecke kriecht und sich auf meine Brust legt. Da macht sie es sich bequem und sorgt für Herzrasen und Chaos im Kopf. Plötzlich ist alles schlimm. Mein Leben ein einziges unlösbares Problem. Kleinigkeiten werden riesig. Ich bekomme kaum noch Luft. Es gibt nur noch Kummer und Sorgen - keine Hoffnung.
Frau Morgen-Panik begleitet mich schon seit ich Kind bin. Genauer gesagt, seit ich zur Schule gehe. Und sie verschwindet immer erst dann, wenn ich aufstehe. Lustig, denn genau vor dem Aufstehen und Leben habe ich ja so schreckliche Angst.

Frau Morgen -Panik ist ne echte Nervensäge und das Schlimme ist: Sie hat Geschwister. Andere haben mir erzählt, sie kennen noch Herrn Abend-Sorge und die Nacht-Hexe. Unangenehme Gestalten. Doch, es gibt Wege mit ihnen zurechtzukommen.

Bei mir hat es mehr als mein halbes Leben gedauert, bis ich gelernt hatte mit Frau Morgen-Panik umzugehen. Heute hat sie kaum noch Macht über mich. Ich weiß, wie ich sie austricksen kann. Deswegen bin ich bin seit vielen Jahren Frühaufsteherin, denn ich weiß außerhalb des Bettes, hat sie nur noch wenig zu sagen. Ihre Kraft kommt aus der Dunkelheit. Sobald ich Licht mache, mich bewege und Musik anstelle, ist sie weg. Ist ihr dann wohl zu anstrengend.

Außerdem habe ich mir morgens angewöhnt, Gott darüber zu informieren, dass ich jetzt wach bin und dringend seine Unterstützung brauche. Dann suche ich ein kleines Etwas, über das ich mich freuen kann.
Das kann das Katzenschmatzen meiner Haustiger sein oder der Anblick meines lieblings-schiefen Baumes. Manchmal einfach nur der warme Kaffee. Total banal. Aber mir hilfts. Ja, mir hilfts ein Bild von meiner schmatzenden Katze zu machen und es in meinen Status zu stellen. „Katzenschmatzen am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen!“ Total albern. Aber wirksam.

Es ist ein antrainierter Optimismus, der nach und nach zu echtem Optimismus wurde. Frau Morgenpanik schaut immer noch regelmäßig vorbei. Aber ich nehm mir nicht mehr so viel Zeit für sie.

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SWR3 Worte

19FEB2024
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Jörg Eigendorf ist Journalist und Manager. Er ist aber auch Vater eines schwer behinderten Sohnes, der mit 17 Jahren gestorben ist. Er erzählt von schweren Momenten. Viele Stunden in Krankenhäusern. Das Gefühl, nie ein „normales“ Leben führen zu können. Durchwachte Nächte voller Krämpfe und Schmerzen. Eigendorf erzählt, was ihm Kraft gegeben hat:

Ich hatte immer das Gefühl, dass es da einen unerklärbaren Rückenwind gibt. Eine Kraft, auf die man nicht stolz sein sollte – denn sie wird einem gegeben, man sollte sie mit Demut und Dankbarkeit empfangen.

Philip hat mich das Ich vergessen lassen, an diese Stelle traten das Du und das Wir. Und das ist das Schönste, was ein Mensch im Leben spüren kann. Es ist eine göttliche Kraft. Gottes Angesicht.

https://chrismon.de/das-wort/journalist-und-manager-joerg-eigendorf-ueber-psalm-42-54201

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