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SWR2 Lied zum Sonntag

18APR2021
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„Bleib bei uns, denn es will Abend werden“ – am Anfang der gleichnamigen Bachkantate steht diese inständige Bitte zweier Jünger Jesu. Johann Sebastian Bach hat die Kantate für den Montag nach Ostern komponiert.

Die beiden Jünger sind miteinander unterwegs, so berichtet das Lukasevangelium. Von Jerusalem in das Dorf Emmaus. Verzweifelt sind sie und völlig erschöpft. Da begegnen sie einem Fremden. Mit ihm kommen sie ins Gespräch. Schnell entsteht eine vertraute Atmosphäre.

Dem Fremden können sie erzählen, was sie in den vergangenen Tagen so aufgewühlt hat. Und ihn bitten sie schließlich: „Bleib bei uns, denn es will Abend werden.“

„Bleib bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt“

Es gibt Situationen, wo das, was ich erlebt habe, so traurig und unbegreifbar ist, dass ich allein damit nicht fertig werde. Den beiden Jüngern ist es nach dem dramatischen Geschehen von Golgatha so ergangen. Jetzt aber, mit dem fremden Wanderer an ihrer Seite, wird ihnen leichter. Bei ihm laden sie ab, was sie schmerzt. Erzählen vom Sterben und Tod ihres Meisters. Und wie mit ihm auch ihre Hoffnungen und Sehnsüchte gestorben sind.

Als der Fremde sich von ihnen verabschieden will, bitten sie ihn, noch zu bleiben. Instinktiv spüren sie, dass ohne ihn ihre dunklen Gedanken wieder nach ihnen greifen würden. Sie wiederholen ihre Bitte: „Bleib bei uns, denn es will Abend werden.“

„Bleib bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt“

Am Ende der Geschichte, als die Jünger zusammen mit dem Fremden am Tisch sitzen und das Brot miteinander teilen, gehen ihnen die Augen auf, wer da an ihrer Seite ist. Beim gemeinsamen Mahl erkennen sie den auferstandenen Christus. Ab jetzt sind sie gewiss: auch wenn sich ihre Wege bald wieder trennen, er wird bei ihnen sein. Und bei ihnen bleiben.

Das ist die tröstliche Erfahrung dieser Geschichte. Ich denke, Menschen, die einen geliebten Anderen verloren haben, kennen das: dass es eine Verbindung gibt über den Tod hinaus. Und sich das, was bleibt, als größer und stärker erweist als alles Trennende.

Die Jünger in dieser Geschichte erfahren, dass ihnen durch die Begegnung mit dem Auferstandenen neuer Lebensmut zuströmt. Nach dem gemeinsamen Weg nach Emmaus und der gemeinsamen Einkehr am Abend werden sie gestärkt und mit Zuversicht in den neuen Morgen aufbrechen. Es ist eine Zuversicht, die ich uns allen für heute Morgen wünsche!

„Bleib bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt“

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Kantate BWV 6, „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“, Gächinger Kantorei, Helmut Rilling, J.S. Bach, Die kompletten Werke

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