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SWR2 Lied zum Sonntag

25JUL2021
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Vöglein im hohen Baum, klein ist’s, man sieht es kaum, singt doch so schön!  Ein altes Lied, das ich noch aus meiner Schulzeit kenne. Wie viel wir damals gesungen haben, denke ich immer wieder! Was ich aber erst vor Kurzem festgestellt habe: Das eingängige Volkslied mit der fröhlichen Melodie von Friedrich Silcher ist auch ein geistliches Lied. In den ersten Strophen ist das allerdings nur zwischen den Zeilen zu hören:

Musik

Der kleine Vogel, der hoch oben im Baum singt. Kaum zu sehen ist er – aber sein Lied ist überall zu hören. Ich verstehe die Strophen, die der Thüringer Pfarrer Wilhelm Hey im 19. Jahrhundert gedichtet hat, als Aufforderung. Schau hin! Hör zu! Fühle, rieche und schmecke, was um dich herum geschieht. Geh nicht achtlos an den kleinen Wundern in der Natur vorbei.

Musik

Und noch eine Botschaft höre ich aus den Kinderlied heraus: Es sind nicht nur die großartigen Dinge, es ist nicht das Außergewöhnliche, das unsere Welt lebenswert macht. Es ist das scheinbar Selbstverständliche: Der kleine Vogel, die unscheinbare Wiesenblume, das Bächlein im Tal – davon gibt es unzählige. Aber jedes einzelne trägt zur Schönheit bei.
Sicher, in den letzten Wochen haben wir auch gespürt: Die Natur ist nicht harmlos. Auch das kleinste Bächlein kann, durch Wassermassen unter Druck geraten, zu einem gefährlichen, zerstörerischen Strom werden.

Letztlich, glaube ich, ist das Lied auch ein Hinweis an alle Kinder und Erwachsenen, die es singen: So wie mit den Vögeln und den Blumen und den Bächlein ist es auch mit dir selbst: Auch du bist eigentlich nichts Besonderes. Menschenkinder wie dich gibt es unzählige. Und ja: Auch du kannst, zu sehr unter Druck gesetzt, destruktiv wirken. Aber genau du bist es auch, deine unverwechselbare Stimme, deine ganz eigene Schönheit, deine Lebendigkeit, die die Welt reicher macht.

Eigentlich ist auch das schon eine geistliche Botschaft. Und vielleicht hätte es die letzte Strophe gar nicht mehr gebraucht, um zu verstehen: Das Lied vom Vöglein im hohen Baum ist ein geistliches Lied.

Aber der Dichterpfarrer wollte es auch noch mal ausdrücklich sagen, in der vierten Strophe, die wir gleich hören: Die Vögel, die Blumen, die Bäche sind Gottes Geschöpfe. Gott hat euch all das geschenkt, was ihr um euch seht. Und warum? Gott der Herr machte sie, dass sich nun spät und früh jedes dran freu!

Mich freuen, an den Vögeln, an den Blumen, an den Bächen – und an den Menschen, die mir begegnen. Gerade auch, weil ich gesehen habe, dass es nicht selbstverständlich ist, dass sie unversehrt sind. Ich hoffe, das gelingt mir heute.

Musik

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